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Japanbezogene Bewegungsforschung 10 Jahre nach Fukushima

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Zu den bisher erschienenen Beiträge, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind, geht es hier

Der folgende Text von Anna Wiemann erschien unter dem Titel “Das Klischee der „ruhigen“ Japaner*innen 10 Jahre nach ‚Fukushima‘” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 34, Heft 4.2021. Anna Wiemann ist Akademische Rätin am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Mitglied des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb). Kontakt: a.wiemann@lmu.de

Japan wird im ‚Westen’ oft mit Bildern wie dem braven Büroangestellten, uniformierten Schüler*innen, Geishas in festlichen Kimonos oder der bunten Welt der Anime und Manga in Verbindung gebracht  ̶  sprich: mit einer Gesellschaft geprägt von Hierarchie, Ordnung und Weltflucht. „We are always guilty of characterizing nations” – schreibt Andrews (2016: 1) in seinem Werk „Dissenting Japan“ und dies gilt auch für Japan nach dem großen ostjapanischen Erdbeben, Tsunami und Atomunfall in Fukushima im Jahr 2011.

Am 11. März 2011 ging die Nachricht einer bislang nicht gemessenen Erdbebenstärke im Nordosten Japans sowie eines herannahenden Mega-Tsunamis um die Welt. Die Fernsehnachrichten zeigten Bilder von schwarzen Wellen, die ganze Landstriche überspülten, Autos und Häuser mit sich rissen und Schiffe von der Küste ins Landesinnere trugen. In den auf das Beben folgenden Tagen wurde deutlich, dass es zu einer Unterbrechung der Stromzufuhr am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in der Präfektur Fukushima gekommen war. Dies verursachte eine Kernschmelze in drei der zu der Anlage gehörenden Reaktoren.

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in der Abschlussphase meines Masterstudiums und es erreichten mich Nachrichten und Anrufe von Freunden in Deutschland, von denen viele wissen wollten, warum „die Japaner so ruhig“ blieben und gar nicht protestierten. Diese Außenwahrnehmung meines deutschen Umfeldes war der Auslöser dafür, mich in meiner Doktorarbeit mit Netzwerken und Mobilisierungsprozessen in der japanischen Anti-Atomkraftbewegung nach Fukushima zu befassen (Wiemann 2018). Denn, genauer betrachtet, blieben und sind die Japaner gar nicht ruhig.

Woher aber stammt das Klischee der protestabstinenten Japaner*innen und warum hält es sich so hartnäckig? Um dieser Frage nachzuspüren gebe ich im Folgenden einen Überblick über die Protestdynamiken in Japan nach 2011, beleuchte die lange Phase der Absenz größerer Proteste und ihre möglichen Gründe und ordne den Fall Japan in seinen regionalen und wissenschaftlichen Kontext ein.

Zwei Höhepunkte der Anti-Atomkraftbewegung

Nach Bekanntwerden des Atomunglücks sammelte sich im Frühjahr und Sommer 2011 zunächst eine Protestbewegung mit bis zu 60.000 Demonstrierenden in der Spitze, angeführt von der Organisation Shirōto no Ran (Amateur’s Riot). Obwohl die Anti-Atomenergiebewegung in Japan über eine lange Geschichte verfügt,[1] stammten die Hauptorganisator*innen dieser ersten größeren Proteste nicht aus dem Anti-Atomenergiespektrum, sondern vor allem aus der seit den 1990ern und 2000ern aktiven Anti-Prekariatsbewegung.[2] Diese Bewegung gegen gesellschaftliche Ungleichheit und irreguläre Beschäftigung zeichnet sich neben oft künstlerisch und musikalisch gestalteten Demonstrationen dadurch aus, dass ihre Mitglieder Protest vor allem durch einen konsumkritischen Lifestyle ausdrücken (Obinger 2015: 33f). Diese ersten größeren Proteste nach Fukushima fielen größer und dynamischer aus als von den Organisator*innen angemeldet. Dies führte zu Verhaftungen durch die Polizei im September 2011. Danach entschied Shirōto no Ran keine weiteren Demonstrationen zu organisieren. Diese Entscheidung fiel nicht zuletzt deshalb, weil die Organisation der Anti-Atomenergiebewegung insgesamt nicht durch ein schlechtes Image schaden wollte (Hirabayashi 2013; Obinger 2013; Tan 2011; Brown 2018; Manabe 2013).

Doch bereits im Sommer 2012 formierte sich anlässlich der Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks Ōi eine weitere Protestbewegung.[3] Angeführt wurde diese von der Koalition Shutoken Hangenpatsu Rengō (Metropolitan Coalition Against Nukes, nachfolgend abgekürzt MCAN) aus alten und neuen Antiatomenergie-Bewegungsorganisationen, aber auch solchen Bewegungsorganisationen, die bislang hauptsächlich in anderen thematischen Bereichen aktiv waren. In den wöchentlich am Freitagabend stattfindenden Protesten versammelten sich MCAN zufolge zu ihrem Höhepunkt etwa 200.000 Demonstrierende vor dem Sitz des japanischen Premierministers in Tokyo, die neben der Abschaffung der Atomkraft insbesondere (erfolglos) forderten, dass der Reaktor Ōi in der Präfektur Fukui, der auf einer aktiven Erdspalte liegt, nicht wieder hochgefahren wird (Redwolf 2013; Noma 2012).

Weitere signifikante Demonstrationen wurden in dieser Zeit auch von einer Koalition Sayōnara Genpatsu (Goodbye Nuclear Power) unter der Führung von Gensuikin, der ältesten Anti-Atomenergieorganisation in Japan, organisiert (siehe Fußnote 1). Auch die Friedensorganisation Peace Boat organisierte zwei „Global Conferences for a Nuclear-Power-free World” (Datsu Genshiryoku Sekai Kaigi), zu deren Abschluss jeweils Demonstrationen abgehalten wurden. Daneben bildeten sich viele neue Gruppen und Netzwerke, die weniger konfrontative Mittel als Demonstrationen suchten, um ihren Protest auszudrücken, etwa in Form von Studiergruppen, Symposien, eigene Messungen von Radioaktivität in Lebensmitteln und der Umwelt, oder Befragungen von Regierungsorganen und Behörden (seifu kōshō) (vgl. Wiemann 2018). Hierunter befanden sich neben Umweltgruppen insbesondere auch viele Müttergruppen, Betroffenengruppen und ihre Unterstützer*innen sowie Netzwerke von Rechtsanwaltsgruppen (siehe z.B. Holdgrün/Holthus 2016; Löschke 2020; Wiemann/Sahin 2021).

Diese Bewegungswelle nach Fukushima wurde sowohl von Bewegungsakteur*innen als auch von Wissenschaftler*innen in- und außerhalb Japans als sichtbarer „Durchbruch“ nach einer seit den 1970ern andauernden „Protestflaute“ bewertet (Oguma 2013; Chiavacci/Obinger 2018; Horie et al. 2020a; Machimura/Satoh 2016). So schätzte sie der japanische Soziologe und Aktivist Eiji Oguma, der die Proteste vor dem Sitz des Premierministers filmisch dokumentierte, im Oktober 2015 etwa als „neuen Startpunkt einer japanischen Demonstrationskultur“ ein (Wiemann 2018: 50).

Eine neue ‚Demonstrationskultur‘?

Tatsächlich lassen sich mit den Anti-Atomenergieprotesten nach 2011 einige Spin-Off-Bewegungen beobachten, etwa im Winter 2013 bis Sommer 2014 die Proteste gegen ein neues Geheimnisschutzgesetz, das es der Regierung ermöglichte, Whistle Blower und mit ihnen zusammenarbeitende Journalist*innen hart zu bestrafen (Repeta 2013, 2014). Diese Bewegung wurde maßgeblich auch von Aktivist*innen der Anti-Atomenergiebewegung unterstützt und aus ihr heraus bildete sich schließlich die Studierendengruppe SASPL (Students Against the Secret Protection Law). Aus dieser Gruppe entstand im Mai 2015 die Studierendenbewegung SEALDs (Students Emergency Action for Liberal Democracy). Sie protestierte gegen die Neuinterpretation des Artikels 9 der japanischen Verfassung durch die Abe-Regierung.[4]  Der sogenannte „Friedensartikel“ verbietet es Japan auf fremdem Territorium aggressive kriegerische Handlungen durchzuführen. Durch die Neuinterpretation wurde der Einsatz der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte auf fremdes Territorium gemeinsam mit dem Sicherheitspartner USA ermöglicht, auch ohne eine direkte Bedrohung Japans. Die Studierendengruppe bildete schnell Ableger in ganz Japan. Ähnlich wie MCAN organisierte SEALDs im August 2015 Demonstrationen vor den Parlamentsgebäuden mit bis zu 120.000 Teilnehmenden. Darüber hinaus war die Studierendengruppe medial sehr präsent, sowohl in sozialen als auch in TV- und Printmedien. Wie bereits MCAN am 22. August 2012,[5] erreichte auch SEALDs am 15. September 2015 eine Anhörung im Parlament.[6] Trotz des Protestes traten die von der Abe-Regierung seit 2014 vorangetriebenen Sicherheitsgesetze am 19. September 2015 in Kraft. SEALDs löste sich offiziell auf, nachdem sie im Sommer 2016 zur Oberhauswahl eine (erfolglose) Kampagne für mehr Bürgerbeteiligung in der Politik und zur Unterstützung der Opposition organisierten (Kingston 2015; Slater et al. 2015; O’Day 2015; SEALDs 2015, 2016; Kikuchi 2016; Horie et al. 2020b).

Eine weitere progressive Bewegung im Kontext dieser Zeit, wenn auch zahlenmäßig deutlich kleiner, war die Anti-Hate-Speech bzw. die antirassistische Bewegung, die sich als Antwort auf das Erstarken der extremen Rechten und der Diskriminierung von Zainichi, in Japan lebende Ausländer*innen –insbesondere Koreaner*innen, formierte und die 2016 zur Verabschiedung eines Gesetzes gegen Hate Speech führte.[7] Auch diese Bewegung wurde zum Teil von Anti-Atomenergieaktivist*innen getragen. So gründete beispielsweise Yasumichi Noma, ein zentraler Akteur bei MCAN, die Gruppe Shibakitai. Diese stellte sich in Shin-Ōkubo, einer Gegend mit vielen koreanischen Geschäften im Viertel Shinjuku in Tokyo, randalierenden rassistischen Gruppen entgegen (Noma 2012; Horie et al. 2020b: 13f; Kinoshita 2020: 75f; Tanno 2020).

Neben diesen mit den Anti-Atomenergieprotesten 2011 und 2012 in einem Spin-Off-Zusammenhang stehenden Protestbewegungen darf nicht vergessen werden, dass sowohl vor als auch nach 2011 in Japan zu weiteren Themen protestiert wurde, wenn auch nicht mit der gleichen öffentlichen Präsenz und internationalem Interesse. Ein Beispiel dafür sind die seit vielen Jahren bestehenden Proteste in der Präfektur Okinawa  ̶  Japans südlichster Inselgruppe weit entfernt von den Hauptinseln, die bis 1972 US-amerikanisch regiert und erst dann an Japan rückangegliedert wurde. Aufgrund ihrer geostrategischen Lage zwischen Japan, Taiwan, Korea und China beheimatet die kleine Inselgruppe das Gros des in Japan stationierten US-amerikanischen Militärs. Im Jahr 1995 erlebten die Inseln nach der Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens durch US-amerikanische GIs eine Protestwelle gegen die stationierten Truppen. Als Reaktion auf die Proteste verständigten sich Japan und die USA auf eine Verlegung der Militärbasis Futenma hinaus aus der dicht besiedelten Stadt Ginowan an die dünner besiedelte Küste, in die Bucht von Henoko im Norden der Hauptinsel. Dieses Abkommen, das die Proteste ursprünglich beenden sollte, wurde indes zum Keim neuen Widerstands, der bis heute anhält (Vogt 2018; Yeo 2011; Vogt/Wiemann 2013; McCormack/Norimatsu 2012). Nicht zuletzt gab es 2015 und 2016  ̶  etwa zur gleichen Zeit wie die SEALDs-Demonstrationen  ̶  nach einer Vergewaltigung und Ermordung einer Frau durch einen US-Marineoffizier Proteste mit bis zu 65.000 Teilnehmenden in Okinawa (Kageyama 2016).

Im Austausch mit Protestierenden der Anti-Atomenergiebewegung wurde während meiner Feldforschung 2013 und 2014 deutlich, dass zwar Protestwellen mit unterschiedlichem Themenbezug zu unterscheiden, die gleichen protestaktiven Menschen jedoch oft in verschiedenen Themenbereichen engagiert sind, z.B. sowohl in der Friedensbewegung in Okinawa als auch in der Anti-Atomenergiebewegung oder in der Bewegung gegen die olympischen Spiele 2020/1 in Tokyo.[8] So sympathisieren im progressiven Bewegungsspektrum viele Gruppen miteinander.

Zusammenfassend hatte der durch das Ereignis ‚Fukushima‘ ausgelöste Protestzyklus in Japan eine neue zahlenmäßige und damit sichtbare Signifikanz. Er war  ̶  in lange nicht da gewesenem Maße  ̶  geprägt von der Gründung neuer Gruppen, ihrer Vernetzung mit erfahrenen Bewegungsorganisationen und einer hohen Dynamik bei Spin-Off Bewegungen.[9] Woher aber rührt die allgemeine Wahrnehmung einer bis 2011 andauernden „Protestflaute“ in Japan, die das Klischee des „ruhigen Japaners“ bestätigen würde?

Protestflaute oder „invisible movements“?

Es ist allgemeiner Konsens sowohl unter Forscher*innen und Aktivist*innen, dass Japan vor 2011 seine letzte große Protestwelle in der 1960ern bis 70ern erlebte. Sie umfasste die Studierendenbewegung, die Friedensbewegung und auch die Umweltbewegung (Steinhoff 2018: 34f). Die Studierendenproteste, die Ende der 1960er/Anfang der 1970er ihren Höhepunkt erlebten, werden jedoch, so Higuchi (2021: 183f), im Vergleich zu westlichen Ländern, die die 1968er Proteste oft in eher guter Erinnerung halten, in Japan als „traumatische Ereignisse“ erinnert, die zu einer „Bewegungsphobie“ führten.

Diese traumatischen Erinnerungen beruhen auf den gewaltsamen Ausschreitungen von Teilen der Studierendenbewegung, die schließlich in der militanten Radikalisierung von extrem linken Gruppierungen mündeten. Ein Arm dieser Bewegung, die „Rote Armee Japans“ (Nihon Sekigun), war an internationalen Terroranschlägen beteiligt, wie beispielsweise an einem Massaker am Flughafen Lod in Tel Aviv (1972), Flugzeugentführungen (1973,1977) und mehreren Sprengstoffanschlägen (Derichs 1995: 141ff). Ein anderer Arm der Bewegung, die „Vereinte Rote Armee“ (Rengō Sekigun) zog sich auf der Flucht vor der Polizei in die Berge Japans zurück. Dabei kam es innerhalb der Gruppe zu Gewaltexzessen, die in mehreren Morden durch Mitglieder untereinander mündete. Im Februar 1972 nahm die Gruppe eine Geisel und lieferte sich neun Tage lang eine blutige Auseinandersetzung mit der Polizei in einer Berghütte (Asama Sansō) in der Präfektur Nagano. Die Geiselbefreiung wurde schließlich live über 10 Stunden und 40 Minuten im Fernsehen übertragen (Steinhoff 2013: 153). Die gewaltsamen Ausschreitungen der Studentenproteste und diese medial vermittelten Bilder von politischer Gewalt befeuerten in der breiten Bevölkerung ein äußerst negatives Image von Protest. Protestteilnahme wurde aufgrund seiner Assoziierung mit militanten linken Gruppen in den folgenden Jahrzehnten schlichtweg stigmatisiert (Higuchi 2021: 188; Steinhoff 2018: 46).

Dennoch wäre es zu einfach, „die Japaner“ nach den 1970ern als generell politisch konform zu charakterisieren. Nur weil soziale Bewegungen nicht klassisch mit großen Teilnehmerzahlen auf der Straße und in den Medien sichtbar sind, bedeutet dies nicht, dass sie nicht existent sind. Sie können ebenso ihr Repertoire auf Aktionen beschränken, die gesellschaftlich nicht negativ assoziiert werden, wie beispielsweise Unterschriftenkampagnen, Advocacy-Aktivitäten, Lobbying, Studiergruppen, Symposien, Aufzeichnen und Erheben eigener Daten (z.B. im Umweltschutz), rechtliche Verfahren und ähnliches.[10] Steinhoff (2007, 2013, 2018) prägte deshalb für den Fall Japan den Begriff der „invisible civil society“. Sie sieht die Entwicklung von Bewegungen in die ‚Unsichtbarkeit‘ als eine Folge der Proteststigmatisierung. Ando (2014: 3) spricht in ähnlichem Sinne von einer „self-revolution in ‚everydayness‘“.

Ohnehin wird der japanischen Zivilgesellschaft insgesamt oft ein gewisser Grad an ‚Unsichtbarkeit‘ attestiert – vor allem in Bezug auf ihren (fehlenden) Einfluss auf nationaler Ebene (Chiavacci/Obinger 2018: 3f). Dieser wird einerseits anhand ihrer geringen medialen Präsenz diagnostiziert. Er ist aber auch durch strukturelle Faktoren des politischen System Japans bedingt, das zivilen Organisationen kaum Zugang zu politischen Institutionen lässt. Hinzu kommt eine große Anzahl kleiner Organisationen und nur wenigen Organisationen, die über ausreichende Mitgliederzahlen und Ressourcen für Erfolge im Advocacy-Bereich verfügen (Pekkanen 2006). Mit Blick auf die normative Kontrollfunktion der Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat, spricht Ogawa (2009) sogar von einer „failure of civil society“. In seiner ethnographischen Studie einer Non-Profit Organisation im Wohlfahrtsbereich gewinnt er den Eindruck, dass die japanische Zivilgesellschaft gar dazu tendiere, staatliche Funktionen zu übernehmen – ihn dadurch also eher unterstütze als kontrolliere. Tsujinaka (2003) hingegen betrachtet die japanische Zivilgesellschaft in international-komparativer Perspektive und stellt eine zunehmende ‚Reifung‘ und Professionalisierung im Advocacy-Bereich fest.

Die Phase der ‚Unsichtbarkeit‘

Diese Einschätzungen, die auf der Idee der Zivilgesellschaft als Messlatte für den Zustand der Demokratie beruhen, haben ihre Berechtigung. Jedoch kann ein allzu normativer Blick auch dazu führen, wichtige Aspekte zu übersehen. Denn neben einer ‚unsichtbaren‘ Zivilgesellschaft auf nationaler Ebene existiert in Japan seit geraumer Zeit eine aktive alternative Szene, deren Aktivitäten Morris-Suzuki (2020: 200f) als „micro-politics of everyday-life“ beschreibt und der sie aufgrund ihres Verständnisses des Politischen als ein bottom-up ‚Erschaffen‘ von Bürger*innen, das Potential zurechnet, der von ihr beobachteten aktuellen ‚Krise der Demokratie‘ zu begegnen.

Zudem waren auch während der konstatierten „Protestflaute“ zwischen den 1970ern und 2011, auch neben jenen, die später die organisatorische Infrastruktur für die Post-Fukushima-Proteste lieferten, viele Bewegungen aktiv. Im Zuge von Umweltskandalen, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einhergingen, konsolidierte sich bereits während der 1960er Jahre die Umweltbewegung, die in den folgenden Jahrzehnten unter anderem die Einrichtung eines Umweltministeriums und diverse Umweltschutzgesetze beeinflusste. Hierbei spielten vier von Umwelt- und Betroffenenbewegungen angestrengten Gerichtsverfahren – um die Quecksilberverseuchungen in der Bucht von Minamata[11]  (Präf. Kumamoto) und am Fluss Agano (Präf. Niigata), um die Freisetzung von Schwefeloxid in Yokkaichi (Präf. Mie) und um die Kadmiumvergiftung am Fluss Jinzū (Präf. Toyama) eine wichtige Rolle (Avenell 2012).[12] In den 1980ern fokussierte sich die japanische Umweltbewegung insbesondere auf Themen des unmittelbaren lokalen Umweltschutzes. Ende der 1990er vernetzte sie sich zunehmend auch transnational, insbesondere durch Events wie die Klimakonferenz 1997 in Kyoto (Vosse 1998). Auch die Anti-Atomenergiebewegung blieb aktiv in dieser Zeit, insbesondere im Rahmen von NIMBY-Protesten an Orten, an denen neue Atomkraftwerke errichtet wurden.[13] Trotz einer sehr erfolgreichen Strategie der Regierung, die die oft wirtschaftlich schwachen Orte zwang, die Kraftwerke zu akzeptieren, konnte die Bewegung 1996 den Bau eines Atomkraftwerkes in der Stadt Maki (Präf. Niigata) verhindern (Aldrich 2008; Hasegawa 2004).

Auch diverse andere Bewegungen wie z.B. die Minderheiten- oder Frauenbewegung blieben aktiv und verzeichneten kleinere Erfolge. Einige Minderheitenbewegungen, wie die der Ainu, Zainichi, oder Burakumin[14] beispielsweise adaptierten sehr erfolgreich ein Human Rights-Framing und erreichten unter anderem durch ihre Interaktion mit UN-Institutionen gesetzliche Änderungen zur Besserung ihrer gesellschaftlichen Stellung (Tsutsui 2018; Vollmer 1998). Auch die Frauenbewegung entwickelte sich nach ihrer Konsolidierung ab 1970 fortwährend. So trugen Frauennetzwerke unter anderem zur Verabschiedung eines Gleichstellungsgesetzes 1986 bei (Lenz 1998).

Japanische soziale Bewegungen im regionalen und wissenschaftlichen Kontext

Seit den 1970ern spielen transnationale und internationale Verflechtungen für die japanische Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen insgesamt eine wichtige Rolle; einerseits beim Wissensaufbau, aber auch bei der Organisation grenzübergreifender Protestaktionen, insbesondere in der asiatisch-pazifischen Region (Avenell 2018: 28).

Es ist also gerade aufgrund der großen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Diversität in der asiatisch-pazifischen Region auch eine Aufgabe der Forschung, den Fall Japan in diesem Kontext zu betrachten. Dennoch ist es auch hier, insbesondere für Autor*innen aus anderen kulturellen Kontexten oft schwierig, nicht in kulturelle Stereotype zu verfallen und die gesamte asiatische Region durch eine angenommene zugrundeliegende konfuzianistische Prägung, wie z.B. einem Streben nach Harmonie oder dem Respekt dem Herrscher gegenüber, „in einen Topf“ zu werfen.[15] Auch wenn diese in der Entwicklung der Region eine Rolle gespielt haben mag, so hat sie doch in unterschiedlichen lokalen Kontexten eine unterschiedliche Anpassung und historische Entwicklung erfahren und darüber hinaus auch andere kulturelle und philosophische Strömungen in sich aufgenommen. Die politischen Systeme und Gesellschaften divergieren heute stark.

In der Japanforschung, die wie viele andere Regionalwissenschaften eine große Anzahl an Disziplinen umfasst, schlägt sich dies bei der Suche nach Erklärungen für soziale, politische oder wirtschaftliche Phänomene in einem Spannungsfeld zwischen Kultur und Struktur nieder. Während rein kulturelle Erklärungen relativistische Tendenzen haben, müssen sich rein strukturelle Erklärungen den Vorwurf gefallen lassen, kulturelle Japanspezifika zu missachten. So fand, ausgehend von der Nachkriegsliteratur, der sog. Nihonjinron-Ansatz („Theorie(n) zum Wesen der Japaner“), der den „Japanern“ einzigartige kulturelle Merkmale zuschreibt, auch Eingang in die sozialwissenschaftliche Japanforschung. Hier führte dieser Ansatz dazu, dass politische und soziale Phänomene ausschließlich durch die Besonderheiten der japanischen Kultur und Psyche erklärt und strukturelle Faktoren überdeckt wurden (vgl. Babb 2015: 354). In den 1980ern wurde diese Herangehensweise stark kritisiert und inzwischen hat sich in der Japanforschung die Vorgehensweise durchgesetzt, theoretische Modelle und Methoden kultursensibel einzusetzen und durch lokale Theoriebildungen zu ergänzen. Kultursensibilität wird dabei etwa durch intensive Auseinandersetzung mit japanischsprachiger Literatur, empirischer Forschung in japanischer Sprache vor Ort und einem regen Austausch mit Forscher*innen im Land angestrebt. Auf diese Weise soll gleichzeitig einer Exotisierung des Falles Japan entgegengewirkt werden, die den Blick auf strukturelle Zusammenhänge verstellen würde.

In den letzten Jahren sind zwei Sammelbände erschienen, die soziale Bewegungen im asiatischen Kontext betrachten und die im weitesten Sinne die beiden Fokusse Kultur vs. Struktur repräsentieren. Die Beiträge in Broadbent/Brockman (2011) präsentieren Fallstudien aus Japan, Korea, Taiwan, Hong Kong, China und Singapur. Die Herausgeber gehen in Einleitung und Fazit der Frage nach, wie und in welchem Ausmaß lokale Kulturen und Beziehungsstrukturen soziale Bewegungen beeinflussen. Sie argumentieren dabei für die Etablierung einer kulturellen Ontologie in der Forschung zu sozialen Bewegungen. Chiavacci et al. (2020) hingegen konzentrieren sich auf die demokratischen Staaten im ostasiatischen Raum: Japan, Korea und Taiwan. Sie vergleichen diese Länder vor allem strukturell vor dem Hintergrund der komplexen Beziehungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft und stellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest.

So hat die Katastrophe 2011 auch dazu beigetragen, dass japanische soziale Bewegungen zunehmend in ihrem regionalen Kontext vergleichend wissenschaftlich untersucht werden. Dennoch bleibt die Frage: Was ist nun eigentlich das wirklich Neue an japanischen Bewegungen und ihrer Erforschung seit 2011?

Fazit: Was also ist neu seit 2011?

Auch die japanbezogene Bewegungsforschung verläuft im Nachklang von sichtbaren Protestzyklen wellenartig und unterliegt zum Teil gesamtgesellschaftlichen Stigmatisierungen, die, so Higuchi (2021: 188), soziale Bewegungen als „ineffective and scary and, thus, distant from the lives of ordinary people” einordnen. So führten die Entwicklungen nach 1970 zur Zurückhaltung insbesondere japanischer Forscher*innen bei der Erforschung sozialer Bewegungen. Seit den Protesten 2011 jedoch nimmt die Forschung zu Japan aus der Bewegungsperspektive wieder zu, diversifiziert sich und widmet sich nun auch vermehrt der Historie der disruptiven 1960er-Proteste (Higuchi 2021). So zeigt die Forschung seit 2011 bereits eindrücklich, dass die Proteste des Nach-Fukushima-Zyklus auf bereits etablierten zivilgesellschaftlichen Strukturen beruhten, die sich in ihren Aktionsformen und Rhetorik deutlich von den 1960ern abzugrenzen versuchten. Darüber hinaus gewinnt die Forschung zunehmend Einblick in die Vielfalt alternativer Politik in Japan, ihren Aktionsrepertoires und ihre nationale und transnationale Vernetzung – und produziert dabei durchweg Befunde, die das Klischee der „ruhigen Japaner“ entkräften.

Zwar ordnet Steinhoff (2018: 46) Japan weiterhin nicht als „social movement society“ ein, in der soziale Bewegungen und Protest einen selbstverständlichen Teil politischer Advocacy darstellen, doch die Entwicklung nach 2011 zeigt eine Tendenz hin zur Emanzipation sozialer Bewegungen in Japan. Die Frage, ob die Protestwelle 2011 das Protest-Stigma der 1960er durchbrochen hat, bleibt indes noch offen (Higuchi 2021: 191). Es ist gerade vor diesem Hintergrund Aufgabe der japanbezogenen Bewegungsforschung, weiterhin mit einem offenen Blick – auch für bislang Unsichtbares – das Wissen um soziale Bewegungen in Japan zu vervollständigen, es im regionalen Kontext einzuordnen und gängige Bilder und Klischees – auch in vergleichender Perspektive – zu hinterfragen.

 

Literatur

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[1] Bereits in den 1950ern, nachdem die Ausmaße der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki deutlich wurden, formierte sich eine Anti-Atom-Bewegung in Japan, die in den 1960ern über der Frage nach der friedlichen Nutzung von Atomtechnologie, in zwei Lager zerbrach. Die ältere Organisation, Gensuikyō (Japan Council Against Atomic and Hydrogen Bombs), verurteilt in erster Linie Atomwaffen und Atomtests. Für die Organisation, die sich abspaltete, Gensuikin (Japan Congress against A- and H-Bombs) hingegen, können „Menschen und Atomkraft nicht gemeinsam existieren“, siehe Totten/Kawakami 1964 und Gensuikin 2021. Gensuikin ist somit die älteste Anti-Atomenergieorganisation. Beide Organisationen sind bis heute aktiv, Gensuikyō wird heute der Friedensbewegung zugerechnet. Mehr zum Hintergrund der Anti-Atomenergiebewegung bis 2011 siehe auch Wiemann 2018: 37ff.

[2] Neologismus aus den Wörtern ‚prekär‘ und ‚Proletariat‘.

[3] Nach dem Atomunglück in Fukushima wurden zunächst alle bis dahin bestehenden 54 Atomreaktoren in Japan abgeschaltet und neuen Sicherheitstests unterzogen. Das Atomkraftwerk Ōi war das erste, dessen Wiederinbetriebnahme genehmigt wurde.

[4] Shinzō Abe, japanischer Premierminister 2012 bis 2020.

[5] MCAN Anhörung im Parlament am 22. August 2012: https://www.youtube.com/watch?v=zg0HhEG4imY (letzter Zugriff am 07.09.2021).

[6] SEALDs Anhörung im Parlament am 15. September 2015: https://www.youtube.com/watch?v=5dsMhkj6eHk&t=5s (letzter Zugriff am 07.09.2021).

[7] Seit den 2000er-Jahren werden rechte Bewegungen in Japan zunehmend präsent. Seit den 2010er-Jahren macht insbesondere die xenophobe Bewegung der „Action-Conservatives“ auf sich aufmerksam, die insbesondere gegen Migrant*innen aus Korea und China agiert und zunehmend auch auf den Straßen sichtbar wird, vgl. Yamaguchi 2013; Higuchi 2014; Gill 2018; Smith 2018; Hatano 2020.

[8] Zu den Anti-Olympia-Protesten 2020/1 siehe Ganseforth (2020).

[9] Einen Überblick über die Vielfalt der an den Protesten beteiligten Gruppen und auch im Hinblick darauf, welche davon im März 2011 bereits bestanden und welche erst danach gegründet wurden bietet z.B. die Studie von Machimura et al. 2015.

[10] Auch in meiner Dissertation weise ich darauf hin, dass Bewegungen ihr Aktionsrepertoire unter anderem unter der Berücksichtigung ihrer Beziehung zur breiten Gesellschaft folgend anpassen (Wiemann 2018).

[11] Mehr zur Minamata-Bewegung siehe z.B. Osiander 1998.

[12] Gerichtsprozesse als Strategie sozialer Bewegungen sind nicht nur in Japan ein bis heute oft genutztes Instrument, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Probleme zu lenken, Informationen zu erstreiten und Änderungen herbeizuführen (Miura 2009; Steinhoff 2014; Bochorodycz 2015; Jobin 2020; Wiemann/Sahin 2021 im Erscheinen). So untersuchte auch Vestana (2019) in ihrem Beitrag in diesem Forschungsjournal am Beispiel der Austeritätspolitik in Portugal die Interaktion zwischen sozialen Bewegungen und öffentlichen Institutionen, wie der Gerichtsbarkeit.

[13] Der Ausdruck ‚Not In My Backyard‘ bezeichnet Proteste, die von Gruppen angeführt werden, die gegen unmittelbar in ihrer Nachbarschaft lokalisierte Bauvorhaben, Umweltverschmutzung etc. protestieren.

[14] Die Ainu sind ein indigenes Volk aus dem Norden Japans; Zainichi bezeichnet in Japan lebende Ausländer*innen, insbesondere Koreaner*innen; Burakumin sind die Nachfahren einer Kaste von Ausgestoßenen (in der Edo-Zeit, 1600-1867).

[15] Zu konfuzianischen Werten und liberale Demokratie, siehe Mauk 2016.

 

Foto: Anna Wiemann (2013, all rights reserved)

 

Riots – analytische Betrachtung eines unscharfen Phänomens

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Zu den bisher erschienenen Beiträge, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind, geht es hier

Der folgende Text von Julika Mücke erschien unter dem Titel “Revolte, Aufstand, Riot(ing)? Zur Konzeptionalisierung eines unscharfen Phänomens” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 34, Heft 3.2021. Julika Mücke ist Leiterin der Geschäftsstelle des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb). Kontakt: julika.muecke@posteo.de

Im Mai 2021 jährten sich der Tod von George Floyd und die sich anschließenden weltweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt zum ersten Mal. Wie schon nach dem Tod von Michael Brown in Ferguson 2014 oder dem Tod von Freddy Gray in Baltimore 2015 waren auch diese Proteste von einem Phänomen begleitet worden, das häufig als ,riot´ gelabelt wird. Riots waren in diesem Jahr aber auch in einem ganz anderen thematischen Kontext vermehrt zu beobachten, nämlich als Reaktion auf politische Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, wie etwa in den Niederlanden.[1] Doch wie kommt es, dass diese beiden Ereignisse unter dem gleichen Begriff gefasst werden?

Welche Phänomene als riot gelabelt werden und wie sich die Forschung damit auseinandersetzt, ist bisher sehr unterschiedlich. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass in den vergangenen zehn Jahren das Forschungsinteresse an riots merklich gestiegen ist, was sich auch in der verstärkten Auseinandersetzung der Protest- und Bewegungsforschung mit riots als Untersuchungsfeld widerspiegelt.[2] Dieser Forschungstrend seit den 2000er Jahren wird begleitet, beziehungsweise auch bedingt durch das verstärkte Auftreten von als riots gelabelten Phänomenen, wie beispielsweise in Frankreich 2005/2010, Mosambik 2010, Griechenland 2008/2011, England 2011, Türkei 2013, Schweden 2013, USA 2014/2015/2020, Hong Kong 2014 oder Hamburg/Deutschland 2017, um nur einige zu nennen (Bareis et al. 2010; Frenzel et al. 2016; Lee/Chan 2018; Uhlmann 2019).[3]

Die terminologische Bezeichnung von Ereignissen, die als riots behandelt werden, ist dabei sehr divers. Umgangssprachlich ist in vielen Ländern der englische Begriff riot (Aufstand) weit verbreitet und hat sich „in den letzten Jahren auch zunehmend unter das sozialwissenschaftliche Vokabular gemischt“ (Frenzel et al. 2016: 7). Eine kanonisierte Definition dessen, welche Phänomene warum mit dem Begriff riot benannt werden, ist aber im wissenschaftlichen Feld noch nicht zu finden (ebd.). Als Handlungen und Dynamiken, die im Kontext von riots häufig vorkommen, können u.a. Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum, Auseinandersetzungen mit der Polizei, Beschädigungen an und Ausräumen von Ladengeschäften, Straßenblockaden oder das In-Brandsetzen von Autos und anderen Gegenständen im öffentlichen Raum genannt werden. Riots ereignen sich dabei häufig im Zusammenhang mit anderen Protestereignissen, wie Demonstrationen oder Kundgebungen. Die Debatten über die Bezeichnungspraxis von riots münden aber immer wieder in der grundsätzlichen Frage, was ein riot denn nun sei und so werden etwa so unterschiedliche Phänomene wie Hungeraufstände, rassistische Pogrome oder Ausschreitungen nach Sportveranstaltungen als solche bezeichnet (Greif/Jobard 2016: 133f.).

Viele Begriffe – wenig Klarheit

Daneben fehlt häufig die Trennschärfe zu anderen, ähnlichen Begriffen und es bestehen sprachspezifische Variationen: Während in Frankreich die Begriffe émeute (Unruhe/Tumult/Aufruhr]), révolte urbaine (städtische Revolte) und violence urbaines (städtische Gewalt) gängig sind, wird in den USA der Begriff riot oft mit weiteren Zusätzen wie race riot, police riot oder urban riot versehen (Greif/Jobard 2016: 133). Insbesondere im US-amerikanischen Kontext dient der Begriff race riots (sowie auch race violence) als Sammelbegriff für völlig unterschiedliche Ereignisse von Lynchmorden durch Weiße an Schwarzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis hin zu riots, die als Reaktion auf meist tödliche Polizeigewalt an Schwarzen entstehen. Die Gleichsetzung rassistischer Gewalt mit einer widerständigen Artikulation gegen rassistische Machtverhältnisse abstrahiert dabei verschiedene soziologische Konflikte zu ein und demselben Phänomen und ist deshalb kritisch zu betrachten (Bentley-Edwards et al. 2018). Neben riot sind im Englischen zudem die Termini unrest (Unruhen), revolt (Revolte) und rebellion (Rebellion) geläufig. Haunss attestiert unrest dabei die größte begriffliche Dehnbarkeit, da der Begriff zunächst nicht mehr als eine Störung einer sonst stabilen Ordnung beschreibt. Revolt, rebellion und uprising hingegen werden häufig mit gesellschaftlicher Transformation beziehungsweise dem Anliegen einen solchen Veränderungsprozess in Gang zu setzen, in Verbindung gebracht (Haunss 2016: 31f.). Im englischen Sprachgebrauch sind außerdem civil disorder (zivile Unruhe/Unordnung) und insurrection (Aufstand/Aufruhr) vorzufinden.

Im deutschsprachigen Raum ist am ehesten eine Sprachlosigkeit über die Bezeichnung von Ereignissen, die anderswo unter dem Label riot subsumiert werden, festzustellen. Es werden zwar Begriffe wie Aufstand oder städtischer Aufstand, Aufruhr, Revolte oder Rebellion genutzt, dies jedoch eher vereinzelt (Bareis et al. 2010). Aus Mangel von umgangssprachlichen Alternativen hat sich (auch) im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren der Begriff riot zumindest im Feld der Protest- und Bewegungsforschung durchgesetzt.[4] Im medialen, aktivistischen aber auch wissenschaftlichen Kontexten tauchte riot zuletzt als Bezeichnung im Zuge der Ereignisse rund um den G20-Gipfel 2017 in Hamburg auf (Rucht 2017; Dellwo et al. 2018; Uhlmann 2019). Auch die Ereignisse am 1. Mai in Berlin und Hamburg, insbesondere in den 2000er Jahren, werden regelmäßig als riots beschrieben, beziehungsweise rioting als spezifisches Protestrepertoire thematisiert (für Hamburg siehe Naegler 2014; für Berlin siehe Rucht 2003). Dem Begriff riot haften jedoch vor allem im wissenschaftlichen Kontext Schwierigkeiten an: Einerseits ist seine Verwendung oft „polarisierend“ (Frenzel et al. 2016: 8), also mit Ablehnung oder Zustimmung und einer damit einhergehenden Tendenz zur Entdifferenzierung des beschriebenen Ereignisses, verbunden. Andererseits wird mit dem Begriff eine solche Bandbreite an unterschiedlichsten Phänomenen beschrieben, dass kaum noch abgrenzbar ist, worum es eigentlich geht.[5]

Forschungsfeld in den Kinderschuhen

Riots sind für viele Studien Anlass und Gegenstand der Untersuchung. Die Herausbildung eines eigenen Forschungsfeldes zu riots steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Bisherige Forschungen sind an unterschiedliche Disziplinen angeschlossen und ebenso verschieden in Erkenntnisinteressen, empirischen Beispielen und Forschungsdesigns (Frenzel et al. 2016: 8). Klare und abgegrenzte Definitionen des Begriffs riot sind dabei kaum zu finden, auch wenn durchaus Einigkeit über die fehlende analytische Bestimmung des Begriffs besteht. Frenzel et al. weisen sogar darauf hin, dass viele Studien ohne jegliche Begriffsklärung auskommen, beziehungsweise „einfach vorausgesetzt [wird], dass es sich bei bestimmten empirischen Fallbeispielen um riots handelt“ (Frenzel et al. 2016: 11, Herv.i.O.). Diese indifferenten Begriffsbestimmungen und Definitionsversuche sowie die unzureichende Theoretisierung, machen es kaum möglich, einen Forschungsstand systematisch abzubilden. Eine erste systematische Aufarbeitung der wissenschaftlichen Forschung zu riots stellt die Arbeit des Redaktionsteams des Heftes suburban mit dem Titel „riots. Zur Verortung eines unscharfen Phänomens“ (2016) durch Frenzel/Greif/Klein/Uhlmann dar.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff riot kann grundsätzlich zwischen Definitionen und Typisierungen von riots, Perspektiven auf riots sowie der Einordnung von riots als Protestform unterschieden werden. Während allgemeine Definitionen eher nach verallgemeinerbaren Kriterien von riots suchen, versuchen Typisierungen verschiedene Arten von riots inhaltsbezogen voneinander abzugrenzen (Marx 1970; Badiou 2012). Desweiteren sind verschieden analytische Perspektiven zu finden, aus denen riots betrachtet werden.

In den vergangenen Jahren hat sich eine dezidiert politische Lesart von riots herausgebildet (Altenried 2012; Dzudzek/Müller 2013; Trott 2014; Frenzel et al. 2016; Simiti 2016; Uhlmann 2019). Diese Perspektive fokussiert gezielt auf die politischen Dimensionen von riots, wobei sie auch als wissenschaftliche Entgegnung auf eine entpolitisierte medial-öffentliche Debatte der riots in Frankreich 2005 und England 2011 zu verstehen ist. Trott arbeitet drei verschiedenen politische Lesarten von riots heraus: 1) eine Fokussierung auf politische Kontexte der riots, wodurch Fragen nach den Ursachen in soziale, ökonomische und kulturelle „Realitäten“ (Trott 2014: 1, Übers.d.V.) eingeordnet werden; 2) die Betrachtung der Frage, inwiefern riots selbst das Objekt politischer Debatten werden (ebd.: 4f.); 3) den Einbezug politischer Subjektivierungsprozesse während der riots (ebd.: 6f.; dazu auch Frenzel et al. 2016: 20). In eine ähnliche Kerbe schlagen Forschungen, die riots in erster Linie als Konfliktartikulation verstehen und eben diesen Konflikt in den Fokus setzen. Beispielsweise verortet Liebig die England-riots 2011 klassentheoretisch, indem er sie als „nicht normierte soziale Konflikte“ (Liebig 2014: 272) versteht und durch die Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes als neue Form des Klassenkampfes interpretiert.[6]

Im Kontext von Forschungen zu Formen des Protestes werden riots als Protestphänomen bzw. rioting als Protesthandlung dagegen bisher kaum dezidiert betrachtet. Dies kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass soziale Bewegungen in der wissenschaftlichen Bearbeitung von Protest, zumindest im deutschsprachigen Raum, den wesentlichen Analyserahmen der Forschung bieten. Dabei wird Protest als „urdemokratische Handlungsweise“ (Rucht/Roth 2008) konzeptualisiert, der sich vor allem im Rahmen sozialer Bewegungen und im Kontext bestimmter sozialer Konflikte entfaltet (Hohenstatt/Rinn 2014: 208). Diese Engführung nimmt nur etablierte Arten der Konfliktartikulationen in den Blick und klammert andere, die nicht in diesen Deutungsrahmen passen, aus.

Denn unter rioting lassen sich, erstens, verschiedene Handlungen und Dynamiken zusammenfassen, die die strafrechtlichen Grenzen in einer Demokratie überschreiten und/oder von der Mehrheit der Gesellschaft, beziehungsweise in der öffentlichen Debatte, als illegitim angesehen werden, wie beispielsweise das Umkippen und Anzünden oder Beschädigen von Gegenständen wie Autos, Verkehrsschildern, Mülltonnen und Schaufenstern oder das Ausräumen von Geschäften, das Werfen mit Molotov-Cocktails, Steinen oder anderen Gegenständen (auch) in Richtung der Polizei, der Bau von Straßenbarrikaden oder andere, weiter oben genannte Handlungen. Es ist zu vermuten, dass diese Praktiken aus der Perspektive wissenschaftlicher Forschungen zu sozialen Bewegungen nicht ohne Weiteres als „demokratisch“ begriffen werden. Da rioting nicht als Protestform sozialer Bewegungen lesbar wird, fällt es aus dem Blick der Forschung.

Darüber hinaus sind Protestformen, zweitens, im Verständnis der Forschung zu sozialen Bewegungen meist in hohem Maße organisierte Artikulationsformen gesellschaftlicher Konflikte. So wird Konfliktartikulationen wie rioting, die eben diese Organisationsansprüche nicht erfüllen, das Protest-Sein „abgesprochen“. Das Ausbleiben von Forderungen und Repräsentation bei gleichzeitiger Dominanz von Gewalt gilt als Beleg für das Fehlen von Organisation und damit auch für das Fehlen von politisch motiviertem Handeln (Hohenstatt 2017: 200; Dikeç 2010: 191f.; Frenzel et al. 2016: 9). Bilden soziale Bewegungen den Ausgangspunkt des Definitionsrahmens dessen, was als Protestform oder -ereignis betrachtet werden kann und wer diesen Protest artikulieren „darf“, hat das auch Auswirkungen auf das Forschungsfeld. Für die Analyse von riots ist dies insofern problematisch, als dass die Bewegungsforschung Gefahr läuft, diese schlichtweg zu übersehen (Dikeç 2010).

Drittens tut sich die Bewegungsforschung mit der Untersuchung von gewaltförmigen Protestformen insgesamt schwer (Teune 2008: 541; Frenzel et al. 2016: 20). Differenziertere Arbeiten, die über die Typologie von riot(ing) als entweder gewalttätig oder gewaltfrei hinausgehen, sind bislang eine Seltenheit.[7] Gewalt als Unterscheidungsmerkmal von Protestformen ist indes als Bewertung aus einer Außenperspektive zu verstehen, welche sich „explizit oder implizit auf rechtliche Aspekte aus dem Straf- beziehungsweise Verwaltungsrecht“ (Leidinger 2015: 86) bezieht. Die Binnenperspektive der Aktivist*innen auf die Form des Protestes beziehungsweise die politische Aktion selbst und dem „Warum, Wozu, Wie, Wo usw.“ (Leidinger 2015: 87, Herv.i.O.) findet in so keine Beachtung. Leidinger attestiert der reduzierenden binären Einteilung von Protesten in gewaltförmig und -frei mit den Worten Leibfrieds/Narrs gar eine „Angst vor dem Unberechenbaren, dem bürgerlich-herrschaftlich nicht Einhegbaren, dem ‚unten‘“ (Leibfried/Narr 1968 zitiert nach Leidinger 2015: 64).

Riots sind für die Protest- und Bewegungsforschung zusammenfassend ein ungemütlicher Forschungsgegenstand: Sie sind schwer greifbar, treten häufig eruptiv oder disruptiv auf und lassen sich nur schwer mit Sozialen Bewegungen als gängigen Analyserahmen für Forschungen zu Protest(formen) zusammenbringen.

Trotz dieser unzureichenden Betrachtung von riots in der Protest- und Bewegungsforschung gab es, insbesondere im US-amerikanischen Raum, immer wieder Versuche, rioting im wissenschaftlichen Kontext als Protestform zu begreifen beziehungsweise entsprechend offene wissenschaftliche Begrifflichkeiten und Analysekonzepte zu begründen (Greif/Jobard 2016: 134). So begannen bereits in den 1970er und 1980er Jahren Bemühungen von Protest- und Bewegungsforscher*innen, Begriffe für Protestformen zu finden, die als gewalttätig bezeichnet werden. Konzepte wie collective defiance und disruptive action (Piven/Cloward 1974) eröffneten den Blick auf Protesthandlungen abseits der reduktionistischen Einteilung in gewalttätig und friedlich und ermöglichen es so, rioting und andere disruptive Protestformen als bewusste und durchaus strategisch-funktionale Entscheidungen zu fassen, die Alltagsroutinen durchbrechen und auf gesellschaftliche Missstände hinweisen (Piven/Cloward 1974; Frenzel et al. 2016: 16).[8] Mit contentious politics schlugen Tilly und Tarrow schließlich einen Ansatz zur Einordnung von Protestphänomenen vor, der die unterschiedlichen Erscheinungsbilder als kollektives Protestverhalten gemeinsam unter einem analytischen Dach fasste ( Tilly/Tarrow 2015: 7ff.). Frenzel et al. geben allerdings zu bedenken, dass „riots als Form von contentious politics zu fassen, (…) ihrem Wesen zwar vermutlich näher [kommt], aber es immer noch nicht abschließend [klärt], wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir das Wort riot benutzen“ (Frenzel et al. 2016: 10, Herv.i.O.).

Zur analytischen Operationalisierung

Zusammenfassend ist Frenzel et al. zuzustimmen, wenn sie resümieren, dass „die Soziale Bewegungsforschung (…) mit ihren analytischen Instrumenten und Begrifflichkeiten nur begrenzte Möglichkeiten [bietet], riots in all ihren Facetten zu betrachten“ (Frenzel et al. 2016: 20, Herv.i.O.). Für eine analytische Operationalisierung scheint es am erkenntnisreichsten, rioting als ein spezifisches Repertoire von Protestformen zu konzeptualisieren und dadurch die begrifflichen Konturen zu schärfen. Konkret setzt sich dieses Repertoire von rioting zu rioting unterschiedlich zusammen und muss fallspezifisch beleuchtet werden. So ist es auch möglich, die Verbindung von rioting und sozialen Bewegungen besser zu bestimmen: Als ein spezifisches Repertoire an Protestformen kann rioting ein Element sozialer Bewegungen oder sogar Ausgangspunkt der Entstehung einer sozialen Bewegung sein (Frenzel et al. 2016: 10). Rioting als Repertoire zu begreifen, erleichtert es zudem, das Zusammenspiel mit anderen Formen des Protestes zu analysieren. Weiterhin hat sich gezeigt, dass der Begriff der contentious politics dabei helfen kann, riots als Protest wissenschaftlich greifbar und im Feld der Protestforschung zum Thema zu machen.

Hierbei geht es nicht darum, eine weitere genauere Kategorisierung von Handlungsformen zu definieren, die gemeinsam als rioting benannt werden. Vielmehr bietet der Begriff eine gewisse Offenheit, den dynamischen Prozessen von Ereignissen Rechnung zu tragen. Entsprechend unterscheidet sich rioting je nach Anlass, Kontext und Protestdynamik. Handlungsformen, die als charakteristisch bezeichnet werden können, sind beispielsweise Auseinandersetzungen zwischen einer Personengruppe und der Polizei, das Zerstören von Ladengeschäften, die Aneignung von Gegenständen aus Geschäften, Zerstörung von Gegenständen im öffentlichen Raum, das in Brand setzen von Gebäuden oder Gegenständen wie Mülltonnen, Autoreifen oder (Polizei-) Autos, das Errichten von Straßenbarrikaden, das Blockieren von Straßen oder das Abhalten unangemeldeter spontaner Kundgebungen. Dies sind nur einige Beispiele der Handlungsformen, die zum Protestrepertoire rioting gezählt werden können und die in der gesamten Protestdynamik betrachtet werden müssen und stark mit anderen Protestformen (Demonstration, Sitzblockaden, angemeldete Kundgebungen etc.) ineinandergreifen.

Mit der Konzeptualisierung von rioting als Repertoire an Protestformen kann der unscharfe und überladene Begriff riot entlastet werden. Eine solche Fokussierung auf riot nicht als ganzes Phänomen, sondern als Set an spezifischen Handlungsformen, ermöglicht es auch, nicht-normierte soziale Konflikte in den Blick zu nehmen, die eben solche Elemente des rioting beinhalten und oftmals auch asymmetrisch stabilisierte Machtbeziehungen dadurch bearbeiten, aber nicht als riot gelabelt werden (Mücke/Rinn 2016 für die Ereignisse in Hamburg-Altona im Sommer 2013). So könnten auch die Ereignisse in der Stuttgarter Innenstadt im Juni 2020 untersucht werden. Auch hier wurden Auseinandersetzungen zwischen überwiegend jungen Erwachsenen und der Polizei sowie Handlungsformen, die als rioting gefasst werden könnten (Zerstörung von Ladengeschäften, Aneignung von Gegenständen, Zerstörung von Polizeiautos etc.) durch eine Polizeikontrolle ausgelöst. Im medialen Diskurs gab es (wenn auch sehr wenige) Stimmen zu hören, die das Handeln der jungen Erwachsenen damit begründeten, dass diese sich benachteiligt fühlten (Susanka/Remler 2020).

Für rioting als ein spezifisches Protestrepertoire gilt dann genau wie für die Analyse anderer Protestformen auch, dass sie nur im gesellschafts-historischen Kontext analysiert werden können. Entsprechend sollten in der Analyse und Bewertung von Protesten und seinen Formen weniger der Gewaltbegriff oder rechtlich definierte Maßstäbe, sondern vielmehr der gesamtgesellschaftliche Kontext fokussiert werden. Dies gilt insbesondere für riots und deren Begreifen als konfliktäres gesellschaftliches Ereignis (Liebig 2014; Hohenstatt/Rinn 2014). Durch einen solchen „offene[n] Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse“ (Frenzel et al. 2016: 15) ist dann auch eine politische Lesart von riot(ing) möglich. Eine Einbettung in politische Strukturen, historische Kontexte und gesellschaftliche Dynamiken ist in Bezug auf rioting und dem riot als dazugehöriges Protestereignis unabdingbar (Haunss 2016: 26). Hieran ließen sich, je nach Erkenntnisinteresse, weitere Charakterisierungen wie etwa eine Unterscheidung in eruptives, geplantes oder ritualisiertes sowie kollektives oder individuelles rioting anschließen.

Plädoyer für eine inhaltliche Bearbeitung von rioting

Mit der Konzeptualisierung von rioting als ein spezifisches Repertoire an Protestformen geht es mir hauptsächlich um die Weiterentwicklung der Forschung zu Formen des Protestes. Ziel ist dabei eine analytische Handhabbarmachung und nicht eine weitere Einhegung von Protest in Kategorien. So kann analytisch auch auf das Verhältnis von rioting zu anderen Formen des Protestes und den verknüpften Inhalten fokussiert werden. Den Zusammenhang von Form und Inhalt bei der Analyse von Protestformen zu beachten, scheint bei riot(ing) besonders bedeutsam, da riot(ing) häufig allein als Form (der Gewalt) betrachtet und der inhaltliche Gehalt, also die konkrete Konfliktkonstellation, übersehen wird. So war in der öffentlichen Debatte über die England riots 2011, die in Folge der Tötung des Schwarzen Mark Duggan durch die Polizei ausgelöst wurden, eine Thematisierung von Rassismus als eine Konfliktursache kaum möglich (Dzudzek/Müller 2013). Eine solche Reduktion auf die Artikulationsform ist besonders problematisch, wenn mit Kategorisierungs- und Definitionsversuchen eine normative Bewertung einhergeht oder riot(ing) grundsätzlich der kommunikative Anteil und somit der politische Gehalt abgesprochen wird (Balistier 1996: 107; Gherairi 2015: 92f.). In Bezug auf Protestformen dient Gewalt als Kategorisierung, immer einer Abgrenzung und somit meist auch Ausschließung, und dabei mehr spezifischen normativ-politischen Interessen, als einer Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene (Leidinger 2015: 64).

Eine inhaltliche Bearbeitung des unscharfen Protestphänomens riot wird durch die Konzeptualisierung als Protestrepertoire dagegen möglich – auch wenn die empirische Erforschung von riots selbst aufgrund der ihnen eigenen hohen Dynamik und Volatilität weiterhin einige (methodologische) Schwierigkeiten bereithält. In diesem Zusammenhang bemerkt Leidinger, dass sich der Wissenschaft, die alles kategorisieren und ordnen möchte, dynamische Prozesse von Protest und seinen Formen grundsätzlich entziehen (Leidinger 2015: 126f.). Riots und rioting sind dafür wohl eins der besten Beispiele. Sie entziehen sich konsequent definitorischen Einhegungsversuchen. Davon zeugen nicht zuletzt die unzähligen Versuche einer eindeutigen Begriffsdefinition. Eine solche kann auch die vorgeschlagene Konzeptionalisierung von rioting als Protestrepertoire nicht liefern. Doch für eine systematischere Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Protestphänomen bildet sie eine Grundlage.

Literatur

Altenried, Moritz 2012: Aufstände, Rassismus und die Krise des Kapitalismus. England im Ausnahmezustand. Edition assemblage.

Badiou, Alain 2012: The Rebirth of History – Times of Riots and Uprisings. Verso.

Balistier, Thomas 1996: Straßenprotest. Formen oppositioneller Politik in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1979 und 1989. Westfälisches Dampfboot.

Bareis, Ellen/Bojadžijev, Manuela 2010: Jenseits von Forderungen und Organisierung – Revolte in den französischen Vorstädten. In: Das Argument 52 (6), 839-848.

Bentley-Edwards, Keisha L./Edwards, Malik Chaka/Spence, Cynthia Neal/Darity Jr, William A./Hamilton, Darrick/Perez, Jasson 2018: How Does It Feel to Be a Problem? The Missing Kerner Commission Report. In: The Russell Sage Foundation Journal of the Social Sciences 4 (6), 20-40.

Cloward, Richard A./Piven, Frances Fox 1974: The Politics of Turmoil: Essays on Poverty, Race and the Urban Crisis. Pantheon Books.

Dellwo, Karl-Heinz/Szepanski, Achim/Weiler, J. Paul (Hg.) 2018: Riot. Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der kollektiven Aktion. Laika-Verlag.

Dikeç, Mustafa 2010: Voices into Noises. Ideological Determination of Unarticulated Justice Movements. In: Space and Polity 8 (2), 191-208.

Dzudzek, Iris/Müller, Michael 2013: Der Lärm des Politischen. Die Londoner riots 2011 und ihre politischen Subjekte. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung (2), 17-40.

Frenzel, Janna/Greif, Philippe/Klein, Fabian/Uhlmann, Sarah 2016: Riots – Zur Verortung eines unscharfen Phänomens. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 7-24.

Gherairi, Jasmina 2015: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation. Springer VS.

Greif, Philippe/Jobard, Fabien 2016: „Riot – warum denn riot? Gibt es keinen deutschen Begriff dafür?“. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 131-142.

Haunss, Sebastian 2016: Unrest or Social Movement? Some Conceptual Clarifications. In: Knud Andresen/Bart van der Steen (Hg.): A European Youth Revolt. European Perspectives on Youth Protest and Social Movements in the 1980s. Palgrave Macmillan, 25-38.

Hohenstatt, Florian/Rinn, Moritz 2014: Diesseits der Bewegungsforschung: Das „Recht auf Stadt“ als umkämpftes Verhältnis. In: Norbert Gestring/Renate Ruhne/Jan Wehrheim (Hg.): Stadt und soziale Bewegungen. Springer VS, 199-213.

Lee, Francis L. F./Chan, Joseph Man 2018: Media and Protest Logics in the Digital Era. The umbrella movement in Hong Kong. Oxford University Press.

Leidinger, Christiane 2015: Zur Theorie politischer Aktionen. Eine Einführung. Edition assemblage.

Liebig, Steffen 2014: Soziale Unruhen als nicht-normierte Konflikte. Das Beispiel der englischen Riots von 2011. In: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 44 (175), 271-288.

Marx, Gary T. 1970: Issueless Riots. In: The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science 391 (1), 21-33.

Mücke, Julika/Rinn, Moritz 2016: Keine riots in Deutschland? Die Ereignisse in Hamburg-Altona im Sommer 2013. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 111-130.

Naegler, Laura 2014: The Ritual of Insurrection and the ‚Thrill-Seeking Youth’. An Instant Ethnography of Inner-City Riots in Germany. In: David Pritchard/Francis J. Pakes (Hg.): Riot, Unrest and Protest on the Global Stage. Palgrave Macmillan.

Raschke, Joachim 1987: Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriss. Campus-Verlag.

Rucht, Dieter (Hg.) 2003: Berlin, 1. Mai 2002. Politische Demonstrationsrituale. Springer VS.

Rucht, Dieter 2017: Gewalt der Empörten: Die Riots von Hamburg. In: Blätter für deutsche und internationale Politik (11), 94-103.

Seferiades, Seraphim/Johnston, Hank (Hg.) 2012: Violent Protest, Contentious Politics, and the Neoliberal State. Ashgate Publishing.

Simiti, Marilena 2016: Urbane riots in der öffentlichen Wahrnehmung. Die riots in England 2011 und die griechischen Dezemberproteste 2008 im Vergleich. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 4 (1), 31-52.

Susanka, Sandra/Remler, Leona 2020: Plünderungen und Gewalt in Stuttgart: Was steckt dahinter? https://www.youtube.com/watch?v=vWaOMyP13C0, 1.7.2020.

Teune, Simon 2008: „Gibt es so etwas überhaupt noch?“. Forschung zu Protest und sozialen Bewegungen. In: Politische Vierteljahresschrift 49 (3), 528-547.

Thompson, Edward P. 1971: The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century. In: Past and Present 1 (50), 76-136.

Tilly, Charles/Tarrow, Sidney G. 2015: Contentious Politics. Oxford University Press.

Trott, Benn 2014: Research and the Riots: Politics and England’s 2011 Urban Uprisings. http://critcom.councilforeuropeanstudies.org/research-and-the-riots-politics-and-englands-2011-urban-uprisings/, 29.8.2018.

Uhlmann, Sarah 2019: Der Riot als Vorbote und Symptom einer Krise. Zu den Ausschreitungen während des G20-Gipfels 2018 in Hamburg. In: Momentum Quarterly – Zeitschrift für sozialen Fortschritt 7 (4), 202.

 

[1] Nach Verschärfungen von politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kam es insbesondere zwischen Januar und März dieses Jahres in verschiedenen niederländischen Städten immer wieder zu Demonstrationen und anschließenden Ereignissen, die als rioting gelabelt werden können, wie Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum, das Aneignen von Gegenständen aus Ladengeschäften oder Auseinandersetzungen mit der Polizei.

[2] Dieses Interesse drückt sich beispielsweise in der internationalen Konferenz „Rioting and Violent Protest in Comparative Perspective“ 2009 an der Panteion Universität Athen, sowie dem daraus hervorgegangenem Sammelband von Seferiades/Johnston (2012), aus.

[3] Diese Aufzählung verdeutlicht die zeitliche Häufung von riots in verschiedenen Ländern weltweit aus unterschiedlichen Anlässen: In Mosambik kam es bspw. im September 2010 aufgrund gestiegener Lebensmittelpreise bei gleichzeitiger hoher Arbeitslosigkeit zu Massenprotesten und riots. In Schweden/Stockholm ereigneten sich die riots 2013 nachdem ein bewaffneter Mann von der Polizei erschossen wurde. Im Hamburg wurde 2017 der dort stattfindende G20-Gipfel u.a. von rioting, begleitet.

[4] Jobard stellt fest, dass im deutschsprachigen Raum die Bereitschaft zur Übernahme des riot-Begriffs aber auch deshalb groß sei, da „immer vermutet wird, dass es in Deutschland keine riot-ähnlichen Situationen gäbe“ (Greif/Jobard 2016: 134, Herv.i.O.).

[5]Zur Begriffsgeschichte siehe Rucht (2017).

[6] Auch wenn konfliktorientierte und politische Lesarten von riots in jüngeren Forschungen starke Verbreitung gefunden haben, ist deren Traditionslinie deutlich älter. Eine wichtige Arbeit in diesem Kontext ist der Aufsatz „The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century“ von E.P. Thompson (1971).

[7] Ausnahmen bilden unter anderem die Arbeiten von Raschke (1987) und Balistier (1987), der Raschkes Analyseansätze aufgreift und erweitert, oder auch von Leidinger (2015). Diese Arbeiten bemühen sich, aussagekräftigere Kategorisierungen von Protestformen zu finden und anstelle der entdifferenzierenden Kategorisierung als gewalttätig spezifischere Benennungen, wie Zerstörung, Scherben-Demo oder Stadtteil-Riot zu verwenden (Balistier 1996: 107; Leidinger 2015: 96ff.).

[8] Piven und Cloward setzten damit der lange geläufigen Annahme der Irrationalität von Massenprotesten die Auffassung entgegen, dass disruptive action gerade für Personen(-gruppen), für die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position der formalisierte Weg der Politik wenig gewinnbringend zu sein scheint, vielversprechender erscheinen, um ihre Lebensumstände zu verändern (Cloward/Piven 1974).

 

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Rechte Proteste erforschen – Working Paper 4.2021 erschienen

Das ipb working paper 4.2021 ist erschienen:

Diefenbach, Aletta, Philipp Knopp, Piotr Kocyba und Sebastian Sommer (Hrsg.): Rechte Proteste erforschen. Erfahrungen und Reflexionen aus der qualitativen und quantitativen Forschung, ipb working paper series, 4/2021. Berlin: ipb.

Download (PDF, 2,5 MB)

Die Dresdner Pegida-Demonstrationen bildeten den Anfang eines weiterhin andauernden Zyklus autoritärer und rechter Protestmobilisierungen in der Bundesrepublik und darüber hinaus. Mit den Massenaufmärschen und den gewalttätigen Mobilisierungen gegen Geflüchtetenunterkünften rückte ein bis dahin eher vernachlässigtes Feld politischer Bewegtheit ruckartig in den Fokus der Protest- und Bewegungswissenschaft. Dabei hat sich schnell gezeigt, inwieweit viele etablierte Forschungsmethoden aufgrund der wissenschaftsfeindlichen Einstellungen auf den Protesten an ihre Grenzen stießen. Diese ‘hostile environments’, zu denen auch die autoritären Proteste gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zählen, stellen spezifische Herausforderungen an die methodischen Feldzugänge und die konkrete Forschungspraxis.

Unter dem Titel “Rechte Proteste erforschen” versammeln die Herausgeber:innen Aletta Diefenbach, Philipp Knopp, Piotr Kocyba und Sebastian Sommer im neu erschienen ipb working paper 4/2021 unterschiedliche Erfahrungen aus der qualitativen und quantitativen Forschung zu rechten Protestmobilisierungen. Dabei zeigen die Autor:innen in detaillierten Reflexionen konkrete Potentiale und Schwierigkeiten einzelner Ansätze auf. Neben der Darstellung von sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden versucht der Band eine Brücke zur Arbeit von Initiativen der politischen Bildung zu schlagen, um so unterschiedliche Blickwinkel auf den Phänomenbereich rechter Protestmobilisierungen produktiv miteinander ins Gespräch zu bringen.

Das Foto zeigt den ersten Jahrestag der Pegida-Demonstrationen im Oktober 2015. Das Copyright liegt bei Piotr Kocyba.

Kolloquium Politik von unten startet mit neuem Programm

Das Kolloquium ‘Politik von unten’, das das Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis soziale Bewegungen der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft organisiert, geht am 8. November mit einem neuen Programm in die nächste Runde. Die Termine finden weiterhin Montags um 16 Uhr online statt. Im Winter 2020/21 diskutieren wir über Technologie und die Organisierung von Arbeiter*innen, Über Dynamiken von Migration und Mobilisierung, Strategien und Folgen von Bewegungen sowie Proteste gegen Fracking in Mexiko und Deutschland.

Die aktuellste Fassung des Programms und den Zugangslink finden sich auf der Webseite des AK soziale Bewegungen.

Programm Winter 2020/21

8. November 2021

​​​​​​​Technopolitics from below – Technology, worker agency and worker organizing – EN

Simon Schaupp (Basel University) and Cate Hopkins (Cardiff University)

Moderation: Christoph Sorg

​​​​​​​13. Dezember 2021

MOBILISE – Determinants of ‘Mobilisation’ at Home & Abroad: Analysing the Micro-Foundations of Out-Migration & Mass Protest – EN

Two members of the MOBILISE project team, t.b.d.

Moderation: Elias Steinhilper

17. Januar 2022

Strategic choices and movement outcomes – Making movement research matter – EN

Joseph Luders (Yeshiva University New York) and Jeremy Brecher (historian, author, filmmaker & activist)

Moderation: Dalilah Shemia-Goeke

14. Februar 2022

Protest gegen Extraktivismus in Mexiko und Deutschland – DE

Svenja Schöneich (Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin) und Julia Zilles (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen): Protest gegen Fracking in Deutschland

Moderation: Simon Teune

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