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Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (I.2019)

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 138 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Bebnowski, David. 2019. „Wer spricht wie und warum so über Antisemitismus? Rezension: Antisemitismus als Problem und als Symbol (Kohlstruck, Michael/Ullrich, Peter)“, Zeitschrift diskurs (open access).

Betz, Gregor J. 2019. „Rekonstruktive Zugänge zu Protest“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 50–58.

Bosi, Lorenzo, Donatella della Porta, und Stefan Malthaner. 2019. „Organizational and Institutional Approaches“. The Oxford Handbook of Terrorism, 133.

Daniel, Antje. 2019. „Ambivalenzen des Forschens unter Bedingungen (post-) dekolonialer Praxis“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 40–49.

Porta, Donatella della. 2019. „Deconstructing Generations in Movements: Introduction“. American Behavioral Scientist. Online first.

Eschert, Silke, und Bernd Simon. 2019. „Respect and Political Disagreement: Can Intergroup Respect Reduce the Biased Evaluation of Outgroup Arguments?“ Herausgegeben von Rick K. Wilson. PLOS ONE 14 (3): e0211556.

Felicetti, Andrea, und della Porta, Donatella. 2019. „Joining Forces. The Sortition Chamber from a Social-Movement Perspective“. In Legislature by Lot: Transformative Designs for Deliberative Governance, herausgegeben von John Gastil und Erik Olin Wright. Verso Books.

Haase, Dagmar, Annegret Haase, Dieter Rink, und Justus Quanz. 2019. „Shrinking Cities and Ecosystem Services: Opportunities, Planning, Challenges, and Risks“. In Atlas of Ecosystem Services: Drivers, Risks, and Societal Responses, herausgegeben von Matthias Schröter, Aletta Bonn, Stefan Klotz, Ralf Seppelt, und Cornelia Baessler, 271–77. Cham: Springer International Publishing.

Haunss, Sebastian. 2019. „The Mask and the Flag: Populism, Citizenism, and Global Protest“. Contemporary Sociology 48 (1): 60–62.

Howe, Christiane, und Lars Ostermeier, Hrsg. 2019. Polizei und Gesellschaft: Transdisziplinäre Perspektiven Zu Methoden, Theorie und Empirie Reflexiver Polizeiforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hütter, Bernd. 2019a. „Rezension: Bewegte Dörfer`. Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970-1990 (Julia Paulus (Hrsg.))“. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2. (open access)

Hütter, Bernd. 2019b. „Rezension: Den Protest regieren. Staatliches Handeln, neue soziale Bewegungen und linke Organisationen in den 1970er und 1980er Jahren (Alexandra Jaeger, Julia Kleinschmidt, David Templin (Hg.))“. analyse und kritik, Nr. 645. (open access)

Merk, Jeroen, und Sabrina Zajak. 2019. „Workers’ Participation and Transnational Social Movement Interventions at the Shop Floor: The Urgent Appeal System of the Clean Clothes Campaign“. In The Palgrave Handbook of Workers’ Participation at Plant Level, herausgegeben von Stefan Berger, Ludger Pries, und Manfred Wannöffel, 221–40. New York: Palgrave Macmillan US.

Roth, Roland, und Dieter Rucht. 2019. „Bewegung in der Bewegungsforschung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 98–104.

Rucht, Dieter. 2019. „Aufstehen mit oder ohne #aufstehen?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 8–18.

Sommer, Moritz, Sabrina Zajak, und Sebastian Haunss. 2019. „‚Der Kontext lokaler Proteste‘ – Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung 2018“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 88–93.

Steinhilper, Elias. 2019. „Rezension: Political Translation.“ Ethnic and Racial Studies 3 (42): 498–500.

Strachwitz, Rupert Graf. 2019. „Attac ohne Gemeinnützigkeit: Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft“. Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2019.

Teune, Simon. 2019. Vom Button zum Bravo-Poster. Das Bekenntnis zur Anti-Atombewegung als visuelle Medienpraxis. In Bekenntnisse : Formen und Formeln, Hrsg. Christine Bischoff, Carsten Juwig und Lena Sommer, 214–230. Berlin: Reimer.

Tretschin, Luca. 2019. „Streit Vor Publikum. Öffentliche Darstellung von Publikumsgunst Als Gemeinsames Bezugsproblem Sozialer Bewegungen und Der Adressaten Ihrer Proteste“. Zeitschrift für Theoretische Soziologie.

Ullrich, Peter. 2019. Polizei im/unter Protest erforschen. Polizeiforschung als Entdeckungsreise mit Hindernissen. In Polizei und Gesellschaft. Transdisziplinäre Perspektiven zu Methoden, Theorie und Empirie reflexiver Polizeiforschung, Hrsg. Christiane Howe und Lars Ostermeier, 155–189. Wiesbaden: Springer VS.

Ullrich, Peter. 2019. „Protestforschung zwischen allen Stühlen“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 29–40.

Vollmer, Lisa. 2019. Mieter_innenbewegungen in Berlin und New York. Stadt, Raum und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Gewaltfreier Widerstand in der Türkei – von Roboski nach Ankara

bewegung.taz.de - 13.04.2019
25.04.2019, 19:30 Uhr - 25.04.2019, 21:30 Uhr

Gewaltfreier Widerstand in der Türkei – von Roboski nach Ankara

Do, 25.04.2019, 19:30

Vortrag + Diskussion

Veranstaltung in türkischer Sprache

Mit Halil Savda – Kriegsdienstverweigerer, Kolumnist, Friedens- und Menschenrechtsaktivist Veranstaltung in türkischer Sprache mit Übersetzung ins Deutsche

Als Antwort auf die Ermordung von 34 Kindern und jungen Erwachsenen in Roboski von Seiten des türkischen Militärs initiierte Halil Savda am 1. September 2012 einen 50 Tage andauernden Friedensmarsch von Roboski nach Ankara, denen sich weitere internationale und nationale Friedensaktivist_innen anschlossen.

Wie wurde der Protest organisiert? Welche Reaktion zeigte die Zivilgesellschaft? Welche Erfolge erzielte der Marsch und welchen Schwierigkeiten begegneten den Aktivist_innen auf dem 1300 km langen Friedensweg? Von diesen Fragen ausgehend berichtet Halil Savda von seinen Erfahrungen des gewaltfreien Widerstandes und bettet diese in die aktuelle politische Situation in der Türkei ein.   

 

Sunum ve Tartisma

Türkiye'de bir siddetsiz direniş örneği; Roboski-Ankara Yürüyüşü

 

Halil Savda-Vicdani Redci, Yazar, barış ve İnsan Hakları Savunucusu

Tarih: 25 Nisan Perşembe 2019

Saat: 19.30

Halil Savda, Türkiye'de sürmekte olan çatışmalı sürecin son bulup Barış ikliminin oluşması için 1300 km yol kat etti!

Savda, bu yolculuğa 1 Eylül 2012 de Roboski'den başladı.

Halil Savda, 50 gün süren ve Ankara'da son bulan Barış yürüyüşünün yapildigi Türkiye'nin o günkü politik ve kültürel iklimini, yürüyüşte ki insan profillerini ve yürüyüşün hikayesini anlatacak!

Savda, ayni zamanda Türkiye'nin şu an icinde bulunduğu politik durumunu degerlendirecektir.

Ort: 

W3-Saal, Nernstweg 34, 22765 Hamburg

Preis: 

Eintritt nach eigenem Ermessen frei wählbar

https://www.w3-hamburg.de/gewaltfreier-widerstand-der-tuerkei-von-roboski-nach-ankara

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„Territoriale Hoheit abgeben“?

bewegung.taz.de - 10.04.2019
16.04.2019, 19:00 Uhr - 16.04.2019, 21:59 Uhr

Bei vielen AfrikanerInnen hat sich eine Überzeugung verfestigt: Die EuropäerInnen sehen sie lieber tot auf dem Grund des Mittelmeers, als das sie nach Europa kommen dürfen. Das Verhältnis beider Kontinente ist durch die Situation im Mittelmeer schwer belastet – aber auch durch Vorschläge wie jenen des Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Günter Nooke. Der regte kürzlich an, afrikanische Staaten könnten gegen eine Pacht ein „Stück territoriale Hoheit abgeben", damit die EU dort Migranten ansiedeln kann.

Beim Gipfel zwischen der EU und der Arabischen Liga im Februar in Ägypten schaltete sich die Afrikanische Union ein und erteilte jeder Form europäischer Flüchtlingslager auf afrikanischem Boden eine Absage. Genau darauf aber setzt die EU als nächsten Schritt ihrer 2015 begonnen Offensive zur Migrationskontrolle in Afrika.

Das Buch „Diktatoren als Türsteher" erschien 2017 im Chr. Links Verlag als erste umfassende Dokumentation dieser Politik. Zur Publikation der im Mai erscheinenden englischen Ausgabe bei Daraja Press diskutieren wir mit Gästen aus Afrika über die Folgen der Externalisierung der EU-Grenzen über das Mittelmeer hinaus.

Dabei ist auch Razakou Abaoubakar von der Association Togolais des Expulsees, einem Partner der taz-Reise in die Zivilgesellschaft „Migration aus afrikanischer Sicht“.

Wir diskutieren mit:

Firoze Manji, Verleger Daraja Press, ehemaliger Programmdirektor Amnesty International Afrika, (Kanada)

Simone Schlindwein, taz-Korrespondentin Große Seen, (Ruanda)

Razakou Abaoubakar, Koordination Association Togolais des Expulsees/Verband der Abgeschobenen, (Togo)

Sunday Omwenyeke, Mitgründer The Voice Refugee Forum, (Bremen)

Moderation: Christian Jakob, taz-Redakteur

Die Veranstaltungssprache ist Englisch.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit den taz-Reisen in die Zivilgesellschaft.

Weitere Informationen unter: https://www.facebook.com/events/317402662230856/

Bild: Christian Jakob

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Das ipb in den Medien: Fridays for Future

Seit Wochen bestimmen die Fridays for Future-Demonstrationen die Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit der Medien gilt insbesondere der ungewöhnlichen Aktionsform des Schulstreiks, dem Alter der Demonstrierenden und der Frage was diese vermeintlich neue Protestgeneration ausmacht. Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren und somit die oft von Mutmaßungen geprägte Debatte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterfüttern, hat das Institut für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 eine Befragung der Demonstrationen in Berlin und Bremen durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt. Unten findet sich eine Auswahl der Medienpräsenz von ipb-Mitgliedern sowie eine Übersicht der Resonanz zu unserer Studie.

ipb-Kollege Sebastian Haunss in den ARD-Tagesthemen, 15.3.2019

Vor dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

18.01.2019 – SZ: Auf die Straße statt in die Schule (Swen Hutter) 25.01.2019 – Krautreporter: Was die Klimaproteste bisher bewirkt haben (Sebastian Haunss) 31.01.2019 – Klimafakten.de: Schülerstreik #fridaysforfuture: Kommt jetzt die große Klimabewegung? (Dieter Rucht) 15.02.2019 – bento.de: So planen die Schülerinnen und Schüler den Mega-Schulstreik (Simon Teune) 18.02.2019 – FAZ: “Friss Tofu, Du Würstchen!” (Sabrina Zajak) 01.03.2019 – Deutschlandfunk Nova: Proteste brauchen keine Anführerin. Aber sie hilft (Simon Teune) 13.03.2019 – Zitty: Wir sind Greta. Klimakampf statt Klassenzimmer (Dieter Rucht) 14.03.2019 – dpa/Pforzheimer Zeitung: Fridays for Future: Ein Konflikt kommt auf die Straßen Stuttgarts – und Pforzheims (Simon Teune) 14.03.2019 – dpa/Ärzteblatt: Klimakrise: Gesundheitsallianz und Medizinstudierende unterstützen Schülerstreik (Simon Teune) 14.03.2019 – HR2 Der Tag: Schule schwänzen, Erde retten? Fridays for Future (Simon Teune) 15.03.2019 – ARD Tagesthemen: “Fridays for Future”. Schüler und Studenten protestieren weltweit (Sebastian Haunss) 15.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Warum kaum Studierende an den Klimaprotesten teilnehmen (Simon Teune) 18.03.2019 – taz: Anders als die anderen (Simon Teune) 19.03.2019 – Phoenix: Streiken statt Pauken. Schülerproteste für den Klimaschutz (Sabrina Zajak) 24.03.2019 – Der Freitag: Kein Fleisch für Niemand (Simon Teune) 25.03.2019 – Radio Bremen 2: Der Gorleben-Treck (Simon Teune)

Infografik auf Grundlage der ipb-befragung in der Süddeutschen Zeitung vom 30./31.3.2019

Nach dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

 

 

26.03.2019 – Klima der Gerechtigkeit: Fridays for Future – was wissen wir über diese neue Protestbewegung? (Studie allgemein) 26.03.2019 – jetzt.de: Wer sind die „Fridays For Future“-Aktivisten? (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Tagesspiegel: Wer die Generation „Fridays for Future“ ist (Studie allgemein) 26.03.2019 – Klimareporter: Klimastreikende fangen bei sich an (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – SWR: Das sind die jungen Menschen bei “Fridays for Future” (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – RND/Märkische Allgemeine/Oberhessische Presse: „Fridays for Future“-Studie: Sie sind jung und wollen was ändern (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – mdr: Neue Studie: Was steckt hinter den Fridays for Future-Demos? (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – ZEIT Online: Der Protest organisiert sich selbst (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Weiblich, links, umweltbewusst (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – domradio.de/epdWeit entfernt vom Schwänzen? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 27.03.2019 – Weserkurier: Bremer Schüler setzen sich auch im Alltag für die Umwelt ein (Studie allgemein) 27.03.2019 – taz: Schlaue linke Greta-Fans (Studie allgemein) 27.03.2019 – Buten un Binnen: Bremer Schüler würden für das Klima auf Konsum verzichten (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 27.03.2019 – heise.de: Schulstreiks – Wer sind die Schüler? (Studie allgemein) 28.03.2019 – DIE ZEIT: Klimaschutz als Klassenkampf (Studie allgemein) 28.03.2019 – ZDF Maischberger: Jugend demonstriert, Politik ignoriert (Studie allgemein) 28.03.2019 – DW: “Fridays for Future”: Schulschwänzer oder Retter des Klimas? (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 29.03.2019 – Neues Deutschland: Weiblich, jung, links (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – BR24: Fridays for Future: Wer demonstriert da eigentlich? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – ZEIT Online: Bei ihr sieht es einfach aus (Dieter Rucht) 29.03.2019 – SZ: Hinter den Transparenten (Studie allgemein) 30.03.2019 – Perspektive Online: Fridays for Future: Wer ist Teil der neuen Klimaprotestgeneration? (Studie allgemein) 03.04.2019 – Neue Westfälische: #FridaysForFuture: Grüne nehmen Laschet in die Pflicht (Studie allgemein) 04.04.2019 – NDR Info: Fridays for Future: Wo sind die Studenten? (Dieter Rucht und Simon Teune) 09.04.2019 – Deutschlandfunk: Konkrete Forderungen an Politik gestellt (Studie allgemein)

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Die neoliberale Destruktion des Arbeitsrechts

bewegung.taz.de - 09.04.2019
25.04.2019, 20:00 Uhr - 25.04.2019

Rolf Geffken stellt sein neuestes Buch "Umgang mit dem Arbeitsrecht" vor

Das Arbeitsrecht verdankt seine Entstehung der Formation der Lohnabhängigen als eigenständige Klasse. Doch setzte es sich als Schutzrecht erst nach langen Kämpfen durch. Es spiegelt grundlegende Veränderungen im Kräfteverhältnis von Arbeiterklasse und Bourgeoisie wider. In seiner praktischen Wirksamkeit ist es aber abhängig von der Handhabung durch Rechtsprechung und Gesetzgebung, aber auch von der Wahrnehmung durch die Arbeiter selbst und von seiner Gestaltung durch eine offensive Tarifpolitik der Gewerkschaften. Im Nachkriegs-Westdeutschland der 1950 und 1960er Jahre wirkte eine in der Justiz vorherrschende postfaschistische Ideologie auf das Arbeitsrecht ein und unterlief dessen kollektive und emanzipatorische Elemente. Nach dem Kampf der Gewerkschaften um die 35-Stunden-Woche und dem Untergang der DDR kam es unter der Regierung Kohl erstmals zu einem massiven Angriff des neoliberalen Gesetzgebers auf bis dahin gesicherte Rechtspositionen im Arbeitszeitrecht, beim Kündigungsschutz und im Befristungsrecht. Heute zeichnet sich das Arbeitsrecht durch Regelungen zu einer Fragmentierung der Arbeiterklasse in Kernbelegschaften, Leiharbeiter, Werkvertragsbeschäftigte, befristet und prekär Beschäftigte aus. Diese Aufspaltung beeinträchtigt das Arbeitsrecht in seinen Grundfunktionen.

Mehr denn je ist es notwendig,

  • Rechte am Arbeitsplatz - soweit noch vorhanden – wahrzunehmen,
  • genommene Rechte z.B. im Kündigungsschutz wieder zurückzuholen,
  • offensiv alternative Rechtsinterpretationen der "herrschenden Meinung" entgegenzuhalten,
  • mit einer offensiven Gewerkschaftspolitik und aktiven Betriebsräten einen Paradigmenwechsel weg vom Ko-Management hin zu mehr Arbeiterrechten zu erreichen,
  • die alte Forderung nach einem einheitlichen Arbeitsgesetzbuch zu propagieren, aber auch
  • die vergessenen Forderungen nach mehr Kündigungsschutz und massiver Arbeitszeitverkürzung zum Gegenstand des gewerkschaftlichen Kampfes zu machen.

Das Buch "Umgang mit dem Arbeitsrecht" soll dafür einen Beitrag leisten, indem es das Recht nicht nur vom Standpunkt der Lohnabhängigen aus analysiert, sondern auch politische und juristische Handlungsanweisungen zum Umgang mit dem Arbeitsrecht für Beschäftigte, Betriebsräte, Personalräte, Gewerkschafter und kritische Juristen gibt.

Der Autor ist seit 42 Jahren in Hamburg als Fachanwalt für Arbeitsrecht, Autor und Referent in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit tätig.

Eine Veranstaltung der MASCH-Hamburg in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Heine Buchhandlung.

Referenten: Dr. Rolf Geffken (Hamburg)

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"Nachbarschaftswahnsinn" - Kurzfilmabend 13 Kurzfilme

bewegung.taz.de - 09.04.2019
12.04.2019, 19:30 Uhr - 12.04.2019, 23:00 Uhr

Nachbarschaften sind wie Biotope, in denen sich die unterschiedlichsten Spezies und Typen tummeln. Tür an Tür, lebt man auf engstem Raum zusammen, schließt Freundschaften oder gräbt das Kriegsbeil aus. Man verliebt sich in den Jungen oder das Mädchen von nebenan, ist gemeinsam einsam und stellt sich hin und wieder die Frage, ob der Nachbar mehr oder weniger Leichen im Keller hat, als man selbst.

Das Programm Nachbarschaftswahnsinn huldigt mit 13 abwechslungsreichen Kurzfilmen den Verrücktheiten des vermeintlich Alltäglichen und lotet deren volle Bandbreite aus.

https://www.interfilm.de/verleih/kurzfilmprogramme/

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Das war unser Haus

bewegung.taz.de - 09.04.2019
18.04.2019, 18:00 Uhr - 18.04.2019

Lesung anlässlich des 10. Jahrestags der Räumung des Topf&Söhne-Geländes

Das besetzte Haus auf dem ehemaligen Topf&Söhne-Gelände war ein Zentrum für Subkultur und linke Politik, Wohn- und Veranstaltungsraum, alles in allem ein wichtiger, selbstorganisierter Raum der linken Szene in Erfurt und Thüringen. Nach der Räumung am 16.4.2009 musste es schließlich einer Einkaufpassage weichen.
Wir wollen am 18.4. an unser Haus erinnern. Dazu findet ab 18 Uhr eine Lesung aus dem Buch »Topf & Söhne - Besetzung auf einem Täterort« statt.

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Kritik der Heimat

bewegung.taz.de - 09.04.2019
12.04.2019, 20:00 Uhr - 12.04.2019, 23:00 Uhr

Wann: Freitag, 12. April, 20 Uhr

Wo: Kukoon, Buntentorsteinweg 29, Bremen

»Heimat« boomt, und es scheint kein Entrinnen aus ihr zu geben. Jeder und jede muss sie haben, lieben, vermissen, verteidigen oder tief im Herzen tragen. Ob Greenpeace oder Kaufland, die Identitären oder die Grünen, Horst Seehofer oder Bodo Ramelow: Alle machen mit – und niemand fragt »Warum?«. Wo bleibt der Zweifel und die Skepsis, wenn plötzlich alle das gleiche wollen und fühlen? Thomas Ebermann und Thorsten Mense werden sich daher nicht mit einem weiteren Heimatbegriff an der Debatte beteiligen, sondern fühlen sich stattdessen den historischen wie zukünftigen Opfern von Heimat verbunden. Denn der Boom der Heimat ist das Grundrauschen der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung, der Soundtrack zur völkischen Mobilmachung, die Einstimmung auf kommende Zumutungen und Unmenschlichkeiten.

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Rezension: Wiemann 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Es folgt nun Jan Niggemeier mit einer Rezension zu Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima.  Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Netzwerkmobilisierung im Verborgenen“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

 

Dass Katastrophen und Krisen oft als auslösende Faktoren für die Entstehung politischen Protests wirken, zeigt sich anschaulich am Beispiel der Welle von Anti-Atomkraft-Protesten in Japan nach dem verheerenden Atomunglück von Fukushima. Political process-Ansätze identifizieren derartige political opportunities als Grundlage für die Mobilisierung von sozialen Bewegungen. Zwar existieren auch in Japan Strukturen der Anti-Atomkraftbewegung seit mehreren Jahrzehnten. Im heutigen Japan, wo offener politischer Protest ein eher seltenes Phänomen darstellt, ist die seit 2011 beobachtbare Protestwelle jedoch in ihrem Ausmaß und ihrer Intensität einschneidend. Auf welche Weise sich Mobilisierungsprozesse innerhalb des Netzwerks der unterschiedlichen Anti-Atomkraft-Gruppen konkret abspielen, bleibt jedoch undurchsichtig.

Netzwerk­-Mobilisierung als neuer analytischer Ansatz

In ihrer als Buch erschienenen Dissertation „Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima“ unternimmt Anna Wiemann den Versuch, eben solche, weitestgehend verborgenen Mobilisierungsprozesse in Bewegungsnetzwerken sichtbar zu machen. Wiemann verortet ihre Arbeit in der sozialen Bewegungsforschung und entwickelt, aufbauend auf political process-Modellen und Ansätzen der Netzwerktheorie, einen eigenen analytischen Ansatz zur Untersuchung der auf der Meso-Ebene stattfindet. „Netzwerk-Mobilisierung“. Durch die Verknüpfung mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen der New York School of Relational Sociology greift Wiemann damit eine Leerstelle bisheriger Modelle der Bewegungsforschung auf: Mobilisierungsmechanismen im Netzwerk als black box. Die Autorin geht dabei von der Annahme aus, dass Akteure und deren Verhalten maßgeblich durch die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Beziehungen innerhalb des Bewegungsnetzwerks beeinflusst werden. Prozesse der Meso-Mobilisierung durch Koalitionsbildung mehrerer Bewegungsorganisationen setzen den Rahmen für gemeinsame Aktionsprofile von Bewegungsnetzwerken. Auf Basis einer umfangreichen Empirie zweier Beispiele von Bewegungsnetzwerken diskutiert Wiemann, auf welche Weise sich latente Bewegungsstrukturen einerseits und einschneidende Schlüsselereignisse wie der Atomunfall von Fukushima 2011 andererseits auf Mobilisierungsprozesse und letztendlich Aktionsprofile innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung auswirken.

Fukushima als political opportunity

Die japanische Anti-Atomkraftbewegung nach Fukushima stellt dabei ein interessantes Fallbeispiel für die Meso-Mobilisierung sozialer Bewegungen dar. Gerade aufgrund der etablierten Charakterisierung der japanischen Zivilgesellschaft als „schwach“ oder „unsichtbar“ (Pekkanen 2003, Foljanty-Jost 2005), qualifiziert sich der gewählte Kontext für die Untersuchung eben solcher, wie Wiemann beschreibt, „weniger sichtbaren“ (59) Mobilisierungsprozessen auf der Meso-Ebene. Als eines der größten politischen Protestereignisse in der jüngeren Geschichte Japans erlebte die Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von 2011 darüber hinaus eine Periode der höchst intensiven Mobilisierung. Trotz bereits bestehender Bewegungsstrukturen, so argumentiert Wiemann, bedurfte es einer sich plötzlich und rasant wandelnden öffentlichen Meinung gegenüber Atomkraft als political opportunity für die jüngste Welle des Protests in Japan.

Nach einer sorgfältigen kontextuellen Einführung zu Besonderheiten der japanischen Zivilgesellschaft und speziell zur Anti-Atomkraftbewegung vor und nach dem Atomunfall von Fukushima diskutiert Wiemann die Synthese ihres Modells der „Netzwerk-Mobilisierung“.

Darauf aufbauend strukturiert die Autorin ihre Untersuchung von Mobilisierungsprozessen in drei Aspekte: angewandte Aktionsprofile, Interaktionen im Netzwerk sowie latente Strukturen innerhalb der Bewegung. Wiemanns Forschung basiert auf einer umfassenden Methodenarbeit mit Daten aus zahlreichen Interviews mit Vertretern verschiedener Bewegungsgruppen, aus teilnehmenden Beobachtungen bei Veranstaltungen und Versammlungen sowie einer quantitativen, strukturellen Netzwerkanalyse. Unter Berücksichtigung einer eindrucksvollen Fülle von qualitativen und quantitativen Daten stellt sie zwei repräsentative Netzwerke innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung gegenüber; e-shift und SHSK.

Zwei Bewegungsnetzwerke im Vergleich

Beide Netzwerke haben sich nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gebildet, bestehen aus einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Kleingruppen, unterscheiden sich jedoch in den von ihnen vertretenen Schwerpunktthemen. Während e-shift Forderungen nach einem Atomausstieg und einer langfristigen Energiewende vertritt, setzt sich das Netzwerk SHSK vorrangig für die Rechte von Betroffenen aus den verstrahlten Gebieten in der Umgebung des Unfallreaktors ein. Als erstmaliger Zusammenschluss zuvor in Japan getrennter Anti-Atomkraft-, Umweltschutz-, und Verbraucherschutzgruppen wählt e-shift das Format eines losen, aber offenen, größtmöglichen Netzwerks. Dem gegenüber grenzt sich die wesentlich formellere Koalition von Betroffenengruppen unter dem Netzwerk SHSK von Primärforderungen einer Energiewende ab und fokussiert sich auf das gemeinsame Ziel der politischen Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess des Nuclear Victims‘ Support Act.

Aufbauend auf einen umfassenden Vergleich der Koalitionsbildung beider Netzwerke argumentiert Wiemann, dass die Mobilisierung der Bewegung zwar durch das nukleare Desaster ausgelöst, jedoch maßgeblich durch fünf Netzwerk-Faktoren beeinflusst wurde: den latenten Beziehungsstrukturen der Bewegung, der Wahrnehmung des Atomunfalls als political opportunity, der strategischen Definition von issue fields, der gesellschaftlichen Unterstützung und Resonanz des Themas sowie der Beziehung der Bewegung zu politischen Akteuren. Die Autorin beschließt mit der Einsicht, dass bei der Beurteilung zivilgesellschaftlicher Stärken und Schwächen nicht nur individuelle Gruppen, sondern darüber hinaus deren Netzwerkstrukturen und -kulturen als wichtige Bewegungsressourcen berücksichtigt werden müssen.

Interessant für breite Leserschichten

Wiemann tangiert in ihrem Buch sowohl theoretisch als auch kontextual-empirisch wichtige Diskussionen und erschließt sich somit eine breite Zielgruppe; innerhalb der Netzwerk- und sozialen Bewegungsforschung, aber auch in der japanischen Regionalwissenschaft. Die Arbeit liefert durch den neuartigen Fokus auf Mobilisierungsprozesse auf der Meso-Ebene wichtige Erkenntnisse zu einem, vor allem in der japanbezogenen Bewegungsforschung, bisher wenig beachteten Gesichtspunkt. Im Hinblick auf die Vielzahl von Forschungsarbeiten zur japanischen Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gelingt es Wiemann nicht nur, neue Perspektiven des Phänomens zu beleuchten, sondern darüber hinaus die gewonnenen Einsichten auch mit der Diskussion um die Besonderheiten sozialer Bewegungen in Japan zu verknüpfen. Während diese im Vergleich zu anderen regionalen Kontexten in der Öffentlichkeit als schwach erscheinen mögen, spielen weniger sichtbare, „organische“ Netzwerkprozesse (253) zivilgesellschaftlicher Strukturen eine wesentlich wichtigere Rolle. Wiemanns Erkenntnisse stehen damit nicht im Kontrast zu etablierten Ansichten, ihre Forschung liefert jedoch Einsichten über Prozesse und Mechanismen der bisher wenig untersuchten Meso-Ebene sozialer Bewegungen.

Leider gerät die Würdigung zur theoretischen Diskussion in ihrem eindrucksvollen Beitrag etwas zu kurz. Gerade in Anbetracht der umfangreichen Theoriearbeit zu Beginn des Buches wäre eine abschließende kritische Reflektion des Modells und seiner Anwendung in anderen Kontexten wünschenswert und hilfreich für weitergehende Entwicklungen gewesen. Darüber hinaus erhält der Leser durch die sorgfältige Vorstellung und Untersuchung der beiden Fallbeispiele zwar einen tiefen Einblick und ein gutes Verständnis über die Struktur und Hintergründe japanischer Bewegungsnetzwerke. Die Fallbeschreibungen verlieren sich jedoch stellenweise in erlässlichen Details, welche die Lektüre besonders für Leser ohne Vorkenntnisse über den japanischen Gesellschaftskontext mühsam gestalten könnte. Insgesamt ist Wiemanns Arbeit ein aufschlussreiches Buch, das sich auf geschickte Weise eine große Bandbreite an Lesern erschließt. Es veranschaulicht die Notwendigkeit, Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen auf der Meso-Ebene zu berücksichtigen, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht direkt zu erkennen sind. Gerade im japanischen Kontext spielen diese Mechanismen eine tragende Rolle in der Entwicklung sozialer Bewegungen, wie die Autorin überzeugend darlegt. Abschließend ist hervorzuheben, dass die theoretische Vorarbeit Wiemanns zur Anwendung des von ihr entwickelten Modells in weiteren Falluntersuchungen inspiriert.

Literatur

Foljanty-Jost, Gesine 2005: NGOs in Environmental Networks in Germany and Japan: The Quest for The Question of Power and Influence. In: Social Science Japan Journal, 8(1), 103–117

Pekkanen, Robert 2003: Molding Japanese Civil Society: State-Structured Incentives and the Patterning of Civil Society. In: Frank Jacob Schwartz & Sudan J. Pharr (Hg.): The State of Civil Society in Japan. Cambridge: Cambridge University Press.

Photo: Matthias Lambrecht @Flickr (CC BY-NC 2.0).

Bewegung in der Bewegungsforschung

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Roland Roth und Dieter Rucht erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1, S. 98-104. Roland Roth und Dieter Rucht sind Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

 

Wir leben in turbulenten Zeiten. Das gilt besonders für die Präsenz sozialer Bewegungen im öffentlichen Raum. So viel Bewegung war – national wie international – vermutlich nie, wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken (vgl. Rucht/Teune 2017; Roth 2018). Die Vielfalt der Themen und Formen des Protests ist ebenso unübersehbar wie seine Veralltäglichung und Normalisierung. Digitale Kommunikation hat diesen Aufschwung sicherlich beschleunigt; gleichzeitig scheinen die Mobilisierungen instabiler und episodischer auszufallen. Gemessen an den klassischen Leitbildern der alten und neuen sozialen Bewegungen haben wir heute viele Proteste, aber nur wenige soziale Bewegungen, die für eine gewisse Dauer ihr Großthema bearbeiten und es beharrlich mobilisierend auf die Straße bringen.

Die bunte Vielfalt der Proteste sollte zudem nicht vorschnell zur Erfolgsgeschichte stilisiert werden. Die Ergebnisse ‚friedlicher Revolutionen‘, des ‚Arabischen Frühlings‘ oder der Occupy-Bewegung bieten Anlass, die Wirkungen von Protestbewegungen kritisch zu reflektieren. Dennoch scheint gerade auch in den westlichen Demokratien die Aushöhlung der klassischen Volksparteien den Charme von bewegungsförmiger Politik gesteigert zu haben. Ob die ‚Liste Kurz‘ in Österreich, Macrons ‚en marche‘ in Frankreich, Trump in den USA oder die Fünfsterne in Italien – mit einer bewegungsförmigen Selbstpräsentation können heute Regierungsämter erobert werden.

Alles in Bewegung? – jedenfalls nicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb, in dem die Protest- und Bewegungsforschung noch immer randständig ist. Dies ständig zu beklagen, ist müßig, aber beschreibt eine restriktive Rahmenbedingung für eine noch zu entwickelnde Debattenkultur und forschungspolitische Institutionalisierung. Einige klassische Themen haben angesichts der veränderten gesellschaftlichen Situation mehr Aufmerksamkeit verdient, als dies im ‚Handgemenge‘ aktueller Debatten (vgl. die Beiträge von Teune/Ullrich 2018 und Finkbeiner/Schenke 2018 im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 3) möglich ist. Einige wenige damit verknüpfte Themen sollen nachfolgend angesprochen werden.

Engagement und Distanz

Vor dem Hintergrund des bis heute nicht abgeschlossenen Werturteilsstreits bzw. des späteren Positivismusstreits wird auch in der Bewegungsforschung anhaltend über die Wünschbarkeit und Möglichkeit ‚objektiver‘ Analysen gestritten. In Deutschland haben sich BewegungsforscherInnen 1985 im Arbeitskreis „Soziale Bewegungen“ innerhalb der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft zusammengetan. In dieser frühen Phase gab es kaum eine explizite Debatte über das Rollenverständnis der Bewegungsforschung, deren wissenschaftstheoretischer und paradigmatischer Fundierung sowie ihres möglichen Beitrags zu gesellschaftlicher Aufklärung und Problemlösung. Eher implizit fühlten sich die Forschenden allerdings mehr oder weniger eng ihrem bevorzugten Gegenstand, den neuen sozialen Bewegungen, verbunden. Mahnende Kommentierungen blieben nicht aus. Kritisierten die einen, so Michael Greven (1988), politische Voreingenommenheit der Forschung, so forderten andere, so Wolf-Dieter Narr, die „Leidenschaft zur demokratischen Sache“ möge nicht nur die Bewegungen selbst, sondern auch diejenigen „ein stückweit mittragen, die sich an deren forschende Vermittlung gemacht haben“ (Narr 1995: 89).

Mit dem bald einsetzenden Professionalisierungsschub der Bewegungsforschung gewann eine stärker analytische und empirisch gesättigte, teilweise auch quantitativ ausgerichtete Forschungslinie an Gewicht. Ein wichtiger Katalysator für diesen Trend war die 1988 eingeleitete institutionelle Verankerung von Bewegungsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin. In der entsprechenden Forschungsabteilung gab es allerdings keine einheitliche Linie hinsichtlich der Werturteilsfrage. Eher dem positivistischen Ideal zugewandte ForscherInnen arbeiteten Hand in Hand mit sich – wenngleich nur zurückhaltend – politisch positionierenden KollegInnen. Gleiches galt wohl auch für die weitere Community von organisierten und nicht organisierten ForscherInnen. Die Mehrzahl der BewegungsforscherInnen in Deutschland – und dies trifft auch auf etliche andere Länder in Europa zu – hatte oder hat eine biografische Verbindung zur ‚progressiven‘ Bewegungspraxis, was eine kleine Befragung von einschlägigen AutorInnen (Rucht 2016), aber auch unsere Kenntnis des Feldes nahelegt. Etliche BewegungswissenschaftlerInnen waren oder sind in zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv; sie unterstützen einzelne Kampagnen, aber fast niemand von ihnen exponiert sich in einer politischen Partei.

Die lange im Halbschlaf befindliche Diskussion um eine sich politisch verstehende Bewegungsforschung hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. In den neueren Debatten wird allerdings kaum an ältere Arbeiten angeknüpft, für die eine normative Positionierung essentiell war, darunter Studien zur Bürgerrechtsbewegung, zu städtischen Bewegungen, zu ‚community organizing‘, zu ‚poor people’s movements‘, ganz abgesehen vom Spektrum marxistischer Ansätze. Vielmehr hat sich die Diskussion auf epistomologisches, forschungsethisches und methodisches Terrain, hier insbesondere mit Bezug auf die Aktionsforschung, verlagert. Vor allem jüngere AutorInnen, z.B. Mayo Fuster Morell, Laurence Cox, Graeme Chesters, Anne de Jong und Alissa Starodub, fordern eine politische Parteinahme für und eine enge Kooperation mit (linken) AktivistInnen ein. In diese Richtung weisen auch die Plädoyers für ‚engaged scholarship‘, die mit unterschiedlichen Akzenten und Positionen vor allem in der Fachzeitschrift Social Movement Studies geführt wurden.[i] Auch die Veröffentlichungen der aktuellen Bewegungsforschung, sei sie nun distanziert oder engagiert, werden sich letztlich daran bewähren müssen, ob sie zum Verständnis gegenwärtiger Proteste beitragen.

In jedem Fall gilt: Die bequemen Zeiten sind schon länger vorbei, in denen man sich mit einem guten Gefühl der Nähe zu den neuen sozialen Bewegungen vergewissern konnte, weil Letztere eine progressive Agenda für eine nachkapitalistische Zukunft zu verkörpern schienen – erinnert sei an André Gorz „Wege ins Paradies“ von 1983. Aus den damals kursierenden Hoffnungen (so auch bei Alain Touraine) auf eine übergreifende gesellschaftsgestaltende Bewegung ist nichts geworden. Wer sich mit den Bewegungen von heute insgesamt identifizieren wollte, müsste mit der Einweisung in die Psychiatrie rechnen. Im Bewegungssektor tummeln sich progressive wie reaktionäre Akteure; neben einer pragmatischen Interessenpolitik, die sich auch des Protests bedient, finden sich verstärkt Mobilisierungen, die erneut die Sehnsucht nach völkischer Größe und autoritärer Führerschaft verkörpern. Vieles präsentiert sich widersprüchlich. Die Protestszene war zwar stets bunt und facettenreich, aber selten so zerklüftet wie heutzutage. Wer unter diesen Umständen Bewegungsnähe in der Protestforschung einfordert, gerät in ein Labyrinth partikularer Loyalitäten. Die Nähe zur einen Protestmobilisierung ist notwendig mit der Distanzierung von anderen Protesten verbunden. Eine sich selbst als kritisch und engagiert verstehende Wissenschaft ist deshalb mehr denn je gefordert, ihre eigenen normativen Maßstäbe darzulegen und zu reflektieren. Eine in erster Linie staats- und kapitalismuskritische Selbstverortung – wie sie in der „public sociology“ in der Tradition von Michael Burawoy (2005) angemahnt wird – genügt dabei nicht, weil sich ein rundum positiver Bezug auf die Zivilgesellschaft angesichts ihrer anwachsenden ‚dunklen Seiten‘ verbietet (vgl. Neidhardt 2017). Demokratie und Menschenrechte können noch immer als vertretbare Leitwerte einer engagierten Forschung ins Spiel gebracht werden. Aber orientierend wirken sie erst, wenn ihr utopischer Gehalt gewahrt wird und damit entsprechende Forderungen aus sozialen Bewegungen Resonanz finden können. Welche Bezüge auch immer in den Vordergrund geholt werden: eine neutrale Haltung zu Protesten kann es nicht geben. Es ist geboten, diesen Zwang zur Positionierung reflexiv aufzugreifen, ohne professionelle Standards des wissenschaftlichen Handwerks (wozu wir nicht das Wertfreiheitspostulat rechnen) zu verletzen.

„Adaequatio rei et intellectus“

Bereits im Mittelalter formulierte Thomas von Aquin als Erkenntnisideal, dass – in moderner Fassung – der Untersuchungsgegenstand und die gewählten Analysemethoden zusammenpassen müssen, wenn wahre Aussagen erzeugt werden sollen. Für die Bewegungsforschung, die es ja mit einem besonders heterogenen Forschungsobjekt zu tun hat, war und ist dies stets eine Herausforderung. Die Vielfalt der in den letzten Jahrzehnten erprobten methodischen Ansätze ist beachtlich. In der Summe wird der Versuch deutlich, unterschiedlichen Ausprägungen der Bewegungspraxis jeweils Rechnung zu tragen: sei es, indem ihre gesellschaftlichen Alternativen und ihre präfigurative Praxis in den Fokus gerückt werden (vgl. Zajak 2018), indem – wie im Ressourcenmobilisierungsansatz – die Dynamik von Protestbewegungen als Form organisierten und strategischen Handelns analysiert wird oder die postmaterialistischen, libertären und kulturellen Praktiken betont werden, wie dies Alberto Melucci in seinen „Altri Codici“ (1984) unternommen hat.

Schon diese inzwischen als klassisch zu bezeichnenden Zugänge haben sich nicht einfach zusammenfügen lassen, vom aktuellen Methodenpotpourri ganz zu schweigen. Dass die gegenwärtige Protestlandschaft weitere methodische Herausforderungen mit sich bringt, ist unübersehbar. Können die rechtspopulistischen Proteste von „Pegida“ mit dem gleichen Instrumentarium untersucht werden wie progressive Massenproteste vom Typus „#unteilbar“? Responsive, direkt am beforschten Objekt ansetzende, ihnen eine Stimme gebende Instrumente wie zum Beispiel die Befragung von DemonstrationsteilnehmerInnen geraten nicht nur an Akzeptanzgrenzen, wie die Fälle von „Pegida“ und der Hamburger Demonstration unter dem Motto „We’ll come united“ vom September 2018 zeigten. Da Zeit und Geld im Forschungsprozess eine wichtige Rolle spielen, wird oft auf die am wenigsten aufwändige Methode zurückgegriffen – etwa Gespräche mit „Führungspersonen“ oder „SprecherInnen“ von Bewegungen, obwohl bekanntlich im ‚Fußvolk‘ ganz andere Vorstellungen präsent sein können und die Sprecherrolle zuweilen eine mediale Erfindung darstellt. Methodische Einschränkungen sind zwar unvermeidlich, aber es ist offensichtlich schwierig, sie in der öffentlichen Kommunikation auf Kosten ‚knackiger‘ Aussagen zu vermitteln.

Historisch folgten viele Deutungen von Protesten dem Elite/Masse-Schema: Intellektuelle Eliten und staatlichen Instanzen interpretierten die Massenbewegungen ihrer Zeit. Mit den neuen sozialen Bewegungen hatte sich seit den 1970er Jahren eine Intellektualisierung der Aktiven vollzogen, die eine partizipative Forschungsperspektive angemessen erscheinen ließen, schließlich kamen Engagierte und Forschende aus ähnlichen Milieus (gelegentliche Rollenwechsel inklusive). Auch wenn diese Milieunähe heute nur noch für einen kleineren Ausschnitt des Protestgeschehens gegeben ist, bleibt die Herausforderung, forschend so nahe am ‚Objekt‘ zu sein, dass gehaltvolle Aussagen und Rückmeldungen möglich sind, und gleichzeitig so viel Distanz zu wahren, dass wissenschaftliche Praxis zusätzliche Erkenntnisgewinne erbringen kann. Der Beifall von AktivistInnen für bestimmte Deutungsangebote aus der Wissenschaft kann jedenfalls nicht als Gütekriterium für die Richtigkeit eigener Forschung reklamiert werden, wie dies etwa Werner Patzelt im Zusammenhang mit seinen Analysen von „Pegida“ meinte.[ii] Eine derartige Forschung liefe darauf hinaus, die Selbstinterpretationen von AktivistInnen lediglich zu verdoppeln. Die selbstgewisse Ausdeutung von Aussagen, die Protestierende in Gesprächen geäußert haben, kann sich weniger denn je auf intersubjektive Gewissheiten stützen und läuft Gefahr, dem Protestgeschehen und dem Selbstverständnis seiner Akteure eigentümlich fremd zu bleiben.

Auftragsforschung und wissenschaftliche Unabhängigkeit

Unterliegt bereits der akademische Normalbetrieb bekanntlich vielfältigen Restriktionen, etwa knappe Mitteln, unsichere Karriereplanung, befristete Anstellung und personelle Fluktuation, so steht die in Deutschland schwach institutionalisierte Bewegungsforschung vor besonderen Herausforderungen:

  • Die wichtigste ist vermutlich das Fehlen einer gesellschaftlichen Dauerbeobachtung. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) war es gelungen mit der Protestereignisanalyse im Rahmen des Prodat-Projekts einen solchen Ansatz für die Nachkriegszeit zu schaffen, der aber nur sehr eingeschränkt fortgeführt werden konnte; die Protestchronik von Wolfgang Kraushaar ist (bislang) in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten stecken geblieben; die von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Forschungen zu „Deutschen Zuständen“ mussten nach einer Dekade abgebrochen werden. Seit den 1980er Jahren kam keine halbwegs repräsentative Studie über Bürgerinitiativen mehr zustande, obwohl letztere präsenter denn je sind. Damit fehlen wichtige Analysefolien, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Protestgeschehen geht. Protestforschung gerät so in den Sog ihres Gegenstands: sie wird selektiv, abhängig von modischen Themenkonjunkturen und medialer Aufmerksamkeit.
  • Mit dem Rückgriff auf außeruniversitäre Fördermittel wachsen die direkten und indirekten Abhängigkeiten von aktuellen und potentiellen Auftraggebern. Meist handelt es sich bei der Protestforschung um Mittel der öffentlichen Hand. Dies ist selbst bei der Mehrzahl der Stiftungen, vor allem der politischen Stiftungen, der Fall. Eine unabhängige Finanzierung durch die Zivilgesellschaft als Alternative kann angesichts der besonderen Staatsnähe von Teilen der deutschen Zivilgesellschaft nur in Ausnahmefällen gelingen. Dennoch ist die allgemeine Rede von der Staatsabhängigkeit der Protestforschung unzulänglich und von einem naiven Staatsverständnis geprägt. Mit Marx, Poulantzas und Hirsch ist daran zu erinnern, dass Staat nicht als homogener Block, sondern sinnvoll nur als Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse gedacht werden kann. Daraus ergeben sich divergierende Interessen unterschiedlicher öffentlicher Auftraggeber, die für Forschende Handlungsspielräume eröffnen, welche es im Sinne der Wissenschaftsfreiheit zu erweitern und zu nutzen gilt.
  • Diese Spielräume dürften jedoch umso enger ausfallen, je stärker die öffentliche Finanzierung an repressive Funktionen des Staates gekoppelt ist. Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob ein Forschungsvorhaben aus Mitteln des Programms „Demokratie leben!“ des Familienministeriums finanziert wird oder ob es in die Beobachtungsarbeit des Verfassungsschutzes eingebunden ist. Dass es auch dort einen öffentlichen Bereich wissenschaftlicher Analysen gibt, der sich akademischen Standards zu stellen hat, ist davon unbenommen. Eine Bewegungsforschung, die sich allzu sehr in die Nähe des Verfassungsschutzes begibt, vernachlässigt die enormen Folgen der politischen Extremismus-Etikettierung für die potentiell Betroffenen und muss sich über deren Widerstand und über eigene Reputationsschäden nicht wundern. Dass es sich bei den deutschen Verfassungsschutzbehörden nicht um einen Hort gesellschaftlicher (Selbst-)Aufklärung handelt, hat nicht nur der NSU verdeutlicht. Was ist von einer Einrichtung zu halten, deren Präsident in seiner Abschiedsrede im Verschwörungsgestus von „linksradikalen Kräften in der SPD“ faselt?

Interne Diskurse der Bewegungsforschung Die ab den späten 1970er Jahren in Westdeutschland entstandene und lange auf die neuen sozialen Bewegungen fokussierte Forschung sah sich in ihrer Frühphase zwei externen Vorwürfen ausgesetzt. Der erste lautete, sie imaginiere einen nicht existenten Gegenstand. So sprach Stöss (1984) vom „Mythos der neuen sozialen Bewegungen“. Der zweite Vorwurf richtete sich auf die sympathisierende Haltung von WissenschaftlerInnen gegenüber ihrem Gegenstand: „Wo sie (die Bewegungswissenschaft, die Verf.) aus offenkundig sympathisierender politischer Intention ein Auge zudrückt, wird sie in ihrer Wirkung gerade entpolitisiert und steht in der Gefahr, zu einer bloß affirmativen Begleit- und Akzeptanzforschung zu verkümmern, die niemand mehr richtig ernst nimmt“ (Greven 1988: 58). Diese Kritiken wurden mit der evidenten Konsolidierung neuer sozialer Bewegungen und der wachsenden Professionalisierung auch der Bewegungsforschung in Deutschland, die rasch Anschluss an die internationalen Diskussionsstand fand, weitgehend ad acta gelegt.

Die heutigen internen Debatten der Bewegungsforschung konzentrieren sich nach unserer Wahrnehmung vor allem auf folgende drei Aspekte:

  • Methodenprobleme und Methodenadäquanz: Die Verfachlichung der Bewegungsforschung war spätestens seit den 1990er Jahren von einer wachsenden Diversität der Perspektiven sowie der Professionalisierung des methodischen Instrumentariums begleitet. Damit verbunden waren dann auch Debatten über die Angemessenheit und Aussagekraft einzelner Methoden – etwa der Erfassung von Mobilisierungspotentialen aufgrund von teilweise hypothetisch formulierten Items in repräsentativen Bevölkerungsumfragen; der Selektivität von Protestereignisanalysen auf der Basis von Zeitungsberichten; der Repräsentativität von Vor-Ort-Befragungen von Protestierenden; der vorrangigen Erschließung von Bewegungsstrukturen anhand von formalen und großen Organisationen; der Fokussierung auf das spektakuläre Protestgeschehen zu Lasten des Dauerbetriebs von Organisationsund Motivationsarbeit; der Identifizierung anhaltender Forschungslücken, zum Beispiel hinsichtlich der internen Machtstrukturen in Bewegungen oder Prozessen der Demobilisierung.

Diese Kritik war in Teilen berechtigt; sie gehört aber zur Normalität des Forschungsbetriebs und ist insoweit nicht feldspezifisch. In ihrer Summe führte sie zu einer graduellen Verbesserung theoretischer wie empirischer Instrumente, ohne dass ein Abschluss dieser Entwicklung abzusehen wäre.

  • ‚Altbackenheit‘ der ‚etablierten‘ Bewegungsforschung: Die Konsolidierung einzelner Perspektiven und Paradigmen innerhalb der Bewegungsforschung und deren vorrangige Repräsentation durch inzwischen ergraute ForscherInnen rief verschiedentlich VertreterInnen jüngerer Generationen auf den Plan, die eine Vernachlässigung neuer empirischer Entwicklungen (zum Beispiel der digitalen Kommunikation) oder auch die Notwendigkeit anderer theoretischer Perspektiven und Paradigmen betonten. Bei dem Versuch, die eigene Originalität herauszukehren, wurde gelegentlich der tatsächliche Stand der Forschung stark vereinfacht, wenn nicht sogar verzerrt. Auf diese Weise positionierten sich zum Beispiel der Ressourcenmobilisierungsansatz in den 1980er Jahren und Vertreter des cultural turn in den 1990er Jahren in den USA gegenüber einem angeblich dominanten, aber einäugigen Mainstream bisheriger Bewegungswissenschaft. Ein aktuelles Beispiel für dieses Verhaltensmuster im deutschen Sprachraum ist das Plädoyer für eine poststrukturalistische Bewegungsforschung: „Etablierte Forschungsansätze“ würden einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes nicht erfassen, so „beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretischen Analyseperspektive, …wie auch die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (Leinius/Vey/Hagemann 2017: 6). Diese Kritik, so unser Eindruck, kann nur in Unkenntnis etlicher vorliegender Arbeiten formuliert werden, denkt man etwa, auf Deutschland bezogen, an AutorInnen wie Joachim Raschke, Joachim Hirsch, Roland Roth, Margit Mayer und Ulrich Brand.
  • Politische Positionierung: Ein drittes Thema aktueller forschungsinterner Debatten ist die (wiedergekehrte) Frage der gebotenen oder schädlichen politischen Positionierung der Forschenden zu ihrem Gegenstand soziale Bewegungen und, damit teilweise verbunden, die Interessenbindung der Forschenden an ihre Geldgeber. Diese Debatte hat durch die Publikation der Berliner Autoren Teune/Ullrich (2018), die darauf folgende Replik Göttinger Autoren (Finkbeiner/Schenke 2018) und weiterführende Überlegungen von Scholl (2018) an Konturen gewonnen. Darauf einzugehen, würde den Rahmen unseres kleinen Beitrags sprengen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Feld der Bewegungsforschung in einem doppelten Sinne in Bewegung ist. Einerseits ist es hochgradig dynamisch, so dass es schwer fällt, einen konsolidierten und auf absehbare Zeit gültigen Wissensstand gleichsam in Lehrbuchform zu präsentieren. Andererseits ist die Bewegungsforschung auch in dem Sinne bewegt, als sie Kontroversen ausficht, das Thema „engaged scholarship“ intensiv diskutiert und sich zudem in Teilen selbst bewegungsähnlich organisiert. Parallel und ergänzend zu den etablierten Formen der akademischen und teilweise hierarchisierten Wissensproduktion bilden sich dezentrale, nur lose vernetzte und horizontale Strukturen heraus. Diese Art von Bewegungsforschung weist in ihrem Rollenverständnis insofern Merkmale von public sociology auf, als sie gesellschaftliche und politische Missstände aufgreifen und ihre Befunde auch in die Öffentlichkeit tragen will, ohne deshalb schon den Mund so voll zu nehmen, wie es bei der public sociology im Sinne Burawoys anklingt.[iii]

Literatur

Burawoy, Michael 2005: For Public Sociology. In: American Sociological Review, Vol. 70, 4-28.

Finkbeiner, Florian/Schenke, Julian 2018: Der Aktivist als „besserer“ Forscher? Göttinger Antwort auf Berliner Kritik. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3, 93-97. Greven, Michael Th. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 1, Heft 4, 51-60.

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017:  Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

Melucci, Alberto (Hg.) 1984: Altri Codici. Aree di movimento nella metropoli. Bologna: Il Mulino.

Müller, Hans-Peter 2017: Die Grenzen der Soziologie. In: Aulenbacher, Brigitte et al. (Hg.), Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Campus, 113-118.

Narr, Wolf-Dieter 1995. Zwischen Profession und Bewegung: 10 Jahre Arbeitskreis Soziale Bewegungen. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 8, Heft 1, 82-89.

Neidhardt, Friedhelm 2017. „Public Sociology“ – Burawoy-Hype und linkes Projekt. In: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 27, 303-317.

Roth, Roland 2018: Eine neue Generation von Protesten? Ein Literaturbericht. In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, Jg. 12, Heft 2, 429-452.

Rucht, Dieter 2016. Conclusions. Social Movement Studies in Europe: Achievements, Gaps and Challenges. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.), Social Movement Studies in Europe: The State of the Art. New York and Oxford: Berghahn, 456-487.

Rucht, Dieter/Teune, Simon 2017: Einleitung: Das Protestgeschehen in der Bundesrepublik seit den 1980er Jahren zwischen Kontinuität und Wandel. In: Daphi, Priska/ Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel der Bedingungen, Formen und Effekten des politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Nomos: Baden-Baden, 9-33.

Scholl, Armin 2018: Das Selbstverständnis der Bewegungsforschung im Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Versuch einer Weiterführung der Debatte. https://soziologieblog.hypotheses.org/12318 [07.01.2019].

Stöss, Richard 1984: Vom Mythos der ‚neuen sozialen Bewegungen‘. Neun Thesen und ein Exkurs zum Elend der NSB-Forschung. In: Falter, Jürgen W./Fenner, Christian/Greven, Michael (Hg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 548-565.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischem Auftrag. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 31. Jg., Heft 1-2, 418-424.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31. Jg., Heft 4, 98-105.

 

 

[i]  Siehe insbesondere einzelne Beiträge in den Heften 2/2012 und 2/2013.

[ii]  So Patzelt bei einer Veranstaltung unter dem Titel „PEGIDA: Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende“-Enttäuschung?“ am 30. November 2015 in der Kapelle des Dresdener Residenzschlosses.

[iii] Sie dazu die kritischen Anmerkungen von Müller (2017) und Neidhardt (2017).

 

Photo by History in HD on Unsplash (MLK in the March on Washington for Jobs and Freedom, in Washington, D.C. on Wednesday, August 28, 1963)

Übernehmen wir?! Vom Ende der Fabriken und dem Beginn von etwas Neuem

bewegung.taz.de - 07.04.2019
25.04.2019, 18:00 Uhr - 15.05.2019

Der klassische Industrie-Arbeiter scheint passé: Rationalisierung, Standortverlagerungen, Fabrikschließungen und Prekarisierung steht auf der Tagesordnung. Mit der Drohkulisse der Massenentlassungen werden in Jahrzehnten erkämpfte Standards geschliffen. Die etablierten Gewerkschaften stehen dem meist nur defensiv gegenüber.

Aber es gibt auch Hoffnung: In hunderten von Fabriken weltweit haben inzwischen die Belegschaften nicht nur die Produktion übernommen, sondern die Orte der monotonen Industriearbeit zu sozialen Experimenten umgewandelt.

Wir werfen mit dieser Filmreihe einen Blick auf diese Umbrüche.

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Rundbrief »KDV im Krieg«, April 2019

bewegung.taz.de - 07.04.2019
08.04.2019, 12:49 Uhr - 09.04.2019

Rundbrief »KDV im Krieg«, April 2019

https://de.connection-ev.org/article-2810

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Global Strike For Future - #Fridays For Future

bewegung.taz.de - 07.04.2019
18.04.2019, 11:08 Uhr - 24.05.2019

Register your climate strike and support demonstration.

https://www.fridaysforfuture.org/join

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Australia : CODE RED ON CLIMATE CHANGE.

bewegung.taz.de - 07.04.2019
19.04.2019, 10:36 Uhr - 19.05.2019

http://react-climate.org/

This April, we are calling

CODE RED ON CLIMATE CHANGE.

Between the 19th April – 19th May, grassroots groups, artists, musicians & skill sharers from across the continent are converging on Central Queensland for a month of direct action, training, workshops and entertainment in opposition to inaction on climate change, Adani’s Carmichael mine & the opening of the Galilee to further coal mining.

The IPCC recently announced that unprecedented change needed to happen over the next 12 years to avert a climate catastrophe that would lead to societal collapse and mass species extinction. Australia is one of the most uniquely biodiverse countries in the world and yet is ranked as the worst performer on climate action. The Great Barrier Reef continues to suffer from bleaching events from increasingly warm oceans and Australia has the highest rate of mammal extinction in the world.

The Adani Carmichael coal mine and rail project would open the Galilee Basin to further thermal coal mining, with approvals current for a total of 5 coal mines and current proposals for an additional 4 massively increasing Australia’s contribution to climate change. Australia is already the largest exporter of thermal coal and with most countries decreasing coal use, increasing thermal coal export does not make economic or environmental sense
Australia must keep all Galilee thermal coal in the ground and rapidly phase out domestic use if we are to avert catastrophe.

With a climate emergency imminent it’s time to REACT!

Come and be a part of the fight for survival.

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Australia : CODE RED ON CLIMATE CHANGE.

bewegung.taz.de - 07.04.2019
19.04.2019, 10:36 Uhr - 19.05.2019

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Vom Intellektuellen zum Propheten – das Ende der Harmlosigkeit

bewegung.taz.de - 06.04.2019
06.04.2019, 18:00 Uhr - 06.04.2019

Veranstaltung: ABSCHIED I:  Vom Intellektuellen zum Propheten – das Ende der Harmlosigkeit                                       Zum Ende der Denkerei, Teil 1, mit Bazon Brock, Christian Matthiessen, Martin Horn und Karl Schlögel 

 

Programm

„Von Paulus in Rom bis zu Christoph Schlingensief in Afrika“
Martin Horn liest aus Christian Matthiessens Theorieroman OTMA & LUNL. MILLER

„Transzendentaler Brückenbau. Wissenschaft ist methodisches Voodoo“
Vortrag von Bazon Brock

„Karl Schlögel mit Stalin im Bauhaus. Was wurde aus dem Neuen Menschen?“
Vortrag von Karl Schlögel

Im Anschluss zeigen wir den Film L'OCCHIO DI DIO (R: Christian Matthiessen, D 2014)

Zum Buch:

Christian Matthiessen: OTMA & LUNL. MILLER. ein theorieroman in the style of the jackson pollock bar. Berlin: Kadmos, 2018. 160 S.

 

 

Pismo Beach lag nun schon einige Stunden hinter uns. Wir waren lange schweigend gefahren, erst den Highway 101 nach Norden, und dann auf der 1 die Küste entlang. Der Sound der E-Gitarren in den Rock 'n' Roll Bars dröhnte uns noch in den Ohren. Die Sonne stand tief über dem Pazifischen Ozean und warf warmes Licht auf die sanften hügeligen Landschaften. Wir hatten noch einmal angehalten, um in einem Liquor Store einige Flaschen Wein zu kaufen. Die Straße schlängelte sich die steiler werdende Küste entlang, ein wenig wie italienische Riviera hatte ich gedacht. Wir fuhren langsam, und erst allmählich hatten wir begonnen zu sprechen. Miller war dann in Fahrt gekommen und rauchte und redete gleichförmig auf mich ein wie beim Diktat oder einer Beschwörung und Millers Stimme legte sich, während wir fuhren, über den Sound, den der Sechszylinder unseres Buick erzeugte. „Ich möchte es mal so sagen: Im Juni 2009 strandete ein berühmter Engländer an der deutschen Steilküste. Es zerschellte dabei die fast zwanzig Jahre tragende Konstruktion. Ich spreche von Liam Gillick“. Miller machte eine Pause und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette. Er lachte. Dann fuhr er fort: „Der deutsche Pavillon in Venedig ! Es ging dort unter Anteilnahme einer großen Zuschauerschaft um Kulturgeschichte und deren Rattenschwänze, und es wurde viel Staub aufgewirbelt im Pavillon, der längst eine Grablege geworden ist.“ Ja, eine Grablege, hatte ich gedacht. Und ich sagte: „Jetzt haben die Witwe und der Dramaturg eine Grablege für Schlingensief daraus gemacht. Und sie haben für dieses sentimentale Bühnenbild sogar noch den „Goldenen Löwen“ für den besten Pavillon bekommen“. Miller sagte nichts dazu. Wir schwiegen eine ganze Weile. Miller hatte seine Zigarette aus dem Fenster geschnippt. Der Fahrtwind blies kalt ins Innere des Wagens. Der Abend färbte die Wolken ein, die einen langen Tag über hoch und weiß am Himmel gestanden hatten, rosa und dann rot, und außer dem gleichförmigen Wummern des Motors hörte man nichts.

www.kulturverlag-kadmos.de/buch/otma-lunl.html

 

Zum Film:

L'OCCHIO DI DIO (R: Christian Matthiessen, D 2014)

Im Hotel Athena in Agrigento auf Sizilien findet eine Konferenz zum Gottesbegriff statt. Als Zeuge geladen ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, Papst Benedikt XVI. Als er den Namen seines Gottes nicht sagen kann, gestattet ihm Hoteldirektor Bazon Brock, bei seinem Lehrer Heidegger auf dem Schiff der toten Denker im nahen Hafen um Rat zu fragen. Heidegger verabschiedet sich in mehreren Botschaften vom (katholischen) Theismus und lässt den Papst schließlich mit dem rätselhaften Begriff des "Seyns" allein. Der Papst zerfällt. Das Konferenzgeschehen wird immer wieder unterbrochen von Auftritten Niklas Luhmanns, der als theoretisches Gespenst in den Tempelanlagen seinen Gott als Beobachter, als personifizierte Transzendenz reflektiert. Das Personal des Hotels führt während dessen mit Filmzitaten von Luis Buñuel einen eigenen surrealen religionstheoretischen Diskurs. Berichterstatter Brock schlägt, zur Bestätigung seines Begriffs der "Theopoesie", schließlich eine Einvernahme des Künstlers Jonathan Meese in dessen Atelier in Berlin vor. Denn es seien doch die Dichter und Künstler gewesen, die die ganze Welt der Götter geschaffen hätten! Der Weg des Gespenstes Niklas Luhmann endet im ZKM in Karlsruhe, wo die reale Gotteskonferenz »Die Beobachtung Gottes« im Mai 2014 stattfand.

A Jackson Pollock Bar Motion Pictures Production

Darsteller
Bazon Brock • Martin Horn • Andreas Windhuis • Jonathan Meese • Beat Wyss

Weitere Darsteller
Peter Weibel

Drehbuch
Christian Matthiessen

Produzent
Institut für soziale Gegenwartsfragen Freiburg

 

Das Freiburger Institut für soziale Gegenwartsfragen lädt ein zum Abschied von der DENKEREI                         Pressekontakt: Ulrike von Wiesenau  +49(0) 1573-4077795

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70 Jahre NATO: Abschied von der nuklearen Teilhabe?

bewegung.taz.de - 04.04.2019
04.04.2019, 19:00 Uhr - 04.04.2019, 21:00 Uhr

Gegründet als Verteidigungsbündnis im Kalten Krieg prägt die NATO seit 1949 die Sicherheitspolitik Europas. Gemeinsam mit euch wollen wir anlässlich des Gründungstages keine historische Rückschau, sondern eine lebendige Debatte zur Zukunft der NATO und der Rolle der Atomwaffen in Europa führen.

Auf dem Warschauer Gipfel 2016 bekräftigte das Bündnis: „Solange Nuklearwaffen existieren, will die NATO eine nukleare Allianz bleiben“. Doch auch die Atomwaffen der NATO-Staaten und die nukleare Teilhabe werden als Bedrohung wahrgenommen. Wie kann dieser Kreislauf aufgelöst werden? Welche Impulse können in diesem Zusammenhang von dem 2017 beschlossenen UN-Vertrag für ein Verbot von Atomwaffen ausgehen?

Wir wollen nach vorn schauen und diskutieren: Welche Bedeutung hat die NATO in Zeiten von „America First“ noch und welche Herausforderungen für Frieden und Sicherheit stellen sich in den kommenden Jahren für Europa?

Muss die NATO zwangsläufig eine nukleare Allianz sein oder welche Wege gibt es für eine Neuausrichtung?

Welche Fragen stellen sich künftig für Deutschland und die nukleare Teilhabe?

Ihr habt Fragen zur NATO, Atomwaffen und der nuklearen Teilhabe? Bei Wikipedia nachlesen ist euch nicht genug? Dann schickt uns eure Fragen vorab und wir diskutieren sie ins unserem „Frag uns Alles“.

Per Mail an: office@ican.berlin Betreff: Frag uns alles

Twitter: #NoNukes4NATO

Gäste:

Giorgio Franceschini, Referent Außen- und Sicherheitspolitik der Heinrich-Böll-Stiftung

Xanthe Hall, Referentin Abrüstung, IPPNW und ICAN

Franca Brüggen, IPPNW (angefragt)

Moderation: Anne Balzer

Ablauf:

Kurzfilm: Let’s decide the future of nuclear weapons before they decide ours.

Begrüßung und Vorstellung der Referent*innen: Anne Balzer

Inputreferate

Frag uns alles:  Diskussion der Fragen mit den Referent*innen

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Kiezspaziergang zu Orten von Verdrängung und Mieter*innenwiderstand im Friedrichshainer Nordkiez

bewegung.taz.de - 04.04.2019
05.04.2019, 18:00 Uhr - 05.04.2019, 21:00 Uhr

Ob Padovicz, CG, Fortis Group und Co. – gemeinsam gegen Vertreibung!

Kiezspaziergang zu den Orte von Verdrängung und Widerstand im Friedrichshain Nordkiez.
Die Aktion findet im Rahmen der Mieter*innenaktionstage statt.

Wir beginnen mit einem 10-minütigen Auftaktscheppern. Bringt Töpfe und Pfannen und Löffel oder ähnliches mit!

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Gegen Padovicz, CG Gruppe, Fortis Group, Pears Global und Co. – Gemeinsam gegen Vertreibung!


Keine Rendite mit der Miete!

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T H E M E N :

- Umwandlung Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Konsequenzen für Mieter*innen und Kieze am Beispiel der Fortis Group.  

  Mieter*innen aus dem Eckhaus berichten.

 

- Eigentumsumwandlung mit Mitteln der Bank für Wiederaufbau. Ein absurdes Beispiel von Verdrängung.

 

- Baustelle CG Gruppe. Wie arbeitet die CG Gruppe, aktuelle Projekte und Auswirkungen auf den Nordkiez.

 

- Pears Global in unserer Nachbarschaft im Nordkiez. Bericht einer Betroffenen. Und: Das Syndikat - deckt auf! Ein Beitrag des

  bedrohten Kneipenkollektivs aus Neukölln. 

 

- Angefragt 'Bambiland': Private Baugruppen - die besseren Gentrifizierer?

 

- Kadterschmiede Bleibt! - Stand der Dinge - Bericht aus der Rigaer 94 - Beleuchtung Schein und Sein des Eigentums im

  Briefkastengeflecht

 

- Liebig 34/ Padovicz-Haus. Das akut bedrohte Hausprojekt berichtet.

 

- Und ein Beitrag über Eigentumszustände unter Padovicz.

 

Der Kiezspaziergang endet mit einem Abschlussscheppern am Hausprojekt Liebig34 mit der Dorfplatz-Küfa zur Stärkung.

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