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Updated: 1 hour 36 min ago

Wenn Essen politisch wird – working paper zur Wir haben es satt!-Demonstration 2020

15.01.2021

Seit zehn Jahren organisiert das Bündnis “Meine Landwirtschaft” Großdemonstrationen zum Auftakt der Agrarmesse “Grüne Woche” in Berlin statt. Die Demonstration ist in der Diskussion über eine Agrarwende hin zu einer regionalen, nachhaltigen und kleinbäuerlichen Landwirtschaft eine feste Größe. Wer kommt zu der Demonstration? Welche Veränderungen fordern die Teilnehmenden und wie halten Sie es selbst mit der eigenen Ernährung? Um solche Fragen zu beantworten haben Forscher*innen der Freien Universität Berlin zusammen mit dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung Teilnehmer*innen der Wir haben es satt!-Demonstration am 18. Januar 2020 befragt.

Die Befragung zeigt: die Wir haben es satt!-Demonstration ist stärker von Frauen geprägt als andere Proteste, junge Teilnehmende machen einen geringeren Anteil aus und die Teilnehmenden ordnen sich politisch deutlich links der Mitte ein. Befragt nach ihrer Wahlabsicht, neigen fast zwei Drittel den Grünen zu; nur die Linkspartei hat daneben nennenswerte Unterstützung. Wie bei vielen Protesten in Deutschland stellen die Befragten einen spezifischen Ausschnitt der Bevölkerung dar: zwei Drittel geben an, einen Universitätsabschluss zu haben, die meisten verfügen über ein mittleres bis hohes Einkommen. Vor allem aber waren die Demonstrant*innen stark politisch engagiert: viele von ihnen sind Mitglieder in politischen Organisationen, sehr erfahrene Demonstrant*innen und vertraut mit den gesellschaftspolitischen Kämpfen zu Klima- und Umweltpolitik. Drei Viertel der Befragten geben an, sich an den Klimaprotesten der Fridays for Future beteiligt zu haben. Für weniger als zwei Prozent war die Wir haben es satt!-Demonstration der erste Protest überhaupt.

Da es bei der Befragung nicht möglich war, auch diejenigen zu erfassen, die sich auf Traktoren an der Demonstration beteiligten, finden sich unter den Befragten nur wenige Erzeuger*innen von Lebensmitteln, sondern in erster Linie Konsument*innen. Die Teilnehmenden setzen zu großen Teilen die Forderung nach einer anderen Agrarwirtschaft auch im eigenen Konsumverhalten um. Der Anteil der Vegetarier*innen und Veganer*innen ist um ein Vielfaches höher als in der gesamten Bevölkerung. Ein Drittel der Befragten gibt an, nie Fleisch zu essen. Insgesamt kann die Gruppe als ernährungsbewusst bezeichnet werden. Sie trifft ethische Kaufentscheidungen und bevorzugt regionale, ökologische und fair gehandelte Lebensmittel. Der Fokus liegt dabei auf der Umgestaltung der Landwirtschaft in Deutschland und in der EU und weniger auf einer gerechten Weltagrarpolitik.

Die Ergebnisse der Befragung sind im working paper 1/2021 nachzulesen:

Madalena Meinecke, Renata Motta, Michael Neuber, Moritz Sommer, Simon Teune, Janina Hennigfeld, Noémi Unkel und Carolin Küppers: Politische Ernährung. Mobilisierung, Konsumverhalten und Motive von Teilnehmer*innen der Wir haben es satt!-Demonstration 2020

Download (pdf, 1,0 MB)

Übersicht der ipb working papers

Foto: Ruben Neugebauer / Campact (cc by-nc 2.0)

Rezension: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen

31.12.2020

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

Maik Fielitz/Nick Thurston (Hg.) 2020: Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US (Transcript), rezensiert von Tobias Fernholz.

Grimm, Jannis/Koehler, Kevin/Lust, Elisabeth/Saliba, Ilyas/Schierenbeck, Isabelle 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments (Sage), rezensiert von Luca Miehe. 

 

Es folgen nun Alexandra Bechtum und Carolina A. Vestana mit einer Rezension zu Vey, Judith/Leinius, Johanna/Hagemann, Ingmar 2019: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis (Transcript). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Poststrukturalistische Blickverschiebungen in der Bewegungsforschung“ in Heft 4/2020 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

Formulierten manche Wissenschaftler*innen vor einigen Jahren noch die Diagnose, die Forschung zu sozialen Bewegungen sei in Deutschland wenig institutionalisiert (zum Beispiel Haunss 2018), mehren sich heute Publikationen und Veranstaltungen zu Protest und alltäglichen Widerstandspraxen. Viele Analysen in der Bewegungsforschung beschäftigen sich vor allem mit den Entstehungsursachen von Bewegungen, ihren Organisationsformen sowie ihren Repertoires. Zunehmend untersuchen Wissenschaftler*innen im deutschsprachigen Raum soziale Bewegungen mit machtsensiblen, diskursorientierten und kritischen Ansätzen. Arbeiten aus der kritischen politischen Ökonomie und Migrationsforschung setzen sich beispielsweise mit der Interaktion zwischen ökonomischen und politischen Strukturen und den Mobilisierungsprozessen von sozialen Bewegungen auseinander (Ribera-Almandoz et al. 2020; Schwenken 2006; Schwertl et. al. 2018). In diesem Forschungskontext haben Forscher*innen Vorschläge entwickelt, wie die Bewegungsforschung über die „traditionelle Werkzeugkiste“ hinausgehen kann, wenn Bewegungen eingebettet in politische und ökonomische Prozesse auf internationaler Ebene analysiert werden (vgl. della Porta 2017; Engelhardt/Moore 2017).

Gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen und die Bewegungsforschung bestehen weiterhin meist nebeneinander. Das Handbuch „Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen“ knüpft an dieser Forschungslücke an. Die Herausgeber*innen Judith Vey, Johanna Leinius und Ingmar Hagemann erklären in der Einführung, „zentrale gesellschaftstheoretische Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte“ haben in der Bewegungsforschung zu wenig Berücksichtigung gefunden

„Dazu gehören beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretisch angelegten Analyseperspektive, die komplexe Wechselbeziehung von sozialer Struktur und Subjekt und die daraus resultierende Negierung der Annahme von feststehenden, vor der Mobilisierung bereits bestehenden und objektiv erfassbaren Identitäten, oder die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (9).

Das Handbuch präsentiert vielfältige poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen, mit denen die Herausgeber*innen das Ziel verfolgen „eine differenzierte Erfassung“ der Vielfalt gesellschaftstheoretischer Perspektiven vorzunehmen und sie mit der Forschung zu sozialen Bewegungen zusammen zu bringen (10).

Die Herausgeber*innen fassen unter sozialen Bewegungen ein breiteres Spektrum an sozialen Praktiken und Organisationsformen, das es ihnen erlaubt soziale Bewegungen zugleich als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu konzeptualisieren.

Der Mehrwert einer poststrukturalistischen Blickverschiebung

Die Herausgeber*innen verfolgen nicht das Ziel ein neues theoretisches Konzept der poststrukturalistischen Bewegungsforschung zu erarbeiten. Vielmehr fordern sie im Anschluss an Moebius/Reckwitz eine „konzeptuelle Blickverschiebung“ (9). Eine poststrukturalistische Perspektive auf soziale Bewegungen soll komplexe Identitäten als solche betrachten, die sich nicht erst durch die Bewegungen konstituieren. Sie soll gesellschaftliche Machtverhältnisse erfassen und nicht zuletzt die Interaktion zwischen Forscher*innen und sozialen Bewegungen auch als solche verstehen. Gleichermaßen präsentiert das Handbuch nicht nur poststrukturalistische Perspektiven, sondern beleuchtet ihre „epistemologischen Prämissen, ihre Anwendung, ihren Mehrwert und ihre Grenzen“ kritisch (10). Die konzeptuelle Blickverschiebung, die die vielfältigen Beiträge vornehmen, rahmt die „postfundamentalistische und gesellschaftstheoretische Perspektive der radikalen Kontingenzakzeptanz“ (21).

Das Handbuch ist im Kontext der Arbeitsgruppe poststrukturalistische Perspektive innerhalb des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) entstanden. Die Beiträge wurden in mehreren Autor*innen-Workshops bearbeitet und vergleichend diskutiert. Die Entstehungsgeschichte unterstreicht den dialogorientierten Forschungsprozess und spiegelt sich in der Systematik der Beiträge wider.

Struktur des Handbuchs und Pluralität der Ansätze

Das Handbuch beginnt mit einer Verortung der Herausgeber*innen, mit der sie die Leerstellen der gegenwärtigen Bewegungsforschung aus ihrer Sicht herausarbeiten und den Mehrwert gesellschaftstheoretisch inspirierter Perspektiven auf soziale Bewegungen hervorheben. Die zahlreichen Einzelbeiträge sind entlang von fünf Teilbereichen gegliedert, in denen sie die Grenzen „etablierte[r] Forschungspraxen“ (19) der Bewegungsforschung aufzeigen und den Beitrag poststrukturalistischer Forschungsperspektiven unterstreichen: „Diskurse und Deutungskämpfe“, „Praktiken und Affekte“, „Hegemonie und Herrschaftskritik“, „Artikulation“ und „Radikale Demokratie weiterdenken“. Die Herausgeber*innen bringen die verschiedenen Aufsätze in einen Dialog, in dem sie den jeweiligen zentralen Erkenntnisgewinn den fünf Teilbereichen zuordnen. So diskutieren sie relevante Theorieströmungen aktueller kritischen und poststrukturalistischen Ansätze, die versuchen sozialen Wandel zu erklären.

Die insgesamt 16 Beiträge folgen einem gleichen Aufbau und stellen ein stichpunktartiges Kurzporträt mit ihren Kernaussagen voran. Gleichzeitig ist das Handbuch eklektisch strukturiert und dokumentiert die Vielfalt poststrukturalistischer Perspektiven. Die Autor*innen der Beiträge greifen auf unterschiedliche theoretische Ansätze zurück, die von Michel Foucault und Stuart Hall über hegemonietheoretische Arbeiten von Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Bob Jessop und Ngai-Ling Sum bis hin zu postkolonialen und feministischen Ansätzen, Affekttheorien und Konzepten der radikalen Demokratie reichen.

Diesen Eklektizismus verfolgen die Herausgeber*innen insofern konsequent, als dass sie im Anschluss an poststrukturalistische Prämissen ein übergeordnetes Erklärungsmodell ablehnen. So erklären die Herausgeber*innen: „Ein wesentliches Grundmotiv poststrukturalistischer Ansätze ist die Skepsis gegenüber festen, stabil und wohlgeordnet erscheinenden sozialen Phänomenen, deren Zustand durch wissenschaftliche Analysen festgehalten werden kann“ (21).

Nicht nur die vielfältigen theoretischen Blickwinkel, sondern auch die breite Auswahl an Bewegungen ist hervorzuheben, die im Handbuch auf Basis fundierter empirischer Erhebungen analysiert werden: Die Beiträge untersuchen zum Beispiel Klimabewegungen, Platzbesetzungen, die Indignad@s sowie post-anarchistische und munizipalistische Bewegungen. Darüber hinaus beleuchten einzelne Beiträge auch die Praktiken von Bürgerwehren und populistischen Bewegungen hierzulande. Als weitere Blickerweiterung sticht beispielweise die Analyse des Islamismus als soziale Bewegung hervor.

Die Vielfalt an theoretischen Zugängen und empirischen Fallbeispielen machen das Handbuch trotz seiner Systematik anspruchsvoll und voraussetzungsvoll. Jeder Beitrag setzt Vorkenntnisse über die jeweiligen gesellschaftstheoretischen Ansätze und/oder empirischen Kontexte voraus.

Ausblick und Aktualität für die Bewegungsforschung

Unserer Einschätzung nach erreicht das Handbuch sein Ziel: Es systematisiert eine Bandbreite an poststrukturalistischen Perspektiven auf soziale Bewegungen und regt dazu an, gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen innerhalb der Bewegungsforschung stärker zu berücksichtigen. Dabei bleibt es nicht beim Postulat einer Blickverschiebung, sondern die Herausgeber*innen und Autor*innen analysieren überzeugend unterschiedliche Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken. Dies tun sie, getreu des Anspruchs poststrukturalistischer Perspektiven, ohne sich für eine übergreifende theoretische und empirische Herangehensweise auszusprechen.

Zusammenfassend zeigt das Handbuch, welchen Mehrwert poststrukturalistische Ansätze für die Analyse sozialer Bewegungen haben können. Darüber hinaus leisten sie eine produktive Verbindung mit der etablierten Bewegungsforschung, indem sie Ansätze wie Framing und Contentious Politics durch die Linsen der poststrukturalistischen Theorien zu ihrer Erneuerung auffordern.

Das Handbuch ist 2019 vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie erschienen. Während wir die Rezension erstellen, ist offen, wie die sozialen und politischen Folgen der Pandemie die Welt verändern werden. In den Verhandlungen einer Post-Krise spielen kollektive Mobilisierung und Formen der politischen Organisation jedoch erneut eine entscheidende Rolle. Wenn die Möglichkeit des Protestierens auf den Straßen begrenzt wird, oder die progressive Symbolik von konservativen und rechtspopulistischen Initiativen zunehmend vereinnahmt wird, braucht die Forschung umso mehr machtsensible analytische Werkzeuge, die sich mit der Komplexität und dem permanenten Verhandeln von Identitäten auseinandersetzten können sowie Bewegungen und Protest als Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse verstehen. Das Handbuch „Poststrukturalistische Perspektiven auf sozialen Bewegungen“ ist zweifelsohne ein wegweisender Ausgangspunkt für solche Forschungsvorhaben.

 

Literatur

della Porta, Donatella 2017: Political Economy and social Movement Studies: The Class Basis of Anti-austerity Protests. In: Anthropological Theory, Jg. 17, Heft 4, 453–473.

Engelhardt, Anne/Moore, Madelaine 2017: Über den Werkzeugkasten hinausgehen: Soziale Bewegungsforschung aus einem materialistisch dialektischen Blickwinkel. In: Momentum Quarterly – Zeitschrift für sozialen Fortschritt, Jg. 6, Heft 4, 271–289.

Haunss, Sebastian 2018: Precarious Research in a Movement Society: Social Movements Research in Germany. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.): Social Movement Studies in Europe: The State of the Art, Protest, Culture and Society. Oxford: Berghahn, 214–231.

Ribera-Almandoz, Olatz/Huke, Nikolai/Clua-Losada, Mònica/Bailey, David J. 2020: Anti-austerity between Militant Materialism and Real Democracy: Exploring Pragmatic Prefigurativism. In: Globalizations, 1–16.

Schwenken, Helen 2006: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme: politische Mobilisierungen um irreguläre Migration in die Europäische Union. Transcript.

Schwertl, Katherine Braun/Georgi, Fabian/Matthies, Robert/Pagano, Simona,/Rodatz Mathias, Maria 2018: Umkämpfte Wissensproduktionen der Migration. Editorial. In: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies, Jg. 4, Heft 1, 9–27.

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Bewegungsforschung und Mediendesign

31.12.2020

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Bisher sind folgende Beiträge erschienen, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind:

Der folgende Text von Philipp Knopp, Tereza Maletz, Peter Fikar und Tilo Grenz erschien unter dem Titel “Bewegungsforschung und Mediendesign. Warum sich die soziale Bewegungsforschung in das Design digitaler Medien einmischen sollte” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 33, Heft 4.2020. Philipp Knopp ist Mitglied des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb).
Kontakt: philipp.knopp@univie.ac.at

Mittlerweile gehört die Annahme, dass digitale Medien soziale Bewegungen nachhaltig verändern, zu den Binsenweisheiten der Protest- und Bewegungsforschung. Sie prägen Protestrepertoires, die Mobilisierung und die Prozesse der Institutionalisierung von sozialen Bewegungen. Die Digitalisierung kann Protestierenden Zugang zu neuen Öffentlichkeiten verschaffen; sie macht sie unabhängiger von der Berichterstattung der Massenmedien, vereinfacht die Etablierung und Aufrechterhaltung transnationaler Solidarbeziehungen und ermöglicht neue Protestformen und -orte (Kannengießer 2014). Zuletzt haben die digitalen Protestformen und Diskussionsforen eine gewisse Kontinuität von Protesten in der Coronakrise ermöglicht. Viele soziale Bewegungen verlagerten ihre Proteste auf Internetplattformen oder griffen auf bereits bewährte Formen digitalen Engagements zurück. So konnten wichtige Kommunikationsbeziehungen aufrechterhalten werden, auch wenn diese Interaktionen (ohne physischen Kontakt) oft von den Protagonist*innen selbst als defizitär wahrgenommen wurden. Soziale Bewegungsakteur*innen experimentierten auch mit den widerständigen Potentialen kommerzieller Onlineplattformen. „Zoom-Streiks“ und „Zoom-Bombings“ sind wohl die aufsehenerregendsten Varianten dieser eigensinnigen Medienpraktiken. Auf solche Aktionen folgten sogar Anpassungen der Videokommunikationsplattform durch eine Veränderung der Zutrittsregulierung.

Auf der anderen Seite der Medaille gibt es rege Debatten über die negativen Folgen der digitalen Mediatisierung politischer Beteiligung: Die Verstärkung von bestehenden Ungleichheiten (Oser/Boulianne 2020), die Ausweitung von Überwachung, hate speech in sozialen Netzwerken, oder die verstärkte Abhängigkeit von digitalen Infrastrukturen sowie die damit verbundene neue Verletzbarkeit gegenüber autoritären Interventionen (Freudenschuß 2017) sind nur einige Facetten, die den ambivalenten Charakter digitaler Medien ausmachen (Knopp 2020). Nicht zuletzt ist die Digitalisierung daher auch politisches Thema sozialer Bewegungen, wie die Proteste gegen Vorratsdatenspeicherung bereits früh gezeigt haben. In der Coronakrise machten der Chaos Computer Club und andere Netzaktivist*innen mit der scharfen Kritik an den Überwachungspotentialen und Sicherheitslücken der staatlichen Corona-Apps von sich reden.

Doch was bedeutet dieses Gewicht der digitalen Medien für jene engagierte Protest- und Bewegungsforschung, die sich für eine gesellschaftliche Demokratisierung und damit auch für ein anerkennendes Verständnis von Protest und sozialen Bewegungen einsetzt?[1] Reicht es noch, die Wirkung digitaler Technologien zu beschreiben und zu analysieren, oder muss die Protest- und Bewegungsforschung in Designprozessen digitaler Medientechnologien mitwirken, ihre Expertise Technologieentwickler*innen zur Verfügung stellen oder selbst Medientechnologien mitentwerfen? Und wenn wir diese letzte Frage mit ja beantworten, welche Position beziehen Forschende in diesem Prozess? Sind wir pro oder contra oder doch wieder „zwischen allen Stühlen“ (Ullrich/Teune 2019)? Was heißt Kritik und allying im Kontext von Design überhaupt, an wen richtet sich diese Kritik? Und wenn wir uns einmischen, welche Kompetenzen steuert die Protest- und Bewegungsforschung bei? Zunächst aber zum Status Quo der digitalen Protestkulturen.

Sozial bewegtes Mediendesign

Protestkulturen manövrieren im digitalen Hindernislauf aus Möglichkeiten, Unebenheiten und Barrieren. Intrinsischer Bestandteil und prägender Faktor dieser Reise ohne erkennbares Ende sind Sicherheitskulturen, die die verschiedenen Protestformen absichern und damit für die Beteiligten ein hinnehmbares Maß an Handlungssicherheit schaffen (Knopp/Ullrich 2019; Ullrich/Knopp 2018). Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass verschiedene Protestspektren selbst aktiv werden und eigene Medientechnologien herstellen, die auf ihre spezifischen Anforderungen materielle Antworten geben (sollen). Neben den technologischen Avantgardebewegungen des hacktivism (Gunkel 2005) besitzen insbesondere größere Protestbewegungen die nötigen Fähigkeiten und die Wirkmacht, Technologien nicht nur zu entwerfen und zu programmieren, sondern sie auch in den eigenen Milieus und darüber hinaus zu verbreiten. Als Erfolgsbeispiel dafür lässt sich die Partizipationsplattform decidim.org verstehen, die zunächst versuchte, die Platzbesetzungen der spanischen 15M-Bewegung und ihre Entscheidungsstrukturen in digitales Material zu übersetzen. Die open-source Plattform sollte die partizipativen Prozesse und die auf horizontale Beteiligungsstrukturen ausgerichteten Regeln der asambleas technisch abbilden und so demokratische Entscheidungsfindung und Organisierung über den lokalen Kontext der Plätze hinaus verstetigen. Mittlerweile umfasst die Plattform verschiedenste Organisierungswerkzeuge und wird offiziell von einigen europäischen Großstädten anerkannt und als digitale Unterstützung der bürgerschaftlichen Partizipation genutzt.

Während die Arbeit sozialer Bewegungen in Design und Herstellung digitaler Technologien zunehmend beforscht wird und der Blick für die Ambivalenzen digitaler Medien wacher wurde (Knopp 2020; Freudenschuß 2015; Grimm et al. 2018), hat die Protest- und  Bewegungsforschung selten den Schritt in das Medien- und Technologiedesign gewagt (Bosk et al. 2018). In unserem Forschungsprojekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation in Wien“ (kurz: DIP) machten wir in den letzten Monaten erste Gehversuche[2] in diese Richtung – mit Menschen, die für die kritische Wiener Wohnungslosenzeitung Augustin arbeiten, bei Fridays for Future aktiv sind bzw. sich beim lokalen Ableger des Chaos Computer Clubs (C3W) engagieren. Das Projekt zielt darauf ab, mit diesen auf je unterschiedliche Weise marginalisierten Gruppen Ansatzpunkte für die Umsetzung eines „digitalen Humanismus“[3] zu suchen und soziale wie technische Designprinzipien zu erarbeiten. Diese Aufgabe stellt notwendigerweise die Frage nach dem normativen Standpunkt der Forscher*innen.

Wo wir stehen: Digitalisierung für den Menschen und Demokratisierung der Gesellschaft

Design ist eine grundlegend normative Praxis, weil es die Zukunft des Lebens, der Arbeit und auch des Protests prägt. Dazu werden gewünschte Zustände imaginiert und Medien dahingehend hergestellt. Design von Medien und Technik hat also umfangreiche Auswirkungen auf die Formen politischen Engagements – oder eben nicht, weil die betreffende Medientechnologie von ihren potenziellen Nutzer*innen schlicht beiseitegelegt und nicht angewandt wird.

Digitale Medien legen bestimmte Gebrauchsweisen in Protestformen nahe, eröffnen neue Wege und erschweren andere. Manches Verhalten wird von den Medien gar unterbunden. Die Handlungsprogramme der Plattformen regeln beispielsweise, wer welche Beiträge anderer zu sehen bekommt, wer sie kontrollieren kann und wer sie verändern oder gar löschen kann. Unsere Untersuchungen zeigten, dass die Regulierung von Sichtbarkeit in der Koordination und Organisierung von Protestpraktiken eine entscheidende Rolle spielt. Sichtbarkeit steht jedoch in einem Spannungsverhältnis mit den Zeitbudgets der Engagierten. Die Medieninfrastrukturen des Chaos Computer Clubs Wien sind etwa auf umfassende Transparenz und breite Sichtbarkeit von Beiträgen der Engagierten füreinander ausgelegt. Die Quantität und Dichte der Kommunikation – insbesondere in Hochphasen des Engagements, in denen in öffentliche Debatten interveniert werden soll – führt aber zum Problem, dass Partizipation einen teils enormen Zeitaufwand und kurzfristige Verfügbarkeit erfordert, um über die Aktivitäten der Gruppierung informiert zu bleiben und daran wirksam teilnehmen zu können. Dies begünstigt das Auftreten von Ungleichheiten und informellen Hierarchien aufgrund der individuell verfügbaren Zeitbudgets, die an bestehende soziale Ungleichheiten anschließen (Verteilung von Care-Arbeit, Arbeitszeiten, staatliche Regulierung des Lebens von Migrant*innen etc.). Bei Fridays for Future Wien besteht eine ähnliche Problematik. Die für die interne Kommunikation genutzte, kommerzielle Work-Flow-Plattform zielt auf unmittelbare Aktivierung der Nutzer*innen in Arbeitsprozessen durch push-Nachrichten. Da Engagement in sozialen Bewegungen aber im Gegensatz zu sog. Normalarbeitsverhältnissen keine fixierten zeitlichen Begrenzungen aufweist, dringt das Engagement vermittelt über Smartphones und andere tragbare devices in andere Lebensbereiche ein. Diese Entgrenzung wird von Engagierten teilweise als invasiv empfunden, befördert Überlastungsprobleme und belastet mithin familiale und freundschaftliche Sozialbeziehungen der Engagierten.

Es ist also nicht belanglos, wie Medientechnologien gemacht sind und wie diese im Verhältnis zu ihrem sozialen Umfeld stehen. Wenn Protestforscher*innen Teil des Designprozesses werden, etwa in der Definition von zu bearbeitenden Problemen, dann stellt sich die Frage, was der normative Bezugspunkt dieser Arbeit ist: Sehen wir uns als neutrale Verlängerungen von Bedürfnissen der Protestierenden jedweder couleur, oder entwickeln wir im Dialog eigene Blickwinkel?

Wir haben uns für die zweite Option entscheiden, weil die erste in sich unmöglich ist, da sie auf einer basalen Ebene die unhintergehbare Subjektivität von Forschenden und Designer*innen negiert,[4] aber auch, weil sich aus der zweiten Position eine Designpraxis (weiter-)entwickeln lässt, die im Sinne einer Demokratisierung von Partizipationsformen operiert. Demokratisierung von digitalen Medien setzt eine Irritation der Routinen der Organisierungs-, Mobilisierungs- und Koordinierungsarbeit voraus, die Ungleichheiten verschärfen oder hervorbringen. Irritation bedeutet dabei, im Designprozess auf die vielgestaltigen Wirkungen bestimmter Medienpraktiken hinzuweisen. Das Design Game, wie wir es in unserer Forschung anwenden, ist eine Möglichkeit der Konfrontation und Sichtbarmachung solcher Routinen und ihrer Wirkungen auf die Partizipation. Dabei bringen wir die unterschiedlichen Gruppen (Wohnungslose, Klima- und Netzaktivist*innen) an einen Tisch und lassen sie gemeinsam spielerische Aufgaben lösen, die dem Alltag der Engagierten nahekommen. Bereits die Zusammensetzung der Teilnehmer*innen und die unterschiedlichen kulturellen Herangehensweisen sollen dabei einerseits eine Reflexion von Routinen bewirken und andererseits gemeinsame Wege mit diesen Problemen umzugehen hervorbringen.

Eine wichtige Inspirationsquelle für diese Grundhaltung der Irritation (vgl. dazu auch Bauman 2001: 294–318) war für uns die politische Philosophie Hannah Arendts. Diese verbindet sich mit einer kritischen Perspektive auf dominante Digitalisierungsprozesse unserer Zeit. In den letzten Jahren wurde die digitale Entwicklung zunehmend von einer Melange aus Überwachung, Datenexpropriation und Profitorientierung vorangetrieben. Mit der forcierten Monopolisierung wichtiger Segmente des Digitalmarktes geht auch eine Erzählung über den Menschen einher, bei der die Lösung sozialer Probleme den eigentlichen Problemen vorangeht. Menschen werden in der Erfolgserzählung der Digitalisierung nicht mehr als legitime Träger*innen von Bedürfnissen gegenüber Sozialwelt und Technik betrachtet, sondern als Trägheitsmomente, die von der Digitalisierung längst überholt wurden und diese nun unbotmäßig ausbremsen. „Die Technik könnte natürlich vielmehr“ ist nicht nur eine vielfach referenzierte Marketingstrategie, um die Leistungsfähigkeit von Digitalware zu bewerben, sondern eine problematische Umkehrung des Verhältnisses von Mensch und Technik, die eine Abkopplung der profitorientierten Technologieentwicklung von historisch-spezifischen Bedürfnissen ermöglicht. Wir dürfen also in den meisten Fällen den ipb-Kollegen Daniel Staemmler und Mark Fielitz zustimmen: Digitale und „soziale Medien sind nicht für Proteste ausgelegt“ (Bovermann 2020).

Wenn nun aber sowohl eine eigenlogische Abkopplung als auch Neutralitätsschimären zu verwerfen sind, dann wird deutlich, dass sich jede Designpraxis über ihre normativen Grundlagen verständigen muss. Welchen Standpunkt kann also ein kritisch-humanistisches Mediendesign einnehmen? Humanismus bzw. die Möglichkeit Mensch-zu-sein ist für Arendt (2016 [1960]) in der „vita activa“ dann gegeben, wenn die Individuen an den Sachen des Gemeinwesens teilnehmen und teilhaben können. Nur in diesem Sinne und nur in den Aushandlungsprozessen mit Anderen entfalten Menschen eine Subjektivität, die es ihnen erlaubt, über ihre Lebensbedingungen, Ziele und Wünsche gemeinsam zu entscheiden. Die Sichtbarkeit der Belange des Anderen ist eine grundlegende Bedingung des politischen Engagements als Freie und Gleiche. Das demokratische Moment des politischen Handelns ist dabei nicht etwa ein fauler Kompromiss, sondern das Recht auf Dissens (Rancière 1999), über das Gemeinsame zu streiten und zu verhandeln. Wenn kritisch-humanistische Designpraxis als Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten zur Partizipation an den öffentlichen Belangen beitragen will, muss sie sich damit auch als wirkliche, weil wirkende Teilnehmerin in der sozialen Welt ansehen und damit selbst streitbar sein. Für Designpraktiken heißt das, Teilhabeformen in sozialen Bewegungen nicht als gegeben, sondern als gemacht und damit im Sinne einer Demokratisierung als offen und modellierbar zu erachten. Die (engagierte) Protest- und Bewegungsforschung hat damit die Aufgabe, Marginalisierungen und Barrieren in sozialen Bewegungen und in Designprozessen zu problematisieren und sichtbar zu machen.

Der Platz der Protest- und Bewegungsforschung in Designprozessen

Wie deutlich wurde, plädieren wir für eine Teilnahme der Protest- und Bewegungsforschung an Designprozessen mit einer eigenständigen normativen Positionierung, die den Raum der Teilhabe erweitern will und sich damit weder den Interessen politischer Akteur*innen unterwirft, noch eine Abkopplung von der Praxis der sozialen Bewegungen vollzieht. Damit wird die Frage nach der Rolle einer sozialwissenschaftlichen Protest- und Bewegungsforschung in diesem Kontext berührt – welchen Platz nimmt sie ein? Wer nicht auf den weiter oben angesprochenen Stühlen Platz nehmen will, hat keine einfache Wahl. Denn kritisch-humanistisches Design kann weder bestehende Teilhabeformen lediglich technisch abbilden, noch aus einer abgekoppelten Position heraus digitale Fiktionen bauen. Es ginge in diesem Sinne darum, eine spanungsgeladene und spannende (!) Vermittlungsposition einzunehmen. Dieses Spannungsverhältnis kann zunächst durch wechselseitige und im Design materialisierte Irritation produktiv gemacht werden. Eine strategische Fragerichtung könnte sein: Welche Forderungen an die digitale Medienpraxis stellt die Demokratisierungsperspektive und auf welche praktischen Hindernisse stößt sie dabei? Dies dient letztlich der Entwicklung von den Bewegungsakteur*innen selbst kommenden Anstöße zu möglicherweise digital vermittelten demokratisierenden Partizipationsformen.

Gleichermaßen hat die Bewegungsforschung komplexe Theorie- und Verallgemeinerungsstrategien zu bieten, die es ihr auch in Designprozessen erlauben, Partizipationsformen auf Demokratisierungspotentiale und -grenzen hin zu befragen. Ihre methodisch geleiteten Reflexionsprozesse erlauben dabei auch einen Zugang zu Erfordernissen, die Aktivist*innen nicht notwendig jederzeit bewusst sein müssen. In unserer Forschung begegnete uns etwa an mehreren Stellen, dass die expliziten Teilnahmebedingungen der untersuchten Bewegungsorganisationen als intrinsisches „Interesse“ definiert wurden, während sich in weiteren Ausführungen aber weitere und teils sehr hohe Anforderungen auftun, um kompetent teilzunehmen. Dies umfasst unter anderem – wie oben angedeutet – die zeitliche Verfügbarkeit (Synchronisierung mit Themen und Entscheidungen entgrenzen sich), Gebrauchswissen im Umgang mit digitalen Plattformen und Sicherheitstools (etwa zur Nutzung sicherer clients) oder auch den Mut, sich politischen Gegner*innen mehr oder minder identifizierbar gegenüberzustellen (und damit etwas zu riskieren). Auf all diese impliziten Anforderungen, d.h. die Bandbreite oftmals stillschweigend artikulierter Anforderungen der Partizipation kann die Bewegungsforschung hinweisen und ihre gruppenspezifischen Ausprägungen (für den C3W gelten z.B. andere Anforderungen an die zeitliche Verfügbarkeit als für den Augustin etc.) herausarbeiten.

Ferner liegt eine Kompetenz der Bewegungsforschung darin, die Spannungsverhältnisse zwischen politischen Möglichkeitsfenstern, verschieden gelagerten und mit sozialen Ungleichheiten verbundenen Alltagsbeziehungen und -problemen, und den Organisierungsprozessen, die das Engagement bestimmter Protestgruppen durchziehen, zu abstrahieren und mit anderen Bewegungen vergleichbar zu machen. Dabei kann sie die partikularen Problemstellungen miteinander in Bezug setzen und entsprechend technologische Bearbeitungsversuche informieren, die über singuläre Lösungen hinausgehen. Denn geteilte digitale Medien können als Infrastrukturen des Gemeinsamen auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gruppen erleichtern und befördern. Nicht zuletzt ist hier aber auch das Selbstbewusstsein der Sozialwissenschaften gefragt, das darin besteht, klar und deutlich herauszustellen, dass Medien- und bloße Technik soziale Probleme nicht zu lösen vermag, sondern vorrangig dazu dienen kann, diese Probleme sie zu überbrücken. Sie muss also weiterhin insistieren, dass soziale Probleme als Anliegen dem Gemeinwesen sichtbar gemacht werden müssen. Und so gerät die Protest- und Bewegungsforschung ein letztes Mal zwischen die Stühle, wenn sie bewusst darauf beharrt, dass soziale Probleme sozialer Lösungen bedürfen und keiner technological shortcuts. Eine so verstandene kritische Designpraxis kann dann die Impulse gelebter Beteiligungspraxis in sozialen Bewegungen aufnehmen und die Verbreitung demokratiefördernder Medien befördern.

 

Philipp Knopp, Dipl.-Soz., ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und arbeitet als Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Wien. Er forscht zu Überwachung und digitalen Medien in sozialen Bewegungen, zur Polizei und zu den Interaktionen zwischen Protest und Polizei. Kontakt: philipp.knopp@univie.ac.at.

Peter Fikar, DI, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation“ am Institut für Soziologie der Universität Wien und Doktorand an der Fakultät Informatik der Technischen Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Human-Computer Interaction, User Centered Design, Interaction Design und Tangible User Interfaces. Kontakt: peter.fikar@univie.ac.at

Tereza Maletz, BA, ist Masterandin und Projektmitarbeiterin im Projekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation“ am Institut für Soziologie der Universität Wien. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich sozialer Ungleichheitsforschung und der Kultursoziologie. Kontakt: tereza.maletz@univie.ac.at

Tilo Grenz, Dr. phil., ist Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei der wissenssoziologischen Mediatisierungsforschung und Organisationssoziologie, Soziologie der Digitalisierung, Cybersecurity und digitale Risiken, Kommunikativen Wissenskulturen und prozessorientierten Forschungsmethoden. Kontakt: tilo.grenz@univie.ac.at

[1] Vgl. für eine ähnlich gelagerte Fragestellung Zajak (2018) in dieser Rubrik.

[2] Ziel des Forschungsprojekts ist es zunächst gemeinsam mit Mediendesigner*innen die Anforderungen und spezifischen Problemstellungen unterschiedlicher Engagementformen und Akteur*innen im Gebrauch digitaler Medien herauszuarbeiten. Auf dieser Basis können im Weiteren die konkrete materielle Gestaltung digitaler Medien bzw. die Programmierung von Software aufbauen. Die Studie umfasst teilnehmende Beobachtungen zu feldzentralen sites und practices (z.B. Hackerspaces, Team-Meetings und Redaktionssitzungen), Feld-Interviews und Gruppendiskussion mit den drei Gruppen. In einem letzten Schritt fließen die Erkenntnisse aus diesen Forschungsphasen in ein Design Game ein, mit dem bestimmte Kommunikations- und Organisierungsprozesse mit Engagierten erprobt werden. Design wird damit in alltagsweltlichen Prozessen der aktiven Aneignung verankert (Moran 2002).

[3] Das Label soll die Digitalisierungsstrategie der Stadt Wien prägen und geht auf eine Initiative von Informatiker*innen und Designer*innen zurück, vgl. Werthner et al. 2019.

[4] Wir beziehen uns hier u.a. auf intensiv geführte Debatten zur Reflexivität der Feldforschung, insofern ebendiese Form der empirischen Forschung erst durch das Im-Feld-Sein, die Erwägungen und interpretativen Schritte der Verschriftlichung ermöglicht wird.

Literatur

Arendt, Hannah 2016 [1960]: Vita activa oder vom tätigen Leben. Piper.

Bauman, Zygmunt 2001: Vom Nutzen der Soziologie. Suhrkamp.

Bovermann, Philipp 2020: Soziale Medien sind nicht für Proteste ausgelegt. 17. August 2020, www.sueddeutsche.de

Bosk, Daniel, Guillermo Rodriguez-Cano/Benjamin Greschbach/Sonja Buchegger 2018: Applying Privacy-enhancing Technologies. One Alternative Future for Protests. In: Melgaço, Lucas/Monaghan, Jeffrey (Hg.): Protests in the Information Age. Social Movements, Digital Practices and Surveillance. Routledge, 73–94.

Freudenschuß, Magdalena 2015: Paradoxe Dynamik. Aktivismus zwischen Anonymität und Sichtbarkeit. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 28(3), 55–62.

Freudenschuß, Magdalena 2017: Infrastrukturen der Un/Sichtbarkeit navigieren? Zur aktivistischen Bearbeitung von Verletzbarkeiten. In: Thomas, Tanja/Brink, Lina/Grittmann, Elke/de Wolff, Kaya (Hg.): Anerkennung und Sichtbarkeit. transcript, 185–199.

Grimm, Maren/Leistert, Oliver/Keil, Siri 2018: Die Formatfrage stellen. Das alternative Medienzentrum FC/MC zum G20-Gipfel (im Gespräch mit Ulrike Bergermann). In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 10(1), 111-129.

Gunkel, David J. 2005: Editorial. Introduction to Hacking and Hacktivism. In: New Media & Society 7(5), 595–97.

Kannengießer, Sigrid 2014: Translokale Ermächtigungskommunikation. Medien, Globalisierung, Frauenorganisationen. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Knopp, Philipp 2020, im Erscheinen: Zwischen Ermächtigung und Überwachung. In: Protestkulturen in mediatisierten Öffentlichkeiten.

Knopp, Philipp/Ullrich, Peter 2019: Abschreckung im Konjunktiv. Macht- und Subjektivierungseffekte von Videoüberwachung auf Demonstrationen. In: Berliner Journal für Soziologie 29(1-2), 61–92.

Moran, Thomas 2002: Everyday Adaptive Design. In: Association for Computing Machinery (Hg.): Proceedings of the 4th Conference on Designing Interactive Systems. Processes, Practices, Methods, and Techniques, 13–14.

Oser, Jennifer/Boulianne, Shelley 2020: Reinforcement Effects between Digital Media Use and Political Participation. A Meta-Analysis of Repeated-Wave Panel Data. In: Public Opinion Quarterly 84(1), 355–365.

Rancière, Jacques 1999: Disagreement. Politics and Philosophy. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Schön, Donald A. 1984: The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. Basic books.

Ullrich, Peter/Knopp, Philipp 2018: Protesters’ Reactions to Video Surveillance of Demonstrations: Counter-Moves, Security Cultures, and the Spiral of Surveillance and Counter-Surveillance. In: Surveillance & Society 16(2), 183–202.

Ullrich, Peter/Teune, Simon 2019: Protestforschung zwischen allen Stühlen. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32(1), 29–40.

Werthner, Hannes et al. 2019: Wiener Manifest für digitalen Humanismus. dighum.ec.tuwien.ac.at

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ. Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31(4), 98–105.

 

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#HambacherForst – ipb working paper erschienen

08.12.2020

Das ipb working paper I.2020 ist erschienen:

Mareike Fenja Bauer: #HambacherForst. Polizeiliche Social-Media-Nutzung im Kontext von Protesten

Download (PDF, 1,7 MB)

Das working paper befasst sich mit der polizeilichen Nutzung sozialer Medien im Kontext von Protesten. Die qualitative Inhaltsanalyse untersucht anhand von Beiträgen der Polizei Aachen
im Kurznachrichtendienst Twitter, wie die Polizei durch Verwendung sozialer Medien die Darstellung der Proteste rund um den Hambacher Forst im öffentlichen Diskurs prägte. Die Fallstudie erstreckt sich über den Zeitraum von August bis Oktober 2018, in dem vermehrt Polizeieinsätze im Hambacher Forst stattfanden. Die untersuchten 190 Tweets wiesen eine binäre Gegenüberstellung der Polizei als besorgter Beschützer*in und der Aktivist*innen als gedankenlosen Gewaltakteur*innen auf. Diese Darstellung wird aus einer Gramscianischen Perspektive als polizeilicher Versuch zur Herstellung und Wahrung hegemonialer Deutungshoheit über umstrittene Ereignisse gedeutet. Die Fallstudie weist zudem auf eine strategische Nutzung von Twitter hin, die in einem Spannungsfeld zur gesellschaftlichen Vertrauens- und Autoritätsposition sowie zum Neutralitätsanspruch der Polizei als Institution steht. Die Polizei trat im Kontext des Hambacher Forsts immer wieder als meinungsprägende Akteurin in Erscheinung. Diese Rolle wird auch im Hinblick auf die Schnelligkeit, Aktualität und Reichweite sozialer Medien kritisch bewertet. Denn die polizeiliche Darstellung erreichte über Twitter in kürzester Zeit ein breites Publikum und zementierte so eine spezifische Lesart der Ereignisse im Hambacher Forst.

Übersicht der ipb working papers

Foto: https://www.flickr.com/photos/aktion_unterholz/44025640634, Flickr-User: “Aktion Unterholz”, Lizenz: Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

Kolloquium „Politik von unten“ Programm Winter 2020/21

11.11.2020

9. November 2020

17.00 Uhr Batuhan Eren: „Love is over, this is going to be Turkey!“: Cathartic Resonance Between the June 2013 Protests in Turkey and Brazil
18.00 Uhr Jasper Finkeldey: Save our iMfolozi Wilderness: Conservation community and contested coal mining

14. Dezember 2020

17.00 Uhr Viktoria Reisch: Extraktivismus und zivilgesellschaftlicher Handlungsraum im Norden Chiles
18.00 Uhr Viviana Uriona: Community-Radios als gegenhegemoniales Projekt am Beispiel Argentiniens

11. Januar 2021

17.00 Uhr Nadja Lüttich: Kollektive Bildungsprozesse in sozialen Bewegungen
18.00 Uhr Rainald Manthe: Warum treffen sich soziale Bewegungen?

8. Februar 2021

17.00 Uhr Svenja Spyra: Genealogische Perspektiven auf Fem(me)ininität in deutschen lesbischen und queeren feministischen Zusammenhängen der Gegenwart
18.00 Uhr Lisa Hahn: Gerichtsverfahren als Politik von unten

Einwahllink: https://conference.sixtopia.net/b/ins-w73-wug

Im Kolloquium „Politik von unten“ werden Forschungsprojekte und Texte zu kollektivem politischem Handeln diskutiert. Dies umfasst unter anderem die Themen politische Mobilisierung, Protest, soziale Bewegungen und Revolutionen. Beiträge aus verschiedenen Disziplinen sind ausdrücklich erwünscht.

Das Kolloquium soll einen gemeinsamen Ort für die verstreute Forschung zu einer Politik von unten schaffen, an dem konzentriert auf hohem Niveau diskutiert wird. Gleichzeitig soll es eine Möglichkeit sein, Forscher_innen mit ähnlichen Interessen regelmäßig zu treffen.

Der für zur Diskussion bestimmte Text wird im Vorfeld über eine separate Mailingliste verschickt und als bekannt vorausgesetzt. Diskutiert werden zum einen Entwürfe von Aufsätzen/Kapiteln (in der Regel vor der Publikation); zum anderen Forschungsprojekte, die den Entwurfsstatus überschritten haben. Die Diskussion orientiert sich an Tilly’s rules of etiquette. Die Arbeitssprache (DE – deutsch / EN – englisch) ist für jedes Datum einzeln festgelegt.

Alle, die regelmäßig am Kolloquium teilnehmen wollen, können sich auf der Mailingliste eintragen, über die Texte im Vorfeld verschickt werden. Wer zu einzelnen Sitzungen kommen möchte, verfolgt die Einladungen über die deutschsprachige Bewegungsforschungsliste und findet dort jeweils eine Adresse über die der aktuelle Text zu beziehen ist. Bei Fragen steht Simon Teune (teune(at)ztg.tu-berlin.de) zur Verfügung.

Das Kolloquium „Politik von unten“ wird seit Beginn des Jahres 2011 vom Arbeitskreis soziale Bewegungen der DVPW  in wechselnden institutionellen Kooperationen organisiert. Zurzeit findet das Kolloquium in Zusammenarbeit mit dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung als Videokonferenz statt. Organisiert wird es von Débora Medeiros, Jannis Grimm, Elias Steinhilper und Simon Teune.

Für jeden Termin sind zwei getrennte Diskussionen vorgesehen, an denen man sich auch einzeln beteiligen kann. Um die erste Diskussion zu verlassen oder um zur zweiten dazu zu stoßen, ist ab 17.50 Uhr eine Bildschirmpause vorgesehen.

Corona-Befragung zivilgesellschaftlicher Organisationen startet

02.11.2020

Die Corona-Krise hat viele Menschen vor große Herausforderungen gestellt. Sämtliche Lebensbereiche sind von der Pandemie und den Reaktionen darauf betroffen. Wie in vielen Krisen sind auch hier Vereine und lose organisierte Initiativen eingesprungen und haben Hilfe organisiert und Ihre Arbeit den neuen Bedingungen angepasst. Aber die Corona-Krise hat auch die Zivilgesellschaft selbst getroffen. Bei einigen Vereinen sind die finanziellen Grundlagen weggebrochen, viele mussten auf das Engagement von älteren und durch das Virus besonders bedrohte Menschen verzichten, Kontaktbeschränkungen erschwerten die politische und soziale Arbeit.

Forscher*innen aus dem Protestinstitut haben sich Mitte des Jahres zusammengeschlossen, um ein umfassendes Bild von der Zivilgesellschaft in der Corona-Krise zu zeichnen. Mit einer Finanzierung der Berlin University Alliance, einem Zusammenschluss der Berliner Universitäten, führen wir eine Online-Befragung von Vereinen und Initiativen durch. Wir fragen unter anderem nach den Veränderungen durch Corona, nach der benötigten Unterstützung und nach neuen Ideen, die sich in den letzten Monaten entwickelt haben.

Einladungen zu der Befragung gehen per Email an mehrere Tausend ausgewählte Vereine und Initiativen, die stellvertretend für die Situation in allen Bundesländern, in 55 Groß- und Kleinstädten und in ländlichen Gemeinden stehen. Zur Ermittlung der Kontakte haben wir Daten aus Vereinsregistern abgefragt und mit Internetrecherchen kombiniert. Jeder Verein und jede Initiative, die sich beteiligt, trägt zu einem vollständigen Bild der Lage bei. Wir bedanken uns schon jetzt bei allen, die sich die Zeit nehmen, unsere Fragen zu beantworten.

Die Befragung ist Teil des Projektes “Solidarisches Verhalten bei der Krisenbewältigung (SolZiv)”. Mehr Informationen zu dem Projekt, das die Befragung von Organisationen und eine repräsentative Bevölkerungsumfrage kombiniert, finden sich auf der Projektseite.

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (III.2020)

24.10.2020

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?
Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr knapp 195 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte im dritten Quartal 2020. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Altieri, Riccardo, und Bernd Hüttner, Hrsg. 2020. Klassismus und Wissenschaft: Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien. BdWi-Verlag.

Anderl, Felix. 2020. „Zu viel Momentum? Das Verhältnis von Bewegung und Partei am Beispiel von Labour“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 682–89.

Borbáth, Endre, und Swen Hutter. 2020. „Are Political Parties Recapturing the Streets of Europe?: A Cross-regional Study of Party Protests in the Great Recession“. In Contention in Times of Crisis, herausgegeben von Hanspeter Kriesi, Jasmine Lorenzini, Bruno Wüest, und Silja Hausermann, 251–72. Cambridge University Press.

Bonacker Thorsten, und Tareq Sydiq. 2020. „The International and the Construction of Opposition in Iran“. In Re-Configurations. Politik und Gesellschaft des Nahen Ostens, hreasugegeben von Rachid Ouaissa, Friderike Pannewick, und Alena Strohmaier, 65-81. Springer VS.

Brand, Ulrich, und Markus Wissen. 2020. „Beyond the Green Economy. The Imperial Mode of Living as Major Barrier for a Circular Economy“. In The Circular Economy in the European Union: An Interim Review, herausgegeben von Sepp Eisenriegler, 131–37. Cham: Springer International Publishing.

Bremer, Björn, Swen Hutter, und Hanspeter Kriesi. 2020. „Electoral Punishment and Protest Politics in Times of Crisis“. In Contention in Times of Crisis, herausgegeben von Hanspeter Kriesi, Jasmine Lorenzini, Bruno Wüest, und Silja Hausermann, 1. Aufl., 227–50. Cambridge University Press.

Briata, Paola, Claire Colomb, und Margit Mayer. 2020. „Bridging across Difference in Contemporary (Urban) Social Movements: Territory as a Catalyst“. Territory, Politics, Governance 8 (4): 451–60.

Daniel, Antje, und Patricia Graf. 2020. „Ikone oder Hassbild? Greta Thunberg und die Fridays for Future-Bewegung“. Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 29 (1).

Daniela Hunold , und Maren Wegner. 2020. „Rassismus und Polizei: Zum Stand der Forschung“. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 42–44. https://www.bpb.de/apuz/316766/rassismus-und-polizei-zum-stand-der-forschung.

Daphi, Priska. 2020. „Politisierung und soziale Bewegungen: zwei Perspektiven“. Leviathan, 93–120.

Della Porta, Donatella, Pietro Castelli Gattinara, Konstantinos Eleftheriadis, und Andrea Felicetti. 2020. Discursive turns and critical junctures: debating citizenship after the Charlie Hebdo attacks. New York, NY: Oxford University Press.

Diefenbach, Aletta, und Tim Lörke. 2020. „Neue Rechte: Identitäre Affektpolitik in Zeiten Der Pandemie“. Gegner Analysen / Zentrum Liberale Moderne. Zugegriffen 2. Oktober 2020.

Eder, Jens, Britta Hartmann, und Chris Tedjasukmana. 2018. Bewegungsbilder: Politische Videos in Sozialen Medien. Texte zur Zeit 8. Berlin: Bertz und Fischer.

Eggersglüß, Christoph, und Tom Ullrich. 2020. „Die Straße sperren, Wege öffnen“. Stadtbauwelt 227 (19): 56–61.

Engels, Bettina. 2020. „Gold Is Not for Eating“: Commodity Frontiers, Nr. 1 (September).

Engels, Bettina. 2021. „All Good Things Come from below? Scalar Constructions of the ‘Local’ in Conflicts over Mining“. Political Geography 84 (Januar).

Fahlenbrach, Kathrin. 2020. „Video-Aktivismus: Formen und Strategien der audiovisuellen Mobilisierung im Netz“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 457–73.

Fielitz, Maik, Leslie Gauditz, Daniel Staemmler, und Verena Stern. 2020. „Digitaler Aktivismus: Hybride Repertoires zwischen Mobilisierung, Organisation und Vermittlung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 397–400.

Fielitz, Maik, und Holger Marcks. 2020. Digitaler Faschismus Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Duden Verlag.

Fielitz, Maik, und Daniel Staemmler. 2020. „Hashtags, Tweets, Protest? Varianten des digitalen Aktivismus“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 425–41.

Ganz, Kathrin, und Jette Hausotter. 2019. Intersektionale Sozialforschung.  Bielefeld: transcript.

Gardner, Beth Gharrity, und Michael Neuber. 2020. „Climate Justice in a Populist Era: Grievance Politicization Among Fridays for Future Protesters in Germany“. Leviathan, 173–204.

Gauditz, Leslie. 2020. „Urbane Kämpfe zwischen Staat und Aktivismus: Der Athener Stadtteil Exarcheia nach dem Regierungswechsel 2019/2020“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 415–24.

Graf Strachwitz, Rupert, und Rolf Alter. 2020. „Improving Trust in Trusts: Introducing the Philanthropy.Insight Tool“. Trusts & Trustees 26 (6): 483–92.

Gubernat, Ruxandra, und Henry P. Rammelt. 2020. „“Vrem o Ţară ca Afară!”: How Contention in Romania Redefines State-Building through a Pro-European Discourse“. East European Politics and Societies: And Cultures, Mai.

Haase, Annegret, Anika Schmidt, Dieter Rink, und Sigrun Kabisch. 2020. „Leipzig’s Inner East as an Arrival Space? Exploring the Trajectory of a Diversifying Neighbourhood“. Urban Planning 5 (3): 89–102.

Haunss, Sebastian, und Moritz Sommer, Hrsg. 2020. Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel Konturen der weltweiten Protestbewegung. Transcript.

Haunss, Sebastian, Moritz Sommer, und Lisa Fritz. 2020. „Fridays for Future. Konturen einer neuen Protestbewegung“. In Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel Konturen der weltweiten Protestbewegung., herausgegeben von Sebastian Haunss und Moritz Sommer, 7–14. transcript.

Hutter, Swen, und Ines Schäfer. 2020. „Politischer Protest im wiedervereinigten Deutschland“. bpb.de Dossier: Lange Wege der Deutschen Einheit. Zugegriffen 13. Oktober 2020. https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47408/politischer-protest.

Hüttner, Bernd. 2020a. „Rezension: Jacqueline Heinen…und 110 andere: 1968… Jahre der Hoffnung. Rückblick auf die Revolutionäre Marxistische Liga / Sozialistische Arbeiterpartei, Edition 8, Zürich 2019“. Arbeit – Bewegung – Geschichte 3. https://www.rosalux.de/news/id/43083.

Hüttner, Bernd. 2020b. „Rezension: Peggy Piesche (Hg.): Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost; Verlag Yılmaz-Günay. 2020.“ Contraste, Oktober. https://www.rosalux.de/news/id/42592.

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Kocyba, Piotr, und Dániel Mikecz. 2020. „Lethargie, zivilgesellschaftlicher Aufruhr und Shrinking Spaces – Protest- und Bewegungsforschung in Ostmitteleuropa“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 690–702.

Kocyba, Piotr, und Małgorzata Łukianow. 2020. „The Right in the Streets. The Past and Present of the Polish March of Independence“. Political Research Associates. Online

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Lohmeier, Christine, Anne Kaun, und Christian Pentzold. 2020. „Making Time in Digital Societies: Considering the Interplay of Media, Data, and Temporalities—An Introduction to the Special Issue“. New Media & Society 22 (9): 1521–27.

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Mayer, Margit. 2020b. „What Does It Mean to Be a (Radical) Urban Scholar-Activist, or Activist Scholar, Today?“ City 24 (1–2): 35–51.

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Mullis, Daniel. 2020. „Protest in Zeiten von Covid-19: Zwischen Versammlungsverbot und neuen Handlungsoptionen“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 528–43.

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Prause, Louisa, und Philippe Le Billon. 2020. „Struggles for land: comparing resistance movements against agro-industrial and mining investment projects“. The Journal of Peasant Studies: 1–24.

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Rucht, Dieter. 2020. „Rezension. Deutsche Protestgeschichte“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 549–52.

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Sommer, Moritz, und Sebastian Haunss. 2020. „Fridays for Future. Eine Erfolgsgeschichte vor neuen Herausforderungen“. In Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel Konturen der weltweiten Protestbewegung., herausgegeben von Sebastian Haunss und Moritz Sommer, 237–52. transcript.

Sommer, Moritz, Sebastian Haunss, Beth Gharrity Gardner, Michael Neuber, und Dieter Rucht. 2020. „Wer demonstriert da? Ergebnisse von Befragungen bei Großprotesten von Fridays for Future in Deutschland im März und November 2019“. In Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel Konturen der weltweiten Protestbewegung., herausgegeben von Sebastian Haunss und Moritz Sommer, 15–66. transcript.

Stern, Verena. 2020. „Covid-19 als Themenfeld der Rechten?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 677–81.

Ullrich, Tom. 2020. „Working on Barricades and Boulevards: Cultural Techniques of Revolution in Nineteenth-Century Paris“. In Cultural Techniques, herausgegeben von Jörg Dünne, Kathrin Fehringer, Kristina Kuhn, und Wolfgang Struck, 23–46. De Gruyter.

Weisskircher, Manès. 2020. „Neue Wahrheiten von rechts außen? Alternative Nachrichten und der ‚Rechtspopulismus‘ in Deutschland“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33 (2): 474–90.

Zajak, Sabrina. 2019. „Protest 1968 bis heute: Die langfristigen Wirkungen sozialer Bewegungen“. In Protest! Die 21. Hannah Arendt Tage, herausgegeben von Franziska Martinsen, 33–41. Velbrück Wissenschaft.

Zajak, Sabrina, Katarina Stjepandić, und Elias Steinhilper. 2020. „Pro-Migrant Protest in Times of COVID-19: Intersectional Boundary Spanning and Hybrid Protest Practices“. European Societies, September, 1–12.

Lethargie, zivilgesellschaftlicher Aufruhr und Shrinking Spaces

21.10.2020

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Bisher sind folgende Beiträge erschienen, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind:

Der folgende Text von Piotr Kocyba und Dániel Mikecz erschien unter dem Titel “Lethargie, zivilgesellschaftlicher Aufruhr und Shrinking Spaces – Protest- und Bewegungsforschung in Ostmitteleuropa” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 33, Heft 3.2020. Beide Autoren sind Mitglieder des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb). Kontakt: piotr.kocyba@phil.tu-chemnitz.de, mikecz.daniel@tk.mta.hu.

Der Untergang kommunistischer Autokratien im östlichen Europa ist maßgeblich zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zu verdanken: Dissident*innen hatten in den Jahren vor dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Gegenöffentlichkeit und damit Räume für unabhängige politische Diskussionen geschaffen. So konnte frei von staatskommunistischer Einflussnahme über Menschenrechte und Systemreformen bzw. -alternativen debattiert werden. In der Konsequenz erodierte die Legitimität der kommunistischen Machthaber. Vertreter*innen der unabhängigen Zivilgesellschaft nutzen schließlich das durch die Perestroika aufgestoßene politische Gelegenheitsfenster und brachten die maroden Regime durch den Druck der Straße zu Fall – eine noch kurz zuvor unvorstellbare Entwicklung. Alles in allem wurde die bipolare Weltordnung somit im Wesentlichen von bewegten Bürger*innen überwunden – und dies (meist) ohne den Einsatz von Gewalt. Kein Wunder also, dass die Entwicklungen im östlichen Europa einen weltweiten Boom der Zivilgesellschaftsforschung auslösten (Klein 2001, 32).

Als Schauplatz der Ereignisse erfüllte Ostmitteleuropa damit alle Voraussetzungen, um selbst zu einem Hotspot der Bewegungsforschung zu werden. Warum dies jedoch nicht eingetreten ist, wird in dem vorliegenden Artikel diskutiert. Dabei wird dargestellt, wie (1) die normative Aufladung der Zivilgesellschaft in den Jahren der Systemtransformation nach den Regimewechseln eine doppelte Enttäuschung bewirkte: Einerseits ebbte der Aktivismus im östlichen Europa schnell ab; andererseits zeigte sich, dass sich die wenigen aktiven Bürger*innen nicht zwangsläufig demokratiefördernd engagierten. Die der Zivilgesellschaft zugeschrieben Rolle als Garantin der Demokratie führte überdies, vor dem Hintergrund ihrer angenommenen Schwäche, zu (2) Bemühungen des Kapazitätsaufbaus des sogenannten Dritten Sektors, der in einem Fokus der Wissenschaft auf Nichtregierungsorganisationen (NGOs) statt Bewegungen mündete. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung wurde zu einem der Hauptgründe dafür, dass (3) die Forschungstradition der Bewegungsforschung bei der Beschreibung des zivilgesellschaftlichen Aktivismus in Ostmitteleuropa eine marginale Rolle behielt. Die blinden Flecken (4), die hieraus entstanden, sind mittlerweile – auch wegen der zunehmend offensichtlichen Mobilisierbarkeit der Gesellschaften im östlichen Europa – kaum mehr zu übersehen! Zwar gäbe es somit aktuell genug Ansatzpunkte für ein Revival der Bewegungsforschung im ostmitteleuropäischen Kontext, doch wird selbiges heute (5) von einem illiberalen Zeitgeist behindert, der insbesondere in Ungarn und Polen politisch mehrheitsfähig ist und Shrinking Spaces produziert – sowohl für den Aktivismus als auch für die Bewegungsforscher*innen selbst. Die aktuelle Situation ruft nicht nur nach neuen Forschungsvorhaben, sondern auch nach Solidarität mit Kolleg*innen in Ostmitteleuropa (6).

 

1 Die ‚gute Fee der Zivilgesellschaft‘

Bereits zehn Jahre nach den Ereignissen von 1989 hielt Klaus von Beyme angesichts der eingangs beschriebenen unerfüllten Erwartungshaltung an die Zivilgesellschaften Osteuropas ironisch fest: „Es war wie im Märchen; als der Bann sich löste und das Gespenst [des Kommunismus; Anm. der Autoren] sich auflöste, trat gleichsam eine gute Fee hervor: die Zivilgesellschaft“ (von Beyme 2000, 41). Von Beymes offensichtlicher Skeptizismus gründete vor allem in der affirmativen wie normativen Aufwertung der Rolle der Zivilgesellschaft als Triebkraft nicht nur für den politischen Wandel, sondern für die Demokratie im Allgemeinen. Eine starke, sich selbst organisierende Zivilgesellschaft galt (und gilt) vielen als Grundvoraussetzung für eine funktionierende und robuste Demokratie. Hierfür sind zwei Gründe zentral: Erstens kann in einer Demokratie eine vitale Zivilgesellschaft staatliche Macht kontrollieren und limitieren, zusätzliche Kanäle der Interessenstransmission zwischen Bürger*innen und Staat schaffen, sowie allgemein dabei helfen, demokratische Institutionen zu legitimieren. Zweitens stimuliert zivilgesellschaftliches Engagement eine demokratische Kultur der Toleranz und des Aushandelns von Interessen (Diamond 1994, 7ff.). Ganz im Sinne eines neo-tocqueville‘schen Ansatzes spricht Robert D. Putnam von der Zivilgesellschaft als Schule der Demokratie (Putnam 2000, 338).

Die ‚gute Fee der Zivilgesellschaft‘ hatte sich in Ostmitteleuropa jedoch sehr schnell entzaubert. Konventionelle wie unkonventionelle Formen der Bürger*innenbeteiligung nahmen nach einer hohen Mobilisierung im Kontext des Systemwandels in den Folgejahren deutlich ab (Ekiert/Kubik 2001, 183). Die Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen lag seit der Wende unter dem Niveau nicht nur westlicher, sondern auch anderer postautoritärer Gesellschaften wie etwa in Südamerika oder Südeuropa – und dies trotz häufig liberaler gesetzlicher Rahmenbedingungen und einer Zunahme von NGOs. Marc M. Howard machte in seiner viel beachteten Studie über den geringen zivilgesellschaftlichen Organisationsgrad der Nachwendejahre drei Gründe für diese Entwicklung aus: erstens, das große Misstrauen gegenüber öffentlichen bzw. staatlichen Organisationen und Strukturen; zweitens, das Vertrauen in eigene private Netzwerke; und drittens, die Enttäuschung über die politischen und ökonomischen Entwicklungen nach der Wende (etwa über die hohe Arbeitslosigkeit) (Howard 2003, 145). Es schien also als wurde das Vermächtnis der staatssozialistischen Ära – gemeint ist das grundsätzliche Misstrauen gegenüber allem Offiziell-Staatlichem gepaart mit dem Rückzug ins Private – durch Enttäuschungserfahrungen im Zuge der Systemtransformationen konserviert. Verstärkt wurde dieses Phänomen zusätzlich durch die wirtschaftliche Krise, die auch auf zivilgesellschaftliche Organisationen und deren Ressourcen ausstrahlte. Folglich zeichnete sich das östliche Europa – so lange Zeit der wissenschaftliche Konsens – in den 1990er Jahren vor allem durch zivilgesellschaftliche Lethargie aus.

Die ‚gute Fee der Zivilgesellschaft‘ schien jedoch nicht nur an Kraft verloren zu haben. Es stellte sich zudem heraus, dass sie nicht immer als ‚gut‘ zu bezeichnen war. Unter Verweis auf (rechts-) extremistische oder antidemokratische Bewegungen, stellten Autor*innen der ‚guten Fee‘ zunehmend die ‚böse Hexe‘ der Bad Civil Society (Chambers/Kopstein 2001) oder der Uncivil Society (Kopecký/Mudde 2003) gegenüber. Obgleich die Mobilisierung von rechts bei weitem nicht nur für Ostmitteleuropa typisch ist, kann somit festgehalten werden, dass die Zivilgesellschaften insbesondere in dieser Region den Erwartungshaltungen nicht gerecht werden konnten. Die Schulen der Demokratie wurden rückblickend nicht nur selten besucht, sondern sie waren auch nicht immer prodemokratisch ausgerichtet.

 

2 Bürokratisierung und Entpolitisierung der Zivilgesellschaft

Die gerade beschriebene doppelte Enttäuschung hatte nicht nur theoretische, sondern auch praktische Konsequenzen. So wurde bereits Anfang der neunziger Jahre der Kapazitätsaufbau des sogenannten Dritten Sektors durch Know-how-Transfer und die Bereitstellung von Ressourcen eingeleitet. Besonders aktiv wurden Organisationen wie die United States Agency for International Development (USAID), das National Endowment for Democracy (NED) oder das Open-Society-Institute (OSI) (Carothers 1999). Deutsche parteinahe Stiftungen und Heranführungsprogramme der EU, die den Beitrittsprozess der Staaten Ostmitteleuropas begleiteten, spielten in der Region seit der Mitte der neunziger Jahre ebenfalls eine wichtige Rolle – überhaupt wurde die EU nicht erst nach dem Beitritt der Staaten Ostmitteleuropas zu einem der wichtigsten Geldgeber für den Non-profit-Bereich (Císař/Vráblíková 2013). Der so geförderte Aktivismus zielte inhaltlich in erster Linie auf Umweltschutz, Menschenrechte, Frauenrechte und Minderheitenrechte ab – Themen also, die typisch für die Bewegungsgesellschaften des Westens sind. Wegen der von außen eingeleiteten Themensetzung und trotz der investierten Ressourcen war im Falle der von ausländischen Mitteln abhängigen NGOs jedoch keine breite Mobilisierung, sondern vielmehr eine Bürokratisierung und Entpolitisierung zu beobachten. Die geförderten Akteure*innen widmeten sich – so der Vorwurf – häufig stärker dem Antragsschreiben, Abrechnen von Fördermitteln und der Kommunikation mit ausländischen Geldgebern als dem Austausch mit der eigenen Basis im Land (Mudde 2003, 162). Der wachsende Pool an professionellen Vollzeitaktivist*innen bemühte sich zudem vor allem darum, politische Entscheidungsträger*innen durch Expert*innenwissen zu beeinflussen und scheute offene Konflikte. Ziel dieser nach westlichen Vorstellungen aufgebauten NGOs war es häufig nicht, eigene Anliegen oder diejenigen der potenziellen Unterstützer*innen zu forcieren, sondern den Prioritäten der Geldgeber gerecht zu werden (Jacobsonn/Saxonberg 2013, 8).

 

3 Marginalität der Bewegungsforschung in Ostmitteleuropa

Der Fokus auf gesellschaftlichen Konsens ist nicht ausschließlich die Konsequenz dieser sogenannten NGOisierung der Zivilgesellschaften. Besonders deutlich wird das im Falle der akademischen Beschreibung der Solidarność, die im Gros der polnischen Untersuchungen einem dominanten Narrativ folgend Ausdruck einer anti-kommunistischen, pro-demokratischen gesellschaftlichen Übereinkunft der ganzen Nation war (Płatek 2016, 206). Weil die Bewegungsforschung jedoch innergesellschaftliche Konflikte ins Zentrum ihres Interesses rückt, überrascht es somit nicht, dass polnische Studien zu einer der bedeutendsten Bewegungen der neueren Geschichte meist ohne einen fundierten Rückgriff auf die Methoden oder den Beschreibungsapparat der Bewegungsforschung auskamen.[1] Überhaupt blieb die Bewegungsforschung im postkommunistischen Europa lange Zeit marginal – und ebenso Ostmitteleuropa für die Bewegungsforschung anderorts.[2] Um das Beispiel Polens wieder aufzugreifen: Die Mehrheit der wenigen originellen Untersuchungen über kollektive Mobilisierung in der polnischen Nachwendegesellschaft entstammt der Feder westlicher Wissenschaftler*innen (ebd., 191). In einigen anderen Wissenschaftssystemen Ostmitteleuropas (etwa in Ungarn) wurden Methoden und Beschreibungspraktiken der Bewegungsforschung zwar häufiger als in Polen angewandt, jedoch nicht systematisch und im Vergleich zu Westeuropa oder den USA selten. Zu den Ausnahmen zählen etwa die Arbeiten Máté Szabós zu alternativen Jugendbewegungen während des Regimewechsels (1990a), zu ungarischen Neuen Sozialen Bewegungen (1990b), zur ungarischen Protestkultur (1996) oder zu Protesten gegen das Regime Viktor Orbáns (2017). Szabó war es auch, der die Methoden der Bewegungsforschung wie die Analyse politischer Gelegenheitsstrukturen (1991) oder die Protestereignisanalyse (1997) in Ungarn einführte.[3] Erwähnt werden muss hier auch Béla Greskovits, der sich aus bewegungssoziologischer Sicht mit der ‚dunklen Seite der ungarischen Zivilgesellschaft‘ beschäftigte (1998, 2015, 2020). Für Tschechien nahm etwas später Ondřej Císař dieselbe Scharnierfunktion zwischen internationaler Bewegungsforschung und tschechischer (wie ostmitteleuropäischer) Fallbeispiele ein (überblicksartig siehe Císař 2018).

Dennoch bleibt festzuhalten, dass eine institutionelle Bündelung der Bewegungsforschung in Ostmitteleuropa weiterhin nicht existiert.[4] Mag die Situation für Bewegungsforscher*innen im sogenannten Westen auch keineswegs zufriedenstellend sein, so gibt es zumindest vereinzelte Institutionen wie das Centre on Social Movement Studies an der Scuola Normale Superiore in Florenz oder das neu gegründete Copenhagen Centre for Political Mobilisation and Social Movement Studies an der Universität Kopenhagen, um nur zwei europäische Beispiele herauszugreifen. Der seit den 2010er Jahren zunehmend aktiv werdenden neuen Generation an Bewegungsforscher*innen aus Ostmitteleuropa fehlt dagegen eine adäquate institutionelle Infrastruktur. Das hat zur Konsequenz, dass Bewegungsforscher*innen in den ohnehin prekären Wissenschaftssystemen Ostmitteleuropas der Zugang zu Ressourcen weiter erschwert wird.

 

4 Blinde Flecken und zivilgesellschaftlicher Aufruhr

Trotz dieser schlechten institutionellen Ausstattung scheint die Perspektive der Bewegungsforschung für das östliche Europa zuletzt an Bedeutung zu gewinnen. So hat mittlerweile die Ansicht an Popularität gewonnen, dass seine Zivilgesellschaften eben nicht lethargisch sind, sondern sich Aktivismus hier teilweise anders darstellt, als erwartet. Zivilgesellschaft in Ostmitteleuropa (und anderswo) ist, so die These, keinesfalls ausschließlich „a provider of public services, moral blueprint, or control on power“ (Jacobsson/Korolczuk 2017, 18). Kerstin Jaccobson und Elżbieta Korolczuk verweisen hier auf zwei Phänomene:

Erstens gibt es wenig formalisierte Initiativen und Kooperationen, die ad-hoc Aktivismus jenseits etablierter Organisationen erlauben und sich in Ostmitteleuropa großer Popularität erfreuen. So geben beispielsweise nur knapp 14 Prozent der Pol*innen an, einer Organisation (inklusive religiöser Gruppen oder Parteien) anzugehören (ebd., 14). Gleichzeitig geben 78 Prozent an, sich im vergangenen Jahr freiwillig und nicht profit-orientiert gesellschaftlich engagiert zu haben (ebd. 21). Diese Diskrepanz zwischen Engagement und Mitgliedschaft ist beachtlich. Wer ausschließlich auf die Mitgliedszahlen in Verbänden blickt, dem entgeht ein Großteil des zivilgesellschaftlichen Aktivismus.

Zweitens bleibt auch im Falle formal organisierter Personen ein großer Teil des Aktivismus bislang unerforscht. 75 Prozent derjenigen Pol*innen die Mitglied einer zivilgesellschaftlichen Organisation sind, sind im christlich-konservativen Kontext aktiv, dem wissenschaftlich bislang kaum Aufmerksamkeit zugekommen ist (ebd. 19). Beide Phänomene zusammen betrachtet können die zunehmende Beliebtheit der These erklären, der zufolge die Gesellschaften des östlichen Europas keinesfalls passiv sind, sondern dass schlichtweg ein großer Teil des zivilgesellschaftlichen Engagements unsichtbar geblieben ist.

Spektakuläre Großdemonstrationen der letzten Jahre scheinen diese Mobilisierbarkeit der Gesellschaften Ostmitteleuropas zu bestätigen. Beispiele sind die 2019 entflammten regierungskritischen Demonstrationen Milion chvilek pro demokracii (eine Million Momente für die Demokratie) in Prag oder die korruptionskritischen Proteste in der Slowakei, die 2018 durch den Mord an dem Journalisten Kuciak und seiner Verlobten Kusnirova ausgelöst worden sind und die nicht nur den Rücktritt des Ministerpräsidenten und des Innenministers zur Folge hatten, sondern dem Erfolg der Umweltaktivistin Zuzana Čaputová bei den Präsidentschaftswahlen 2019 den Weg ebneten. Besonders virulent waren mehrere Protestwellen in Rumänien: 2013 gegen ein Bergbauprojekt in Roșia Montană; 2015 nach einem verheerenden Brand in dem Musikclub Colectiv; 2017 gegen die Begnadigung von Amtsträger*innen, die wegen Korruption verurteiltet worden waren; 2018 gegen eine Justizreform und gegen Korruption. In Polen wird dagegen seit der Machtergreifung durch die PiS kontinuierlich gegen die Reformen der rechtspopulistischen Regierung protestiert – allein Warschau verzeichnete im Jahr nach der Regierungsübernahme im November 2015 ein Anstieg angemeldeter Demonstrationen von 559 auf 2.418 (Ścisłowska 2017). Besonders beindruckend waren die Frauenproteste gegen die geplante Verschärfung des (ohnehin schon sehr strengen) polnischen Abtreibungsgesetzes, die 2016 und 2018 zehntausende auf die Straßen brachten (Korolczuk u.a. 2019). In Ungarn löste der Machtantritt der FIDESZ im Jahr 2010 ebenfalls mehrere Protestwellen aus, darunter Proteste für Medienfreiheit (2011-2012), für demokratische Bildung (2016) und für akademische Freiheit (2017 in Solidarität mit der Central European University; 2019 für die Ungarische Akademie der Wissenschaften).

Neben derartig sichtbaren Großveranstaltungen ist eine Reihe bislang kaum erforschter Phänomene zu beobachten, die für die Bewegungsforschung interessant sind: So sind die Frauenproteste in Polen auch wegen ihrer Breitenwirkung in kleinen und peripheren Städten bemerkenswert, in denen der feministische Protest nicht nur von unerfahrenen Aktivist*innen, sondern auch ohne den Schutz der großstädtischen Anonymität organisiert wird (Muszel/Piotrowski 2018). Ein weiteres Beispiel sind Allianzen zwischen Protestakteur*innen, die die eingangs erwähnte normative Zweiteilung in eine gute und schlechte Zivilgesellschaft schablonenhaft erscheinen lassen. So beteiligten sich in Ungarn Ende 2018 und Anfang 2019 Gewerkschaften, informelle Gruppen sowie Oppositionsparteien jeder politischen Verortung an den ökonomisch motivierten Demonstrationen gegen das Überstundengesetz der Orbán-Regierung. Das heißt, es demonstrierten hier etwa LGBTQ- oder Romaaktivist*innen gemeinsam mit der rechtsradikalen Jobbik (Győri 2019, 24). Die relativ schwache Opposition sieht sich offenbar inzwischen dazu gezwungen, gegen den illiberalen Staat über ideologische Grenzen hinweg mehr oder weniger offizielle Allianzen zu schmieden – die klassischen Cleavages werden in Ungarn durch die Gegnerschaft gegen die FIDESZ überdeckt.

Ein besonderes Phänomen stellen in den illiberalen Regimen Ostmitteleuropas aber auch solche Demonstrationen dar, die zur Unterstützung der Regierung organisiert werden, was in Demokratien westlichen Typus eher zur Ausnahme gehört. Hier sei auf die jährlich organisierten Friedensmärsche in Ungarn verwiesen (Metz 2015) oder auch auf eine Demonstration zur Unterstützung der Justizreformen der polnischen Regierung im Februar 2020. Ostmitteleuropa bietet aus der Sicht der Protest- und Bewegungsforschung somit eine ganze Bandbreite spannender Entwicklungen, die einer eingehenden Analyse bedürfen.

 

5 Shrinking Spaces – auch für die Wissenschaft

Zu den gerade beschriebenen blinden Flecken kommt hinzu, dass die illiberalen Regime zunehmend die Aktionsräume zivilgesellschaftlicher Akteur*innen zu beschneiden versuchen. Das prominenteste Beispiel stellt das ungarische NGO-Gesetz von 2017 dar.[5] In Ungarn müssen sich seither zivilgesellschaftliche Organisationen, die eine finanzielle Unterstützung von ausländischen Geldgeber*innen von mehr als 21.000 EUR erhalten, gerichtlich registrieren lassen. Zudem besteht die Verpflichtung, in Veröffentlichungen und Informationsmaterialen (wie dem Internetauftritt) darauf hinzuweisen, dass man eine aus dem Ausland unterstützte Organisation sei. Die hierin enthaltene stigmatisierende Unterstellung wird in der Präambel des Gesetzes offen artikuliert: Solche aus dem Ausland finanzierte Organisationen seien ausländischen Interessen und nicht dem gemeinschaftlichen Interesse Ungarns verpflichtet.[6]

Neben diesem prominentesten Versuch, unabhängige zivilgesellschaftliche Akteur*innen in ihrer Arbeit zu behindern, kommt es in Ostmitteleuropa vielerorts zu administrativen Schikanen, einem teilweise rabiaten Vorgehen von Sicherheitsbehörden und der Umleitung staatlicher Unterstützung für regressive Organisationen – auf Kosten etwa der Frauen- oder LGTB-Bewegung.[7] Dabei ist wenig bekannt, welche Konsequenzen der in Ungarn etablierte und in Polen nachgeahmte illiberale Staat für zivilgesellschaftliche Akteur*innen oder soziale Bewegungen hat. So ist – um nur ein Beispiel herauszugriefen – in Ungarn zu beobachten, dass Aktivist*innen in Reaktion auf zunehmend engere finanzielle Spielräume auch unternehmerisch aktiv werden. Abgeschnitten von internationalen Fördermitteln (in der Region besonders aktive Geldgeber wie die European Action Service and Norway Grants ziehen sich zurück) sowie unwillig, finanziell vom willkürlich agierenden ungarischen Staat abhängig zu sein, verspricht die wirtschaftliche Selbstständigkeit finanzielle Stabilität. Ein Beispiel sind Umweltaktivist*innen, die im ländlichen Raum als Verbraucher*innengemeinschaften aktiv werden und regionale wie ökologische Nahrungsmittel mit dem entsprechenden ideellen Unterbau vertreiben (Kerényi 2020).

Allerdings resultieren die Shrinking Spaces nicht nur in kreativen Gegenstrategien. Staatlich organisierte Hetzkampagnen gegen die LGBTQ-Bewegung in Polen führen nicht nur zu Einschüchterung der Aktivist*innen, sondern befördern auch – wie Umfrageergebnisse zeigen – einen rasanten Anstieg von abwertenden Vorurteilen und Gewalt gegen sexuellen Minderheiten (Górska u.a. 2019). Die immense Polarisierung und das daraus resultierende allgemeine Misstrauen erschweren für Forschende dabei sukzessive den Zugang zum Forschungsfeld, weil sich in der Folge insbesondere stigmatisierte Gruppen aus Sorge vor einer Beforschung durch den Staat gegenüber Forscher*innen verschließen.

Im ungarischen Extremfall betreffen die Shrinking Spaces nicht nur die zivilgesellschaftlichen Akteur*innen oder den Zugang zum Forschungsobjekt, sondern auch die Akademiker*innen selbst. Hier werden Wissenschaftler*innen nicht mehr ‚nur‘ auf öffentlichen Listen diffamiert.[8] Unabhängige akademische Einrichtungen wie die Central European University werden ins Exil gedrängt (dies betrifft unter anderem auch den dort forschenden Experten für die illiberale Zivilgesellschaft Béla Greskovits) und staatliche Einrichtungen wie die Ungarische Akademie der Wissenschaften von der Regierung übernommen (was einen der Autoren dieses Beitrags und eine Reihe von Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich mit sozialen Bewegungen beschäftigen, direkt betrifft). Dabei sind die Konsequenzen für die akademische Freiheit, auch von ipb-Mitgliedern in Ungarn, nicht vorherzusehen – zumal die aktuelle Coronakrise autoritäre Versuchungen weckt. Wieder ist Ungarn mit seiner Notstandsgesetzgebung hierfür ein besonders illustratives, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel.

 

6 Ein Aufruf

Die Zivilgesellschaften Ostmitteleuropas waren schon immer aktiver, als es der Forschungsstand lange Zeit nahelegte. Eindrucksvoll zeigen das aktuelle Großdemonstrationen. Doch ist neben diesen Großereignissen oftmals auch ein kaum erforschter Aktivismus auf der Graswurzelebene v.a. auch in Kleinstädten zu beobachten. Hinzu kommen wenig formalisierte Aktivitäten und regressive Bewegungen, die bislang nur selten in den wissenschaftlichen Blick genommen wurden. So klaffen immense Forschungslücken auf, die auch theoretische Innovationen über Ostmitteleuropa hinaus erwarten lassen, wenn etwa neue Allianzen zwischen zivilen und nicht-zivilen Gruppen die beschränkte Erklärungskraft normativ dichotomer Konzeptualisierung von Zivilgesellschaft offenlegen. Gleichzeitig werden nicht nur die Zivilgesellschaften, sondern auch die Bewegungsforscher*innen in Ostmitteleuropa zunehmend von autoritären politischen Agenden bedrängt. Vor diesem Hintergrund rufen wir dazu auf, gemeinsam mit Kolleg*innen aus Ostmitteleuropa die bestehenden Forschungslücken zu schließen und über gemeinsame Projekte Forschungsmittel bereitzustellen, die vor Ort fehlen. Immerhin geht es darum, über die Avantgarde des illiberalen Zeitgeistes in Ungarn oder Polen hinaus Phänomene besser zu verstehen, die auch in Deutschland spätestens mit dem Aufkommen der sogenannten PEGIDA-Bewegung offensichtlich geworden sind.

 

Endnoten

[1] Bezeichnenderweise wurde die Solidarność v.a. von nicht polnischen Akademiker*innen aus der Perspektive der Bewegungsforschung untersucht. Hier sei auf Alain Touraines Arbeiten (1982), aber auch auf die Analyse Maryjane Osas (2003) hingewiesen.

[2] Eine interessante Beobachtung macht hier Daniel Płatek. In dem seit 1996 herausgegebenen Journal Mobilization finden sich sechs (nach der Zählung der Autoren sogar nur vier) explizit polnischen Bewegungen gewidmete Artikel – und das obschon das Logo des Journals eine Adaption des Logos der Solidarność darstellt.

[3] Die Protestereignisanalyse wurde in Polen 2012 erstmals durch Daniel Platek und Piotr Płucienniczak mit einem Projekt zur Mobilisierung der polnischen extrem Rechten angewendet (Płatek 2017, 213).

[4] Wohl die einzige Ausnahme, die über einen längeren Zeitraum funktioniert und regelmäßig forscht wie publiziert, ist die Wissenschaftsabteilung des Europäischen Solidaritätszentrums in Danzig (https://ecs.gda.pl/research).

[5] Am 18. Juni 2020 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass das Gesetz gegen EU-Recht verstößt.

[6] Die Ähnlichkeit mit dem russischen „ausländische Agenten“-Gesetz, das 2012 verabschiedet wurde und eine ebensolche Stigmatisierung bedeutet, ist kein Zufall.

[7] Das jüngste Beispiel für Einschüchterungsversuche der Polizei in Polen ist die Festnahme einer Aktivistin, die im Juni 2020 für das Aufhängen regierungskritischer Plakate in Handschellen zuhause abgeführt, auf der Polizeidienststelle ausgezogen und für 41 Stunden festgehalten wurde (Nowak 2020). Dabei handelt es sich um ein Vorgehen, von dem seit der Machtübernahme durch die PiS regelmäßig berichtet wird.

[8] Das regierungsnahe Wochenmagazin Figyelő hat 2018 die sogenannten ideologischen Forschungsaktivitäten wie Gender Studies oder die Romaforschung als nutzlos dargestellt und entsprechende Akademiker*innen namentlich aufgeführt.

 

Literatur

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Rezension: Grimm et al. – Safer Field Research in the Social Sciences

19.10.2020

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

Maik Fielitz/Nick Thurston (Hg.) – Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US (Transcript), rezensiert von Tobias Fernholz.

 

Es folgt nun Luca Miehe mit einer Rezension zu Grimm, Jannis/Koehler, Kevin/Lust, Elisabeth/Saliba, Ilyas/Schierenbeck, Isabelle 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments (Sage). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Shrinking Spaces, Growing Awareness – Wege und Strategien aus der Ohnmacht der Feldforschung“ in Heft 3/2020 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

Feldforschung steht im Kreuzfeuer. Während globale Sicherheitsherausforderungen komplexer werden, hat die internationale Forschungsgemeinschaft laut Grimm et. al im Lichte verstärkter Verfolgung von ForscherInnen sowie der teilweisen Abkehr von Feldforschung in autoritären Ländern einen kritischen Punkt erreicht. Die Welt, so zitieren die AutorInnen aus einem Workshop dieses Projektes, „has become an inhospitable place for critical inquiry“ (130). Gleichwohl tun sich Forschungseinrichtungen weltweit schwer damit, ihre Verantwortung im Lichte sich verändernder Anforderungen angemessen zu erkennen und wahrzunehmen. Denn: (Sozial-)WissenschaftlerInnen treten mit besonderen strukturellen Voraussetzungen an die Arbeit im Feld heran. So sind Feldaufenthalte von (Sozial-)WissenschaftlerInnen oft länger als bei JournalistInnen, individualisierter als bei EntwicklungsarbeiterInnen und unterstützende Infrastruktur ist oft weniger ausgeprägt als im NGO-Bereich (4f).

Ziel des hier besprochenen Buches ist, Forschende aus der Passivität zu proaktiven Risiko-ManagerInnen zu transformieren (2). Ausgehend von der Zurückweisung der Idee absoluter Sicherheit im Forschungsprozess steht dieses Buch für den Beginn eines Dialoges, einer Einladung zum Erfahrungsaustausch und kommt dem nach, was als „duty of care“ bezeichnet wird (3). Die sechs Einzelkapitel lassen sich in zwei Dimensionen unterteilen. Während in der ersten Buchhälfte Risiken und Gegenmaßnahmen auf drei Phasen der Feldforschung (Before, During, After) zugeschnitten diskutiert werden, bietet der zweite Teil eine ausgiebige Betrachtung von Aspekten rund um die digitale Sicherheit an. Mit offenen Fragen und Systematisierungsangeboten bietet das Buch eine notwenige Handreiche zum richtigen Zeitpunkt, die zu kritischer und kontinuierlicher Selbstreflexion anregt.

Von Ohnmacht und Sicherheit

Die Totenwache für den italienischen Doktoranden Giulio Regeni (†28), der 2016 durch ägyptische Sicherheitskräfte verschleppt, gefoltert und getötet wurde, ist Ausgangs- und Fixpunkt des Buches. Fragen zu möglichen Vermeidungsstrategien („What went wrong?“) sowie die Ohnmacht gegenüber lokalen Behörden verdeutlichen die dem Buch zugrundeliegende Motivation (xv-xvi, 2, 45). Gleichsam machen die AutorInnen schnell deutlich, dass die Betrachtung weit über Nordafrika hinaus geht und die diversen regionalen Hintergründe derselben das Rückgrat des Projektes bilden. Das Buch profitiert von den Erfahrungen der AutorInnen, eines breiten UnterstützerInnenkreises sowie einer gründlichen Literaturschau. Ganz in diesem Sinne werden die Beiträge mit Infoboxen und einer Vielzahl persönlicher Praxisbeispiele angereichert.

Grimm et. al stellen den Beiträgen eine konzeptuelle Einführung voran, in der Begriffserklärungen angeboten werden, etwa zu Risikofaktoren, Idealtypen von Bedrohungen, Feldarbeit sowie sogennanten „Multipliers of Risks“, zu denen etwa das politische Umfeld, Gesellschaften oder Methoden der Datenerhebung gehören. Das Buch stellt eine doppelte Perspektivität her: Die Sicherheit der Forschenden wird hier nicht über die der Beforschten gestellt. Mehr noch, beide werde zusammen gedacht und stehen in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander (6ff).

Drei Phasen der Feldforschung

Als Vorbereitungsmaßnahme vor dem Feld wird das dreiteilige „Comprehensive Risk Assessment“ (CRA) eingeführt, was gegensätzlich zum humanitären Sektor in den Sozialwissenschaften bislang eine untergeordnete Stellung einnahm (15). Diese besteht aus einer Kontextanalyse („Knowing where you are“, 19), einer Qualifizierung eigener Kapazitäten („Knowing who you are“) sowie eines aus Präventiv- und Schutzmaßnahmen bestehenden Sicherheitsplans („Knowing what to do“, 32).

Im Zuge dessen wird eine Risikomatrix vorgeschlagen, die über den Forschungsprozess fortwährender Anpassung bedarf. In dieser werden unterschiedliche Risiken anhand ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit (likelihood) sowie Auswirkung (impact) eingestuft. So kann etwa die Arbeit mit bewaffneten Gruppen in aktiven Kampfgebieten zu einer „very high likelihood“ der Erfahrung von Kampfhandlungen führen, die ebenfalls mit „critical impact“ für die persönliche Sicherheit und die möglicher PartnerInnen einhergehen. Die Logik der Risikomatrix erlaubt nun, Entscheidungen über Zeit oder Ort der Feldforschung zu treffen, die entlang beider Dimensionen zu einer Risikominimierung beitragen (18). Die AutorInnen arbeiten sich hier nicht an einer umfassenden Liste von Einzelbedrohungen ab, sondern bieten Handlungsmuster entlang einer Typisierung möglicher Bedrohungen an (17). Die verschiedenen Dimensionen des CRA sind eng verzahnt mit den Folgekapiteln und stellen eine der Kernleistungen des Buches dar. Den LeserInnen wird systematisch aufzeigt, wie rote Linien, Akteure, eigene Kapazitäten und Forschungsmethoden in die Sicherheitsüberlegungen einfließen können.

Die Überlegungen der ersten Feldforschungsphase werden nun ins Feld übertragen, aktualisiert und um ein „Mapping“ des Forschungskontextes (40) ergänzt. Was als Forschungskontext (oder auch „research ecology“) gefasst wird, sind physische Plätze oder „Hot Spots“, symbolische Orte oder Anlässe mit herausgehobener gesellschaftlicher und politischer Bedeutung. Die AutorInnen schlagen hier die Zuhilfenahme von markierten Karten und gezielten Rundgängen vor, die auch durch das Wissen lokaler PartnerInnen angereichert und angeleitet werden sollten. Bei der Feldforschung könnten beispielsweise gezielt Ministerien, Polizeistationen abgelaufen und verzeichnet werden. So können Alternativrouten für den Heim- oder Arbeitsweg identifiziert werden, um einer zu großen Sichtbarkeit durch tägliche Routine vorzubeugen. Dieses Mapping sollte noch vor Ort in die CRA übertragen werden. Kapitelübergreifend werden praktische Themen der Mobilität, Unterbringung, mentalen Gesundheit und Notfallplanung aufgegriffen. Diskussionen zur Sichtbarkeit im Feld, die Saisonalität von Gefahren oder dem Umgang mit Schmutzkampagnen verleihen dem Kapitel einen umfassenden Überblickscharakter.

Auch nach dem Feld endet keinesfalls das Risikomanagement. Risiken können sich nach der Rückkehr noch verstärken: Etwa kann die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen Befragte oder am Forschungsprozess Beteiligte erst ins Zentrum des Interesses autoritärer Sicherheitsakteure rücken. Gleichwohl können emotionale oder moralische Herausforderungen erst nach Rückkehr zur Entfaltung kommen und erheblichen Niederschlag in persönlicher Wohlfahrt oder professionellem Output haben. Die AutorInnen bieten hierzu unterschiedliche Strategien des „Debriefings“ (84) an und erzeugen durch den selbstreflexiven Aufbau der Kapitel eine Vielzahl von Fragen, denen durch gezielte Querverweise zu ExpertInnen, Organisationen und Web-Angeboten nachgegangen werden kann. Die Stärke dieses Teils liegt in der Interaktion der unterschiedlichen Phaseninhalte, dem umfassenden Fragenkatalog zu jeden Kapitelende sowie der praxisorientierten Systematik des CRA. Hinzu kommt, dass das mit den vorgeschlagenen Strategien verbundene Umdenken mit keinen substantiellen Mehrausgaben verbunden sein muss.

Eroberung digitaler Agency

Dem phasenbasierten Teil folgt eine tiefergehende Betrachtung der Herausforderungen und Lösungsstrategien im Bereich digitaler Sicherheit. Das Querschnittsthema wird seinerseits in die vorangestellten Phasen der Feldforschung eingebettet. Die herausgehobene Stellung der digitalen Sicherheit folgt der Auffassung der AutorInnen, dass digitale und analoge Sicherheit zwei Enden desselben Kontinuums sind und miteinander Hand in Hand gehen sollten (11).

Die fortschreitende Digitalisierung und datafication geht eng mit neuen Wegen der Überwachung und Einflussnahme, der sogenannten „data-driven surveillance“, einher (90). Die AutorInnen zeichnen einen „kontextgetriebenen“ Ansatz zur Datensicherheit vor, der mehr adaptive Strategie als rigides Handbuch ist. Das hier entwickelte „Digital Threat Modelling“ (91) umfasst Bedrohungen hinsichtlich unterschiedlicher Datentypen im sogenannten „Data Mapping“, akteurszentrierte Fragestellungen im „Actors Mapping“ sowie einen weiteren Rückbezug auf die Kontextanalyse.

Wichtig bei allen Überlegungen zur digitalen Sicherheit ist die Balance zwischen Sicherheit und Umsetzbarkeit der Maßnahmen (94). Auf eine „silver bullet“ (99), also ein Allheilmittel gegen digitalen Bedrohungen, hofft man vergeblich. Ein holistisches Datenverständnis (96) und ein besseres Verständnis des Forschungskontextes schaffen hier Abhilfe.

Besonders herauszuheben ist Kapitel 6 zu „Tools and Tactics“ des Datenschutzes (108). Dieses dichte Kapitel knüpft eng an die in Kapitel 5 vorgestellten digitalen Risikofaktoren sowie das Digital Threat Modeling an. Hier wird gezielt die Expertise von DatenaktivistInnen, DatenschutzexpertInnen und Erfahrungswissen zusammengetragen und Vermeidungsstrategie bei der Kommunikation, Datensammlung und -sicherung sowie der Anonymisierung vorgestellt. Die Klarheit der Sprache, Anwendungsorientierung und Detailkenntnis wird an diesem komplexen Thema besonders deutlich. Der zweite Teil schafft es, trotz beträchtlicher Tiefe den Anwendungsbezug und stringenten Aufbau des Gesamtbeitrages nicht aus den Augen zu verlieren. Besonders die digitalen Handlungsoptionen sind nicht belehrend, sondern anregende Kurzbeiträge mit persönlichen Akzenten. So berichten die AutorInnen, wie einige ihrer ägyptischer WorkshopteilnehmerInnen selbst Ziel gezielter, stark personalisierter und somit kaum erkennbarer Phishing-Attacken im Zuge des „Nile Phish”-Angriffs seit 2016 wurden und bieten verschiedene Verifizierungsstrategien von Mail-Anfragen an. Während die grundlegende „digitale Hygiene“ (124) zum unerlässlichen Teil des Forschungsprozesses werden muss, plädieren die AutorInnen jedoch für einen angemessen, kontextbasierten Ansatz, der sich an den Gegebenheiten im Feld und somit der eigenen Risikoanalyse orientiert.

Beitrag auf Augenhöhe

Insgesamt ermöglichen die Beiträge einen kohärenten Gesamtblick auf das Thema und eröffnen neue Perspektiven und Fragestellungen in dem sich ständig im Wandel befindlichen Themenkomplex der sozialwissenschaftlichen Feldforschung. Während Methoden und Ethik der Feldforschung gängiger Gegenstand sozialwissenschaftlicher Curricula sind, hat dieses Buch das Potential, die Ausbildung und Feldforschungsprozesse grundlegend um die Dimension der Sicherheit von Forschenden und ihrer lokalen PartnerInnen zu erweitern. Die Beiträge beider Buchteile sind eng miteinander verzahnt und es wird wiederholt auf unterschiedliche Voraussetzungen der LeserInnenschaft eingegangen. Ein Beitrag auf Augenhöhe also, der für Praxisbezug und direkte Anwendbarkeit steht.

Was das Buch nicht leisten kann, ist die inhaltliche Ausgestaltung qualitativer Sozialforschung im Feld[1]. Der Band bietet keine one-size-fits-all-Anleitung für Feldforschung jeder Couleur, sondern einen Orientierungsrahmen mit Methoden und Best Practices. Zu einem angemessenen Preis veröffentlicht SAGE ein ideales Einführungs- und Nachschlagewerk, von dem auch VeteranInnen der Feldforschung profitieren sollten.

Die Frage verbleibt, ob und inwiefern auch autoritäre Regime und Geheimdienste von diesem umfassenden Werk im Allgemeinen und den ausgiebig diskutierten digitalen Sicherheitsstrategien im Speziellen lernen werden. Das auf Selbstreflexion, Querverweise und die Systematisierung der eigenen Sicherheitsüberlegungen ausgerichtete Buch wählt jedoch einen Ansatz, der eben keine starre Blaupause zeichnet. So lässt sich hoffen, dass die sozialwissenschaftliche Feldforschung hierdurch zukünftig profitieren kann. Denn es gibt einiges nachzuholen, wie die AutorInnen im Abschlusskapitel (138) hervorheben. Dieses Buch setzt den Anfang.

Luca Miehe, Berlin/München

[1] Ergänzend kann hier etwa Carol A. Bailey’s „A Guide to Qualitative Field Research“ (3. Ausg., 2017, SAGE) herangezogen werden.

 

Photo by Markus Spiske on Unsplash

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