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Updated: 3 hours 57 min ago

Fridays for Future – Zwischenbilanz eines Höhenflugs

15.07.2019

Der folgende Text von Dieter Rucht und Moritz Sommer erschien in einer redaktionell bearbeiteten und gekürzten Version in der Zeitschrift Internationale Politik in der Ausgabe Juli/August 2019. 

Fridays for Future (im Weiteren F4F) muss man nicht mehr vorstellen. Diese politische Kampagne ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Wie kann es sein, dass eine Gruppierung, die überwiegend von politisch wenig erfahrenen Schüler*innen getragen wird und in der schon länger bestehende Organisationen nur eine randständige Rolle einnehmen, binnen kurzer Zeit einen derart phänomenalen Aufstieg erlebt? Immerhin ist die Kampagne in vielen Ländern präsent und ihre Vertreter*innen – allen voran Greta Thunberg – sprechen auf nationalen und internationalen Konferenzen; sie vermag zu herausgehobenen Anlässen allein in Deutschland mehrere hunderttausend Teilnehmer*innen auf die Straße zu bringen; sie hat eine außerordentliche Medienpräsenz erlangt, ein sehr erfolgreiches Agenda-Setting betrieben und wird von einer breiten Welle der Sympathie getragen. F4F politisiert vor allem Teile der Jüngeren. Wahrscheinlich steigert ein derartiges Engagement in jungen Jahren das generelle Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen und wirkt sich auf das spätere Engagement aus (Oesterle et al. 2004). Ob F4F auch greifbare Resultate in der Klimaschutzpolitik erzielt, bleibt abzuwarten. Für die Protest- und Bewegungsforschung bietet die Kampagne insofern eine Herausforderung, als sich an diesem Fall die Tauglichkeit und die Grenzen gängiger Erklärungskonzepte kritisch überprüfen lassen.

Erklärungsversuche

Einzelne Politiker*innen und Journalist*innen haben meist ad hoc diverse Erklärungen für den kometenhaften Aufstieg der Kampagne angeboten. In diesem Zusammenhang werden vor allem fünf Faktoren genannt: (1) Greta Thunberg als ein Rollenmodell, (2) die Attraktivität des Protests als einer Sache von „Schulschwänzer*innen“, (3) die Anziehungskraft schlichter Forderungen an einen in seiner Komplexität schwer zu durchschauenden Politikbetrieb, (4) die Mobilisierungseffekte von auf digitaler Kommunikation beruhenden sozialen Netzwerken und (5) die Rolle von externen „Strippenzieher*innen“, welche die jungen und unbedarft erscheinenden Protestierenden vermeintlich manipulieren. Für jede dieser Deutungen ließen sich vereinzelte Belege beibringen. Allerdings, so unsere These, handelt es sich um Erklärungen, die, zumal wenn monokausal präsentiert, wenig erhellen und wichtige Faktoren außer Acht lassen. Demgegenüber betonen wir das Zusammenwirken von Faktorenbündeln, die sich nur teilweise mit den angedeuteten ad hoc-Erklärungen berühren. Dabei blicken wir in erster Linie auf den deutschen Fall.

Der vorhandene (Resonanz-) Boden

Die Klimapolitik als drängendes, aber politisch umstrittenes Feld wurde über die engeren wissenschaftlichen wie politischen Fachkreise hinaus immer mehr auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Dazu beigetragen haben Befunde und Warnungen des Weltklimarats und nationaler Forschungseinrichtungen, enttäuschte Erwartungen an frühere Klimakonferenzen (insbesondere Kopenhagen 2009), der globale Durchbruch auf der Pariser Klimakonferenz von 2015, aber auch die Leugnung des Klimawandels durch US-Präsident Trump und seine Entscheidung, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen – eine Position, die von mehreren rechtspopulistischen Parteien, so auch der AfD, geteilt wird. Damit wurde die öffentliche Aufmerksamkeit und der Streit um die Klimaproblematik zum Dauerbrenner.

Die Resonanz des Klimathemas in Deutschland verdankt sich auch dem Sachverhalt, dass hierzulande eine relativ starke, gut organisierte Ökologiebewegung besteht, die mit dem politisch beschlossenen und bis 2022 zu vollziehendem Ausstieg aus der Atomkraft eines ihrer zentralen Ziele erreicht hat und damit frei gewordene Energien im Sinne eines movement spillover (Meyer & Whittier 1994) auf ein anderes Terrain lenken konnte. Zusätzlich mobilisiert das Thema Klimaschutz aber auch politisch eher konservativ gestimmte Kräfte innerhalb wie außerhalb der Ökologiebewegung, für die sich eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten bietet, angefangen vom Artensterben bis zur Ausbreitung von Wüstengebieten.

Verstärkt wurde die Aufmerksamkeit für die Klimafrage durch den Streit um den weiteren Abbau von Braunkohle in den noch verbleibenden Tagebaustätten Deutschlands. Insbesondere der Konflikt um das Hambacher Kohlerevier entwickelte sich zum Brennpunkt, der in Verbindung mit Platzbesetzungen und Massendemonstrationen im Herbst 2018 bundesweite Aufmerksamkeit erregte. Ausgehend von diesem lokalen Konflikt mit seinem symbolträchtigen Kern, dem Kampf um die Erhaltung einer Waldfläche, ließ sich unschwer ein Bogen spannen zu Fragen der nationalen Energiepolitik und schließlich der globalen Klimaschutzpolitik. Es war dieser lokale Konfliktherd, der vermutlich zur Einsetzung der Kohlekommission durch die Bundesregierung und zu dem Beschluss beigetragen hat, bis 2038 auf den Energieträger Braunkohle zu verzichten. Zeitgleich zu diesen Vorgängen entwickelte sich, ausgehend vom sog. Dieselskandal, eine grundsätzliche Debatte um die künftige Verkehrspolitik, die Besteuerung unterschiedlicher Energieträger und die Förderung energietechnischer Innovationen, die ebenfalls Brückenschläge zur Klimaschutzpolitik und Klimabewegung erlaubte. Mit diesen Entwicklungen war insbesondere in Deutschland der Boden für eine Kampagne wie F4F bereitet. Für ihre ganz spezifische Form als einer primär von Schüler*innen getragenen Initiative bedurfte es freilich auch eines ganz spezifischen Auslösers.

Der Zünder Greta Thunberg

Der zunächst durchgängige, dann wöchentliche „Schulstreik“ der Schwedin Greta Thunberg war für die an „personal stories“ interessierten Massenmedien aus mehreren Gründen von großem Interesse. Zum ersten fand hier die Konstellation von David gegen Goliath einen sinnfälligen Ausdruck. Zum zweiten agierte Thunberg, wenngleich nicht ohne das Wohlwollen der Eltern, (zunächst) im Alleingang. Zum dritten erstaunte Thunberg durch die paradoxe Verbindung eines kindlichen Erscheinungsbildes mit einem selbstbewussten, aber keineswegs selbstverliebten Auftreten. Dem journalistischen Faszinosum Thunberg war somit bald internationale Aufmerksamkeit garantiert, wobei sich traditionelle und digitale soziale Medien wechselseitig verstärkten.

Ihre eigene Generation sprach Thunberg in einer dreifachen Rolle an: als eine verletzlich wirkende junge Person, als eine Schülerin, die sich ihrer bis zum 16. Lebensjahr geltenden Schulpflicht im Namen eines höheren, die gesamte Menschheit betreffenden Ziels demonstrativ verweigert, und als eine kompromisslose Mahnerin, die nicht nur den politischen und ökonomischen Eliten, sondern den Erwachsenen insgesamt ins Gewissen redet. Ihre medienwirksamen Auftritte hatten insofern eine motivierende Wirkung, als dass sie die Bedeutung jugendlichen Engagements auch für bisher wenig politisch interessierte Schüler*innen verdeutlichten. Damit konnte der von ihr ausgehende Funke vor allem auf Angehörige ihrer Generation überspringen, erfasste aber auch jenen Teil der Erwachsenen, die entweder ohnehin von der Notwendigkeit einer Klimaschutzpolitik überzeugt waren oder aber sich von Thunberg, die Handlungskonsequenz vorlebte und von anderen forderte, als Klimasünder ertappt fühlten.[1]

Die konkrete Zielsetzung

Für die verbal bekundete wie handlungspraktische Unterstützung von F4F war es hilfreich, dass die Kampagne von ihren Anfängen bis heute an ihrer relativ engen Zielsetzung, der Einhaltung des Pariser Abkommens zum Klimaschutz, festhielt. Im Unterschied zu vielen anderen Bewegungen widerstand die Kampagne damit der Versuchung, ihren Themen- und Zielkatalog durch immer weitere und grundsätzlichere Forderungen mit der Gefahr anzureichern, sich dabei zu verzetteln, weitere Akteure mit anderen Vorstellungen einbinden zu müssen und sich selbst durch ideologische Grundsatzdebatten, die oft zu internen Fraktionierungen führen, zu lähmen.

Ein weiterer Vorteil dieser Zielsetzung besteht darin, dass F4F nicht wie manch andere Protestbewegungen als Koalition der Neinsager – Niklas Luhmann sprach vom „Njet-Set“[2] – wahrgenommen wird, sondern in erster Linie auf der Einhaltung von Zielen beharrt, auf die sich die internationale Staatengemeinschaft bereits vertraglich verpflichtet hat.[3] Damit spielt sie den Ball den Entscheidungsträger*innen zu und offenbart deren mangelnde Handlungsbereitschaft in der Klimapolitik. Der ganz unbescheidene Gestus der „Rettung der Zukunft“, der alle Menschen adressiert, ist dabei verbunden mit der systemimmanent und pragmatisch erscheinenden Forderung, den Anstieg der Erderwärmung bis zu einem absehbaren Datum auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Wie das zu erfolgen hat, bleibt der Politik überlassen. Es handelt sich somit um ein weitgehend konsensträchtiges Anliegen, das in seiner Konkretion des Allgemeinen wenig Raum für bitteren Streit bietet. Insbesondere werden Fragen der politischen und ökonomischen Machtverteilung und der gesellschaftstheoretischen Rechtfertigung von partikularen und universellen Interessen ausklammert.

Effektive Organisationsstruktur

In organisatorischer Hinsicht entstand F4F gleichsam aus dem Nichts. Es gab keine bestehende Organisation oder gar ein Bündnis von solchen, die die Kampagne ins Leben gerufen hätte. Darin ähnelt F4F den Occupy-Bewegungen in einigen westlichen Ländern und auch Pulse of Europe. Anders als Occupy, das sich zumindest in Deutschland jeglicher Form der Organisation und Delegation kategorisch verweigerte (und mit aus diesem Grund keinen Bestand hatte; vgl. Rucht 2013), entwickelte F4F eine lockere und informelle Struktur und entsprach zudem dem Verlangen der Medien nach „Vertreter*innen“, „Sprecher*innen“ oder zumindest „Gesichtern“ der Bewegung. Das war für die öffentliche Präsenz der Initiative enorm hilfreich, sorgte aber auch für internen Konfliktstoff, da sich manche Aktivist*innen benachteiligt fühlten und Kritik daran laut wurde, dass immer derselbe kleine Kreis von Personen die Kampagne nach außen hin vertrat.[4]

Neben der aus wenigen Personen bestehenden Kerngruppe, die mit Luisa Neubauer immerhin eine organisationserfahrene Person aufweist, entstanden innerhalb des deutschen Netzwerks schon früh sich selbst rekrutierende und arbeitsteilig vorgehende Organisationsteams auf nationaler und teilweise auch auf lokaler Ebene. So bestehen beispielsweise Arbeitsgruppen für Auslandskontakte, Grundsatzdiskussionen, Medienarbeit und Strukturfragen. Diese Teams wie auch die Delegierten der inzwischen knapp 200 Ortsgruppen kommunizieren unter- und miteinander vorwiegend über das Medium WhatsApp und auch in Telefonkonferenzen, kommen fallweise aber auch direkt zusammen.

Auf Landes- und stärker noch auf Ortsebene bieten Organe und Strukturen der Schülermitverwaltung eine wichtige Rolle bei der Organisation, Entscheidungsfindung und Protestmobilisierung. Hier haben sich viele Schulsprecher*innen das Anliegen von F4F zu eigen gemacht und übernehmen Funktionen im Dienste der Kampagne.[5] Insoweit kann sich F4F zwar nicht auf thematisch einschlägige, aber eben auf an allen Schulen bestehende Strukturen stützen, die formal legitimierte und meist auch wortgewandte Vertreter*innen aufweisen. Ähnlich wie Fabriken und Universitäten sind Schulen „soziale Relais“ (Ohlemacher 1993), die sich als Orte täglicher Begegnung, des Gedanken- und Erfahrungsaustausches in hervorragender Weise auch für Zwecke der Protestmobilisierung eignen, allerdings kaum externe Gruppen einbeziehen.

Die Charakterisierung von F4F als einer sich selbst generierenden Bewegung von Schüler*innen hat also einen wahren Kern. Sie kommt auch den medialen Präsentationswünschen entgegen, die dieses Bild (über-)zeichnen, indem zum Beispiel auf Fotostrecken vorzugsweise sehr junge Schüler*innen gezeigt werden. Allerdings ergeben die von uns durchgeführten Befragungen und Beobachtungen ein differenziertes Bild hinsichtlich Altersstruktur der Beteiligten. Das Verhältnis von Schüler*innen und Erwachsenen war ungefähr ausgeglichen, wobei festzuhalten ist, dass wir aus forschungsethischen Gründen nur über 13-Jährige befragt haben. Während die Gruppe der 14-19Jährigen mit 52%, gefolgt von der Gruppe der 20-25Jährigen mit 19% am stärksten vertreten ist, war immerhin ein weiteres Fünftel mindestens 36 Jahre alt.

Das Bild einer vollständig selbstorganisierten Kampagne ist zumindest in Teilen auch insofern zu relativieren, als F4F in Deutschland von Anfang an eine logistische Unterstützung durch Organisationen wie Greenpeace, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und Campact fand. Diese waren jedoch strikt darauf bedacht, Zurückhaltung zu üben und die Selbststeuerung der Kampagne zu respektieren. Diese externe Hilfestellung hat zum Höhenflug der Kampagne beigetragen, aber daran, im Gegensatz etwa zur breiten und insgesamt wohlwollenden medialen Berichterstattung, keinen entscheidenden Anteil. Gleiches gilt wohl auch für die externen Anschlussinitiativen (Parents for Future, Scientists for Future, Entrepreneurs for Future etc.), für einzelne Firmen, die kostenlose Dienstleistungen für die Kampagne anboten und für prominente Einzelpersonen, die für die Kampagne eintraten.

Clevere Mobilisierungs- und Medienarbeit

Eine Teilerklärung für die mediale Sichtbarkeit und die F4F entgegen gebrachte mediale Sympathie liegt nicht nur in objektiv gegebenen Nachrichtenwerten, für die prototypisch die Berichterstattung über Greta Thunberg steht, sondern auch in einer insgesamt geschickten Mobilisierungs- und Medienarbeit. Ohne entsprechende logistische Vorleistungen und eine effektive Überzeugungskommunikation wäre es nicht möglich, Woche für Woche an vielen Orten viele Menschen auf die Beine zu bringen und zu Aktionstagen wie dem 15. März 2019 allein in Deutschland Hundertausende zu versammeln. F4F profitiert dabei von seinem jugendlichen Gepräge, aber auch von seiner pragmatischen Herangehensweise, bei der Improvisation gegenüber Perfektion den Vorrang hat. Vieles wird ad hoc, unter Zeitdruck und auf Zuruf geregelt und entschieden. In Abwesenheit formeller Zuständigkeiten treffen diejenigen die Entscheidungen, die viel Zeit investieren und sich, oft vermittelt durch mediale Zuschreibungen, bereits einen Namen gemacht haben.

Diese unabdingbare Organisationsarbeit hätte jedoch nur bescheidene Mobilisierungseffekte, würde sie nicht von wirkmächtigen Deutungsstrategien (framing, siehe Snow et al. 1986) begleitet, die wiederum positiv auf die Motivation der Organisator*innen und sonstigen freiwilligen Helfer*innen zurückwirken. Die Kampagne bietet einfache und resonanzfähige Elemente eines kompletten Framing-Pakets. Das prognostic framing beschwört die dramatischen Folgen eines irreversiblen Klimawandels, welcher einen Verlust einer gesicherten Zukunft mit sich bringen würde. Nichts weniger als das langfristige Überleben der Menschheit steht also auf dem Spiel. Das diagnostic framing richtet sich auf das Versagen gesellschaftlicher und insbesondere politischer Eliten, die – vor allem unter dem Druck mächtiger Wirtschaftsinteressen – das nötige Umsteuern vermissen lassen und nicht einmal bereit oder fähig sind, ihre eigenen, ohnehin nicht sehr weitreichenden Versprechen einzuhalten. Das motivational framing betont die eigene Rolle und Verantwortung, insbesondere die Rolle der jungen Generation, Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben, aber auch im alltäglichen Lebensstil und Konsumverhalten sich den Notwendigkeiten anzupassen.[6] Die Protestierenden von F4F sind weder resigniert noch politikverdrossen: Rund 60% der Befragten sind zuversichtlich, dass politische Entscheidungen den Klimawandel eindämmen können.

Es ist vor allem diese Mischung von Katastrophenszenario und Rettungsmission, die in den Aussagen von Vertreter*innen der Kampagne im Mittelpunkt steht und, angesichts der Vorhaltungen manch kritischer Kommentator*innen, die jenen u.a. Blauäugigkeit, mangelnden Sachverstand und die Ideologie eines „Kinderkreuzzugs“[7] vorwerfen, auch Allianzpartner auf den Plan ruft. Selten stieß eine regierungskritische Protestkampagne in Deutschland ein derart breites Wohlwollen; selten gelang es auch einer Protestkampagne, ihr Anliegen binnen kurzer Zeit auf den Spitzenplatz der im Hinblick auf eine anstehende Wahlentscheidung als wichtig erachteten Themen zu heben.[8]

Herausforderungen und Perspektiven

F4F steht trotz und wegen seiner Erfolge vor zahlreichen Herausforderungen, von denen eine, die Schwierigkeit, das Momentum auf Dauer zu stellen, wohl zentral sein dürfte. Wie kann es gelingen, den Druck aufrecht zu erhalten oder gar zu verstärken, um am Ende auch die geforderten politischen Maßnahmen zu erzwingen? Abgesehen von ihren Mobilisierungshöhepunkten am 15. März und am 24. Mai 2019 hat sich der auf den Straßen sichtbare Zulauf bereits abgeschwächt. Die Wiederholung des immer Gleichen wird diesen Trend verstärken. Die Steigerung des Konfliktniveaus durch Aktionen zivilen Ungehorsams, wie sie etwa die Gruppe Extinction Rebellion betreibt, birgt Chancen, aber auch Risiken wie strafrechtliche Verfolgung und ein Ende der breiten Sympathiewelle. Ein baldiges Verschwinden von F4F ist nicht wahrscheinlich. Ob es aber gelingt, der drohenden Auszehrung, Veralltäglichung und Konventionalisierung zu entgehen, ist fraglich bei einer Kampagne, die bei ihren bisherigen öffentlichen Auftritten vor allem vom Kapital ihrer Außeralltäglichkeit lebt.

Literatur

Meyer, David S. & Nancy Whittier (1994): Social Movement Spillover. Social Problems, Vol. 41 (2): 277–298,

Ohlemacher, Thomas (1993): Brücken der Mobilisierung. Soziale Relais und persönliche Netzwerke in Bürgerinitiaven gegen militärischen Tiefflug. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag

Oesterle, S., Johnson, M. K., & Mortimer, J. T. (2004). Volunteerism during the Transition to Adulthood: A Life Course Perspective. Social Forces, Vol. 82(3): 1123-1149.

Rucht, Dieter (2013): Aufstieg und Fall der Occupy-Bewegung. In: Karlheinz Sonntag (Hrsg.), E-Protest: neue soziale Bewegungen und Revolutionen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 111-135

Snow, David A. et al. (1986): Frame Alignement Processes, Micromobilization, and Movement Participation. American Sociological Review 51 (4): 464-481.

 

[1] In einer Umfrage, die wir und zwei weitere Autor*innen im Rahmen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung auf den F4F-Demonstrationen am 15. März 2019 in Berlin und Bremen durchgeführt haben, gaben mehr als die Hälfte der befragten Schüler*innen (N=174) und immerhin auch rund 28% der befragten Erwachsenen an (N=178), Greta Thunberg habe ihr Interesse am Klimawandel verstärkt. Ein jeweils ähnlicher Anteil meinte, Thunberg habe die Entscheidung, am 15. März am Klimastreik teilzunehmen, ‚stark‘ oder ‚ziemlich stark‘ beeinflusst.

[3] In unserer Befragung gaben rund 90% der Befragten als zentrales Ziel der Demonstration an, Politiker*innen „unter Druck zu setzen etwas zu ändern“.

[5] Unter den Teilnehmer*innen unserer Demonstrationsbefragung gab fast jede*r fünfte Schüler*in an, aktives Mitglied einer Schülervertretung zu sein. Weitere 7% bezeichneten sich als passives Mitglied.

[6] 60% der befragten Schüler*innen stimmen der Aussage „Um den Klimawandel zu stoppen bedarf es in erster Linie freiwilliger Änderungen des individuellen Lebensstils“ zu.

[7] Siehe z.B. die Äußerungen von WELT-Herausgeber Stefan Aust: „Wie ein moderner Kinderkreuzzug“.

[8] https://www.tagesschau.de/inland/europatrend-101.html (Meldung vom 16.5.2019).

 

Fofo: FridaysForFuture Deutschland © Jörg Farys / WWF @Flickr (CC BY 2.0).

Rezension: Lessenich 2018 – Neben und die Sintflut & Brand/Wissen 2017 – Imperiale Lebensweise

08.07.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

 

Es folgt nun Fabian Flues mit einer Doppelrezension zu Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München: Piper Verlag und Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus. München: oekom verlag. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Alltag und Ausbeutung im Kapitalozän“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

 

Neben dem Dauerthema Flucht und Migration rückten im Jahr 2018 dank des extrem heißen Sommers, des Konflikts um den Hambacher Forst und des nicht enden wollenden Dieselskandals sozial-ökologische Themen wieder verstärkt in den öffentlichen Blickpunkt. So titelte der SPIEGEL: „Der Sommer, der nie endet: Wie der Klimawandel unser Leben verändert“. Und die ZEIT fragte besorgt: „Auto fahren ohne schlechtes Gewissen: Geht das?“.

Eine sozialwissenschaftlich fundierte Analyse globaler sozial-ökologischer Konflikte und insbesondere die Rolle des globalen Nordens in ihrem Entstehen versprechen die zwei Bücher, die hier rezensiert werden.

Der 2016 erschienene Band „Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben“ des an der LMU München lehrende Soziologe Stephan Lessenich wurde dieses Jahr in einer aktualisierten und überarbeiteten Neuauflage herausgeben. Lessenich analysiert darin die Funktionsweise der „Externalisierungsgesellschaft“, die sich nur auf Kosten und zulasten anderer zu stabilisieren und zu reproduzieren vermag. 2017 veröffentlichten die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen ihr Buch „Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“, das es sogar in die SPIEGEL-Bestsellerliste schaffte. Durch den Begriff der imperialen Lebensweise versuchen sie zu zeigen, wie „das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse anderorts ermöglicht wird“ (43).

Zunächst fallen die Gemeinsamkeiten der beiden Bücher in den Blick: Sie starten mit ähnlichen Prämissen, nämlich dass der Kapitalismus auf ein (im globalen Süden liegendes) Außen angewiesen sei, auf das negative ökologische und soziale Auswirkungen kapitalistischen Wirtschaftens verlagert werden können und dass diese Verlagerung aber immer schwieriger durchzuführen und zu verdrängen sei. Auf der Weltsystem-Theorie aufbauend richtet sich ihr Blick dabei vor allem auf die ökologischen Aspekte des Gegenwartskapitalismus und dessen Verankerung in den Alltagspraxen des globalen Nordens. Im Gegensatz zu der derzeit sehr beliebten Heranziehung einer neuen geologischen Epoche, des Anthropozän, und der damit einhergehenden Ansicht, die menschliche Natur sei der letztendliche Verursacher der ökologischen Krise, verortet ihre Analyse deren Kern im Kapitalismus; es handelt sich somit um zwei Erzählungen des Kapitalozän. Dabei nehmen diese positiv aufeinander und ihre jeweiligen Grundkonzepte – die Externalisierungsgesellschaft und die imperiale Lebensweise – Bezug; auch Analysen und Beispiele wie der Trend zum verbrauchsintensiven SUV (Sport Utility Vehicle) finden sich in beiden Büchern.

Der Komfort der Externalisierungsgesellschaft

Stephan Lessenich nimmt in seinem Buch sowohl den Wohlstand des globalen Nordens und seine „Verankerung in den Strukturen und Mechanismen kolonialer Herrschaft über den Rest der Welt“ (17) als auch die Verdrängung und Tilgung dieses Zustandes „aus den gesellschaftlichen Erzählungen individuellen und kollektiven ‚Erfolgs‘“ (17) ins Visier. Die Analyse dreht sich dabei um den Begriff der Externalisierung, also die Auslagerung bestimmter Effekte des eigenen Handelns oder Wirtschaftens. Diese Externalisierung, so Lessenich, ist dem Kapitalismus inhärent und betrifft sowohl die Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen als auch die Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft in kapitalistischen Produktionsverhältnissen.

Für Lessenich ist Externalisierung in westlichen Gesellschaften „gleichermaßen eine Struktur, ein Mechanismus und eine Praxis“ (50) geworden und drückt sich dementsprechend durch „Machtasymmetrien in der Weltgesellschaft“, einen „globalisierten Ausbeutungsmechanismus“ und in der Alltagspraxis als „Externalisierungshabitus“ aus. Diese Verankerung der Externalisierung in der Gesellschaft führt dazu, dass wir externalisieren, „weil wir es können“ und „weil wir nicht anders können“. Wie diese strukturellen Zwänge und Mechanismen konkret aussehen, versucht Lessenich in den folgenden Kapiteln zu untersuchen.

Ein Kapitel fokussiert sich dabei auf ungleiche Handelsbeziehungen zwischen Nord und Süd, ein weiteres auf das höchst diskriminierende globale Grenz- und Mobilitätsregime. Beide sind mit Beispielen gespickt, was für Anschaulichkeit und Verbindungen zum Alltagsleben sorgt. Insbesondere die Herausstellung der Widersprüche der normativen Rechtfertigungsmuster westlicher Gesellschaften, wenn es um die Verteilung von Lebenschancen durch Staatsangehörigkeit („Geburtsrechtslotterie“) geht, ist interessant, wenn auch sehr kurz gehalten. Angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels und der anhaltender Fluchtbewegungen glaubt Lessenich, dass sich der schöne Schein der Externalisierungsgesellschaft nicht viel länger aufrecht erhalten lässt. Was diese ersetzen und wie dies geschehen könnte, bleibt allerdings äußerst vage, etwa wenn Lessenich davon spricht, „das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojekts umzupolen.“

Leider fehlt es der mitunter auch polemischen Kritik der Externalisierungsgesellschaft teilweise an analytischer Tiefe und Differenziertheit. Wenn Lessenich die ökologisch verheerenden Soja-Monokulturen in Lateinamerika problematisiert, so fehlt ein Verweis auf die damit finanzierten Sozialprogramme ‑ und damit ein wichtiger Hinweis auf das Dilemma der Nutzung natürlicher Ressourcen, in dem sich auch (vermeintlich oder tatsächlich) progressive Regierungen im globalen Süden befinden. Auch die Betrachtung der Rolle Chinas und schnell wachsender Schwellenländer kommt im Buch deutlich zu kurz; der Autor belässt es beim ‚groben Raster‘ der Externalisierung von Nord nach Süd, was seinem Anspruch, eine Analyse der „weltgesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse“ vorzulegen, wenig zuträglich ist. Somit fällt Lessenich auch hinter seine eigene Kritik am „‚methodologischen Nationalismus‘ in der Ungleichheitsforschung“ zurück und verzichtet auf eine Analyse der Rolle transnationaler Eliten jenseits des Nord-Süd-Gegensatzes.

Dennoch: wer eine unterhaltsam geschriebene Abrechnung mit dem Gegenwartskapitalismus sucht, wird bei Lessenich fündig. Für diejenigen, die auf der Suche nach einer tiefergreifenden Analyse oder Inspirationen zur Überwindung der bestehenden Verhältnisse sind, ist das Buch nicht das richtige.

Ausbruch aus der imperialen Lebensweise?

Im Ton deutlich nüchterner gehen Ulrich Brand und Markus Wissen an den Themenkomplex heran. Der Kernbegriff der beiden Politikwissenschaftler ist die „imperiale Lebensweise“. Durch das Konzept versuchen sie sowohl eine Verbindung zwischen Alltagspraxen, gesellschaftlichen Strukturen und internationalen Kräfteverhältnissen, zwischen sich verschärfenden Krisen und deren Verdrängung aufzuzeigen, als auch einen Maßstab zu entwickeln, der dazu geeignet ist, Alternativen und Transformationsvorschläge kritisch zu beurteilen. Mit dem Begriff der Lebensweise richten sie, von Gramsci ausgehend, ihr Augenmerk darauf, „dass sich eine widersprüchliche Gesellschaftsformation wie die kapitalistische nur reproduzieren kann, wenn sie in den Alltagspraxen und im Alltagsverstand verankert ist und dadurch gleichsam ‚natürlich‘ wird“ (45). Die Bestimmung als ‚imperial‘ soll „die globale und ökologische Dimension der Lebensweise betonen“ (45).

Nach einer ausführlichen Einführung in den Begriff gehen Brand und Wissen in zwei äußerst lesenswerten Kapiteln auf die historische Entwicklung der imperialen Lebensweise und ihre derzeitige Verallgemeinerung ein. Dabei gelingt es ihnen, 250 Jahre kapitalistische Wirtschaftsgeschichte gewinnbringend zusammenzufassen und zudem differenziert auf Entwicklungen und Entwicklungsmodelle in China und Lateinamerika einzugehen. Ein weiteres Kapitel veranschaulicht am Beispiel der Verbreitung von „Sport Utility Vehicles“ (SUVs), wie sich die imperiale Lebensweise in alltäglichen Praxen vertieft und wie eng die automobile Gesellschaft mit Klassen- und Geschlechterverhältnissen verwoben ist.

Schließlich versuchen die Autoren ,die „falschen Alternativen“ eines grünen Kapitalismus und der Bioökonomie von einer „solidarischen Lebensweise“ abzugrenzen. Dies gelingt nur teilweise: Die berechtigte Kritik am grünen Kapitalismus wirkt zuweilen etwas holzschnittartig und hätte mehr Platz verdient. Das hätte es auch erlaubt, von der analytischen Stärke des Konzepts der imperialen Lebensweise besseren Gebrauch zu machen. Auch die Konturen einer solidarischen Lebensweise bleiben etwas abstrakt, vor allem aber, wie sich diese gegen eine dominante und ausbreitende imperiale Lebensweise durchsetzen soll. Hier sei aber angemerkt, dass ein dieses Jahr erschienenes Buch von Ulrich Brand mit dem ecuadorianischen Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta genau diese Fragen zu beantworten versucht (Brand, Acosta 2018) und den Faden dort aufnimmt, wo er in „Imperiale Lebensweise“ endet.

Insgesamt haben Brand und Wissen ein äußerst lesenswertes Buch vorgelegt, dessen zentrales Konzept sehr hilfreich für die Analyse sozialer und ökologischer Ausbeutungsbeziehungen – insbesondere im Nord-Süd Verhältnis – ist. Dass der Begriff der imperialen Lebensweise innerhalb kürzester Zeit von sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, besonders in der Umweltbewegung und von Nord-Süd-Solidaritätsgruppen, aufgenommen wurde, zeigt, dass hier ein zeitdiagnostisches Instrumentarium entwickelt wurde, das auch zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse beitragen kann.

Fazit

Trotz ihrer vielen inhaltlichen Überschneidungen und einem ähnlichen theoretischen Fundament sind die beiden hier besprochenen Bücher zur sozial-ökologischen Krise des globalen Kapitalismus für unterschiedliche Lesergruppen interessant. Sozialwissenschaftlich geschulten LeserInnen bietet die „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen ein stärkeres Analyseinstrument und eine historisch-geographisch weitergehende Perspektive. Der große Anklang, den das Konzept gefunden hat, zeugt davon, dass es den (kritischen) Zahn der Zeit getroffen hat. Stephan Lessenichs „Neben uns die Sintflut“ bietet zwar eine interessante Erweiterung der Thematik um das diskriminierende Grenz- und Mobilitätsregime, kann aber in seiner Herausarbeitung globaler Ungleichheitsverhältnisse letztendlich nicht vollständig überzeugen. Dank des Verzichtes auf Fachjargon sollte es aber für ein allgemeineres Publikum zugänglich sein.

Literatur

Brand, Ulrich/Acosta, Alberto 2018: Radikale Alternativen: Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann. München: oekom Verlag

 

Photo by Alexander Popov on Unsplash

Fridays for Future – Ergebnisse von Demonstrationsbefragungen in 13 europäischen Städten

27.06.2019

Seit mehr als einem halben Jahr ist FridaysForFuture aktiv und noch immer bestimmen die jugendlichen Protestierenden die mediale Agenda. Dabei sind die Schulstreiks kein Phänomen, das auf Deutschland oder Schweden – dem Heimatland Greta Thunbergs – beschränkt ist. Vielmehr liegt die Bedeutung dieser massenhaften Mobilisierung nicht zuletzt in ihrer Ausbreitung in ganz Europa und weit darüber hinaus. Wie ist dieser Erfolg zu erklären? Wer sind die Protestierenden? Was fordern sie?  Was denken sie über den Klimawandel und welche Lösungsansätze verfolgen sie?

Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren, haben sich Forscher*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 an einer internationalen Befragung der Klimademonstrationen beteiligt. Von den neun beteiligten Ländern waren unsere Forscher*innen in dreien aktiv: in Österreich, Polen und Deutschland. Erste Ergebnisse der Befragungen in Bremen und Berlin wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt (zur Medienberichterstattung). Eine ausführliche deutschsprachige Studie wird Mitte Juli der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Ergebnisse der Demonstrationsbefragungungen in insgesamt 13 verschiedenen europäischen Städten liegen nun in einer umfassenden, englischsprachigem Studie vor:

Wahlström, Mattias, Piotr Kocyba, Michiel De Vydt and Joost de Moor (Eds.) (2019). Protest for a future: Composition, mobilization and motives of the participants in Fridays For Future climate protests on 15 March, 2019 in 13 European cities. (Download, 2,91 MB). 

Wesentliche Ergebnisse des Ländervergleichs lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Protestierenden in den neun untersuchten Ländern haben vieles gemeinsam. Fast überall gibt es eine ungewöhnlich starke junge, weibliche Mobilisierung und eine starke Beteiligung von ‘Protestneulingen’. Die Protestierenden haben in ganz Europa ein eher linkes Selbstverständnis und in allen Ländern sind insbesondere die demonstrierenden Schüler*innen zuversichtlich, dass der Klimawandel aufzuhalten ist.
  • Innerhalb dieser Gemeinsamkeiten gibt es eine große Bandbreite. So sind die Demonstrierenden in Amsterdam und Warschau wesentlich jünger als in Brüssel oder Malmö, wo sich auch ältere Menschen am Protest beteiligen.
  • Auffällig ist die teilweise grundsätzlich unterschiedliche Beurteilung der Lösungskompetenz von Markt, Regierung, Wissenschaft und der Bedeutung des individuellen Konsumverhaltens, die auf unterschiedliche Diskussionen innerhalb der nationalen Klimabewegungen hinweist.
  • Trotz vieler Gemeinsamkeiten ist FridaysForFuture in Europa wesentlich heterogener, als der gemeinsame Rahmen suggeriert.

 

Geschlechter der Befragten

Altersverteilung und Median (der Wert, der die Mitte aller vorkommenden Werte markiert)

Unterstützung bei Schüler*innen und Erwachsenen für die Aussage “Ich bin zuversichtlich, dass politische Entscheidungen den Klimawandel eindämmen können.” (“überwiegend” und voll und “ganz”)

 

Zum Kontakt für Presseanfragen geht es hier. Weitere Informationen zum Projekt und den beteiligten Wissenschaftler*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung finden sich auf der Projektseite.

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Politik von unten: Protest in der longue durée

27.05.2019

Diskussion mit Philipp Gassert und Dieter Rucht

Moderiert von Simon Teune und Swen Hutter

Welche großen Linien kennzeichnen die langfristige Entwicklung von Protest in Deutschland seit 1945? Welche unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich aus einem historischen bzw. soziologischen Zugang? Was bekommt man mit dem jeweiligen methodischen bzw. disziplinären Zugang in den Blick? Worauf begründet man seine Annahmen? Welche Lücken bleiben dabei offen? Diese Fragen stehen im Vordergrund des Gesprächs zwischen dem Zeithistoriker Philipp Gassert und dem Soziologen Dieter Rucht. Anlass des Gesprächs ist das gerade erschienene Buch „Bewegte Gesellschaft: Deutsche Protestgeschichte seit 1945“ von Philipp Gassert (Kohlhammer, 2018). Mit seinem Buch legt Gassert die erste umfassende Protestgeschichte Deutschlands vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart vor. Wie auch Dieter Rucht betont Gassert dabei die zentrale Bedeutung von Protest und sozialen Bewegungen zur gesellschaftlichen Konfliktbewältigung in Deutschland.

Philipp Gassert ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim und Leiter der Forschungsstelle “Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten”.

Dieter Rucht ist WZB Fellow und Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Zuvor leitete Dieter Rucht die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am WZB.

Die Veranstaltung ist eine gemeinsame Veranstaltung des Kolloquiums “Politik von unten” und der Reihe “Civil Society and Political Conflict” des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung.

Bewegungsgespräch: Visuelle Strategien der Neuen Rechten

22.05.2019

Ort: taz Kantine, Friedrichstraße 21
Zeit: 12. Juni 2019, 19 Uhr

Memes, die Geflüchtete als Bedrohung zeichnen, Ikonen der Popkultur, die für rassistische Politik vereinnahmt werden – die Rechte hat sich nicht nur auf der Straße und in der Parteienlandschaft neu aufgestellt, sondern sie hat auch ihre Bildsprache geändert. AfD, organisierte Neonazis und lose Netzwerke nutzen gezielt Bilder und visuelle Gestaltung, um Unterstützung für ihre Botschaften zu finden. Dabei bedienen sie sich digitaler Kulturen und sie entwenden Formen, die für progressive Politik standen. Die Aktionen der Identitären sind bewusst an das von Greenpeace perfektionierte David-gegen-Goliath-Motiv angelehnt; die rassistische Umdeutung von Pepe, dem Comicfrosch, ist auch ein Symbol für das Überlegenheitgefühl gegenüber den aufgeregten Reaktionen auf die neue rechte Hegemonie. Diese visuellen Strategien bauen auf einer neuen technischen Infrastruktur auf: Smartphones, soziale Medien, Imageboards und Messenger-Dienste. Aber sie wurzeln auch tief in menschenverachtender Bildsprache: in antisemitischen Stereotypen, die im späten 19. Und frühen 20 Jahrhundert geprägt wurden oder dem gigantomanischen Kitsch des Nationalsozialismus. Das Bewegungsgespräch fragt nach den Strategien und Andockmanövern zur Populärkultur durch die Rechten, beleuchtet die veränderten Bedingungen für die Kommunikation mit Bildern von rechts, die erhofften Wirkungen und mögliche Gegenstrategien.

Es diskutieren:

  • Lisa Bogerts, Institut für Protest- und Bewegungsforschung
  • Heiko Koch, Antifa-Rechercheur, Autor des Buches „Casa Pound Italia“ (Unrast 2013)
  • Simon Teune, Institut für Protest- und Bewegungsforschung

Moderation: Malene Gürgen, taz

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (I.2019)

15.04.2019

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 138 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Bebnowski, David. 2019. „Wer spricht wie und warum so über Antisemitismus? Rezension: Antisemitismus als Problem und als Symbol (Kohlstruck, Michael/Ullrich, Peter)“, Zeitschrift diskurs (open access).

Betz, Gregor J. 2019. „Rekonstruktive Zugänge zu Protest“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 50–58.

Bosi, Lorenzo, Donatella della Porta, und Stefan Malthaner. 2019. „Organizational and Institutional Approaches“. The Oxford Handbook of Terrorism, 133.

Daniel, Antje. 2019. „Ambivalenzen des Forschens unter Bedingungen (post-) dekolonialer Praxis“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 40–49.

Porta, Donatella della. 2019. „Deconstructing Generations in Movements: Introduction“. American Behavioral Scientist. Online first.

Eschert, Silke, und Bernd Simon. 2019. „Respect and Political Disagreement: Can Intergroup Respect Reduce the Biased Evaluation of Outgroup Arguments?“ Herausgegeben von Rick K. Wilson. PLOS ONE 14 (3): e0211556.

Felicetti, Andrea, und della Porta, Donatella. 2019. „Joining Forces. The Sortition Chamber from a Social-Movement Perspective“. In Legislature by Lot: Transformative Designs for Deliberative Governance, herausgegeben von John Gastil und Erik Olin Wright. Verso Books.

Haase, Dagmar, Annegret Haase, Dieter Rink, und Justus Quanz. 2019. „Shrinking Cities and Ecosystem Services: Opportunities, Planning, Challenges, and Risks“. In Atlas of Ecosystem Services: Drivers, Risks, and Societal Responses, herausgegeben von Matthias Schröter, Aletta Bonn, Stefan Klotz, Ralf Seppelt, und Cornelia Baessler, 271–77. Cham: Springer International Publishing.

Haunss, Sebastian. 2019. „The Mask and the Flag: Populism, Citizenism, and Global Protest“. Contemporary Sociology 48 (1): 60–62.

Howe, Christiane, und Lars Ostermeier, Hrsg. 2019. Polizei und Gesellschaft: Transdisziplinäre Perspektiven Zu Methoden, Theorie und Empirie Reflexiver Polizeiforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hütter, Bernd. 2019a. „Rezension: Bewegte Dörfer`. Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970-1990 (Julia Paulus (Hrsg.))“. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2. (open access)

Hütter, Bernd. 2019b. „Rezension: Den Protest regieren. Staatliches Handeln, neue soziale Bewegungen und linke Organisationen in den 1970er und 1980er Jahren (Alexandra Jaeger, Julia Kleinschmidt, David Templin (Hg.))“. analyse und kritik, Nr. 645. (open access)

Merk, Jeroen, und Sabrina Zajak. 2019. „Workers’ Participation and Transnational Social Movement Interventions at the Shop Floor: The Urgent Appeal System of the Clean Clothes Campaign“. In The Palgrave Handbook of Workers’ Participation at Plant Level, herausgegeben von Stefan Berger, Ludger Pries, und Manfred Wannöffel, 221–40. New York: Palgrave Macmillan US.

Roth, Roland, und Dieter Rucht. 2019. „Bewegung in der Bewegungsforschung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 98–104.

Rucht, Dieter. 2019. „Aufstehen mit oder ohne #aufstehen?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 8–18.

Sommer, Moritz, Sabrina Zajak, und Sebastian Haunss. 2019. „‚Der Kontext lokaler Proteste‘ – Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung 2018“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 88–93.

Steinhilper, Elias. 2019. „Rezension: Political Translation.“ Ethnic and Racial Studies 3 (42): 498–500.

Strachwitz, Rupert Graf. 2019. „Attac ohne Gemeinnützigkeit: Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft“. Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2019.

Teune, Simon. 2019. Vom Button zum Bravo-Poster. Das Bekenntnis zur Anti-Atombewegung als visuelle Medienpraxis. In Bekenntnisse : Formen und Formeln, Hrsg. Christine Bischoff, Carsten Juwig und Lena Sommer, 214–230. Berlin: Reimer.

Tretschin, Luca. 2019. „Streit Vor Publikum. Öffentliche Darstellung von Publikumsgunst Als Gemeinsames Bezugsproblem Sozialer Bewegungen und Der Adressaten Ihrer Proteste“. Zeitschrift für Theoretische Soziologie.

Ullrich, Peter. 2019. Polizei im/unter Protest erforschen. Polizeiforschung als Entdeckungsreise mit Hindernissen. In Polizei und Gesellschaft. Transdisziplinäre Perspektiven zu Methoden, Theorie und Empirie reflexiver Polizeiforschung, Hrsg. Christiane Howe und Lars Ostermeier, 155–189. Wiesbaden: Springer VS.

Ullrich, Peter. 2019. „Protestforschung zwischen allen Stühlen“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 29–40.

Vollmer, Lisa. 2019. Mieter_innenbewegungen in Berlin und New York. Stadt, Raum und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Das ipb in den Medien: Fridays for Future

09.04.2019

Seit Wochen bestimmen die Fridays for Future-Demonstrationen die Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit der Medien gilt insbesondere der ungewöhnlichen Aktionsform des Schulstreiks, dem Alter der Demonstrierenden und der Frage was diese vermeintlich neue Protestgeneration ausmacht. Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren und somit die oft von Mutmaßungen geprägte Debatte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterfüttern, hat das Institut für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 eine Befragung der Demonstrationen in Berlin und Bremen durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt. Unten findet sich eine Auswahl der Medienpräsenz von ipb-Mitgliedern sowie eine Übersicht der Resonanz zu unserer Studie.

ipb-Kollege Sebastian Haunss in den ARD-Tagesthemen, 15.3.2019

Vor dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

18.01.2019 – SZ: Auf die Straße statt in die Schule (Swen Hutter) 25.01.2019 – Krautreporter: Was die Klimaproteste bisher bewirkt haben (Sebastian Haunss) 31.01.2019 – Klimafakten.de: Schülerstreik #fridaysforfuture: Kommt jetzt die große Klimabewegung? (Dieter Rucht) 15.02.2019 – bento.de: So planen die Schülerinnen und Schüler den Mega-Schulstreik (Simon Teune) 18.02.2019 – FAZ: “Friss Tofu, Du Würstchen!” (Sabrina Zajak) 01.03.2019 – Deutschlandfunk Nova: Proteste brauchen keine Anführerin. Aber sie hilft (Simon Teune) 13.03.2019 – Zitty: Wir sind Greta. Klimakampf statt Klassenzimmer (Dieter Rucht) 14.03.2019 – dpa/Pforzheimer Zeitung: Fridays for Future: Ein Konflikt kommt auf die Straßen Stuttgarts – und Pforzheims (Simon Teune) 14.03.2019 – dpa/Ärzteblatt: Klimakrise: Gesundheitsallianz und Medizinstudierende unterstützen Schülerstreik (Simon Teune) 14.03.2019 – HR2 Der Tag: Schule schwänzen, Erde retten? Fridays for Future (Simon Teune) 15.03.2019 – ARD Tagesthemen: “Fridays for Future”. Schüler und Studenten protestieren weltweit (Sebastian Haunss) 15.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Warum kaum Studierende an den Klimaprotesten teilnehmen (Simon Teune) 18.03.2019 – taz: Anders als die anderen (Simon Teune) 19.03.2019 – Phoenix: Streiken statt Pauken. Schülerproteste für den Klimaschutz (Sabrina Zajak) 24.03.2019 – Der Freitag: Kein Fleisch für Niemand (Simon Teune) 25.03.2019 – Radio Bremen 2: Der Gorleben-Treck (Simon Teune)

Infografik auf Grundlage der ipb-befragung in der Süddeutschen Zeitung vom 30./31.3.2019

Nach dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

 

 

26.03.2019 – Klima der Gerechtigkeit: Fridays for Future – was wissen wir über diese neue Protestbewegung? (Studie allgemein) 26.03.2019 – jetzt.de: Wer sind die „Fridays For Future“-Aktivisten? (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Tagesspiegel: Wer die Generation „Fridays for Future“ ist (Studie allgemein) 26.03.2019 – Klimareporter: Klimastreikende fangen bei sich an (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – SWR: Das sind die jungen Menschen bei “Fridays for Future” (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – RND/Märkische Allgemeine/Oberhessische Presse: „Fridays for Future“-Studie: Sie sind jung und wollen was ändern (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – mdr: Neue Studie: Was steckt hinter den Fridays for Future-Demos? (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – ZEIT Online: Der Protest organisiert sich selbst (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Weiblich, links, umweltbewusst (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – domradio.de/epdWeit entfernt vom Schwänzen? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 27.03.2019 – Weserkurier: Bremer Schüler setzen sich auch im Alltag für die Umwelt ein (Studie allgemein) 27.03.2019 – taz: Schlaue linke Greta-Fans (Studie allgemein) 27.03.2019 – Buten un Binnen: Bremer Schüler würden für das Klima auf Konsum verzichten (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 27.03.2019 – heise.de: Schulstreiks – Wer sind die Schüler? (Studie allgemein) 28.03.2019 – DIE ZEIT: Klimaschutz als Klassenkampf (Studie allgemein) 28.03.2019 – ZDF Maischberger: Jugend demonstriert, Politik ignoriert (Studie allgemein) 28.03.2019 – DW: “Fridays for Future”: Schulschwänzer oder Retter des Klimas? (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 29.03.2019 – Neues Deutschland: Weiblich, jung, links (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – BR24: Fridays for Future: Wer demonstriert da eigentlich? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – ZEIT Online: Bei ihr sieht es einfach aus (Dieter Rucht) 29.03.2019 – SZ: Hinter den Transparenten (Studie allgemein) 30.03.2019 – Perspektive Online: Fridays for Future: Wer ist Teil der neuen Klimaprotestgeneration? (Studie allgemein) 03.04.2019 – Neue Westfälische: #FridaysForFuture: Grüne nehmen Laschet in die Pflicht (Studie allgemein) 04.04.2019 – NDR Info: Fridays for Future: Wo sind die Studenten? (Dieter Rucht und Simon Teune) 09.04.2019 – Deutschlandfunk: Konkrete Forderungen an Politik gestellt (Studie allgemein)

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Rezension: Wiemann 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement

08.04.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Es folgt nun Jan Niggemeier mit einer Rezension zu Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima.  Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Netzwerkmobilisierung im Verborgenen“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

 

Dass Katastrophen und Krisen oft als auslösende Faktoren für die Entstehung politischen Protests wirken, zeigt sich anschaulich am Beispiel der Welle von Anti-Atomkraft-Protesten in Japan nach dem verheerenden Atomunglück von Fukushima. Political process-Ansätze identifizieren derartige political opportunities als Grundlage für die Mobilisierung von sozialen Bewegungen. Zwar existieren auch in Japan Strukturen der Anti-Atomkraftbewegung seit mehreren Jahrzehnten. Im heutigen Japan, wo offener politischer Protest ein eher seltenes Phänomen darstellt, ist die seit 2011 beobachtbare Protestwelle jedoch in ihrem Ausmaß und ihrer Intensität einschneidend. Auf welche Weise sich Mobilisierungsprozesse innerhalb des Netzwerks der unterschiedlichen Anti-Atomkraft-Gruppen konkret abspielen, bleibt jedoch undurchsichtig.

Netzwerk­-Mobilisierung als neuer analytischer Ansatz

In ihrer als Buch erschienenen Dissertation „Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima“ unternimmt Anna Wiemann den Versuch, eben solche, weitestgehend verborgenen Mobilisierungsprozesse in Bewegungsnetzwerken sichtbar zu machen. Wiemann verortet ihre Arbeit in der sozialen Bewegungsforschung und entwickelt, aufbauend auf political process-Modellen und Ansätzen der Netzwerktheorie, einen eigenen analytischen Ansatz zur Untersuchung der auf der Meso-Ebene stattfindet. „Netzwerk-Mobilisierung“. Durch die Verknüpfung mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen der New York School of Relational Sociology greift Wiemann damit eine Leerstelle bisheriger Modelle der Bewegungsforschung auf: Mobilisierungsmechanismen im Netzwerk als black box. Die Autorin geht dabei von der Annahme aus, dass Akteure und deren Verhalten maßgeblich durch die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Beziehungen innerhalb des Bewegungsnetzwerks beeinflusst werden. Prozesse der Meso-Mobilisierung durch Koalitionsbildung mehrerer Bewegungsorganisationen setzen den Rahmen für gemeinsame Aktionsprofile von Bewegungsnetzwerken. Auf Basis einer umfangreichen Empirie zweier Beispiele von Bewegungsnetzwerken diskutiert Wiemann, auf welche Weise sich latente Bewegungsstrukturen einerseits und einschneidende Schlüsselereignisse wie der Atomunfall von Fukushima 2011 andererseits auf Mobilisierungsprozesse und letztendlich Aktionsprofile innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung auswirken.

Fukushima als political opportunity

Die japanische Anti-Atomkraftbewegung nach Fukushima stellt dabei ein interessantes Fallbeispiel für die Meso-Mobilisierung sozialer Bewegungen dar. Gerade aufgrund der etablierten Charakterisierung der japanischen Zivilgesellschaft als „schwach“ oder „unsichtbar“ (Pekkanen 2003, Foljanty-Jost 2005), qualifiziert sich der gewählte Kontext für die Untersuchung eben solcher, wie Wiemann beschreibt, „weniger sichtbaren“ (59) Mobilisierungsprozessen auf der Meso-Ebene. Als eines der größten politischen Protestereignisse in der jüngeren Geschichte Japans erlebte die Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von 2011 darüber hinaus eine Periode der höchst intensiven Mobilisierung. Trotz bereits bestehender Bewegungsstrukturen, so argumentiert Wiemann, bedurfte es einer sich plötzlich und rasant wandelnden öffentlichen Meinung gegenüber Atomkraft als political opportunity für die jüngste Welle des Protests in Japan.

Nach einer sorgfältigen kontextuellen Einführung zu Besonderheiten der japanischen Zivilgesellschaft und speziell zur Anti-Atomkraftbewegung vor und nach dem Atomunfall von Fukushima diskutiert Wiemann die Synthese ihres Modells der „Netzwerk-Mobilisierung“.

Darauf aufbauend strukturiert die Autorin ihre Untersuchung von Mobilisierungsprozessen in drei Aspekte: angewandte Aktionsprofile, Interaktionen im Netzwerk sowie latente Strukturen innerhalb der Bewegung. Wiemanns Forschung basiert auf einer umfassenden Methodenarbeit mit Daten aus zahlreichen Interviews mit Vertretern verschiedener Bewegungsgruppen, aus teilnehmenden Beobachtungen bei Veranstaltungen und Versammlungen sowie einer quantitativen, strukturellen Netzwerkanalyse. Unter Berücksichtigung einer eindrucksvollen Fülle von qualitativen und quantitativen Daten stellt sie zwei repräsentative Netzwerke innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung gegenüber; e-shift und SHSK.

Zwei Bewegungsnetzwerke im Vergleich

Beide Netzwerke haben sich nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gebildet, bestehen aus einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Kleingruppen, unterscheiden sich jedoch in den von ihnen vertretenen Schwerpunktthemen. Während e-shift Forderungen nach einem Atomausstieg und einer langfristigen Energiewende vertritt, setzt sich das Netzwerk SHSK vorrangig für die Rechte von Betroffenen aus den verstrahlten Gebieten in der Umgebung des Unfallreaktors ein. Als erstmaliger Zusammenschluss zuvor in Japan getrennter Anti-Atomkraft-, Umweltschutz-, und Verbraucherschutzgruppen wählt e-shift das Format eines losen, aber offenen, größtmöglichen Netzwerks. Dem gegenüber grenzt sich die wesentlich formellere Koalition von Betroffenengruppen unter dem Netzwerk SHSK von Primärforderungen einer Energiewende ab und fokussiert sich auf das gemeinsame Ziel der politischen Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess des Nuclear Victims‘ Support Act.

Aufbauend auf einen umfassenden Vergleich der Koalitionsbildung beider Netzwerke argumentiert Wiemann, dass die Mobilisierung der Bewegung zwar durch das nukleare Desaster ausgelöst, jedoch maßgeblich durch fünf Netzwerk-Faktoren beeinflusst wurde: den latenten Beziehungsstrukturen der Bewegung, der Wahrnehmung des Atomunfalls als political opportunity, der strategischen Definition von issue fields, der gesellschaftlichen Unterstützung und Resonanz des Themas sowie der Beziehung der Bewegung zu politischen Akteuren. Die Autorin beschließt mit der Einsicht, dass bei der Beurteilung zivilgesellschaftlicher Stärken und Schwächen nicht nur individuelle Gruppen, sondern darüber hinaus deren Netzwerkstrukturen und -kulturen als wichtige Bewegungsressourcen berücksichtigt werden müssen.

Interessant für breite Leserschichten

Wiemann tangiert in ihrem Buch sowohl theoretisch als auch kontextual-empirisch wichtige Diskussionen und erschließt sich somit eine breite Zielgruppe; innerhalb der Netzwerk- und sozialen Bewegungsforschung, aber auch in der japanischen Regionalwissenschaft. Die Arbeit liefert durch den neuartigen Fokus auf Mobilisierungsprozesse auf der Meso-Ebene wichtige Erkenntnisse zu einem, vor allem in der japanbezogenen Bewegungsforschung, bisher wenig beachteten Gesichtspunkt. Im Hinblick auf die Vielzahl von Forschungsarbeiten zur japanischen Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gelingt es Wiemann nicht nur, neue Perspektiven des Phänomens zu beleuchten, sondern darüber hinaus die gewonnenen Einsichten auch mit der Diskussion um die Besonderheiten sozialer Bewegungen in Japan zu verknüpfen. Während diese im Vergleich zu anderen regionalen Kontexten in der Öffentlichkeit als schwach erscheinen mögen, spielen weniger sichtbare, „organische“ Netzwerkprozesse (253) zivilgesellschaftlicher Strukturen eine wesentlich wichtigere Rolle. Wiemanns Erkenntnisse stehen damit nicht im Kontrast zu etablierten Ansichten, ihre Forschung liefert jedoch Einsichten über Prozesse und Mechanismen der bisher wenig untersuchten Meso-Ebene sozialer Bewegungen.

Leider gerät die Würdigung zur theoretischen Diskussion in ihrem eindrucksvollen Beitrag etwas zu kurz. Gerade in Anbetracht der umfangreichen Theoriearbeit zu Beginn des Buches wäre eine abschließende kritische Reflektion des Modells und seiner Anwendung in anderen Kontexten wünschenswert und hilfreich für weitergehende Entwicklungen gewesen. Darüber hinaus erhält der Leser durch die sorgfältige Vorstellung und Untersuchung der beiden Fallbeispiele zwar einen tiefen Einblick und ein gutes Verständnis über die Struktur und Hintergründe japanischer Bewegungsnetzwerke. Die Fallbeschreibungen verlieren sich jedoch stellenweise in erlässlichen Details, welche die Lektüre besonders für Leser ohne Vorkenntnisse über den japanischen Gesellschaftskontext mühsam gestalten könnte. Insgesamt ist Wiemanns Arbeit ein aufschlussreiches Buch, das sich auf geschickte Weise eine große Bandbreite an Lesern erschließt. Es veranschaulicht die Notwendigkeit, Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen auf der Meso-Ebene zu berücksichtigen, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht direkt zu erkennen sind. Gerade im japanischen Kontext spielen diese Mechanismen eine tragende Rolle in der Entwicklung sozialer Bewegungen, wie die Autorin überzeugend darlegt. Abschließend ist hervorzuheben, dass die theoretische Vorarbeit Wiemanns zur Anwendung des von ihr entwickelten Modells in weiteren Falluntersuchungen inspiriert.

Literatur

Foljanty-Jost, Gesine 2005: NGOs in Environmental Networks in Germany and Japan: The Quest for The Question of Power and Influence. In: Social Science Japan Journal, 8(1), 103–117

Pekkanen, Robert 2003: Molding Japanese Civil Society: State-Structured Incentives and the Patterning of Civil Society. In: Frank Jacob Schwartz & Sudan J. Pharr (Hg.): The State of Civil Society in Japan. Cambridge: Cambridge University Press.

Photo: Matthias Lambrecht @Flickr (CC BY-NC 2.0).

Bewegung in der Bewegungsforschung

08.04.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Roland Roth und Dieter Rucht erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1, S. 98-104. Roland Roth und Dieter Rucht sind Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

 

Wir leben in turbulenten Zeiten. Das gilt besonders für die Präsenz sozialer Bewegungen im öffentlichen Raum. So viel Bewegung war – national wie international – vermutlich nie, wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken (vgl. Rucht/Teune 2017; Roth 2018). Die Vielfalt der Themen und Formen des Protests ist ebenso unübersehbar wie seine Veralltäglichung und Normalisierung. Digitale Kommunikation hat diesen Aufschwung sicherlich beschleunigt; gleichzeitig scheinen die Mobilisierungen instabiler und episodischer auszufallen. Gemessen an den klassischen Leitbildern der alten und neuen sozialen Bewegungen haben wir heute viele Proteste, aber nur wenige soziale Bewegungen, die für eine gewisse Dauer ihr Großthema bearbeiten und es beharrlich mobilisierend auf die Straße bringen.

Die bunte Vielfalt der Proteste sollte zudem nicht vorschnell zur Erfolgsgeschichte stilisiert werden. Die Ergebnisse ‚friedlicher Revolutionen‘, des ‚Arabischen Frühlings‘ oder der Occupy-Bewegung bieten Anlass, die Wirkungen von Protestbewegungen kritisch zu reflektieren. Dennoch scheint gerade auch in den westlichen Demokratien die Aushöhlung der klassischen Volksparteien den Charme von bewegungsförmiger Politik gesteigert zu haben. Ob die ‚Liste Kurz‘ in Österreich, Macrons ‚en marche‘ in Frankreich, Trump in den USA oder die Fünfsterne in Italien – mit einer bewegungsförmigen Selbstpräsentation können heute Regierungsämter erobert werden.

Alles in Bewegung? – jedenfalls nicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb, in dem die Protest- und Bewegungsforschung noch immer randständig ist. Dies ständig zu beklagen, ist müßig, aber beschreibt eine restriktive Rahmenbedingung für eine noch zu entwickelnde Debattenkultur und forschungspolitische Institutionalisierung. Einige klassische Themen haben angesichts der veränderten gesellschaftlichen Situation mehr Aufmerksamkeit verdient, als dies im ‚Handgemenge‘ aktueller Debatten (vgl. die Beiträge von Teune/Ullrich 2018 und Finkbeiner/Schenke 2018 im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 3) möglich ist. Einige wenige damit verknüpfte Themen sollen nachfolgend angesprochen werden.

Engagement und Distanz

Vor dem Hintergrund des bis heute nicht abgeschlossenen Werturteilsstreits bzw. des späteren Positivismusstreits wird auch in der Bewegungsforschung anhaltend über die Wünschbarkeit und Möglichkeit ‚objektiver‘ Analysen gestritten. In Deutschland haben sich BewegungsforscherInnen 1985 im Arbeitskreis „Soziale Bewegungen“ innerhalb der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft zusammengetan. In dieser frühen Phase gab es kaum eine explizite Debatte über das Rollenverständnis der Bewegungsforschung, deren wissenschaftstheoretischer und paradigmatischer Fundierung sowie ihres möglichen Beitrags zu gesellschaftlicher Aufklärung und Problemlösung. Eher implizit fühlten sich die Forschenden allerdings mehr oder weniger eng ihrem bevorzugten Gegenstand, den neuen sozialen Bewegungen, verbunden. Mahnende Kommentierungen blieben nicht aus. Kritisierten die einen, so Michael Greven (1988), politische Voreingenommenheit der Forschung, so forderten andere, so Wolf-Dieter Narr, die „Leidenschaft zur demokratischen Sache“ möge nicht nur die Bewegungen selbst, sondern auch diejenigen „ein stückweit mittragen, die sich an deren forschende Vermittlung gemacht haben“ (Narr 1995: 89).

Mit dem bald einsetzenden Professionalisierungsschub der Bewegungsforschung gewann eine stärker analytische und empirisch gesättigte, teilweise auch quantitativ ausgerichtete Forschungslinie an Gewicht. Ein wichtiger Katalysator für diesen Trend war die 1988 eingeleitete institutionelle Verankerung von Bewegungsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin. In der entsprechenden Forschungsabteilung gab es allerdings keine einheitliche Linie hinsichtlich der Werturteilsfrage. Eher dem positivistischen Ideal zugewandte ForscherInnen arbeiteten Hand in Hand mit sich – wenngleich nur zurückhaltend – politisch positionierenden KollegInnen. Gleiches galt wohl auch für die weitere Community von organisierten und nicht organisierten ForscherInnen. Die Mehrzahl der BewegungsforscherInnen in Deutschland – und dies trifft auch auf etliche andere Länder in Europa zu – hatte oder hat eine biografische Verbindung zur ‚progressiven‘ Bewegungspraxis, was eine kleine Befragung von einschlägigen AutorInnen (Rucht 2016), aber auch unsere Kenntnis des Feldes nahelegt. Etliche BewegungswissenschaftlerInnen waren oder sind in zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv; sie unterstützen einzelne Kampagnen, aber fast niemand von ihnen exponiert sich in einer politischen Partei.

Die lange im Halbschlaf befindliche Diskussion um eine sich politisch verstehende Bewegungsforschung hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. In den neueren Debatten wird allerdings kaum an ältere Arbeiten angeknüpft, für die eine normative Positionierung essentiell war, darunter Studien zur Bürgerrechtsbewegung, zu städtischen Bewegungen, zu ‚community organizing‘, zu ‚poor people’s movements‘, ganz abgesehen vom Spektrum marxistischer Ansätze. Vielmehr hat sich die Diskussion auf epistomologisches, forschungsethisches und methodisches Terrain, hier insbesondere mit Bezug auf die Aktionsforschung, verlagert. Vor allem jüngere AutorInnen, z.B. Mayo Fuster Morell, Laurence Cox, Graeme Chesters, Anne de Jong und Alissa Starodub, fordern eine politische Parteinahme für und eine enge Kooperation mit (linken) AktivistInnen ein. In diese Richtung weisen auch die Plädoyers für ‚engaged scholarship‘, die mit unterschiedlichen Akzenten und Positionen vor allem in der Fachzeitschrift Social Movement Studies geführt wurden.[i] Auch die Veröffentlichungen der aktuellen Bewegungsforschung, sei sie nun distanziert oder engagiert, werden sich letztlich daran bewähren müssen, ob sie zum Verständnis gegenwärtiger Proteste beitragen.

In jedem Fall gilt: Die bequemen Zeiten sind schon länger vorbei, in denen man sich mit einem guten Gefühl der Nähe zu den neuen sozialen Bewegungen vergewissern konnte, weil Letztere eine progressive Agenda für eine nachkapitalistische Zukunft zu verkörpern schienen – erinnert sei an André Gorz „Wege ins Paradies“ von 1983. Aus den damals kursierenden Hoffnungen (so auch bei Alain Touraine) auf eine übergreifende gesellschaftsgestaltende Bewegung ist nichts geworden. Wer sich mit den Bewegungen von heute insgesamt identifizieren wollte, müsste mit der Einweisung in die Psychiatrie rechnen. Im Bewegungssektor tummeln sich progressive wie reaktionäre Akteure; neben einer pragmatischen Interessenpolitik, die sich auch des Protests bedient, finden sich verstärkt Mobilisierungen, die erneut die Sehnsucht nach völkischer Größe und autoritärer Führerschaft verkörpern. Vieles präsentiert sich widersprüchlich. Die Protestszene war zwar stets bunt und facettenreich, aber selten so zerklüftet wie heutzutage. Wer unter diesen Umständen Bewegungsnähe in der Protestforschung einfordert, gerät in ein Labyrinth partikularer Loyalitäten. Die Nähe zur einen Protestmobilisierung ist notwendig mit der Distanzierung von anderen Protesten verbunden. Eine sich selbst als kritisch und engagiert verstehende Wissenschaft ist deshalb mehr denn je gefordert, ihre eigenen normativen Maßstäbe darzulegen und zu reflektieren. Eine in erster Linie staats- und kapitalismuskritische Selbstverortung – wie sie in der „public sociology“ in der Tradition von Michael Burawoy (2005) angemahnt wird – genügt dabei nicht, weil sich ein rundum positiver Bezug auf die Zivilgesellschaft angesichts ihrer anwachsenden ‚dunklen Seiten‘ verbietet (vgl. Neidhardt 2017). Demokratie und Menschenrechte können noch immer als vertretbare Leitwerte einer engagierten Forschung ins Spiel gebracht werden. Aber orientierend wirken sie erst, wenn ihr utopischer Gehalt gewahrt wird und damit entsprechende Forderungen aus sozialen Bewegungen Resonanz finden können. Welche Bezüge auch immer in den Vordergrund geholt werden: eine neutrale Haltung zu Protesten kann es nicht geben. Es ist geboten, diesen Zwang zur Positionierung reflexiv aufzugreifen, ohne professionelle Standards des wissenschaftlichen Handwerks (wozu wir nicht das Wertfreiheitspostulat rechnen) zu verletzen.

„Adaequatio rei et intellectus“

Bereits im Mittelalter formulierte Thomas von Aquin als Erkenntnisideal, dass – in moderner Fassung – der Untersuchungsgegenstand und die gewählten Analysemethoden zusammenpassen müssen, wenn wahre Aussagen erzeugt werden sollen. Für die Bewegungsforschung, die es ja mit einem besonders heterogenen Forschungsobjekt zu tun hat, war und ist dies stets eine Herausforderung. Die Vielfalt der in den letzten Jahrzehnten erprobten methodischen Ansätze ist beachtlich. In der Summe wird der Versuch deutlich, unterschiedlichen Ausprägungen der Bewegungspraxis jeweils Rechnung zu tragen: sei es, indem ihre gesellschaftlichen Alternativen und ihre präfigurative Praxis in den Fokus gerückt werden (vgl. Zajak 2018), indem – wie im Ressourcenmobilisierungsansatz – die Dynamik von Protestbewegungen als Form organisierten und strategischen Handelns analysiert wird oder die postmaterialistischen, libertären und kulturellen Praktiken betont werden, wie dies Alberto Melucci in seinen „Altri Codici“ (1984) unternommen hat.

Schon diese inzwischen als klassisch zu bezeichnenden Zugänge haben sich nicht einfach zusammenfügen lassen, vom aktuellen Methodenpotpourri ganz zu schweigen. Dass die gegenwärtige Protestlandschaft weitere methodische Herausforderungen mit sich bringt, ist unübersehbar. Können die rechtspopulistischen Proteste von „Pegida“ mit dem gleichen Instrumentarium untersucht werden wie progressive Massenproteste vom Typus „#unteilbar“? Responsive, direkt am beforschten Objekt ansetzende, ihnen eine Stimme gebende Instrumente wie zum Beispiel die Befragung von DemonstrationsteilnehmerInnen geraten nicht nur an Akzeptanzgrenzen, wie die Fälle von „Pegida“ und der Hamburger Demonstration unter dem Motto „We’ll come united“ vom September 2018 zeigten. Da Zeit und Geld im Forschungsprozess eine wichtige Rolle spielen, wird oft auf die am wenigsten aufwändige Methode zurückgegriffen – etwa Gespräche mit „Führungspersonen“ oder „SprecherInnen“ von Bewegungen, obwohl bekanntlich im ‚Fußvolk‘ ganz andere Vorstellungen präsent sein können und die Sprecherrolle zuweilen eine mediale Erfindung darstellt. Methodische Einschränkungen sind zwar unvermeidlich, aber es ist offensichtlich schwierig, sie in der öffentlichen Kommunikation auf Kosten ‚knackiger‘ Aussagen zu vermitteln.

Historisch folgten viele Deutungen von Protesten dem Elite/Masse-Schema: Intellektuelle Eliten und staatlichen Instanzen interpretierten die Massenbewegungen ihrer Zeit. Mit den neuen sozialen Bewegungen hatte sich seit den 1970er Jahren eine Intellektualisierung der Aktiven vollzogen, die eine partizipative Forschungsperspektive angemessen erscheinen ließen, schließlich kamen Engagierte und Forschende aus ähnlichen Milieus (gelegentliche Rollenwechsel inklusive). Auch wenn diese Milieunähe heute nur noch für einen kleineren Ausschnitt des Protestgeschehens gegeben ist, bleibt die Herausforderung, forschend so nahe am ‚Objekt‘ zu sein, dass gehaltvolle Aussagen und Rückmeldungen möglich sind, und gleichzeitig so viel Distanz zu wahren, dass wissenschaftliche Praxis zusätzliche Erkenntnisgewinne erbringen kann. Der Beifall von AktivistInnen für bestimmte Deutungsangebote aus der Wissenschaft kann jedenfalls nicht als Gütekriterium für die Richtigkeit eigener Forschung reklamiert werden, wie dies etwa Werner Patzelt im Zusammenhang mit seinen Analysen von „Pegida“ meinte.[ii] Eine derartige Forschung liefe darauf hinaus, die Selbstinterpretationen von AktivistInnen lediglich zu verdoppeln. Die selbstgewisse Ausdeutung von Aussagen, die Protestierende in Gesprächen geäußert haben, kann sich weniger denn je auf intersubjektive Gewissheiten stützen und läuft Gefahr, dem Protestgeschehen und dem Selbstverständnis seiner Akteure eigentümlich fremd zu bleiben.

Auftragsforschung und wissenschaftliche Unabhängigkeit

Unterliegt bereits der akademische Normalbetrieb bekanntlich vielfältigen Restriktionen, etwa knappe Mitteln, unsichere Karriereplanung, befristete Anstellung und personelle Fluktuation, so steht die in Deutschland schwach institutionalisierte Bewegungsforschung vor besonderen Herausforderungen:

  • Die wichtigste ist vermutlich das Fehlen einer gesellschaftlichen Dauerbeobachtung. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) war es gelungen mit der Protestereignisanalyse im Rahmen des Prodat-Projekts einen solchen Ansatz für die Nachkriegszeit zu schaffen, der aber nur sehr eingeschränkt fortgeführt werden konnte; die Protestchronik von Wolfgang Kraushaar ist (bislang) in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten stecken geblieben; die von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Forschungen zu „Deutschen Zuständen“ mussten nach einer Dekade abgebrochen werden. Seit den 1980er Jahren kam keine halbwegs repräsentative Studie über Bürgerinitiativen mehr zustande, obwohl letztere präsenter denn je sind. Damit fehlen wichtige Analysefolien, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Protestgeschehen geht. Protestforschung gerät so in den Sog ihres Gegenstands: sie wird selektiv, abhängig von modischen Themenkonjunkturen und medialer Aufmerksamkeit.
  • Mit dem Rückgriff auf außeruniversitäre Fördermittel wachsen die direkten und indirekten Abhängigkeiten von aktuellen und potentiellen Auftraggebern. Meist handelt es sich bei der Protestforschung um Mittel der öffentlichen Hand. Dies ist selbst bei der Mehrzahl der Stiftungen, vor allem der politischen Stiftungen, der Fall. Eine unabhängige Finanzierung durch die Zivilgesellschaft als Alternative kann angesichts der besonderen Staatsnähe von Teilen der deutschen Zivilgesellschaft nur in Ausnahmefällen gelingen. Dennoch ist die allgemeine Rede von der Staatsabhängigkeit der Protestforschung unzulänglich und von einem naiven Staatsverständnis geprägt. Mit Marx, Poulantzas und Hirsch ist daran zu erinnern, dass Staat nicht als homogener Block, sondern sinnvoll nur als Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse gedacht werden kann. Daraus ergeben sich divergierende Interessen unterschiedlicher öffentlicher Auftraggeber, die für Forschende Handlungsspielräume eröffnen, welche es im Sinne der Wissenschaftsfreiheit zu erweitern und zu nutzen gilt.
  • Diese Spielräume dürften jedoch umso enger ausfallen, je stärker die öffentliche Finanzierung an repressive Funktionen des Staates gekoppelt ist. Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob ein Forschungsvorhaben aus Mitteln des Programms „Demokratie leben!“ des Familienministeriums finanziert wird oder ob es in die Beobachtungsarbeit des Verfassungsschutzes eingebunden ist. Dass es auch dort einen öffentlichen Bereich wissenschaftlicher Analysen gibt, der sich akademischen Standards zu stellen hat, ist davon unbenommen. Eine Bewegungsforschung, die sich allzu sehr in die Nähe des Verfassungsschutzes begibt, vernachlässigt die enormen Folgen der politischen Extremismus-Etikettierung für die potentiell Betroffenen und muss sich über deren Widerstand und über eigene Reputationsschäden nicht wundern. Dass es sich bei den deutschen Verfassungsschutzbehörden nicht um einen Hort gesellschaftlicher (Selbst-)Aufklärung handelt, hat nicht nur der NSU verdeutlicht. Was ist von einer Einrichtung zu halten, deren Präsident in seiner Abschiedsrede im Verschwörungsgestus von „linksradikalen Kräften in der SPD“ faselt?

Interne Diskurse der Bewegungsforschung Die ab den späten 1970er Jahren in Westdeutschland entstandene und lange auf die neuen sozialen Bewegungen fokussierte Forschung sah sich in ihrer Frühphase zwei externen Vorwürfen ausgesetzt. Der erste lautete, sie imaginiere einen nicht existenten Gegenstand. So sprach Stöss (1984) vom „Mythos der neuen sozialen Bewegungen“. Der zweite Vorwurf richtete sich auf die sympathisierende Haltung von WissenschaftlerInnen gegenüber ihrem Gegenstand: „Wo sie (die Bewegungswissenschaft, die Verf.) aus offenkundig sympathisierender politischer Intention ein Auge zudrückt, wird sie in ihrer Wirkung gerade entpolitisiert und steht in der Gefahr, zu einer bloß affirmativen Begleit- und Akzeptanzforschung zu verkümmern, die niemand mehr richtig ernst nimmt“ (Greven 1988: 58). Diese Kritiken wurden mit der evidenten Konsolidierung neuer sozialer Bewegungen und der wachsenden Professionalisierung auch der Bewegungsforschung in Deutschland, die rasch Anschluss an die internationalen Diskussionsstand fand, weitgehend ad acta gelegt.

Die heutigen internen Debatten der Bewegungsforschung konzentrieren sich nach unserer Wahrnehmung vor allem auf folgende drei Aspekte:

  • Methodenprobleme und Methodenadäquanz: Die Verfachlichung der Bewegungsforschung war spätestens seit den 1990er Jahren von einer wachsenden Diversität der Perspektiven sowie der Professionalisierung des methodischen Instrumentariums begleitet. Damit verbunden waren dann auch Debatten über die Angemessenheit und Aussagekraft einzelner Methoden – etwa der Erfassung von Mobilisierungspotentialen aufgrund von teilweise hypothetisch formulierten Items in repräsentativen Bevölkerungsumfragen; der Selektivität von Protestereignisanalysen auf der Basis von Zeitungsberichten; der Repräsentativität von Vor-Ort-Befragungen von Protestierenden; der vorrangigen Erschließung von Bewegungsstrukturen anhand von formalen und großen Organisationen; der Fokussierung auf das spektakuläre Protestgeschehen zu Lasten des Dauerbetriebs von Organisationsund Motivationsarbeit; der Identifizierung anhaltender Forschungslücken, zum Beispiel hinsichtlich der internen Machtstrukturen in Bewegungen oder Prozessen der Demobilisierung.

Diese Kritik war in Teilen berechtigt; sie gehört aber zur Normalität des Forschungsbetriebs und ist insoweit nicht feldspezifisch. In ihrer Summe führte sie zu einer graduellen Verbesserung theoretischer wie empirischer Instrumente, ohne dass ein Abschluss dieser Entwicklung abzusehen wäre.

  • ‚Altbackenheit‘ der ‚etablierten‘ Bewegungsforschung: Die Konsolidierung einzelner Perspektiven und Paradigmen innerhalb der Bewegungsforschung und deren vorrangige Repräsentation durch inzwischen ergraute ForscherInnen rief verschiedentlich VertreterInnen jüngerer Generationen auf den Plan, die eine Vernachlässigung neuer empirischer Entwicklungen (zum Beispiel der digitalen Kommunikation) oder auch die Notwendigkeit anderer theoretischer Perspektiven und Paradigmen betonten. Bei dem Versuch, die eigene Originalität herauszukehren, wurde gelegentlich der tatsächliche Stand der Forschung stark vereinfacht, wenn nicht sogar verzerrt. Auf diese Weise positionierten sich zum Beispiel der Ressourcenmobilisierungsansatz in den 1980er Jahren und Vertreter des cultural turn in den 1990er Jahren in den USA gegenüber einem angeblich dominanten, aber einäugigen Mainstream bisheriger Bewegungswissenschaft. Ein aktuelles Beispiel für dieses Verhaltensmuster im deutschen Sprachraum ist das Plädoyer für eine poststrukturalistische Bewegungsforschung: „Etablierte Forschungsansätze“ würden einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes nicht erfassen, so „beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretischen Analyseperspektive, …wie auch die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (Leinius/Vey/Hagemann 2017: 6). Diese Kritik, so unser Eindruck, kann nur in Unkenntnis etlicher vorliegender Arbeiten formuliert werden, denkt man etwa, auf Deutschland bezogen, an AutorInnen wie Joachim Raschke, Joachim Hirsch, Roland Roth, Margit Mayer und Ulrich Brand.
  • Politische Positionierung: Ein drittes Thema aktueller forschungsinterner Debatten ist die (wiedergekehrte) Frage der gebotenen oder schädlichen politischen Positionierung der Forschenden zu ihrem Gegenstand soziale Bewegungen und, damit teilweise verbunden, die Interessenbindung der Forschenden an ihre Geldgeber. Diese Debatte hat durch die Publikation der Berliner Autoren Teune/Ullrich (2018), die darauf folgende Replik Göttinger Autoren (Finkbeiner/Schenke 2018) und weiterführende Überlegungen von Scholl (2018) an Konturen gewonnen. Darauf einzugehen, würde den Rahmen unseres kleinen Beitrags sprengen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Feld der Bewegungsforschung in einem doppelten Sinne in Bewegung ist. Einerseits ist es hochgradig dynamisch, so dass es schwer fällt, einen konsolidierten und auf absehbare Zeit gültigen Wissensstand gleichsam in Lehrbuchform zu präsentieren. Andererseits ist die Bewegungsforschung auch in dem Sinne bewegt, als sie Kontroversen ausficht, das Thema „engaged scholarship“ intensiv diskutiert und sich zudem in Teilen selbst bewegungsähnlich organisiert. Parallel und ergänzend zu den etablierten Formen der akademischen und teilweise hierarchisierten Wissensproduktion bilden sich dezentrale, nur lose vernetzte und horizontale Strukturen heraus. Diese Art von Bewegungsforschung weist in ihrem Rollenverständnis insofern Merkmale von public sociology auf, als sie gesellschaftliche und politische Missstände aufgreifen und ihre Befunde auch in die Öffentlichkeit tragen will, ohne deshalb schon den Mund so voll zu nehmen, wie es bei der public sociology im Sinne Burawoys anklingt.[iii]

Literatur

Burawoy, Michael 2005: For Public Sociology. In: American Sociological Review, Vol. 70, 4-28.

Finkbeiner, Florian/Schenke, Julian 2018: Der Aktivist als „besserer“ Forscher? Göttinger Antwort auf Berliner Kritik. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3, 93-97. Greven, Michael Th. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 1, Heft 4, 51-60.

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017:  Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

Melucci, Alberto (Hg.) 1984: Altri Codici. Aree di movimento nella metropoli. Bologna: Il Mulino.

Müller, Hans-Peter 2017: Die Grenzen der Soziologie. In: Aulenbacher, Brigitte et al. (Hg.), Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Campus, 113-118.

Narr, Wolf-Dieter 1995. Zwischen Profession und Bewegung: 10 Jahre Arbeitskreis Soziale Bewegungen. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 8, Heft 1, 82-89.

Neidhardt, Friedhelm 2017. „Public Sociology“ – Burawoy-Hype und linkes Projekt. In: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 27, 303-317.

Roth, Roland 2018: Eine neue Generation von Protesten? Ein Literaturbericht. In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, Jg. 12, Heft 2, 429-452.

Rucht, Dieter 2016. Conclusions. Social Movement Studies in Europe: Achievements, Gaps and Challenges. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.), Social Movement Studies in Europe: The State of the Art. New York and Oxford: Berghahn, 456-487.

Rucht, Dieter/Teune, Simon 2017: Einleitung: Das Protestgeschehen in der Bundesrepublik seit den 1980er Jahren zwischen Kontinuität und Wandel. In: Daphi, Priska/ Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel der Bedingungen, Formen und Effekten des politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Nomos: Baden-Baden, 9-33.

Scholl, Armin 2018: Das Selbstverständnis der Bewegungsforschung im Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Versuch einer Weiterführung der Debatte. https://soziologieblog.hypotheses.org/12318 [07.01.2019].

Stöss, Richard 1984: Vom Mythos der ‚neuen sozialen Bewegungen‘. Neun Thesen und ein Exkurs zum Elend der NSB-Forschung. In: Falter, Jürgen W./Fenner, Christian/Greven, Michael (Hg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 548-565.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischem Auftrag. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 31. Jg., Heft 1-2, 418-424.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31. Jg., Heft 4, 98-105.

 

 

[i]  Siehe insbesondere einzelne Beiträge in den Heften 2/2012 und 2/2013.

[ii]  So Patzelt bei einer Veranstaltung unter dem Titel „PEGIDA: Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende“-Enttäuschung?“ am 30. November 2015 in der Kapelle des Dresdener Residenzschlosses.

[iii] Sie dazu die kritischen Anmerkungen von Müller (2017) und Neidhardt (2017).

 

Photo by History in HD on Unsplash (MLK in the March on Washington for Jobs and Freedom, in Washington, D.C. on Wednesday, August 28, 1963)

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