Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung

Subscribe to Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung feed Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung
Updated: 4 hours 21 min ago

Öffentliche Podiumsdiskussion – Alltäglicher Ausnahmezustand: Polizei, Gewalt und Politik in Frankreich

10.05.2017

Ort: Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin, Hardenbergstraße 16-18, Berlin-Charlottenburg

Zeit: 20. Mai 2017, 12-18 Uhr

Im August 2016 verabschiedete die französische Regierung trotz Generalstreik und monatelanger Proteste im gesamten Land letztlich via Dekret die sogenannte loi travail, eine umfassende gesetzliche Arbeitsmarktreform. Zu dem vielseitigen Protestrepertoire der Gegner_innen des Gesetzes gehörten auch sogenannte émeutes oder riots, also massenhafte gewaltvolle Konfrontationen zwischen Protestierenden und der Polizei. Die Bedeutungen und Nachhaltigkeit der Proteste werden unter Aktivist_innen wie Wissenschaftler_innen durchaus kontrovers diskutiert. Festhalten lässt sich jedoch, dass dem Thema Polizeigewalt infolge der Ereignisse eine anhaltend hohe öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist.

Auffällig wird vor diesem Hintergrund, dass es in den Banlieues, den Vorstädten größerer Metropolen in Frankreich, seit den 1980er Jahren immer wieder zu gewaltvollen Konfrontationen zwischen Bewohner_innen und der Polizei kommt, in deren Folge Menschen schwer verletzt werden oder zu Tode kommen. Dies hatte in der Vergangenheit jedoch kaum einen nennenswerten öffentlichen Nachklang zur Folge, es sei denn, es kam im Anschluss zu sogenannten émeutes. Zunehmend verschaffen sich Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus den Banlieues in der Öffentlichkeit Gehör.

In einer öffentlichen Diskussion im Rahmen der internationalen Konferenz „Riots. Violence as Politics?“ fragen wir: was sind die Hintergründe dieser unterschiedlichen Verhandlung von Polizeigewalt bzw. Polizei und Gewalt? In welchem Verhältnis stehen das Agieren der Polizei in den Banlieues und ihr Vorgehen im Kontext von Nuit Débout? Wie ist massenhafte Gewalt in diesen beiden Kontexten als ein politisches Phänomen zu verstehen?

Diese Fragen an der Schnittstelle zwischen Aktivismus und Wissenschaft werden wir mit Gästen aus verschiedenen Pariser Vororten und Paris diskutieren:

  • Bernard Schmidt (Aktivist, Journalist, Jurist)
  • Marwan Mohammed (Soziologe, Centre Maurice Halbwachs, Paris)
  • Fatima Ouassak (Politologin, Autorin von „Discriminations Classe/Genre/Race“ (2015), Bagnolet, Département Seine-Saint-Denis)
  • Almamy Kanouté (Aktivist, Mitbegründer der Bewegegung „Émergence“, Fresnes, Département Valde-Marne)
  • Fabien Jobard (Politikwissenschaftler, Centre Marc Bloch, Berlin)

Das ganze Programm der Tagung findet sich hier. Die Tagung entstand als Kooperation des AK Riots mit dem Zentrum Technik und Gesellschaft, dem Centre Marc Bloch und lingua.trans.fair. Finanziert wird die Tagung durch die Hans Böckler Stiftung und durch das Centre Marc Bloch.

Foto: Erwan Corre (cc)

Forschungsprojekt ViDemo ist abgeschlossen

09.05.2017

Das DFG-geförderte Forschungsprojekt „Videoüberwachung von Versammlungen und Demonstrationen. Praxis und Wissensformen von Polizei und Protestierenden (ViDemo)“  unter Leitung von Peter Ullrich ist im April zu Ende gegangen.

In der letzten Phase entstanden noch viele Aufsätze. Sie widmen sich Videoüberwachung unter verschiedensten Aspekten – aus Sicht der Polizei und der davon Betroffenen. Im Kern geht es um ein Verständnis des Filmens von Demonstrierenden als Prozess, der polizeiliche Definitionsmacht sicherstellt („Definitionsmachtkette“). Zwei Aufsätze, die in Zusammenarbeit mit Philipp Knopp entstanden, widmen sich den Reaktionen von Protestierenden (u.a. Neutralisierungstechniken und dadurch ausgelöste „Spirale von Überwachung und Gegenüberwachung“) sowie den politischen Deutungen und Subjektivierungseffekten von Videoüberwachung.

Peter Ullrich wird die Hauptergebnisse am 11. Juli 2017 beim Forschungsinstitut für öffentliche und private Sicherheit (FÖPS) an der HWR Leipzig vorstellen.

 

 

Foto: watcher_and_watched_1692 by Pete @Flickr

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Riots – Violence as Politics? Konferenz des AK Riot am 19. und 20. Mai in Berlin

04.05.2017

Der AK Riot organisiert eine internationale Konferenz mit Schwerpunkt auf die Konfrontation von Protestierenden und Polizei in Frankreich am 19. und 20. Mai 2017 am Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin: Riots – Violence as Politics?

Am zweiten Tag könnt Ihr einfach dazu kommen. Für den ersten Tag müsstet Ihr Euch anmelden. Kontakt: riot_workshop@riseup.net

 

Der AK Ökonomie und Arbeit auf der Konferenz ‚Cross-Movement Mobilizations‘

04.05.2017

Transnational Cross-Movement Alliances, Coalition Power and New Global Politics of Labour

Wirtschaftliche Globalisierungsprozesse stellen Gewerkschaften und soziale Bewegungen weltweit vor neue Herausforderungen bei Versuchen der Durchsetzung von Arbeitsstandards. Neben klassischen Instrumenten der ArbeitnehmerInnenvertretung wie Kollektivverhandlungen etablieren sich neue Strategien, die unter anderem auf einer Öffentlichkeits- und KonsumentInnenmacht basieren. Das Panel „Transnational Cross-Movement Alliances, Coalition Power and New Global Politics of Labour” des AK Ökonomie und Arbeit des ipb auf der Internationalen Konferenz zu „Cross Movement Mobilization“ vom 5. bis 8. April 2017 in Bochum widmete sich den Möglichkeiten und Hindernissen von Allianzen zwischen sogenannten „alten” und „neuen” sozialen Bewegung. Die Teilnehmenden diskutierten die Annahme, inwiefern Zusammenarbeit von Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der transnationalen Arena dazu beitragen kann Arbeitnehmerrechte zu stärken und Arbeiter zu organisieren. Es stellte sich Fragen nach einer gemeinsamen Basis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen und den Mechanismen der Koalitionsbildung sowie nach den Ergebnissen von (trans-) nationalen Allianzen: Wie wird eine gemeinsame Koalitionsmacht etabliert? Unter welchen Bedingungen führen diese Koalitionen zu Synergien und neuen Wegen der transnationalen Institutionenbildung?

Das TeilnehmerInnen diskutierten zunächst in einer ersten Session Koalitionen von sozialen Bewegungs (-organisationen) und Gewerkschaften. Dabei wurden Möglichkeiten und Hindernisse der Koalitionsbildung sowie Interaktionsmuster in der Zusammenarbeit herausgearbeitet. Es wurde der Versuch unternommen Theorien der sozialen Bewegungs- und industriellen Beziehungsforschung zu integrieren, um die Rolle von politischen und ökonomischen Gelegenheiten, Ressourcenknappheit aber auch Identitäten und ideologische Positionen für Allianzbildungen näher zu bestimmen (Giulia Gortanutti, Johanna Lauber, Ana-Maria Nikolas und Sabrina Zajak). Empirische Beispiele beschrieben die mögliche Rolle von Gewerkschaften in Kooperativen (Stefan R. Siebel), den besonderen Beitrag von Gewerkschaften in US-amerikanischen Kampagnen für bezahlte Krankheitstage (Cassandra Engeman) sowie die Interaktionsmechanismen von komplementären Gewerkschafts- und NGO-Strategien für Arbeitsstandards in der globalen Bananenproduktion (Melanie Kryst). Insgesamt verwiesen die Beiträge auf die gesonderten Funktionen von sozialen Bewegungen und insbesondere Gewerkschaften in der (trans-) nationalen Regulierung von Arbeitsbedingungen, wobei soziale Bewegungen, AktivistInnengruppen und NGOs nicht mehr länger als „neue“ Akteure in dem Feld der Erwerbsregulierung anzusehen sind. Vielmehr haben sie sich bereits als Unterstützer etabliert, aber gelegentlich auch als Alternative zur klassischen Gewerkschaftsarbeit – was häufig auch zu konfliktreichen Formen der Zusammenarbeit führt.

In einer zweiten Session wurden transnationale Netzwerke von Gewerkschaften vor dem Hintergrund globaler Wertschöpfungsketten debattiert. Obwohl transnationale Kooperation und Solidarität von vielen in der Wissenschaft und Praxis als wichtiger Faktor zur Einhegung eines globalen Kapitalismus betont wird, zeigen die verschiedenen empirischen Studien jedoch auch die Schwierigkeiten und Hindernisse von transnationaler Zusammenarbeit. Dabei wurde sowohl auf Organisationsbemühungen im globalen Norden als auch im globalen Süden eingegangen. Beispiele beschäftigten sich mit (gescheiterten) Organisationsbemühungen innerhalb der Volkswagengruppe in Nord-Amerika (Zach McKenny), mit Koalitionen von MigrationsarbeiterInnen in Süd-Ost-Asien in Form des Social Movement Unionism (Stefan Rother), sowie mit transnationalem Gewerkschaftshandeln in Japan und den USA (Jan Niggemeier). Gerade der Beitrag zu MigrationsarbeiterInnen in Süd-Ost Asien verweist darauf, dass die Forschung zu Social Movement Unionism und Allianzen zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften immer noch klassische Arbeitsverhältnisse vornehmlich im globalen Norden als Ausgangspunkt nimmt, wie sie jedoch immer seltener vorzufinden sind. Diese empirischen Fälle zeigen die breite Varianz von so genannten Revitalisierungsstrategien, die derzeit in der Forschung diskutiert werden und verweisen auf die Relevanz und notwendige Einbindung von lokaler Akteuren

Das Panel zeigte somit, dass eine gemeinsame Koalitionsmacht – also die Erweiterung der Möglichkeiten der Einflussnahme durch Kooperation von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, möglich und gleichzeitig sehr voraussetzungsvoll ist: sowohl die industrielle Beziehungs- als auch die Bewegungsforschung zeigt, wie politische Kontexte, Ressourcenunterschiede und kulturelle Faktoren Koalitionen begünstigen, aber vor allem auch verhindern können. Einige Arbeiten stellten auch das Scheitern solcher Allianzen heraus und zeigen damit, dass Gruppen und Organisationen, insbesondere auch Gewerkschaften von der Zusammenarbeit nicht nur profitieren können.

 

Organisation des Panels: Sabrina Zajak und Marissa Brookes

 

Passend zum Panel erschien von AK-Sprecherin und ipb-Vorstandsmitglied Sabrina Zajak der Band Transnational Activism, Global Labor Governance, and China kürzlich bei Palgrave.

 

Foto: Strikers during the 1933 Dressmakers‘ Union strike take a break in a diner, The Kheel Center for Labor-Management Documentation and Archives

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Der AK Stadt/Raum auf der Konferenz ‚Cross-Movement Mobilizations‘

27.04.2017
Cross-Movement Convergences: The Urban as Opportunity or Limitation?

Im Rahmen der Internationalen Konferenz zu „Cross Movement Mobilization“ vom 5. bis 8. April 2017 in Bochum hat der AK Stadt/Raum zwei Panels zum Thema „Cross-Movement Convergences: The Urban as Opportunity or Limitation?“ organisiert. Die Vorbereitung und Moderation übernahmen Margit Mayer (Center for Metropolitan Studies, TU Berlin) und David Scheller (FH Potsdam).

Inhaltlicher Ausgangspunkt für die Zusammenstellung der Panels war der Befund, dass städtische soziale Bewegungen in den vergangenen zwei Dekaden an Bedeutung gewonnen und sich um urbane Konflikte eine Vielzahl unterschiedlicher Protestinitiativen gebildet haben. Die Versprechungen des Urbanen sind in den letzten Jahren zu einem Verbindungspunkt für heterogene Proteste geworden, wobei das „Recht auf Stadt“ (Lefebvre) in städtischen sozialen Bewegungen und im entsprechenden Forschungsfeld ein Revival erlebt hat. Eine Herausforderung für viele Bewegungen besteht in der Verbindung und gegenseitigen Unterstützung ihrer partikularen, oft fragmentierten Proteste. Debatten zur Einschätzung städtischer sozialer Bewegungen lavieren zwischen Kontextualisierungsversuchen als potentielle Ansatzpunkte für eine Kritik an hegemonialen kapitalistischer Vergesellschaftung und Betonung der Risiken des local trap für translokale Mobilisierungen. Dieses Spannungsfeld bildete den Kern der beiden Panels für eine Diskussion von Konvergenzen städtischer Bewegungen anhand verschiedener Forschungsansätze, empirischer Fälle und theoretischer Interpretationen. Dabei sollten sowohl die Chancen und Möglichkeiten als auch Schwierigkeiten und Hindernisse in den Blick genommen werden.

Den Anfang zum sehr gut besuchten Vormittagspanel machte Justus Uitermark (University of Amsterdam), der als Keynote Speaker für die Panels in seinem Vortrag „The urban vortex. Connections across cities and movements“ eine konzeptionelle Ausrichtung aus einer bottom-up Perspektive auf städtische soziale Bewegungen vorstellte. Bezugnehmend auf sein und Walter Nicholls‘ jüngst erschienenes Buch „Cities and Social Movements“ betonte er den lokalen Kontext als entscheidend für das Verständnis von sozialen Bewegungen, die er weniger als Entitäten als vielmehr temporäre Strukturen begriffen haben will, da deren Subjekte zwischen verschiedenen Bewegungskontexten hin und her springen, und nur mittels eines relationalen Ansatzes erklärt werden können. Beispielhaft illustrierte er sowohl die lokale Verwurzelung von städtischen Protesten sowie deren globale Vernetzung an Hand empirischer Erhebungen von Twitternutzung von Aktivist_innen der Bewegung für Migrant_Innenrechte.
Nina Fraeser (HCU Hamburg) widmete sich in ihrem Vortrag „Commoning as solidarity practice: the social-spatial reproduction of urban social movements“ der lokalen Eingebundenheit städtischen Protests in Hamburg. Sie diskutierte die Relevanz von (post)autonomen Räumen des Widerstands aus einer queeren Perspektive und hob dabei explizit die Berücksichtigung von Elementen des Scheiterns hervor. Dabei verlagert sich der Fokus auf die Sphäre der Reproduktion weg von Großevents hin zu den kleinen Störungen, Widersprüchen und Kämpfen im Städtischen. Gerade diese Unvollkommenheit sei entscheidend für die Entstehung von Solidarität und Konvergenzen durch Commoning-Praktiken.

David Scheller (FH Potsdam) präsentierte in seinem Vortrag „Beyond housing movements? Convergences of urban social movements in Berlin and New York“ beispielhaft die Konstitution stadtpolitischer Netzwerke aus hegemonietheoretischer Perspektive. Protestartikulationen konvergieren in der Formulierung von Äquivalenzketten und Antagonismen sowie der Konstruktion leerer Signifikanten auf einer Grassroots-Ebene. Insbesondere eine „Stadtpolitik von unten“ wird zu einem gemeinsamen Bezugspunkt für heterogene Protestinitiativen, deren Protest sich aus alltäglich erfahrenen Widersprüchen neoliberaler Politiken speist. Implizieren diese Verbindungen von Forderungen und Subjektpositionen (radikale) Demokratisierungselemente, so können städtische Protestartikulationen auch über den städtischen Kontext hinausweisen.

Esin Ileri (EHESS, Paris) widmete sich in ihrem Vortrag „Social Movements in Istanbul“ in erster Linie den (Dis)Kontinuitäten von Protest vor und nach der Besetzung des Gezi Park bis zu Mobilisierungen gegen das Referendum zur Verfassungsänderung im breiten Bündnis „Istanbul United“. Die Erfahrungen der Aneignung des urbanen Raums und Kollaborationen ganz unterschiedlicher Akteur_innen haben zu einer neuen Sprache des Protests beigetragen, aber auch Hindernisse in der Zusammenarbeit verdeutlicht. Dabei entwickelte sie eine Typologie von zwischen verschiedenen Initiativen changierenden Aktivist_innen.

Inés Morales Bernardos (ISEC, University of Córdoba) stellte in ihrem Vortrag „Athens, cross-movement convergences to reconstruct urban food autonomy in times of crisis“ Ergebnisse ihrer ethnographischen Arbeit vor. Urbane Gärten, kollektive Küchen und Kooperativen konstituieren horizontale Räume, mitunter auch Verbindungen zu ländlichen Regionen. Dabei bildet sich ein bewußt-spontanes Beziehungsgeflecht aus, das durch konsensorientierte präfigurative Politiken bestimmt ist. Für die Konstitution lokaler und transnationaler Netzwerke wirkt die Stadt wie ein Verstärker und als Möglichkeitsraum für politische Alternativen (political imaginaries), welcher jedoch als Zentrum sozialer Kontrolle auch Limitierungen bestimmt.

Sebastián Ibarra González (Amsterdam Institute for Social Science Research) stellte in seinem Vortrag „Urban Struggles in Santiago de Chile. Between local-territorial embeddedness and fragmentation of claims“ aus einer Framing-Perspektive zwei Fallstudien aus Santiago de Chile vor. Dabei fokussierte er insbesondere auf die lokale Eingebundenheit der Proteste und die tendenzielle Fragmentierung von Nachbarschaftskämpfen sowie ihre Limitierung auf konkrete partikulare thematische Protestfelder. Aus diesen Gründen komme es in diesen Fällen nicht zu Konvergenzen zwischen fragmentierten Partikularinteressen.

Die sich an die Vorträge anschließenden Diskussionen kreisten in erster Linie um epistemische und konzeptionelle Fragen zur Spezifität des Urbanen und darum, wie soziale Bewegungen analytisch zu verstehen sind. Aus unterschiedlichen Perspektiven wurde das Urbane als Agglomeration gesellschaftlicher Widersprüche, als politischer Imaginationsraum oder auch als diskursives Möglichkeitsfeld gesehen. Mit Blick auf die Skalen des Protests wurde generell die lokale Eingebundenheit betont, aber auch die Potentiale und Hindernisse globaler Konvergenzen. Die vorgestellten Forschungen setzten an den alltäglichen Erfahrungen als Protestursachen an und betonten die Rolle von kleinen, leisen, unvollkommenen und sporadischen Koordinationen und das schwierige und auch scheiternde Aushandeln gemeinsamer Bezugspunkte für Konvergenzen. Klar wurde jedenfalls, dass das Urbane ein heterogenes Möglichkeitsfeld des Protests und Widerstandes darstellt, nicht nur gegen den neoliberalen Urbanismus, sondern auch über Partikularismen hinausgehend mit Potential für radikaldemokratische Universalisierungen mit jeweils spezifischen lokal bedingten Limitierungen und Herausforderungen.

 

Foto: Alan Hilditch (cc, via Flickr)

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Der AK Umwelt und Protest auf der Konferenz Cross-Movement Mobilizations

11.04.2017

Moving Boundaries – Building Bridges. The Remaking of the Environmental Movement?

In den vergangenen Jahren erleben wir eine Reihe neuer Entwicklungen in Umweltbewegungen auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene. Hierzu gehört neben neuen Vernetzungsprozessen und Handlungsformen auch eine zunehmende Verbindung unterschiedlichster Themenfelder, die vormals häufig getrennt diskutiert wurden, wie Klimawandel, Naturschutz, Wirtschaft, Landwirtschaft, Menschenrechte und Gesundheit. Zahlreiche Initiativen sind – gerade auf lokaler Ebene – neu entstanden.

Im Rahmen der „International Conference on Cross-Movement Mobilization“, die vom 5.-7.April an der Ruhr-Universität in Bochum stattgefunden hat, haben wir daher in zwei Panels die Gelegenheit genutzt, diese Entwicklungen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen: Wann und wie kommt es zu neuen Vernetzungsprozessen sowie einer Verschiebung beziehungsweise Erweiterung der Diskurse und welche Herausforderungen stellen sich hierbei? Inwiefern sind neue Strategien und Handlungsformen beobachtbar? Was sind die Motivationen und Ziele gerade hinter neueren Projekten? Und schließlich, wie können wir – angesichts einer wachsenden Vielfacht und Komplexität der beobachteten Phänomene – die Charakteristika von Umwelt- und Klimabewegungen beschreiben?

Die Panelbeiträge zeigten die Vielfalt der diskursiven Entwicklungen. So entstehen gerade im Zusammenhang der Energiewende in Deutschland neue Konflikte auf lokaler Ebene zwischen Klimaschutz und Landschaftsschutz (Beitrag Bleta Arifi), während auf transnationaler Ebene sowie in zahlreichen lokalen Initiativen Fragen des Klimaschutzes zunehmend mit Diskursen globaler und sozialer Gerechtigkeit verbunden werden (Beitrag Romina Ranke). Bemerkenswert ist hierbei, dass auch Projekte, die stark auf der lokalen Ebene verwurzelt sind, ihr Handeln dennoch diskursiv explizit mit globalen Herausforderungen verknüpfen und sich als Teil einer transnationalen Bewegung verstehen. Hierzu zählen beispielsweise die Initiative Solawi (Beitrag Mundo Yang und Katrin Hedeman), lokale Transition Town-Gruppen (Beitrag Jana Bosse) und Initiativen, die sich für einen nachhaltigeren und faireren Konsum (Beitrag Francesca Colli) einsetzen.

Bemerkenswert ist, dass diese Initiativen wenig oder kaum in Proteste involviert sind, sondern zu anderen Handlungsformen greifen, sich aber gleichwohl als Teil von Umweltbewegungen verstehen. Eine Rolle spielen bei der Entscheidung für oder gegen konfrontative Handlungsformen, wie Anna Wiemann in ihrem Beitrag über die japanische Anti-Atomkraft-Bewegung gezeigt hat, auch kulturelle und nationale Rahmenbedingungen. Die Auseinandersetzung mit Handlungsformen jenseits des Protestes könnte – so unser Fazit – insofern interessant sein, da die Bewegungsforschung üblicherweise Proteste und Demonstrationen als zentrales Charakteristikum Sozialer Bewegungen annimmt, obgleich – wie sich im Rahmen unserer Panels gezeigt hat – das Spektrum der Aktivitäten jedoch sehr viel breiter ist.

 

Organisation der Panels: Jana Bosse und Romina Ranke

 

Foto: greensefa (cc, via Flickr)

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Praktikumsausschreibung im ipb- Projekt „Handlungsfähigkeit in der bundesdeutschen Flüchtlingsunterbringung“

03.04.2017

In dem von Dr. Judith Vey geleiteten ipb-Projekt zur  Flüchtlingsunterbringung in Deutschland wird eine Praktikant*in gesucht.

Aufgabengebiete:
Neben dem Kennenlernen des Wissenschaftsalltags beinhaltet das Praktikum zwei Schwerpunktbereiche:
1. Beteiligung an der empirischen Forschung zur Unterbringungssituation und Handlungsfähigkeit von Geflüchteten in deutschen Gemeinschaftsunterkünften anhand einer Berliner Unterkunft (Teilnehmende Beobachtung in der Unterkunft, Durchführung von Interviews und partizipativer Forschungsmethoden sowie Transkription und Auswertung des Materials)
2. Selbständige Literatur- und Medienrecherche und -auswertung zu Flüchtlingsunterkünften, zur Asylgesetzgebung und -realität in Deutschland

Erwünschte Fähigkeiten und Kenntnisse:

  • Sozialwissenschaftliches oder verwandtes Studium
  • Erfahrungen in der Arbeit mit Geflüchteten und Arabisch- oder Farsi-Sprachkenntnisse sind empfehlenswert, sind aber nicht zwingend notwendig.

Rahmenbedingungen:

  • Beginn des Praktikums: Mai oder Juni 2017
  • Dauer: mindestens 6 Wochen, gerne auch bis zu 12 Wochen
  • Stundenumfang: flexibel, auch in Teilzeit möglich
  • Vergütung: 350 Euro/Monat.
  • Es können in der Regel nur Bewerber_innen berücksichtigt werden, die das Praktikum als Pflichtpraktikum im Zuge ihres Studiums absolvieren (Ausnahme: Bewerber_innen mit Fluchthintergrund).

Die schriftliche Bewerbung mit Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnissen und ggf. Immatrikulationsbescheinigung bitte an vey@ztg.tu-berlin.de senden.

 

Mitschnitt vom Bewegungsgespräch „Informelles Wohnen“

27.03.2017

Rund 40 Menschen folgten am 23. März 2017 der Einladung von Protestinstitut, Forschungsjournal soziale Bewegungen und der Tageszeitung taz zum Bewegungsgespräch „Informelles Wohnen in Berlin. Zwischen Lebensentwurf und blanker Not“. Wir stellen hier einen Mitschnitt der Diskussion bereit, in der es um die Herausforderungen informellen Wohnens, die Grenzen der Organisierung und Politisierung ging und um die Impulse, die solche Projekte für städtische Bewegungen darstellen.

https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2017/03/20170323_Bewegungsgespräch_informelles-Wohnen.mp3

In dem Mitschnitt der Diskussion sind zu hören:

  • Lisa Vollmer, Stadtforscherin (Bauhaus-Universität Weimar) und Aktivistin
  • Micha, Koordinator im alternativen Teepeeland-Wohnprojekt
  • Niko Rollman, Sachbuchautor und Aktivist der Free Cuvry Initiative
  • Karin Baumert, Stadtsoziologin und politische Aktivistin u.a. beim Bündnis Zwangsräumung verhindern

Methodisches Unbehagen: AK rechte Protestbewegungen in Dresden gegründet

08.03.2017

Rechte Protestmobilisierungen stellen aufgrund ihrer teilweise spezifischen strukturellen Merkmale oftmals neue bzw. verschärfte Anforderungen an die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit ihnen. Das zeigen nicht zuletzt die Erfahrungen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, die im Rahmen der Studie Protestforschung am Limit im Januar 2015 gesammelt wurden. So stellten die nach außen getragenen Einstellungskomplexe vieler PEGIDA-Teilnehmender die teilweise mit jahrzehntelanger Erfahrung ausgestatteten Forschenden bereits in Bezug auf das Studiendesign vor große Herausforderung:

  • Unter immensem Zeitdruck musste ein Forschungsdesign für eine „dem Establishment“ (und damit auch der Wissenschaft) gegenüber abweisend eingestellte Protestbewegung entwickelt werden.
  • Es musste eine Strategie gefunden werden, um etwa Fragen zu Rassismus an ein Untersuchungsobjekt zu stellen, das zwar unter dem Verdacht des Rechtsradikalismus stand, diesen jedoch vehement abstritt.

Das alles blieb nicht ohne Konsequenzen in der praktischen Durchführung, sodass u.a. keine repräsentativen Ergebnisse generiert werden konnten. Ein Grund hierfür ist sicherlich eine ablehnende bis offen feindselige Haltung von einem nicht unerheblichen Teil der PEGIDA-Teilnehmenden gegenüber den Erhebungsteams, was sich häufig in verbaler und seltener auch physischer Aggression äußerte.

Von ähnlichen Erlebnissen sowie methodischen und praktischen Problemen berichten ebenfalls zahlreiche andere Teams, die Daten unter den Dresdner Demonstrierenden erhoben haben. Inzwischen liegt eine wahre Vielzahl von methodisch diversen Annäherungen an PEGIDA in Dresden vor, die neben weiteren Datenerhebungen auf den Demonstrationen (z.B. Werner J. Patzelt oder Karl-Heinz Reuband) ebenfalls theoretische Erklärungsansätze für das Protestgeschehen in der sächsischen Landeshauptstadt umfasst (z.B. Karl-Siegbert Rehberg, Tino Heim oder Oliver Nachtwey).

In diesem Zusammenhang hat der Initiativkreis „Rechte Protestmobilisierungen“ des ipb als Netzwerk von Expert*innen für rechte Demonstrationserforschung den Versuch unternommen, die bisherigen Ansätze im Rahmen eines Praxisworkshops zusammenzuführen. Ausgehend von den Erfahrungen bei vorangegangenen Demonstrationsbefragungen stand die Reflexion und Weiterentwicklung des notwendigen Methodeninstrumentariums zur „Sozialwissenschaftlichen Datenerhebung im Rahmen rechter Protestmobilisierungen“ im Mittelpunkt des gleichnamigen Workshops.

Zur Erarbeitung eines gemeinsamen Einblicks in die Erhebungsmethoden und -praxis fanden sich am 13. Februar 2017 insgesamt 22 Expert*innen in den Räumen der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung ein. Neben Vertreter*innen zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen waren auch Akteur*innen aus den Bereichen der politischen Bildung und der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der (extremen) Rechten anwesend.

Den Praxisworkshop eröffneten Vertreter*innen des ipb (Piotr Kocyba, Dieter Rucht und Simon Teune) sowie der beiden Befragungsteams um Hans Vorländer (Steven Schäller) und Werner J. Patzelt (Christian Eichardt, Clemens Pleul, Stefan Scharf). So konnte ein breiter Überblick in Bezug auf die jeweiligen Vorüberlegungen bzw. Designs der Befragungen sowie zu den persönlichen Erfahrungen im Forschungsfeld als Grundlage der anschließenden Diskussionen gewonnen werden. Im Mittelpunkt der konstruktiven (und oftmals selbstkritischen) Inputs standen vor allem zwei Problemstellungen: einerseits die mögliche Maximierung der Rücklaufquote sowie andererseits die Minimierung der Reibungspunkte zwischen Forscher*innen und Pegida-Demonstrant*innen. Im Verlauf der Diskussionen wurde der deutliche Austausch- und Vernetzungsbedarf in diesem Themenfeld deutlich, um zukünftig methodische Absprachen bzw. Reflexionen (etwa zu der Gestaltung der Fragebögen) sowie eine stärkere Koordinierung einzelner Erhebungen zu ermöglichen.

Im Anschluss an die Reflexion der bisherigen quantitativen Zugänge lag am Nachmittag der Fokus auf den Potentialen und Grenzen von qualitativen Methoden zur Erforschung rechter Protestmobilisierungen. Vorgestellt wurden laufende Arbeiten, die (biographische) Interviews als Basis nutzen (Clara Zeitler und Lisa Richter) oder entsprechende Protestereignisse aus theaterwissenschaftlicher Sicht mit der Methode der ‚performance analysis‘ untersuchen (Sebastian Sommer). Hierbei wurde deutlich, inwieweit das Zusammenspiel unterschiedlicher methodischer Ansätze das (wissenschaftliche) Bild der betrachteten Protestbewegungen um neue (detailreiche) Erkenntnisse erweitern bzw. vervollständigen kann.

Allerdings wurden auch ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Befragung von Demonstrant*innen offensichtlich: Probleme beim Zugang zum Feld bzw. zu Interviewpartner*innen, aggressive Reaktionen auf Forschende oder teilweise diskriminierende bis strafrechtlich relevante Aussagen der Gesprächspartner*innen. Dies alles hat dabei nicht nur methodische Konsequenzen, sondern führt ebenso zu emotionalen Belastungen der Forschenden und zu Bedenken, inwiefern die eigene Sicherheit gewährleistet werden kann.

Den abschließenden Teil der Veranstaltung leitete ein Kommentar vom langjährigen Direktor der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, Frank Richter, ein. Im Anschluß daran stellten Akteur*innen aus der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der (extremen) Rechten (u.a. von der Amadeu Antonio Stiftung und vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum – apabiz aus Berlin) ihre spezifischen Herangehensweisen und Methoden zur Betrachtung und Beurteilung rechter Protestmobilisierungen vor. Der zusammenfassende Ausblick der beiden Protestforscher Dieter Rucht und Simon Teune verdeutlichte, dass der gemeinsame Praxisworkshop nur der Anfang von notwendigen und tiefer gehenden Auseinandersetzung im Themenfeld sein kann.

Trotz der Vielfalt an Zugängen zu rechten Protestmobilisierungen bestehen weiterhin zahlreiche methodische, organisatorische wie auch ethische Forschungslücken, die nur mit gemeinsamer Anstrengung zu schließen sind. Deshalb hat sich infolge des Praxisworkshops aus der Initiativgruppe Rechte Protestmobilisierungen ein Arbeitskreis gegründet, der unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung eine Plattform zur langfristigen Vernetzung von Forscher*innen rechter Demonstrationen aufbauen und zur Verfügung stellen will.

Foto: Strassenstriche.net, cc-by-nc 2.0, via Flickr

Umzug der Geschäftsstelle

06.03.2017

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung ist umgezogen. Die Geschäftsstelle befindet sich von nun an in dem Gemeinschaftsbüro von impuls e.V. in der Kiefholzstrasse 20 in 12435 Berlin – Treptow.

Bewegungsgespräch: Informelles Wohnen in Berlin

28.02.2017
Zwischen Lebensentwurf und blanker Not. Informelles Wohnen in Berlin

Ort: Taz-cafe, Rudi-Dutschke-Strasse 23, Berlin-Kreuzberg, Eintritt frei

Zeit: Donnerstag 23. März 2017, 19 Uhr

Lange Jahre war informelles Wohnen in Berlin Ausdruck alternativer Lebensentwürfe und relativer Autonomie. Heute formen sich in Innenstadt und Peripherie immer öfter informelle Zeltsiedlungen von Obdachlosen, die Ausdruck von Wohnungsnot, Armut und einer breiten Krise der Daseinsfürsorge sind. Welche Antworten haben soziale Bewegungen auf diese Herausforderung und welche Rolle spielen die Erfahrungen autonomer informeller Wohnformen in dieser politischen Praxis?

Es diskutieren:

  • Lisa Vollmer, Stadtforscherin (Bauhaus-Universität Weimar) und Aktivistin
  • Micha, Koordinator im alternativen Teepeeland-Wohnprojekt
  • Niko Rollman, Sachbuchautor und Aktivist der Free Cuvry Initiative
  • Karin Baumert, Stadtsoziologin und politische Aktivistin u.a. beim Bündnis Zwangsräumung verhindern

Moderation: Fabian Frenzel, Bewegungsforscher und Autor

Die Bewegungsgespräche werden organisiert vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung, dem Forschungsjournal soziale Bewegungen und der Tageszeitung taz.

Foto: Fabian Frenzel (c)

International Conference on Cross-Movement Mobilization, April 2017

23.02.2017

Wie kommen soziale Bewegungen zusammen? Wie gelingen gemeinsame Kämpfe? Wie gelingt es geographische, gesellschaftliche oder inhaltliche Unterschiede zu überbrücken? Während soziale Bewegungen in der Vergangenheit oft isoliert untersucht wurden, rückt das Konzept der ‚cross-movement mobilization‘ vermehrt Interaktionen zwischen sozialen Bewegungen und anderen Akteuren in den Fokus.

Gemeinsam mit dem Institut für soziale Bewegungen (Bochum) und dem ISA Research Committee on Social Classes and Social Movements (RC47) organisieren wir eine große internationale Tagung zum ‚Thema Cross-Movement Mobilization‘ vom 05. – 07. April 2017 an der Ruhr-Universität Bochum. Bedingungen für das Entstehen, für Erfolge und Mißerfolge gemeinsamer Allianzen stehen zur Diskussion.  Es gibt insgesamt 19 (!) Panels, viele davon werden von unseren Arbeitskreisen organisiert.

Das endgültige Programm der Konferenz ist nun hier abrufbar.

***More detailed information in English can be found on the conference website***

2. Workshop AK Umwelt + Protest

21.02.2017

Liebe Kolleg*innen,

der Arbeitskreis Umwelt und Protest des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung trifft sich Ende April zum zweiten Mal und freut sich über Interessierte und Neueinsteiger*innen – gerne auch mit Beitrag.

Beim ersten, konstituierenden Treffen des AK Umwelt + Protest im letzten Jahr haben wir gemeinsam festgehalten, dass der Arbeitskreis Umwelt + Protest seine Berechtigung hat. Wir haben uns ein breit gefächertes Themenspektrum einander vorgestellt. Unsere grobe Rundschau der umweltsoziologischen und -politischen Protestforschung zeigte eindrücklich die Relevanz der Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Umweltbewegtem, Transformation und Protest für eine umfassende Gesellschaftsanalyse.

Seit spätestens den letzten fünf Jahren durchläuft die Gesellschaft einen ökologischen Turn, sichtbar an der steigenden Konsumkritik in Ausstattung, Ernährung, Bekleidung und Mobilität, aber vor allem an der Qualität der Protestereignisse rund um das Thema Energie und Klima. Politische und meteorologische Ereignisse liefern sich einen Schlagabtausch. Zunehmende Sturmschäden, den Klimawandel leugnende Präsidenten und damit kokettierende rechtspopulistische deutsche Bewegungen, gegen Staaten klagende Energiekonzerne, ausufernde El Niños, umstürzende Windkraftanlagen und gefeierte Klimagipfel bringen Bewegung in die Bewegungen. Alte Bewegungen wie die Anti-Atom-Bewegung bekommen Kinder, zum Beispiel die Degrowth-Bewegung oder die durch aktivistische Großevents wachsende Dekarbonisierungsbewegung “Ende Gelände“. Legen wir einen zunehmenden und menschengemachten Klimawandel zugrunde, so wird die Unumkehrbarkeit der gesellschaftlichen Resonanz offensichtlich. Auch kann das Tempo des ökologischen Turns noch zunehmen. Das stellt uns als Forscher*innen vor große Herausforderungen:

Der Anspruch einer Gesellschaftsanalyse, die nicht nur reflexiv, sondern auch zeitgeistig Ergebnisse liefert, wird auf die Probe gestellt. Sozialwissenschaftliche Forschung kann vereinzelt schnell und flexibel reagieren. Doch in der Regel ist sie schwerfällig und wird obendrein behindert von langwierigen Finanzbeantragungsprozessen und darüber unbeweglich festgelegten Forschungsschwerpunkten. Wenige kurzfristige Demonstrationsbefragungen mit zum Teil großem ehrenamtlichem Engagement bilden eine seltene Ausnahme in der Bewegungsforschungspraxis. Die Rückkopplung von Forschungsergebnissen in umweltpolitische Diskurse findet nur verhalten statt.

Der Fokus unseres Frühjahrstreffens soll die skizzierte defizitäre Forschungspraxis aber vielleicht auch einige Lichtblicke bilden. Wir möchten uns vor allem auf methodische und forschungspraktische Fragen konzentrieren:

  • (Wie) erforschen wir agile Umweltproteste und damit einhergehende gesellschaftliche Veränderungen?
  • Welche Erhebungsmethoden sind dazu besonders geeignete Werkzeuge?
  • Welchen Organisierungsgrad und welche neuen Tools braucht die Forschungscommunity, um schnelllebige, bundesweite oder internationale neue Umweltbewegungen adäquat zu erforschen?
  • Welche Kanäle nutzen wir zur Rückkopplung unserer Ergebnisse in die Gesellschaft?
  • Bis wohin geht unsere Forschungsneutralität, wenn es dem Planeten an den Kragen geht?

Das nächste Treffen findet am 22. April 2017, ab 10:00 Uhr in der Bibliothek des Göttinger Instituts für Demokratieforschung (Weender Landstraße 14) statt.

Bitte schickt Eure Ideen, Diskussionsanregungen und Fragen auf Grundlage der oben skizzierten Herausforderungen in Form eines kurzen Abstracts (500-1000 Wörter) bis zum 10. März an:

Julia.zilles [at] web.de oder j.ballenthien [at] posteo.de

Viele Grüße aus Göttingen

Jana und Julia

HEFTARCHIV ONLINE!

Alle Ausgaben vom allerersten Heft 1/1988 bis einschließlich Jahrgang 2011 stehen online (unter Jahrgänge) als Download zur Verfügung. Jeweils zum neuen Jahr wird ein weiterer Jahrgang freigeschaltet. Damit bieten wir auf unserer Homepage den vollen Zugriff auf mehr als 20 Jahrgänge des FJSB – kostenfrei und im Volltext.

NEWSLETTER

Der Newsletter erscheint vierteljährlich und informiert über das aktuelle Heft, Veranstaltungen, Publikationen ...
Abonnement unter E-Mail: info@forschungsjournal.de

FORSCHUNG

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat eine ausführliche kommentierte Linkliste zur deutschen Bewegungsforschung zusammengestellt: http://protestinstitut.eu/uber-das-institut/ressourcen/

MESTERWERKE