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Updated: 4 hours 54 min ago

G20 – warum eskalierte der Gipfel? Interview mit ipb-Forscher Peter Ullrich

22.08.2017

Vorbemerkung: Dieses Interview führte eine Hamburger Tageszeitung mit ipb-Forscher Peter Ullrich. Der Chefredaktion geriet es am Ende zu kritisch und es kam daher nicht zum Abdruck. Das Interview wurde eine Woche nach den Gipfelprotesten geführt und geringfügig aktualisiert. Vielen Dank an den anonym bleibenden Journalisten.

Proteste und ihr Verlauf sind sein Forschungsgebiet, unter anderem hat Peter Ullrich von der TU Berlin die Protest-Mobilisierung zum G8-Gipfel in Genua untersucht. Im Gespräch bilanziert der Protest- und Polizeiforscher die Hamburger G20-Geschehnisse und fordert eine unabhängige Aufarbeitung, sowohl bei den Autonomen als auch bei der Polizei.

Herr Ullrich, hat Sie das Ausmaß aller G20-Proteste in Hamburg überrascht?

Nein, das waren große, angekündigte Gipfelproteste mit einem riesigen Akteursspektrum und mehreren Bündnissen.

Wieso sind viele Proteste dann so eskaliert?

Das kann man so einfach nicht sagen. Ein großer Teil lief weitestgehend friedlich ab, dazu kamen Aktionen zivilen Ungehorsams. Nur an einigen Abenden eskalierten die Ereignisse besonders stark. Dabei hatte die Polizei ihren gesetzlichen Auftrag in einer schwierigen Doppelrolle zu erfüllen: den Gipfel absichern und Protest ermöglichen. Das alles in schlecht zu sicherndem, urbanen Gelände, bei dem schon die Größe des Ereignisses zugespitzte Situationen erwarten ließ. Einerseits 20 Staatsoberhäupter, die in den Augen der Demonstranten ein für System von Gewalt, Ungerechtigkeit, Verfolgung, Umweltverschmutzung und Unterdrückung stehen. Andererseits ein höchst unterschiedliches, internationales Protestpublikum, zu dem auch autonome Gruppen gehörten, die den Gipfel stören und mindestens symbolisch angreifen wollten. Außerdem ging man davon aus, dass die Sicherheitsleute von Trump und Co. sich im Ernstfall nicht an deutsche Gesetze halten würden. Das war die Gemengelage, die eine wahre Sicherheitshysterie ermöglichte, aus der eine sehr harte Linie der Polizei gegen die Proteste folgte.

Sie meinen, die Polizei hat die Ausschreitungen provoziert?

Soweit muss man nicht gehen. Mit ihrer restriktiven Haltung, unter Rückendeckung der Politik, hat die Hamburger Polizeiführung aber auch in keiner Weise mäßigend agiert. Bei den Demonstrationen waren Gruppen dabei, die das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen und für die Militanz ein politisch gerechtfertigtes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele ist.  Ein pragmatisches Vorgehen im Rahmen der Ermessensspielräume wäre seitens der Polizei möglich gewesen, sie hat sich für hartes Eingreifen entschieden. Auf dieser Basis ist eine konstruktive Koordination schwierig geworden. Auch polizeiintern wird dieses Vorgehen inzwischen ja heftig kritisiert.

Misslungener Einsatz, sagt mittlerweile selbst die Hamburger Polizei.

Leider gab es eine Vielzahl solcher Zuspitzungen. Dazu gehört dokumentiertes, individuelles Fehlverhalten der Einsatzkräfte, aber auch dramatische Fehleinschätzungen der Führung.

Inwiefern?

Bei aller Emotionalität darf nicht vergessen werden, dass eine demokratische Polizei die Aufgabe hat, Demonstrationen zu ermöglichen, die Versammlungsfreiheit zu schützen. In Hamburg hat sie immer wieder demonstrationsfeindlich agiert, in dem eine Demo-Verbotszone erlassen, ein Camp-Verbot ausgesprochen und nahezu alle Demonstrationen mit hohen Auflagen versehen wurden. Um die Routen etwa wurde massiv gerungen, bei friedlichen Demos zogen nachweislich größere Trupps von Behelmten durch die Kundgebungen. Damit und mit Kesseln werden gruppendynamische Prozesse wie Flucht und Panikreaktionen in Gang gesetzt, aber keine Beruhigung herbeigeführt.

Der Bürgermeister sagt, es habe keine Polizeigewalt gegeben.

Eine wehrlose Frau mit Pfefferspray von einem Räumpanzer zu holen, ist unverhältnismäßig. Einen Demonstranten ohne Warnung brutal wegzuboxen, weil er sich einem Auto in den Weg stellt, ist absolut unprofessionell.  Grundlos gibt es sicher nicht über 50 Ermittlungsverfahren gegen Beamt*innen.

Vielleicht war das Ausdruck der Nervosität, weil 8000 gewaltbereite Linksextremisten erwartet wurden?

Die waren ein Popanz. Für die Riots im Schanzenviertel reichten nach jetzigem Erkenntnisstand wohl einige hundert Autonome aus unterschiedlichen Ländern Europas sowie ein entschlossenes und bereites „Laufpublikum“.

Das heißt, es wurde übertrieben?

Vor dem Gipfel wurde ein Drohszenario aufgebaut, während des Gipfels dann ungesicherte oder, wie wir jetzt wissen, teilweise falsche Meldungen verbreitet. Beispielsweise wurden weder Gehwegplatten auf Dächern gefunden, noch wurden Molotow-Cocktails gezündet, es waren wohl Böller. Und der Störer, der einen Hubschrauberpiloten per Laserpointer verletzt hat, war ein genervter Familienvater. Das ist öffentlicher Deutungskampf, wir gegen die.

Woran machen Sie das fest?

Zum Beispiels an den Verletztenzahlen. Offiziell hieß es, 476 Beamte wurden verletzt, inzwischen ist klar, dass während der Gipfeltage 231 Beamte zu Schaden kamen, alle anderen im „erweiterten Einsatzzeitraum“ vom 22. Juni bis 10.Juli, wobei auch Abmeldungen vom Dienst vor Beginn der Proteste oder Kreislaufprobleme ohne Fremdeinwirkung mitgezählt wurden. Fast alle Betroffenen konnten umgehend wieder eingesetzt werden. Und wie immer wurde viele durch die eigenen Giftstoffe (Pfefferspray, CS-Gas) verletzt. Diese Zahlen muss man genau aufschlüsseln, um ein realistisches Bild zu erhalten.

Der „schwarze Freitag“ ist aber nicht das Ergebnis der Polizeitaktik, oder?

Nein, da war einiges offensichtlich geplant und vorbereitet. Die Krawalle in Altona und in der Schanze gehen wohl großteils auf das Konto der Autonomen. In der Schanze waren zudem viele Leute mit offensichtlich mindestens latenter Wut ganz genereller Art. Angesichts der untypischen Passivität der Polizei, dem vorher ausgehändigten Schlüssel zum kritischen Haus am Schulterblatt 1 und der dennoch ausgebliebenen Sicherung dieses Punktes muss aber weiterhin die Frage gestellt werden: Warum hat die Polizei die Leute so lange gewähren lassen?

Viele Beamte waren da schon an der Belastungsgrenze: eine Erklärung?

Der Gesamteinsatzleiter Hartmut Dudde hat alles an Technik und Personal aufgeboten, was man sich vorstellen kann. Warum hat trotzdem fast nichts geklappt? Außerdem muss man trotz Überlastung hohe Maßstäbe an eine demokratische Polizei anlegen dürfen. Auch Überlastung darf keine Übergriffe legitimieren, sind beispielsweise Journalisten zu schützen und zu unterstützen. Stattdessen wurden sie teilweise beschimpft, behindert und angegriffen. Von der Polizei muss man auch in harten Situationen Professionalität erwarten dürfen.

Sie zweifeln die Professionalität an?

Die Einsatztaktik hat zu einem Tiefpunkt in der Protestgeschichte der Bundesrepublik geführt, ein Rückfall in die hemmungslosen Konfrontationen der 80er-Jahre. Lichtblicke waren nur die Tanzdemo am Mittwoch, die Fahrraddemo am Freitag und zumindest überwiegend die Großdemonstration am Sonnabend.

Über die spricht keiner mehr: warum?

Deren Inhalte wie auch die Inhalte des Gipfels wurden von den Exzessen komplett überlagert. Die große Mehrheit der entschlossenen, aber gewaltfreien Proteste tritt in der medialen Aufarbeitung genauso in den Hintergrund wie die Grenzüberschreitungen der Polizei, die anfangs noch sehr kritisch beäugt wurden. Was bleibt, ist ein verzerrtes Bild.

Lässt sich die enthemmte Gewalt am Freitag irgendwie erklären?

Nur teilweise, aber sicher war sie auch das Ergebnis einer Eskalationsspirale, die sich über Tage aufgebaut hat – eine Eskalation mit Ansage. Dass sich die Gewalt gegebenenfalls am Schulterblatt entladen würde, dürfte eigentlich niemanden überrascht haben, außer offensichtlich die Hamburger Einsatzleitung, die über Stunden zugelassen hat, dass sich die Ereignisse weiter hochschaukeln konnten.

Wie kam es dazu?

Die Zerstörungswut wurde von einer Art machistischen Ballermann-Stimmung begleitet. Das war übrigens immer wieder an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten in der Protestwoche zu beobachten, mit Grölen, spontanen Flaschenwürfen und anderen Männlichkeitsinszenierungen.

Männlichkeitsinszenierungen?

Da sind Leute auf Tische, Stromkästen und Straßenschilder geklettert, haben mit freiem Oberkörper posiert. Das war für viele junge Männer womöglich eine willkommene Gelegenheit zur Triebabfuhr, dem Augenschein nach kamen sie aus verschiedenen Schichten und Milieus. Nur ein Teil dieser Masse waren Autonome. Ihnen haben sich Jugendliche, Gaffer und Betrunkene in unterschiedlichen Konstellationen angeschlossen. Durch das Rennen, Stoppen und Barrikadenbauen der Kleingruppen hat sich offenbar ein Sog entwickelt, der viele erfasst und sich verselbständigt hat. Und die Polizei, die selten in der deutschen Geschichte so ein Aufgebot zur Verfügung hatte, wollte da über Stunden völlig machtlos gewesen sein? Das ist einfach unplausibel.

Was war aus Ihrer Sicht das Problem?

Am Freitagabend hat man die Leute in die Schanze strömen und dort gewähren lassen, ohne die neuralgischen Punkte abzusichern. In Berlin beispielsweise gibt es andere Strategien, u.a. allerhöchste Aufmerksamkeit für Gefahrenquellen. Jede Baustelle wird gesichert; die Zivilgesellschaft wird vorher eingebunden, um das Klima insgesamt zu beeinflussen. In Hamburg wurde hingenommen, dass immer mehr Leute hineingezogen werden können, die Stimmung sich hochschaukelt. Wenn einmal was brennt, findet sich immer schnell einer, der noch was reinlegt.

Ab wann ermächtigt sich ein Mensch zu solchen Grenzüberschreitungen?

Viele Autonome, die den Staat und sein System ablehnen, denken in diesen Situationen wahrscheinlich gar nicht so sehr strategisch. Es geht auch um das direkte Erleben, das Moment der Selbstermächtigung. In der kleinen Rebellion unter Bedingungen ihrer relativen Unwahrscheinlichkeit liegt auch ein gewisser Selbstzweck. Dieser Riot dekonstruiert zugleich die Scheinheiligkeit der pseudo-friedlichen Selbsstilisierung der G20-Staatschefs, die ihre Gewalt hinter formalen Fassaden verstecken.

Hat das noch etwas mit Politik zu tun?

Das ist nicht alles explizit politisch, was man am Ende an den recht willkürlichen Zielen mancher der Gewaltausbrüche erkennt, auch der Verängstigung einiger Anwohner*innen. Aber Teil der autonomen Erwägung ist, dass man die Staatenlenker, die sich friedlich und legitim inszenieren, nicht mit Appellen erreichen wird. Gegen deren alltägliche Gewalt zielt das Aufbegehren. Man darf natürlich bezweifeln, damit auf Verständnis bei der Bevölkerung zu treffen. Doch das schert manche der Gruppen wohl wenig.

Haben Sie mal etwas Vergleichbares wie die Schanzenriots gesehen?

Viele 1.-Mai-Demos sind früher ähnlich verlaufen. In Berlin hat man deshalb deeskalierende Taktik mit ins Repertoire aufgenommen, in Hamburg hat man diese Variante ignoriert. Die Polizei hat sich zur Herrin über das Versammlungsgeschehen erhoben, dafür wurde eine Art Notstand inszeniert.

Was hätte man besser machen können?

Die Lösung, wenn man eine Befriedung erreichen will, das zeigen die relativ ruhig gewordenen 1. Mai-Demos in Berlin, liegt sicher nicht im maximalen Zeigen von Härte. Nehmen wir die Vermummung: Zweifelsohne in fast allen Bundesländern ein Straftatbestand, aber nur, wenn die Vermummung explizit der Verhinderung der Identitätsfeststellung dient. Als politisches Symbol gegen Überwachung etwa dürfte die Polizei sie hinnehmen. Und selbst bei restriktiver Auslegung und trotz Strafverfolgungszwangs muss die Polizei nicht immer sofort einschreiten. Wir können von Glück reden, dass dieses Agieren bei der Wellcome-to-Hell-Demo und an anderen Stellen nicht zu einem zweiten Duisburg geführt hat und es „nur“ bei vielen Verletzten geblieben ist. Doch solche Panikreaktionen wurden immer wieder ausgelöst. Am Ende konnte die Polizei weder die Demonstrationen, noch die Anwohner*innen und deren Eigentum schützen.

Was sollte aus dieser kritischen Einschätzung folgen?

In der linken Szene müsste insbesondere über denjenigen Teil der Militanz gesprochen werden, der sich nicht mal mehr gegen politische Gegner richtet. Außerdem auch über Machismo in den eigenen Reihen und über seine Ermöglichung und Entladung in nicht mehr kontrollierbaren Dynamiken, die durch das eigene militante Vorgehen bei mehr oder weniger interessierten Umstehenden ausgelöst werden.

Die Polizei muss sich meines Erachtens einer Aufarbeitung durch Expert*innen stellen, am besten neben einer parlamentarischen vor allem auch einer unabhängigen Untersuchungskommission, in der Übergriffe, Grundrechtsverletzungen und alle Entscheidungsprozesse en detail auf den Prüfstand kommen. Hoch problematisch für die Aufarbeitung ist, dass nach den Riots die Stimmung umgeschlagen ist, dass die Polizei von vielen reflexhaft von jeder Kritik freigesprochen wird. Eine kritische Betrachtung des Einsatzes darf aber nicht gegen die kritische Betrachtung der Gewaltorgien aufgewogen werden. Beides ist zu analysieren und aufzuklären.

 

Zur Person:

Dr. Dr. Peter Ullrich (41) ist Ko-Leiter des Bereichs „Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte“ am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin und Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Die Forschungsschwerpunkte des Soziologen und Kulturwissenschaftlers sind unter anderem soziale Bewegungen, Proteste und Polizei.

 

Mehr zu den G20-Protesten von Peter Ullrich sowie weitere in den Medien zu Wort kommende Stimmen des ipb finden Sie hier.

Bild: Konrad Lembcke @ Flickr, Creative Commons 2.0

Planung für das nächste Programm im Kolloquium Politik von unten

21.08.2017

– Scroll down for English –

Für das Programm Herbst/Winter 2017 des Kolloquiums „Politik von unten“ laden wir alle Interessierten ein, bis zum 5. September ihren Vorschlag für einen Beitrag einzureichen.

Im Kolloquium diskutieren wir seit 2011 Forschungsprojekte und Texte zu kollektivem politischem Handeln. Dies umfasst unter anderem die Themen politische Mobilisierung, Protest, soziale Bewegungen und Revolutionen. Gleichzeitig soll das Kolloquium eine Möglichkeit sein, Forscher_innen mit ähnlichen Interessen regelmäßig zu treffen.

Das Kolloquium findet 14-tägig Montags um 18:00 Uhr im Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin statt. In der Regel wird im Vorfeld ein Text verschickt und als bekannt vorausgesetzt. Diskutiert werden zum einen Entwürfe von Aufsätzen/Kapiteln (vor der Publikation); zum anderen Forschungsprojekte, die den Entwurfsstatus überschritten haben. Die Texte sollten 20 Seiten nicht überschreiten.

Als alternative Formate sind auch kurze Vorträge und Diskussionen zu aktuellen Themen möglich.

Wer einen Vorschlag einreichen möchte, kann dies direkt in dem dafür angelegten EtherPad tun. Dort finden sich weitere Informationen zum Vorgehen und zum Kolloquium.

Mehr Informationen zum Kolloquium und zu den zurückliegenden Programmen gibt es auch auf der Kolloquiumsseite.

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Call for Contributions: Colloquium politics from below – program fall/winter 2017

Interested scholars are kindly invited to submit their proposal for a contribution to the fall/winter program of the colloquium ‚politics from below‘ by September 5th.

We have created the colloquium in 2011 to discuss research projects and texts tackling collective political action. We are looking for topics such as political mobilization, protest, social movements, and revolutions. The colloquium is also an opportunity to meet scholars with similar interests on a regular basis.

The colloquium takes place on every second Monday at 18:00 in the Center for Technology and Society at Technische Universität Berlin. Usually, we start our discussion right away based on a text that is circulated in advance. Texts may be draft chapters or articles as well as research proposals. For a dense discussion, less than 20 pages have proven to be most productive. Alternative formats include short presentations or moderated discussions.

If you want to propose a contribution, please leave your name, proposed title, and email-address for every date that fits your schedule in this EtherPad: https://pad.riseup.net/p/pvuprogrammII2017

For more information on the colloquium (in German) and past programs visit the colloquium’s website.

For questions regarding format and logistics, please contact Simon Teune (teune(at)ztg.tu-berlin) or Jannis Grimm (jj.grimm(at)fu-berlin.de)

Bewegungsgespräch: r2g und Stadtpolitik von unten

29.07.2017
Rot-Rot-Grün und Stadtpolitik von unten – Berliner Bewegungen zwischen Mitgestaltung, Abgrenzung und Vereinnahmung

Ort: taz Café, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin-Kreuzberg, Eintritt frei

Zeit: Mittwoch, 30. August, 19 Uhr

 

Organisierung von unten oder Rot-Rot-Grün mitgestalten? Beteiligung, Abgrenzung – oder Vereinnahmung? Die Partei DIE LINKE hat im Wahlkampf und im Koalitionsvertrag die Nähe der Bewegungslinken aktiv gesucht. Für die stadtpolitischen Bewegungen in Berlin stellt sich mit den neuen (vermeintlichen?) Verbündeten im Senat die Frage der Neuorientierung, hin zu einem stärker auf institutionalisierte Kanäle ausgerichteten Aktivismus.

Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz und dafür das Verhältnis von Rot-Rot-Grün und stadtpolitischer Bewegung in Berlin im Bewegungsgespräch auszuloten. Dieses soll am Beispiel der Mieten- und Verkehrspolitik als Felder möglicher Kooperationen und Spannungen diskutiert werden.

Es diskutieren:

  • Katina Schubert, Mitglied des Abgeordnetenhauses und Landesvorsitzende der Partei DIE LINKE Berlin
  • Ein Vertreter der Stadt-AG der Interventionistischen Linken Berlin
  • Kerstin Stark, Mitinitiatorin der Berliner Initiative Volksentscheid Fahrrad
  • Iver Ohm, Mitglied im Initiativkreis Stadtforum von Unten und dem Hidden Institute
  • Margit Mayer, Professorin für Politikwissenschaft

Moderation:  Patricia Hecht, taz

Organisation: Institut für Protest und Bewegungsforschung in Kooperation mit der taz. die tageszeitung und dem Forschungsjournal Soziale Bewegungen

Kontakt: info@protestinstitut.eu

Foto: Frank Prieto @Flickr (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

#NoG20: Eskalation mit Ansage. Das ipb in den Medien

18.07.2017

Die G20-Proteste in Hamburg sind vorbei; die Diskussionen halten an. Neben der Positionierung linker Akteure in der notorischen Gewaltfrage und der Taktik des Schwarzen Blocks geraten dabei auch die Verantwortung der Politik und die Rolle der Polizei als Konfliktpartei immer stärker in den Fokus.

Für die Medien waren die ForscherInnen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) in den letzten Tagen und Wochen begehrte GesprächspartnerInnen um über die Hintergründe aufzuklären. In einem Interview mit dem Freitag warnte Simon Teune angesichts der konfrontativen Haltung von Polizei und autonomer Szene bereits vor dem Gipfel am 30. Juni vor einer „Eskalation mit Ansage“.

Spätestens mit der Demonstration unter dem Motto ‚Welcome to Hell‘ war der Schwarze Block in aller Munde. In Interviews mit Zeit Online sowie  FAZ.NET am 7. Juli und der Süddeutschen Zeitung am 9. Juli werfen Sebastian Haunss und Simon Teune einen differenzierten Blick auf diese skandalisierte Aktionsform.

Matthias Quent sieht im Interview mit dem Nachrichtenportal thueringen24.de ein Problem mit gewaltbereiten Linken, warnt aber gleichzeitig vor Panikmache und populistischen Terrorismusvorwürfen. Nils Schuhmacher kritisiert in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 14. Juli die mediale Homogenisierung der G20-Proteste; diese waren – wie die gesamte linke Szene – ausgesprochen vielfältig, die Krawalle zudem begleitet von Voyeuren und „Selfie-Narzissten“.

Peter Ullrich kommentiert im Faktenfinder der Tagesschau das Dilemma der Polizei und bilanziert am 11. Juli in einem Interview mit NTV: „Die Polizeiführung hat völlig versagt“, in dem sie versäumt habe die Eskalationsdynamiken zu durchbrechen. In diesem Sinne ist das Auftreten der Polizei ein „Rückfall in die 80er-Jahre“, so Peter Ullrich in einem Beitrag der Berliner Morgenpost vom 10. Juli.

Angesichts der unklaren Gemengelage, der vielen Gerüchte und Halbwahrheiten, die durch alle Parteien verbreitet werden und der politischen und medialen Überhitzung des Themas fordern Peter Ullrich bei NTV und Dieter Rucht unter anderem in einem Beitrag von Spiegel Online (12. Juli) eine unabhängige Untersuchungskommission; eine Forderung, die auch von Simon Teune in der Hamburger Morgenpost am 14. Juli aufgegriffen wird.

Bei aller Kritik an DemonstrantInnen und Polizei gerieten die Inhalte der Proteste aus dem Blick. Dabei bestätigte die Berichterstattung zu G20 die Ergebnisse der ipb-Studie „Zwischen Empathie und Aversion. Großdemonstrationen in der Medienberichterstattung“, die am 30. Juni vorgestellt wurde und frei zum Download zur Verfügung steht; u.a. der Tagesspiegel, der Deutschlandfunk und die Jungle World berichteten. Schon in einem NDR-Interview vom 4. Juli warnte Dieter Rucht: „Gewalt schadet dem Anliegen der Protestierenden“. Auch vor diesem Hintergrund beleuchtet ipb-Mitglied Donatella della Porta die langfristige Wirkung globalisierungskritischer Gipfelproteste in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli.

Auch die Demonstration am 8. Juli (‚Grenzenlose Solidarität statt G20‘) wurde trotz der beachtlichen Größe von 50.000 bis 75.000 TeilnehmerInnen durch die Bilder der Gewalt der Vortage verdrängt. Mit unseren Demonstrationsbefragungen am 2. Juli und am 8. Juli wollen wir Erkenntnisse über Motive und Einstellungen der Demonstrierenden gewinnen und auch so zu einer differenzierten Debatte beitragen. Die Ergebnisse werden Mitte September auf unserer Webseite zur Verfügung gestellt.

 

Bild: Thorsten Schröder @ Flickr, Creative Commons 2.0

G20-Protest ante Portas. Einladung zum Pressegespräch

26.06.2017

Zu den Protesten gegen den bevorstehenden G20-Gipfel läuft auch die journalistische Maschine auf Hochtouren. Gerade Gipfelproteste mit ihrer heterogenen Zusammensetzung und der Zuspitzung während der Treffen sind eine Herausforderung für professionelle Berichterstatter_innen. Die Anwesenheit von internationalen Reizfiguren wie Trump, Putin und Erdoğan, der Gipfelort im Hamburger Szeneviertel und die Vorgeschichte von Eskalationen zwischen Polizei und Demonstrierenden tragen zu einer besonders angespannten Situation bei.

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung nimmt die G20-Proteste zum Anlass, um eine Studie zur Berichterstattung über Großdemonstrationen vorzustellen.

Dieter Rucht, Moritz Sommer und Simon Teune haben die Berichte zu sieben Demonstrationen von den Protesten gegen den Irak-Krieg 2003 bis zur TTIP-Demonstration 2015 verglichen. Sie werteten dafür Tageszeitungen, wöchentlich erscheinende Printmedien und Nachrichtensendungen öffentlich-rechtlicher Sender aus. Der Vergleich zeigt die unterschiedliche Verteilung von Aufmerksamkeit und Sympathie für die Demonstrationen in den analysierten Medien, die z.T. auf unterschiedliche Rollenverständnisse von Journalist_innen und Redaktionen zurückzuführen sind. Es werden aber auch wiederkehrende stereotypisierende Deutungsmuster und Fallstricke in der Berichterstattung zu Demonstrationen sichtbar. So zeigt sich, dass weder eine umfangreiche Berichterstattung noch die breite Berücksichtigung von Stimmen aus der Demonstration die Auseinandersetzung mit den Forderungen und Argumenten der Demonstrierenden garantiert.

Das Pressegespräch soll den Raum schaffen, um die Ergebnisse der Studie und die Rolle von Journalist_innen in der öffentlichen Debatte über Proteste zu diskutieren.

Das Pressegespräch „G20-Protest ante portas. Wie Großdemonstrationen in der Medienberichterstattung erscheinen“ findet statt am Freitag, 30. Juni 2017, 11 Uhr, im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Reichpietschufer 50, Berlin-Tiergarten, Raum B 001.

Anmeldung (bis Donnerstag, den 29. Juni) und Koordination von Interviewterminen unter info(at)protestinstitut.eu oder 030-55573279.

Download: Die Einladung als pdf-Datei

Das Beitragsbild ist von Rasande Tyskar (cc-by-nc)

After Trump – und alles ruhig in Deutschland? Interview mit dem ipb-Forscher Peter Ullrich

20.06.2017

Im Februar hat die Süddeutsche Zeitung unseren Kollegen Peter Ullrich zu den Protesten gegen Trump, der ambivalenten Rolle liberalen Aufbegehrens dagegen und zur relativen Ruhe hierzulande interviewt. Der Text fiel dann den aktuellen Ereignissen zum Opfer. Stattdessen veröffentlichen wir den Text leicht aktualisiert nun hier im Blog.

Herr Ullrich, in den USA gehen Millionen Menschen gegen Donald Trump auf die Straße. In Deutschland scheinen selbst die Erfolge der AfD das Land nicht so richtig aufzurütteln. Stimmt die Beobachtung?

Nicht ganz. Es gibt Bewegung, ein kleines Aufwachen vielleicht. Aber die Bewegung lebt im Wesentlichen von ihrer Kontinuität. Proteste gegen Rechtsextremismus haben eine lange Tradition. Es gehen also oft die gleichen Leute auf die Straße.

Woran machen Sie dann das Aufwachen fest?

Zum einen haben sich breite Bündnisse gegen den Aufstieg der AfD gebildet, beispielsweise „Aufstehen gegen Rassismus“. Und in der Flüchtlingsfrage zeigt sich sehr starke Anteilnahme. Die äußert sich oft weniger politisch in Demonstrationen und Aufrufen, sondern oft vorpolitisch, in konkreter Hilfe für die Geflüchteten. Ein dritter Aspekt ist, dass es seit 2012 eine sichtbare Mobilisierung von Geflüchteten selbst gibt. Die Betroffenen Gewalt und Ausgrenzung sowie institutionellem Rassismus melden sich selbstbewusster zu Wort.

Um uns herum geht alles auf die Straße, nur die Deutschen bleiben zu Hause.

Es gab einen weltweiten Zyklus von Protestbewegungen, die auch in Deutschland angekommen sind, aber kleiner blieben als anderswo. Ich erinnere an die Proteste gegen die sogenannte Finanzkrise. In Deutschland blieb es verhältnismäßig ruhig. Das liegt auch daran, dass Deutschland eher ein Gewinner der Krise ist. Oder der Ukraine-Konflikt. Die Proteste in Deutschland entsprangen einer neuartigen und – ich sage mal – etwas obskuren Friedensbewegung, die in keine politische Schublade gepasst hat. Die Konflikte um Migration heben sich davon allerdings ab. Das hat zu einer erheblichen Mobilisierung geführt. Von rechts wie von links.

Was ist typisch am Protest gegen die Flüchtlingspolitik?

Dass er von Leuten kommt, die diffuse Abstiegsängste haben und sie sich rassistisch erklären. Es sind nicht die Abgehängten, die auf die Straße gehen, sondern vielmehr jene, die die empfundene Abstiegsbedrohung für sehr real halten und die Falschen verantwortlich machen.

Wird die Wahl von Trump einen Protest-Schub bringen?

Bisher nur begrenzt auf der Straße. Aber in einer gewissen urbanen Mittelschicht ist angekommen, ok, da ist eine Grenze überschritten. Es steht eine ernsthafte Bedrohung grundlegender liberaler Werte im Raum. Allerdings wird das gedämpft von einer etwas trägen deutschen Protestkultur.

Die USA sind weit weg. Warum macht Trump überhaupt Eindruck auf die deutsche Gesellschaft?

Trump ist nur die Spitze eines Eisberges. Wir haben in vielen Ländern gesehen, dass autoritäre Rechte die Macht übernehmen: Ungarn, Polen, Türkei. Österreich ist nur knapp an einem rechtsextremen Bundespräsidenten vorbeigeschrammt. Der Brexit. In Frankreich wäre bald eine Rechtsextreme Staatspräsidentin geworden. Dennoch hat Trump eine andere Qualität. Dass mit ihm ein offen rassistischer und sexistischer Politiker US-Präsident werden konnte, der sich mit Rechtsradikalen in höchsten Ämtern umgibt, ist ein nichtgeahnter Angriff auf das Selbstverständnis des liberalen Bürgertums. Die Leute merken, es wird ernst, auch weil die Rechte hierzulande – Beispiel Seehofer – auf der Trumpwelle mitschwimmt.

Können sie in der Protesthaltung ein Schema erkennen?

Zwei Bewegungen beobachte ich: Da sind einerseits jene, die sagen, jetzt müssen alle gutgewillten zusammenrücken und demokratische Werte verteidigen. Und zum anderen gibt es jene, die fragen, welche Verantwortung eigentlich das liberale Bürgertum selbst für das Zustandekommen von Phänomenen wie Trump oder der AfD hat. Ich fürchte, Variante eins war weiter verbreitet und ist entsprechend schneller verpufft.

Wo würden Sie diese Verantwortung sehen?

Auf jeden Fall in der zunehmenden Entpolitisierung des politischen Raums und der Preisgabe einer Anwaltschaft für die sozial Schwachen durch die Sozialdemokratie. Sie setzt bestenfalls noch lebensstilbezogene Verbesserungen durch (Schlagwort „Homoehe“), die in der liberalen Mittelschicht auch goutiert werden. Verstehen Sie mich nicht falsch –  „Ehe für alle“ ist gut und richtig, wenn man heiraten mag. Doch spürbare soziale Verbesserungen für die vielen Geringverdiener und Prekären sind nicht im Angebot. Die herrschende Politik unterwirft sich vielmehr scheinbaren Sachzwängen. Das führt zu einer Repräsentationskrise, weil ganze Bevölkerungsgruppen nicht mehr vertreten werden.

Die viel beschworene Alternativlosigkeit.

Ja. Es gibt ja fast keinen grundsätzlichen Meinungsstreit mehr. Hinzu kommt eine Krise der demokratischen Institutionen. Wenn etwa in der Bankenkrise kaum noch ein Abgeordneter versteht, wofür er da gerade seine Hand hebt, dann ist das eine Entleerung der parlamentarischen Demokratie. Die Bindung an die dort vertretenen Akteure lässt deutlich nach. Besonders zu spüren bekommt das im Moment die SPD.

Warum immer die SPD?

Mit ihrer fast zwanghaften Selbstverortung in der politischen Mitte und der Dauerunterstützung einer großen Koalition schließt sie eine gesellschaftliche Alternative aus. Andere Bündnisse zieht sie nur extrem vorsichtig in Betracht, sie ist kein Anwalt der kleinen Leute.

Wer eine andere Politik will, sucht deshalb woanders. Leider oft bei der AfD, obwohl auch die ganz klar für soziale Kürzungen stehen.

Manche Parteien halten sich zugute, dass sie gerade einen Mitgliederzuwachs verzeichnen. Sie SPD legte eine Zeitlang in Umfragen deutlich zu. Die Partei hatte einen kurzen Schulz-Effekt, wegen ihres gerade gekürten Kanzlerkandidaten. Linke und Grüne sagen, es gebe einen Trump-Effekt, weswegen ihnen Mitglieder zulaufen. Hat das Substanz?

Das sind kurzfristige Effekte. Die Parteien, vor allem die großen, leiden seit Jahrzehnten unter einem Rückgang der Mitglieder-Zahlen, Wahlbeteiligungen sinken. Manche sind jetzt wachgerüttelt worden, doch solche Periodeneffekte können ziemlich schnell wieder verpuffen. Und der Schulzzug war ja wohl ganz offensichtlich ein D-Zug. Jetzt steht er auf dem Abstellgleis.

 

Photo credit to: homethods.com/ @ Flickr:

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Protestinstitut kooperiert zum G20-Protest mit Göttinger Demokratieforscher_innen und Grundrechtekomitee

13.06.2017

Proteste und die aus der Zivilgesellschaft vorgebrachte Kritik werden in der Debatte um den G20-Gipfel im Hamburg Treffen eine wichtige Rolle spielen. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und das Göttinger Institut für Demokratieforschung nehmen die Gipfelproteste zum Anlass das erste Mal gemeinsam eine Demonstrationsbefragung durchführen. Nachdem es schon bei den Protesten gegen Stuttgart 21 und denen von Pegida parallele Befragungen gegeben hatte, sollen die Kräfte nun gebündelt werden, um bei den zwei Großdemonstrationen am 2. und 8. Juli Teilnehmende nach ihrer Motivation und Wahrnehmung zu befragen (Hier geht es zur Projektseite). Gemeinsam mit dem Komitee für Grundrechte und Demokratie beobachten ipb-Forscher_innen außerdem die Interaktionen von Demonstrierenden und Polizei.

Die Zuspitzungen in der internationalen Politik und das symbolische Gewicht der beim Treffen versammelten Spitzenpolitiker_innen lassen eine starke Beteiligung an den Protesten erwarten. Dazu kommt, dass seit dem G8-Gipfel in Köln 1999 kein von der Bundesregierung organisiertes Gipfeltreffen in einer Innenstadt stattgefunden hat. Nach den massiven Protesten von Genua 2001 und dem Tod von Carlo Giuliagni hatten die Planer_innen die Treffen an die Peripherie verlegt (in Deutschland in die abgelegenen Hotels in Heiligendamm und Elmau). Die Planung des G20-Treffens in der Hamburger Innenstadt, nahe des Schanzenviertels und die Geschichte der polizeilichen Einschränkung von Protesten in der Hansestadt, die in einem großflächigen Demonstrationsverbot eine Fortsetzung finden, verschärfen die Auseinandersetzung um den symbolischen und physischen Raum.

Die Gipfelproteste der Vergangenheit waren auch geprägt durch komplexe Aushandlungen der verschiedenen Protestspektren. 2007 hatten sich linksradikale und moderatere Akteure noch auf eine gemeinsame Demonstration geeinigt, zum G20-Gipfel in Hamburg wird es zwei große Demonstrationen geben, die auf Seiten der Organisationsteams die beiden Spektren abbilden. Die G20-Protestwelle am 2. Juli wird getragen von umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen, Campact und DGB. Unter dem Motto „Grenzenlose Solidarität statt G20“ ruft ein heterogenes Bündnis aus linksradikalen Zusammenschlüssen, der Partei die Linke, Jugendorganisationen, Attac und anderen Initiativen zu einer Demonstration während des Gipfeltreffens auf. Dazu kommen ein Gegengipfel, Blockaden und andere Aktionen.

Ziel der Befragung bei den beiden Großdemonstrationen ist es, die Beteiligten mit ihren Einschätzungen direkt zu Wort kommen zu lassen und einen Überblick über die Zusammensetzung der Demonstrierenden zu gewinnen. Bilden sich Unterschiede zwischen den Organisationsteams auch bei den Teilnehmenden ab? Die Ergebnisse der Befragung werden mehrere Wochen nach dem Gipfel auf dieser Seite veröffentlicht.

Mit grundrechteorientierten Demonstrationsbeobachtungen hat das Komitee für Grundrechte und Demokratie in der Vergangenheit immer wieder das von der Polizei gezeichnete Bild von Einsätzen bei Protesten korrigiert. Im Kontext der Proteste gegen den G8-Gipfel 2007 hat das Grundrechtekomitee seine Beobachtungen in dem Band „Gewalttätige Politik und der G8-Gipfel“ zusammengefasst. Forscher_innen des AK Soziale Bewegungen und Polizei im Institut für Protest- und Bewegungsforschung kooperieren in Hamburg mit der Beobachtungsgruppe des Grundrechtekomitees, um Interaktionen zwischen Demonstrierenden und Polizei systematisch zu erfassen und die Lage für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Öffentliche Podiumsdiskussion – Alltäglicher Ausnahmezustand: Polizei, Gewalt und Politik in Frankreich

10.05.2017

Ort: Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin, Hardenbergstraße 16-18, Berlin-Charlottenburg

Zeit: 20. Mai 2017, 12-18 Uhr

Im August 2016 verabschiedete die französische Regierung trotz Generalstreik und monatelanger Proteste im gesamten Land letztlich via Dekret die sogenannte loi travail, eine umfassende gesetzliche Arbeitsmarktreform. Zu dem vielseitigen Protestrepertoire der Gegner_innen des Gesetzes gehörten auch sogenannte émeutes oder riots, also massenhafte gewaltvolle Konfrontationen zwischen Protestierenden und der Polizei. Die Bedeutungen und Nachhaltigkeit der Proteste werden unter Aktivist_innen wie Wissenschaftler_innen durchaus kontrovers diskutiert. Festhalten lässt sich jedoch, dass dem Thema Polizeigewalt infolge der Ereignisse eine anhaltend hohe öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist.

Auffällig wird vor diesem Hintergrund, dass es in den Banlieues, den Vorstädten größerer Metropolen in Frankreich, seit den 1980er Jahren immer wieder zu gewaltvollen Konfrontationen zwischen Bewohner_innen und der Polizei kommt, in deren Folge Menschen schwer verletzt werden oder zu Tode kommen. Dies hatte in der Vergangenheit jedoch kaum einen nennenswerten öffentlichen Nachklang zur Folge, es sei denn, es kam im Anschluss zu sogenannten émeutes. Zunehmend verschaffen sich Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus den Banlieues in der Öffentlichkeit Gehör.

In einer öffentlichen Diskussion im Rahmen der internationalen Konferenz „Riots. Violence as Politics?“ fragen wir: was sind die Hintergründe dieser unterschiedlichen Verhandlung von Polizeigewalt bzw. Polizei und Gewalt? In welchem Verhältnis stehen das Agieren der Polizei in den Banlieues und ihr Vorgehen im Kontext von Nuit Débout? Wie ist massenhafte Gewalt in diesen beiden Kontexten als ein politisches Phänomen zu verstehen?

Diese Fragen an der Schnittstelle zwischen Aktivismus und Wissenschaft werden wir mit Gästen aus verschiedenen Pariser Vororten und Paris diskutieren:

  • Bernard Schmidt (Aktivist, Journalist, Jurist)
  • Marwan Mohammed (Soziologe, Centre Maurice Halbwachs, Paris)
  • Fatima Ouassak (Politologin, Autorin von „Discriminations Classe/Genre/Race“ (2015), Bagnolet, Département Seine-Saint-Denis)
  • Almamy Kanouté (Aktivist, Mitbegründer der Bewegegung „Émergence“, Fresnes, Département Valde-Marne)
  • Fabien Jobard (Politikwissenschaftler, Centre Marc Bloch, Berlin)

Das ganze Programm der Tagung findet sich hier. Die Tagung entstand als Kooperation des AK Riots mit dem Zentrum Technik und Gesellschaft, dem Centre Marc Bloch und lingua.trans.fair. Finanziert wird die Tagung durch die Hans Böckler Stiftung und durch das Centre Marc Bloch.

Foto: Erwan Corre (cc)

Forschungsprojekt ViDemo ist abgeschlossen

09.05.2017

Das DFG-geförderte Forschungsprojekt „Videoüberwachung von Versammlungen und Demonstrationen. Praxis und Wissensformen von Polizei und Protestierenden (ViDemo)“  unter Leitung von Peter Ullrich ist im April zu Ende gegangen.

In der letzten Phase entstanden noch viele Aufsätze. Sie widmen sich Videoüberwachung unter verschiedensten Aspekten – aus Sicht der Polizei und der davon Betroffenen. Im Kern geht es um ein Verständnis des Filmens von Demonstrierenden als Prozess, der polizeiliche Definitionsmacht sicherstellt („Definitionsmachtkette“). Zwei Aufsätze, die in Zusammenarbeit mit Philipp Knopp entstanden, widmen sich den Reaktionen von Protestierenden (u.a. Neutralisierungstechniken und dadurch ausgelöste „Spirale von Überwachung und Gegenüberwachung“) sowie den politischen Deutungen und Subjektivierungseffekten von Videoüberwachung.

Peter Ullrich wird die Hauptergebnisse am 11. Juli 2017 beim Forschungsinstitut für öffentliche und private Sicherheit (FÖPS) an der HWR Leipzig vorstellen.

 

 

Foto: watcher_and_watched_1692 by Pete @Flickr

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Riots – Violence as Politics? Konferenz des AK Riot am 19. und 20. Mai in Berlin

04.05.2017

Der AK Riot organisiert eine internationale Konferenz mit Schwerpunkt auf die Konfrontation von Protestierenden und Polizei in Frankreich am 19. und 20. Mai 2017 am Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin: Riots – Violence as Politics?

Am zweiten Tag könnt Ihr einfach dazu kommen. Für den ersten Tag müsstet Ihr Euch anmelden. Kontakt: riot_workshop@riseup.net

 

Der AK Ökonomie und Arbeit auf der Konferenz ‚Cross-Movement Mobilizations‘

04.05.2017

Transnational Cross-Movement Alliances, Coalition Power and New Global Politics of Labour

Wirtschaftliche Globalisierungsprozesse stellen Gewerkschaften und soziale Bewegungen weltweit vor neue Herausforderungen bei Versuchen der Durchsetzung von Arbeitsstandards. Neben klassischen Instrumenten der ArbeitnehmerInnenvertretung wie Kollektivverhandlungen etablieren sich neue Strategien, die unter anderem auf einer Öffentlichkeits- und KonsumentInnenmacht basieren. Das Panel „Transnational Cross-Movement Alliances, Coalition Power and New Global Politics of Labour” des AK Ökonomie und Arbeit des ipb auf der Internationalen Konferenz zu „Cross Movement Mobilization“ vom 5. bis 8. April 2017 in Bochum widmete sich den Möglichkeiten und Hindernissen von Allianzen zwischen sogenannten „alten” und „neuen” sozialen Bewegung. Die Teilnehmenden diskutierten die Annahme, inwiefern Zusammenarbeit von Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der transnationalen Arena dazu beitragen kann Arbeitnehmerrechte zu stärken und Arbeiter zu organisieren. Es stellte sich Fragen nach einer gemeinsamen Basis von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen und den Mechanismen der Koalitionsbildung sowie nach den Ergebnissen von (trans-) nationalen Allianzen: Wie wird eine gemeinsame Koalitionsmacht etabliert? Unter welchen Bedingungen führen diese Koalitionen zu Synergien und neuen Wegen der transnationalen Institutionenbildung?

Das TeilnehmerInnen diskutierten zunächst in einer ersten Session Koalitionen von sozialen Bewegungs (-organisationen) und Gewerkschaften. Dabei wurden Möglichkeiten und Hindernisse der Koalitionsbildung sowie Interaktionsmuster in der Zusammenarbeit herausgearbeitet. Es wurde der Versuch unternommen Theorien der sozialen Bewegungs- und industriellen Beziehungsforschung zu integrieren, um die Rolle von politischen und ökonomischen Gelegenheiten, Ressourcenknappheit aber auch Identitäten und ideologische Positionen für Allianzbildungen näher zu bestimmen (Giulia Gortanutti, Johanna Lauber, Ana-Maria Nikolas und Sabrina Zajak). Empirische Beispiele beschrieben die mögliche Rolle von Gewerkschaften in Kooperativen (Stefan R. Siebel), den besonderen Beitrag von Gewerkschaften in US-amerikanischen Kampagnen für bezahlte Krankheitstage (Cassandra Engeman) sowie die Interaktionsmechanismen von komplementären Gewerkschafts- und NGO-Strategien für Arbeitsstandards in der globalen Bananenproduktion (Melanie Kryst). Insgesamt verwiesen die Beiträge auf die gesonderten Funktionen von sozialen Bewegungen und insbesondere Gewerkschaften in der (trans-) nationalen Regulierung von Arbeitsbedingungen, wobei soziale Bewegungen, AktivistInnengruppen und NGOs nicht mehr länger als „neue“ Akteure in dem Feld der Erwerbsregulierung anzusehen sind. Vielmehr haben sie sich bereits als Unterstützer etabliert, aber gelegentlich auch als Alternative zur klassischen Gewerkschaftsarbeit – was häufig auch zu konfliktreichen Formen der Zusammenarbeit führt.

In einer zweiten Session wurden transnationale Netzwerke von Gewerkschaften vor dem Hintergrund globaler Wertschöpfungsketten debattiert. Obwohl transnationale Kooperation und Solidarität von vielen in der Wissenschaft und Praxis als wichtiger Faktor zur Einhegung eines globalen Kapitalismus betont wird, zeigen die verschiedenen empirischen Studien jedoch auch die Schwierigkeiten und Hindernisse von transnationaler Zusammenarbeit. Dabei wurde sowohl auf Organisationsbemühungen im globalen Norden als auch im globalen Süden eingegangen. Beispiele beschäftigten sich mit (gescheiterten) Organisationsbemühungen innerhalb der Volkswagengruppe in Nord-Amerika (Zach McKenny), mit Koalitionen von MigrationsarbeiterInnen in Süd-Ost-Asien in Form des Social Movement Unionism (Stefan Rother), sowie mit transnationalem Gewerkschaftshandeln in Japan und den USA (Jan Niggemeier). Gerade der Beitrag zu MigrationsarbeiterInnen in Süd-Ost Asien verweist darauf, dass die Forschung zu Social Movement Unionism und Allianzen zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften immer noch klassische Arbeitsverhältnisse vornehmlich im globalen Norden als Ausgangspunkt nimmt, wie sie jedoch immer seltener vorzufinden sind. Diese empirischen Fälle zeigen die breite Varianz von so genannten Revitalisierungsstrategien, die derzeit in der Forschung diskutiert werden und verweisen auf die Relevanz und notwendige Einbindung von lokaler Akteuren

Das Panel zeigte somit, dass eine gemeinsame Koalitionsmacht – also die Erweiterung der Möglichkeiten der Einflussnahme durch Kooperation von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, möglich und gleichzeitig sehr voraussetzungsvoll ist: sowohl die industrielle Beziehungs- als auch die Bewegungsforschung zeigt, wie politische Kontexte, Ressourcenunterschiede und kulturelle Faktoren Koalitionen begünstigen, aber vor allem auch verhindern können. Einige Arbeiten stellten auch das Scheitern solcher Allianzen heraus und zeigen damit, dass Gruppen und Organisationen, insbesondere auch Gewerkschaften von der Zusammenarbeit nicht nur profitieren können.

 

Organisation des Panels: Sabrina Zajak und Marissa Brookes

 

Passend zum Panel erschien von AK-Sprecherin und ipb-Vorstandsmitglied Sabrina Zajak der Band Transnational Activism, Global Labor Governance, and China kürzlich bei Palgrave.

 

Foto: Strikers during the 1933 Dressmakers‘ Union strike take a break in a diner, The Kheel Center for Labor-Management Documentation and Archives

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