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Updated: 16 min 9 sec ago

Kritische Wissenschaft und rechte Bewegungen als Forschungsgegenstand

13.12.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Aletta Diefenbach, Philipp Knopp, Piotr Kocyba und Sebastian Sommer erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3. Die Autor*innen sind Mitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und aktiv im Arbeitskreis Rechte Protestmobilisierungen.

In Anbetracht der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen besteht kaum ein Zweifel daran, dass wir rechte Proteste und Bewegungen wissenschaftlich untersuchen müssen. Wie dies geschehen soll, darüber besteht aber großer Klärungsbedarf. Derzeit entzünden sich innerhalb und außerhalb[1] der deutschsprachigen Sozial- und Kulturwissenschaften teils heftig geführte Diskussionen darüber, wie man den neueren rechten Entwicklungen wissenschaftlich am besten Rechnung trägt. Das ist wenig verwunderlich. Die Bewegungsforschung ist zwar reich an Debatten und Vorschlägen, wie Forschende insbesondere progressive Politiken und Praktiken erschließen können und sollen.[2] Durch ihren Fokus auf linke politische Mobilisierungen[3] fehlte aber bisher eine Auseinandersetzung darüber, wie man mit rechten Bewegungen umgehen soll. Die aktuelle Methodendebatte ist daher mehr als begrüßenswert.

Auffällig an den bisherigen deutschsprachigen Beiträgen ist jedoch, wie stark die Eignung qualitativer bzw. interaktionsnaher sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden in Frage gestellt wird. Ein Beispiel ist das Anfang des Jahres 2019 veröffentlichte Statement des „Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus“. Ausgehend von einer ethnographischen Studie, in deren Verlauf die forschende Person ein Liebesverhältnis mit einem Aktivisten der „Identitären Bewegung“ einging,[4] ziehen die Autor*innen weitreichende methodologische Schlüsse, wonach ethnographische Methoden kaum als „adäquates Mittel“ der Wissensproduktion über rechte Phänomene gelten sollen (Forschungsnetzwerk 2019: 2). Ein anderes anschauliches Beispiel bietet Robert Feustel (2019), der in seinem polemisierenden Artikel schlussfolgert, Interviews mit rechten Aktivist*innen seien aus einer kritischen Perspektive ebenfalls abzulehnen, da sie nicht zu neuen Erkenntnissen über rechte Einstellungen beitragen könnten.

Vor dem Hintergrund unserer eigenen Forschungen, die auch teilnehmende Beobachtungen an rechten Protesten und qualitative Interviews einschließen, finden wir derartige Einschätzungen irreführend. Statt pauschaler Ablehnung einzelner Forschungsmethoden muss es doch vielmehr darum gehen, zu diskutieren, welchen Fallstricken auszuweichen ist und welche Hürden genommen werden müssen, um das Potential qualitativer Methoden für die Ergründung rechter Ideologien und Praktiken auszuschöpfen. Wir können und wollen in der gebotenen Kürze keinen „Königsweg” präsentieren, wie man emanzipatorisch orientiert Erkenntnisse über politische Bewegungen von rechts gewinnen soll – einen solchen gibt es wohl auch kaum. Doch plädieren wir in diesem zweifelsfrei hochkomplexen und von Widersprüchen durchzogenen Feld für mehr methodische Offenheit und für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Spannungen, die mit der Erforschung rechter Phänomene aus der Perspektive kritischer Wissenschaft, und speziell auch unter Rückgriff auf interaktionsnahe Methoden der Sozialforschung,[5] einhergehen.

Kritische Wissenschaft und rechte Bewegungen als Forschungsgegenstand – Ein Spannungsverhältnis

Um welche Spannungen geht es dabei? Die Wissenschaft hat über die Jahrhunderte spezifische Regeln der Wissensproduktion herausgearbeitet. Diese Regeln sind seit jeher umstritten. Insofern verdeutlichen auch die gegenwärtigen Debatten in der deutschsprachigen Soziologie,[6] dass die Diskussion über methodologische Kernfragen prinzipiell unabgeschlossen ist und fortwährend geführt werden muss; etwa mit Blick auf Ansprüche wie Objektivität und Werturteilsfreiheit oder auf das Erkenntnisinteresse von wissenschaftlicher Wissensproduktionen. Und das ist auch gut so!

Will man nicht in Relativismus und Beliebigkeit verfallen, dann gehört zu den in den Sozialwissenschaften weitestgehend anerkannten Erwägungen sicherlich die Idee, Erkenntnisse und theoretische Konzepte auf nachvollziehbare Weise zu konstruieren, sie mit einer bestimmbaren Reichweite zu generieren sowie dabei die eigene Standortgebundenheit zu reflektieren. Ähnlich, und dies ist insbesondere der qualitativen Sozialforschung eigen, verhält es sich mit dem Anspruch, eine größtmögliche Offenheit gegenüber dem betrachteten Phänomen zu bewahren, um es in seinen Ausprägungen und seiner Genese verstehen und erklären zu können. Gerade solch eine Offenheit ist die Stärke qualitativer Forschung, die vor allem neue Zusammenhänge und Komplexitäten aufzeigen will, anstatt deduktiv vorzugehen und Hypothesen quantitativ zu prüfen.

Insbesondere in der Protest- und Bewegungsforschung pflegen Wissenschaftler*innen häufig ein kritisches Selbstverständnis und verpflichten sich gegenüber demokratischen Werten wie Gleichheit und Freiheit, politischen Teilhaberechten von Marginalisierten sowie der Aufdeckung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen (Teune/Ullrich 2018). Das politisch wie gesellschaftlich erstarkende rechts-konservative Spektrum, das im weitesten Sinne Ideologien der Ungleichwertigkeit mobilisiert, steht vielfach in Opposition zu einer dergestalt kritisch verstandenen Wissenschaft. Das Verhältnis zwischen der Subjektivität der kritisch Forschenden, den Ansprüchen an wissenschaftliches Arbeiten und den politischen Positionen der rechten Bewegungen bildet somit ein mehrdimensionales Spannungsverhältnis.

Es manifestiert sich in unseren Forschungsinteressen, aber auch in der Art, wie wir Fragen stellen, in der Wahl der Theorien und in dem Wissen um den Gebrauch einer Methode. Es schlägt sich schließlich in der Interpretation der Daten und auch in der Kommunikation der Ergebnisse nieder. Aus der politischen Differenz speist sich der Appell, nicht jede Interaktion mit der bewegungsförmigen Rechten ethisch für angemessen zu erachten und eine kritische Auseinandersetzung anzustreben. Jedoch birgt die in den oben angeführten Debattenbeiträgen vertretene Ablehnung interaktiver Forschung auch die Gefahr, systematisch blinde Flecken zu produzieren. So sollte ein forschungsethischer Appell nicht dazu führen, den generellen Anspruch qualitativer Forschung, die zu erforschende Wirklichkeit in ihrer Strukturiertheit möglichst offen zu rekonstruieren, pauschal fallen zu lassen. Damit wäre ihr Potential verschenkt.

Potentiale der interaktionsnahen Datengewinnung anerkennen

Die Herausforderungen, die sich aus der politischen Differenz für die Datengewinnung ergeben, sind nicht zu unterschätzen und bilden daher auch den Kerngegenstand der Kritik an qualitativen Methoden. Hier gibt es praktische Hürden sowie forschungsethisch relevante Bedenken. Insbesondere das Forschungsnetzwerk listet eine Vielzahl von Problemen der „methodischen Zugänge“ auf, die „direkte Kommunikation mit den beforschten Personen“ (Forschungsnetzwerk 2019: 2) im Feld des Rechtsextremismus einschließt. Sie lehnen zum Beispiel die teilnehmende Beobachtung von öffentlichen Aktionen des extrem-rechten Spektrums ab, vor allem, wenn sie verdeckt erfolgt, weil die Forschenden „damit an ihrer medialen Reproduktion (mitwirken)“ (ebd.: 3). An anderer Stelle kritisieren sie, dass „eine Datenerhebung und -analyse, die von (un-)bewussten Sympathien für die Beforschten begleitet ist, (…) ihre Ergebnisse (verfälschen) (sic!) und (sich) für einen weiteren wissenschaftlichen Diskurs (disqualifizieren)“ würde (ebd.: 4).

Mit dieser Skepsis gegenüber interaktionsnaher Forschung hinterfragt das Netzwerk aber auch eine ganze Reihe von bisherigen, auch mutigen, Studien, die mittels ethnographischer Methoden in diesem Milieu gearbeitet haben. Eine Vielzahl von Forschenden haben sich in dieser Hinsicht bewusst auf zeitintensive, nahe Auseinandersetzungen mit Rechten aus unterschiedlichen Spektren eingelassen, sich mitunter explizit methodisch für Empathie (Hochschild 2016), gar Freundschaft (Teitelbaum 2017) oder für eine Forschung mit verdeckter Identität entschieden (Shoshan 2016). Sie alle reflektieren auf die eine oder andere Weise Schwierigkeiten während der Feldforschung, diskutieren aber auch, wie sich politische Differenz und Nähe produktiv integrieren lassen (siehe auch Back 2002; Pilkington 2016). Natürlich sind diese Studien im Einzelnen kritikwürdig. Gemein ist ihnen jedoch, dass sie uns über einen offenen, nicht vorab klar definierten Weg der Annäherungen, der auch moralische Dilemmata bereithält, ein dichtes und detailreiches Bild der Akteure mit rechten Einstellungen und Praktiken sowie von ihren historischen oder biographischen Werdegängen geben. Sie zeigen, wie rassistische Weltbilder mit anderen sozialen Bezügen wie Geschlecht, Emotionen, Klasse, Kultur, etc. verwoben sind. Damit können sie über die sonst gängigen Erklärungsmuster (nationalistische Ideologien und ökonomische Deprivationserfahrungen) hinausgehend differenzierter aufzeigen, was die Sogkraft rechter Zusammenschlüsse ausmacht.

Wir leugnen nicht, dass interaktive Forschung auch an Grenzen stößt. Nach Demonstrationsbefragungen bei PEGDIA mussten Forschende aufgrund der aggressiven Haltung der Protestierenden ernüchtert ihre bisherigen Methoden hinterfragen (Daphi et al. 2015). Doch auch hier gibt es Möglichkeiten zur methodischen Weiterentwicklung. Wie weitere Befragungen rechter Demonstrationen zeigen, lassen sich gefährliche Situationen erheblich verringern, wenn Forschende unmittelbar und eindeutig in dieser Rolle, und nicht etwa als Journalist*innen, wahrgenommen werden und zu identifizieren sind. Erfahrungsgemäß führten – bei PEGIDA – solche Unsicherheiten trotz Klärungsversuche zu heftigen (teilweise auch physischen) Anfeindungen. Als Forschende jedoch anfingen, Warnwesten mit der Aufschrift „Befrager“ zu tragen und einem entsprechenden Ausweis vorzeigen konnten, nahmen derartige Aggressionen ab.

Darüber hinaus zeigen die Beobachtungserfahrungen im Kontext von PEGIDA das Potential von größeren und divers aufgestellten Beobachtungsgruppen, sodass nicht nur unterschiedliche Wahrnehmungen des Protestereignisses, sondern ebenso unterschiedliche Erfahrungen aufgrund der zugeschriebenen Identität (z.B. als weibliche oder „nicht-deutsche“ Forscher*in) abgebildet werden können (Geiges et al. 2015: 40ff.). Daneben liefern „mixed-method“-Ansätze als Verbindung unterschiedlicher Feldzugänge Möglichkeiten, um Perspektiven zu erweitern bzw. unterschiedliche Blickwinkel abzubilden, indem etwa Ergebnisse aus teilnehmenden Beobachtungen mit quantitativen Befragungen (Daphi et al. 2015) oder Fokusgruppen (Geiges et al. 2015) trianguliert werden-

Wege und Offenheit in der Interpretation von Daten

Pauschale Ablehnung erfahren interaktionsnahe Methoden auch, weil von den Teilnehmenden an Befragungen und Interviews a priori „strategische Kommunikation“ erwartet wird. Dabei wird angenommen, dass die Interviewten keine im engeren Sinne forschungsrelevanten Aussagen tätigen (wollen) und die Forschenden „ausnutzen“, wenn nicht gar „bewusst manipulieren“ (vgl. Forschungsnetzwerk 2019: 3; siehe auch Feustel 2019).

Dabei ist man einer strategischen Kommunikation mitnichten hilflos aufgeliefert. Nicht nur bergen auch die offensichtlich strategischen Interaktionen einen Erkenntniswert – sie geben u.a. Aufschluss darüber, was aus der Perspektive der Befragten öffentlich sagbar ist oder wie sie mit Stigmatisierung umgehen. Die qualitative Sozialforschung kennt auch Wege, wie Einflüsse politischer, aber auch sozialer, kultureller, geschlechtsspezifischer etc. Differenzen im Forschungs- und Interpretationsprozess aufgedeckt und möglicherweise abgebaut werden können. Insofern greift der Vorwurf der strategischen Kommunikation zu kurz. Unbeachtet bleibt dabei, dass Interaktion stets auf Darstellungspraktiken beruht, die sowohl von den habituellen als auch situativen wechselseitigen Erwartungen der Interaktionsbeteiligten beeinflusst werden. Die Interaktionssituationen und ihre Bedingungen sind in der Dateninterpretation daher immer zu rekonstruieren und dabei ist die Rolle der Forschenden und die Erwartungen, die den Beforschten gegenüber gestisch und verbal ausgedrückt werden, zu berücksichtigen. Kathleen M. Blee (2017) wertet etwa unterschiedliche Interaktionsdynamiken aus Interviewsituationen in Studien über Frauen in der US-amerikanischen extremen Rechten der 1980er und 1990er Jahre aus. Sie deckt auf, wie in den Interviews ethnische Zuschreibungen wirken oder wie die Interviewten taktisch vorgehen, indem sie einschüchtern oder Angst erzeugen. Weiterhin erörtert sie, wie biographische Interviews solche strategischen Züge eindämmen können. Auch Dorit Roer-Strier und Roberta Sands (2015) rekonstruieren die verschiedenen Phasen von Interviews, in welchen die politische Differenz zwischen beiden Parteien zum Thema wurde. Sie diskutieren, wie die wechselseitige Anerkennung der gegensätzlichen Position half, die „offizielle Geschichte“ der Interviewten aufzubrechen, und detailreiche Einblicke in deren Gedankenwelt und Handlungsorientierungen ermöglichte.

Ebenfalls können Interpretationsgruppen so zusammengesetzt werden, dass sie eine größtmögliche Diversität von sozialen und politischen Positionen einschließen (Krueger 2008: 128). Idealerweise können Leser*innen durch eine ausführliche Dokumentation der Forschungsarbeit nachvollziehen, wie die Interpretationen der Gruppe zustande kommen. In einer kritischen Bewegungsforschung hat diese multiperspektivische Interpretationsstrategie gleichsam epistemologische Grundlagen. Denn Interpretationsgruppen ermöglichen auch, einen pluralistischen Forschungsanspruch einzulösen, der vielfach situierte Lebenswelten und Sichtweisen auf die Welt berücksichtigen will. Die Ko-Interpretation mit marginalisierten Personen bietet so eine Möglichkeit der Dezentrierung des meist weißen, mittelschichtsangehörigen Erkenntnissubjekts „Wissenschaftler*in“. Positionsplurale Offenheit ist somit dezidiertes Mittel kritischer Erkenntnis.

Offenheit in der Darstellung von Ergebnissen

Gerade qualitative Studien öffnen den Blick für Komplexitäten, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten sozialer Praxis. So darf auch die kritische Wissenschaftskommunikation als „aktiver Zug im Ringen um Emanzipation und gerechte Verhältnisse“ (Slaby 2018: 79) diese Komplexitäten nicht reduktionistisch unterschlagen.

Die Entscheidungen, wie die Forschungsergebnisse veröffentlicht werden, fangen bereits bei den subtileren Spielräumen der stilistischen Textproduktion an. Forscher*innen können ihre Ergebnisse in einem nüchternen, distanzierten und Objektivität oder Neutralität vermittelten Ton formulieren. Sie können Ergebnisse aber auch in Ästhetiken niederschreiben, welche bereits politische Orientierungen und andere Stimmungen mittransportieren. Arlie Hochschild (2016) etwa wählt einen zugewandten Schreibstil, um die Lebensrealitäten der von ihr untersuchten rechten Südstaatler*innen in den USA zu beschreiben. „Empathie“ ist in gewisser Weise also auch in ihren Text eingeschrieben. Sie stellt nicht allein ein „wissenschaftliches Phänomen“ dar, sondern die „Menschen“ in ihrer Komplexität; sicherlich auch mit der Idee, den Leser*innen Platz für ein eigenes Urteil einzuräumen. Ganz anders verhält es sich mit Claus Leggewies frühem Buch „Der Geist steht rechts“ (1987), dessen reichhaltige „Ausflüge“ in die „Denkfabrik der Wende“ mit satirisch spöttelnden Seitenhieben gegen den politischen Gegner gespickt sind. Seine eigene politische Haltung und Geringschätzung sind unüberlesbar.

Darüber hinaus gibt es weitere Strategien, die Komplexitäten von Forschungsergebnissen kritisch zu rahmen. Die historische Rassismusforschung ermöglicht es etwa, verschiedene Einstellungen und Praktiken gegenüber Minderheiten aufzuzeigen und dazugehörige ausschließende Mechanismen als Entwicklungen weit zurückreichender Rassismusdiskurse aufzudecken. Aletta Diefenbach (2019) rahmt zum Beispiel die sowohl nuancierte als auch widersprüchlich vorgetragene „Islamkritik“ ihrer Interviewpartner*innen als Teil des neuen kulturalistischen Rassismusdiskurses. Rhetorisch wird hierbei nicht über „Rasse“, sondern „Kultur“ bzw. Religion Differenz hergestellt. Zudem wird zwar immer wieder versucht, das „muslimische Andere“ nicht pauschal abzuwerten, in der Gesamtschau bleibt es jedoch bei einer skeptischen Haltung, die einen ausschließenden Diskurs gegenüber Muslim*innen bewirkt.

Ebenso ist es denkbar, ausgrenzenden Sichtweisen die Perspektive von Betroffenen dieser Ausgrenzung gegenüberzustellen oder durch Kontextfaktoren und Datenquellen kritisch zu ergänzen. Ein Beispiel hierfür sind die Untersuchungen von Michael Kimmel (2013), der den Zorn der von ihm interviewten „angry white men“ in den USA zwar anerkennt und abbildet, ihn jedoch mit gesellschaftspolitischen Betrachtungen kontrastiert, vor allem mit den sozio-ökonomischen Entwicklungen. Er legt auf diese Weise die vorgefundenen Welterfahrungen als widersprüchlich und in seinen Augen fehlgeleitet dar.

Sicherlich bleibt bei all diesen möglichen Darstellungen die Frage unbeantwortet, wie etwa mit Erkenntnissen umgegangen werden soll, welche die politische Gegenseite womöglich (argumentativ) stärken können oder deren Sichtweisen unter Umständen untermauern. Daher wird es auch hier nicht die eine und alleinig richtige Strategie geben. Eine gewisse Pluralität von gemäßigt-neutralen bis radikal-energischen Positionen der Wissenschaftskommunikation erscheint hierbei strategisch sinnvoll, um Rechte letztlich nicht in ihrer vermeintlichen Opferrolle zu bestätigen.

Was wäre überhaupt die Alternative?

Wer rechte Protestbewegungen erforschen will, bewegt sich in einem vielschichtigen Spannungsfeld. Wir meinen, dass sich kritische Wissenschaft auf diese Spannungen reflexiv einlassen sollte, anstatt ihrem Gegenstand mit einer voreiligen – und im Kern illusorischen – Strategie der Kommunikationsverweigerung gegenüberzutreten. Die jüngst angestoßene Methodendiskussion im Bereich rechter Bewegungen sollte daher an bereits existierende Beiträge anschließen, sowie im Kontext der allgemeinen sozial- und kulturwissenschaftlichen Methodendebatten geführt werden. Reflexivität bedeutet an dieser Stelle auch anzuerkennen, dass die aufgezeigten Spannungsmomente womöglich nicht ganz aufzulösen sind. Die jeweiligen Lösungsansätze können und sollten für andere sichtbar gemacht werden, um eine fruchtbare Diskussion über die Erkenntnisstrategien kritischer Wissensproduktion voranzutreiben.[7]

Gerade die qualitative Methodologie entfaltet ihr „produktives Moment“ (Hametner 2013: 140) mit etwas mehr Zurückhaltung gegenüber dem eigenen Vorwissen. Als „Mittel der Öffnung“ (ebd.) problematisiert sie Vermutungen und räumt durch den Blick auf die alltäglichen Relevanzsetzungen und Handlungen der Akteure die Möglichkeit ein, Neues zu entdecken. Natürlich bleibt diese Offenheit durch die gesellschaftliche Situiertheit der Forschenden bedingt (ebd.) und bedarf immer wieder erneut forschungsethischer Abwägungen. Beides lässt sich aber nicht immer schon vorab reflexiv einholen. Oft können Fragen von Positionalität und Moral auch erst im Verlauf der Forschung erkannt werden und lassen sich dann auch nur situationsabhängig und kontextspezifisch beantworten (auch Freikamp 2008).

An Offenheit festzuhalten, bedeutet auch, sie möglichst zu bewahren, wenn man im Forschungsfeld auf Ablehnung trifft. Denn es wäre für eine kritische Wissenschaft fatal, dem rechten Freund-Feind-Denken mit kategorischer Ablehnung ihrer empirischen und nahen Erforschung zu begegnen. Gleichzeitig bedeutet Offenheit aber nicht Werturteilsfreiheit im Sinne einer kritiklosen oder unkommentierten Aufnahme rechter Diskurse oder Positionen, die es viel eher zu beschreiben und kritisch und mit anderen Ansichten zu rahmen gilt. Auf diese Weise können rechte Welterfahrungen und ihre ideologischen Deutungen als das erscheinen, was sie sind, nämlich eine Art, die (Alltags-)Realität zu ordnen, die zwar (leider) von vielen Personen geteilt wird und deshalb untersucht werden muss, jedoch keineswegs einen alleinigen Geltungsanspruch besitzt.

Aus unserer Sicht kann kritische Forschung mit progressivem Anspruch nicht bedeuten, sich gegenüber einem politisch widerstreitenden und kontroversen Gegenstand auf die eine oder andere Weise zu verschließen, indem bspw. allein der Weg in den Elfenbeinturm der theoretischen Kritik gewählt wird. So erscheinen die Implikationen einer Schließung wenig wünschenswert, da dies unter Umständen bedeutet, dass progressive Forschende die Deutungen eines gesellschaftspolitisch wichtigen Feldes anderen überlassen.

Denn es braucht einen Gegenpol zu politisch komplizenhaften Forschungen, wie zum Beispiel den Befragungsstudien von Werner Patzelt (2016), welche die „Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens“ als Hauptziel definieren und die Dimensionen ausgrenzenden Verhaltens systematisch herunterspielen oder diskursiv zu verschleiern versuchen, zum Beispiel durch sehr enge Rassismus-Definitionen oder die Verwendung euphemistischer Begriffe wie „kulturell begründete Sorgen“ anstatt Rassismus. Demgegenüber hat es alternative Darstellungen zu den Forschungen Patzelts gegeben – in Form fundierter Methoden- und Begriffskritik (Kocyba 2016a) und auf Grundlage empirischen Datenmaterials, die einer verniedlichenden Darstellung der PEGIDA-Demonstranten als „besorgte Bürger“ vehement entgegentreten (Kocyba 2016b). Die Herangehensweisen kritischer Wissenschaft – Theoriearbeit, Methodenkritik und empirische Forschung – sollten sich somit idealerweise ergänzen.

Die Forschung in den oftmals feindseligen Umgebungen rechter Proteste und rechter Bewegungsmilieus ist für Wissenschaftler*innen oft anstrengend und emotional aufreibend. Solange keine massiven forschungsethischen oder -praktischen Verfehlungen vorliegen, bedeutet das Gebot der Offenheit, eine methodische Heterogenität in der kritischen Forschung unaufgeregt anzuerkennen. Für den Umgang mit den skizzierten Fallstricken lässt sich abschließend auch folgende Einsicht in Erinnerung rufen: Wissenschaftliche Erkenntnis lebt von der (Möglichkeit ihrer) Falsifikation. Ergebnisse sind also immer als vorläufig zu verstehen, sollen kritisiert und im Zweifelsfall revidiert werden. Jede*r Forscher*in ist daher eingeladen, ja aufgefordert, es besser zu machen.

 

[1]        Siehe für den angelsächsischen Raum u.a. Journal of Contemporary Ethnography (2/2007), Blee (2017), Teitelbaum (2019), Pasieka, (2019), Bangstad et al. (2019) uvm.

[2]        Vgl. frühere Beiträge in dieser Rubrik von Ullrich/Teune (2018) oder Zajak (2018).

[3]     Dieser Fokus schlägt sich z.B. anschaulich in der Gewichtung der Beiträge im Handbuch zu den „Sozialen Bewegungen in Deutschland ab 1945“ (Roth/Rucht 2008) nieder, wo es unter den 21 Kapiteln zu spezifischen Bewegungen nur einen einzigen Beitrag gibt, der sich nicht mit progressiven Bewegungen beschäftigt.

[4]     Nach Angaben des Netzwerks ist die betreffende Person zwar von ihren Funktionen innerhalb der „Identitären Bewegung“ zurückgetreten. An einer ideologischen Distanzierung bestehen jedoch Zweifel (Forschungsnetzwerk 2019: 1).

[5]        Siehe für die gleiche Stoßrichtung auch die Kommentare auf Feustel von Kühn/Lehn (2019) und Kumkar (2019).

[6]        Verwiesen sei an dieser Stelle auf die zahlreichen Beiträge in den Ausgaben der Zeitschrift „Soziologie“ der Jahrgänge 2018 und 2019.

[7]        An dieser Stelle sei noch einmal auf die lesenswerte Debatte in Teitelbaum (2019) hingewiesen, welche solche epistemologischen und moralischen Dilemmata innerhalb der anthropologischen Forschertradition verhandelt.

 

Literatur

Back, Les 2002: Guess Who’s Coming to Dinner? The Political Morality of Investigating Whiteness in the Gray Zone. In: Ware, Vron/Back, Les (Hg.): Out of Whiteness. Color, Politics, and Culture. Chicago: University of Chicago Press, 33-59.

Bangstad, Sindre/Bertelsen, Bjorn Enge/Henkel, Heiko 2019: The Politics of Affect. Perspectives on the Rise of the Far-Right and Right-Wing Populism in the West. In: Focaal, Heft 83, 98-113.

Blee, Kathleen M. 2017: Understanding Racist Activism. Theory, Methods and Research. London/New York: Routledge.

Daphi, Priska/Kocyba, Piotr/Neuber, Michael/Roose, Jochen/Rucht, Dieter/Scholl, Franziska/Sommer, Moritz/Stuppert, Wolfgang/Zajak, Sabrina 2015: Protestforschung am Limit. Eine soziologische Annäherung an PEGIDA. ipb working paper. https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2015/03/protestforschung-am-limit_ipb-working-paper_web.pdf [28.05.2019].

Diefenbach, Aletta 2019: Hassen im Modus bürgerlicher Etikette? Wie Neurechte über den Islam reden. In: Brokoff, Jürgen/Walter-Jochum, Robert (Hg.): Hass/Literatur. Literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einer Theorie- und Diskursgeschichte. Bielefeld: transcript, 167-188.

Feustel, Robert 2019: Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen? Eine Einladung zum Widerspruch. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1-2, 137-145.

Forschungsnetzwerkes Frauen und Rechtsextremismus 2019: Warum Liebe kein Zufall ist und Rechtsextremismusforschung einer professionellen Distanz zu ihrem Gegenstand bedarf. http://frauen-und-rechtsextremismus.de/2019/01/31/warum-liebe-kein-zufall-ist-und-rechtsextremismusforschung-einer-professionellen-distanz-zu-ihrem-gegenstand-bedarf/ [21.05.2019].

Freikamp, Ulrike 2008: Bewertungskriterien für eine qualitative und kritisch emanzipatorische Sozialforschung. In: Freikamp, Ulrike/Leanza, Matthias/Mende, Janne/Müller, Stefan/Ullrich, Peter/Voß, Hans-Jürgen (Hg.): Kritik mit Methode. Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik. Berlin: Dietz-Verlag, 215-232.

Geiges, Lars/Marg, Stine/Walter, Franz 2015: PEGIDA. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft. Bielefeld: transcript.

Hametner, Katharina 2013: Wie kritisch ist die rekonstruktive Sozialforschung? Zum Umgang mit Machtverhältnissen und Subjektpositionen in der dokumentarischen Methode. In: Langer, Phil/Kühner, Angela/Schweder, Panja (Hg.): Reflexive Wissensproduktion. Anregungen zu einem kritischen Methodenverständnis in qualitativer Forschung. Wiesbaden: Springer VS, 135-146.

Hochschild, Arlie 2016: Strangers in Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right. New York: New Press.

Kimmel, Michael 2013: Angry White Men. American Masculinity at the end of an Era. New York: Nation Books (Perseus Books Group).

Kocyba, Piotr 2016a: Über die ‚Veredelung des empirisch vorfindbaren Rassismus‘. Anmerkungen zu aktuellen Dresdner Studien über ‚Pegida‘. In: Klose, Joachim/Schmitz, Walter (Hg.): Freiheit, Angst und Provokation. Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der postdiktatorischen Gesellschaft. Dresden: Thelem, 187-237.

Kocyba, Piotr 2016b: Wieso PEGIDA keine Bewegung harmloser, besorgter Bürger ist. In: Rehberg, Karl-Siegbert/Kunz, Franziska/Schlinzig, Tino (Hg.): PEGIDA – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende‘-Enttäuschung? Analysen im Überblick. Bielefeld: transcript, 147-163.

Krueger, Antje 2008: Die ethnopsychoanalytische Deutungswerkstatt. In: Freikamp, Ulrike/Leanza, Matthias/Mende, Janne/Müller, Stefan/Ullrich, Peter/Voß, Hans-Jürgen (Hg.): Kritik mit Methode. Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik. Berlin: Dietz, 127-146.

Kühn, Annekatrin/Lehn, Katrin 2019: Let´s talk about …? Warum und wie wir mit Rechten reden müssen! Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1/2, 159-166.

Kumkar, Nils 2019: Die Faktizität des Postfaktischen. Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1/2, 167-172.

Leggewie, Claus 1987: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabrik der Wende. Berlin: Rotbuch Verlag.

Pasieka, Agnieszka 2019: Anthropology of the far right. Anthropology Today, Jg. 35, Heft 1, 3-6.

Patzelt, Werner 2016: Wer sind und wie denken Pegidianer. In: Patzelt, Werner/Klose, Joachim (Hg.): PEGIDA. Warnsignale aus Dresden. Dresden: Thelem, 149-294.

Pilkington, Hilary 2016: Loud and Proud: Passions and Politics in the English Defense League. Manchester: Manchester University Press.

Roer-Strier, Dorit/Sands, Roberta G. 2015: Moving beyond the ‘official story’. When ‘others’ meet in a qualitative interview. In: Qualitative Research, Jg. 15, Heft 2, 251–268.

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg.) 2008: Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt am Main: Campus.

Shoshan, Nitzan 2016: The Management of Hate. Nation, Affect, and the Governance of Right-Wing Extremism in Germany. Princeton: Princeton University Press.

Slaby, Jan 2018: Drei Haltungen der Affect Studies. In: Pfaller, Larissa/Wiesse, Basil (Hg.): Stimmungen und Atmosphären. Zur Affektivität des Sozialen. Wiesbaden: Springer VS, 53-79.

Teitelbaum, Benjamin R. 2017: Lions of the North: Sounds of the New Nordic Radical Nationalism. Oxford: Oxford Univerity Press.

Teitelbaum, Benjamin R. 2019: Collaborating with the Radical Right. Scholar-Informant Solidarity and the Casae for an Immoral Anthropology. In: Current Anthropology, Jg. 60, Heft 3, 414-435.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018. Protestforschung mit politischem Auftrag? Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1–2, 418–425.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 4, 98-105.

 

Foto: Kalispera Dell – https://www.panoramio.com/photo/116227104, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38068798

Rezension: Fielitz/Thurston (Hg.) – Post-Digital Cultures of the Far Right

11.12.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus(oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

 

Es folgt nun Tobias Fernholz mit einer Rezension zu Fielitz, Maik/Thurston, Nick (Hg.). 2018. Post-Digital Cultures of the Far Right: Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US. Bielefeld: transcript. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Digitaler Kulturkampf von rechts außen“ in Heft 2/2019 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

In den vergangenen Jahren stieg das Interesse an digitalen Bewegungen, sowohl in wissenschaftlichen als auch journalistischen Formaten. Die Neuartigkeit digitaler Aktionsformen blieb dabei häufig ausgeklammert. Der vorliegende Sammelband, Post-Digital Cultures of the Far Right, herausgegeben von Maik Fielitz und Nick Thurston, nimmt nun gerade diese Neuartigkeit in einer Vielzahl von Fallstudien in den Blick. In den Beiträgen, die von der US-Amerikanischen „Alt-Tech“, einem Zweig der Technologie-Branche, der sich inhaltlich mit der Rechten der USA verbunden sieht (12), bis zu polnischen Fanzines reichen, werden mit Akribie neue Strategien und Aktionsformen dieser sozialen Bewegung von rechts beschrieben. Diese globale Perspektive ist mit Blick auf die grenzübergreifende Vernetzung der Akteure nur konsequent und bringt eine Vielzahl neuer Erkenntnisse mit sich.

Die Erfolge der Alt-Right

Der erste Beitrag des Buches spannt den geographischen Schirm des gesamten Sammelbandes und nimmt eine Kartografie von der erstarkenden Alt-Right der USA bis hin zu schwedischen Aktivist_innen der extremen Rechten vor. Der Fokus des Textes von May und Feldman liegt auf einer Entflechtung der Alt-Right und Alt-Light sowie deren internen Konflikten. Dabei wird deutlich, wie schwierig die Bildung einer kollektiven Identität für stark digitalisierte Bewegungen ist, die vor allen Dingen auf digitalen Interaktionen und tendenziell schwachen beziehungsweise unverbindlichen Interaktionen beruht. Ein bindendes Moment, das die von May und Feldman beschriebenen Konfliktlinien stets überwindet, ist die geteilte Freude an Transgression, den „Lulz“ (26), dem zynischen Pendant des im Internet verbreiteten „LoL“ (laughing out lout).

Tuters vertieft diese Beobachtung und beschreibt die transgressiven Aktionsformen als Larping. Gemeint ist damit die obszöne Überzeichnung der Realität, die in dem Moment, in dem sie zu konkreten Handlungen übersetzt wird, wieder zur Fiktion verklärt wird. Die permanente Grenzüberschreitung, die sich jeder Kritik entzieht, indem sie Kritiker_innen Verbohrtheit und fehlendes Verständnis von Ironie vorwirft, wird von Tuters als Kern der digitalen Ansprache der Alt-Right beschrieben.

Der dritte und letzte Beitrag, der die Alt-Right in den USA in den Fokus nimmt, stammt von Donovan, Lewis und Friedberg. Dabei geht es den Autor_innen, um die Innovationsfähigkeit der Alt-Right, die sich insbesondere nach den rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville mit stärkeren Repressionen, durch Provider und Plattformen wie Facebook und Youtube, konfrontiert sahen. Als Antwort wich die Bewegung auf alternative digitale Angebote aus und schuf dadurch neue Allianzen mit Teilen der Tech-Industrie. Diese Allianzen brachten beispielsweise die Plattform ‚Gab‘ hervor, deren Betreiber_innen die Alt-Right hofierten. Dabei spielten sowohl die ideologischen Elemente der ‚Alt-Tech‘ und ihr „American-centric free speech absolutism“ (57), als auch das lukrative Geschäft durch neue Kunden für die Plattform eine Rolle. Die Autor_innen kommen abschließend zu der Erkenntnis, dass die digitale Infrastruktur keine Zuverlässigkeit für demokratische Prozesse bietet. Welche politischen Positionen von den Plattformen akzeptiert oder ausgeschlossen werden, bleibt die Entscheidung profitorientierter Unternehmen.

Der Blick nach Europa – zwischen Adaption und eigener Strategie       

Mit einer der derzeit drängendsten Fragen der Bewegungsforschung, nämlich der Wechselwirkung zwischen Online- und Offline-Mobilisierung, befasst sich der vierte Artikel dieses Bandes von Karl. Er untersucht die Normalisierung extrem rechter Inhalte durch online und offline Kampagnen der ungarischen Partei Jobbik. Karl beschreibt als wichtigen Faktor für den Erfolg der Jobbik eine Art von neuem „nationalist cool“ (74) etabliert zu haben, der abseits der politischen Sphäre in den Alltag der Menschen einfloss. Auf von der Jobbik mitorganisierten Festen kombinierte sie musikalische, nationalistische Folklore mit ihren extrem rechten Inhalten. Karl schließt mit der Erkenntnis, dass diese fortschreitende Normalisierung der extremen Rechten letztlich maßgeblich für das politische Klima ist, das die regierende Fidesz-Partei Viktor Orbans umgibt.

Im fünften Beitrag des Bandes befasst sich Berg mit der doppeldeutigen Inanspruchnahme von Sexismus durch die extreme Rechte in Deutschland. Dabei stellt sie die Gegensätze eines reaktionären Anti-Feminismus auf der einen, und dem rassistisch aufgeladenen ethnozentrierten Sexismus auf der anderen Seite dar. Berg geht dabei der Frage nach, welche Themen und in welcher Form diese Narrative verwendet werden und wie anti-feministische Positionen mit einer Betonung der Rechte von Frauen kombiniert werden. Sie stellt fest, dass diese Strategie das Ziel verfolgt Migrant_innen im Allgemeinen und Muslime im Speziellen als misogyn und gewalttätig zu beschreiben und damit Frauenfeindlichkeit in diese Fremdgruppen zu externalisieren. Dadurch werden in der Gesellschaft tief verankerte rassistische Narrative aktiviert und aktualisiert.

Froio und Ganesh befassen sich im sechsten Beitrag mit der Bedeutung und Inhalten rechter Netzwerke in West-Europa. Sie untersuchen dabei die (trans)nationale Kommunikation auf Twitter und die Bedeutung dieser Kommunikationsplattform insbesondere für Akteure, denen der Zugang zu breiten Öffentlichkeiten, beispielsweise durch Berichterstattung in Zeitungen und Fernsehen, fehlt. Neben der Identifikation verschiedener zentraler Narrative, wie „economic nativism“ (99) beobachteten die Autor_innen, dass Nationen-, und damit in der Regel auch sprachübergreifende Bezugnahme eher die Ausnahme darstellen. Während ihre Daten diese direkte Form der Vernetzung negieren, stellen die Autor_innen dennoch fest, dass auf einer inhaltlichen Ebene große Überschneidungen vorliegen. Insbesondere anti-muslimische Inhalte bilden einen „transnational glue“ (101) der diese Netzwerke verbindet.
Einen Bruch des Bandes stellt gewissermaßen der Beitrag von Marczewska dar, in dem die Fanzine-Szene Polens und ihre Bedeutung für die extreme Rechte beschrieben wird. Entgegen des Trends in anderen europäischen Staaten ist die extreme Rechte in Polen auch heute noch stark mit den self-made Printformaten der Fanzines verbunden. Marcezwska beschreibt in seinem Beitrag die Entwicklung dieses Formats von seinen Anfängen in der kommunistischen Diktatur, bis hin zur aktuellen Bedeutung in einem von der rechtspopulistischen PIS regierten Polen. Er hebt dabei vor allen Dingen den identitätsstiftenden Charakter der Fanzine-Community hervor und die Funktion als „space to manifest open and unconstrained expressions of the ideology they support“ (117).

Der achte Beitrag des Bandes nimmt die verschiedenen Codes der extremen Rechten in den Blick. Ausgangspunkt für Miller-Idris war ihre Erkenntnis aus Schüler_innen-Befragungen, dass die Codes der extremen Rechten nicht unbedingt als solche korrekt interpretiert werden, selbst dann, wenn den Schüler_innen die Zugehörigkeit der Codes bekannt waren. Grundsätzlich unterscheidet die Autorin dabei zwischen intendierten Codierungen, also jenen Codes, die bereits bei ihrer Schaffung als Codes gedacht waren, jenen, die erst durch Aneignung durch die extreme Rechte zu solchen wurden und solchen, die von Marken genutzt werden, um die Wirkung der Provokation auszunutzen. Abschließend widmet sich Miller-Idris Gegenreaktionen und der notwendigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Potenzialen des „counter protest“ (132).

Memes, Falschinformationen und toxische Narrative

Im neunten Beitrag befassen sich Bogerts und Fielitz mit einer der wichtigsten Handlungsformen der digitalen rechten Bewegung: den Memes. Sie befassen sich zu diesem Zweck mit der in Deutschland aktiven Bewegung Reconquista Germanica, einer auf der Kommunikationsplattform Discord organisierten extrem rechten Gruppierung. Eine ihrer wichtigsten Aktionsformen war der Einsatz von Memes, deren Inhalte in diesem Beitrag analysiert und kategorisiert werden. Die Ergebnisse der Autor_innen zeigen, wie die extreme Rechte in der Lage ist ihre nationalistischen, militaristischen und völkischen Inhalte mithilfe von transgressiven Bild-Text-Erzeugnissen, also Memes, zu ästhetisieren und zu normalisieren.
Eine weitere Strategie der extremen Rechten ist die gezielte Verbreitung von Falschinformationen. Darmstadt, Prinz und Saal befassen sich mit dieser Strategie am Fall der getöteten Keira aus Berlin. Die Polizei Berlins verweigerte nach Bekanntwerden der Tat die Weitergabe von Informationen. Grund dafür war eine unklare Sachlage und das Interesse Spekulationen um Tat, Täter und Herkunft des Täters keinen Nährboden zu geben. Stattdessen ist jedoch genau dies eingetreten. Akteure von der AfD, über Compact bis hin zu PEGIDA flochten die Tat in ihre rassistischen Narrative ein und verbreiteten haltlose Spekulationen über den vermeintlichen Täter. Dies gipfelte in der Veröffentlichung des Facebook-profils eines nicht mit der Tat in Verbindung stehenden Jugendlichen aus Berlin. Die Autor_innen zeichnen in diesem Beitrag die Entwicklung des Falls nach und heben die Funktion der „Toxic Narratives“ (159), sowie der „Targeted Misinformation“ (161) hervor. Abschließend verweisen die Autor_innen auf unterschiedliche Maßnahmen zur Bekämpfung ebensolcher Kampagnen und weisen darauf hin, dass die größte Aufgabe darin besteht, Kompetenzen im Umgang mit Medien aufzubauen und damit Resilienzen zu schaffen und zu stärken.

Der in rechten Online-Netzwerken beliebte Spruch: „Left can’t Meme“ (169) dient Ebner im elften Beitrag als Ausgangspunkt. Dabei geht es um die Behauptung, Linke seien nicht in der Lage witzige Memes zu erstellen, da sie durch ihre politische Korrektheit zu verbohrt seien. Ebner widerspricht dieser Behauptung und beginnt ihren Beitrag mit einer Analyse der Kommunikationsstrategie der Alt-Right. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass immer mehr extrem rechte Gruppen es verstehen unterschiedliche Zielgruppen kalkuliert, das heißt mit sehr spezifischem Inhalt, anzusprechen. Ebner stellt fest, dass das know-how dieser Akteure international verbreitet wird und insbesondere via Youtube eine effektive Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten stattfindet. Dieser strategische Vorsprung müsse eingeholt werden. Ebner führt zu diesem Zweck abschließend vier Punkte aus, die für effektive Gegenmaßnahmen notwendig seien: „Prediticing the trends, understanding the audiences, building an anti-hate coalition and testing new intervention approaches“ (176)

Sholette widmet sich im zwölften Beitrag der grundsätzlichen Beobachtung, dass die Funktionsweise des Internets und der Plattformen der sozialen Medien sowohl reaktionären als auch emanzipatorischen Projekten nutzt. Sholette stellt also infrage, ob die Formen digitaler Kommunikation vor allen Dingen extrem Rechten in die Hände spielen. Letztlich sei dies kein einseitiger Effekt, sondern rührt aus einer grundsätzlichen Veränderung der Voraussetzungen für Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, von dem marginalisierte Gruppen und Positionen profitieren können.

Im letzten Beitrag des Bandes stellt Thurston seine künstlerische Annäherung an Hate-speech vor. Das Vorgehen ist dadurch bestimmt, den Gegenstand genauer in den Blick zu nehmen, und zwar bewusst ohne eine analytische Sezierung. Die Inhalte werden dadurch erfahrbar und nachlesbar. Diese materielle Voraussetzung paart er mit den örtlichen Gegebenheiten von „public libaries“ (200) also Orten an dem gemeinsam über das Gelesene gesprochen werden kann und soll. Mit diesem Konzept schafft der Künstler eine Auseinandersetzung mit Hate-speech und zugleich eine Selbstversicherung der Besucher_innen über ihre eigene Haltung. Gleichzeitig ist die ‚hate library‘ eine Offenlegung dessen, was auf den online Plattformen der sozialen Netzwerke vor sich geht. Thurston stellt damit die Frage, ob wir damit einverstanden sind, dass diese Plattformen diese Inhalte öffentlich verbreiten also ‚publizieren‘.

Die von Fielitz und Thurston zusammengestellte Auswahl ist ein erster Beitrag zur Sichtbarkeit neuer, digitaler Strategien und Aktionsformen. Der Band schafft einen Einblick in diese Formen digitalen kollektiven Handelns und das damit wachsende Repertoire der sozialen Bewegung von rechts. Hierin liegt die Stärke von Post-Digital Cultures of the Far Right, das die unterschiedlichen Phänomene beschreibt und ohne in Alarmismus zu verfallen einordnet. Die weitere Analyse neuer und digitaler kollektiver Handlungsformen kann nun beginnen.

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Call for Contributions: Workshop des Arbeitskreises Soziale Bewegungen und Polizei

10.12.2019

Call for Contributions zum Workshop des Arbeitskreises Soziale Bewegungen und Polizei des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) am 21.02.2020 in Berlin

Police Materialities. Zu Interaktionsdynamiken zwischen der Polizei und ihren Objekten

Abstracts für Beiträge samt Titel zum Workshop (max. 250 Wörter) bitte bis zum 15.01.2020 per Mail an: stephanie.schmidt@uibk.ac.at und roman.thurn@soziologie.uni-muenchen.de

Objekte erhalten im Alltag der Polizei einen spezifischen Sinn: Die Bewaffnung des sogenannten polizeilichen Gegenübers beispielsweise – meistens mit einem Messer oder einen Stein – bildet einen zentralen Gegenstand unheilvoller Narrationen über den polizeilichen Alltag und rechtfertigt nicht zuletzt auch polizeiliche Maßnahmen. Dabei können Narrationen über die gefährlichen Objekte der anderen derart wirkmächtig sein, dass sie, wie bei den vermeintlich vorbereiteten Steinplatten beim G20-Gipfel in Hamburg 2017, eskalierende Situationsdynamiken begünstigen. Objekte und nicht zuletzt Waffen sind umgekehrt jedoch auch Einsatz- und Arbeitsmittel in der Polizei. Als Werkzeuge polizeilicher Arbeit dienen Wasserwerfer, Pfefferspray, Tonfa und co unter anderem dem policing von Demonstrations- und Protestereignissen und sind damit Teil von Interaktionsdynamiken zwischen Polizei und ihrem Gegenüber. Zwar ist die Bewaffnung der Polizist*innen als violence workers (Micol Seigel) zentral, zugleich jedoch kommt Objekten, wie Funkgeräten, Akten, Computern oder Uniformen eine grundlegende Bedeutung in der polizeilichen Arbeit zu. Neben ihren praktischen Funktionen, die den Arbeitsalltag strukturieren, sind ihnen auch kulturelle Bedeutungen eingeschrieben: Ausrüstungen verweisen auf die soziale Stellung (auch innerhalb der Organisation), durch Patches oder Sticker werden politische Positionierungen sichtbar oder affektionale Beziehungen zu den Objekten werden aufgebaut.Vor diesem Hintergrund wollen wir im Workshop Fragen über die Interaktionsdynamiken mit und ausgehend von Objekten im polizeilichen Arbeiten diskutieren.
Uns interessieren dabei im Wesentlichen drei Komplexe:

  1. Dingbedeutungen in der Interaktion: Welchen Sinn schreiben die an der Interaktion beteiligten einem materiellen Gegenstand zu? Wie haben sich Objekte polizeilichen Arbeitens hinsichtlich ihrer Ästhetik und Funktion entwickelt? Wie werden Objekte über ihre Funktionalität hinaus im Protestgeschehen genutzt
  2. Interaktionsdynamiken zwischen dem Einsatz von Arbeitsmittel der Polizei und dem Demonstrationsgeschehen: Welchen Einfluss hat der Einsatz verschiedener Objekte in der Arbeit der Polizei? Wie verändert sich hierdurch das Protestgeschehen (Stichwort: Videoüberwachung)?
  3. Narrationen über die „gefährlichen“ Objekte von Protestteilnehmer*innen und deren Rolle in der Interaktion: Wie werden die als gefährlich markierten Gegenstände, z.B. Fahnenstangen oder Pyrotechnik, von Protestteilnehmer*innen Gegenstand polizeilicher Maßnahmen. Und wie geht Protest damit um? (Stichwort: Klobürstenproteste von Hamburg 2014.

Relevant sind für uns auch Objekte und Arbeitsmittel, die nicht in erster Linie als Einsatzwaffen verwendet werden: Sperrgitter, Helme, Megafone, Handschellen, Videoüberwachung, Formulare etc. Ein Bezug zu Protest Policing ist wünschenswert, aber auch allgemeine (gern auch historische) Analysen zu Polizei und Objekten sind willkommen.

Link zum AK Soziale Bewegungen & Polizei: https://protestinstitut.eu/uber-das-institut/arbeitskreise/ak-soziale-bewegungen-und-polizei/

Photo by Tobias Zils on Unsplash

Interviewer*innen gesucht: Befragung bei der “Wir haben es satt” Demonstration

05.12.2019

Zum zehnten Mal findet am 18. Januar 2020 die Demonstration „Wir haben es satt“ statt. Wir, eine Gruppe von Wissenschaftler*innen um das Institut für Protest- und Bewegungsforschung und das Forschungsprojekt Food for Justice am Lateinamerika-Institut der FU Berlin, wollen mehr über die Menschen erfahren, die an dieser Demonstration teilnehmen. Was treibt sie auf die Straße? Wie hängt die Forderung nach der Ernährungswende zusammen mit der Klimakrise? Wer engagiert sich hierzulande für Ernährungsgerechtigkeit im Vergleich mit thematisch verwandten Protesten in Brasilien?

Um diese Fragen zu beantworten, organisieren wir eine Demonstrationsbefragung. Dafür brauchen wir Unterstützung. Bei der Befragung wird es darum gehen, sowohl Handzettel für einen Onlinefragebogen zu verteilen als auch Kurzinterviews vor Ort durchzuführen. Die Details des Vorgehens werden am 16.1.2020 in einer ca. zweistündigen Schulung besprochen (12-14 Uhr). Weitere Details werden nach der Registrierung (siehe unten) bekannt gegeben. Die Aufwandsentschädigung beträgt 50 €. Für alle, die sehen wollen, wie Protestforschung aussehen kann, bietet die Teilnahme interessante Einblicke in die Praxis empirischer Sozialforschung.

In diesem Sinne würden wir uns sehr freuen, wenn Ihr Lust hättet, uns bei der Befragung zu unterstützen. Wegen des relativ kurzfristigen Planungszeitraums bitten wir Euch so bald wie möglich, aber bis spätestens zum 18. Dezember 2019 als Interviewer*in anzumelden. Die Anmeldung erfolgt per Mail an Kevin Kaisig (SHK Food for Justice): kevin.kaisig[at]fu-berlin.de.

Foto: Aktion Agrar (cc-by, via Flickr)

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (III.2019)

31.10.2019
Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 155 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte im dritten Quartal 2019. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Anderl, Felix, und Philip Wallmeier. 2019. „‚Institution‘ als Scharnierkonzept zwischen Herrschaft und Widerstand“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 192–206.

Bebnowski, David. 2019. „Dispersion and Synchronization: Surge and Crises of the New Left in West German Leftist Periodicals in 1959 and 1976“. In Marxist Historical Cultures and Social Movements during the Cold War: Case Studies from Germany, Italy and Other Western European States, herausgegeben von Stefan Berger und Christoph Cornelissen, 235–55. Palgrave Studies in the History of Social Movements. Cham: Springer International Publishing.

Bens, Jonas, Aletta Diefenbach, Thomas John, Antje Kahl, Hauke Lehmann, Matthias Lüthjohann, Friederike Oberkrome, u. a. 2019. The Politics of Affective Societies: An Interdisciplinary Essay. transcript Verlag.

Bosse, Jana. 2019. Die Gesellschaft verändern: Zur Strategieentwicklung in Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung. 1. Auflage. Sozialtheorie. Bielefeld: transcript.

Brand, Ulrich, Christoph Görg, und Markus Wissen. 2019. „Overcoming neoliberal globalization: social-ecological transformation from a Polanyian perspective and beyond“. Globalizations 0 (0): 1–16.

Costa, Sergio, und Renata Motta. 2019. „Social Classes and the Far Right in Brazil“. In In Spite of You: Bolsonaro and the New Brazilian Resistance, herausgegeben von Conor Foley. OR Books.

Daniel, Antje. 2019. „Same same but different – Relationen zwischen Frauenbewegungen und politischen Institutionen im globalen Süden“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 221–33.

Daphi, Priska. 2019. „The Global Justice Movement in Europe“. In Routledge Handbook of Contemporary European Social Movements : Protest in Turbulent Times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya und Ramon A. Feenstra. Routledge.

della Porta, Donatella. 2019. „Trade Unions in the European Crisis: A Social Movement Perspective“. In Trade Unions and European Integration A Question of Optimism and Pessimism?, herausgegeben von Johannes Kiess und Martin Seelinger. Routledge.

Diesing, Johannes. 2019.  “Demonstrative Reproduktion. Politischen Handlungsformen von Occupy in London und New York”. Frankfurt/Main: Campus.

Erne, Roland. 2019. „Social Movements or State Apparatus?“ In Trade Unions and European Integration A Question of Optimism and Pessimism?, herausgegeben von Johannes Kiess und Martin Seelinger. London: Routledge.

Fielitz, Maik, und Holger Marcks. 2019. „Digital Fascism: Challenges for the Open Society in Times of Social Media“ UC Berkeley: Center for Right-Wing Studies (Juli). Online.

Frenzel, Fabian. 2020. „Touring Poverty in Townships, Inner-City, and Rural South Africa“. In New Directions in South African Tourism Geographies, herausgegeben von Jayne M. Rogerson und Gustav Visser, 167–81. Geographies of Tourism and Global Change. Cham: Springer International Publishing.

Ganz, Kathrin. 2019. „Kollektive Identitäten als Koalitionen denken. Intersektionalität in der sozialen Bewegungsforschung“. In Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis, herausgegeben von Judith Vey, Ingmar Hagemann, und Johanna Leinius, 168–83. Bielefeld: transcript Verlag.

Grimm, Jannis, Nina-Kathrin Wienkoop, und Moritz Sommer, Hrsg. 2019. „Konflikt, Kompromiss, Konsensus: Das ambivalente Verhältnis von Bewegungen und Institutionen“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32.

Grote, Jürgen. 2019. „Shrinking Spaces? Räume kontrahierender und expandierender Governance“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 270–78.

Grützmacher, Friedel. 2019. „Zwischen Protest und Parlament: Der Werdegang der Grünen aus der Sicht einer Beteiligten“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 262–269.

Guasti, Petra, und Brigitte Geissel. 2019a. „Rethinking Representation: Representative Claims in Global Perspective“. Politics and Governance 7 (3): 93–97.

Guasti, Petra, und Brigitte Geissel. 2019b. „Saward’s Concept of the Representative Claim Revisited: An Empirical Perspective“. Politics and Governance 7 (3): 98–111.

Hutter, Swen, und Endre Borbáth. 2019. „Challenges from Left and Right: The Long-Term Dynamics of Protest and Electoral Politics in Western Europe“. European Societies 21 (4): 487–512.

Hutter, Swen, und Hanspeter Kriesi, Hrsg. 2019. European Party Politics in Times of Crisis. Cambridge University Press.

Hutter, Swen, Hanspeter Kriesi, und Jasmine Lorenzini. 2019. „Soziale Bewegungen im Zusammenspiel mit politischen Parteien: Eine aktuelle Bestandsaufnahme“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 163–77.

Hutter, Swen, und Manès Weisskircher. 2019. „Convinced direct democrats under strain: talking about politics in Switzerland“. In When citizens talk about politics, herausgegeben von Clare Saunders und Bert Klandermans. The mobilization series on social movements, protest, and culture. Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge.

Hütter, Bernd. 2019. Rezension: “Sebastian Kasper: Spontis. Eine Geschichte antiautoritärer Linker im roten Jahrzehnt; Münster 2019” Contraste. Online.

Hütter, Bernd. 2019. Rezension: “Jakob Warnecke: »Wir können auch anders«. Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren, be.bra Verlag, Berlin 2019” Contraste. Online.

Hütter, Bernd. 2019. Rezension: “Simon Lattke: »Vögeln statt Turnen«. Neue Linke, linksalternative und subversive Bewegungskultur in der Bundesrepublik Deutschland 1968-1989; Bochum 2019”. Contraste. Online.

Knopp, Philipp. 2019. „Das zweischneidige Schwert der digitalen Medien“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 326–329.

Nachtwey, Oliver, und Maurits Heumann. 2019. „Regressive Rebellen und autoritäre Innovatoren: Typen des neuen Autoritarismus“. In Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, herausgegeben von Klaus Dörre, Hartmut Rosa, Karina Becker, Sophie Bose, und Benjamin Seyd, 435–53. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Pfister, Jannik. 2019. „Institutionalisierung als soziale Bewegung. Zum Verhältnis von sozialen Bewegungen und Institutionen jenseits des politischen outcome“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 178–91.

Quent, Matthias. 2019a. „Civil Society: Defending the Global Village: Strategies against the Cultural Backlash on Social Media“. In Hate Speech and Radicalisation Online, herausgegeben von Johannes Baldauf, Julia Ebner, und Jakob Guhl, 44–49. The OCCI Research Report.

Quent, Matthias.2019b. Deutschland rechts außen wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können. München: Piper.

Rucht, Dieter. 2019a. „Politically Engaged Scholarship in Social Movement Studies“. In Marxist Historical Cultures and Social Movements during the Cold War: Case Studies from Germany, Italy and Other Western European States, herausgegeben von Stefan Berger und Christoph Cornelissen, 141–62. Palgrave Studies in the History of Social Movements. Cham: Springer International Publishing.

Rucht, Dieter. 2019b. „Die Gelbwestenbewegung – Stand und Perspektiven“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 137–48.

Rucht, Dieter, und Moritz Sommer. 2019. „Fridays for Future. Vom Phänomen Greta Thunberg, medialer Verkürzung und geschickter Mobilisierung: Zwischenbilanz eines Höhenflugs“. DGAP e.V., Nr. Juli/August 2019 (Juli).

Sauer, Birgit. 2019. „Mobilizing shame and disgust: abolitionist affective frames in Austrian and German anti-sex-work movements“. Journal of Political Power 0 (0): 1–21.

Sauer, Madeleine, und Judith Vey. 2019. „Sozialräumliche Integration von Geflüchteten im ländlichen Raum“, Juni.

Sommer, Moritz. 2019. „Blame‐shifting in Times of Permanent Austerity: Evidence from Spain and Greece in the Eurozone Crisis“. JCMS: Journal of Common Market Studies, August, early view.

Sommer, Moritz, Dieter Rucht, Sebastian Haunss, und Sabrina Zajak. 2019. „Fridays for Future. Profil, Entstehung Und Perspektiven Der Protestbewegung in Deutschland“. 2.2019. Ipb Working Papers. Berlin: Institut für Protest- und Bewegungsforschung. https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2019/08/ipb-working-paper_FFF_final_online.pdf.

Sommer, Moritz, und Simon Teune. 2019. „Sichtweisen auf Protest – Die Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017 im Spiegel der Medienöffentlichkeit“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 149–62.

Sorg, Christoph. 2019. „‚Den Staat zerlegen‘. Strategisch-interaktionistische Perspektiven auf soziale Bewegung und Staat“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 311–315.

Steinhilper, Elias. 2019. „Licht und Schatten eines Booms: Zur Re-Dynamisierung migrationsbezogener Bewegungsforschung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (2): 301–310.

Strachwitz, Rupert Graf, Hrsg. 2019. Religious Communities and Civil Society in Europe, Volume I: Analyses and Perspectives on a Complex Interplay. de Gruyter.

Ullrich, Peter. 2019. „Data and Obstacle: Police (Non)Visibility in Research on Protest Policing“. Surveillance & Society 17 (3/4): 405–21.

Vey, Judith, Ingmar Hagemann, und Johanna Leinius, Hrsg. 2019a. Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis. Bielefeld: transcript Verlag. Online.

Vey, Judith, Ingmar Hagemann, und Johanna Leinius, 2019b. „Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Grundzüge einer Forschungsperspektive“. In Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis, herausgegeben von Judith Vey, Ingmar Hagemann, und Johanna Leinius, 17–38. Bielefeld: transcript Verlag.

Weisskircher, Manés, 2019. „The European Citizens’ Initiative: Mobilization Strategies and Consequences“. Political Studies, Juli.

Weisskircher, Manés, und Swen Hutter. 2019. „Idle democrats? Talking about politics in Germany“. In When citizens talk about politics, herausgegeben von Clare Saunders und Bert Klandermans. The mobilization series on social movements, protest, and culture. Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge.

Wonka, Arndt, und Sebastian Haunss. 2019. „Cooperation in Networks: Political Parties and Interest Groups in EU Policy-Making in Germany“. European Union Politics, September.

Zık, Ragip. 2020. „Making of a common woman figure: Convergence and struggle of visual practices around Gezi’s icon“. In Popularization and populism in the visual arts: attraction images, herausgegeben von Anna Schober. Routledge advances in art and visual studies. New York: Routledge.

Bewegungsgespräch: Wie “weiß” sind die neuen Klimaproteste?

25.10.2019

Ort: taz Kantine, Friedrichstraße 21, Berlin-Kreuzberg

Zeit: 19.11.2019, um 19 Uhr | Eintritt frei

Der Klimastreik am 20. September 2019 war ein neuer Höhepunkt der aktuellen Klimaproteste, die vergangenes Jahr durch die schwedische Aktivistin Greta Thunberg losgetreten wurden. In mehr als 150 Ländern gab es Demonstrationen. Allein in Berlin gingen über 200.000 Menschen auf die Straße- und das an einem Freitagnachmittag!

Deutschland hat eine lange Tradition starker Umweltbewegungen. Diese kommt vor allem aus dem weißen Mittelstandsmilieu. Eine erste Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (IPB) zu den Fridays For Future-Protesten deutet an, dass dies auch für die neuen Klimaproteste zutrifft. Menschen mit Migrationshintergrund sind bei den Protesten unterdurchschnittlich vertreten. Ähnliches zeigt sich zum Beispiel bei den Jugendumweltverbänden. Wir wollen gemeinsam diskutieren, welche jungen Menschen die neuen Klimaproteste und die Umwelt-NGOs eigentlich erreichen und mobilisieren, wen sie ausschließen und wie sich Engagierte mit Migrationshintergrund bzw. deren Initiativen zu den neuen Klimaprotesten verhalten.

Es diskutieren:

  • Quang Anh-Paasch, Mitorganisator und Pressesprecher Fridays For Future
  • Lea Dehning, Koordinatorin des locals united project der BUND Jugend
  • Imeh Ituen, Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf koloniale Kontinuitäten in der Umwelt- und Klimakrise, Gründerin und Aktivistin von BPoC Environmental Justice Group Berlin
  • Vertreter*in Jugendorganisation N.N.

Moderation: Nina-Kathrin Wienkoop, ipb und DeZIM-Institut, Louisa Prause, FU Berlin

Kontakt: veranstaltungen[at]dezim-institut.de

Wir müssen über die Radikalisierung der Klimabewegung reden. Aber anders als bisher

23.10.2019

Kommentar von Simon Teune

zuerst erschienen im Tagesspiegel am Sonntag, 6. Oktober 2019

Die Klimagerechtigkeitsbewegung, die schon vor einem Jahrzehnt Fahrt aufnahm, und mit den Fridays for Future ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, entspringt einer radikalen Haltung: die Bedrohung einer unbewohnbaren Erde lässt sich nur dann verhindern, wenn wir unsere Art zu leben und zu wirtschaften grundsätzlich ändern. Bislang haben große Teile der Bewegung darauf gesetzt, dass Regierungen und Unternehmen sich der Herausforderung der globalen Erwärmung stellen und das in ihrer Macht stehende tun, um Schlimmeres zu verhindern. Nun haben weder die größten Straßenproteste im wiedervereinigten Deutschland noch Bevölkerungsumfragen, in denen sich eine klare Mehrheit für einen Primat des Klimaschutzes ausspricht, zu einer ambitionierten Klimapolitik geführt. Was macht das mit den Menschen, die sich engagieren? Darüber sollten wir reden.

Stattdessen führen wir ganz andere Debatten. Zu Beginn der Fridays for Future wurde der Protest in Frage gestellt, weil sich die Kinder und Jugendlichen über die Schulpflicht hinwegsetzten, eine Norm, die damit begründet wird, dass aus Kindern mündige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger werden sollen. Seit dem Klimastreik wird nun geraunt, die Bewegung würde sich radikalisieren. Gemeint ist: sie ist auf dem Weg in die Gewalt. Die deutlichen Beweise: Aufkleber auf SUVs, der Staatsschutz ermittelt. Diese Nebelkerze lenkt von einer erstaunlichen Besonderheit der Klimabewegung ab: die Abwesenheit von Gewalt als Strategie.

Es werden in und zwischen den verschiedenen Gruppen der Klimabewegung viele Themen diskutiert. Aber eine Frage, die viele frühere soziale Bewegungen gespalten hat, gehört nicht dazu: die Gewaltfrage. Obwohl nicht weniger als das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht, setzt kein nennenswerter Akteur in der Klimabewegung darauf, Menschen anzugreifen oder Sachen zu zerstören, um radikale Veränderungen zu erzwingen.

Die Grenzüberschreitung gehört zur DNA von Protest. Protestaktionen sollen aufrütteln, Abläufe stören, Autoritäten und Gewohnheiten in Frage stellen. Diese Disruption ist Bedingung für die Wirksamkeit von Protesten. Ohne sie gäbe es, kurz gesagt, keinen Achtstundentag, keine Wiedervereinigung, keinen Atomausstieg. Das heißt aber nicht, dass alles geht. Grenzüberschreitungen finden in einem Rahmen statt, der sich über lange Zeit entwickelt hat. Diese Leitplanken von Protest gehen oft auch auf schmerzhafte Lernprozesse zurück. In der Linken hat sich nach den politischen Morden der RAF und den Schüssen an der Startbahn West ein Konsens herausgebildet, dass die Gefährdung von Menschenleben mit einer progressiven Agenda nicht vereinbar ist. In diesem Geist benennen die zentralen Akteure der Klimabewegung klare Grenzen, in denen sich ihr Protest bewegen soll. Die Fridays for Future und Extinction Rebellion legen sich darauf fest, dass ihr Protest gewaltfrei sein soll. Die Blockaden von Ende Gelände gegen die Braunkohleindustrie und von Sand im Getriebe gegen die Internationale Autoausstellung finden unter der Prämisse statt, dass keine Menschen gefährdet werden sollen.

Dass der Rahmen so klar gesteckt wird, ist umso erstaunlicher, weil eine weitere Besonderheit der Klimabewegung die Lage verschärft. Das Erkennungszeichen von Extinction Rebellion, die Sanduhr, steht für die zentrale Herausforderung der Bewegung: Wenn nicht bald gehandelt wird, droht dem Planeten der Kollaps. Andere soziale Bewegungen hatten die Zeit auf ihrer Seite. Die Zustimmung zur Gleichberechtigung der Geschlechter z.B. breitete sich nach Protesten und Kämpfen in den Institutionen immer weiter aus. Die Klimabewegung aber arbeitet gegen die Zeit. Sie baut auf wissenschaftlichen Prognosen auf, nach denen sich das Zeitfenster schließt, in dem sich unumkehrbare Effekte auf das Weltklima noch verhindern lassen. Je mehr Zeit verstreicht, desto abrupter muss umgesteuert werden.

Die Wahrnehmung, dass die Uhr tickt, hat enorme Sprengkraft. Sie hat das Potential, das immer mehr Menschen eine Haltung entwickeln, die im Wortsinn radikal ist, weil sie darauf zielt, ein Problem bei der Wurzel (lat. radix) zu packen. Unter den gegebenen Bedingungen ist es durchaus plausibel, dass immer mehr Menschen geneigt sein werden, ihren Protest durch begrenzte Regelbrüche zum Ausdruck zu bringen. Hohe Zustimmungswerte zu zivilem Ungehorsam gibt es unter Protestierenden seit Jahren. Aber heute fällt die Zeitnot zusammen mit einem Missverhältnis von gesellschaftlicher Mobilisierung und politischer Reaktion. Wie weit die Ausweitung des Ungehorsams geht, wird sich als nächstes in der zweiten Oktoberwoche zeigen, wenn die von Extinction Rebellion organisierte Aktion #berlinblockieren angelaufen ist.

Eine Zuspitzung zeichnet sich schon jetzt ab: Klimapolitik wird zunehmend zu einem Konflikt, der die Gesellschaft polarisiert. Die Proteste machen die Ungerechtigkeit und die Machtverhältnisse, die mit der Klimakrise verbunden sind, sichtbar und verhandelbar. Damit zwingen Demonstrationen und Blockaden die Einzelnen zur Positionierung: die Gretchenfrage dieser Tage lautet: wie hältst Du es mit dem Klimaschutz? Ohne ein politisches Verhandlungsangebot droht die Klimafrage Spaltungen zu vertiefen. Die Frage der Radikalisierung stellt sich also nicht nur für die Klimabewegten, sondern auch für diejenigen, die ihre Anliegen oder ihre Haltung ablehnen.

Welche Richtung die Radikalisierung in der Klimabewegung nimmt, ist nicht ausgemacht. Der Weg in die Gewalt ist angesichts der geschilderten Selbstbeschränkung und angesichts der Abwesenheit einer Debatte dazu nicht die wahrscheinlichste Perspektive. Die größere Gefahr ist die radikalisierende Wirkung der Resignation. Wenn hunderttausende die Erfahrung machen, dass ihr Engagement ins Leere führt und die Klimakrise nicht adäquat angegangen wird, sind die Folgen für die demokratische Substanz, für das Vertrauen in das Funktionieren demokratischer Institutionen verheerend.

Abbildung: Sand im Getriebe via Facebook

Auf die Straße! – Tagungsbericht

22.10.2019

Mitte Juni 2019 lud die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) zur Fachtagung “Auf die Straße! Politischer Protest in Deutschland” (Bericht des Deutschlandfunks). In drei Plenarvorträgen und 27 (!) Panels und Diskussionsrunden wurde das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven erörtert (Programm). Natürlich waren auch etliche ipb-Kolleg*innen vertreten, namentlich: Dieter Rucht, Ansgar Klein, Sebastian Haunss, Peter Ullrich, Simon Teune, Julia Zilles, Dieter Rink, Sabrina Zajak, Nina-Kathrin Wienkoop, Clemens Arzt, Lisa Vollmer, Verena Stern, Lisa Bogerts, Nils Schuhacher und Elias Steinhilper. 

Der folgende Tagungsbericht von Moritz Sommer ist als kollektiver Bericht zahlreicher ipb-Kolleg*innen entstanden. Auf Grund der Parallelität der Diskussionsrunden, kann im Folgenden nur ein Ausschnitt vorgestellt werden. Der Text erschien in ähnlicher Form auch auf der Webseite der bpb.

Der Vortrag von Dieter Rucht ist bei Deutschlandfunk Nova als Podcast verfügbar.

Auf die Straße! – Tagungsbericht

In Deutschland wird protestiert. Gegen Stuttgart 21, gegen den G20-Gipfel oder gegen die Unterbringung von Geflüchteten. Für den Erhalt des Hambacher Forstes, bezahlbaren Wohnraum oder die Einhaltung der Klimaverträge. Protest findet auf der Straße statt – in Großstädten und im ländlichen Raum. Er drückt sich in Transparenten, Sprechchören oder Unterschriftenlisten aus. Das Internet und die Sozialen Medien haben Möglichkeiten und Formen des Protestes erweitert. Protest ermöglicht direkte politische Beteiligung, jenseits von Wahlen und institutionalisierter Mitbestimmung. Für die einen ist Protest daher gelebte Demokratie, andere betonen den destruktiven Charakter von Protest als Hindernis effektiver Governance. Gerade weil Protest allgegenwärtig und umstritten ist, bleibt eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Gegenstand notwendig: Was ist Protest? Wie funktioniert er? Und wann ist er erfolgreich? Diese und andere Fragen standen im Zentrum der von der Bundeszentrale für Politische Bildung (BpB) organisierten Fachtagung „Auf die Straße! Politischer Protest in Deutschland“ am 17. und 18. Juni 2019. In Hamburg fand sich eine bunte Mischung aus erfahrenen und jungen (Bewegungs-)Forscher*innen, Journalist*innen, Veteran*innen der deutschen Protestgeschichte und Repräsentant*innen noch junger Protestbewegungen zur Diskussion zusammen. Dass es sich hier um eine der größten Fachtagungen im deutsch-sprachigen Raum gehandelt haben dürfte, kann als Beleg für die zunehmende öffentliche Beachtung von Protest betrachtet werden.

Einführung und historische Linien

„Protest!“ Unter diesem Titel gab Dieter Rucht (Institut für Protest- und Bewegungsforschung, ipb) den Startschuss. Gleich zu Beginn stellte er der verbreiteten Wahrnehmung von Protest als destruktiver Form der Ablehnung, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes und damit eine alternative, positive Sichtweise entgegen: Das deutsche Verb protestieren leitet sich ab vom spätlateinischen protestare, das so viel heißt wie ‚für etwas Zeugnis ablegen‘ oder ‚für etwas eintreten‘. Rucht definierte Protest in seiner heutigen Bedeutung als „eine kollektive, öffentliche Handlung nicht-staatlicher Akteure, die Kritik oder Widerspruch zum Ausdruck bringt und mit der Formulierung eines gesellschaftlichen oder politischen Anspruchs oder Ziels verbunden ist”.

Grafic Recording – Protest! Eine Einführung, Vortrag von Dieter Rucht

In der historischen Betrachtung von Protest hätten diese kollektiven Handlungen ganz unterschiedliche Formen angenommen: von den Sklavenaufständen der Antike über die Bauernrebellionen der frühen Neuzeit bis hin zu den dann von sozialen Bewegungen getragenen bürgerlichen Revolutionen und den Arbeiter*innen-Protesten des 18. Jahrhunderts. Auch die wesentlichen Träger*innen und damit die Protestthemen hätten sich immer wieder verändert: von den klassischen ‚Brot und Butter‘-Fragen des frühen Kaiserreichs, über die ideologischen Grundsatzkonflikte der Weimarer Republik bis hin zu post-materialistischen Fragen mit dem Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen. Das auch in Deutschland vielfach geäußerte diffuse Gefühl einer Zunahme von Protesten konnte Rucht unter Rückgriff auf empirische Daten zweier Protestereignisanalysen teilweise bestätigen. In der Bundesrepublik nehme demnach die Zahl der Proteste bei kurzfristigen Schwankungen bis in die späten 1990er Jahre zu, gehe dann zurück und steige seit 2005 wieder an. Auch diese Entwicklung sei ein Beleg für eine generelle ‚Normalisierung‘ von Protest, der immer mehr als gängige – und eben nicht als irrationale – Form der Interessenvertretung verstanden werde.

Anstelle des im Programm vorgesehen Sven Reichhardt (Universität Konstanz), der leider kurzfristig erkrankt war, hielt Philipp Gassert (Universität Mannheim) den zweiten Plenarvortrag zum Thema „Schlaglichter der deutschen Protestgeschichte“. In einer historischen Perspektive zeichnete er Protest als Ergebnis langer Entwicklungen, die sowohl das Repertoire als auch die gesellschaftliche Einordnung und Bewertung von Protest prägen. Gassert identifizierte historische Schlüsselmomente, um die sich wandelnden Charakteristika und die öffentliche Wahrnehmung von Protest zu rekonstruieren: Protest sei seit den Studierenden-Mobilisierungen um 1968 verstärkt „expressiv“, mit der Friedensbewegung um 1983 gesellschaftlich „akzeptabel“ und mit den Wendeprotesten um 1989 schließlich „normalisiert“ worden. Eine historische Perspektive zeige zudem, dass Protest nicht primär Motor, sondern vielmehr Indikator gesellschaftlichen Wandels sei. Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Bewegungsakteure im Publikum stieß besonders diese starke und zugleich kontroverse These eine produktive Debatte zur gesellschaftlichen Bedeutung Sozialer Bewegungen an, die auch später immer wieder aufgegriffen wurde.

Im Anschluss an die beiden Einführungsvorträge nahmen nicht weniger als 27 Infopanels und Diskussionsrunden, verteilt auf vier Zeitblöcke, am 17. und 18. Juni die von Rucht und Gassert skizzierten Linien auf und vertieften sie.

Erfolgsbedingungen

Plurale Gesellschaften sind geprägt von multiplen Konfliktlinien und zeichnen sich durch eine Vielfalt an Meinungen und Interessen aus. Doch nicht in allen Fällen führen diese zu Protest. Im Panel „Warum hier und nicht dort? Entstehungshintergründe von Protesten“ war es erneut Philipp Gassert, der die großen historischen Linien zog. Dabei betonte er die Bedeutung gesellschaftlicher Konflikte, die von sozialen Bewegungen benannt würden und so kollektive Lernprozesse und politische Reformen nach sich zögen. Ansgar Klein (Forschungsjournal Soziale Bewegungen) erläuterte überblickshaft die wichtigsten analytischen Instrumente der Erforschung sozialer Bewegungen und erfolgreicher Mobilisierung, vom Ressourcen-Mobilisierungs-Ansatz, der die Rolle von Geld, Engagement und öffentlicher Unterstützung beleuchtet, über die Frage der politischen oder diskursiven Gelegenheitsstrukturen, die Mobilisierungsfenster öffnen oder schließen können, den „Framing-Ansatz“, der die Resonanzfähigkeit der Problembeschreibung als zentralen Faktor erfolgreicher Mobilisierung versteht, bis hin zur Rolle kollektiver Identität. In der anschließenden Diskussion und der Anwendung auf jüngste Protestphänomene wurde deutlich, dass oft nur ein ganzes Bündel von sozialwissenschaftlichen Analyseansätzen die Mobilisierungserfolge einzelner Bewegungen erklären kann.

Welche Kriterien für „erfolgreichen“ Protest lassen sich auch jenseits der Frage der Mobilisierung anlegen? Das Panel „Das nützt doch nichts … Über Erfolge, Misserfolge und Erfolgsbedingungen“ versprach Antworten. Sebastian Haunss (ipb und Universität Bremen) schlug vor, mindestens drei Dimensionen von Erfolg zu unterscheiden: Erstens in der zeitlichen Dimension, ob es um kurzfristige oder langfristige Wirkungen sozialer Bewegungen geht. Zweitens sollte auf der Ebene der Reichweite zwischen Policy-Wandel und gesellschaftlichem Wandel unterschieden werden und drittens auf der Ebene der Handlungsmacht, zwischen eigenverantwortlichen sowie auf Unterstützung angewiesenen Erfolgen. Mit diesem Schema lässt sich der kurzfristige Erfolg eines lokalen Protestbündnisses von der langfristigen gesellschaftlichen Wirkung beispielsweise der Frauenbewegung systematisch unterscheiden. Für Gerald Neubauer (Campact) ist gesellschaftlicher Fortschritt, wie die (rechtliche) Gleichberechtigung von Mann und Frau ohne die Kraft sozialer Bewegungen kaum denkbar. Indem sie als selbstverständlich erachtete Sozialstrukturen hinterfragten, seien soziale Bewegungen eine zentrale Triebfeder gesellschaftlichen Fortschritts. Eine zentrale Erfolgsbedingung sei die Bereitschaft der Aktiven, sich über ungerechte Gesetze hinwegzusetzen und diese zu delegitimieren. So habe ziviler Ungehorsam immer wieder zu Gesetzesänderungen und Reformen geführt, wie z.B. das Ende der Rassentrennung in den USA eindrücklich zeige. Bemerkenswert ist, dass Misserfolge sowohl von den Vortragenden als auch in der Diskussion nur ganz am Rande thematisiert wurden: eine Leerstelle, die sich auch in der Protestforschung allgemein zeigt.

Mediale Wahrnehmung – mediale Inszenierung

Die Frage nach den Erfolgsbedingungen von Protest lenkt den Blick auf die Rolle der Medien und die öffentliche Wahrnehmung von Protest. Die Podiumsdiskussion „Ein Wechselspiel – Medien und Protest“ mit Marcus Bornheim (stellvertretender Chefredakteur der Tagesschau), Michael Hopf (Greenpeace) und Simon Teune (ipb und TU Berlin) nahm als Ausgangspunkt, dass die meisten Menschen erst über Beiträge im Radio, im Fernsehen, in Tageszeitungen und deren Online-Plattformen Proteste wahrnehmen. Dadurch entscheiden journalistische Kriterien darüber, welcher Protest sichtbar wird und welche Aspekte hervorgehoben werden. Nur eine einstellige Prozentzahl der Proteste findet so den Weg in die Berichterstattung. Bornheim unterstrich, dass Proteste in der Konkurrenz um den begrenzten medialen Raum nur dann berücksichtigt würden, wenn sie mit Nachrichtenwerten wie Größe, Konfliktpotenzial oder Neuheit versehen seien. Inwiefern die Kriterien von Journalist*innen auch die Arbeit der Protestakteure beeinflussen, zeigt das Beispiel Greenpeace: Einzelne Aktionen der Umweltorganisation werden so geplant, dass sie durch spektakuläre Bilder die journalistische Nachfrage nach Konflikt bedienen. Michael Hopf betonte dabei allerdings, dass die Themenauswahl von Greenpeace sich nicht primär an der Verwertbarkeit in den Medien orientiere. Viele Formen der Kommunikation liefen an den Medien vorbei, z. B. in der direkten Kommunikation mit Mitgliedern und Ortsgruppen. Die Bilder seien vor allem eine Möglichkeit, alternatives Wissen in breitere Diskurse einzuspeisen. Die Moderatorin Nalan Sipar (Deutsche Welle) führte die Diskussion immer wieder auf konkrete Ereignisse zurück. So wurde der Erfolg der Klimastreiks der FridaysForFuture unter anderem damit erklärt, dass die Identifikationsfigur Greta Thunberg, gepaart mit der gewählten Aktionsform, eine gut zu erzählende Geschichte geboten hätte, die das Thema Klimawandel auch auf die Agenda der Redaktionen gesetzt hätte.

Die Abhängigkeit von der medialen Berichterstattung beeinflusst wiederum Protestakteure in der Wahl ihrer Mittel. Simon Teune verwies im thematisch anschließenden Panel „Plakate, Transparente, Trillerpfeifen. Inszenierungsformen von Protest“ darauf, dass Protestformen nicht völlig frei gewählt würden, sondern im Verhältnis zu verschiedenen Akteuren zu verstehen seien. Die Reaktion von Regierenden, Medien und Polizei würden mit Vorgaben und Reaktionen auf Protest die Wahl von Protestformen mitprägen. In sozialen Bewegungen gäbe es parallele Aktionsrepertoires, bei denen die verschiedenen Protestmilieus unterschiedliche Grenzen setzten und über Bilder und Sprache Korridore des erwünschten Protestes definierten. Lisa Bogerts (ipb) betonte, dass sich die Inszenierung von Protest – als öffentliche Bühne der Selbstdarstellung nach außen –sowohl von der Kommunikation von Bewegungen nach innen als auch von der (Fremd-) Darstellung durch andere, wie z. B. Medien und Politiker*innen, unterscheiden könne. Um ihre Ziele zu kommunizieren, Aufmerksamkeit zu erregen und (potenzielle) Anhänger*innen zu mobilisieren, würden Protestierende ihre Identifikationsangebote nicht nur mithilfe von rationalen Argumenten unterbreiten, sondern auch durch emotionale und soziale Anknüpfungspunkte. Oft müssten dafür komplexe politische Sachverhalte und Ideologien in einfache und schnell verständliche Botschaften sowie ästhetisch-visuelle Zeichen mit hohem Wiedererkennungswert heruntergebrochen werden, was im wahrsten Sinne des Wortes zu plakativen und oft verkürzten Botschaften sowie Freund/Feind- oder Täter/Opfer-Schemata führen könne. Während Proteste visuell durch Farben und Flaggen, (Un-)Gerechtigkeitssymbole, personifizierende Protest-Ikonen sowie empörende oder humorvolle Bilder inszeniert würden, gälte vor allem das Zitat eines Anonymous-Aktivisten: „Langeweile ist konterrevolutionär“.

Bereits vor dem skizzierten Panel lieferte Dorna Safaian (Universität Siegen) in ihrem Vortrag „Ästhetik des Protests“ mit dem Rosa Winkel – dem Symbol der Schwulenbewegung der 1970er Jahre – ein eindrückliches Beispiel für die verschiedenen Dimensionen des sinnlich wahrnehmbaren Protestes. Symbole wie der ursprünglich in KZ als Kennzeichnung homosexueller Häftlinge verwendete und von der Homosexuellen Aktion Westberlin als Erkennungszeichen eingeführte Rosa Winkel werden im Handeln der Protestierenden mit Bedeutung und Emotionen aufgeladen. Sie haben die Funktion, Konfliktlinien sowohl nach außen als auch bewegungsintern zu markieren. So wurde der Rosa Winkel eingeführt, um gegenüber anderen Protestbewegungen eine eigene Bildsprache zu entwickeln und für die Gruppe der Schwulen über die erlittene Repression eine kollektive Identität zu stärken. Relevant werden Protestmedien im Gebrauch, sei es bei Protestereignissen oder im Alltag. Der Rosa Winkel wurde in der Öffentlichkeit als Kennzeichen der Schwulen präsentiert – auf Plakaten und mit Ansteckern getragen. Das Zeigen des Symbols wurde aber auch als eine symbolische Handlung zur Überwindung der eigenen Angst verstanden. Insofern sind Protestmedien immer auch mit kollektiven emotionalen Praktiken, also in Gemeinschaft entstehenden und empfundenen Gefühlen, verbunden.

Grafic Recording – Die Ästhetik des Protestes, Vortrag von Dorna Safaian

Junger Protest

Die Frage nach dem Wandel von Protestästhetik, aber auch die nach der Resonanz und Wirkmächtigkeit von Protest stellen sich in Zeiten von Facebook, Twitter und Co auf besonders eindrückliche Weise. Lisa Villioth und Gina Schad (beide Universität Siegen) gingen im Panel „‘1 like = geht gar nicht‘. Der Wandel von Protest im digitalen Zeitalter“ dem Zusammenhang zwischen Straßen- und Netzprotesten nach. Villioth konzentrierte sich zu Beginn auf die Rolle von E-Campaigning-Plattformen wie Campact oder change.org, die das Mittel der Petition auf das Internet übertragen. Demonstrationen oder Sit-ins als klassische Aktionsformen werden durch diese Plattformen nicht etwa abgelöst, sondern ergänzt, indem sie niedrigschwellige Mittel für die Mobilisierung im Vorfeld, die interaktive Begleitung sowie die Nachbereitung von Protestereignissen bieten. Mit dem Netz als Protestmedium vergrößert sich damit das Potenzial sozialer Bewegungen, ihren Anliegen in Politik und Gesellschaft Gehör zu verschaffen. Gina Schad erweiterte die Perspektive auf den Netzprotest anhand des aktuellen Beispiels des YouTubers Rezo. Die kontroverse Debatte um dessen CDU-kritisches Video belege die zeitliche wie räumliche Entgrenzung digitaler Kommunikation. Aus dem digitalen Wandel folgen neben den Plattformen als Bewegungsakteure auch neue Anforderungen für die Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs. Für die Vortragenden gelten Kommunikationspraktiken wie Likes oder Retweets und daran anknüpfende Empörungsdynamiken als Ausgangspunkt digitalen Protests. Um tatsächlich kollektive, digitale Protestereignisse zu bilden, bedarf es allerdings eines höheren Organisationsgrads und öffentlicher Resonanz.

Diese digitalen Protestformen sind nicht allein der Jugend vorenthalten – dennoch spiegelt sich hier die Kommunikationskultur einer neuen netzaffinen Generation wider. Vor diesem Hintergrund und spätestens seit den Protesten von FridaysForFuture ist die Rede vom Generationen- oder Jugendprotest wieder auf der Agenda. Knud Andresen (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg) und Gabriele Rohmann (Archiv der Jugendkulturen e.V., Berlin) wagten eine historische Perspektive und widmeten sich im Panel „Rebel without a cause? Jugend zwischen Protest und Anpassung“ früheren Jugendprotesten in Ost- und Westdeutschland. In beiden Vorträgen wurde die Bedeutung kultureller Symboliken und Praktiken der Jugend als Widerstandsformen gegen die jeweilige Mehrheitsgesellschaft und das politische System deutlich. Konkret für Westdeutschland illustrierte Andresen, dass die Jugend von den 1950er bis in die 1980er Jahre die Avantgarde eines Wertewandels darstellte, die über bestimmte Tanz- und Musikformen gegen den soziopolitischen Mainstream rebellierte. Seit den 1980er Jahren jedoch zeigen Untersuchungen wie die Vermächtnisstudie von Jutta Allmendinger, dass man nicht mehr von einem Generationskonflikt sprechen könne, da Einstellungsdifferenzen nicht über Alter erklärt werden könnten. Das Label „Jugendproteste“ sei somit auch heute zumindest teilweise irreführend. Der zweite Impulsvortrag zeigte äquivalent hierzu die Entwicklungen von und den staatlichen Umgang mit Jugendkulturen in der DDR. Gabriele Rohmann illustrierte eindrücklich zahlreiche Ähnlichkeiten mit der Bundesrepublik, wenngleich die Bedingungen, unter denen sich die Jugend in Ostdeutschland ausleben konnte, divergierte. Die Reaktion der DDR-Regierung schwankte zwischen Restriktionen und Repressionen sowie dem Versuch der Vereinnahmung durch staatlich geschaffene Organisationen.

Wandel und Institutionalisierung

Proteste sind Agenten des Wandels, aber auch Protestakteur*innen selbst unterliegen stetigem Wandel. Auf eine ganz bestimmte Form des Wandels (und des Erfolgs?) konzentrierte sich das Panel „‘Rein in die Parlamente!‘ Aus Protest wird Partei anhand der Parteien Bündnis90/Die Grünen und Alternative für Deutschland (AfD). Andreas Pettenkofer (Universität Erfurt) begann seinen Vortrag zur Geschichte der Grünen mit Blick auf einen möglichen Vergleich zur AfD, indem er den Begriff der Protestpartei problematisierte. Die Abgrenzung zu vermeintlich ‚normalen‘ Parteien falle mit diesem Begriff schwer, weil er sich weder durch Wahlentscheidungen, das Hervorgehen aus sozialen Bewegungen noch aus einem positiven Bezug auf Protest eindeutig bestimmen ließe. Weiter plädierte Pettenkofer dafür, die These einer inhaltlichen Normalisierung der Grünen seit ihrem Einzug in den Bundestag zu verwerfen. Zu umstrittenen Themen wie dem radikalen Pazifismus, Kritik der Staatsgewalt und der Kapitalismuskritik habe es schon in der Frühgeschichte der Grünen immer wieder Ambivalenzen gegeben. Jenseits der Inhalte habe sich die Parlamentarisierung der Umweltbewegung stärker auf der organisationalen Ebene niedergeschlagen, und zwar durch Institutionalisierung und Hierarchisierung oder neue Kooperationen. Demgegenüber beschäftigte sich Alexander Hensel (Universität Göttingen) mit einer Einordnung der AfD als Protestpartei. Aus stärker politikwissenschaftlicher Perspektive beschreibe der Begriff für ihn eher das Aufstreben einer elitenkritischen Organisation als einer neuen Alternative im Parteiensystem. Der Wandel des Parteiensystems im postindustriellen Zeitalter erlaube es den neuen Akteuren, eine allgemeine Haltung der Politikverdrossenheit unter den Wähler*innen über ein Thema zu mobilisieren. Im Fall der AfD sei dies zuerst über ‚Wettbewerbspopulismus‘ gelungen, der in einer zweiten Entwicklungsphase vom klassischen Rechtspopulismus abgelöst worden sei. Der Protest gegen das Establishment habe sich somit auch auf die Straße verlagert und die Erfolge an der Wahlurne gestärkt. Mit dem Einzug in die Parlamente stünde die Partei laut Hensel allerdings vor einem Dilemma, weil einerseits eine anhaltende Protest-Haltung im institutionellen Kontext zu Isolation führe, während andererseits Anpassungsprozesse die Establishment-Kritik konterkarieren würden.

Eine strukturelle Form der Institutionalisierung wurde im Panel „Wendland, Kreuzberg, Dresden? Aus Protest wird Milieu“ diskutiert. Andreas Tietze (Aktion Zivilcourage e. V., Pirna) schilderte seine Erfahrungen aus der politischen Bildungsarbeit in Dresden sowie den sächsischen Umlandgemeinden und zeigte deutlich, wie sich dort in den letzten zehn Jahren eine rechte Szene herausgebildet hat, die von Personen zusammengehalten wird, welche maßgeblich in die Organisation der Pegida-Proteste involviert sind. Diese verfügten über eigene Treffpunkte, Buchläden und Publikationen. Das dort zu beobachtende soziale Phänomen erfülle genau die Kriterien, die Sebastian Haunss (ipb und Universität Bremen) zuvor als charakteristisch für bewegungsnahe Szenen identifiziert hat, die gleichzeitig Netzwerke von Personen, Gruppen und Orten sind und die es Bewegungsaktivist*innen erleichtern, eine gemeinsame Gruppenidentität herauszubilden und geteilte subkulturelle Praxen zu leben.

Die soziale Basis von Protest und die Frage, wer überhaupt protestiert, wurde im Panel „Typisch! Über die soziale Basis und Interessenlagen von Protest“ aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven thematisiert. Nina-Kathrin Wienkoop (ipb und Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) zeigte auf, wie zunächst die Arbeitskämpfe und später die Neuen Sozialen Bewegungen die Bilder von Protestierenden aber auch die Forschung selbst prägten. Typische Beschreibungen von Protestierenden rangierten von „Arbeiter“ über „Studenten“ bis hin zu „Linksintellektuelle“. Aktuelle Protestsurveys hingegen zeigen eine große Bandbreite in Bezug auf sozio-strukturelle Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Links-Rechts-Selbstzuschreibung. Gemein ist ihnen, dass mehrheitlich gut gebildete Personen der Mittelschicht protestieren sowie Menschen ohne Migrationshintergrund. Nur selten treten die am meisten Benachteiligten als Träger von Protest auf. Diese Muster zeigten sich auch am Beispiel der Proteste gegen Windkraftenergie, die Eva Eichenauer (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung e.V.) im Anschluss vorstellte. An zwei Beispielen in Süd- und Ostdeutschland machte sie deutlich, wie unterschiedlich Konfliktaushandlungen geprägt sind. Obwohl sich die Initiator*innen bezüglich Alter und Schichthintergrund ähnelten, traten die Wortführer*innen sehr unterschiedlich auf. So waren die Zusammenkünfte von Windkraft-Befürworter*innen mit den Gegner*innen in Brandenburg von einer hohen Dialogbereitschaft geprägt, wohingegen im Schwarzwald die Protestierenden konfliktiver auftraten.

Konfliktfeld Migration

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung werden Straßenproteste oft noch immer als Sache der Linken wahrgenommen. Dass dieser Eindruck täuscht, zeigen eindrücklich das Beispiel Pegida und die Neusortierung der deutschen Protestlandschaft im Anschluss an den Anstieg von Asylsuchenden im Herbst 2015. Das Panel „Die sollen weg hier!“ Proteste gegen „Fremde“ beleuchtete Proteste gegen Personen, die als „fremd“ wahrgenommen und konstruiert werden, darunter Migrant*innen und Geflüchtete. Stefan Locke (Frankfurter Allgemeine Zeitung für Sachsen und Thüringen) skizzierte in seinem Beitrag die Anfänge und den Verlauf der Pegida-Proteste in Dresden. Diese kontextualisierte er in einem historischen Rückblick auf den gesellschaftlichen Umgang mit Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik, Polen und Vietnam, zu denen es aus der Bevölkerung kaum Kontakt oder Integrationsbemühungen gab. Den Zulauf zu den Protesten von Pegida interpretierte Locke als Gelegenheit, sich und seinen Anliegen Gehör zu verschaffen, auch wenn diese nicht immer unmittelbar mit Migration verknüpft gewesen seien. So sei beispielsweise die Ost-West-Frage im Zuge der Proteste erneut verhandelt worden. Verena Stern (ipb und Universität Bielefeld) leistete im zweiten Teil des Panels einen Überblick über Proteste gegen Geflüchtete und ihre (geplanten) Unterkünfte. Sie verglich den signifikanten Anstieg der Proteste im Kontext des „langen Sommers der Migration“ 2015 mit dem Beginn der 1990er Jahre, als ebenfalls eine große Anzahl an Übergriffen auf Migrant*innen und ihre Unterkünfte verübt wurde. Stern wies dabei auf Ähnlichkeiten im medialen und politischen Diskurs über Migration hin: Wie in den 1990er Jahren könne das Phänomen nicht auf den „Osten“ reduziert werden, sondern finde sich auch in den alten Bundesländern wieder. Zudem blende der Fokus auf extrem rechte Protest-Akteur*innen die vielfältigen Zusammenschlüsse zwischen Rechtsextremen und Bürger*innen aus der sogenannten Mitte weitgehend aus.

In der Polarisierung zwischen Migrationsgegner*innen und Befürworter*innen aus der so genannten Mehrheitsgesellschaft geht die Mobilisierung der tatsächlich Betroffenen oftmals unter. Das Panel „‘Kein 10. Opfer!‘ Proteste von Geflüchteten, Migranten und Neuen Deutschen“ lenkte den Blick auf Formen (prekären) Protests im Einwanderungsland Deutschland. Elias Steinhilper (ipb und Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) plädierte zunächst dafür, die Großkategorie „migrantischer Protest“ zu entpacken und nahm anschließend eine konzeptionelle und empirische Verortung des Gegenstands vor. Er zeigte die theoretischen und praktischen Herausforderungen in der Mobilisierung von Nicht-Bürger*innen auf, die oftmals ganz fundamental um das Arendt‘sche „Recht, Rechte zu haben“ ringen müssten und zusätzlich mit einem erschwertem Zugang zu Ressourcen, stigmatisierenden Diskursen und fragmentierten (nationalen und ethnischen) Identitäten konfrontiert seien. Vor diesem Hintergrund zeigte er auf, dass Menschen mit Migrationsgeschichte trotz aller realen Herausforderungen Protest organisieren und sich ein Repertoire migrantischen Protests herausgebildet hat. Hier knüpfte Ilker Ataç (Hochschule RheinMain) an und führte am Beispiel der Proteste von Asylsuchenden aus, welche relationalen und expressiven Effekte Hungerstreiks, Märsche und autonome Protestcamps zeitigen. Durch die Bewegung aus der Isolation vieler Sammelunterkünfte in zentrale Lagen würden protestierende Asylsuchende nicht nur einen expressiven Akt der Selbstermächtigung und des Sichtbarwerdens vollziehen, sondern gleichzeitig Zugang zu Ressourcen und Netzwerken realisieren, die für eine längerfristige Mobilisierung unabdingbar seien. In der anschließenden lebhaften Diskussion weitete sich der Blick in Richtung „post-migrantischer“ Allianzen, d. h. auf die Frage, in welchem Verhältnis migrantische und nicht-migrantische Mobilisierungen im kollektiven Ringen um Teilhabe in pluralen Gesellschaften stehen.

Polizei und Protest

Gleich mehrere Panels der Tagung widmeten sich der Rolle der Polizei und dem polizeilichen Umgang mit Protest. Immer wieder trafen dabei konträre Sichtweisen aufeinander, nicht zuletzt von Polizist*innen auf der einen Seite und den Akteur*innen von Protest, die zahlreich vertreten waren, auf der anderen – alle geprägt auch von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Mehr oder weniger dazwischen befanden sich die Expert*innen aus der Protest- und Polizeiforschung, die teilweise kritische Blicke auf aktuelle Entwicklungen warfen und die Versammlungsfreiheit unter dem Druck autoritärer Entwicklungen bedroht sehen. Der Berliner TU- und ipb-Forscher Peter Ullrich demonstrierte am Fall Hamburg, dass unerklärte Ausnahmezustände wie bei den G20-Protesten 2017 trotz lokaler Sonderbedingungen auch als Zukunftsszenario andernorts drohen könnten. Andere, darunter Hartmut Aden (Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin), mahnten zumindest Verbesserungen an – sowohl im teils nicht mehr zeitgemäßen Versammlungsrecht als auch in manchen grundrechtlich problematischen Praxen der Polizei. Denn, so Aden, beide orientierten sich an überkommenen Vorstellungen zentral organisierter Märsche, die wenig mit der Form des aktuellen, vielfältigen Protestgeschehens zu tun hätten.

Einen ähnlichen Grundton verband die Diskussionen mit Christoph Kopke (Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin) und Kai Seidenstricker (Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des LKA NRW) zu Feindbildern zwischen Polizist*innen und Demonstrierenden sowie im Panel „Wieso Weshalb Warum? Eskalationen bei Protesten“: Immer wieder ging es um Möglichkeiten der Deeskalation und Konfliktminimierung, also auch um die Suche nach diesem oder jenem Fehlgriff und wie dieser in Zukunft zu vermeiden sei. Verbreitet war in dieser (optimistischen) und dialogischen Perspektive die Idee, durch bessere Kommunikation, gemeinsame Workshops oder politische Bildung eine Verbesserung des Verhältnisses Demonstrierende/Polizei zu erzielen. Einige Diskutierende kritisierten diesen Zugang zum Thema, da es eine „Kuschelrock-Atmosphäre“ verbreite und so tatsächliche Antagonismen und strukturelle Ungleichheiten zwischen beiden Akteuren verschwänden.

Schluss

In den lebhaften Diskussionen wurden die verschiedenen Perspektiven und Erkenntnisse immer wieder für die Interpretation aktueller Protestbewegungen herangezogen. Dabei ist kaum eine Bewegung derzeit präsenter als FridaysForFuture. Sei es zur Frage erfolgreichen Framings, zu der nach der sozio-strukturellen Basis der Proteste, der Frage von Erfolg und Misserfolg oder der nach der Vergleichbarkeit mit ihren historischen Vorläufern – immer wieder kamen die Diskussionen auf diesen neuen Akteur der Klimabewegung zurück.

So war es nur folgerichtig, dass die Tagung mit einem Blick auf Schüler*innenproteste, insbesondere die FridaysForFuture-Proteste, und damit die unmittelbare Gegenwart und Zukunft von Protest in Deutschland endete. Die stellvertretende hessische Landeschulsprecherin, Lou-Marleen Apphuhn relativierte die zuvor allgemein attestierte These einer zunehmenden Akzeptanz von Protest am Beispiel der jüngsten Klimaproteste der Schüler*innen. Vielmehr zeigten herablassende Reaktionen der Politik und die Debatte um das Schulschwänzen, dass ihr Protest noch immer nicht als ernstzunehmende Form der politischen Intervention anerkannt würde. Die weitere Diskussion mit den FridaysForFuture-Aktivist*innen offenbarte indes ein hohes Maß an Professionalität, Motivation und strategischer Weitsicht der Bewegung, sodass auch den eher skeptischen Betrachter*innen zum Ende klar wurde: Mit kraftvollen Protesten der Jugend ist auch in Zukunft zu rechnen.

 

Foto: BrThomas, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21189318

Public Panel Discussion: The Present and Futures of Digital Activism

22.10.2019

Public Panel Discussion: What You See Is What You Get? The Present and Futures of Digital Activism

November 15, 2019 – 19.00h. TU Berlin, Hauptgebäude, H1012 Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin

Moderation: Thorsten Thiel (Weizenbaum Institute)
with Anastasia Kavada (University of Westminster, London), Nhi Le (Freelance journalist and speaker, Leipzig), Peter Ullrich (Technische Universität Berlin, IPB)

Participation is free and open to the public. No registration required. The discussion is held in English.

Digital platforms provide a common user interface for contemporary forms of political protest and resistance. Protest movements organize and mobilize via these interfaces, whereas media activists and online subcultures aim to impact public discourses through hashtags and visual strategies. Still, new pathways to visibility of protest are accompanied by an ecosystem of opaque selection mechanisms, content moderation policies and a battle over attention. While national and transnational regulations reinforce the communicative power of digital platforms, below the interface, private-public surveillance endangers free speech and privacy. In digitalized societies what we see may thus not always be what we get. Collective action and digital communication infrastructures rather tend to form a relationship of tension. The panel discussion aims to uncover current perils and future possibilities of digital activism through bringing together knowledge from the academia and practitioners alike.

Part of the Annual Conference for Social Movement Studies (IPB): Social Movements in the Digital Age

Open Access Handbuch “Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen” erschienen

16.10.2019

Unser AK Poststrukturalistische Perspektiven hat ein Handbuch zu Poststrukturalistischen Perspektiven auf sozialen Bewegungen veröffentlicht. Die Sprecher*innen des AK, Judith Vey, Johanna Leinius und Ingmar Hagemann haben als Herausgeber*innen eine Vielzahl spannender empirischer Analysen über soziale Bewegungen in in der Tradition poststrukturalistischer und/oder postfundamentalistischer Ansätze zusammengebracht. Es bietet einen systematischen und vergleichenden Überblick und bietet so eine schnelle Orientierung.

Das Handbuch zeigt so die Vielfalt der Möglichkeiten auf, Protest und soziale Bewegungen aus einem gesellschaftstheoretisch inspirierten Blickwinkel heraus zu analysieren. Durch die poststrukturalistische Blickverschiebung radikaler Kontingenzakzeptanz werden neue Facetten von sozialen Bewegungen sicht- und analysierbar. Zugleich war es ein wichtiges Anliegen, diese oftmals komplexen Ansätze in konkrete Forschungspraxis zu übersetzen. Das Handbuch verbindet daher Theorie und Praxis: In allen Beiträgen sind die theoretischen Ansätze und Prämissen sowie deren Anwendung anhand eines oder mehrerer empirischer Beispiele dargestellt. Dieser Brückenschlag macht das Handbuch zu einer wertvollen Ressource für alle, die aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive verstehen wollen, wie soziale Bewegungen funktionieren und was diese über die Problemlagen unserer Gesellschaften aussagen können. Es eignet sich daher gleichermaßen für Studierende und Nachwuchsforscher*innen sowie etablierte Forscher*innen.

Das Handbuch ist bei Transcript erschienen und frei zum Download verfügbar.

Rezension: Grote/Wagemann (Hg.) – Social Movements and Organized Labour (2019)

26.08.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

 

Es folgt nun Susanne Pernicka mit einer Rezension zu Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour. London: Routledge. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Soziale Bewegungen und Gewerkschaften im Wechselspiel“ in Heft 2/2019 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

Der Herausgeberband „Social Movements and Organized Labour” von Jürgen R. Grote und Claudius Wagemann befasst sich mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften vor dem Hintergrund der jüngsten Finanz- und Eurokrisen sowie den Potenzialen und Hindernissen, die Kräfte dieser Akteure zu vereinigen und Allianzen zu schmieden. Der Band nimmt eine analytisch-empirisch originelle und zugleich normativ inspirierte Perspektive auf soziale Bewegungen und Gewerkschaften ein, zwei Gruppierungen, die von der akademischen Literatur üblicherweise getrennt voneinander behandelt werden. Die in dem Band entwickelte gemeinsame theoretische und empirische Betrachtung erlaubt nicht nur einen systematischen Vergleich von Strukturen, Strategien, Motiven und Werteordnungen der individuellen und kollektiven Akteure, sie legt auch den Blick frei auf verschiedene Formen der Kooperation zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, deren Hintergründe und Konsequenzen. Solche Allianzen, so die Herausgeber, könnten sich zu einer gesellschaftlichen Gegenbewegung im Sinne von Karl Polanyis „countermovement“ entwickeln und dazu beitragen, Liberalisierungen, Privatisierungen und Verelendungen weiter Teile der Bevölkerungen – zum Beispiel in Südeuropa – zu unterbrechen oder sogar rückgängig zu machen (vgl. vor allem den Beitrag von Sabrina Zajak in dem Band).

Spaltung überwinden

Neben der Einleitung und dem Schlusskapitel der Herausgeber enthält der Band fünf theoretische und vier empirische Beiträge zu Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, die vor dem Hintergrund der europäischen Krisenpolitik für einen Workshop im Jahr 2013 geschrieben und anschließend weiterentwickelt worden sind. In ihrem Einleitungskapitel entfalten die Herausgeber ihre analytische Leitdifferenz zwischen materiellen Interessen (‚interests‘) und immateriellen Anliegen (‚passions‘), um die Defizite und Desiderata der existierenden Literatur aufzuzeigen und ihre eigene Perspektive auf Gewerkschaften und soziale Bewegungen herauszuarbeiten.

In der Literatur zur Politischen Ökonomie und Politischen Theorie demokratischer Gesellschaften würden, erstens, Verfallsprozesse gesellschaftlicher Strukturen, wie Fragmentierung, Individualisierung und Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen, abnehmendes Vertrauen in politische Institutionen und soziale Schließungsprozesse zugunsten kleiner politischer und ökonomischer Eliten, überbetont, während den kollektiven Organisierungspotenzialen, Bedürfnissen und Interessen jener Gruppen, die am meisten unter diesen Entwicklungen leiden, wenig bis gar keine Beachtung geschenkt werde. Zweitens verorten die Herausgeber eine anhaltende wechselseitige Ignoranz der beiden Literaturstränge, die sich explizit mit Gewerkschaften und (neuen) sozialen Bewegungen auseinandersetzen, namentlich die Industriellen Beziehungen und gewerkschaftliche Revitalisierungsforschung einerseits und die soziale Bewegungsforschung andererseits. Anstatt die Voraussetzungen und Kapazitäten für gemeinsames kollektives Handeln herauszuarbeiten und den Blick für ein möglicherweise entstehendes neues „politisches Subjekt“ zu schärfen, dominiert in jener Literatur, die sich überhaupt für beide genannten Akteure zugleich öffnet, eine instrumentelle Perspektive: Soziale Bewegungen erweitern die gewerkschaftliche Fokussierung auf materielle Interessen um immaterielle Anliegen der sozialen Bewegungen und würden dadurch ihre Attraktivität erhöhen. Soziale Bewegungen erhielten durch Kooperationen mit Gewerkschaften zusätzliche Ressourcen und würden dadurch schlagkräftiger werden. Drittens, und an den vorherigen Kritikpunkt anschließend, werden Akteure häufig implizit oder explizit einer Seite der genannten Dichotomie von materiellen Klasseninteressen auf Seite der Gewerkschaften und immateriellen Anliegen wie etwa Anerkennung, Authentizität, Identität, Nachhaltigkeit, auf Seite der soziale Bewegungen zugeordnet. Diese in der Literatur behauptete Spaltung der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen würde sich mitnichten aus einer weiteren empirischen Perspektive auf die zunehmende Auflösung traditioneller „cleavages“ zwischen gesellschaftlichen Klassen, Schichten und Gruppen, deren sozioökonomische Situationen, Normen, Werte, Weltbilder und Verhaltensweisen sowie aktuell beobachtbaren Allianzen zwischen verschieden orientierten Gruppierungen bestätigen.

Neue Konfliktlinien

Während die von den AutorInnen des Bandes vorgeschlagene konzeptionelle Öffnung (vgl. vor allem die Beiträge von Mario Dani und Amanda Tattersall) ein besseres Verständnis für neue übergreifende materielle und postmaterielle Konfliktlinien, Identitäten und deren mögliche Politisierung durch Gewerkschaften und soziale Bewegungen erlaubt, legt sie allerdings eine weitere theoretische Schwachstelle offen. Die Frage, ob und warum sich gesellschaftliche Gegenbewegungen zur neoliberalen Marktdominanz als progressive, an inklusive Solidaritäten anknüpfende Bewegungen oder als reaktionäre, nationalistische Gruppierungen formieren, bleibt von den etablierten sozialwissenschaftlichen Makrotheorien ebenso unbeantwortet, wie die Frage, welche Faktoren zu einer Radikalisierung dieser Bewegungen in linksextreme oder rechtsextreme, xenophobe Formen beitragen. Einige Erklärungsansätze finden sich in den der Einleitung durch die Herausgeber folgenden, theoretischen Kapiteln des Bandes, in denen Theorien und Konzepte der Gewerkschafts- und der sozialen Bewegungsforschung diskutiert werden.

Andy Mathers, Martin Upchurch und Graham Taylor, beispielsweise, liefern mit ihrer Aussicht auf eine radikal-politische Gewerkschaftsbewegung („radical political unionism“, RPU) einige Anhaltspunkte und Erklärungen für die Radikalisierung strategischer Gewerkschaftspolitik. Die Autoren konstatieren einen Zusammenhang zwischen De-Institutionalisierungsprozessen wohlfahrtsstaatlicher Arrangements in Westeuropa, die zu einer Schwächung des Nexus zwischen sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften geführt haben einerseits und der gewerkschaftlichen Reorientierung und teilweise Restrukturierung in Richtung soziale Bewegungen andererseits (vgl. auch Taipa und Alberti in dem Band). Beispielhaft werden die beiden Eisenbahnergewerkschaften in Großbritannien und Frankreich, RMT „railworkers‘ union“ und SUD-Rail, angeführt, deren Mitglieder sich durch eine zunehmend militante Zurückweisung neoliberaler Orthodoxie charakterisieren lassen. Beide Gewerkschaften orientieren sich stärker in Richtung ihrer Mitglieder und haben sich für niederschwellige Diskussionsprozesse und Bewegungsformen geöffnet. In beiden Fällen identifizieren die Autoren einen Linksruck der Gewerkschaften und eine Öffnung gegenüber sozialen Bewegungen, wie etwa ATTAC oder Vereinigungen für arbeitslose und obdachlose Menschen. Wie nachhaltig solche Entwicklungen radikal-politischer Gewerkschaften sind und ob sie einen dauerhaften Bruch mit der traditionell sozialdemokratischen Gewerkschaftsform bedeuten, bleibt allerdings offen.

Reaktionen auf Austeritätspolitik

Die empirischen Beiträge zu Spanien (von Holm-Köhler, José Pablo und Calleja Jiménez), Portugal (von Hermes Augusto Costa und Elisio Estanque), Italien (Alice Mattoni) und Griechenland (Markos Vogiatzoglou) in dem Sammelband geben spannende und tiefe Einblicke in die gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Reaktionen auf die Krisen- und Austeritätspolitiken der nationalen, supranationalen und internationalen Akteure  wie zum Beispiel der Troika, bestehend aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, und zu einem geringeren Anteil zu den Verflechtungen zwischen den genannten Akteuren und politischen Parteien. Der empirische Fokus auf eine Auswahl südeuropäischer Länder wird methodisch nachvollziehbar auf die vergleichsweise verheerenden Auswirkungen der Krise(n) und Krisenpolitiken für die hiesigen Bevölkerungen begründet. Vereinzelte Verweise auf westmitteleuropäische Länder, die USA oder Australien machen aber deutlich, dass die neoliberale Politik auch in diesen Ländern zu einer Verschärfung der Spaltungen zwischen verschiedenen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt und zwischen diesen und den „Abgehängten“ ohne Aussicht auf eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt geführt hat. Die Fragen nach der Nachhaltigkeit von Allianzen zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, den politischen und gesellschaftlichen Orientierungen (kosmopolitische Öffnung versus nationalistische und gruppenspezifische Schließungen) sowie deren Effekten bleiben aber letztlich offen und können durch den Verweis auf Polanyis „Pendel“ zwischen ökonomischer Liberalisierung und protektionistischer Gegenbewegung kaum zufriedenstellend beantwortet werden.

Wie die Herausgeber des Sammelbandes in den Schlussfolgerungen betonen, handelt es sich bei der aktuellen Phase des Neoliberalismus um eine seit mehreren Dekaden andauernde Bewegung von oben, die ungeachtet der Finanz- und Eurokrise(n) ihre hegemoniale Stellung kaum eingebüßt und bestehende Spaltungen und Konflikte zwischen und innerhalb von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Parteien stark vergrößert hat. Um diese Entwicklungen zu verstehen, verweisen die AutorInnen dieses Bandes zu Recht auf die Notwendigkeit der konzeptionellen Öffnung und der gemeinsamen Analyse von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, ein Unterfangen, das mit dem Band jedenfalls sehr gut gelungen ist. Für ein umfassendes Verständnis des Wechselspiels zwischen den Bewegungen von unten und oben wird neben der Analyse des Zusammenspiels von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen aber der Stellenwert von Parteien, der Wissenschaft (insbesondere der wirtschaftswissenschaftlichen Orthodoxie) und weiterer gesellschaftlicher Felder zu berücksichtigen sein.

 

Foto: AFGE @Flickr Creative Commons 2.0

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Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat eine ausführliche kommentierte Linkliste zur deutschen Bewegungsforschung zusammengestellt: http://protestinstitut.eu/uber-das-institut/ressourcen/

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