Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung

Subscribe to Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung feed Feed | Institut für Protest- und Bewegungsforschung
Updated: 5 hours 58 min ago

Rezension: Grote/Wagemann (Hg.) – Social Movements and Organized Labour (2019)

26.08.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

 

Es folgt nun Susanne Pernicka mit einer Rezension zu Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour. London: Routledge. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Soziale Bewegungen und Gewerkschaften im Wechselspiel“ in Heft 2/2019 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

Der Herausgeberband „Social Movements and Organized Labour” von Jürgen R. Grote und Claudius Wagemann befasst sich mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften vor dem Hintergrund der jüngsten Finanz- und Eurokrisen sowie den Potenzialen und Hindernissen, die Kräfte dieser Akteure zu vereinigen und Allianzen zu schmieden. Der Band nimmt eine analytisch-empirisch originelle und zugleich normativ inspirierte Perspektive auf soziale Bewegungen und Gewerkschaften ein, zwei Gruppierungen, die von der akademischen Literatur üblicherweise getrennt voneinander behandelt werden. Die in dem Band entwickelte gemeinsame theoretische und empirische Betrachtung erlaubt nicht nur einen systematischen Vergleich von Strukturen, Strategien, Motiven und Werteordnungen der individuellen und kollektiven Akteure, sie legt auch den Blick frei auf verschiedene Formen der Kooperation zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, deren Hintergründe und Konsequenzen. Solche Allianzen, so die Herausgeber, könnten sich zu einer gesellschaftlichen Gegenbewegung im Sinne von Karl Polanyis „countermovement“ entwickeln und dazu beitragen, Liberalisierungen, Privatisierungen und Verelendungen weiter Teile der Bevölkerungen – zum Beispiel in Südeuropa – zu unterbrechen oder sogar rückgängig zu machen (vgl. vor allem den Beitrag von Sabrina Zajak in dem Band).

Spaltung überwinden

Neben der Einleitung und dem Schlusskapitel der Herausgeber enthält der Band fünf theoretische und vier empirische Beiträge zu Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, die vor dem Hintergrund der europäischen Krisenpolitik für einen Workshop im Jahr 2013 geschrieben und anschließend weiterentwickelt worden sind. In ihrem Einleitungskapitel entfalten die Herausgeber ihre analytische Leitdifferenz zwischen materiellen Interessen (‚interests‘) und immateriellen Anliegen (‚passions‘), um die Defizite und Desiderata der existierenden Literatur aufzuzeigen und ihre eigene Perspektive auf Gewerkschaften und soziale Bewegungen herauszuarbeiten.

In der Literatur zur Politischen Ökonomie und Politischen Theorie demokratischer Gesellschaften würden, erstens, Verfallsprozesse gesellschaftlicher Strukturen, wie Fragmentierung, Individualisierung und Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen, abnehmendes Vertrauen in politische Institutionen und soziale Schließungsprozesse zugunsten kleiner politischer und ökonomischer Eliten, überbetont, während den kollektiven Organisierungspotenzialen, Bedürfnissen und Interessen jener Gruppen, die am meisten unter diesen Entwicklungen leiden, wenig bis gar keine Beachtung geschenkt werde. Zweitens verorten die Herausgeber eine anhaltende wechselseitige Ignoranz der beiden Literaturstränge, die sich explizit mit Gewerkschaften und (neuen) sozialen Bewegungen auseinandersetzen, namentlich die Industriellen Beziehungen und gewerkschaftliche Revitalisierungsforschung einerseits und die soziale Bewegungsforschung andererseits. Anstatt die Voraussetzungen und Kapazitäten für gemeinsames kollektives Handeln herauszuarbeiten und den Blick für ein möglicherweise entstehendes neues „politisches Subjekt“ zu schärfen, dominiert in jener Literatur, die sich überhaupt für beide genannten Akteure zugleich öffnet, eine instrumentelle Perspektive: Soziale Bewegungen erweitern die gewerkschaftliche Fokussierung auf materielle Interessen um immaterielle Anliegen der sozialen Bewegungen und würden dadurch ihre Attraktivität erhöhen. Soziale Bewegungen erhielten durch Kooperationen mit Gewerkschaften zusätzliche Ressourcen und würden dadurch schlagkräftiger werden. Drittens, und an den vorherigen Kritikpunkt anschließend, werden Akteure häufig implizit oder explizit einer Seite der genannten Dichotomie von materiellen Klasseninteressen auf Seite der Gewerkschaften und immateriellen Anliegen wie etwa Anerkennung, Authentizität, Identität, Nachhaltigkeit, auf Seite der soziale Bewegungen zugeordnet. Diese in der Literatur behauptete Spaltung der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen würde sich mitnichten aus einer weiteren empirischen Perspektive auf die zunehmende Auflösung traditioneller „cleavages“ zwischen gesellschaftlichen Klassen, Schichten und Gruppen, deren sozioökonomische Situationen, Normen, Werte, Weltbilder und Verhaltensweisen sowie aktuell beobachtbaren Allianzen zwischen verschieden orientierten Gruppierungen bestätigen.

Neue Konfliktlinien

Während die von den AutorInnen des Bandes vorgeschlagene konzeptionelle Öffnung (vgl. vor allem die Beiträge von Mario Dani und Amanda Tattersall) ein besseres Verständnis für neue übergreifende materielle und postmaterielle Konfliktlinien, Identitäten und deren mögliche Politisierung durch Gewerkschaften und soziale Bewegungen erlaubt, legt sie allerdings eine weitere theoretische Schwachstelle offen. Die Frage, ob und warum sich gesellschaftliche Gegenbewegungen zur neoliberalen Marktdominanz als progressive, an inklusive Solidaritäten anknüpfende Bewegungen oder als reaktionäre, nationalistische Gruppierungen formieren, bleibt von den etablierten sozialwissenschaftlichen Makrotheorien ebenso unbeantwortet, wie die Frage, welche Faktoren zu einer Radikalisierung dieser Bewegungen in linksextreme oder rechtsextreme, xenophobe Formen beitragen. Einige Erklärungsansätze finden sich in den der Einleitung durch die Herausgeber folgenden, theoretischen Kapiteln des Bandes, in denen Theorien und Konzepte der Gewerkschafts- und der sozialen Bewegungsforschung diskutiert werden.

Andy Mathers, Martin Upchurch und Graham Taylor, beispielsweise, liefern mit ihrer Aussicht auf eine radikal-politische Gewerkschaftsbewegung („radical political unionism“, RPU) einige Anhaltspunkte und Erklärungen für die Radikalisierung strategischer Gewerkschaftspolitik. Die Autoren konstatieren einen Zusammenhang zwischen De-Institutionalisierungsprozessen wohlfahrtsstaatlicher Arrangements in Westeuropa, die zu einer Schwächung des Nexus zwischen sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften geführt haben einerseits und der gewerkschaftlichen Reorientierung und teilweise Restrukturierung in Richtung soziale Bewegungen andererseits (vgl. auch Taipa und Alberti in dem Band). Beispielhaft werden die beiden Eisenbahnergewerkschaften in Großbritannien und Frankreich, RMT „railworkers‘ union“ und SUD-Rail, angeführt, deren Mitglieder sich durch eine zunehmend militante Zurückweisung neoliberaler Orthodoxie charakterisieren lassen. Beide Gewerkschaften orientieren sich stärker in Richtung ihrer Mitglieder und haben sich für niederschwellige Diskussionsprozesse und Bewegungsformen geöffnet. In beiden Fällen identifizieren die Autoren einen Linksruck der Gewerkschaften und eine Öffnung gegenüber sozialen Bewegungen, wie etwa ATTAC oder Vereinigungen für arbeitslose und obdachlose Menschen. Wie nachhaltig solche Entwicklungen radikal-politischer Gewerkschaften sind und ob sie einen dauerhaften Bruch mit der traditionell sozialdemokratischen Gewerkschaftsform bedeuten, bleibt allerdings offen.

Reaktionen auf Austeritätspolitik

Die empirischen Beiträge zu Spanien (von Holm-Köhler, José Pablo und Calleja Jiménez), Portugal (von Hermes Augusto Costa und Elisio Estanque), Italien (Alice Mattoni) und Griechenland (Markos Vogiatzoglou) in dem Sammelband geben spannende und tiefe Einblicke in die gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Reaktionen auf die Krisen- und Austeritätspolitiken der nationalen, supranationalen und internationalen Akteure  wie zum Beispiel der Troika, bestehend aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, und zu einem geringeren Anteil zu den Verflechtungen zwischen den genannten Akteuren und politischen Parteien. Der empirische Fokus auf eine Auswahl südeuropäischer Länder wird methodisch nachvollziehbar auf die vergleichsweise verheerenden Auswirkungen der Krise(n) und Krisenpolitiken für die hiesigen Bevölkerungen begründet. Vereinzelte Verweise auf westmitteleuropäische Länder, die USA oder Australien machen aber deutlich, dass die neoliberale Politik auch in diesen Ländern zu einer Verschärfung der Spaltungen zwischen verschiedenen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt und zwischen diesen und den „Abgehängten“ ohne Aussicht auf eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt geführt hat. Die Fragen nach der Nachhaltigkeit von Allianzen zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, den politischen und gesellschaftlichen Orientierungen (kosmopolitische Öffnung versus nationalistische und gruppenspezifische Schließungen) sowie deren Effekten bleiben aber letztlich offen und können durch den Verweis auf Polanyis „Pendel“ zwischen ökonomischer Liberalisierung und protektionistischer Gegenbewegung kaum zufriedenstellend beantwortet werden.

Wie die Herausgeber des Sammelbandes in den Schlussfolgerungen betonen, handelt es sich bei der aktuellen Phase des Neoliberalismus um eine seit mehreren Dekaden andauernde Bewegung von oben, die ungeachtet der Finanz- und Eurokrise(n) ihre hegemoniale Stellung kaum eingebüßt und bestehende Spaltungen und Konflikte zwischen und innerhalb von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Parteien stark vergrößert hat. Um diese Entwicklungen zu verstehen, verweisen die AutorInnen dieses Bandes zu Recht auf die Notwendigkeit der konzeptionellen Öffnung und der gemeinsamen Analyse von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, ein Unterfangen, das mit dem Band jedenfalls sehr gut gelungen ist. Für ein umfassendes Verständnis des Wechselspiels zwischen den Bewegungen von unten und oben wird neben der Analyse des Zusammenspiels von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen aber der Stellenwert von Parteien, der Wissenschaft (insbesondere der wirtschaftswissenschaftlichen Orthodoxie) und weiterer gesellschaftlicher Felder zu berücksichtigen sein.

 

Foto: AFGE @Flickr Creative Commons 2.0

Ein Jahr Fridays for Future – ipb working paper erschienen

19.08.2019

Das ipb working paper II.2019 ist erschienen:

Moritz Sommer, Dieter Rucht, Sebastian Haunss und Sabrina Zajak: Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland

Download (PDF, 2MB)

Am Freitag, den 20. August 2018 protestierte Greta Thunberg zum ersten Mal mit ihrem „Schulstreik für das Klima“-Schild vor dem schwedischen Parlament. Ein Jahr später ist Fridays for Future zu einer globalen Kampagne herangewachsen, die auch in Deutschland hunderttausende für eine Wende in der Klimapolitik auf die Straße bringt. Nach wie vor bestimmen die jugendlichen Protestierenden die mediale, politische und gesellschaftliche Debatte. Wie ist dieser Erfolg zu erklären? Wer sind die Protestierenden? Was denken sie über den Klimawandel und welche Lösungsansätze verfolgen sie?

Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren, haben sich Forscher*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 an einer europaweiten Befragung der globalen Klimademonstrationen beteiligt. Für die deutsche Teilstudie fanden die Befragungen in Berlin und Bremen statt. Auf dieser Basis legen die Autor*innen Moritz Sommer, Dieter Rucht, Sebastian Haunss und Sabrina Zajak heute die erste umfassende, deutschsprachige Studie vor, die von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung finanziert wurde.

Wesentliche Ergebnisse sind:

  • Die FFF-Proteste werden von jungen, gut gebildeten Menschen und überraschend stark von jungen Frauen getragen. Viele der demonstrierenden Schüler*innen, von denen sich die Mehrheit im linken Spektrum verortet, demonstrierten am 15. März zum ersten Mal.
  • Bei der Mobilisierung zum Protest waren direkte persönliche Kontakte mit Freund*innen und Bekannten noch wichtiger als digitale soziale Medien.
  • Die Demonstrierenden wollen die Politik unter Druck setzen, klimapolitische Versprechen einzulösen. Vor allem die jungen Demonstrierenden sind aber auch davon überzeugt, dass eine Veränderung der Lebensweise und des Konsums einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leistet.
  • Die Demonstrierenden sind keineswegs hoffnungslos, sondern vielmehr handlungsbereit, politisiert und zuversichtlich, dass ihr Protest Veränderungen hervorrufen kann.
  • Über die Hälfte der Schülerinnen geben an, dass Greta Thunberg ihr Interesse am Klimawandel verstärkt hat.
  • Im europäischen Vergleich ist die Kampagne sowohl hinsichtlich der Zusammensetzung der Teilnehmer*innen als auch in der Einschätzung von Lösungswegen heterogener als der gemeinsame Rahmen vermuten lässt.

Die Studie Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland von Moritz Sommer, Dieter Rucht, Sebastian Haunss und Sabrina Zajak ist als ipb working paper erschienen und steht hier als Download zur Verfügung.

Übersicht der ipb working papers

Informationen zur Studie auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung

Informationen zur Studie auf der Website der Otto Brenner Stiftung

Gemeinsame Pressemitteilung

Kontakt: info@protestinstitut.eu, +49 (0)30-55573279

 

Foto: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (II.2019)

12.08.2019
Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 138 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Baringhorst, Sigrid, Noortje Marres, Elizabeth Shove, und Volker Wulf. 2019. „How Are Infrastructures and Publics Related and Why Should We Care? An Email Conversation“. In Infrastructuring Publics, herausgegeben von Matthias Korn, Wolfgang Reißmann, Tobias Röhl, und David Sittler, 69–86. Medien der Kooperation. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Buzogány, Aron, und Daniel Mikecz. 2019. „Country Report: Austria“. In Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays for Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European Cities, herausgegeben von Mattias Wahlström, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, und Joost de Moor, 90–98. Online.

Davies, Stephen, Piotr Kocyba, Małgorzata Łukianow, und Viktoriia Muliavka. 2019. „Country Report: Poland“. In Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays for Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European Cities, herausgegeben von Mattias Wahlström, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, und Joost de Moor, 81–89. Online.

Eschert, Silke, und Bernd Simon. 2019. „Respect and Political Disagreement: Can Intergroup Respect Reduce the Biased Evaluation of Outgroup Arguments?“ Herausgegeben von Rick K. Wilson. PLOS ONE 14 (3): e0211556.

Geißel, Brigitte, Anna Krämling, und Lars Paulus. 2019. „It Depends…Different Direct Democratic Instruments and Equality in Europe from 1990 to 2015“. Politics and Governance 7 (2): 365–79.

Grimm, Jannis. 2019. “Egypt is not for sale! Harnessing nationalism for alliance building in Egypt’s Tiran and Sanafir island protests”. Mediterranean Politics 24 (4): 443-366.

Grimm, Jannis, und Merin Abbass. 2019. “Wenn die Waffen sprechen. Ursachen, Auslöser und Folgen des Bürgerkriegs in Libyen”. FES Analyse. Online

Haunss, Sebastian, Dieter Rucht, Moritz Sommer, und Sabrina Zajak. 2019. „Country Report: Germany“. In Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays for Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European Cities, herausgegeben von Mattias Wahlström, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, und Joost de Moor, 68–80. Online.

Leidinger, Christiane, und Heike Radvan. 2019. „Anti-Feminist and Familyist Positions in Gender and Sexual Politics: Right-Wing Populist Challenges for Social Work“. In Stifled Progress – International Perspectives on Social Work and Social Policy in the Era of Right-Wing Populism, herausgegeben von Kerry Dunn und Jörg Fischer, 115–32. Verlag Barbara Budrich.

Porta, Donatella della. 2019. „Deconstructing Generations in Movements: Introduction“. American Behavioral Scientist, Februar.

Porta, Donatella della. 2019. „Time Intensification in Revolutionary Dynamics“. In The Russian Revolution as Ideal and Practice: Failures, Legacies, and the Future of Revolution, herausgegeben von Thomas Telios, Dieter Thomä, und Ulrich Schmid, 261–81. Critical Political Theory and Radical Practice. Cham: Springer International Publishing

Porta, Donatella della, und Anna Subirats. 2019. „Urban Social Movements“. In The Wiley Blackwell Encyclopedia of Urban and Regional Studies, herausgegeben von Anthony Orum, Anthony, 1–7. Wiley.

Richter, Christoph, und Matthias Quent. 2019. „Democracy Under Stress: Right-Wing Success at the German Parliamentary Elections: Socio-Economic and Political-Cultural Influences“. In Stifled Progress – International Perspectives on Social Work and Social Policy in the Era of Right-Wing Populism, herausgegeben von Kerry Dunn und Jörg Fischer, 41–58. Verlag Barbara Budrich.

Stuppert, Wolfgang. 2019. Political Mobilizations and Democratization in Sub-Saharan Africa. Advances in African Economic, Social and Political Development. Springer International Publishing.

Ullrich, Peter. 2019. „In Itself, But Not Yet For Itself – Organising the New Academic Precariat“. In The Radical Left in Europe. Rediscovering Hope. Transform! Yearbook 2019, herausgegeben von Walter Baier, Eric Canepa, und Haris Golemis, 155–66. London: Merlin Press. Online.

Valentim, Vicente, und Britta Baumgarten. 2019. „Media coverage beyond visibility: the case of the portuguese anti-austerity protests“. Mobilization: An International Quarterly 24 (1): 39–58.

Virchow, Fabian. 2019. „Globalization, Crisis, and Right-Wing Populism in Context“. In Stifled Progress – International Perspectives on Social Work and Social Policy in the Era of Right-Wing Populism, herausgegeben von Kerry Dunn und Jörg Fischer, 59–70. Verlag Barbara Budrich.

Wahlström, Mattias, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, und Joost de Moor, Hrsg. 2019. Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays for Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European CitiesOnline.

Wahlström, Mattias, Moritz Sommer, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, Joost de Moor, und Stephen Davies. 2019. „Fridays For Future: A New Generation of Climate Activism“. In Protest for a Future: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays for Future Climate Protests on 15 March, 2019 in 13 European Cities, herausgegeben von Mattias Wahlström, Piotr Kocyba, Michiel de Vydt, und Joost de Moor, 5–17. Online.

 

Call for Papers: Social Movements and Civil Society in Central and Eastern Europe

22.07.2019

Social Movements and Civil Society in Central and Eastern Europe. Historical Legacy and Current Trends, International Conference, Warsaw, 12. / 13. October 2019

Download Call for Papers (pdf, 1 MB)

Social movements and civil-society activism have a long tradition in Central and Eastern Europe (CEE). The best example is Solidarność, which can be considered one of Europe’s most influential modern social movements. Despite the important impact that impressive mass mobilization – not only in Poland – had on the end of Communism, since the collapse of the Communist regime, civil societies in CEE have been considered lethargic. There is a smaller number of NGOs than in the so-called Western societies and they have attracted few members. Furthermore, general opinion polls show a population that is reluctant to engage either socially or in nonconventional political activities. However, it has become increasingly clear in recent years that this commonsense perspective on the passivity of civil societies in CEE does not provide a complete picture. This is particularly true when politically controversial decisions lead to mass mobilization on the streets. We could point out here the demonstrations against corruption in Bucharest in January 2017, or the Budapest demonstrations against the closing of the Central European University in April 2017. We could also refer to the anti-government demonstrations that followed the change of government in Poland in 2015. Last but not least, students in East Central Europe also took part in the Fridays for Future demonstrations on a large scale. These are only the most visible signs of recent activism. In the so-called ‘transformation societies’, there are many people involved in activism at the local level and often in informal contexts. However, due to a lack of formal legal organization or simply because of their (right-wing, conservative) political orientation, they have rarely been taken into consideration (such as the PiS-affiliated Kluby Gazety Polskiej or the FIDESZ-affiliated Polgárikörök).

The conference aims to take a closer look at these phenomenona and to offer different empirical perspectives (based on narrative interviews, protest surveys, protest event analysis etc.), not only beyond progressive and formalized movements but also to uncover little explored lines of development, as well as fractures in the engagement of social activism in CEE.

The conference will focus mainly on the specificity of social movements and civil societies in post-communist Europe and address, among others, the following questions:

  • What role do historical legacies play for current activism in CEE?
  • How and why does civic activism differ in CEE from that in Western Europe?
  • What role do social movements play for the quality of democracy in CEE?
  • How are they intertwined with illiberal tendencies?
  • What kind of imageries and visual representations do certain movements use?
  • How do social movements mobilize people for their aims?
  • What methodological challenges do we encounter in CEE?

Potential contributions can include all kinds of activism (progressive and regressive). We welcome researchers from the social sciences, political science, history, cultural studies and related fields.

The conference will take place in collaboration with the Institute of Philosophy and Sociology of the Polish Academy of Sciences (IFiS PAN), the Graduate School for Social Research (GSSR), the Expert Commission for Economic and Social Studies of the Herder Research Council, the Institute for Social Movement Studies (ipb), and the Chair for Central and Eastern European Studies (TU Chemnitz). The language of the conference is English.

Abstracts should not exceed 250 words and should be submitted by August 15th to:
socialmovementsCEE(at)gmail.com

Due to the generous funding of the Herder Research Council and the Chair for Central and Eastern European Studies, we are able to offer accommodation for a limited number of participants. Should you be interested in funding, please inform us in your application.

Conference organizers:
Piotr Kocyba , Małgorzata Łukianow
Institute of Philosophy and Sociology of the Polish Academy of Sciences & TU Chemnitz

Photo: Iga Lubczańska (cc by 2.0 via Flickr)

Zur Re-Dynamisierung migrationsbezogener Bewegungsforschung

15.07.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Elias Steinhilper erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 2, S. 301-310. Elias Steinhilper ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und Mitbegründer des AK Migration (Arbeitstitel). 

Infolge der rasant gestiegenen Aufmerksamkeit für Migration und Flucht in Deutschland seit spätestens Sommer 2015 erlebte auch die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex eine Hochkonjunktur: unzählige Forschungsprojekte sind angelaufen, Professuren geschaffen und neue Institute[i] gegründet worden (Braun et al. 2018). Allein für den Bereich der Fluchtforschung schätzt Olaf Kleist (2018), dass sich die Zahl neu begonnener Projekte zwischen 2013 und 2016 verfünffacht hat. Auch der Themenkomplex soziale Bewegungen und Migration erfährt angesichts einer signifikanten Zunahme von migrationsbezogenen Protestereignissen (Rucht 2018) und neu aufgelegter Förderlinien[ii] an der Schnittstelle von Migration und Zivilgesellschaft eine neue Dynamik, nachdem das Feld jahrelang relativ wenig bearbeitet wurde und disziplinär fragmentiert blieb. Das neu entfachte Interesse betrifft das gesamte Spektrum migrationsbezogener Bewegungen, das heißt politische Mobilisierungen gegen, für und von Migrant*innen.

Hochkonjunkturen im wissenschaftlichen Betrieb bringen Licht- und Schattenseiten mit sich (vgl. Grimm 2018; Teune/Ullrich 2018) und damit den Bedarf nach (inter-)disziplinärer Metareflexion über die Entwicklung des Feldes jenseits des volatilen Tagesgeschäfts. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen hier als Anstoß einige theoretische, ethische und methodische Fragen skizziert werden.

Theoretischer Brückenschlag

Migrationsbezogene Bewegungsforschung ist in Deutschland keineswegs neu. Besonders in den 1990er Jahren erlebte das Feld – nicht zuletzt als Reaktion auf die hitzigen Debatten um Fluchtmigration, die Erosion des Asylrechts durch den sogenannten Asylkompromiss 1993 und eine Serie rassistischer Pogrome – ein erstes Hoch. Dabei wurden zunächst primär Mobilisierungen gegen Menschen mit Migrationsgeschichte in den Blick genommen (Thränhardt 1995; Koopmans/Rucht 1996; Koopmans 1998). In der Folgezeit befasste sich das Projekt MERCI (‚Mobilisation on Ethnic Relations, Citizenship and Immigration’) als eines der ersten ländervergleichenden Großprojekte mit politischen und diskursiven Gelegenheitsstrukturen für politische Mobilisierung anhand das Themas Migration, wodurch auch einige Beiträge zu Deutschland entstanden (Koopmans/Statham 1999b, 1999a; Koopmans et al. 2005).

Studien zu politischen Mobilisierung von Migrant*innen blieben dagegen lange die absolute Ausnahme (Koopmans 2004), bzw. hatten Überblickscharakter (Rucht/Heitmeyer 2008). Dies lag unter anderem an der Fokussierung der Bewegungsforschung auf interne Ressourcen und (offene) Gelegenheitsstrukturen, wonach Migrant*innen als gesellschaftlich und diskursiv marginalisierte Akteure als ‚unwahrscheinliche‘ Subjekte politischer Mobilisierung galten. Während das Interesse am Thema Migration in der deutschen Bewegungsforschung in der Folgezeit überschaubar blieb, entstand in der Kritischen Migrationsforschung (auch bezeichnet als Kritische Grenzregimeforschung) hingegen ein umfassender Kanon zu Widerstand und Protest von und in Solidarität mit Migrant*innen (Forschungsgruppe Transit Migration 2008; Hess and Kasparek 2010).

Ein Dialog zwischen diesen beiden Disziplinen blieb jedoch mit wenigen Ausnahmen (z.B. Schwenken 2006) lange Zeit aus. Während die Bewegungsforschung von den Debatten der kritischen Migrationsforschung wenig Notiz nahm, wurden umgekehrt bisweilen große Vorbehalte deutlich (Stierl 2012). Anders als die stark strukturalistisch geprägten (dominanten) Bewegungstheorien betonte die Kritische Migrationsforschung die Agency von Migrant*innen und die sozial-transformative Kraft („Autonomie“) von Wanderungsbewegungen. Durch diese Linse wird das bewusste hinwegsetzen über restriktive Grenzpolitiken als Ausdruck politischen Handelns mit Protestcharakter, und damit Migration gewissermaßen selbst als soziale Bewegung verstanden (Atac, Rygiel and Stierl, 2017). Dies schärft auch den Blick für unsichtbare widerständige Alltagspraktiken, die als „social non-movements“ in der Bewegungsforschung nur marginal beforscht werden (Bayat 2013). Anders als die migrationsbezogene Bewegungsforschung, welche sich aufgrund ihrer Fokussierung auf Proteste öffentlich sichtbare Mobilisierungen also stark an gesellschaftlichen Konjunkturen orientierte (und dafür kritisiert wurde), erlaubte ein breiterer Fokus auf (widerständige) Handlungsmacht in der Kritischen Migrationsforschung sich kontinuierlicher mit dem Themenkomplex Migration auseinanderzusetzen.

Nach einer langen Phase disziplinärer Fragmentierung, erfuhr das Themenfeld in den letzten Jahren allerdings eine Re-Dynamisierung und Diversifizierung, die alle Bereiche – Mobilisierungen gegen, für und von Migrant*innen erfasste – und sich an zentralen Ereignissen rekonstruieren lässt: Im Frühjahr 2012 erreichten selbst-organisierte Proteste von Geflüchteten in Deutschland eine beispiellose Größe und Aufmerksamkeit (Jakob 2016). Ausgehend von einem in Würzburg gestartetem Protestmarsch waren eine Vielzahl dezentraler Protestcamps von Asylsuchenden anschließend auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg zusammengeführt worden. Das Protestcamp in der Hauptstadt mit zeitweise mehreren hundert Protestierenden stieß nicht nur eine gesellschaftliche Debatte zu Rechten von Asylsuchenden an, sondern spiegelte sich auch in zahlreichen sozialwissenschaftlichen Beiträgen wieder (Borri/Fontanari 2014; Glöde/Böhlo 2015; Wilcke/Lambert 2015). Ab Herbst 2014 richtete sich der Blick angesichts der wöchentlichen Aufmärsche der rechtsnationalen, anti-muslimischen Pegida-Bewegung verstärkt auf rechte Mobilisierungen. Der Brückenschlag verschiedener Milieus inklusive neonazistischer Kader sowie regelmäßige Großproteste verstärkten das Interesse der Bewegungsforschung am Rechtsradikalismus, der bis dato primär in der Parteien- oder Radikalisierungsforschung behandelt worden war (Rucht 2014, 2018; Daphi et al. 2015). Schließlich entstanden nach der Massenmobilisierung von Zehntausenden im ‚langen Sommer der Migration‘ 2015 unzählige Beiträge zum Thema, die analog zur selbst sehr heterogenen „Bewegung der Flüchtlingshilfe“ (Karakayali/Kleist 2016) von klassischer Engagement- bis zur Bewegungsforschung reichten (Lewicki et al. 2016; Fleischmann/Steinhilper 2017; Kleres 2018).

Der Boom, der seit 2012 und nochmals verstärkt seit 2015 in Deutschland einsetzte, hat auch neue theoretische Brückenschläge zwischen beiden Disziplinen begünstigt (Atac et al. 2017; della Porta 2018; Rosenberger et al. 2018). Das ist schon allein  deshalb zu begrüßen, weil sich die Literaturen bestens ergänzen und in Kombination ihre jeweiligen Blindstellen reduzieren. Mittlerweile sind einige (Nachwuchs-)Forschende in disziplinären Netzwerken beider Strömungen aktiv. Dazu versuchen dezidiert integrative Arbeitskreise im Netzwerk Fluchtforschung[iii] und im Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb)[iv] eine Plattform zu schaffen, um den zaghaften Austausch nachhaltig produktiv zu gestalten, der im Zuge des Wachstums und der zunehmenden Vielfalt des Feldes möglich und nötig geworden ist. Auch mit Hinblick auf rechte Protestmobilisierungen wurde am ipb ein Arbeitskreis[v] geschaffen, um den Austausch zwischen Rechtsextremismus- und Bewegungsforschung zu fördern. Neben dem Bedarf nach theoretischer Reflektion und interdisziplinärem Austausch hat das neu entfachte Interesse aber auch ethische und methodische Fragen aufgeworfen.

Ethische Herausforderungen

Unweigerlich stellen sich im Beforschen politisierter und bisweilen kriminalisierter Bewegungsakteur*innen ethische Fragen, die um die Themen Kontrollwissen, Repräsentation und Ausbeutung knapper Ressourcen kreisen (Gillan/Pickerill 2012). Allerdings verschärfen sich diese in der Forschung zu marginalisierten Migrant*innen, die oftmals über keinen sicheren Aufenthaltsstatus verfügen und Erfahrungen der Gewalt, Diskriminierung und/oder Bevormundung mitbringen. Wie sich diese Fragen konkret manifestieren, zeigte sich beispielsweise im Kontext der oben erwähnten Geflüchtetenbewegung am Berliner Oranienplatz: Die immense Popularität und Sichtbarkeit der Bewegung machte die überschaubare Anzahl ihrer Protagonist*innen zur favorisierten ‚Datenquelle‘ unzähliger Forschungsprojekte – von Grundstudiums-Hausarbeiten bis Doktorarbeiten. Während jahrzehntelange Proteste zumeist unsichtbar blieben, und wenn überhaupt von Personen beforscht wurden, die sich sowohl im aktivistischen als auch im akademischen Milieu verorteten, hat die derzeitige Themenkonjunktur das Feld verändert. Die fraglos überwiegend gut gemeinten Projekte wurden zunehmend zur Belastung für die Protestierenden selbst und infolgedessen in post-kolonialer Tradition von den Beforschten kritisch hinterfragt. Aktivist*innen erlebten viele Forschungsprojekte als unkritisch gegenüber wissenschaftlichen Privilegien, einseitig in ihrem Nutzen für die Forschenden und am Ende kontraproduktiv für die Bewegung selbst, da sie deren ohnehin knappe Ressourcen banden. In Reaktion darauf findet sich mittlerweile auf der Internetseite www.o-platz.net, die aus dem Protestcamp in Kreuzberg hervorging und weiterhin Informationen zu selbst-organisierten migrantischen Kämpfen bündelt, ein expliziter Hinweis: Forschende, die Aktivist*innen interviewen möchten, mögen doch bitte vorab ihre eigene gesellschaftliche Position reflektieren, und darüber nachdenken, in welcher Form die Geflüchtetenbewegung und die einzelnen Aktivist*innen von der Interaktion profitieren könnten.[vi] Diese Kritik an den Forschungspraktiken, die sich im Feld der migrationsbezogenen Bewegungsforschung etabliert haben, schließt dabei auch an die Auseinandersetzung um humanitäre Hilfe an, die Abhängigkeiten und Hierarchien reproduzieren, anstatt sie abzubauen (Fleischmann/Steinhilper 2017; Painemal/Bahar 2017).

Es geht hier keineswegs darum, mit dem Finger auf Forschende zu zeigen, sondern darum, deutlich zu machen, dass das Feld in Deutschland jung ist und dringender Bedarf nach Austausch, Reflektion und spezifischer Qualifizierungen besteht, in deren Kontext unter anderem aus dem Erfahrungsschatz der Kritischen Migrationsforschung geschöpft werden kann. Eine Initiative des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung brachte bereits 2015 Forschende aus der Bewegungs- und Migrationsforschung in einem Workshop zusammen, um über ethische Fragen, inklusive des Verhältnisses zwischen Aktivismus und Forschung  nachzudenken.[vii] Infolgedessen streben einige Projekte in der Tradition der Partizipativen und/oder Aktionsforschung eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe an und dekonstruieren bewusst die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aktivismus (z.B. Dilger et al. 2016). Auch für Forschende, die aus epistemologischen Erwägungen eine Distanz zwischen Forscher*in und Beforschten für unerlässlich erachten, wurde angesichts des selbstbewussten Auftretens migrantischer Aktivist*innen deutlich, dass forschungsethische Fragen und Verhandlungen über Positionalität, Repräsentation und Schutz der Beforschten Kern der Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen und migrantischen Aktivist*innen im Forschungsprozess sein müssen. Das gilt genauso in Kontexten, in denen die Protagonist*innen dies nicht von sich aus aktiv einfordern und liegt in der Verantwortung der Forschenden, den Zugang zum Feld umsichtig und verantwortlich auszuhandeln. Fragen des Feldzugang stellen auch die Forschung zu anti-migrantischen Mobilisierungen vor Herausforderungen, die jedoch anders als in Studien zu subalternen migrantischen Akteuren nicht ethischer, sondern primär methodischer Natur sind. Rechte Mobilisierungen haben die empirische Protestforschung bisweilen ans „Limit“ geführt (Daphi et al. 2015). Oftmals bleibt Forschenden hier aufgrund des verschlossenen Zugangs gar keine andere Möglichkeit, als sich völkischen, rassistischen und/oder fremdenfeindlichen Bewegungsmilieus auch (oder ausschließlich) durch die Analyse vom Online-Strategien und Interaktionen zu nähern (Berntzen/Weisskircher 2016; Fielitz/Thurston 2018). Insofern hat auch hier angesichts konkreter Herausforderungen, ein Nachdenken über methodische Innovation eingesetzt.

Methodische Pluralisierung

Infolge des Wachstums an Beiträgen zu migrationsbezogenen Sozialen Bewegungen beginnt sich das Feld methodisch zu diversifizieren. Während die ersten Studien zu migrantischen Protesten nach 2012 ausschließlich auf qualitativen Fallstudien basierten, entstanden im Zuge der sogenannten ‚Willkommenskultur‘ zahlreiche quantitative, Umfragen-basierte Beiträge, die jedoch stärker in der Engagement- als in der Bewegungsforschung verortet waren. An die Ursprünge der dezidiert quantitativ-vergleichenden migrationsbezogenen Bewegungsforschung zu Deutschland (z.B. Koopmans 2004), wird erst kürzlich wieder angeknüpft. Das liegt unter anderem daran, dass seit 2015 deutlich mehr Forschungsmittel bereitgestellt wurden, um kostenintensive vergleichende Projekte mit quantitativer Methodologie zu stemmen. Bereits vor dem Boom 2015 leistete in dieser Hinsicht das trinationale Projekt ‚Taking Sides‘ zu Protesten gegen Abschiebungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Pionierarbeit.[viii]

Mittlerweile widmen sich unter anderem die Projekte ‚Agonistic Encounters‘[ix] und ‚Teilhabekonflikte[x] der vergleichenden quantitativen (Protestereignis-)Analyse von migrationsbezogenen Protesten auf nationaler und lokaler Ebene in Deutschland. Diese neue Generation an Projekten kombiniert zunehmend quantitative und qualitative Methoden, um zusätzlich zu einem makroskopischen Überblick, auch lokale Dynamiken und Konstellationen von Protest gegen, für und von Migrant*innen in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus wurde ein erster Versuch von Protestbefragungen auf diversen, auch stark migrantisch geprägten Demonstrationen unternommen (Zajak/Steinhilper 2019): Bei der Befragung der „Welcome United“ Demonstration im Herbst 2018 in Hamburg wurde unmissverständlich deutlich, dass die standardisierten Instrumentarien der Bewegungsforschung bislang erstens von privilegierten Protestierenden mit Staatsbürger*innenrechten ausgehen und zweitens kaum in der Lage sind, transnationale (Protest-)Biographien zu erfassen. Nur durch einen vertieften Austausch zwischen Protest- und Migrationsforschung und methodische Pluralisierung wird es gelingen, das Zusammenspiel von Transnationalismus und Protest besser zu verstehen und die komplexen kollektiven Dynamiken und individuellen Motivationen differenziert sichtbar zu machen (vgl. Steinhilper, 2018). Derzeit läuft mit ‚MOBILISE‘(„Determinants of Mobilization at Home and Abroad“) ein in dieser Hinsicht vielversprechendes Projekt mit qualitativen und quantitativen Komponenten an.[xi]

Vom Hype zur Konsolidierung

Der Boom der letzten Jahre hat das Forschungsfeld bereichert und neu belebt. Dennoch wirkt die lange Zeit stiefväterliche (und disziplinär fragmentierte) Behandlung des Themenfelds nach. So bleibt unverändert ein immenser Nachholbedarf was die ethische Reflektion, interdisziplinäre Befruchtung und methodische Auffächerung anbelangt. Es bleibt also trotz des Wachstums im Forschungsfeld viel zu tun, um Raum für komplementäre oder auch produktiv konkurrierende methodische und theoretische Perspektiven zu schaffen. Obwohl viele Ressourcen in eine teilweise neue Forschungsinfrastruktur geflossen sind, muss davon ausgegangen werden, dass der Boom nachlässt, wenn die temporären Förderquellen versiegen. Diejenigen, die aus intrinsischem Interesse weiter zum Thema arbeiten, werden gut daran tun, die Kräfte zu bündeln. Nur durch interdisziplinären Dialog, forschungsethische Reflexivität und Methodenpluralismus kann der temporäre Boom produktiv genutzt werden – und bleibt kein konjunkturell bedingtes Strohfeuer.

Literatur

Atac, Ilker/Rygiel, Kim/Stierl, Maurice (Hg.) 2017: The Contentious Politics of Refugee and Migrant Protest and Solidarity Movements. Remaking Citizenship from the Margins. Basingstoke: Routledge.

Bayat, Asef 2013: Life as Politics: How Ordinary People Change the Middle East. Stanford: Stanford University Press.

Berntzen, Lars-Erik/Weisskircher, Manès 2016: Anti-Islamic PEGIDA Beyond Germany: Explaining Differences in Mobilisation. In: Journal of Intercultural Studies, Jg. 37, Heft 6, 556-573.

BMFSFJ 2018: Engagement in der Flüchtlingshilfe Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach. Berlin.

Borri, Giulia/Fontanari, Elena 2014: Lampedusa in Berlin: (Im)Mobilität innerhalb des europäischen Grenzregimes. In: Peripherie, Heft 138/139, 193-211.

Braun, Katharine/Georgi, Fabian/Matthies, Robert/Pagano, Simona/Rodatz, Matthias/Schwertl, Maria 2018: Umkämpfte Wissensproduktionen der Migration. In:Movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, Jg. 4, Heft 1, 9-27.

Daphi, Priska/Kocyba, Piotr/Neuber, Michael/Roose, Jochen/ Rucht, Dieter/Scholl, Franziska/ Sommer, Moritz/ Stuppert, Wolfgang/Zajak, Sabrina 2015: Protestforschung am Limit. Eine soziologische Annäherung an Pegida. Berlin: Institut für Protest- und Bewegungsforschung.

Dilger, Hansjörg/Dohrn, Kristina/International Women Space 2016: Living in Refugee camps in Berlin. Women’s Perspectives and Experiences. Berlin: Weißensee Verlag.

Fielitz, Maik/Thurston, Nick (Hg.) 2018: Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US. Bielefeld: Transcript.

Fleischmann, Larissa/Steinhilper, Elias 2017: The myth of apolitical volunteering for refugees. German welcome culture and a new dispositif of helping. In: Social Inclusion, Jg. 5, Heft 3, 17-27.

Forschungsgruppe Transit Migration (Hg.) 2008: Turbulente Ränder: Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld: Transcript.

Gillan, Kevin/Pickerill, Jenny 2012: The Difficult and Hopeful Ethics of Research on, and with, Social Movements. In: Social Movement Studies, Jg. 11, Heft 2, 133-143.

Glöde, Harald/Böhlo, Berenice 2015: Der Marsch der protestierenden Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin und ihr Protest bis heute. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 28, Heft 44, 75-87.

Grimm, Jannis 2018: Das Ende des „Arabischen Frühlings“ der Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3, 84-92.

Hess, Sabine/Kasparek, Bernd (Hg.) 2010: Grenzregime: Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa. Bielefeld: Transcript.

Jakob, Christian 2016: Die Bleibenden. Wie Flüchtlinge Deutschland seit 20 Jahren verändern. Berlin: Ch. Links Verlag.

Karakayali, Serhat/Kleist, Olaf 2016: EFA-Studie II. Strukturen und Motive der Ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland. Berlin: Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Kleist, Olaf 2018: Flucht- und Flüchtlingsforschung in Deutschland: Akteure, Themen und Strukturen. Osnabrück.

Kleres, Jochen 2018: Emotions in the Crisis: Mobilising for Refugees in Germany and Sweden. In: della Porta, Donatella (Hg.): Solidarity Mobilizations in the ‘Refugee Crisis’. Contentious Moves. Basingstoke: Palgrave, 209-241.

Koopmans, Ruud 1998: Rechtsextremismus, fremdenfeindliche Mobilisierung und Einwanderungspolitik. In: Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von Neuen sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus, 198-212.

Koopmans, Ruud 2004: Migrant mobilisation and political opportunities: variation among German cities and a comparison with the United Kingdom and the Netherlands. In: Journal of Ethnic and Migration Studies, Jg. 30, Heft 3, 449-470.

Koopmans, Ruud/Rucht, Dieter 1996: Rechtsradikalismus als soziale Bewegung? In: Politische Vierteljahresschrift, Heft 30, 265-287.

Koopmans, Ruud/Statham, Paul 1999: Challenging the Liberal Nation‐State? Postnationalism, Multiculturalism, and the Collective Claims Making of Migrants and Ethnic Minorities in Britain and Germany. In: American Journal of Sociology, Jg. 105, Heft 3, 652-696.

Koopmans, Ruud/Statham, Paul/Giugni, Marco/Passy, Florence 2005: Contested Citizenship. Immigration and Cultural Diversity in Europe. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Lewicki, Aleksandra/Schmidt, Gabriele/Sommer, Moritz (Hg.) 2016: Wer schafft das? Neue Akteurskonstellationen im Engagement für Geflüchtete. Oldenburg: De Gruyter.

Painemal, Llanquiray/Bahar, Adam 2016: Von der „Hilfe” zur „Solidarität”. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 3/2017, 88-91.

della Porta, Donatella (Hg.) 2018: Solidarity Mobilizations in the ‘Refugee Crisis’. Contentious Moves. London: Palgrave.

Rosenberger, Sieglinde/Stern, Verena/Merhaut, Nina (Hg.) 2018: Protest Movements in Asylum and Deportation. Cham: Springer.

Rucht, Dieter 2014: Pegida & Co . – Aufstieg und Fall eines populistischen Unternehmens. In: FES betrifft: Bürgergesellschaft, Heft 41.

Rucht, Dieter 2018: Mobilization Against Refugees and Asylum Seekers in Germany: A Social Movement Perspective. In: Sieglinde Rosenberger/Stern, Verena/Merhaut, Nina (Hg.): Protest Movements in Asylum and Deportation. Cham: Springer, 225-245.

Rucht, Dieter/Heitmeyer, Wilhem 2008: Mobilisierungen von und für Migranten. In Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Frankfurt: Campus, 573-592.

Schwenken, Helen 2006: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme. Politische Mobilisierungen um irreguläre Migration in die Europäische Union. Bielefeld: Transcript.

Steinhilper, Elias 2018: Mobilizing in transnational contentious spaces: linking relations, emotions and space in migrant activism. In: Social Movement Studies, Jg. 17, Heft 5, 574-591.

Stierl, Maurice 2012: “No One Is Illegal!” Resistance and the Politics of Discomfort. In: Globalizations, Jg. 9. Heft 3, 425-438.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischem Auftrag? In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1-2, 418-424.

Thränhardt, Dietrich 1995: The Political Uses of Xenophobia in England, France and Germany. In: Party Politics, Jg.1, Heft 3, 323-345.

Wilcke, Holger/Lambert, Laura 2015: Die Politik des O-Platzes. (Un-)Sichtbare Kämpfe einer Geflüchtetenbewegung. In: Movements – Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, Jg. 1, Heft 2, 1-23.

Zajak, Sabrina/Steinhilper, Elias 2019: Potential und Herausforderungen von Protestbefragungen in diversen Gesellschaften. In: ipb-Blog, https://protestinstitut.eu/protestbefragungen-in-diversen-gesellschaften/ [05.03.2019]

 

[i] Z.B. das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin, das Interdisziplinäre Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen und das als Netzwerk konzipierte Institut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt.

[ii] Siehe z.B. die Förderlinien des BMBF: https://www.bmbf.de/de/kulturelle-vielfalt-und-zivilgesellschaft-800.html

[iii] Informationen unter: https://fluechtlingsforschung.net/ak/soziale-bewegungen/

[iv] Informationen unter: https://protestinstitut.eu/uber-das-institut/arbeitskreise/ak-migration/

[v] Informationen unter: https://protestinstitut.eu/uber-das-institut/arbeitskreise/ak-rechte-protestmobilisierungen/

[vi] Zu finden unter: https://oplatz.net/contact/

[vii] Informationen unter: https://protestinstitut.eu/veranstaltungen_uberblick/workshop-refugee-mobilizations/

[viii] Informationen unter: https://www.imis.uni-osnabrueck.de/forschung/flucht_und_fluechtlinge/taking_sides.html

[ix] Informationen unter: http://forena.de/gif/

[x] Informationen unter: https://www.dezim-institut.de/das-dezim-institut/abteilung-konsens-konflikt/projekt-konflikte-um-gesellschaftliche-teilhabe-teilhabekonflikte/

[xi] Informationen unter: https://mobiliseproject.com/

 

Photo by Mika Baumeister on Unsplash

Fridays for Future – Zwischenbilanz eines Höhenflugs

15.07.2019

Der folgende Text von Dieter Rucht und Moritz Sommer erschien in einer redaktionell bearbeiteten und gekürzten Version in der Zeitschrift Internationale Politik in der Ausgabe Juli/August 2019. 

Fridays for Future (im Weiteren F4F) muss man nicht mehr vorstellen. Diese politische Kampagne ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Wie kann es sein, dass eine Gruppierung, die überwiegend von politisch wenig erfahrenen Schüler*innen getragen wird und in der schon länger bestehende Organisationen nur eine randständige Rolle einnehmen, binnen kurzer Zeit einen derart phänomenalen Aufstieg erlebt? Immerhin ist die Kampagne in vielen Ländern präsent und ihre Vertreter*innen – allen voran Greta Thunberg – sprechen auf nationalen und internationalen Konferenzen; sie vermag zu herausgehobenen Anlässen allein in Deutschland mehrere hunderttausend Teilnehmer*innen auf die Straße zu bringen; sie hat eine außerordentliche Medienpräsenz erlangt, ein sehr erfolgreiches Agenda-Setting betrieben und wird von einer breiten Welle der Sympathie getragen. F4F politisiert vor allem Teile der Jüngeren. Wahrscheinlich steigert ein derartiges Engagement in jungen Jahren das generelle Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen und wirkt sich auf das spätere Engagement aus (Oesterle et al. 2004). Ob F4F auch greifbare Resultate in der Klimaschutzpolitik erzielt, bleibt abzuwarten. Für die Protest- und Bewegungsforschung bietet die Kampagne insofern eine Herausforderung, als sich an diesem Fall die Tauglichkeit und die Grenzen gängiger Erklärungskonzepte kritisch überprüfen lassen.

Erklärungsversuche

Einzelne Politiker*innen und Journalist*innen haben meist ad hoc diverse Erklärungen für den kometenhaften Aufstieg der Kampagne angeboten. In diesem Zusammenhang werden vor allem fünf Faktoren genannt: (1) Greta Thunberg als ein Rollenmodell, (2) die Attraktivität des Protests als einer Sache von „Schulschwänzer*innen“, (3) die Anziehungskraft schlichter Forderungen an einen in seiner Komplexität schwer zu durchschauenden Politikbetrieb, (4) die Mobilisierungseffekte von auf digitaler Kommunikation beruhenden sozialen Netzwerken und (5) die Rolle von externen „Strippenzieher*innen“, welche die jungen und unbedarft erscheinenden Protestierenden vermeintlich manipulieren. Für jede dieser Deutungen ließen sich vereinzelte Belege beibringen. Allerdings, so unsere These, handelt es sich um Erklärungen, die, zumal wenn monokausal präsentiert, wenig erhellen und wichtige Faktoren außer Acht lassen. Demgegenüber betonen wir das Zusammenwirken von Faktorenbündeln, die sich nur teilweise mit den angedeuteten ad hoc-Erklärungen berühren. Dabei blicken wir in erster Linie auf den deutschen Fall.

Der vorhandene (Resonanz-) Boden

Die Klimapolitik als drängendes, aber politisch umstrittenes Feld wurde über die engeren wissenschaftlichen wie politischen Fachkreise hinaus immer mehr auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Dazu beigetragen haben Befunde und Warnungen des Weltklimarats und nationaler Forschungseinrichtungen, enttäuschte Erwartungen an frühere Klimakonferenzen (insbesondere Kopenhagen 2009), der globale Durchbruch auf der Pariser Klimakonferenz von 2015, aber auch die Leugnung des Klimawandels durch US-Präsident Trump und seine Entscheidung, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen – eine Position, die von mehreren rechtspopulistischen Parteien, so auch der AfD, geteilt wird. Damit wurde die öffentliche Aufmerksamkeit und der Streit um die Klimaproblematik zum Dauerbrenner.

Die Resonanz des Klimathemas in Deutschland verdankt sich auch dem Sachverhalt, dass hierzulande eine relativ starke, gut organisierte Ökologiebewegung besteht, die mit dem politisch beschlossenen und bis 2022 zu vollziehendem Ausstieg aus der Atomkraft eines ihrer zentralen Ziele erreicht hat und damit frei gewordene Energien im Sinne eines movement spillover (Meyer & Whittier 1994) auf ein anderes Terrain lenken konnte. Zusätzlich mobilisiert das Thema Klimaschutz aber auch politisch eher konservativ gestimmte Kräfte innerhalb wie außerhalb der Ökologiebewegung, für die sich eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten bietet, angefangen vom Artensterben bis zur Ausbreitung von Wüstengebieten.

Verstärkt wurde die Aufmerksamkeit für die Klimafrage durch den Streit um den weiteren Abbau von Braunkohle in den noch verbleibenden Tagebaustätten Deutschlands. Insbesondere der Konflikt um das Hambacher Kohlerevier entwickelte sich zum Brennpunkt, der in Verbindung mit Platzbesetzungen und Massendemonstrationen im Herbst 2018 bundesweite Aufmerksamkeit erregte. Ausgehend von diesem lokalen Konflikt mit seinem symbolträchtigen Kern, dem Kampf um die Erhaltung einer Waldfläche, ließ sich unschwer ein Bogen spannen zu Fragen der nationalen Energiepolitik und schließlich der globalen Klimaschutzpolitik. Es war dieser lokale Konfliktherd, der vermutlich zur Einsetzung der Kohlekommission durch die Bundesregierung und zu dem Beschluss beigetragen hat, bis 2038 auf den Energieträger Braunkohle zu verzichten. Zeitgleich zu diesen Vorgängen entwickelte sich, ausgehend vom sog. Dieselskandal, eine grundsätzliche Debatte um die künftige Verkehrspolitik, die Besteuerung unterschiedlicher Energieträger und die Förderung energietechnischer Innovationen, die ebenfalls Brückenschläge zur Klimaschutzpolitik und Klimabewegung erlaubte. Mit diesen Entwicklungen war insbesondere in Deutschland der Boden für eine Kampagne wie F4F bereitet. Für ihre ganz spezifische Form als einer primär von Schüler*innen getragenen Initiative bedurfte es freilich auch eines ganz spezifischen Auslösers.

Der Zünder Greta Thunberg

Der zunächst durchgängige, dann wöchentliche „Schulstreik“ der Schwedin Greta Thunberg war für die an „personal stories“ interessierten Massenmedien aus mehreren Gründen von großem Interesse. Zum ersten fand hier die Konstellation von David gegen Goliath einen sinnfälligen Ausdruck. Zum zweiten agierte Thunberg, wenngleich nicht ohne das Wohlwollen der Eltern, (zunächst) im Alleingang. Zum dritten erstaunte Thunberg durch die paradoxe Verbindung eines kindlichen Erscheinungsbildes mit einem selbstbewussten, aber keineswegs selbstverliebten Auftreten. Dem journalistischen Faszinosum Thunberg war somit bald internationale Aufmerksamkeit garantiert, wobei sich traditionelle und digitale soziale Medien wechselseitig verstärkten.

Ihre eigene Generation sprach Thunberg in einer dreifachen Rolle an: als eine verletzlich wirkende junge Person, als eine Schülerin, die sich ihrer bis zum 16. Lebensjahr geltenden Schulpflicht im Namen eines höheren, die gesamte Menschheit betreffenden Ziels demonstrativ verweigert, und als eine kompromisslose Mahnerin, die nicht nur den politischen und ökonomischen Eliten, sondern den Erwachsenen insgesamt ins Gewissen redet. Ihre medienwirksamen Auftritte hatten insofern eine motivierende Wirkung, als dass sie die Bedeutung jugendlichen Engagements auch für bisher wenig politisch interessierte Schüler*innen verdeutlichten. Damit konnte der von ihr ausgehende Funke vor allem auf Angehörige ihrer Generation überspringen, erfasste aber auch jenen Teil der Erwachsenen, die entweder ohnehin von der Notwendigkeit einer Klimaschutzpolitik überzeugt waren oder aber sich von Thunberg, die Handlungskonsequenz vorlebte und von anderen forderte, als Klimasünder ertappt fühlten.[1]

Die konkrete Zielsetzung

Für die verbal bekundete wie handlungspraktische Unterstützung von F4F war es hilfreich, dass die Kampagne von ihren Anfängen bis heute an ihrer relativ engen Zielsetzung, der Einhaltung des Pariser Abkommens zum Klimaschutz, festhielt. Im Unterschied zu vielen anderen Bewegungen widerstand die Kampagne damit der Versuchung, ihren Themen- und Zielkatalog durch immer weitere und grundsätzlichere Forderungen mit der Gefahr anzureichern, sich dabei zu verzetteln, weitere Akteure mit anderen Vorstellungen einbinden zu müssen und sich selbst durch ideologische Grundsatzdebatten, die oft zu internen Fraktionierungen führen, zu lähmen.

Ein weiterer Vorteil dieser Zielsetzung besteht darin, dass F4F nicht wie manch andere Protestbewegungen als Koalition der Neinsager – Niklas Luhmann sprach vom „Njet-Set“[2] – wahrgenommen wird, sondern in erster Linie auf der Einhaltung von Zielen beharrt, auf die sich die internationale Staatengemeinschaft bereits vertraglich verpflichtet hat.[3] Damit spielt sie den Ball den Entscheidungsträger*innen zu und offenbart deren mangelnde Handlungsbereitschaft in der Klimapolitik. Der ganz unbescheidene Gestus der „Rettung der Zukunft“, der alle Menschen adressiert, ist dabei verbunden mit der systemimmanent und pragmatisch erscheinenden Forderung, den Anstieg der Erderwärmung bis zu einem absehbaren Datum auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Wie das zu erfolgen hat, bleibt der Politik überlassen. Es handelt sich somit um ein weitgehend konsensträchtiges Anliegen, das in seiner Konkretion des Allgemeinen wenig Raum für bitteren Streit bietet. Insbesondere werden Fragen der politischen und ökonomischen Machtverteilung und der gesellschaftstheoretischen Rechtfertigung von partikularen und universellen Interessen ausklammert.

Effektive Organisationsstruktur

In organisatorischer Hinsicht entstand F4F gleichsam aus dem Nichts. Es gab keine bestehende Organisation oder gar ein Bündnis von solchen, die die Kampagne ins Leben gerufen hätte. Darin ähnelt F4F den Occupy-Bewegungen in einigen westlichen Ländern und auch Pulse of Europe. Anders als Occupy, das sich zumindest in Deutschland jeglicher Form der Organisation und Delegation kategorisch verweigerte (und mit aus diesem Grund keinen Bestand hatte; vgl. Rucht 2013), entwickelte F4F eine lockere und informelle Struktur und entsprach zudem dem Verlangen der Medien nach „Vertreter*innen“, „Sprecher*innen“ oder zumindest „Gesichtern“ der Bewegung. Das war für die öffentliche Präsenz der Initiative enorm hilfreich, sorgte aber auch für internen Konfliktstoff, da sich manche Aktivist*innen benachteiligt fühlten und Kritik daran laut wurde, dass immer derselbe kleine Kreis von Personen die Kampagne nach außen hin vertrat.[4]

Neben der aus wenigen Personen bestehenden Kerngruppe, die mit Luisa Neubauer immerhin eine organisationserfahrene Person aufweist, entstanden innerhalb des deutschen Netzwerks schon früh sich selbst rekrutierende und arbeitsteilig vorgehende Organisationsteams auf nationaler und teilweise auch auf lokaler Ebene. So bestehen beispielsweise Arbeitsgruppen für Auslandskontakte, Grundsatzdiskussionen, Medienarbeit und Strukturfragen. Diese Teams wie auch die Delegierten der inzwischen knapp 200 Ortsgruppen kommunizieren unter- und miteinander vorwiegend über das Medium WhatsApp und auch in Telefonkonferenzen, kommen fallweise aber auch direkt zusammen.

Auf Landes- und stärker noch auf Ortsebene bieten Organe und Strukturen der Schülermitverwaltung eine wichtige Rolle bei der Organisation, Entscheidungsfindung und Protestmobilisierung. Hier haben sich viele Schulsprecher*innen das Anliegen von F4F zu eigen gemacht und übernehmen Funktionen im Dienste der Kampagne.[5] Insoweit kann sich F4F zwar nicht auf thematisch einschlägige, aber eben auf an allen Schulen bestehende Strukturen stützen, die formal legitimierte und meist auch wortgewandte Vertreter*innen aufweisen. Ähnlich wie Fabriken und Universitäten sind Schulen „soziale Relais“ (Ohlemacher 1993), die sich als Orte täglicher Begegnung, des Gedanken- und Erfahrungsaustausches in hervorragender Weise auch für Zwecke der Protestmobilisierung eignen, allerdings kaum externe Gruppen einbeziehen.

Die Charakterisierung von F4F als einer sich selbst generierenden Bewegung von Schüler*innen hat also einen wahren Kern. Sie kommt auch den medialen Präsentationswünschen entgegen, die dieses Bild (über-)zeichnen, indem zum Beispiel auf Fotostrecken vorzugsweise sehr junge Schüler*innen gezeigt werden. Allerdings ergeben die von uns durchgeführten Befragungen und Beobachtungen ein differenziertes Bild hinsichtlich Altersstruktur der Beteiligten. Das Verhältnis von Schüler*innen und Erwachsenen war ungefähr ausgeglichen, wobei festzuhalten ist, dass wir aus forschungsethischen Gründen nur über 13-Jährige befragt haben. Während die Gruppe der 14-19Jährigen mit 52%, gefolgt von der Gruppe der 20-25Jährigen mit 19% am stärksten vertreten ist, war immerhin ein weiteres Fünftel mindestens 36 Jahre alt.

Das Bild einer vollständig selbstorganisierten Kampagne ist zumindest in Teilen auch insofern zu relativieren, als F4F in Deutschland von Anfang an eine logistische Unterstützung durch Organisationen wie Greenpeace, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und Campact fand. Diese waren jedoch strikt darauf bedacht, Zurückhaltung zu üben und die Selbststeuerung der Kampagne zu respektieren. Diese externe Hilfestellung hat zum Höhenflug der Kampagne beigetragen, aber daran, im Gegensatz etwa zur breiten und insgesamt wohlwollenden medialen Berichterstattung, keinen entscheidenden Anteil. Gleiches gilt wohl auch für die externen Anschlussinitiativen (Parents for Future, Scientists for Future, Entrepreneurs for Future etc.), für einzelne Firmen, die kostenlose Dienstleistungen für die Kampagne anboten und für prominente Einzelpersonen, die für die Kampagne eintraten.

Clevere Mobilisierungs- und Medienarbeit

Eine Teilerklärung für die mediale Sichtbarkeit und die F4F entgegen gebrachte mediale Sympathie liegt nicht nur in objektiv gegebenen Nachrichtenwerten, für die prototypisch die Berichterstattung über Greta Thunberg steht, sondern auch in einer insgesamt geschickten Mobilisierungs- und Medienarbeit. Ohne entsprechende logistische Vorleistungen und eine effektive Überzeugungskommunikation wäre es nicht möglich, Woche für Woche an vielen Orten viele Menschen auf die Beine zu bringen und zu Aktionstagen wie dem 15. März 2019 allein in Deutschland Hundertausende zu versammeln. F4F profitiert dabei von seinem jugendlichen Gepräge, aber auch von seiner pragmatischen Herangehensweise, bei der Improvisation gegenüber Perfektion den Vorrang hat. Vieles wird ad hoc, unter Zeitdruck und auf Zuruf geregelt und entschieden. In Abwesenheit formeller Zuständigkeiten treffen diejenigen die Entscheidungen, die viel Zeit investieren und sich, oft vermittelt durch mediale Zuschreibungen, bereits einen Namen gemacht haben.

Diese unabdingbare Organisationsarbeit hätte jedoch nur bescheidene Mobilisierungseffekte, würde sie nicht von wirkmächtigen Deutungsstrategien (framing, siehe Snow et al. 1986) begleitet, die wiederum positiv auf die Motivation der Organisator*innen und sonstigen freiwilligen Helfer*innen zurückwirken. Die Kampagne bietet einfache und resonanzfähige Elemente eines kompletten Framing-Pakets. Das prognostic framing beschwört die dramatischen Folgen eines irreversiblen Klimawandels, welcher einen Verlust einer gesicherten Zukunft mit sich bringen würde. Nichts weniger als das langfristige Überleben der Menschheit steht also auf dem Spiel. Das diagnostic framing richtet sich auf das Versagen gesellschaftlicher und insbesondere politischer Eliten, die – vor allem unter dem Druck mächtiger Wirtschaftsinteressen – das nötige Umsteuern vermissen lassen und nicht einmal bereit oder fähig sind, ihre eigenen, ohnehin nicht sehr weitreichenden Versprechen einzuhalten. Das motivational framing betont die eigene Rolle und Verantwortung, insbesondere die Rolle der jungen Generation, Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben, aber auch im alltäglichen Lebensstil und Konsumverhalten sich den Notwendigkeiten anzupassen.[6] Die Protestierenden von F4F sind weder resigniert noch politikverdrossen: Rund 60% der Befragten sind zuversichtlich, dass politische Entscheidungen den Klimawandel eindämmen können.

Es ist vor allem diese Mischung von Katastrophenszenario und Rettungsmission, die in den Aussagen von Vertreter*innen der Kampagne im Mittelpunkt steht und, angesichts der Vorhaltungen manch kritischer Kommentator*innen, die jenen u.a. Blauäugigkeit, mangelnden Sachverstand und die Ideologie eines „Kinderkreuzzugs“[7] vorwerfen, auch Allianzpartner auf den Plan ruft. Selten stieß eine regierungskritische Protestkampagne in Deutschland ein derart breites Wohlwollen; selten gelang es auch einer Protestkampagne, ihr Anliegen binnen kurzer Zeit auf den Spitzenplatz der im Hinblick auf eine anstehende Wahlentscheidung als wichtig erachteten Themen zu heben.[8]

Herausforderungen und Perspektiven

F4F steht trotz und wegen seiner Erfolge vor zahlreichen Herausforderungen, von denen eine, die Schwierigkeit, das Momentum auf Dauer zu stellen, wohl zentral sein dürfte. Wie kann es gelingen, den Druck aufrecht zu erhalten oder gar zu verstärken, um am Ende auch die geforderten politischen Maßnahmen zu erzwingen? Abgesehen von ihren Mobilisierungshöhepunkten am 15. März und am 24. Mai 2019 hat sich der auf den Straßen sichtbare Zulauf bereits abgeschwächt. Die Wiederholung des immer Gleichen wird diesen Trend verstärken. Die Steigerung des Konfliktniveaus durch Aktionen zivilen Ungehorsams, wie sie etwa die Gruppe Extinction Rebellion betreibt, birgt Chancen, aber auch Risiken wie strafrechtliche Verfolgung und ein Ende der breiten Sympathiewelle. Ein baldiges Verschwinden von F4F ist nicht wahrscheinlich. Ob es aber gelingt, der drohenden Auszehrung, Veralltäglichung und Konventionalisierung zu entgehen, ist fraglich bei einer Kampagne, die bei ihren bisherigen öffentlichen Auftritten vor allem vom Kapital ihrer Außeralltäglichkeit lebt.

Literatur

Meyer, David S. & Nancy Whittier (1994): Social Movement Spillover. Social Problems, Vol. 41 (2): 277–298,

Ohlemacher, Thomas (1993): Brücken der Mobilisierung. Soziale Relais und persönliche Netzwerke in Bürgerinitiaven gegen militärischen Tiefflug. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag

Oesterle, S., Johnson, M. K., & Mortimer, J. T. (2004). Volunteerism during the Transition to Adulthood: A Life Course Perspective. Social Forces, Vol. 82(3): 1123-1149.

Rucht, Dieter (2013): Aufstieg und Fall der Occupy-Bewegung. In: Karlheinz Sonntag (Hrsg.), E-Protest: neue soziale Bewegungen und Revolutionen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, S. 111-135

Snow, David A. et al. (1986): Frame Alignement Processes, Micromobilization, and Movement Participation. American Sociological Review 51 (4): 464-481.

 

[1] In einer Umfrage, die wir und zwei weitere Autor*innen im Rahmen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung auf den F4F-Demonstrationen am 15. März 2019 in Berlin und Bremen durchgeführt haben, gaben mehr als die Hälfte der befragten Schüler*innen (N=174) und immerhin auch rund 28% der befragten Erwachsenen an (N=178), Greta Thunberg habe ihr Interesse am Klimawandel verstärkt. Ein jeweils ähnlicher Anteil meinte, Thunberg habe die Entscheidung, am 15. März am Klimastreik teilzunehmen, ‚stark‘ oder ‚ziemlich stark‘ beeinflusst.

[3] In unserer Befragung gaben rund 90% der Befragten als zentrales Ziel der Demonstration an, Politiker*innen „unter Druck zu setzen etwas zu ändern“.

[5] Unter den Teilnehmer*innen unserer Demonstrationsbefragung gab fast jede*r fünfte Schüler*in an, aktives Mitglied einer Schülervertretung zu sein. Weitere 7% bezeichneten sich als passives Mitglied.

[6] 60% der befragten Schüler*innen stimmen der Aussage „Um den Klimawandel zu stoppen bedarf es in erster Linie freiwilliger Änderungen des individuellen Lebensstils“ zu.

[7] Siehe z.B. die Äußerungen von WELT-Herausgeber Stefan Aust: „Wie ein moderner Kinderkreuzzug“.

[8] https://www.tagesschau.de/inland/europatrend-101.html (Meldung vom 16.5.2019).

 

Fofo: FridaysForFuture Deutschland © Jörg Farys / WWF @Flickr (CC BY 2.0).

Das ipb in den Medien: Fridays for Future

09.07.2019

Seit Wochen bestimmen die Fridays for Future-Demonstrationen die Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit der Medien gilt insbesondere der ungewöhnlichen Aktionsform des Schulstreiks, dem Alter der Demonstrierenden und der Frage was diese vermeintlich neue Protestgeneration ausmacht. Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren und somit die oft von Mutmaßungen geprägte Debatte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterfüttern, hat das Institut für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 eine Befragung der Demonstrationen in Berlin und Bremen durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt. Unten findet sich eine Auswahl der Medienpräsenz von ipb-Mitgliedern sowie eine Übersicht der Resonanz zu unserer Studie.

ipb-Kollege Sebastian Haunss in den ARD-Tagesthemen, 15.3.2019

Vor dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

18.01.2019 – SZ: Auf die Straße statt in die Schule (Swen Hutter) 25.01.2019 – Krautreporter: Was die Klimaproteste bisher bewirkt haben (Sebastian Haunss) 31.01.2019 – Klimafakten.de: Schülerstreik #fridaysforfuture: Kommt jetzt die große Klimabewegung? (Dieter Rucht) 15.02.2019 – bento.de: So planen die Schülerinnen und Schüler den Mega-Schulstreik (Simon Teune) 18.02.2019 – FAZ: “Friss Tofu, Du Würstchen!” (Sabrina Zajak) 01.03.2019 – Deutschlandfunk Nova: Proteste brauchen keine Anführerin. Aber sie hilft (Simon Teune) 13.03.2019 – Zitty: Wir sind Greta. Klimakampf statt Klassenzimmer (Dieter Rucht) 14.03.2019 – dpa/Pforzheimer Zeitung: Fridays for Future: Ein Konflikt kommt auf die Straßen Stuttgarts – und Pforzheims (Simon Teune) 14.03.2019 – dpa/Ärzteblatt: Klimakrise: Gesundheitsallianz und Medizinstudierende unterstützen Schülerstreik (Simon Teune) 14.03.2019 – HR2 Der Tag: Schule schwänzen, Erde retten? Fridays for Future (Simon Teune) 15.03.2019 – ARD Tagesthemen: “Fridays for Future”. Schüler und Studenten protestieren weltweit (Sebastian Haunss) 15.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Warum kaum Studierende an den Klimaprotesten teilnehmen (Simon Teune) 18.03.2019 – taz: Anders als die anderen (Simon Teune) 19.03.2019 – Phoenix: Streiken statt Pauken. Schülerproteste für den Klimaschutz (Sabrina Zajak) 24.03.2019 – Der Freitag: Kein Fleisch für Niemand (Simon Teune) 25.03.2019 – Radio Bremen 2: Der Gorleben-Treck (Simon Teune)

Infografik auf Grundlage der ipb-befragung in der Süddeutschen Zeitung vom 30./31.3.2019

Nach dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

26.03.2019 – Klima der Gerechtigkeit: Fridays for Future – was wissen wir über diese neue Protestbewegung? (Studie allgemein) 26.03.2019 – jetzt.de: Wer sind die „Fridays For Future“-Aktivisten? (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Tagesspiegel: Wer die Generation „Fridays for Future“ ist (Studie allgemein) 26.03.2019 – Klimareporter: Klimastreikende fangen bei sich an (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – SWR: Das sind die jungen Menschen bei “Fridays for Future” (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – RND/Märkische Allgemeine/Oberhessische Presse: „Fridays for Future“-Studie: Sie sind jung und wollen was ändern (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – mdr: Neue Studie: Was steckt hinter den Fridays for Future-Demos? (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – ZEIT Online: Der Protest organisiert sich selbst (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Weiblich, links, umweltbewusst (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – domradio.de/epdWeit entfernt vom Schwänzen? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 27.03.2019 – Weserkurier: Bremer Schüler setzen sich auch im Alltag für die Umwelt ein (Studie allgemein) 27.03.2019 – taz: Schlaue linke Greta-Fans (Studie allgemein) 27.03.2019 – Buten un Binnen: Bremer Schüler würden für das Klima auf Konsum verzichten (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 27.03.2019 – heise.de: Schulstreiks – Wer sind die Schüler? (Studie allgemein) 28.03.2019 – DIE ZEIT: Klimaschutz als Klassenkampf (Studie allgemein) 28.03.2019 – ZDF Maischberger: Jugend demonstriert, Politik ignoriert (Studie allgemein) 28.03.2019 – DW: “Fridays for Future”: Schulschwänzer oder Retter des Klimas? (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 29.03.2019 – Neues Deutschland: Weiblich, jung, links (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – BR24: Fridays for Future: Wer demonstriert da eigentlich? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – ZEIT Online: Bei ihr sieht es einfach aus (Dieter Rucht) 29.03.2019 – SZ: Hinter den Transparenten (Studie allgemein) 30.03.2019 – Perspektive Online: Fridays for Future: Wer ist Teil der neuen Klimaprotestgeneration? (Studie allgemein) 03.04.2019 – Neue Westfälische: #FridaysForFuture: Grüne nehmen Laschet in die Pflicht (Studie allgemein) 04.04.2019 – NDR Info: Fridays for Future: Wo sind die Studenten? (Dieter Rucht und Simon Teune) 09.04.2019 – Deutschlandfunk: Konkrete Forderungen an Politik gestellt (Studie allgemein) 12.4.2019 – Kurt: Wo sind Dortmunds Studenten for Future? (Simon Teune) 19.4.2019 – ARD Bericht aus Berlin: Macht die Straße der Politik Beine? (Sabrina Zajak) 26.4.2019 – DW.com: Fridays for Future: ungemütlich politisch (Studie allgemein) 28.4.2019 – Tagesspiegel: Gehen Europa die Fans aus? (Dieter Rucht) 4.5.2019 – Deutschlandfunk Kultur: „Bewegungen sind im Grunde wie das kapitalistische System“ (Studie allgemein) 13.5.2019 – ARD Alpha / BR: Versammlungsfreiheit – Was bringt Demonstrieren?(Studie allgemein) 17.5.2019 – tagesschau.de: Warum ist die Bewegung so erfolgreich? (Sebastian Haunss) 22.5.2019 – Spektrum.de: Auf dem Weg zur ökologischen Bürgerrevolution? (Studie allgemein) 22.05.2019 – Stern: Luisa Neubauer, die Laut-Sprecherin bei “Fridays for Future” (Studie allgemein) 25.05.2019 – Welt.de: Die jungen Frauen und der Protest (Studie allgemein) 27.5.2019 – Pfälzischer Merkur: „Die Hartnäckigkeit des Protests unterschätzt“ (Studie allgemein, Dieter Rucht) 30.5.2019 – Jungle World: Heiße Luft für Lulu (Simon Teune) 31.5.2019 – Deutschlandfunk: Kampf gegen den Klimawandel. Wie politisch ist die Jugend heute? (Simon Teune) 06.06.2019 – Spektrum: »Protest wird erlernt« (Simon Teune, Studie allgemein) 07.06.2019 – Deutsche Welle: Deutschlands Jugend – politisch wie nie? (Studie allgemein) 09.06.2019 – DLF: Mit Greta Thunberg das Möglichkeitsfenster nutzen (Simon Teune) 10.06.2019 – NOZ: Warum “Fridays for Future” den Grünen auch schaden könnte (Moritz Sommer, Studie allgemein) 11.06.2019 – SWR2: Wenn Youtube rebellisch wird (Dieter Rucht) 12.06.2019 – FAZ: Klimaretten mit den Profis (Simon Teune) 18.06.2019 – taz: Zwei Demos, ein Ziel (Dieter Rucht) 18.06.2019 – L.I.S.A.: “Der Protest adressiert auch jeden Einzelnen” (Sabrina Zajak, Studie allgemein) 21.06.2019 – RBB: “Fridays for Future” demonstriert auch in den Schulferien (Simon Teune) 24.06.2019 – Jetzt.de: Wie geht es weiter mit „Fridays for Future“? (Moritz Sommer) 24.06.2019 – Perspective Daily: Wie geht es weiter nach 6 Monaten »Fridays for Future«? (Moritz Sommer) 30.06.2019 – SPON: Übersteht die Bewegung das Sommerloch? (Moritz Sommer) 05.07.2019 – SZ: Jung, ernsthaft und gar nicht strategisch (Sebastian Haunss) 15.07.2019 – Vice: Klimaprotest: Warum engagieren sich vor allem junge Frauen? (Moritz Sommer, Piotr Kocyba) 26.07.2019 – SZ: “Krank wichtig” (Studie allgemein) 26.07.2019 – MDR: Chemnitzer machen bei internationaler Studie zu “Fridays for Future” mit (Piotr Kocyba) 28.07.2019 – Deutschlandfunk: „Nicht zum Phänomen einer ganzen Generation ausrufen“ (Dieter Rucht) 29.07.2019 – Deutschlandfunk: „Der Vergleich mit den 68ern hinkt“ (Dieter Rucht) 29.07.2019 – SZ: Wie “Fridays for Future” sich professionalisiert (Moritz Sommer, Dieter Rucht)

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Rezension: Lessenich 2018 – Neben und die Sintflut & Brand/Wissen 2017 – Imperiale Lebensweise

08.07.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

 

Es folgt nun Fabian Flues mit einer Doppelrezension zu Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München: Piper Verlag und Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus. München: oekom verlag. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Alltag und Ausbeutung im Kapitalozän“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

 

Neben dem Dauerthema Flucht und Migration rückten im Jahr 2018 dank des extrem heißen Sommers, des Konflikts um den Hambacher Forst und des nicht enden wollenden Dieselskandals sozial-ökologische Themen wieder verstärkt in den öffentlichen Blickpunkt. So titelte der SPIEGEL: „Der Sommer, der nie endet: Wie der Klimawandel unser Leben verändert“. Und die ZEIT fragte besorgt: „Auto fahren ohne schlechtes Gewissen: Geht das?“.

Eine sozialwissenschaftlich fundierte Analyse globaler sozial-ökologischer Konflikte und insbesondere die Rolle des globalen Nordens in ihrem Entstehen versprechen die zwei Bücher, die hier rezensiert werden.

Der 2016 erschienene Band „Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben“ des an der LMU München lehrende Soziologe Stephan Lessenich wurde dieses Jahr in einer aktualisierten und überarbeiteten Neuauflage herausgeben. Lessenich analysiert darin die Funktionsweise der „Externalisierungsgesellschaft“, die sich nur auf Kosten und zulasten anderer zu stabilisieren und zu reproduzieren vermag. 2017 veröffentlichten die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen ihr Buch „Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“, das es sogar in die SPIEGEL-Bestsellerliste schaffte. Durch den Begriff der imperialen Lebensweise versuchen sie zu zeigen, wie „das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse anderorts ermöglicht wird“ (43).

Zunächst fallen die Gemeinsamkeiten der beiden Bücher in den Blick: Sie starten mit ähnlichen Prämissen, nämlich dass der Kapitalismus auf ein (im globalen Süden liegendes) Außen angewiesen sei, auf das negative ökologische und soziale Auswirkungen kapitalistischen Wirtschaftens verlagert werden können und dass diese Verlagerung aber immer schwieriger durchzuführen und zu verdrängen sei. Auf der Weltsystem-Theorie aufbauend richtet sich ihr Blick dabei vor allem auf die ökologischen Aspekte des Gegenwartskapitalismus und dessen Verankerung in den Alltagspraxen des globalen Nordens. Im Gegensatz zu der derzeit sehr beliebten Heranziehung einer neuen geologischen Epoche, des Anthropozän, und der damit einhergehenden Ansicht, die menschliche Natur sei der letztendliche Verursacher der ökologischen Krise, verortet ihre Analyse deren Kern im Kapitalismus; es handelt sich somit um zwei Erzählungen des Kapitalozän. Dabei nehmen diese positiv aufeinander und ihre jeweiligen Grundkonzepte – die Externalisierungsgesellschaft und die imperiale Lebensweise – Bezug; auch Analysen und Beispiele wie der Trend zum verbrauchsintensiven SUV (Sport Utility Vehicle) finden sich in beiden Büchern.

Der Komfort der Externalisierungsgesellschaft

Stephan Lessenich nimmt in seinem Buch sowohl den Wohlstand des globalen Nordens und seine „Verankerung in den Strukturen und Mechanismen kolonialer Herrschaft über den Rest der Welt“ (17) als auch die Verdrängung und Tilgung dieses Zustandes „aus den gesellschaftlichen Erzählungen individuellen und kollektiven ‚Erfolgs‘“ (17) ins Visier. Die Analyse dreht sich dabei um den Begriff der Externalisierung, also die Auslagerung bestimmter Effekte des eigenen Handelns oder Wirtschaftens. Diese Externalisierung, so Lessenich, ist dem Kapitalismus inhärent und betrifft sowohl die Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen als auch die Ausbeutung von menschlicher Arbeitskraft in kapitalistischen Produktionsverhältnissen.

Für Lessenich ist Externalisierung in westlichen Gesellschaften „gleichermaßen eine Struktur, ein Mechanismus und eine Praxis“ (50) geworden und drückt sich dementsprechend durch „Machtasymmetrien in der Weltgesellschaft“, einen „globalisierten Ausbeutungsmechanismus“ und in der Alltagspraxis als „Externalisierungshabitus“ aus. Diese Verankerung der Externalisierung in der Gesellschaft führt dazu, dass wir externalisieren, „weil wir es können“ und „weil wir nicht anders können“. Wie diese strukturellen Zwänge und Mechanismen konkret aussehen, versucht Lessenich in den folgenden Kapiteln zu untersuchen.

Ein Kapitel fokussiert sich dabei auf ungleiche Handelsbeziehungen zwischen Nord und Süd, ein weiteres auf das höchst diskriminierende globale Grenz- und Mobilitätsregime. Beide sind mit Beispielen gespickt, was für Anschaulichkeit und Verbindungen zum Alltagsleben sorgt. Insbesondere die Herausstellung der Widersprüche der normativen Rechtfertigungsmuster westlicher Gesellschaften, wenn es um die Verteilung von Lebenschancen durch Staatsangehörigkeit („Geburtsrechtslotterie“) geht, ist interessant, wenn auch sehr kurz gehalten. Angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels und der anhaltender Fluchtbewegungen glaubt Lessenich, dass sich der schöne Schein der Externalisierungsgesellschaft nicht viel länger aufrecht erhalten lässt. Was diese ersetzen und wie dies geschehen könnte, bleibt allerdings äußerst vage, etwa wenn Lessenich davon spricht, „das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojekts umzupolen.“

Leider fehlt es der mitunter auch polemischen Kritik der Externalisierungsgesellschaft teilweise an analytischer Tiefe und Differenziertheit. Wenn Lessenich die ökologisch verheerenden Soja-Monokulturen in Lateinamerika problematisiert, so fehlt ein Verweis auf die damit finanzierten Sozialprogramme ‑ und damit ein wichtiger Hinweis auf das Dilemma der Nutzung natürlicher Ressourcen, in dem sich auch (vermeintlich oder tatsächlich) progressive Regierungen im globalen Süden befinden. Auch die Betrachtung der Rolle Chinas und schnell wachsender Schwellenländer kommt im Buch deutlich zu kurz; der Autor belässt es beim ‚groben Raster‘ der Externalisierung von Nord nach Süd, was seinem Anspruch, eine Analyse der „weltgesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse“ vorzulegen, wenig zuträglich ist. Somit fällt Lessenich auch hinter seine eigene Kritik am „‚methodologischen Nationalismus‘ in der Ungleichheitsforschung“ zurück und verzichtet auf eine Analyse der Rolle transnationaler Eliten jenseits des Nord-Süd-Gegensatzes.

Dennoch: wer eine unterhaltsam geschriebene Abrechnung mit dem Gegenwartskapitalismus sucht, wird bei Lessenich fündig. Für diejenigen, die auf der Suche nach einer tiefergreifenden Analyse oder Inspirationen zur Überwindung der bestehenden Verhältnisse sind, ist das Buch nicht das richtige.

Ausbruch aus der imperialen Lebensweise?

Im Ton deutlich nüchterner gehen Ulrich Brand und Markus Wissen an den Themenkomplex heran. Der Kernbegriff der beiden Politikwissenschaftler ist die „imperiale Lebensweise“. Durch das Konzept versuchen sie sowohl eine Verbindung zwischen Alltagspraxen, gesellschaftlichen Strukturen und internationalen Kräfteverhältnissen, zwischen sich verschärfenden Krisen und deren Verdrängung aufzuzeigen, als auch einen Maßstab zu entwickeln, der dazu geeignet ist, Alternativen und Transformationsvorschläge kritisch zu beurteilen. Mit dem Begriff der Lebensweise richten sie, von Gramsci ausgehend, ihr Augenmerk darauf, „dass sich eine widersprüchliche Gesellschaftsformation wie die kapitalistische nur reproduzieren kann, wenn sie in den Alltagspraxen und im Alltagsverstand verankert ist und dadurch gleichsam ‚natürlich‘ wird“ (45). Die Bestimmung als ‚imperial‘ soll „die globale und ökologische Dimension der Lebensweise betonen“ (45).

Nach einer ausführlichen Einführung in den Begriff gehen Brand und Wissen in zwei äußerst lesenswerten Kapiteln auf die historische Entwicklung der imperialen Lebensweise und ihre derzeitige Verallgemeinerung ein. Dabei gelingt es ihnen, 250 Jahre kapitalistische Wirtschaftsgeschichte gewinnbringend zusammenzufassen und zudem differenziert auf Entwicklungen und Entwicklungsmodelle in China und Lateinamerika einzugehen. Ein weiteres Kapitel veranschaulicht am Beispiel der Verbreitung von „Sport Utility Vehicles“ (SUVs), wie sich die imperiale Lebensweise in alltäglichen Praxen vertieft und wie eng die automobile Gesellschaft mit Klassen- und Geschlechterverhältnissen verwoben ist.

Schließlich versuchen die Autoren ,die „falschen Alternativen“ eines grünen Kapitalismus und der Bioökonomie von einer „solidarischen Lebensweise“ abzugrenzen. Dies gelingt nur teilweise: Die berechtigte Kritik am grünen Kapitalismus wirkt zuweilen etwas holzschnittartig und hätte mehr Platz verdient. Das hätte es auch erlaubt, von der analytischen Stärke des Konzepts der imperialen Lebensweise besseren Gebrauch zu machen. Auch die Konturen einer solidarischen Lebensweise bleiben etwas abstrakt, vor allem aber, wie sich diese gegen eine dominante und ausbreitende imperiale Lebensweise durchsetzen soll. Hier sei aber angemerkt, dass ein dieses Jahr erschienenes Buch von Ulrich Brand mit dem ecuadorianischen Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta genau diese Fragen zu beantworten versucht (Brand, Acosta 2018) und den Faden dort aufnimmt, wo er in „Imperiale Lebensweise“ endet.

Insgesamt haben Brand und Wissen ein äußerst lesenswertes Buch vorgelegt, dessen zentrales Konzept sehr hilfreich für die Analyse sozialer und ökologischer Ausbeutungsbeziehungen – insbesondere im Nord-Süd Verhältnis – ist. Dass der Begriff der imperialen Lebensweise innerhalb kürzester Zeit von sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, besonders in der Umweltbewegung und von Nord-Süd-Solidaritätsgruppen, aufgenommen wurde, zeigt, dass hier ein zeitdiagnostisches Instrumentarium entwickelt wurde, das auch zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse beitragen kann.

Fazit

Trotz ihrer vielen inhaltlichen Überschneidungen und einem ähnlichen theoretischen Fundament sind die beiden hier besprochenen Bücher zur sozial-ökologischen Krise des globalen Kapitalismus für unterschiedliche Lesergruppen interessant. Sozialwissenschaftlich geschulten LeserInnen bietet die „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen ein stärkeres Analyseinstrument und eine historisch-geographisch weitergehende Perspektive. Der große Anklang, den das Konzept gefunden hat, zeugt davon, dass es den (kritischen) Zahn der Zeit getroffen hat. Stephan Lessenichs „Neben uns die Sintflut“ bietet zwar eine interessante Erweiterung der Thematik um das diskriminierende Grenz- und Mobilitätsregime, kann aber in seiner Herausarbeitung globaler Ungleichheitsverhältnisse letztendlich nicht vollständig überzeugen. Dank des Verzichtes auf Fachjargon sollte es aber für ein allgemeineres Publikum zugänglich sein.

Literatur

Brand, Ulrich/Acosta, Alberto 2018: Radikale Alternativen: Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann. München: oekom Verlag

 

Photo by Alexander Popov on Unsplash

Fridays for Future – Ergebnisse von Demonstrationsbefragungen in 13 europäischen Städten

27.06.2019

Seit mehr als einem halben Jahr ist FridaysForFuture aktiv und noch immer bestimmen die jugendlichen Protestierenden die mediale Agenda. Dabei sind die Schulstreiks kein Phänomen, das auf Deutschland oder Schweden – dem Heimatland Greta Thunbergs – beschränkt ist. Vielmehr liegt die Bedeutung dieser massenhaften Mobilisierung nicht zuletzt in ihrer Ausbreitung in ganz Europa und weit darüber hinaus. Wie ist dieser Erfolg zu erklären? Wer sind die Protestierenden? Was fordern sie?  Was denken sie über den Klimawandel und welche Lösungsansätze verfolgen sie?

Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren, haben sich Forscher*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 an einer internationalen Befragung der Klimademonstrationen beteiligt. Von den neun beteiligten Ländern waren unsere Forscher*innen in dreien aktiv: in Österreich, Polen und Deutschland. Erste Ergebnisse der Befragungen in Bremen und Berlin wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt (zur Medienberichterstattung). Eine ausführliche deutschsprachige Studie wird Mitte Juli der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Ergebnisse der Demonstrationsbefragungungen in insgesamt 13 verschiedenen europäischen Städten liegen nun in einer umfassenden, englischsprachigem Studie vor:

Wahlström, Mattias, Piotr Kocyba, Michiel De Vydt and Joost de Moor (Eds.) (2019). Protest for a future: Composition, mobilization and motives of the participants in Fridays For Future climate protests on 15 March, 2019 in 13 European cities. (Download, 2,91 MB). 

Wesentliche Ergebnisse des Ländervergleichs lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Protestierenden in den neun untersuchten Ländern haben vieles gemeinsam. Fast überall gibt es eine ungewöhnlich starke junge, weibliche Mobilisierung und eine starke Beteiligung von ‘Protestneulingen’. Die Protestierenden haben in ganz Europa ein eher linkes Selbstverständnis und in allen Ländern sind insbesondere die demonstrierenden Schüler*innen zuversichtlich, dass der Klimawandel aufzuhalten ist.
  • Innerhalb dieser Gemeinsamkeiten gibt es eine große Bandbreite. So sind die Demonstrierenden in Amsterdam und Warschau wesentlich jünger als in Brüssel oder Malmö, wo sich auch ältere Menschen am Protest beteiligen.
  • Auffällig ist die teilweise grundsätzlich unterschiedliche Beurteilung der Lösungskompetenz von Markt, Regierung, Wissenschaft und der Bedeutung des individuellen Konsumverhaltens, die auf unterschiedliche Diskussionen innerhalb der nationalen Klimabewegungen hinweist.
  • Trotz vieler Gemeinsamkeiten ist FridaysForFuture in Europa wesentlich heterogener, als der gemeinsame Rahmen suggeriert.

 

Geschlechter der Befragten

Altersverteilung und Median (der Wert, der die Mitte aller vorkommenden Werte markiert)

Unterstützung bei Schüler*innen und Erwachsenen für die Aussage “Ich bin zuversichtlich, dass politische Entscheidungen den Klimawandel eindämmen können.” (“überwiegend” und voll und “ganz”)

 

Zum Kontakt für Presseanfragen geht es hier. Weitere Informationen zum Projekt und den beteiligten Wissenschaftler*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung finden sich auf der Projektseite.

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Politik von unten: Protest in der longue durée

27.05.2019

Diskussion mit Philipp Gassert und Dieter Rucht

Moderiert von Simon Teune und Swen Hutter

Welche großen Linien kennzeichnen die langfristige Entwicklung von Protest in Deutschland seit 1945? Welche unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich aus einem historischen bzw. soziologischen Zugang? Was bekommt man mit dem jeweiligen methodischen bzw. disziplinären Zugang in den Blick? Worauf begründet man seine Annahmen? Welche Lücken bleiben dabei offen? Diese Fragen stehen im Vordergrund des Gesprächs zwischen dem Zeithistoriker Philipp Gassert und dem Soziologen Dieter Rucht. Anlass des Gesprächs ist das gerade erschienene Buch „Bewegte Gesellschaft: Deutsche Protestgeschichte seit 1945“ von Philipp Gassert (Kohlhammer, 2018). Mit seinem Buch legt Gassert die erste umfassende Protestgeschichte Deutschlands vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart vor. Wie auch Dieter Rucht betont Gassert dabei die zentrale Bedeutung von Protest und sozialen Bewegungen zur gesellschaftlichen Konfliktbewältigung in Deutschland.

Philipp Gassert ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim und Leiter der Forschungsstelle “Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten”.

Dieter Rucht ist WZB Fellow und Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Zuvor leitete Dieter Rucht die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am WZB.

Die Veranstaltung ist eine gemeinsame Veranstaltung des Kolloquiums “Politik von unten” und der Reihe “Civil Society and Political Conflict” des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung.

HEFTARCHIV ONLINE!

Alle Ausgaben vom allerersten Heft 1/1988 bis einschließlich Jahrgang 2013 stehen online (unter Jahrgänge) als Download zur Verfügung. Jeweils zum neuen Jahr wird ein weiterer Jahrgang freigeschaltet. Damit bieten wir auf unserer Homepage den vollen Zugriff auf mehr als 20 Jahrgänge des FJSB – kostenfrei und im Volltext.

NEWSLETTER

Der Newsletter erscheint vierteljährlich und informiert über das aktuelle Heft, Veranstaltungen, Publikationen ...
Abonnement unter E-Mail: info@forschungsjournal.de

FORSCHUNG

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat eine ausführliche kommentierte Linkliste zur deutschen Bewegungsforschung zusammengestellt: http://protestinstitut.eu/uber-das-institut/ressourcen/

MESTERWERKE

leif2_web.jpg
  mehr...