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Updated: 2 hours 47 min ago

Bewegungsgespräch: Visuelle Strategien der Neuen Rechten

22.05.2019

Ort: taz Kantine, Friedrichstraße 21
Zeit: 12. Juni 2019, 19 Uhr

Memes, die Geflüchtete als Bedrohung zeichnen, Ikonen der Popkultur, die für rassistische Politik vereinnahmt werden – die Rechte hat sich nicht nur auf der Straße und in der Parteienlandschaft neu aufgestellt, sondern sie hat auch ihre Bildsprache geändert. AfD, organisierte Neonazis und lose Netzwerke nutzen gezielt Bilder und visuelle Gestaltung, um Unterstützung für ihre Botschaften zu finden. Dabei bedienen sie sich digitaler Kulturen und sie entwenden Formen, die für progressive Politik standen. Die Aktionen der Identitären sind bewusst an das von Greenpeace perfektionierte David-gegen-Goliath-Motiv angelehnt; die rassistische Umdeutung von Pepe, dem Comicfrosch, ist auch ein Symbol für das Überlegenheitgefühl gegenüber den aufgeregten Reaktionen auf die neue rechte Hegemonie. Diese visuellen Strategien bauen auf einer neuen technischen Infrastruktur auf: Smartphones, soziale Medien, Imageboards und Messenger-Dienste. Aber sie wurzeln auch tief in menschenverachtender Bildsprache: in antisemitischen Stereotypen, die im späten 19. Und frühen 20 Jahrhundert geprägt wurden oder dem gigantomanischen Kitsch des Nationalsozialismus. Das Bewegungsgespräch fragt nach den Strategien und Andockmanövern zur Populärkultur durch die Rechten, beleuchtet die veränderten Bedingungen für die Kommunikation mit Bildern von rechts, die erhofften Wirkungen und mögliche Gegenstrategien.

Es diskutieren:

  • Lisa Bogerts, Institut für Protest- und Bewegungsforschung
  • Heiko Koch, Antifa-Rechercheur, Autor des Buches „Casa Pound Italia“ (Unrast 2013)
  • Simon Teune, Institut für Protest- und Bewegungsforschung

Moderation: Malene Gürgen, taz

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (I.2019)

15.04.2019

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 138 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Bebnowski, David. 2019. „Wer spricht wie und warum so über Antisemitismus? Rezension: Antisemitismus als Problem und als Symbol (Kohlstruck, Michael/Ullrich, Peter)“, Zeitschrift diskurs (open access).

Betz, Gregor J. 2019. „Rekonstruktive Zugänge zu Protest“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 50–58.

Bosi, Lorenzo, Donatella della Porta, und Stefan Malthaner. 2019. „Organizational and Institutional Approaches“. The Oxford Handbook of Terrorism, 133.

Daniel, Antje. 2019. „Ambivalenzen des Forschens unter Bedingungen (post-) dekolonialer Praxis“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 40–49.

Porta, Donatella della. 2019. „Deconstructing Generations in Movements: Introduction“. American Behavioral Scientist. Online first.

Eschert, Silke, und Bernd Simon. 2019. „Respect and Political Disagreement: Can Intergroup Respect Reduce the Biased Evaluation of Outgroup Arguments?“ Herausgegeben von Rick K. Wilson. PLOS ONE 14 (3): e0211556.

Felicetti, Andrea, und della Porta, Donatella. 2019. „Joining Forces. The Sortition Chamber from a Social-Movement Perspective“. In Legislature by Lot: Transformative Designs for Deliberative Governance, herausgegeben von John Gastil und Erik Olin Wright. Verso Books.

Haase, Dagmar, Annegret Haase, Dieter Rink, und Justus Quanz. 2019. „Shrinking Cities and Ecosystem Services: Opportunities, Planning, Challenges, and Risks“. In Atlas of Ecosystem Services: Drivers, Risks, and Societal Responses, herausgegeben von Matthias Schröter, Aletta Bonn, Stefan Klotz, Ralf Seppelt, und Cornelia Baessler, 271–77. Cham: Springer International Publishing.

Haunss, Sebastian. 2019. „The Mask and the Flag: Populism, Citizenism, and Global Protest“. Contemporary Sociology 48 (1): 60–62.

Howe, Christiane, und Lars Ostermeier, Hrsg. 2019. Polizei und Gesellschaft: Transdisziplinäre Perspektiven Zu Methoden, Theorie und Empirie Reflexiver Polizeiforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hütter, Bernd. 2019a. „Rezension: Bewegte Dörfer`. Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970-1990 (Julia Paulus (Hrsg.))“. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2. (open access)

Hütter, Bernd. 2019b. „Rezension: Den Protest regieren. Staatliches Handeln, neue soziale Bewegungen und linke Organisationen in den 1970er und 1980er Jahren (Alexandra Jaeger, Julia Kleinschmidt, David Templin (Hg.))“. analyse und kritik, Nr. 645. (open access)

Merk, Jeroen, und Sabrina Zajak. 2019. „Workers’ Participation and Transnational Social Movement Interventions at the Shop Floor: The Urgent Appeal System of the Clean Clothes Campaign“. In The Palgrave Handbook of Workers’ Participation at Plant Level, herausgegeben von Stefan Berger, Ludger Pries, und Manfred Wannöffel, 221–40. New York: Palgrave Macmillan US.

Roth, Roland, und Dieter Rucht. 2019. „Bewegung in der Bewegungsforschung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 98–104.

Rucht, Dieter. 2019. „Aufstehen mit oder ohne #aufstehen?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 8–18.

Sommer, Moritz, Sabrina Zajak, und Sebastian Haunss. 2019. „‚Der Kontext lokaler Proteste‘ – Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung 2018“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 88–93.

Steinhilper, Elias. 2019. „Rezension: Political Translation.“ Ethnic and Racial Studies 3 (42): 498–500.

Strachwitz, Rupert Graf. 2019. „Attac ohne Gemeinnützigkeit: Ein Angriff auf die Zivilgesellschaft“. Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2019.

Teune, Simon. 2019. Vom Button zum Bravo-Poster. Das Bekenntnis zur Anti-Atombewegung als visuelle Medienpraxis. In Bekenntnisse : Formen und Formeln, Hrsg. Christine Bischoff, Carsten Juwig und Lena Sommer, 214–230. Berlin: Reimer.

Tretschin, Luca. 2019. „Streit Vor Publikum. Öffentliche Darstellung von Publikumsgunst Als Gemeinsames Bezugsproblem Sozialer Bewegungen und Der Adressaten Ihrer Proteste“. Zeitschrift für Theoretische Soziologie.

Ullrich, Peter. 2019. Polizei im/unter Protest erforschen. Polizeiforschung als Entdeckungsreise mit Hindernissen. In Polizei und Gesellschaft. Transdisziplinäre Perspektiven zu Methoden, Theorie und Empirie reflexiver Polizeiforschung, Hrsg. Christiane Howe und Lars Ostermeier, 155–189. Wiesbaden: Springer VS.

Ullrich, Peter. 2019. „Protestforschung zwischen allen Stühlen“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (1): 29–40.

Vollmer, Lisa. 2019. Mieter_innenbewegungen in Berlin und New York. Stadt, Raum und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Das ipb in den Medien: Fridays for Future

09.04.2019

Seit Wochen bestimmen die Fridays for Future-Demonstrationen die Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit der Medien gilt insbesondere der ungewöhnlichen Aktionsform des Schulstreiks, dem Alter der Demonstrierenden und der Frage was diese vermeintlich neue Protestgeneration ausmacht. Um mehr über die Demonstrierenden und ihre Motive zu erfahren und somit die oft von Mutmaßungen geprägte Debatte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterfüttern, hat das Institut für Protest- und Bewegungsforschung am 15. März 2019 eine Befragung der Demonstrationen in Berlin und Bremen durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz am 26. März vorgestellt. Unten findet sich eine Auswahl der Medienpräsenz von ipb-Mitgliedern sowie eine Übersicht der Resonanz zu unserer Studie.

ipb-Kollege Sebastian Haunss in den ARD-Tagesthemen, 15.3.2019

Vor dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

18.01.2019 – SZ: Auf die Straße statt in die Schule (Swen Hutter) 25.01.2019 – Krautreporter: Was die Klimaproteste bisher bewirkt haben (Sebastian Haunss) 31.01.2019 – Klimafakten.de: Schülerstreik #fridaysforfuture: Kommt jetzt die große Klimabewegung? (Dieter Rucht) 15.02.2019 – bento.de: So planen die Schülerinnen und Schüler den Mega-Schulstreik (Simon Teune) 18.02.2019 – FAZ: “Friss Tofu, Du Würstchen!” (Sabrina Zajak) 01.03.2019 – Deutschlandfunk Nova: Proteste brauchen keine Anführerin. Aber sie hilft (Simon Teune) 13.03.2019 – Zitty: Wir sind Greta. Klimakampf statt Klassenzimmer (Dieter Rucht) 14.03.2019 – dpa/Pforzheimer Zeitung: Fridays for Future: Ein Konflikt kommt auf die Straßen Stuttgarts – und Pforzheims (Simon Teune) 14.03.2019 – dpa/Ärzteblatt: Klimakrise: Gesundheitsallianz und Medizinstudierende unterstützen Schülerstreik (Simon Teune) 14.03.2019 – HR2 Der Tag: Schule schwänzen, Erde retten? Fridays for Future (Simon Teune) 15.03.2019 – ARD Tagesthemen: “Fridays for Future”. Schüler und Studenten protestieren weltweit (Sebastian Haunss) 15.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Warum kaum Studierende an den Klimaprotesten teilnehmen (Simon Teune) 18.03.2019 – taz: Anders als die anderen (Simon Teune) 19.03.2019 – Phoenix: Streiken statt Pauken. Schülerproteste für den Klimaschutz (Sabrina Zajak) 24.03.2019 – Der Freitag: Kein Fleisch für Niemand (Simon Teune) 25.03.2019 – Radio Bremen 2: Der Gorleben-Treck (Simon Teune)

Infografik auf Grundlage der ipb-befragung in der Süddeutschen Zeitung vom 30./31.3.2019

Nach dem Pressegespräch zur Demonstrationsbefragung

 

 

26.03.2019 – Klima der Gerechtigkeit: Fridays for Future – was wissen wir über diese neue Protestbewegung? (Studie allgemein) 26.03.2019 – jetzt.de: Wer sind die „Fridays For Future“-Aktivisten? (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Tagesspiegel: Wer die Generation „Fridays for Future“ ist (Studie allgemein) 26.03.2019 – Klimareporter: Klimastreikende fangen bei sich an (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – SWR: Das sind die jungen Menschen bei “Fridays for Future” (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 26.03.2019 – RND/Märkische Allgemeine/Oberhessische Presse: „Fridays for Future“-Studie: Sie sind jung und wollen was ändern (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – mdr: Neue Studie: Was steckt hinter den Fridays for Future-Demos? (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – ZEIT Online: Der Protest organisiert sich selbst (Studie allgemein, Dieter Rucht) 26.03.2019 – Deutschlandfunk Kultur: Weiblich, links, umweltbewusst (Studie allgemein, Dieter Rucht und Sabrina Zajak) 26.03.2019 – domradio.de/epdWeit entfernt vom Schwänzen? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 27.03.2019 – Weserkurier: Bremer Schüler setzen sich auch im Alltag für die Umwelt ein (Studie allgemein) 27.03.2019 – taz: Schlaue linke Greta-Fans (Studie allgemein) 27.03.2019 – Buten un Binnen: Bremer Schüler würden für das Klima auf Konsum verzichten (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 27.03.2019 – heise.de: Schulstreiks – Wer sind die Schüler? (Studie allgemein) 28.03.2019 – DIE ZEIT: Klimaschutz als Klassenkampf (Studie allgemein) 28.03.2019 – ZDF Maischberger: Jugend demonstriert, Politik ignoriert (Studie allgemein) 28.03.2019 – DW: “Fridays for Future”: Schulschwänzer oder Retter des Klimas? (Studie allgemein, Sebastian Haunss) 29.03.2019 – Neues Deutschland: Weiblich, jung, links (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – BR24: Fridays for Future: Wer demonstriert da eigentlich? (Studie allgemein, Sabrina Zajak) 29.03.2019 – ZEIT Online: Bei ihr sieht es einfach aus (Dieter Rucht) 29.03.2019 – SZ: Hinter den Transparenten (Studie allgemein) 30.03.2019 – Perspektive Online: Fridays for Future: Wer ist Teil der neuen Klimaprotestgeneration? (Studie allgemein) 03.04.2019 – Neue Westfälische: #FridaysForFuture: Grüne nehmen Laschet in die Pflicht (Studie allgemein) 04.04.2019 – NDR Info: Fridays for Future: Wo sind die Studenten? (Dieter Rucht und Simon Teune) 09.04.2019 – Deutschlandfunk: Konkrete Forderungen an Politik gestellt (Studie allgemein)

Photo: Jörg Farys / Fridays for Future @Flickr (CC BY 2.0).

Rezension: Wiemann 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement

08.04.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Es folgt nun Jan Niggemeier mit einer Rezension zu Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima.  Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Netzwerkmobilisierung im Verborgenen“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

 

Dass Katastrophen und Krisen oft als auslösende Faktoren für die Entstehung politischen Protests wirken, zeigt sich anschaulich am Beispiel der Welle von Anti-Atomkraft-Protesten in Japan nach dem verheerenden Atomunglück von Fukushima. Political process-Ansätze identifizieren derartige political opportunities als Grundlage für die Mobilisierung von sozialen Bewegungen. Zwar existieren auch in Japan Strukturen der Anti-Atomkraftbewegung seit mehreren Jahrzehnten. Im heutigen Japan, wo offener politischer Protest ein eher seltenes Phänomen darstellt, ist die seit 2011 beobachtbare Protestwelle jedoch in ihrem Ausmaß und ihrer Intensität einschneidend. Auf welche Weise sich Mobilisierungsprozesse innerhalb des Netzwerks der unterschiedlichen Anti-Atomkraft-Gruppen konkret abspielen, bleibt jedoch undurchsichtig.

Netzwerk­-Mobilisierung als neuer analytischer Ansatz

In ihrer als Buch erschienenen Dissertation „Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima“ unternimmt Anna Wiemann den Versuch, eben solche, weitestgehend verborgenen Mobilisierungsprozesse in Bewegungsnetzwerken sichtbar zu machen. Wiemann verortet ihre Arbeit in der sozialen Bewegungsforschung und entwickelt, aufbauend auf political process-Modellen und Ansätzen der Netzwerktheorie, einen eigenen analytischen Ansatz zur Untersuchung der auf der Meso-Ebene stattfindet. „Netzwerk-Mobilisierung“. Durch die Verknüpfung mit sozialkonstruktivistischen Ansätzen der New York School of Relational Sociology greift Wiemann damit eine Leerstelle bisheriger Modelle der Bewegungsforschung auf: Mobilisierungsmechanismen im Netzwerk als black box. Die Autorin geht dabei von der Annahme aus, dass Akteure und deren Verhalten maßgeblich durch die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Beziehungen innerhalb des Bewegungsnetzwerks beeinflusst werden. Prozesse der Meso-Mobilisierung durch Koalitionsbildung mehrerer Bewegungsorganisationen setzen den Rahmen für gemeinsame Aktionsprofile von Bewegungsnetzwerken. Auf Basis einer umfangreichen Empirie zweier Beispiele von Bewegungsnetzwerken diskutiert Wiemann, auf welche Weise sich latente Bewegungsstrukturen einerseits und einschneidende Schlüsselereignisse wie der Atomunfall von Fukushima 2011 andererseits auf Mobilisierungsprozesse und letztendlich Aktionsprofile innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung auswirken.

Fukushima als political opportunity

Die japanische Anti-Atomkraftbewegung nach Fukushima stellt dabei ein interessantes Fallbeispiel für die Meso-Mobilisierung sozialer Bewegungen dar. Gerade aufgrund der etablierten Charakterisierung der japanischen Zivilgesellschaft als „schwach“ oder „unsichtbar“ (Pekkanen 2003, Foljanty-Jost 2005), qualifiziert sich der gewählte Kontext für die Untersuchung eben solcher, wie Wiemann beschreibt, „weniger sichtbaren“ (59) Mobilisierungsprozessen auf der Meso-Ebene. Als eines der größten politischen Protestereignisse in der jüngeren Geschichte Japans erlebte die Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von 2011 darüber hinaus eine Periode der höchst intensiven Mobilisierung. Trotz bereits bestehender Bewegungsstrukturen, so argumentiert Wiemann, bedurfte es einer sich plötzlich und rasant wandelnden öffentlichen Meinung gegenüber Atomkraft als political opportunity für die jüngste Welle des Protests in Japan.

Nach einer sorgfältigen kontextuellen Einführung zu Besonderheiten der japanischen Zivilgesellschaft und speziell zur Anti-Atomkraftbewegung vor und nach dem Atomunfall von Fukushima diskutiert Wiemann die Synthese ihres Modells der „Netzwerk-Mobilisierung“.

Darauf aufbauend strukturiert die Autorin ihre Untersuchung von Mobilisierungsprozessen in drei Aspekte: angewandte Aktionsprofile, Interaktionen im Netzwerk sowie latente Strukturen innerhalb der Bewegung. Wiemanns Forschung basiert auf einer umfassenden Methodenarbeit mit Daten aus zahlreichen Interviews mit Vertretern verschiedener Bewegungsgruppen, aus teilnehmenden Beobachtungen bei Veranstaltungen und Versammlungen sowie einer quantitativen, strukturellen Netzwerkanalyse. Unter Berücksichtigung einer eindrucksvollen Fülle von qualitativen und quantitativen Daten stellt sie zwei repräsentative Netzwerke innerhalb der japanischen Anti-Atomkraftbewegung gegenüber; e-shift und SHSK.

Zwei Bewegungsnetzwerke im Vergleich

Beide Netzwerke haben sich nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gebildet, bestehen aus einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Kleingruppen, unterscheiden sich jedoch in den von ihnen vertretenen Schwerpunktthemen. Während e-shift Forderungen nach einem Atomausstieg und einer langfristigen Energiewende vertritt, setzt sich das Netzwerk SHSK vorrangig für die Rechte von Betroffenen aus den verstrahlten Gebieten in der Umgebung des Unfallreaktors ein. Als erstmaliger Zusammenschluss zuvor in Japan getrennter Anti-Atomkraft-, Umweltschutz-, und Verbraucherschutzgruppen wählt e-shift das Format eines losen, aber offenen, größtmöglichen Netzwerks. Dem gegenüber grenzt sich die wesentlich formellere Koalition von Betroffenengruppen unter dem Netzwerk SHSK von Primärforderungen einer Energiewende ab und fokussiert sich auf das gemeinsame Ziel der politischen Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess des Nuclear Victims‘ Support Act.

Aufbauend auf einen umfassenden Vergleich der Koalitionsbildung beider Netzwerke argumentiert Wiemann, dass die Mobilisierung der Bewegung zwar durch das nukleare Desaster ausgelöst, jedoch maßgeblich durch fünf Netzwerk-Faktoren beeinflusst wurde: den latenten Beziehungsstrukturen der Bewegung, der Wahrnehmung des Atomunfalls als political opportunity, der strategischen Definition von issue fields, der gesellschaftlichen Unterstützung und Resonanz des Themas sowie der Beziehung der Bewegung zu politischen Akteuren. Die Autorin beschließt mit der Einsicht, dass bei der Beurteilung zivilgesellschaftlicher Stärken und Schwächen nicht nur individuelle Gruppen, sondern darüber hinaus deren Netzwerkstrukturen und -kulturen als wichtige Bewegungsressourcen berücksichtigt werden müssen.

Interessant für breite Leserschichten

Wiemann tangiert in ihrem Buch sowohl theoretisch als auch kontextual-empirisch wichtige Diskussionen und erschließt sich somit eine breite Zielgruppe; innerhalb der Netzwerk- und sozialen Bewegungsforschung, aber auch in der japanischen Regionalwissenschaft. Die Arbeit liefert durch den neuartigen Fokus auf Mobilisierungsprozesse auf der Meso-Ebene wichtige Erkenntnisse zu einem, vor allem in der japanbezogenen Bewegungsforschung, bisher wenig beachteten Gesichtspunkt. Im Hinblick auf die Vielzahl von Forschungsarbeiten zur japanischen Anti-Atomkraftbewegung nach dem Atomunfall von Fukushima 2011 gelingt es Wiemann nicht nur, neue Perspektiven des Phänomens zu beleuchten, sondern darüber hinaus die gewonnenen Einsichten auch mit der Diskussion um die Besonderheiten sozialer Bewegungen in Japan zu verknüpfen. Während diese im Vergleich zu anderen regionalen Kontexten in der Öffentlichkeit als schwach erscheinen mögen, spielen weniger sichtbare, „organische“ Netzwerkprozesse (253) zivilgesellschaftlicher Strukturen eine wesentlich wichtigere Rolle. Wiemanns Erkenntnisse stehen damit nicht im Kontrast zu etablierten Ansichten, ihre Forschung liefert jedoch Einsichten über Prozesse und Mechanismen der bisher wenig untersuchten Meso-Ebene sozialer Bewegungen.

Leider gerät die Würdigung zur theoretischen Diskussion in ihrem eindrucksvollen Beitrag etwas zu kurz. Gerade in Anbetracht der umfangreichen Theoriearbeit zu Beginn des Buches wäre eine abschließende kritische Reflektion des Modells und seiner Anwendung in anderen Kontexten wünschenswert und hilfreich für weitergehende Entwicklungen gewesen. Darüber hinaus erhält der Leser durch die sorgfältige Vorstellung und Untersuchung der beiden Fallbeispiele zwar einen tiefen Einblick und ein gutes Verständnis über die Struktur und Hintergründe japanischer Bewegungsnetzwerke. Die Fallbeschreibungen verlieren sich jedoch stellenweise in erlässlichen Details, welche die Lektüre besonders für Leser ohne Vorkenntnisse über den japanischen Gesellschaftskontext mühsam gestalten könnte. Insgesamt ist Wiemanns Arbeit ein aufschlussreiches Buch, das sich auf geschickte Weise eine große Bandbreite an Lesern erschließt. Es veranschaulicht die Notwendigkeit, Mobilisierungsprozesse sozialer Bewegungen auf der Meso-Ebene zu berücksichtigen, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht direkt zu erkennen sind. Gerade im japanischen Kontext spielen diese Mechanismen eine tragende Rolle in der Entwicklung sozialer Bewegungen, wie die Autorin überzeugend darlegt. Abschließend ist hervorzuheben, dass die theoretische Vorarbeit Wiemanns zur Anwendung des von ihr entwickelten Modells in weiteren Falluntersuchungen inspiriert.

Literatur

Foljanty-Jost, Gesine 2005: NGOs in Environmental Networks in Germany and Japan: The Quest for The Question of Power and Influence. In: Social Science Japan Journal, 8(1), 103–117

Pekkanen, Robert 2003: Molding Japanese Civil Society: State-Structured Incentives and the Patterning of Civil Society. In: Frank Jacob Schwartz & Sudan J. Pharr (Hg.): The State of Civil Society in Japan. Cambridge: Cambridge University Press.

Photo: Matthias Lambrecht @Flickr (CC BY-NC 2.0).

Bewegung in der Bewegungsforschung

08.04.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Roland Roth und Dieter Rucht erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1, S. 98-104. Roland Roth und Dieter Rucht sind Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

 

Wir leben in turbulenten Zeiten. Das gilt besonders für die Präsenz sozialer Bewegungen im öffentlichen Raum. So viel Bewegung war – national wie international – vermutlich nie, wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken (vgl. Rucht/Teune 2017; Roth 2018). Die Vielfalt der Themen und Formen des Protests ist ebenso unübersehbar wie seine Veralltäglichung und Normalisierung. Digitale Kommunikation hat diesen Aufschwung sicherlich beschleunigt; gleichzeitig scheinen die Mobilisierungen instabiler und episodischer auszufallen. Gemessen an den klassischen Leitbildern der alten und neuen sozialen Bewegungen haben wir heute viele Proteste, aber nur wenige soziale Bewegungen, die für eine gewisse Dauer ihr Großthema bearbeiten und es beharrlich mobilisierend auf die Straße bringen.

Die bunte Vielfalt der Proteste sollte zudem nicht vorschnell zur Erfolgsgeschichte stilisiert werden. Die Ergebnisse ‚friedlicher Revolutionen‘, des ‚Arabischen Frühlings‘ oder der Occupy-Bewegung bieten Anlass, die Wirkungen von Protestbewegungen kritisch zu reflektieren. Dennoch scheint gerade auch in den westlichen Demokratien die Aushöhlung der klassischen Volksparteien den Charme von bewegungsförmiger Politik gesteigert zu haben. Ob die ‚Liste Kurz‘ in Österreich, Macrons ‚en marche‘ in Frankreich, Trump in den USA oder die Fünfsterne in Italien – mit einer bewegungsförmigen Selbstpräsentation können heute Regierungsämter erobert werden.

Alles in Bewegung? – jedenfalls nicht im deutschen Wissenschaftsbetrieb, in dem die Protest- und Bewegungsforschung noch immer randständig ist. Dies ständig zu beklagen, ist müßig, aber beschreibt eine restriktive Rahmenbedingung für eine noch zu entwickelnde Debattenkultur und forschungspolitische Institutionalisierung. Einige klassische Themen haben angesichts der veränderten gesellschaftlichen Situation mehr Aufmerksamkeit verdient, als dies im ‚Handgemenge‘ aktueller Debatten (vgl. die Beiträge von Teune/Ullrich 2018 und Finkbeiner/Schenke 2018 im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 3) möglich ist. Einige wenige damit verknüpfte Themen sollen nachfolgend angesprochen werden.

Engagement und Distanz

Vor dem Hintergrund des bis heute nicht abgeschlossenen Werturteilsstreits bzw. des späteren Positivismusstreits wird auch in der Bewegungsforschung anhaltend über die Wünschbarkeit und Möglichkeit ‚objektiver‘ Analysen gestritten. In Deutschland haben sich BewegungsforscherInnen 1985 im Arbeitskreis „Soziale Bewegungen“ innerhalb der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft zusammengetan. In dieser frühen Phase gab es kaum eine explizite Debatte über das Rollenverständnis der Bewegungsforschung, deren wissenschaftstheoretischer und paradigmatischer Fundierung sowie ihres möglichen Beitrags zu gesellschaftlicher Aufklärung und Problemlösung. Eher implizit fühlten sich die Forschenden allerdings mehr oder weniger eng ihrem bevorzugten Gegenstand, den neuen sozialen Bewegungen, verbunden. Mahnende Kommentierungen blieben nicht aus. Kritisierten die einen, so Michael Greven (1988), politische Voreingenommenheit der Forschung, so forderten andere, so Wolf-Dieter Narr, die „Leidenschaft zur demokratischen Sache“ möge nicht nur die Bewegungen selbst, sondern auch diejenigen „ein stückweit mittragen, die sich an deren forschende Vermittlung gemacht haben“ (Narr 1995: 89).

Mit dem bald einsetzenden Professionalisierungsschub der Bewegungsforschung gewann eine stärker analytische und empirisch gesättigte, teilweise auch quantitativ ausgerichtete Forschungslinie an Gewicht. Ein wichtiger Katalysator für diesen Trend war die 1988 eingeleitete institutionelle Verankerung von Bewegungsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin. In der entsprechenden Forschungsabteilung gab es allerdings keine einheitliche Linie hinsichtlich der Werturteilsfrage. Eher dem positivistischen Ideal zugewandte ForscherInnen arbeiteten Hand in Hand mit sich – wenngleich nur zurückhaltend – politisch positionierenden KollegInnen. Gleiches galt wohl auch für die weitere Community von organisierten und nicht organisierten ForscherInnen. Die Mehrzahl der BewegungsforscherInnen in Deutschland – und dies trifft auch auf etliche andere Länder in Europa zu – hatte oder hat eine biografische Verbindung zur ‚progressiven‘ Bewegungspraxis, was eine kleine Befragung von einschlägigen AutorInnen (Rucht 2016), aber auch unsere Kenntnis des Feldes nahelegt. Etliche BewegungswissenschaftlerInnen waren oder sind in zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv; sie unterstützen einzelne Kampagnen, aber fast niemand von ihnen exponiert sich in einer politischen Partei.

Die lange im Halbschlaf befindliche Diskussion um eine sich politisch verstehende Bewegungsforschung hat in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen. In den neueren Debatten wird allerdings kaum an ältere Arbeiten angeknüpft, für die eine normative Positionierung essentiell war, darunter Studien zur Bürgerrechtsbewegung, zu städtischen Bewegungen, zu ‚community organizing‘, zu ‚poor people’s movements‘, ganz abgesehen vom Spektrum marxistischer Ansätze. Vielmehr hat sich die Diskussion auf epistomologisches, forschungsethisches und methodisches Terrain, hier insbesondere mit Bezug auf die Aktionsforschung, verlagert. Vor allem jüngere AutorInnen, z.B. Mayo Fuster Morell, Laurence Cox, Graeme Chesters, Anne de Jong und Alissa Starodub, fordern eine politische Parteinahme für und eine enge Kooperation mit (linken) AktivistInnen ein. In diese Richtung weisen auch die Plädoyers für ‚engaged scholarship‘, die mit unterschiedlichen Akzenten und Positionen vor allem in der Fachzeitschrift Social Movement Studies geführt wurden.[i] Auch die Veröffentlichungen der aktuellen Bewegungsforschung, sei sie nun distanziert oder engagiert, werden sich letztlich daran bewähren müssen, ob sie zum Verständnis gegenwärtiger Proteste beitragen.

In jedem Fall gilt: Die bequemen Zeiten sind schon länger vorbei, in denen man sich mit einem guten Gefühl der Nähe zu den neuen sozialen Bewegungen vergewissern konnte, weil Letztere eine progressive Agenda für eine nachkapitalistische Zukunft zu verkörpern schienen – erinnert sei an André Gorz „Wege ins Paradies“ von 1983. Aus den damals kursierenden Hoffnungen (so auch bei Alain Touraine) auf eine übergreifende gesellschaftsgestaltende Bewegung ist nichts geworden. Wer sich mit den Bewegungen von heute insgesamt identifizieren wollte, müsste mit der Einweisung in die Psychiatrie rechnen. Im Bewegungssektor tummeln sich progressive wie reaktionäre Akteure; neben einer pragmatischen Interessenpolitik, die sich auch des Protests bedient, finden sich verstärkt Mobilisierungen, die erneut die Sehnsucht nach völkischer Größe und autoritärer Führerschaft verkörpern. Vieles präsentiert sich widersprüchlich. Die Protestszene war zwar stets bunt und facettenreich, aber selten so zerklüftet wie heutzutage. Wer unter diesen Umständen Bewegungsnähe in der Protestforschung einfordert, gerät in ein Labyrinth partikularer Loyalitäten. Die Nähe zur einen Protestmobilisierung ist notwendig mit der Distanzierung von anderen Protesten verbunden. Eine sich selbst als kritisch und engagiert verstehende Wissenschaft ist deshalb mehr denn je gefordert, ihre eigenen normativen Maßstäbe darzulegen und zu reflektieren. Eine in erster Linie staats- und kapitalismuskritische Selbstverortung – wie sie in der „public sociology“ in der Tradition von Michael Burawoy (2005) angemahnt wird – genügt dabei nicht, weil sich ein rundum positiver Bezug auf die Zivilgesellschaft angesichts ihrer anwachsenden ‚dunklen Seiten‘ verbietet (vgl. Neidhardt 2017). Demokratie und Menschenrechte können noch immer als vertretbare Leitwerte einer engagierten Forschung ins Spiel gebracht werden. Aber orientierend wirken sie erst, wenn ihr utopischer Gehalt gewahrt wird und damit entsprechende Forderungen aus sozialen Bewegungen Resonanz finden können. Welche Bezüge auch immer in den Vordergrund geholt werden: eine neutrale Haltung zu Protesten kann es nicht geben. Es ist geboten, diesen Zwang zur Positionierung reflexiv aufzugreifen, ohne professionelle Standards des wissenschaftlichen Handwerks (wozu wir nicht das Wertfreiheitspostulat rechnen) zu verletzen.

„Adaequatio rei et intellectus“

Bereits im Mittelalter formulierte Thomas von Aquin als Erkenntnisideal, dass – in moderner Fassung – der Untersuchungsgegenstand und die gewählten Analysemethoden zusammenpassen müssen, wenn wahre Aussagen erzeugt werden sollen. Für die Bewegungsforschung, die es ja mit einem besonders heterogenen Forschungsobjekt zu tun hat, war und ist dies stets eine Herausforderung. Die Vielfalt der in den letzten Jahrzehnten erprobten methodischen Ansätze ist beachtlich. In der Summe wird der Versuch deutlich, unterschiedlichen Ausprägungen der Bewegungspraxis jeweils Rechnung zu tragen: sei es, indem ihre gesellschaftlichen Alternativen und ihre präfigurative Praxis in den Fokus gerückt werden (vgl. Zajak 2018), indem – wie im Ressourcenmobilisierungsansatz – die Dynamik von Protestbewegungen als Form organisierten und strategischen Handelns analysiert wird oder die postmaterialistischen, libertären und kulturellen Praktiken betont werden, wie dies Alberto Melucci in seinen „Altri Codici“ (1984) unternommen hat.

Schon diese inzwischen als klassisch zu bezeichnenden Zugänge haben sich nicht einfach zusammenfügen lassen, vom aktuellen Methodenpotpourri ganz zu schweigen. Dass die gegenwärtige Protestlandschaft weitere methodische Herausforderungen mit sich bringt, ist unübersehbar. Können die rechtspopulistischen Proteste von „Pegida“ mit dem gleichen Instrumentarium untersucht werden wie progressive Massenproteste vom Typus „#unteilbar“? Responsive, direkt am beforschten Objekt ansetzende, ihnen eine Stimme gebende Instrumente wie zum Beispiel die Befragung von DemonstrationsteilnehmerInnen geraten nicht nur an Akzeptanzgrenzen, wie die Fälle von „Pegida“ und der Hamburger Demonstration unter dem Motto „We’ll come united“ vom September 2018 zeigten. Da Zeit und Geld im Forschungsprozess eine wichtige Rolle spielen, wird oft auf die am wenigsten aufwändige Methode zurückgegriffen – etwa Gespräche mit „Führungspersonen“ oder „SprecherInnen“ von Bewegungen, obwohl bekanntlich im ‚Fußvolk‘ ganz andere Vorstellungen präsent sein können und die Sprecherrolle zuweilen eine mediale Erfindung darstellt. Methodische Einschränkungen sind zwar unvermeidlich, aber es ist offensichtlich schwierig, sie in der öffentlichen Kommunikation auf Kosten ‚knackiger‘ Aussagen zu vermitteln.

Historisch folgten viele Deutungen von Protesten dem Elite/Masse-Schema: Intellektuelle Eliten und staatlichen Instanzen interpretierten die Massenbewegungen ihrer Zeit. Mit den neuen sozialen Bewegungen hatte sich seit den 1970er Jahren eine Intellektualisierung der Aktiven vollzogen, die eine partizipative Forschungsperspektive angemessen erscheinen ließen, schließlich kamen Engagierte und Forschende aus ähnlichen Milieus (gelegentliche Rollenwechsel inklusive). Auch wenn diese Milieunähe heute nur noch für einen kleineren Ausschnitt des Protestgeschehens gegeben ist, bleibt die Herausforderung, forschend so nahe am ‚Objekt‘ zu sein, dass gehaltvolle Aussagen und Rückmeldungen möglich sind, und gleichzeitig so viel Distanz zu wahren, dass wissenschaftliche Praxis zusätzliche Erkenntnisgewinne erbringen kann. Der Beifall von AktivistInnen für bestimmte Deutungsangebote aus der Wissenschaft kann jedenfalls nicht als Gütekriterium für die Richtigkeit eigener Forschung reklamiert werden, wie dies etwa Werner Patzelt im Zusammenhang mit seinen Analysen von „Pegida“ meinte.[ii] Eine derartige Forschung liefe darauf hinaus, die Selbstinterpretationen von AktivistInnen lediglich zu verdoppeln. Die selbstgewisse Ausdeutung von Aussagen, die Protestierende in Gesprächen geäußert haben, kann sich weniger denn je auf intersubjektive Gewissheiten stützen und läuft Gefahr, dem Protestgeschehen und dem Selbstverständnis seiner Akteure eigentümlich fremd zu bleiben.

Auftragsforschung und wissenschaftliche Unabhängigkeit

Unterliegt bereits der akademische Normalbetrieb bekanntlich vielfältigen Restriktionen, etwa knappe Mitteln, unsichere Karriereplanung, befristete Anstellung und personelle Fluktuation, so steht die in Deutschland schwach institutionalisierte Bewegungsforschung vor besonderen Herausforderungen:

  • Die wichtigste ist vermutlich das Fehlen einer gesellschaftlichen Dauerbeobachtung. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) war es gelungen mit der Protestereignisanalyse im Rahmen des Prodat-Projekts einen solchen Ansatz für die Nachkriegszeit zu schaffen, der aber nur sehr eingeschränkt fortgeführt werden konnte; die Protestchronik von Wolfgang Kraushaar ist (bislang) in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten stecken geblieben; die von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Forschungen zu „Deutschen Zuständen“ mussten nach einer Dekade abgebrochen werden. Seit den 1980er Jahren kam keine halbwegs repräsentative Studie über Bürgerinitiativen mehr zustande, obwohl letztere präsenter denn je sind. Damit fehlen wichtige Analysefolien, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Protestgeschehen geht. Protestforschung gerät so in den Sog ihres Gegenstands: sie wird selektiv, abhängig von modischen Themenkonjunkturen und medialer Aufmerksamkeit.
  • Mit dem Rückgriff auf außeruniversitäre Fördermittel wachsen die direkten und indirekten Abhängigkeiten von aktuellen und potentiellen Auftraggebern. Meist handelt es sich bei der Protestforschung um Mittel der öffentlichen Hand. Dies ist selbst bei der Mehrzahl der Stiftungen, vor allem der politischen Stiftungen, der Fall. Eine unabhängige Finanzierung durch die Zivilgesellschaft als Alternative kann angesichts der besonderen Staatsnähe von Teilen der deutschen Zivilgesellschaft nur in Ausnahmefällen gelingen. Dennoch ist die allgemeine Rede von der Staatsabhängigkeit der Protestforschung unzulänglich und von einem naiven Staatsverständnis geprägt. Mit Marx, Poulantzas und Hirsch ist daran zu erinnern, dass Staat nicht als homogener Block, sondern sinnvoll nur als Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse gedacht werden kann. Daraus ergeben sich divergierende Interessen unterschiedlicher öffentlicher Auftraggeber, die für Forschende Handlungsspielräume eröffnen, welche es im Sinne der Wissenschaftsfreiheit zu erweitern und zu nutzen gilt.
  • Diese Spielräume dürften jedoch umso enger ausfallen, je stärker die öffentliche Finanzierung an repressive Funktionen des Staates gekoppelt ist. Deshalb kann es einen Unterschied machen, ob ein Forschungsvorhaben aus Mitteln des Programms „Demokratie leben!“ des Familienministeriums finanziert wird oder ob es in die Beobachtungsarbeit des Verfassungsschutzes eingebunden ist. Dass es auch dort einen öffentlichen Bereich wissenschaftlicher Analysen gibt, der sich akademischen Standards zu stellen hat, ist davon unbenommen. Eine Bewegungsforschung, die sich allzu sehr in die Nähe des Verfassungsschutzes begibt, vernachlässigt die enormen Folgen der politischen Extremismus-Etikettierung für die potentiell Betroffenen und muss sich über deren Widerstand und über eigene Reputationsschäden nicht wundern. Dass es sich bei den deutschen Verfassungsschutzbehörden nicht um einen Hort gesellschaftlicher (Selbst-)Aufklärung handelt, hat nicht nur der NSU verdeutlicht. Was ist von einer Einrichtung zu halten, deren Präsident in seiner Abschiedsrede im Verschwörungsgestus von „linksradikalen Kräften in der SPD“ faselt?

Interne Diskurse der Bewegungsforschung Die ab den späten 1970er Jahren in Westdeutschland entstandene und lange auf die neuen sozialen Bewegungen fokussierte Forschung sah sich in ihrer Frühphase zwei externen Vorwürfen ausgesetzt. Der erste lautete, sie imaginiere einen nicht existenten Gegenstand. So sprach Stöss (1984) vom „Mythos der neuen sozialen Bewegungen“. Der zweite Vorwurf richtete sich auf die sympathisierende Haltung von WissenschaftlerInnen gegenüber ihrem Gegenstand: „Wo sie (die Bewegungswissenschaft, die Verf.) aus offenkundig sympathisierender politischer Intention ein Auge zudrückt, wird sie in ihrer Wirkung gerade entpolitisiert und steht in der Gefahr, zu einer bloß affirmativen Begleit- und Akzeptanzforschung zu verkümmern, die niemand mehr richtig ernst nimmt“ (Greven 1988: 58). Diese Kritiken wurden mit der evidenten Konsolidierung neuer sozialer Bewegungen und der wachsenden Professionalisierung auch der Bewegungsforschung in Deutschland, die rasch Anschluss an die internationalen Diskussionsstand fand, weitgehend ad acta gelegt.

Die heutigen internen Debatten der Bewegungsforschung konzentrieren sich nach unserer Wahrnehmung vor allem auf folgende drei Aspekte:

  • Methodenprobleme und Methodenadäquanz: Die Verfachlichung der Bewegungsforschung war spätestens seit den 1990er Jahren von einer wachsenden Diversität der Perspektiven sowie der Professionalisierung des methodischen Instrumentariums begleitet. Damit verbunden waren dann auch Debatten über die Angemessenheit und Aussagekraft einzelner Methoden – etwa der Erfassung von Mobilisierungspotentialen aufgrund von teilweise hypothetisch formulierten Items in repräsentativen Bevölkerungsumfragen; der Selektivität von Protestereignisanalysen auf der Basis von Zeitungsberichten; der Repräsentativität von Vor-Ort-Befragungen von Protestierenden; der vorrangigen Erschließung von Bewegungsstrukturen anhand von formalen und großen Organisationen; der Fokussierung auf das spektakuläre Protestgeschehen zu Lasten des Dauerbetriebs von Organisationsund Motivationsarbeit; der Identifizierung anhaltender Forschungslücken, zum Beispiel hinsichtlich der internen Machtstrukturen in Bewegungen oder Prozessen der Demobilisierung.

Diese Kritik war in Teilen berechtigt; sie gehört aber zur Normalität des Forschungsbetriebs und ist insoweit nicht feldspezifisch. In ihrer Summe führte sie zu einer graduellen Verbesserung theoretischer wie empirischer Instrumente, ohne dass ein Abschluss dieser Entwicklung abzusehen wäre.

  • ‚Altbackenheit‘ der ‚etablierten‘ Bewegungsforschung: Die Konsolidierung einzelner Perspektiven und Paradigmen innerhalb der Bewegungsforschung und deren vorrangige Repräsentation durch inzwischen ergraute ForscherInnen rief verschiedentlich VertreterInnen jüngerer Generationen auf den Plan, die eine Vernachlässigung neuer empirischer Entwicklungen (zum Beispiel der digitalen Kommunikation) oder auch die Notwendigkeit anderer theoretischer Perspektiven und Paradigmen betonten. Bei dem Versuch, die eigene Originalität herauszukehren, wurde gelegentlich der tatsächliche Stand der Forschung stark vereinfacht, wenn nicht sogar verzerrt. Auf diese Weise positionierten sich zum Beispiel der Ressourcenmobilisierungsansatz in den 1980er Jahren und Vertreter des cultural turn in den 1990er Jahren in den USA gegenüber einem angeblich dominanten, aber einäugigen Mainstream bisheriger Bewegungswissenschaft. Ein aktuelles Beispiel für dieses Verhaltensmuster im deutschen Sprachraum ist das Plädoyer für eine poststrukturalistische Bewegungsforschung: „Etablierte Forschungsansätze“ würden einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes nicht erfassen, so „beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretischen Analyseperspektive, …wie auch die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (Leinius/Vey/Hagemann 2017: 6). Diese Kritik, so unser Eindruck, kann nur in Unkenntnis etlicher vorliegender Arbeiten formuliert werden, denkt man etwa, auf Deutschland bezogen, an AutorInnen wie Joachim Raschke, Joachim Hirsch, Roland Roth, Margit Mayer und Ulrich Brand.
  • Politische Positionierung: Ein drittes Thema aktueller forschungsinterner Debatten ist die (wiedergekehrte) Frage der gebotenen oder schädlichen politischen Positionierung der Forschenden zu ihrem Gegenstand soziale Bewegungen und, damit teilweise verbunden, die Interessenbindung der Forschenden an ihre Geldgeber. Diese Debatte hat durch die Publikation der Berliner Autoren Teune/Ullrich (2018), die darauf folgende Replik Göttinger Autoren (Finkbeiner/Schenke 2018) und weiterführende Überlegungen von Scholl (2018) an Konturen gewonnen. Darauf einzugehen, würde den Rahmen unseres kleinen Beitrags sprengen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Feld der Bewegungsforschung in einem doppelten Sinne in Bewegung ist. Einerseits ist es hochgradig dynamisch, so dass es schwer fällt, einen konsolidierten und auf absehbare Zeit gültigen Wissensstand gleichsam in Lehrbuchform zu präsentieren. Andererseits ist die Bewegungsforschung auch in dem Sinne bewegt, als sie Kontroversen ausficht, das Thema „engaged scholarship“ intensiv diskutiert und sich zudem in Teilen selbst bewegungsähnlich organisiert. Parallel und ergänzend zu den etablierten Formen der akademischen und teilweise hierarchisierten Wissensproduktion bilden sich dezentrale, nur lose vernetzte und horizontale Strukturen heraus. Diese Art von Bewegungsforschung weist in ihrem Rollenverständnis insofern Merkmale von public sociology auf, als sie gesellschaftliche und politische Missstände aufgreifen und ihre Befunde auch in die Öffentlichkeit tragen will, ohne deshalb schon den Mund so voll zu nehmen, wie es bei der public sociology im Sinne Burawoys anklingt.[iii]

Literatur

Burawoy, Michael 2005: For Public Sociology. In: American Sociological Review, Vol. 70, 4-28.

Finkbeiner, Florian/Schenke, Julian 2018: Der Aktivist als „besserer“ Forscher? Göttinger Antwort auf Berliner Kritik. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3, 93-97. Greven, Michael Th. 1988: Zur Kritik der Bewegungswissenschaft. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 1, Heft 4, 51-60.

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017:  Poststrukturalistische  Perspektiven auf soziale Bewegungen: Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

Melucci, Alberto (Hg.) 1984: Altri Codici. Aree di movimento nella metropoli. Bologna: Il Mulino.

Müller, Hans-Peter 2017: Die Grenzen der Soziologie. In: Aulenbacher, Brigitte et al. (Hg.), Öffentliche Soziologie. Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Campus, 113-118.

Narr, Wolf-Dieter 1995. Zwischen Profession und Bewegung: 10 Jahre Arbeitskreis Soziale Bewegungen. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 8, Heft 1, 82-89.

Neidhardt, Friedhelm 2017. „Public Sociology“ – Burawoy-Hype und linkes Projekt. In: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 27, 303-317.

Roth, Roland 2018: Eine neue Generation von Protesten? Ein Literaturbericht. In: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, Jg. 12, Heft 2, 429-452.

Rucht, Dieter 2016. Conclusions. Social Movement Studies in Europe: Achievements, Gaps and Challenges. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.), Social Movement Studies in Europe: The State of the Art. New York and Oxford: Berghahn, 456-487.

Rucht, Dieter/Teune, Simon 2017: Einleitung: Das Protestgeschehen in der Bundesrepublik seit den 1980er Jahren zwischen Kontinuität und Wandel. In: Daphi, Priska/ Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel der Bedingungen, Formen und Effekten des politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Nomos: Baden-Baden, 9-33.

Scholl, Armin 2018: Das Selbstverständnis der Bewegungsforschung im Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Versuch einer Weiterführung der Debatte. https://soziologieblog.hypotheses.org/12318 [07.01.2019].

Stöss, Richard 1984: Vom Mythos der ‚neuen sozialen Bewegungen‘. Neun Thesen und ein Exkurs zum Elend der NSB-Forschung. In: Falter, Jürgen W./Fenner, Christian/Greven, Michael (Hg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung. Opladen: Westdeutscher Verlag, 548-565.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischem Auftrag. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 31. Jg., Heft 1-2, 418-424.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31. Jg., Heft 4, 98-105.

 

 

[i]  Siehe insbesondere einzelne Beiträge in den Heften 2/2012 und 2/2013.

[ii]  So Patzelt bei einer Veranstaltung unter dem Titel „PEGIDA: Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende“-Enttäuschung?“ am 30. November 2015 in der Kapelle des Dresdener Residenzschlosses.

[iii] Sie dazu die kritischen Anmerkungen von Müller (2017) und Neidhardt (2017).

 

Photo by History in HD on Unsplash (MLK in the March on Washington for Jobs and Freedom, in Washington, D.C. on Wednesday, August 28, 1963)

Call for Papers: Annual conference of the Institute for Social Movement Studies – Social Movements in the Digital Age

01.04.2019

HASHTAGS TWEETS PROTEST
Social Movements in the Digital Age

— Call for Papers and Panels —

Annual conference of the Institute for Social Movement Studies in co-operation with the Weizenbaum Institute for the Networked Society

15./16. November 2019, Weizenbaum-Institut

Hardenbergstraße 32, 10623 Berlin

 

Today, protest and counter-protest, rule and resistance can only be thought of in the context of a digitized society, its particular opportunities, dynamics and challenges.

Digital communication determines our everyday life and the ways we inform, argue and express ourselves. Hashtags, Instagram Stories and YouTube videos are not only used today for self-por­trayal, they are also central to collective action and political commitment. Protests at least have the potential to become globally visible through digital communication through images, tweets and streams. There are increasing numbers of digital movement entrepreneurs combining financial and political interests, who have a head start in the competition for attention on the Internet.

Digital interactions change our social relationships and thus also the form and functioning of social movements and protests. The digital context allows mobilizations to be initiated with less orga­nizational effort; to participate is sometimes just a click away. Movements, only become visible and responsive through their digital work: as mass movements, they require digital co-ordination. This can turn power relations upside down. Thus, movements and marginalized groups have new opportunities to articulate their ideas and interests. And yet, the question arises which concerns and organizational methods benefit most from the digital sphere – and which lose the struggle for attention.

Recently, we have become aware of other downsides of digital organization: digital hate cultures. They use commercial platforms to disguise supremacist ideologies and set up their own forums where they co-ordinate political campaigns and attacks on political opponents. There is more surveillance and automation is increasing. Thus, the digital constellation harbors dangers such as isolation, repression, stigmatization, slander and censorship as well as an opportunity structure for right-wing actors – and for resistance from progressive civil society. In all cases, social networks create transregional public spheres that are indispensable and that influence politics and its cultu­ral foundations.

This year‘s annual conference of the Institute for Social Movement Studies is dedicated to the challenges and opportunities for protest and movements in the digital age.

Together, we ask: How do we understand protest in the digital context? How do organization and mobilization differ and complement one another online and offline? Does the structure of digital platforms have benefits for particularly reactionary movements? How can digital spaces strengt­hen emancipatory policy approaches? What methodological and empirical challenges are associa­ted with research into movements and protest on the Internet? Possible contributions include, but are not limited to, the following topics:

  • Online-offline interactions: mechanisms and processes
  • Mobilization via platforms (messengers, image boards, video platforms, deep web)
  • Movement entrepreneurship in the Internet
  • Visual strategies (memes, GIFs, videos)
  • Internet movements and ‘digital (movement) parties’
  • Online subcultures and their influence on the political mainstream
  • Digital repression and surveillance by state actors
  • Spatial production and spatial understanding in a digital context
  • Hate speech, filter bubbles, echo chamber, algorithms and their anti-democratic dangers
  • Civil Society 2.0: Digital street work, solidarity and counter hegemony
  • Practices that explicitly reject the digital and their challenges
  • Methodological challenges, ethical research questions and approaches to research
  • Transnational community building via digital platforms (movements and diaspora acti- vism)
  • Targeted manipulation of political discourses and opinions
  • New forms of organization, digital repertoires and campaigns
  • Theoretical contributions to protest, digitalization and surveillance capitalism

The conference languages are German and English. The conference invites alternative forms of presentation, such as performances or exhibitions, and activist contributions. We encourage especially young researchers and women to register. The aim is to publish selected contributions in German and English. Abstracts for individual contri­butions (max. 250 words) or panel proposals with up to four paper abstracts must be submitted by 26 July 2019 at: konferenz2019@protestinstitut.eu.

Call for Papers: ipb-Jahrestagung 2019 – Soziale Bewegungen im digitalen Zeitalter

01.04.2019

HASHTAGS | TWEETS | PROTEST
Soziale Bewegungen im digitalen Zeitalter

— Call for Papers und Panels —

Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung in Kooperation mit dem Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft

15./16. November 2019, Weizenbaum-Institut
Hardenbergstraße 32, 10623 Berlin

 

Protest und Gegenprotest, Herrschaft und Widerstand lassen sich heute nur im Kontext der digitalisierten Gesellschaft, ihrer speziellen Möglichkeiten, Dynamiken und Gefahren denken.

Digitale Kommunikation bestimmt unseren Alltag und die Formen, in denen wir uns (politisch) informieren, streiten und ausdrücken. Hashtags, Instagram-Stories und YouTube Videos werden heute nicht nur zur Selbstdarstellung eingesetzt, sondern sind auch zentral für kollektives Han­deln und politisches Engagement. Proteste werden über digitale Dokumentation – Bilder, Tweets, Streams – zumindest potenziell global sichtbar. Und zunehmend etablieren sich digitale Bewegungsunternehmer*innen, die finanzielle und politische Interessen vereinen und Startvorteile im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit im Netz versprechen.

Digitale Interaktionen verändern soziale Beziehungen und damit auch Form und Funktionieren sozialer Bewegungen und Proteste. Um Mobilisierungen zu initiieren, reicht im digitalen Kontext oft ein geringerer Grad an Organisiertheit; um an ihnen teilzunehmen, gar manchmal nur ein Klick. Bewegungen wiederum werden durch ihre digitale Arbeit erst sicht- und ansprechbar – als Massenbewegung bedürfen sie der digitalen Koordination. Dies kann Machtverhältnisse auf den Kopf stellen: So bieten sich Bewegungen wie auch marginalisierten Gruppen neue Chancen für die Artikulation ihrer Ideen und Interessen. Und doch stellt sich die Frage, welche Anliegen und Orga­nisationsweisen vom Digitalen besonders profitieren und auch, was im Kampf um Aufmerksamkeit unterliegt.

Auch andere Kehrseiten digitaler Organisation nehmen wir in jüngerer Zeit verstärkt wahr: Digitale Hasskulturen machen auf sich aufmerksam. Sie nutzen kommerzielle Plattformen, um Ideologien der Abwertung neu zu verkleiden, und bauen sich eigene Foren auf, in denen sie politische Kam­pagnen und Angriffe auf politische Gegner*innen koordinieren. Überwachung nimmt zu und lässt sich immer stärker automatisieren. Somit birgt die digitale Konstellation neben Gefahren wie Ver­einzelung, Repression, Stigmatisierung, Verleumdung und Zensur auch eine Gelegenheitsstruktur für rechte Akteur*innen – und für den Widerstand aus der Zivilgesellschaft. In jedem Fall schaffen soziale Netzwerke nicht mehr wegzudenkende transregionale Öffentlichkeiten, die die Politik und ihre kulturellen Grundlagen mitbestimmen.

Die diesjährige Jahrestagung des IPB widmet sich den Herausforderungen und Chancen für Pro­teste und Bewegungen im digitalen Zeitalter. Gemeinsam fragen wir: Wie müssen wir Protest im digitalen Kontext verstehen? Wodurch unter­scheiden und wie ergänzen sich Organisierung und Mobilisierung online und offline? Trägt die Struktur digitaler Plattformen dazu bei, dass besonders reaktionäre Bewegungen profitieren? Wie können digitale Räume emanzipatorische Politikansätze stärken? Welche methodischen und empirischen Herausforderungen sind mit der Erforschung von Bewegungen und Protest im Netz verbunden? Mögliche Beiträge umfassen die folgenden Themen, sind aber nicht auf sie begrenzt:

  • Online-Offline Interaktionen: Mechanismen und Prozesse
  • Mobilisierung über Plattformen (Messenger, Imageboards, Videoplattformen, Deep Web)
  • Bewegungsunternehmer*innentum im Netz
  • Visuelle Strategien (Memes, GIFs, Videos)
  • Internetbewegungen und ‚digitale (Bewegungs-)Parteien‘
  • Online-Subkulturen und ihre Beeinflussung des politischen Mainstreams
  • Digitale Repression und Überwachung durch staatliche Akteur*innen
  • Raumproduktion und Raumverständnisse im digitalen Kontext
  • Hassrede, Filterblasen, Echokammer, Algorithmen und deren anti-demokratische
  • Gefahren
  • Zivilgesellschaft 2.0: Digitales Streetwork, Solidarität und Gegenhegemonie
  • Praktiken, die das Digitale explizit ablehnen, und ihre Herausforderungen
  • Methodische Herausforderungen, forschungsethische Fragen und Forschungszugänge
  • Transnationale Gemeinschaftsbildung über digitale Plattformen (Bewegungen und Diaspora-Aktivismus)
  • Gezielte Manipulation von politischen Diskursen und Meinungen
  • Neue Organisationsformen, digitale Repertoires und Kampagnen
  • Theoretische Beiträge zu Protest, Digitalisierung und Überwachungskapitalismus

Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Die Konferenz lädt zu alternativen Darstellungs­formen, wie Performances oder Ausstellungen, und aktivistischen Beiträgen ein. Wir ermutigen besonders junge Forschende und Frauen* sich anzumelden. Eine deutsch- und englischsprachige Publikation von ausgewählten Beiträgen wird angestrebt. Abstracts für Einzelbeiträge (max. 250 Wörter) oder Panelvorschläge mit bis zu vier Vortragsabs­tracts sind einzureichen bis zum 26. Juli 2019 unter: konferenz2019@protestinstitut.eu.

Erste Ergebnisse der Befragung der “Fridays for Future”-Proteste

26.03.2019

Am 15. März 2019 gingen im Rahmen der “Fridays for Future”-Proteste weltweit Schüler*innen und Studierende für sofortige Maßnahmen gegen den Klimawandel auf die Strasse. Zusammen mit Protestforscher*innen aus Schweden, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Belgien, Polen, der Schweiz, Österreich und Italien befragten Kolleg*innen des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung an diesem Tag Protestierende. Für die deutsche Teilstudie fanden die Befragungen in Berlin und Bremen statt.

Auf der Projektseite haben wir erste Ergebnisse zur Verfügung gestellt, die am 26. März in einem Pressegespräch vorgestellt wurden.

Wesentliche Ergebnisse sind:

  • Der Protest wird stark von Schüler*innen geprägt. Viele sind am 15. März das erste Mal auf der Straße
  • Der Großteil der Befragten kommt aus der Mittelschicht mit hohen formalen Bildungsabschlüssen. Etwa die Hälfte der Eltern der Befragten hat einen Hochschulabschluss.
  • Social Media haben bei der Mobilisierung zum Protest eine große Rolle gespielt, aber Freunde waren ein ebenso wichtiger Faktor
  • Greta Thunberg hat bei etwa zwei Fünfteln der Befragten das Interesse am Klimawandel deutlich verstärkt. Etwas weniger meinen, dass sie ihre Entscheidung zur Teilnahme beeinflusst hat.

Der Befragung liegen 339 Antworten auf einen Online-Fragebogen zugrunde. Am 15. März wurde eine Zufallsauswahl der Teilnehmenden zur Beteiligung an der Befragung eingeladen.

Neues ipb-Working Paper: Dieter Rucht – Die Gelbwestenbewegung

22.02.2019

Das ipb working paper I.2019 ist erschienen:

Dieter Rucht –Die Gelbwestenbewegung. Stand und Perspektiven

Seit drei Monaten steht Frankreich im Bann der Gelbwestenbewegung. Der Beitrag beschreibt zunächst deren soziales Profil, Forderungen und Aktionsrepertoire. In einer stärker analytischen Perspektive widmet er sich dann den Ursachen, Auslösern und Verstärkern der Bewegung und diskutiert schließlich die Perspektiven. Die Leitthese lautet, dass die Bewegung, obgleich doch ohne direkten Vorläufer in der Geschichte Frankreichs, ein Produkt der spezifischen sozioökonomischen, politischen und kulturellen Gegebenheiten des Landes ist und deshalb auch kaum in anderen Ländern Fuß fassen wird. In ihrer jetzigen Form werden sich die Gelbwesten nicht halten können. Die Bewegung wird entweder in der Routine der Wiederholung versanden oder aber aufgrund einer Reihe interner Streitfragen (links oder rechts; friedlich oder militant; Bewegung oder Partei; moderate Reformen oder grundlegende politische Umwälzung) auseinander brechen.

Download

Übersicht der ipb working papers

 

Foto: “Nightflighttovenus“ @Flickr. Commons CC-0 Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0)

Rezension: Mullis 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt

11.02.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Es folgt nun Judith Vey mit einer Rezension zu Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment. Münster: Westfälisches Dampfboot. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Gelungener Beitrag zu einer postfundamentalistischen Bewegungsforschung“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. Einen Blick in das Buch gibt es auf Academia.edu.

 

Daniel Mullis’ im Jahr 2016 eingereichte Dissertation wurde 2017 im Verlag Westfälisches Dampfboot veröffentlicht und bietet einen gut recherchierten und differenzierten Einblick in die Krisenproteste in Athen in den Jahren 2008 bis 2014 und in Frankfurt/Main von 2012 bis 2015. Darüber hinaus stellt die Monografie eine theoriegeleitete, postfundamentalistische1 Auseinandersetzung mit den Konzepten Protest, Raum, Politik und Stadt dar und liefert eine wertvolle Perspektiverweiterung in der sozialen Bewegungsforschung und im Bereich der politischen Theoriebildung. Schwerpunkt und Zielsetzung der Arbeit ist die relationale Verbindung der politischen Konstitution von Raum und der räumlichen Konstitution von Politik. Was zunächst einmal sehr komplex und etwas sperrig klingt, bekommt bei der Lektüre des Textes schnell ein Gesicht und einen gut nachvollziehbaren Inhalt: Das Begriffspaar ermögliche „eine dahingehende Befragung der Auseinandersetzungen […], wie, warum und wo durch Politik Raum produziert wurde und welche Rolle verstetigte Raumproduktionen für Politik spielen“ (297 f.). Es geht also darum zu verstehen, wie auf der einen Seite durch Politik ein spezifischer Raum – zum Beispiel die Stadt – hergestellt wird und auf der anderen Seite, wie bestehende Räume sich auf die Art der Politik auswirken können.

Das Buch lässt sich grob in drei Teile untergliedern: Im ersten, theoretischen Teil wird ein Einblick in eine kritische (geografische) Stadtforschung und soziale Kämpfe gegeben (Kapitel eins). Im daran anschließenden zweiten Kapitel „Die Politik zwischen Hegemonie und Moment“ werden diese beiden Modi von Politik, die die theoretischen Ausgangspunkte der Arbeit bilden, in Bezugnahme auf Ernesto Laclau und Chantal Mouffe einerseits und Jacques Rancière andererseits genauer beleuchtet und reflektiert. Im dritten Kapitel wird auf Henri Lefebvres Raumkonzept, auf dem die Arbeit aufbaut, eingegangen. Abschließend werden die verwendeten Politik- (Laclau/Mouffe und Rancière) und Raumbegriffe (Lefebvre) miteinander verbunden und auf dieser Basis konkrete Fragen an die Empirie abgeleitet (Kapitel vier). In einem zum zweiten, empirischen Teil der Arbeit überleitenden Kapitel fünf werden das Forschungsdesign vorgestellt und eine Selbstreflektion vorgenommen. Kapitel sechs und sieben widmen sich nun ausführlich der Analyse des Widerstands gegen das Austeritätsregime in Athen 2008 bis2014 und den Blockupy-Krisenprotesten in Frankfurt/Main in den Jahren 2012 bis 2015. Der dritte, wiederum stark theoretische, jedoch deutlich kürzere Teil, das achte Kapitel, bildet ein theoretisch inspiriertes Resümee der Proteste und verwendeten Theorien und legt einen Vorschlag vor, „wie die politische Konstitution von Raum sowie die räumliche Konstitution von Politik zu denken sind“ (296). In einem Nachwort werden abschließend „Anmerkungen für eine emanzipatorische Politik“ gegeben.

Zunächst muss hervorgehoben werden, wie umfangreich die empirische Analyse angelegt ist: Die Darstellung von sechs Jahren Protestbewegung in Athen und vier Jahren in Frankfurt, verdichtet und dennoch detailgetreu auf insgesamt mehr als 150 Seiten rekonstruiert, gibt einen fundierten Einblick in die Geschehnisse in den jeweiligen Ländern (und darüber hinaus). Die Analyse basiert auf teilnehmender Beobachtung, Expert*inneninterviews und einer Dokumenten- und Quellenanalyse. Mullis’ umfangreichen Kenntnisse der jeweiligen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und deren Einordnung sowie die lange Dauer der qualitativen Feldforschung beeindrucken. Dabei gelingt dem Autor die historische Einbettung ebenso wie die Bezugnahme auf internationale Zusammenhänge der Proteste – vor allem hinsichtlich vorhergehender Protestbewegungen, wie dem ‚Arabischen Frühling‘ und Occupy Wall Street. Die Leserin erhält einen präzisen und spannend zu lesenden Einblick in zwei wichtige europäische Protestbewegungen und die gesamtgesellschaftlichen, vor allem ökonomischen und politischen Entwicklungen der beiden Länder und im Europa der vergangenen zehn Jahre. Veranschaulicht und unterlegt werden die Daten mittels zum Teil selbst erstellter Karten, Grafiken und Fotos. Generell werden die Rekonstruktion und Analyse anschaulich dargestellt sowie verständlich und mitreißend geschrieben. Da Mullis nicht die Frage nach Identitätsbildung und auch nicht nach der Verbindung einzelner Proteste durch einen gemeinsamen Bezugspunkt ins Zentrum stellt – wie dies in vielen Arbeiten der sozialen Bewegungsforschung der Fall ist –, werden die Vielschichtigkeit, Heterogenität und auch innere Widersprüchlichkeit der Proteste nicht verdeckt, sondern offen zur Kenntnis genommen (160). Diese Perspektivverschiebung ist auch für poststrukturalistisch informierter Analysen, die bisweilen ebenfalls zu einer Vereindeutigung neigen, ein Zugewinn.

Postfundamentalistische Blickverschiebungen und ihre Grenzen

Die Monografie überzeugt nicht nur bezüglich der empirischen Aufarbeitung der beiden Protestbewegungen, sondern auch durch deren geschickte Verknüpfung mit einer theoretisch inspirierten Perspektive, die vor allem in der deutschsprachigen Bewegungsforschung immer noch stark unterbelichtet und deren Systematisierung und Eingang in den Mainstream-Kanon erst in den Anfangszügen ist (auch wenn es bereits eine kontinuierlich steigende Anzahl poststrukturalistischer Bewegungsforscher*innen aus verschiedenen Disziplinen gibt, siehe Leinius et al.2017). Der empirischen Betrachtung und Analyse wird dementsprechend eine theoretische Rahmung gegeben, mittels der auf soziale Realität geblickt und diese interpretiert wird. Die zentralen Bezugsrahmen Laclau/Mouffe und Rancière sind geschickt gewählt und vermögen es, mittels der Konzepte Hegemonie und Moment temporäre Ereignisse und längerfristige Entwicklungen zu verbinden und verstehbar zu machen. Generell gelingt Mullis der nicht einfache Spagat zwischen theoretisch-abstrakten Begriffen und Denkfiguren und deren Anwendung auf das erhobenen Material sehr gut.

Zentraler Ausgangspunkt ist bei ihm infolgedessen, dass Stadt nicht vorab definiert und als Erklärung herangezogen wird, um die betrachteten Proteste zu charakterisieren und zu analysieren (vgl. 30). Stattdessen wird gefragt: „Wo ist Politik, welche Rolle spielt Raum und was hat das mit Stadt zu tun? Bzw. was ist das Städtische an Politik?“ (30, Hervorhebung im Original). Das Städtische muss quasi erst als solches artikuliert und damit in seiner konkreten Rolle definiert werden, um relevant zu werden. Die Vereinfachung und Objektivierung sozialer Realität auf (deterministische) Kausalzusammenhänge kann damit vermieden werden. Dies bringt uns jedoch gleichzeitig zu einem Grundproblem postfundamentalistischer Theorien und Analysen, das es zu lösen gilt: Mullis kann sehr überzeugend rekonstruieren, wie bestimmte Momente artikuliert wurden und wie sich die Proteste im Spannungsfeld zwischen Moment und Hegemonie entwickelt haben. Warum hingegen etwas auf eine bestimmte Art und Weise artikuliert wurde, warum überhaupt und andere Elemente nicht, kann jedoch nur im Nachhinein rekonstruiert, aber nicht zufriedenstellend begründet werden. Die Proteste hätten sich bei gleicher Ausgangslage auch anders entwickeln können; (andere) Missstände hätten als relevant artikuliert werden können. Warum sie sich jedoch auf diese spezifische Art und Weise entwickelt haben, kann mit dieser Perspektive nicht ausreichend erklärt werden, sondern eben nur deren Verlauf und dieser auch nur im Nachhinein. Ist daher doch eine materialistische Rückbindung notwendig? Möglich, denn genau dies tut Mullis unbewusst, wenn er im Rahmen seiner Analyse der beiden Fallbeispiele bestimmte Ereignisse, ökonomische und politische Entwicklungen zur Erklärung des weiteren Protestverlaufes anführt. Das beschriebene Problem ist jedoch ein Grundproblem postfundamentalistischer Theorien und kann im Rahmen dieser Arbeit schwerlich gelöst werden.

Hegemonie und Moment – eine zu starre Trennung?

Ein zentraler Ausgangspunkt der Arbeit stellt die relativ strikte Unterscheidung zwischen Hegemonie und Moment dar. In Rekurs auf Laclau und Mouffe versteht der Autor Hegemonie als „verknüpfende und sukzessive politische Praxen“ und „Praxis des konflikthaften Knüpfens von hegemonialen Formationen, die um den Status von Ordnung ringen“ (17f.). Dem gegenübergestellt wird Rancières Fokussierung auf momenthaften Ereignissen, die bei Laclau/Mouffe als untertheoretisiert angenommen werden. Mullis’ Schlussfolgerung, dass sich mittels Laclau und Mouffes Theorie eruptive Momente nicht genauer bestimmen lassen, würde ich so jedoch nicht teilen. Den Grund für seine Annahme liegt eher in einem zu starren Begriff von Hegemonie, mit dem vor allem ein organisierter, strategischer Stellungskrieg, wie er bei Gramsci beschrieben wird, gemeint ist und Hegemonie dementsprechend als funktionaler und intentionaler Prozess gedacht wird. Dies scheint jedoch zu kurz gegriffen. Gerade durch momenthafte Verknüpfungen von vorher unverbundenen Elementen, wie sie bei spontanen Ereignissen wie Platzbesetzungen oder auch dem Tod eines Demonstranten und darauffolgender Proteste der Fall sind, werden neue Sinn und Möglichkeitsräume produziert, die sich sehr gut mit Laclau und Mouffes Ansatz denken und erklären lassen. Sie bezeichnen solche Momente der Eruption als Dislokationen, in denen die hegemoniale Ordnung und Wahrheit auf Tiefste erschüttert und das Soziale als vergessene, sedimentierte Kämpfe re-politisiert wird. Auch Mullis scheint diese von ihm getätigte strikte Unterscheidung aufzuweichen, wenn er argumentiert, dass die eruptiven Momente in gesellschaftliche Strukturen und Kämpfe eingebunden werden müssen, um Wirkmächtigkeit entfalten zu können: „(…) andererseits müssen Momente, sollen sie nicht ins Leere fallen, von hegemonisierenden Praxen aufgefangen, vertieft und verbreitert werden“ (306). Mullis’ Kritik an Laclau und Mouffes fehlender Theoretisierung der Sedimentierungsprozesse (53) überzeugt hingegen und stellt einen wichtigen Ansatzpunkt für eine Weiterentwicklung des Laclau/Mouffe’schen Ansatzes dar.

Abschließend lässt sich resümieren, dass sich Mullis’ Analyse passgenau in das kontinuierlich größer werdende Feld einer poststrukturalistisch inspirierten und informierten Bewegungsforschung einreiht und insgesamt einen wichtigen Beitrag in der Bewegungsforschung leistet, in dem er seine empirischen Analysen in einen gesellschaftstheoretischen und -analytischen Rahmen einbettet. Er trägt somit elementar zu einer „notwendige[n poststrukturalistischen] Blickverschiebung“ (Leinius et al. 2017: 6) bei.

 

Verwendete Literatur

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017: Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

[i]           In postfundamentalistische Theorien wird die Annahme der Existenz von Letztbegründungen und Fundamenten, auf den die soziale Realität basiert, negiert. Stattdessen erhalten Objekte, Handlungen und Subjekte ihre Bedeutung erst durch ihre relationale Beziehung zueinander.

 

Rezension: Daphi 2017: Becoming a Movement

04.02.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz

Es folgt nun Johannes Diesing mit einer Rezension zu Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement. Lanham: Rowman & Littlefield. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Eine Geschichte gemeinsamen Kämpfens“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Der Gegenstand der Studie Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement von Priska Daphi ist die globalisierungskritische Bewegung in Italien, Deutschland und Polen. Das Buch beginnt mit einem historischen Abriss über die Bewegung von den frühen 1990er Jahren bis in die späten 2000er Jahre.

Im ersten Kapitel wird die Fragestellung des Buches vorgestellt und eine Verortung der Forschungsmethoden vorgenommen. Die Studie geht der Frage nach, wie aus dem Zusammenspiel kognitiver, relationaler und emotionaler Dynamiken der Identitätsbildung ein gemeinsam geteiltes Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung entstanden ist. Der Forschungsansatz besteht dabei aus einer Verbindung der Frame-Analyse, der Untersuchung kollektiver Protestpraxen sowie narrativer Ansätze, um die kollektive Identitätsbildung im Gruppengedächtnis nachzuvollziehen. Dabei stützt sich die Autorin auf eine Analyse der Strukturen sowie der Inhalte der Narrationen der beteiligten Aktivist*innen. Die Studie basiert auf 71 Interviews und drei Fokus-Gruppen mit Aktivist*innen der globalisierungskritischen Bewegung sowie auf 15 Expert*innen-Interviews mit Forscher*innen und Journalist*innen, die zu dem Thema gearbeitet haben. Die interviewten Aktivist*innen weisen unterschiedliche Positionen in Bezug auf Alter, Gender, Region der Herkunft sowie ihrer Rolle innerhalb der Bewegungen auf und kommen darüber hinaus aus unterschiedlichen aktivistischen Spektren der globalisierungskritischen Bewegung.

Länderspezifische Erzählungen

Das zweite Kapitel stellt das erste empirische Kapitel dar. Hier werden die länderspezifi hen Erzählungen der globalisierungskritischen Bewegung in Italien, Deutschland und Polen dargestellt. Durch die Herausarbeitung von Unterschieden in den Narrativen wird die Bedeutung der jeweiligen länderspezifischen und auch lokalen Kontexte betont. Unter den Aussagen der Interviewpartner*innen aus Italien gibt es im Gegensatz zu den Interviews mit Aktivist*innen aus Deutschland und Polen ein höheres Maß an Übereinstimmung in Bezug darauf, welche Gruppen und Akteure Teil der globalisierungskritischen Bewegung waren. Im Vergleich zu den Aussagen deutscher und polnischer Aktivist*innen bestand bei den italienischen Gesprächspartner*innen auch eine Übereinstimmung darüber, dass die globalisierungskritische Bewegung im Jahre 2004 an ihrem Ende angekommen war. Der Grund lag in dem Erlebnis, dass die Bewegung trotz sehr hoher Mobilisierungsfähigkeit politische Entscheidungen etwa über den Eintritt Italiens in den Irakkrieg 2003 nicht beeinflussen konnte. Die Unterschiede in den Narrativen zwischen den untersuchten Ländern resultieren auch aus einem jeweiligen Fokus der Befragten auf nationale Ereignisse wie die Gipfelproteste in Genua 2001 oder Heiligendamm 2007 sowie Warschau 2004.

In einem weiteren Schritt stellt Priska Daphi Übereinstimmungen zwischen den drei Ländern heraus. Daphi macht dabei in allen drei Ländern drei wesentliche Gruppen von Aktivist*innen (activist sectors) aus: anti-neoliberale Gruppen, öko-pazifistische Gruppen sowie antikapitalistische Gruppen. Im dritten Kapitel wird aufgezeigt, inwiefern trotz aller Abweichungen zwischen den jeweiligen Ländern und aktivistischen Spektren auch ein gemeinsames, länderübergreifendes Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung existiert. Dieses Narrativ umfasst einen Plot, der die geteilte Erfahrung kollektiver Anstrengungen und Triumphe enthält. Es erlaubt den Beteiligten, ihre Geschichte als eine von geteilten Vorstellungen, Abgrenzungen und empfundener Nähe wahrzunehmen. Der Plot setzt sich aus folgenden vier Episoden zusammen: 1.) die Situation vor Beginn der globalisierungskritischen Bewegung; 2.) eine Aufbau-phase, in der eine transnationale Kooperation anwächst, Spaltungen aber wirksam bleiben; 3.) die Hochphase der Bewegung, in der sie die in der Linken bestehenden Spaltungen fast vollständig überwinden sowie die ideologische Hegemonie des Neoliberalismus erschüttern kann; und schließlich 4.) ein Abschwung und Ende der Bewegung, gekennzeichnet durch ein sinkendes Mobilisierungspotential und einen Rückgang spektrenübergreifender- und transnationaler Kooperation.

Kollektive Identität

Die sich aus diesem Narrativ herausbildende kollektive Identität wird in Kapitel vier weiter nachvollzogen. Dabei gleicht Daphi die Erzählungen aus den Interviews von 2011 und 2012 mit aktivistischen Publikationen der Jahre 1997-2007 ab. Dieser Vergleich zeigt eine erstaunliche Übereinstimmung und Kontinuität in den Kernaspekten des Narrativs der globalisierungskritischen Bewegung.

Aktivist*innen, die nicht oder nicht mehr Teil der Bewegung waren, erzählen die Geschichte hingegen anders. Mit ihrem sozial-konstruktivistischen Ansatz kann die Autorin zeigen, wie unterschiedliche Aktivist*innengruppen in der erzählten Erinnerung desselben Zeitabschnitts durch bestimmte Aspekte hervorheben oder weglassen. Innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung wird beispielsweise die Situation vor dem Beginn der Bewegung als sehr stark von Spaltungen und fehlender Mobilisierungsfähigkeit erinnert; dies ändert sich dem Narrativ zufolge erst mit dem Erstarken der Bewegung. Gruppenspezifische Narrationen hingegen, die auf eine stärkere Identifikation mit der eigenen aktivistischen Gruppe hinweisen, tendieren demgegenüber dazu, den Unterschied zu vorherigen und nachfolgenden Bewegungen nicht so stark zu betonen. Wichtige Ereignisse der Aufbau- und Hochphase werden eher als Herausforderungen an die eigene Gruppenpolitik erinnert und nicht als Herausforderungen der gesamten Bewegung erzählt.

Von diesen gruppenspezifischen Narrationen grenzt Daphi noch eine weitere Form der Erzählung ab; abgetrennten Narrationen von Aktivist*innen, die sich einmal der globalisierungskritischen Bewegung zugerechnet haben und dies zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr taten. In diesen abgetrennten Narrationen werden Ereignisse, die jedoch nur für bestimmte Aktivist*innengruppen von großer Bedeutung waren, mit dem größeren Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung kombiniert. Auf diese Weise entsteht eine Erzählung, die nicht mehr für alle an der Bewegung beteiligten Gruppen und Akteure Gültigkeit hat und die mithin auch keine geteilten Erfahrungen mitteilt, die eine gemeinsame Identitätsbildung ermöglichen könnte. Daphi zieht daraus die Schlussfolgerung, dass das Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung nur für bestimmte Aktivist*innengruppen zu einer bestimmten Zeit Gültigkeit hatte.

In Kapitel fünf liefert Daphi eine Zusammenfassung und Diskussion der zentralen Ergebnisse. Die Untersuchung der Erzählungen in den kollektiven Erinnerungen von Aktivist*innen der globalisierungskritischen Bewegung zeigt, dass es nicht nur eine Vielzahl von Akteuren, sondern auch eine Vielzahl von Perspektiven gab, die jeweils von länderspezifischen Konstellationen, Spektren- und Gruppenzugehörigkeiten geprägt waren und sich voneinander unterscheiden. Allerdings kann die Autorin auch übereinstimmende Muster in den Erzählungen identifizieren, die jeweils für bestimmte Aktivist*innengruppen über nationale Grenzen hinweg Gültigkeit haben. Aktivist*innen innerhalb eines bestimmten Spektrums tendierten dazu, übereinstimmende Aussagen zur Relevanz beteiligter Gruppen und zu den zentralen Ereignissen sowie deren Bedeutung zu tätigen; und zwar unabhängig davon, ob sie in Italien, Deutschland oder Polen aktiv waren. Daphi zeigt, wie die Bewegung durch dieses Narrativ, gegenüber anderen Mobilisierungen an Profil gewann und spektrenübergreifend und transnational ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und geteilter Erfahrungen entstehen lassen konnte. Dieses Narrativ wurde nur von Aktivist*innen geteilt, die sich selbst primär als Teil der Bewegung ansahen.

Zu guter Letzt gibt Daphi verschiedene Ausblicke für die zukünftige Beforschung sozialer Bewegungen. Diese lassen sich grob in zwei Perspektiven einordnen. Zum einen in Forschungen zu Fragen nach der Bildung kollektiver Identität sowie zum anderen Forschungen zu Fragen nach der Lebensdauer und dem (indirekten) Fortwirken von Bewegungen in anderen Mobilisierungen. Daphi zeigt, dass gerade das Zusammenspiel kognitiver, relationaler und emotionaler Dimensionen wichtig ist. Weiterhin betont sie die Notwendigkeit, die Herstellung von Bedeutung und die Produktion von Sinn als einen kollektiven Prozess zu verstehen, in dem kollektive Praxen und Ritualen eine wichtige Rolle innehaben. In Bezug auf die Fragen nach Lebensdauer und Fortwirken von Bewegungen stellt die Autorin drei Aspekte heraus, die für zukünftige Forschungen wichtig sein können: 1.) die generelle Frage nach der Lebensdauer von Bewegungen, 2.) die Frage nach Kontinuität und Wandel innerhalb eines Mobilisierungszyklus sowie 3.) Kontinuitäten und Veränderungsprozesse über verschiedene, aufeinander folgende Mobilisierungszyklen hinweg.

Das Buch stellt aufgrund des Forschungsansatzes sowohl für Forscher*innen, die an den bisherigen blinden Flecken der jeweiligen Ansätze der Bewegungsforschung weiterarbeiten wollen, als auch aufgrund des umfangreich dargestellten Forschungsstandes für Nachwuchswissenschaftler*innen eine interessante Lektüre dar. Nicht zuletzt ist an Daphis Buch reizvoll, das sie mit ihrem narrativen Ansatz der Untersuchung einer gemeinsam erinnerten Bewegungsgeschichte einem Geschehen nachspürt, das zum Zeitpunkt der Befragung für die Akteur*innen buchstäblich schon Geschichte ist. Sie kommt damit einer bisweilen in der Forschungsdebatte vorgebrachten Aufforderung nach, Protest und soziale Bewegungen nicht nur dann zu untersuchen, wenn die Phänomene noch neu sind und die beteiligten Akteure sich noch auf ihrem Höhepunkt befinden. Die Frage nach der gemeinsam erinnerten Geschichte erlaubt es der Autorin, auf diese Weise auch die Selbstkritik der Aktivist*innen einzubeziehen und abzubilden.  

 

Photo by Andres Arias on Unsplash

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Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat eine ausführliche kommentierte Linkliste zur deutschen Bewegungsforschung zusammengestellt: http://protestinstitut.eu/uber-das-institut/ressourcen/

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