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Updated: 3 hours 23 min ago

Frustriert, älter und in Deutschland weniger stark von Frauen geprägt- Ergenisse der zweiten internationalen FFF-Befragung

26.02.2020

Im März 2019 befragte ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des ipb die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der #FridaysForFuture (FFF)-Proteste. Die Ergebnisse wurden im Mai 2019 in einer internationalen Studie sowie in einem ipb-working paper veröffentlicht. Eine zweite Befragungswelle startete das internationale Team im September 2019. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verteilten während des dritten globalen Klimastreiks weit mehr als 10.000 Fragebögen – über 3.000 Personen in insgesamt 19 Städten von Melbourne bis New York folgten der Einladung der Sozialforscherinnen und -forscher und füllten den Online-Fragebogen aus. Die Ergebnisse der Studie ermöglichen es nun, einen direkten Vergleich zwischen den beiden globalen Streiks im März und September 2019 zu ziehen. Für das ipb befragten in Deutschland, Polen, Österreich, Rumänien und Ungarn Antje Daniel, Piotr Kocyba, Dániel Mikecz, Michael Neuber, Henry Rammelt sowie Simon Teune.

Frauen im internationalen Vergleich weiterhin in der Mehrheit – Mehr Männer in Deutschland

In der neuen Studie zeigen die Forscherinnen und Forscher, dass Frauen im internationalen Vergleich weiterhin die Mehrheit bei den Teilnehmenden stellen. In beiden Erhebungswellen lag der Frauenanteil bei knapp 60 Prozent – bei den bis 19-jährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat dieser sogar von 63 auf 71 Prozent zugenommen. Allerdings sind die Tendenzen in den einzelnen Ländern teilweise gegenläufig. So waren die FFF-Proteste in Deutschland, entgegen dem internationalen Trend, im September 2019 nicht mehr von Frauen dominiert. Hier konnte ein Anstieg des Männeranteils von 40 Prozent im März auf 51 Prozent im September beobachtet werden. Demgegenüber lag Deutschland im internationalen Trend beim Bildungsstand der Protestierenden: Über 70 Prozent der erwachsenen Befragten hatten demnach laut den Ergebnissen einen Hochschulabschluss, sowohl international als auch bezogen auf die Bundesrepublik.

Zunehmend ältere Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Trend in Deutschland besonders ausgeprägt

Beim Alter der Protestierenden zeigte sich ebenso eine Veränderung: War die Hälfte der Protestierenden im März jünger als 21 Jahre, so lag der Wert im September bereits bei 28 Jahren. In Deutschland konnte das Team eine noch deutlichere Verschiebung im Medianalter beobachten – dieses stieg von 19 Jahren im März auf 31 Jahre im September. Der Aufruf der FFF-Bewegung an die Erwachsenen, sich dem Klimastreik anzuschließen, scheint in Deutschland besonders wirksam gewesen zu sein, folgern die Forscherinnen und Forscher.

Geringerer Einfluss des „Greta-Effekts“

Dafür, dass die Bewegung inzwischen fest etabliert ist, spricht der Umstand, dass Greta Thunberg zwar auch im September 2019 weiterhin das Interesse an den Klimastreiks sowie die Teilnahmebereitschaft wesentlich prägte, dieser Einfluss jedoch geringer ausfällt als noch in der ersten Befragungswelle vom März 2019. Damals hatten noch knapp über 40 Prozent der teilnehmenden Personen angegeben, dass Greta Thunberg ihre Teilnahme am Klimastreik beeinflusst. Im September lag dieser Wert nur noch bei einem Drittel. Diese Tendenz fiel in Deutschland sogar noch deutlicher aus. Gaben im März noch 39 Prozent der Befragten an, Greta Thunberg habe ihre Teilnahme an dem Protest beeinflusst, traf das im September nur noch auf 25 Prozent zu.

Frust und Wut überwiegen – Schwindende Hoffnung

Für die Mobilisierungskraft einer Bewegung spielt vor allem die emotionale Ebene eine wesentliche Rolle. Die neue Untersuchung zeigt eine deutliche Präsenz von emotionalen Einstellungen wie Frust, Wut und Machtlosigkeit – Emotionen also, die eine Teilnahme an den Protesten befördern. Diese Emotionen überwogen bereits in der Vorgängerstudie und sind daher nach wie vor wesentliche Triebfedern für den Erfolg der FFF-Bewegung – das gilt auch für Deutschland.

Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, dass zur Demobilisierung führen kann, spielte zwar weiterhin eine untergeordnete Rolle, allerdings war ein Anstieg zu beobachten. So gaben im März 2019 über 26 Prozent der Befragten an, ziemlich beziehungsweise sehr hoffnungslos zu sein, im folgenden September waren es schon knapp 35 Prozent (auch hier lag Deutschland im internationalen Trend mit einem Anstieg von 25 auf 34 Prozent).

Hintergrund: Internationale FFF-Forschung

Mitglieder des ipb haben in der Septemberstudie in mehreren Städten befragt. In Berlin gemeinsam mit Beth G. Gardner von der Humboldt-Universität zu Berlin, in Budapest mit Dániel Oross vom Zentrum für Sozialforschung, in Chemnitz gemeinsam mit Jurek Wejwoda von der TU Chemnitz, in Warschau gemeinsam mit Małgorzata Łukianow von der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie in Wien gemeinsam mit Anna Deutschmann und der Forschungswerkstatt Protest von der Universität Wien. Gefördert wurde die Untersuchung in Warschau durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), in Chemnitz durch Weiterdenken, die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, in Wien durch die Arbeiterkammer Wien sowie in Budapest durch das Zentrum für Sozialforschung.

Weitere Details zu den Ergebnissen finden sich im ausführlichen Bericht: Protest for a future II. Composition, mobilization and motives of the participants in Fridays For Future climate protests on 20-27 September, 2019, in 19 cities around the world

Foto von Goran Horvat from Pixabay

Repression und Widerstand – Soziale Bewegungen und Bewegungsforschung in Brasilien

26.02.2020

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Bisher sind folgende Beiträge erschienen, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind:

Der folgende Text von Débora Medeiros und Renata Motta erschien unter dem Titel “Ein Blick aus der Bewegungsforschung auf den Rechtsruck in Brasilien” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 32, Heft 4.2019. Die Autorinnen sind Mitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Kontakt: deb.medeiros@fu-berlin.de und renata.motta@fu-berlin.de

August 2019. Der Amazonas-Regenwald brennt seit mehreren Wochen und Präsident Jair Bolsonaros erste öffentliche Reaktion darauf ist eine Aussage, die einer billigen Verschwörungstheorie gleicht: Umwelt-NGOs hätten die Brände gelegt, um seine Regierung in ein schlechtes Licht zu rücken (Andreoni et al. 2019). Hierauf wurde die brasilianische Regierung, weltweit vertreten durch ihre Botschaften, zur Adressatin von Protesten. Bewegungen wie Extinction Rebellion und Fridays for Future taten sich mit brasilianischen Aktivist*innen im Ausland zusammen, um einen Stopp der Brände und der zerstörerischen Umweltpolitik Bolsonaros zu fordern (Speare-Cole 2019). Seit Jahrzehnten war Brasilien bekannt dafür, sich diplomatisch stark für Umweltschutz und die Bekämpfung des Klimawandels einzusetzen und trug diesbezügliche Initiativen auf internationaler Ebene mit. Aktuell wird das Land jedoch von Klimawandelleugner*innen regiert, die die Fortschritte des jahrzehntelangen Umweltaktivismus der Zivilgesellschaft rückgängig machen möchten. Ähnliche Entwicklungen sind auch in Bereichen wie Minderheiten- und Arbeiter*innenrechten zu beobachten. Durch diese Rückschläge stehen die zivilgesellschaftlichen Akteur*innen Brasiliens, die üblicherweise im Fokus der Bewegungsforschung stehen, unter Bolsonaro vor besonderen Herausforderungen. Dies wirft wichtige ethische und praktische Fragen für Bewegungsforschende auf, etwa nach der eigenen Sicherheit bei der Feldforschung oder der Sicherheit von Ansprechpartner*innen aus sozialen Bewegungen.

Um diese Fragen diskutieren zu können, ist es essenziell zu verstehen, wie es zu solch einem starken Rechtsruck in Brasilien kam: Seit Jair Bolsonaro die letzten Präsidentschaftswahlen mit 55 Prozent der Stimmen gewann, versuchen Expert*innen seinen Aufstieg zu erklären. Angelehnt an Debatten, die einen globalen Aufstieg des Populismus diagnostizieren, fokussieren ihre Erklärungsmuster entweder auf Bolsonaros Diskurs eines Kulturkampfes gegen progressive Kräfte, der den Diskursen anderer rechter Politiker*innen weltweit ähnelt, oder auf seine wirtschaftsliberale Agenda, die er als Lösung für die akute Wirtschaftskrise in Brasilien seit 2015 verkaufte. Beide Argumente schließen sich allerdings nicht gegenseitig aus. Aus der Perspektive der Bewegungsforschung kann der Aufstieg Bolsonaros zudem nur erklärt werden, wenn unterschiedliche Bewegungssektoren in Brasilien in Beziehung zueinander gesetzt werden, d.h. im Sinne einer relationalen Perspektive: Auf der einen Seite stehen dabei die Arbeiter*innenbewegung und die „neuen“ sozialen Bewegungen – darunter der Feminismus, die Indigene Bewegung und die Schwarze Bewegung[i], die Umweltbewegungen sowie die Bewegungen für Landreformen und ein alternatives Entwicklungsmodell. Seit dem Ende der Diktatur (1964-1985) konnten sie viele Forderungen durchsetzen. Auf der anderen Seite stehen neue soziale Mobilisierungen der Rechten, die im Kontext einer globalen reaktionären Bewegung mehr als drei Jahrzehnte Fortschritt im Bereich der politischen und sozialen Inklusion in Brasilien zurückdrehen wollen.

Die Wahl Bolsonaros in Brasilien und die neue reaktionäre Bewegung

Verglichen mit den jahrzehntelangen Mobilisierungen von progressiven Akteur*innen ist die reaktionäre Bewegung, die Bolsonaro stützt, relativ neu. Einige gesellschaftliche Sektoren, wie z.B. Unternehmer*innenverbände, fundamentalistische Christ*innen und die Agrarlobby, versuchten schon in früheren Regierungen Umverteilungs- und Sozialpolitiken aufzuhalten und stellten sich gegen progressive Akteur*innen. Diese Kräfte fanden allerdings erst im Laufe der Amtszeit von Luís Inácio „Lula“ da Silva (2003-2010) und Dilma Rousseff (2011-2016) zueinander. Die Regierungen der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) wurden als gemeinsamer Feind konstruiert, gegen den sich die reaktionäre Bewegung bildete und immer besser vernetzte. Spätestens seit 2007 wurde sie auf der Straße in Form zivilgesellschaftlicher Akteur*innen wie dem Movimento Cansei sichtbar (Tatagiba et al. 2015). Parallel dazu entstand ein kompliziertes Geflecht von konservativen Instituten, Think-Tanks und Organisationen, die eine Art außerparlamentarische Opposition zu den Regierungen der Arbeiterpartei formten. Sie kritisierten vor allem die Sozialpolitik der Regierung und versuchten deren Sozialprogramme als Stimmenkauf bei den Ärmeren zu diskreditieren. Dieses Akteur*innennetzwerk vertrat stattdessen neoliberale Politiken, die auf dem Ideal der Meritokratie basierten und soziale Ungleichheiten und Privilegien ausklammerten. Die massiven Proteste 2013 sahen sie als eine einzigartige Gelegenheit, ihre Reichweite zu erhöhen und somit ihrem Ziel näherzukommen, der Regierungszeit der Arbeiterpartei ein Ende zu setzen. Als die Polizei im Juni 2013 einen Protest gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr in São Paulo gewaltsam unterdrückte brachte dies landesweit Millionen auf die Straße. Diese Proteste waren von einer Vielfalt an Forderungen gekennzeichnet und politisch nicht eindeutig zuzuordnen. Der Ruf nach Verbesserungen der Qualität in den öffentlichen Gesundheits- und Bildungssystemen stand etwa neben der Forderung nach einem schlanken Staat und Steuersenkungen. Diese „ambivalente Revolte“ (Pinheiro-Machado 2018) setzte indes neue Kräfte in den politischen Debatten in Brasilien frei, die eine starke Anti-Establishment-Kritik befeuerten (Bringel 2016; Alonso/Mische 2017). So konnten sowohl linke als auch rechte Gruppierungen an Bedeutung gewinnen, die für sich in Anspruch nahmen, für die Protestierenden zu sprechen. Als der Oppositionskandidat Aécio Neves sich nach den Präsidentschaftswahlen 2014 weigerte, Dilma Rousseffs Wiederwahl anzuerkennen, wurde die Forderung nach einem Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff zentral für den reaktionären Teil der Bewegung. Dieser versuchte daraufhin durch eigene Kundgebungen die entfesselte soziale Mobilisierung der Massenprotesten 2013 in die Forderung nach einem Amtsenthebungsverfahren zu kanalisieren Korruptionsskandale wie der Mensalão und Operação Lava-Jato, die Machenschaften um illegale Kampagnenfinanzierung und öffentliche Auftragsvergaben an Privatunternehmen aufdeckten, dienten dabei als Grundlage für einen Diskurs, der Korruption vor allem mit der Arbeiterpartei assoziierte. Obwohl die Korruption im ganzen politischen System verankert ist, übernahmen die Medien, das Parlament und die Judikative dieses Framing und beteiligten sich so an der politischen Instrumentalisierung des Anti-Korruptionsdiskurses.

Der Hass gegen die Arbeiterpartei, bekannt als Antipetismo, wurde zu einem entscheidenden Faktor, der die reaktionäre Bewegung einte. Sie erreichte 2016 ein Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff[ii] und verhalf letztendlich Bolsonaro an die Macht (Costa/Motta 2019). Da die etablierte politische Opposition keine starke Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2018 hatte, unterstützen die meisten konservativen Akteur*innen entweder direkt oder indirekt (als einzige Alternative zur einer weiteren Arbeiterpartei-Regierung) Bolsonaros Kandidatur. Somit wurde dessen Wahl zum politischen Ausdruck des Antipetismo, welcher nicht nur eine Alternative zu der Hegemonie der langjährigen Regierungspartei PT anbietet. Sie steht vielmehr für die gesellschaftliche Reaktion auf Veränderungen in der sozialen Struktur, welche Verschiebungen in der Verteilung ökonomischer Ressourcen und Machtpositionen mit sich brachte (Costa/Motta 2019). Jedoch reicht Bolsonaros Politik weit über sein Wahlversprechen, das Erbe der Arbeiterpartei zu demontieren hinaus: Sie zielt auf die Zersetzung der Verfassung von 1988, die als Ergebnis von früheren Wellen sozialer Mobilisierung in Brasilien zu verstehen ist.[iii]

Jair Bolsonaro war im brasilianischen Kongress seit 1991 Abgeordneter für das Bundesland Rio de Janeiro. Der ehemalige Fallschirmjäger-Hauptmann ging nach einem Disziplinarverfahren, das beinahe in einer unehrenhaften Entlassung aus dem Militär endete, in die Politik. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich auf seine militärische Vergangenheit zu berufen, um für Stimmen zu werben. Über Jahrzehnte wurde er immer wieder von einer kleinen Wählerschaft unterstützt. Ohne erwähnenswerte Initiativen voranzubringen blieb er in der Abgeordnetenkammer weitgehend unauffällig.[iv] Durch schockierende abwertende Aussagen über Frauen und Minderheiten und seine nostalgische historische Verharmlosung der Militärdiktatur gewann er erst im Laufe der 2010er-Jahre landesweite Bekanntheit. Anfangs belächelt, wurde seine Präsidentschaftskandidatur 2018 allerdings immer aussichtsreicher, als er die Unterstützung von Führungsfiguren der meisten großen evangelikalen Kirchen und der Agrarlobby erfuhr. Zuletzt bekam er Rückenwind von vielen brasilianischen Unternehmer*innen, als er mit dem neoliberalen Ökonomen Paulo Guedes einen Verfechter einer strengen Privatisierungs- und Austeritätspolitik zu seinem Wirtschaftsberater ernannte.[v] Diese Wirtschaftspolitik entsprach wiederum Idealen der reaktionären Bewegung und war darauf ausgerichtet, die Erfolge der brasilianischen Arbeiter*innenbewegung in den letzten Jahrzehnten rückgängig zu machen.

Die Arbeiter*innenbewegung und der Klassenkampf

Erkämpft wurden diese Erfolge von einer in den 1980er Jahren entstandenen Bewegung, die über disruptive Protestrepertoires wie Massenstreiks eine zentrale Rolle bei der demokratischen Öffnung Brasiliens spielte. Zwischen 2003 und 2013, in einer günstigen Konjunkturphase mit hohem Wirtschaftswachstum, stieg der reale Mindestlohn um 75 Prozent. Jedes Jahr wurden Millionen neuer formeller Arbeitsplätze und Karrierechancen im öffentlichen Sektor geschaffen. Gegenüber den vorangegangenen zehn Jahren im Zeichen von Kürzungen, Rezession und Repressionen verbesserte sich die Lage der Arbeitnehmer*innen merklich.

Dies war jedoch kein Nebeneffekt des Wirtschaftswachstums. Die Verbesserungen resultierten vielmehr aus politischen Entscheidungen im Zusammenspiel mit Druck aus der Arbeiter*innenbewegung und Verhandlungen zwischen ihr und dem Staat. Das Interaktionsmuster zwischen Staat und sozialen Bewegungen änderte sich mit der Wahl von Lula im Jahr 2003. Seine Partei war aus den neuen Gewerkschaften und der Basisarbeit von sozialen Bewegungen hervorgegangen. Durch Lulas Wahl verbanden die Gewerkschaften Protestrepertoires mit der Teilhabe am Staat und erzielten deutliche Erfolge (Costa/Prado 2017). Mit der Absetzung von Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff brach die symbiotische Beziehung zwischen Staat und Arbeiter*innenbewegung indes auseinander.

Der Aufstieg Michel Temers – Dilma Rousseffs ehemaliger Vizepräsident – zum Präsidenten nach Rousseffs Absetzung institutionalisierte die ersten Siege der reaktionären Bewegung. Dies schlug sich vor allem in der Wirtschaftspolitik nieder: Temer leitete den neoliberalen Kurs ein, welchen Bolsonaros Regierung nun fortsetzt. Diese Kontinuität wird besonders sichtbar in den Versuchen beider Regierungen, Gesetze zur Regulierung von Überstunden und Kündigungsschutz aufzuweichen. Bolsonaros Regierung hat auch eine strenge Rentenreform zur höchsten Priorität erkoren, die für die meisten Arbeiter*innen eine Erhöhung des Renteneintrittsalters und weitere Nachteile bedeuten würde. Linke Oppositionsparteien, Gewerkschaften und soziale Bewegungen mobilisieren dagegen durch Kampagnen und Aufrufe zum Generalstreik – bisher ohne Erfolg. Die meisten Gewerkschaften sind heute geschwächt. Sie erlebten noch unter Temer eine folgenreiche Niederlage, als dessen Regierung die verpflichtenden Gewerkschaftsbeiträge abschaffte, was große finanzielle Unsicherheiten für gewerkschaftliche Strukturen mit sich brachte. Andere progressive soziale Bewegungen erleben ähnliche Rückschläge.

„Neue“ soziale Bewegungen und der „Kulturkampf“

Die Forderungen der Arbeiter*innenbewegung und die sogenannten identitären Kämpfe „neuer“ sozialer Bewegungen sind durch die Intersektionalität von Klasse, Geschlecht, Race, Ethnizität sowie die Kluft zwischen Stadt und Land verbunden, da diese Aspekte die strukturellen sozialen Ungleichheiten in Brasilien prägen. Ähnlich wie bei den Gewerkschaften bot das Ende der Militärdiktatur den „neuen“ sozialen Bewegungen den politischen Raum für Handlungsrepertoires wie Proteste, Demonstrationen und Besetzungen. Dies wurde auch von der Professionalisierung von Aktivist*innen begleitet, die in NGOs neue institutionelle Wege der zivilgesellschaftlichen Teilhabe ausprobierten.

Seit Ende der 1980er gewann etwa die Umweltbewegung in Brasilien eine deutlichere sozio-ökonomische Dimension als die Landgewerkschaft der Kautschukzapfer in Acre (im Gebiet der Amazonischen Regenwälder) zusammen mit Indigenen Bevölkerungsgruppen und einer transnationalen Allianz Blockaden (embates) gegen die Entwaldung organisierten. 1995 brachte die Schwarze Bewegung 30.000 Personen zur Marcha Zumbi dos Palmares nach Brasília und forderte politische, soziale und ökonomische Inklusion (Telles 2004). 1999 organisierte die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST) einen Marsch mit 100.000 Teilnehmenden und zeigte sich als die stärkste Basisbewegung Brasiliens, die nicht nur für eine Landreform kämpfte, sondern auch für Bürgerrechte, Demokratie und Entwicklung in ländlichen Räumen. Feministische Organisationen in urbanen und ländlichen Gewerkschaften artikulierten die Forderungen der Arbeiter*innenbewegung neben Forderungen nach gleichen sozialen und politischen Rechten für Frauen sowie dem Kampf gegen patriarchale Gewalt. In einer transnationalen Allianz mit dem World March of Women mobilisierten sie im Jahr 2000 im Rahmen der ersten Marcha das Margaridas 20.000 Frauen nach Brasilia.

Die Regierungen der Arbeiterpartei PT erlaubten eine experimentelle Gestaltung der Beziehung zwischen Staat und Zivilgesellschaft (Abers et al. 2014). Sie erkannten soziale Bewegungen als politische Subjekte an und gründeten Bundesämter für ethnische Gleichstellung und Frauenrechte. Aktivist*innen wie Marina Silva aus der Landgewerkschaft der Kautschukzapfer in Acre wurden für ministeriale Ämter nominiert. Die PT-Regierungen verstärkten und erweiterten darüber hinaus Mechanismen der deliberativen Demokratie, u.a. in der Sozial- und Sicherheitspolitik sowie in Bezug auf Menschenrechte, Frauen- und LGBTIQ-Rechte (Pogrebinschi 2018). Politiken der affirmative action wie z.B. Zugang zu öffentlichen Universitäten für Schwarze, Indigene und für ärmere Menschen wurden ausgeweitet. Politische Erfolge bei der Armutsbekämpfung und die Erhöhung des Mindestlohnes kamen vor allem der Bevölkerung ländlicher Gebiete, der Schwarzen Bevölkerung und alleinerziehenden Müttern zugute, d.h. denjenigen, die am meisten von extremer Armut betroffen sind. Die politische Priorisierung von Nahrungssicherheit förderte eine alternative ländliche Entwicklung, ohne die Hegemonie der Agrarindustrie herauszufordern. Die Errungenschaften der Arbeiterpartei, die in einer Koalition mit Konservativen regierte, entsprachen nicht immer den Erwartungen der sozialen Bewegungen (Motta 2016). Doch zielte deren Mobilisierung nicht nur auf konkrete Politiken ab, sondern auch auf einen kulturellen Wandel. Dieser verfestigte sich unter den Regierungen der Arbeiterpartei auch in wichtigen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf LGBTIQ-Rechte, reproduktive Rechte und Indigene Rechte.

Präsident Bolsonaros Amtsantritt läutete diesbezüglich eine Kehrtwende ein. In einer Allianz mit fundamentalistischen evangelikalen Kirchen lässt er seinem Kulturkampfdiskurs entsprechende Maßnahmen folgen. Die neue Regierungslinie wird beispielweise in der Ernennung der evangelikalen Pastorin Damares Alves zur Ministerin für Frauen, Familien und Menschenrechte sichtbar: Unter ihr wird die traditionelle heterosexuelle Kleinfamilie zum Hauptfokus der Staatstätigkeit. Politiken der affirmative action aus der Regierungszeit der Arbeiterpartei werden dagegen als klientelistisch und überflüssig abgetan. Feministische, Schwarze und LGBTIQ-Bewegungen werden regelmäßig von Regierungsmitgliedern als egoistisch, auf der Suche nach Sonderbehandlung, oder als Unruhestifter geschmäht, da die Regierung strukturelle Ungleichheiten in der Gesellschaft nicht anerkennt.[vi] Die Agrarlobby wird indes bedient, indem öffentliche Ämter, die eigentlich dem Schutz von Natur- und Indigenenreservaten dienen, mit Personen besetzt werden, die offen für die Interessen der Großgrundbesitzer*innen eintreten – eine Politik, die auf die Zerstörung dieser Strukturen von innen hinausläuft.[vii] Prozesse zur Anerkennung neuer Indigenenreservate,[viii], die mit der Verabschiedung der Verfassung von 1988 zur Aufgabe des Staats wurden, sind auf Eis gelegt. Folgen dieser Entwicklungen sind schon jetzt ein massiver Anstieg in den Statistiken für Landraub, illegale Abholzung und Bergbau im Amazonas-Gebiet und in anderen Naturreservaten.[ix] Damit nicht genug: Historische Verbündete der Arbeiterpartei, wie die Bewegungen für Landreform MST und für das Recht auf Wohnraum Movimento dos Trabalhadores Sem Teto (MTST), werden von der Bolsonaro-Regierung kriminalisiert und vom Präsidenten als terroristische Organisationen bezeichnet (Ribeiro 2018). Dass dies keine bloße Rhetorik ist, zeigen Gesetzentwürfe, die dem Kongress bereits vorliegen und die Klassifizierung von sozialen Bewegungen als terroristische Organisationen ermöglichen könnten (Vieira 2018). Würden diese Gesetzentwürfe verabschiedet, zwänge das zwei der größten und am besten organisierten sozialen Bewegungen Brasiliens in den Untergrund mit desaströsen Folgen – auch für die Forschung über diese und andere soziale Bewegungen.

Konsequenzen für die Bewegungsforschung

Nachdem die Forderungen progressiver Akteur*innen seit dem Ende der Militärdiktatur lange Zustimmung gefunden hatten, wird ihr Status durch die Gleichgültigkeit, Verachtung und Kriminalisierung der Bolsonaro-Regierung nun zunehmend prekär. Das stellt Bewegungsforschende vor grundsätzliche Fragen: Welche ethischen Aspekte sollte man angesichts der aktuellen Lage während der Feldforschung beachten? Welche Risiken ergeben sich für Forschende und deren Ansprechpartner*innen vor Ort? Wie kann die Bewegungsforschung bedrohten Organisationen oder Aktivist*innen zur Seite stehen? Und wie auf die erstarkenden rechten Akteur*innen im Feld reagieren?

Eine Herausforderung stellt auch die Spaltung innerhalb der politischen Soziologie und Politikwissenschaft in unterschiedliche Forschungszweige dar. Die Bewegungsforschung fokussiert auf die Handlungsform des Protests, die Forschung zu partizipativer Demokratie befasst sich mit der institutionalisierten Teilhabe von NGOs und Organisationen sozialer Bewegungen (Alvarez et al. 2017). Die Grenzen von beiden Herangehensweisen wurden seit Juni 2013 in Brasilien klar. Beide Perspektiven waren nicht darauf eingestellt, die flexiblen Strukturen, die innovativen Mobilisierungsstrategien sowie die Verbreitung von Desinformation und polarisierenden Onlinediskursen (Recuero/Gruzd 2019), zu verstehen.[x]

Einerseits sollte sich der Blick von Forschenden auf rechtsextreme Strömungen in Brasilien ausweiten, damit ihre Praktiken und Diskurse kritisch analysiert werden können. Die Forschung über die brasilianische Rechte wurde lange vernachlässigt, vielleicht weil Bewegungsforschende dazu tendieren, Bewegungen zu untersuchen, mit denen sie selbst sympathisieren (Teune/Ulrich 2018). Dazu bräuchte es auch mehr interdisziplinäre Forschung, um die seit Jahren wachsende politische Rolle und Mobilisierungsmacht der – insbesondere neopentekostalen – evangelikalen Kirchen in Brasilien zu analysieren und die Schnittstellen zwischen fundamentalistischen und rechtsextremen Diskursen zu beleuchten.

Andererseits gilt es auch, künftig konsequenter Sicherheits- und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, damit Partner*innen vor Ort nicht gefährdet werden. Verantwortungsvolle Feldforschung fängt schon bei der Vorbereitung und Planung eines Forschungsaufenthalts an und hört längst nicht nach der Rückkehr an die eigene Heimatuniversität auf: Aspekte wie Datensicherheit, Anonymisierung und Maßnahmen gegen Überwachung wurden immer wichtiger in den letzten Jahren,[xi] da Bewegungsforschende stärker ins Visier von staatlichen und nicht-staatlichen Akteur*innen geraten. Während die meisten Bewegungsforschenden sich selten Sorgen um ihre eigene Sicherheit nach dem Abschluss der Feldforschung machen müssen, bleiben ihre Interviewpartner*innen einer gefährlichen Lage ausgesetzt. Wenn sensible Daten über diese in die falschen Hände geraten, kann das sogar den Tod für sie bedeuten. Das gilt insbesondere für progressive Bewegungen, deren Aktivist*innen seit Jahren ermordet und bedroht werden – Brasilien ist eins der Länder, in denen am meisten Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen ermordet werden (Front Line Defenders 2019). Mit Blick auf die Sicherheit von Forschenden aus dem Ausland ist die Lage in Brasilien (noch?) nicht so düster wie in Ägypten (Grimm 2018), aber sie ist mittlerweile unvorhersehbarer geworden. Vor allem die bereits erwähnten Änderungsvorschläge im Anti-Terror-Gesetz könnten auch für Forschende gefährlich werden, da ihr Kontakt mit Organisationen, die plötzlich als terroristisch gelten, sie mindestens suspekt gegenüber den Behörden machen könnte. Gefahren, die nicht direkt vom Staat ausgehen, sind im Moment aber dringender. Darunter fallen zum Beispiel die erstarkenden paramilitärischen Strukturen sowohl in Großstädten wie Rio de Janeiro als auch auf dem Land, die vor allem in Landkonflikten eine Bedrohung darstellen.[xii]

Brasilianische Forschende haben noch viel mehr zu befürchten als ihre Kolleg*innen aus dem Ausland. Die Zahl der Fälle von Forschenden, die wegen ihres akademischen Schwerpunkts oder ihres politischen Engagements mit Einschüchterungsversuchen konfrontiert sind (z.B. anonyme Drohbriefe oder politisch motivierte Disziplinarverfahren), steigt rapide.[xiii] Vor allem Forschende aus Disziplinen wie Gender Studies, Geschichte und Politikwissenschaft, die oft einen Bezug zu progressiven Bewegungen haben, geraten ins Visier. Angesichts dieser Bedrohungen wurden schon einige gezwungen, ins Exil zu gehen.[xiv] Denn Brasiliens staatliche Universitäten, die traditionell den größten Anteil der nationalen Forschungsproduktion generieren, können ihnen zurzeit keinen ausreichenden Schutz bieten: Sie sind ihrerseits sukzessiven Budgetkürzungen und politischen Angriffen vonseiten des Bildungsministeriums ausgesetzt. Mit der Begründung, dass sie Unruhe stiften, kürzte das Bildungsministerium im März 2019 das Budget von drei Universitäten um 30 Prozent. Diese Kürzungen wurden seitdem auf alle Bundesuniversitäten erweitert.[xv] Universitäten, insbesondere deren geistes- und sozialwissenschaftliche Fachbereiche, werden von der Bolsonaro-Regierung als Orte linker Indoktrination betrachtet, die es zu entmachten gilt.

Angesichts dieser Lage ist internationale Solidarität mehr denn je gefragt. Diese kann mehrere Formen annehmen, sei es durch öffentliche Bekundung von Unterstützung[xvi] oder durch institutionelle Partnerschaften mit brasilianischen Forschenden, die sowohl einen Austausch auf Augenhöhe als auch eine Umverteilung von Ressourcen und höhere Sichtbarkeit bedeuten. Trotz wachsender Prekarität in der Wissenschaft auch in Ländern des sogenannten Globalen Norden verfügen die meisten Forschenden aus diesen Ländern immer noch über stärkere institutionelle und finanzielle Ressourcen als ihre Kolleg*innen in Ländern wie Brasilien, deren Forschung wegen strukturellen Ungleichheiten global viel weniger zirkuliert. Folglich sollten Überlegungen zur eigenen Verantwortung gegenüber diesen Kolleg*innen einen grundlegenden Aspekt transnationaler Forschungsprojekte darstellen.

An dieser Stelle möchten wir die Forderungen nach ethischen Forschungsstandards, die ungleichgewichtige Dynamiken zwischen Forschenden und Aktivist*innen zu durchbrechen versuchen (Barbas/Postill 2017; Luchies 2015), bestärken und ergänzen, indem wir einen gleichberechtigten Umgang zwischen Bewegungsforschenden im Globalen Norden und im Globalen Süden fordern. Angriffe auf Rede- und Forschungsfreiheit wie diejenige, die die Bolsonaro-Regierung betreibt, betreffen uns alle – wenn auch nicht auf gleiche Weise.

Literatur

Alonso, Angela/Mische, Ann 2017: Changing Repertoires and Partisan Ambivalence in the New Brazilian Protests. In: Bulletin of Latin American Research, Jg. 36, Heft 2, 144–159.

Alvarez, Sonia E./Rubin, Jeffrey W./Thayer, Millie/Baiocchi, Gianpaolo/Laó-Montes, Agustín 2017: Beyond civil society: Activism, participation, and protest in Latin America. London: Duke University Press.

Andreoni, Manuela/Casado, Letícia/Londoño, Ernesto 2019: With Amazon Rain Forest Ablaze, Brazil Faces Global Backlash. https://www.nytimes.com/2019/08/22/world/americas/brazil-amazon-fires-bolsonaro.html [25.08.2019].

Barbas, Angel/Postill, John 2017: Communication Activism as a School of Politics: Lessons From Spain’s Indignados Movement. In: Journal of Communication, Jg. 67, Heft 5, 646–664.

Bringel, Breno 2016: 2013-2016: Polarization and Protests in Brazil. https://www.opendemocracy.net/democraciaabierta/breno-bringel/2013-2016-polarization-and-protests-in-brazil [11.09.2018].

Costa, Sérgio/Motta, Renata 2019: Social Classes and the Far Right in Brazil. In: Foley, Conor (Hg.): In Spite of You. Bolsonaro and the New Brazilian Resistance. New York, NY: OR Books.

Costa, Frederico Alves/Prado, Marco Aurélio Máximo 2017: Artimanhas da hegemonia: obstáculos à radicalização da democracia no Brasil. In: Psicologia & Sociedade, Jg. 29 (online first). http://www.scielo.br/scielo.php?pid=S0102-71822017000100216&script=sci_abstract&tlng=pt [25.09.2019].

Front Line Defenders 2019: Front Line Defenders Global Analysis 2018. https://www.frontlinedefenders.org/en/resource-publication/global-analysis-2018 [25.08.2019].

Grimm, Jannis 2018: Das Ende des ‘Arabischen Frühlings’ der Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 3, 84-92. 

Lapegna, Pablo/Motta, Renata/Paredes, Maritza (in Vorbereitung). Demobilization in Latin America. In: Federico Rossi (Hg): The Oxford Handbook of Latin American Social Movements. Oxford, UK: Oxford University Press.

Luchies, Timothy 2015: Towards an Insurrectionary Power/ Knowledge: Movement-Relevance, Anti-Oppression, Prefiguration. In: Social Movement Studies, Jg. 14 Heft 5, 523–538.

Motta, Renata 2016: Social Mobilization, Global Capitalism and Struggles over Food: A Comparative Study of Social Movements. London, New York: Routledge.

Pinheiro-Machado, Rosana 2018: França está reeditando os protestos 2013 do Brasil. https://theintercept.com/2018/12/03/franca-protestos-2013-brasil/ [01.05.2019].

Pogrebinschi, Thamy 2018: Deliberative Democracy in Latin America. In: Bächtiger, André/Dryzek, John S./Mansbridge, Jane/Warren, Mark E. (Hg.): The Oxford Handbook of Deliberative Democracy. Oxford, UK: Oxford University Press.

Recuero, Raquel/Gruzd, Anatoliy 2019: Cascatas de „Fake News“ Políticas: Um estudo de caso no Twitter. Revista Galáxia, Jg. 41.

Ribeiro, Jeferson 2018: Bolsonaro quer tipificar invasão de propriedade por MST e MTST como prática terrorista. https://oglobo.globo.com/brasil/bolsonaro-quer-tipificar-invasao-de-propriedade-por-mst-mtst-como-pratica-terrorista-22702521 [01.05.2019].

Speare-Cole, Rebecca 2019: Amazon rainforest fires LIVE: Worldwide protests after Macron blasts blazes as ‘crime against humanity’ in war of words with Brazil. https://www.standard.co.uk/news/world/amazon-fires-live-blazes-branded-crime-against-humanity-as-war-of-words-erupts-over-growing-crisis-a4219961.html [25.08.2019].

Tatagiba, Luciana/Trindade, Thiago/Teixeira, Ana Cláudia C. 2015: „CorruPTos“. Um ensaio sobre protestos à direita no brasil (2007-2015). NEPAC- Unicamp, Jg. 67, Heft 5, 1–29.

Telles, Edward E. 2004: Race in another America: the significance of skin color in Brazil. Princeton: Princeton University Press.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018: Protestforschung mit politischen Auftrag? In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 1-2, 418-424.

Vieira, Anderson 2018: Mudança na Lei Antiterrorismo opõe representantes de movimentos sociais. https://www12.senado.leg.br/noticias/materias/2018/11/20/mudanca-na-lei-antiterrorismo-opoe-representantes-de-movimentos-sociais [01.05.2019].

[ii] Das Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff stieß zunächst an legale Grenzen. Insbesondere konnten die Prozessverantwortlichen den Vorwurf nicht entkräften, dass ihre Bemühungen, Roussef zu entmachten rein politische motiviert waren. Ähnliche Vorwürfe hatten bereits den Prozess gegen Lula da Silva überschattet, der ebenfalls von Willkür und illegalen Ermittlungsmethoden geprägt war. Lulas erneute Präsidentschaftskandidatur wurde indes durch den Prozess verhindert. Die Enthüllung von Nachrichten in einer privaten Chatgruppe lieferte später handfeste Beweise dafür, dass beide Verfahren geheime und illegitime Absprachen zwischen Mitgliedern der Staatsanwaltschaft und dem verantwortlichen Richter zugrunde lagen, die das Ziel hatten, die Arbeiterpartei zu entmachten.  Mehr dazu hier: https://www.nzz.ch/meinung/ex-praesident-lula-da-silva-geht-ins-gefaengnis-und-brasilien-ist-doch-keinen-schritt-weiter-ld.1375664.

[iii] Siehe die Rekonstruktion der Mobilisierung und vor allem die Demobilisierung in Brasilien in Lapegna, Motta und Paredes (in Vorbereitung).

[iv] Eine Zusammenfassung von Bolsonaros Aktivitäten in der Abgeordnetenkammer ist auf der Website des brasilianischen Kongresses abrufbar: https://www.camara.leg.br/deputados/74847.

[v] Die Kandidatur Bolsonaros erlebte mit dem Narrativ, dass „der Markt“ hinter ihm stünde, einen Aufschwung. Analyst*innen haben seitdem seine Kandidatur als die beste Option für „den Markt“ eingeschätzt:  https://www1.folha.uol.com.br/mercado/2018/10/bolsonaro-se-consolida-como-o-mito-do-mercado.shtml.

[vi] Bolsonaro bestritt sogar, dass es in Brasilien hungernde Menschen gäbe: https://www1.folha.uol.com.br/internacional/en/brazil/2019/07/bolsonaro-says-hunger-in-brazil-is-a-lie.shtml.

[vii] Diese Zerstörung von staatlichen Umweltschutzbehörden hatte einen öffentlichen Brief acht ehemaliger Umweltminister*innen zur Folge, die die Umweltpolitik der Bolsonaro-Regierung offen verurteilten: https://www.dw.com/de/kommentar-brasiliens-anschlag-auf-den-weltweiten-klimaschutz/a-48675597.

[viii] Ähnliches gilt für die Quilombolas, die Nachfahren von Sklav*innen, die noch während der Zeit der Sklaverei in Brasilien autonome Gemeinschaften gründeten. Sie fordern die Anerkennung ihres historisch begründeten Landbesitzes.

[ix] Zahlen dazu hier: https://www.tagesspiegel.de/politik/abholzung-der-amazonas-region-brasiliens-praesident-feuert-den-waechter-des-regenwaldes/24869640.html.

[x] Wie in den Kampagnen für den Brexit und für die Wahl von Donald Trump stützte sich die Wahlkampagne von Bolsonaro auf die (illegale) Verbreitung von Desinformation. Mehr dazu hier: https://www.sueddeutsche.de/politik/brasilien-wahlkampf-bolsonaro-1.4173643.

[xi] Das Projekt SAFEResearch zur Erstellung eines Handbuchs für sichere Feldforschung leistet einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion. Das Handbuch, das im Frühjahr 2020 bei SAGE erscheinen wird, beinhaltet Reflektionen und praktische Anleitungen bezüglich der Sicherheit von Forschenden. Mehr dazu hier: http://gld.gu.se/en/projects/saferesearch/.

[xii] Das Erstarken der Paramilitärs in Brasilien hängt mit Bolsonaros Waffenpolitik und mit seiner politischen Karriere und der seiner Söhne in Rio de Janeiro zusammen, wie die Ermittlungen im Fall der Ermordung von Stadträtin Marielle Franco deutlich machten. Flávio Bolsonaro beschäftigte sowohl die Ehefrau als auch die Mutter eines Tatverdächtigtes zeitweise in seinem Abgeordnetenbüro und wollte ihn sogar mit einer Verdienstmedaille ehren: https://www.tagesspiegel.de/politik/ermordete-stadtraetin-paramilitaers-terrorisieren-brasiliens-favelas/24097792.html.

[xiii] Einige dieser Fälle sind im Projekt Academic Freedom Monitoring dokumentiert: https://www.scholarsatrisk.org/academic-freedom-monitoring-project-index/.

[xiv] Der bekannteste Fall ist der der Anthropologin Débora Diniz, die zu Themen wie Abtreibungsrecht forscht und seit mehr als einem Jahr im Exil lebt: https://www.scholarsatrisk.org/report/2018-09-01-universidade-de-brasilia/.

[xv] Siehe: https://www.insidehighered.com/news/2019/05/06/far-right-government-brazil-slashes-university-funding-threatens-cuts-philosophy-and.

[xvi] Ein Beispiel ist diese Unterschriftensammlung: https://www.theguardian.com/world/2018/nov/01/we-deplore-this-attack-on-freedom-of-expression-in-brazils-universities.

 

Foto: Laís Torres / Estudantes NINJA @Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Zukunft durch Protest(ieren)

22.02.2020
Diskussion über Zukunftsvorstellungen, Protestmotivationen und -wahrnehmungen

In Kooperation mit dem Futurium organisierten Sabrina Zajak und Simon Teune am 20. Februar 2020 die Diskussion “Zukunft durch Protest(ieren)”. Nach einem Impuls von Simon zu der Frage, wie Zukunft in Protesten vor- und hergestellt wird, diskutierten Quang Paasch (Fridays for Future), Lisa Kötter (Maria 2.0) und Ute Scheub (taz-Mitgründerin und aktiv in der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung) unter anderem darüber, wie sie zum Protest motiviert wurden und wie sie die Wirkung von Protest wahrnehmen.

Die etwa 50 Zusschauer*innen konnten während der Diskussion Fragen auf große Pappen malen (z.B. “Protest + repräsentative Demokratie = Konkurrenz?”) und neben dem Podium anbringen, wo sie dann in der Diskussion aufgenommen wurden.

Call for papers: Proteste im (Zerr)spiegel der Massenmedien – Workshop des AK Medien

12.02.2020

Zeit: Freitag, 29. Mai 2020, 10 – 17 Uhr
Ort: Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, Raum B002, Reichpietschufer 50, 10785 Berlin
Organisation: Dieter Rucht

Das Verhältnis von Protestgruppen und Massenmedien fällt sehr unterschiedlich aus. Die Spannbreite reicht von Ignoranz bis zur Symbiose. Im Workshop soll den Bedingungen, Mustern und Folgen dieser Beziehungen nachgegangen werden. Im Mittelpunkt steht die Frage, was und wie über Protestaktivitäten in Massenmedien berichtet wird und welche Faktoren das Ob und Wie der Berichterstattung beeinflussen. Es gibt weder raum-zeitliche Eingrenzungen für entsprechende Analysen noch Eingrenzungen für bestimmte Protestgruppen und Mediengattungen.

Hier sind beispielhaft einige Punkte, die im Workshop angesprochen werden können:

  • Welche Proteste werden bevorzugt erwähnt, welche nicht? Was erklärt die Auswahl?
  • Welche Aspekte von Protest werden berichtet, welche werden nicht thematisiert? Welche Deutungen (Frames) und Legitimitätszuschreibungen werden in der Berichterstattung über Protest genutzt?
  • Wie wird über die Reaktionen von staatlicher Seite (Regierung, Politiker, Polizei) und/oder wirtschaftlicher Seite (Unternehmen) auf die Proteste gegen sie berichtet?
  • Welche Formate und Präsentationsformen (Bilder, Videos, Gifs…) werden genutzt?
  • Welche Unterschiede zeigen sich in der Berichterstattung bestimmter Kanäle, Formate und Einzelmedien?
  • Muster und Wechselwirkungen der Berichterstattung in digitalen und offline-Medien
  • Wie werden Proteste auf- oder abgewertet?
  • Wie steht es mit der Trennung bzw. Vermischung von Nachrichten und Meinung?
  • Was tun die Protestierenden, um die Medienberichterstattung zu beeinflussen?
  • Wie nehmen Protestierende die Berichterstattung wahr?

Der Workshop soll offen und flexibel gestaltet werden. Erwünscht sind Impulsvorträge mit einer Dauer von max. 20 Minuten. Zudem soll der Workshop Raum bieten für Fragen, Diskussion und Projektideen.

Anmeldungen zur Teilnahme am Workshop (auch ohne eigene Präsentation) sowie Angebote für Impulsvorträge (Titel und kurzes abstract) werden erbeten bis zum 6. April 2020 an dieter.rucht[at]wzb.eu

Weitere Informationen zum AK Medien

Kolloquium Politik von unten geht in die nächste Runde

10.02.2020

Seit 2014 organisiert das Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Kooperation mit dem Arbeitskreis soziale Bewegungen der DVPW und dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin das Kolloquium Politik von unten, in dem aktuelle Forschung in dem Themenfeld diskutiert wird. Nach vier themenzentrierten Sitzungen beenden wir dieses Programm mit einem Workshop zu “Digital Security for Researchers”. An dem Workshop Interessierte werden um Anmeldung per Email an saferesearchproject@gmail.com gebeten.

Das Kolloquium findet in den Räumen des Zentrum Technik und Gesellschaft (Hardenbergstraße 16-18, Raum 6.06) in englischer (EN) oder deutscher (DE) Sprache statt.

19. Februar 2020 – EN – The rise of the far right in Brazil: Threats to Social Movements
with Lena Lavinas (Rio de Janeiro) and Débora Medeiros (Berlin)

9. März 2020 – DE – Den prekären Mittelbau organisieren
mit Peter Ullrich (Berlin)

20. April 2020 – DE – Wir haben es satt-Demonstrationen im Fokus der Forschung
Johannes Diesing (Gießen): Bratpfannen und Traktoren – Mediale Transformation von politischen Demonstrationen
ipb-Team (Berlin): Erste Ergebnisse der Befragung von Teilnehmenden der Wir haben es satt-Demonstration 2020

25. Mai 2020 – EN – Practices of Migrant Solidarity
Maren Kirchhoff and Helge Schwiertz (Osnabrück): Inclusive Solidarity and Citizenship along Migratory Routes
Leslie Gauditz (Bremen): Noborder Activism: Solidarity in Diversity

15. Juni 2020 – EN – Workshop: Digital Security for Researchers
with Jannis Grimm (Berlin).

Hier gibt es das Programm als Poster.

Alle, die regelmäßig am Kolloquium teilnehmen wollen, können sich auf der Mailingliste eintragen, über die Texte im Vorfeld verschickt werden. Wer zu einzelnen Sitzungen kommen möchte, verfolgt die Einladungen über die deutschsprachige Bewegungsforschungsliste und findet dort jeweils eine Adresse über die der aktuelle Text zu beziehen ist. Wer sich vor einer Sitzung per Email anmeldet, kann sich auch per Skype an der Diskussion beteiligen. Bei Fragen stehen Jannis Grimm (jj.grimm(at)fu-berlin.de) und Simon Teune (teune(at)ztg.tu-berlin.de) zur Verfügung.

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (IV.2019)

20.01.2020
Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 170 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte im vierten Quartal 2019. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Anderl, Felix, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Victor Kempf, Jannik Pfister, und Philip Wallmeier, Hrsg. 2019. Rule and Resistance beyond the Nation State: Contestation, Escalation, Exit. Lanham: Rowman & Littlefield International.

Anderl, Felix, Nicole Deitelhoff, und Regina Hack. 2019. „Escalation Through Cooperation: How Transnational Relations Affect Violent Resistance“. In Rule and Resistance Beyond the Nation State: Contestation, Escalation, Exit, herausgegeben von Felix Anderl, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Victor Kempf, Jannik Pfister, und Philip Wallmeier. Lanham: Rowman & Littlefield International.

Atzmüller, Roland, Brigitte Aulenbacher, Ulrich Brand, Fabienne Décieux, Karin Fischer, und Birgit Sauer, Hrsg. 2019. Capitalism in Transformation: Movements and Countermovements in the 21st Century. Northampton: Edward Elgar Publishing.

Braunmühl, Claudia von, Heide Gerstenberger, Ralf Ptak, und Christa Wichterich, Hrsg. 2019. ABC der globalen (Un)Ordnung Von »Antifeminismus« bis »Zivilgesellschaft«. Hamburg: VSA.

Caiani, Manuela, und Manès Weisskircher. 2019. „How Many ‘Europes’? Left-Wing and Right-Wing Social Movements and Their Visions of Europe“. In Routledge Handbook of Contemporary European Social Movements: Protest in Turbulent Times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya und Ramon A. Feenstra. London: Routledge.

della Porta, Donatella. 2019. „Democratic Models in Europe“. In Routledge Handbook of Contemporary European Social Movements: Protest in Turbulent Times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya und Ramon A. Feenstra. London: Routledge.

della Porta, Donatella, Gianni Piazza, Niccolò Bertuzzi, und Giuliana Sorci. 2019. „LULUs Movements in Multilevel Struggles: A Comparison of Four Movements in Italy“. Rivista Italiana di Politiche Pubbliche, Nr. 3/2019.

Daphi, Priska. 2019. „The Global Justice Movement in Europe“. In Routledge Handbook of Contemporary European Social Movements: Protest in Turbulent Times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya und Ramon A. Feenstra. London: Routledge.

Daphi, Priska, und Lorenzo Zamponi. 2019. „Exploring the movement-memory nexus: insights and ways forward“. Mobilization: An International Quarterly 24 (4): 399–417.

Dean, Rikki, Jonathan Rinne, und Brigitte Geissel. 2019. „Systematizing Democratic Systems Approaches: Seven Conceptual Building Blocks“. Democratic Theory 6 (2): 41–57.

Diefenbach, Aletta, Philipp Knopp, Piotr Kocyba, und Sebastian Sommer. 2019. „Politische Differenz und methodische Offenheit. Wie rechte Bewegungen erforschen?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (3): 458–469.

Doerr, Nicole. 2019. „Von diskursiver Marginalisierung zu politischer Teilhabe?“ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (3): 379–393.

Fahlenbrach, Kathrin. 2019. „Fotografie als Protestmedium: Expressive Foto-Praktiken im Online-Aktivismus“. Fotogeschichte 39 (154).

Geißel, Brigitte, Anna Krämling, und Lars Paulus. 2019. „More or Less Equality? Direct Democracy in Europe from 1990 to 2015“. Zeitschrift Für Vergleichende Politikwissenschaft, Dezember.

Gauditz, Leslie Carmel. 2019. „Feldausstieg in der Forschung zu Flucht_Migration“. In Forschen und Arbeiten im Kontext von Flucht: Reflexionslücken, Repräsentations- und Ethikfragen, herausgegeben von Margrit E. Kaufmann, Laura Otto, Sarah Nimführ, und Dominik Schütte, 261-282 . Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Hamann, Ulrike, und Lisa Vollmer. 2019. „Mieter*innenproteste in der postmigrantischen Stadt“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (3): 364–378.

Hunold, Daniela, und Jacques de Maillard. 2019. „Kollektive Gewalt in der Stadt: die Bedeutung polizeilichen Handelns für Jugendproteste in Deutschland und Frankreich“. In Politische Gewalt im urbanen Raum, herausgegeben von Fabien Jobard und Daniel Schönpflug, 197–222. Berlin, Boston: De Gruyter.

Hütter, Bernd. 2019. Rezension: Reiner Wolf (Hrsg.) Protest und Aufbruch. «68» in Osnabrück; Isensee Verlag, 2018 (online).

Hütter, Bernd. 2019. Rezension: Bärbel Förster (Hg.): Ohne Gedächtnis keine Zukunft. Oder: Archive brauchen Gegenwart. Eine Bilanz zu 20 Jahren «Archiv Demokratischer Sozialismus (online).

Kannengießer, Sigrid. 2019. „Reflecting and Acting on Datafication – CryptoParties as an Example of Re-Active Data Activism“. Convergence, Dezember.

Kuhlicke, Christian, Sigrun Kabisch, und Dieter Rink. 2019. „Urban resilience and urban sustainability“. In The Routledge Handbook of Urban Resilience, herausgegeben von Michael Burayidi, Adriana Allen, John Twigg, und Christine Wamsler, 2. London: Routledge.

Marcks, Holger, Janusz Biene, Daniel Kaiser, und Christopher Daase. 2019. „Escalation Through Cooperation: How Transnational Relations Affect Violent Resistance“. In Rule and Resistance Beyond the Nation State: Contestation, Escalation, Exit, herausgegeben von Felix Anderl, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Victor Kempf, Jannik Pfister, und Philip Wallmeier, 179–200.

Odugbesan, Abimbola, Edward Stanley, Steve und Leslie Carmel Gauditz. 2019. „“We have to restructure the way the educational system works from scratch.”“. In Forschen und Arbeiten im Kontext von Flucht: Reflexionslücken, Repräsentations- und Ethikfragen, herausgegeben von Margrit E. Kaufmann, Laura Otto, Sarah Nimführ, und Dominik Schütte, 171–90. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Prause, Louisa. 2020. Konflikte um die Aneignung von Land: Proteste gegen industrielle Minen und agrarindustrielle Projekte im Senegal. Wiesbaden: Springer.

Regener, Susanne, und Dorna Safaian. 2019. „Lebenswelten als Protest. Fotografische Praktiken der deutschen und dänischen Schwulenbewegung seit den 1970er Jahren“. Fotogeschichte 39 (154). Online

Rucht, Dieter. 2019. „Faszinosum Fridays for Future“. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 69 (47/48): 4–9.

Sauer, Birgit. 2019. „Cultural War 2.0? The Relevance of Gender in the Radical Populist-Nationalist Right“. In Capitalism in Transformation: Movements and Countermovements in the 21st Century, herausgegeben von Roland Atzmüller, Brigitte Aulenbacher, Ulrich Brand, Fabienne Décieux, Karin Fischer, und Birgit Sauer, 169–83. Northampton: Edward Elgar Publishing.

Scheller, David. 2019. „Hamburg: Housing Movements and Local Government“. In Contemporary Co-Housing in Europe: Towards Sustainable Cities?, herausgegeben von Pernilla Hagbert, Henrik Gutzon Larsen, Håkan Thörn, und Cathrin Wasshede. London: Routledge.

Scheller, David und Henrik Gutzon Larsen. 2019. „Urban Activism and Co-Housing“. In Contemporary Co-Housing in Europe: Towards Sustainable Cities?, herausgegeben von Pernilla Hagbert, Henrik Gutzon Larsen, Håkan Thörn, und Cathrin Wasshede. London: Routledge.

Scheller, David, und Håkan Thörn. 2019. „Autonomy vs. Government: Consequences for Sustainability in Co-Housing“. In Contemporary Co-Housing in Europe: Towards Sustainable Cities?, herausgegeben von Pernilla Hagbert, Henrik Gutzon Larsen, Håkan Thörn, und Cathrin Wasshede. London: Routledge.

Simon, Bernd. 2019. „A New Perspective on Intergroup Conflict: The Social Psychology of Politicized Struggles for Recognition“. Theory & Psychology, November.

Teune, Simon. 2019. „Zwischen Ereignis und Erinnerung. Zur fotografischen Produktion der Anti- Atomkraftbewegung“. Fotogeschichte 39 (154).

Tulke, Julia. 2019. „Archiving Dissent:(Im) material Trajectories of Political Street Art in Istanbul and Athens“. In The Aesthetics of Global Protest: Visual Culture and Communication, herausgegeben von Aidan McGarry, Itir Erhart, Eslen-Ziya Hande, Olu Jenzen, und Umut Korkut, 121–40. Amsterdam: Amsterdam University Press.

Ullrich, Peter. 2019a. „Gutachten zur «Arbeitsdefinition Antisemitismus» der IHRA“. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung. Online.

Ullrich, Peter. 2019b. „Organisierung und Mobilisierung im akademischen Kapitalismus“. In Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018., herausgegeben von Nicole Burzan. Bd. 39. Online.

Ullrich, Peter. 2020. „“Normal Citizens” versus “Rowdies”: Police Categorisations of Protesters in Germany“. Sociologia, Problemas e Práticas, Nr. 92. Online.

Wallmeier, Philip, und Maik Fielitz. 2019. „Withdrawal as Dissident Politics“. In Rule and Resistance Beyond the Nation State: Contestation, Escalation, Exit, herausgegeben von Felix Anderl, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Victor Kempf, Jannik Pfister, und Philip Wallmeier. Lanham: Rowman & Littlefield International.

Wichterich, Christa. 2019. „Die antifeministische Internationale“. Blätter für deutsche und internationale Politik, Februar 2019.

Wiemann, Anna. 2019. „Making Memory by Dissociating the Past from the Present: Narratives of Movement Intellectuals of the Post-Fukushima Protest Cycle in Japan“. International Quarterly for Asian Studies 50 (1–2): 157–70.

Kritische Wissenschaft und rechte Bewegungen als Forschungsgegenstand

13.12.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Aletta Diefenbach, Philipp Knopp, Piotr Kocyba und Sebastian Sommer erschien im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 3. Die Autor*innen sind Mitglieder des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und aktiv im Arbeitskreis Rechte Protestmobilisierungen.

In Anbetracht der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen besteht kaum ein Zweifel daran, dass wir rechte Proteste und Bewegungen wissenschaftlich untersuchen müssen. Wie dies geschehen soll, darüber besteht aber großer Klärungsbedarf. Derzeit entzünden sich innerhalb und außerhalb[1] der deutschsprachigen Sozial- und Kulturwissenschaften teils heftig geführte Diskussionen darüber, wie man den neueren rechten Entwicklungen wissenschaftlich am besten Rechnung trägt. Das ist wenig verwunderlich. Die Bewegungsforschung ist zwar reich an Debatten und Vorschlägen, wie Forschende insbesondere progressive Politiken und Praktiken erschließen können und sollen.[2] Durch ihren Fokus auf linke politische Mobilisierungen[3] fehlte aber bisher eine Auseinandersetzung darüber, wie man mit rechten Bewegungen umgehen soll. Die aktuelle Methodendebatte ist daher mehr als begrüßenswert.

Auffällig an den bisherigen deutschsprachigen Beiträgen ist jedoch, wie stark die Eignung qualitativer bzw. interaktionsnaher sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden in Frage gestellt wird. Ein Beispiel ist das Anfang des Jahres 2019 veröffentlichte Statement des „Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus“. Ausgehend von einer ethnographischen Studie, in deren Verlauf die forschende Person ein Liebesverhältnis mit einem Aktivisten der „Identitären Bewegung“ einging,[4] ziehen die Autor*innen weitreichende methodologische Schlüsse, wonach ethnographische Methoden kaum als „adäquates Mittel“ der Wissensproduktion über rechte Phänomene gelten sollen (Forschungsnetzwerk 2019: 2). Ein anderes anschauliches Beispiel bietet Robert Feustel (2019), der in seinem polemisierenden Artikel schlussfolgert, Interviews mit rechten Aktivist*innen seien aus einer kritischen Perspektive ebenfalls abzulehnen, da sie nicht zu neuen Erkenntnissen über rechte Einstellungen beitragen könnten.

Vor dem Hintergrund unserer eigenen Forschungen, die auch teilnehmende Beobachtungen an rechten Protesten und qualitative Interviews einschließen, finden wir derartige Einschätzungen irreführend. Statt pauschaler Ablehnung einzelner Forschungsmethoden muss es doch vielmehr darum gehen, zu diskutieren, welchen Fallstricken auszuweichen ist und welche Hürden genommen werden müssen, um das Potential qualitativer Methoden für die Ergründung rechter Ideologien und Praktiken auszuschöpfen. Wir können und wollen in der gebotenen Kürze keinen „Königsweg” präsentieren, wie man emanzipatorisch orientiert Erkenntnisse über politische Bewegungen von rechts gewinnen soll – einen solchen gibt es wohl auch kaum. Doch plädieren wir in diesem zweifelsfrei hochkomplexen und von Widersprüchen durchzogenen Feld für mehr methodische Offenheit und für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Spannungen, die mit der Erforschung rechter Phänomene aus der Perspektive kritischer Wissenschaft, und speziell auch unter Rückgriff auf interaktionsnahe Methoden der Sozialforschung,[5] einhergehen.

Kritische Wissenschaft und rechte Bewegungen als Forschungsgegenstand – Ein Spannungsverhältnis

Um welche Spannungen geht es dabei? Die Wissenschaft hat über die Jahrhunderte spezifische Regeln der Wissensproduktion herausgearbeitet. Diese Regeln sind seit jeher umstritten. Insofern verdeutlichen auch die gegenwärtigen Debatten in der deutschsprachigen Soziologie,[6] dass die Diskussion über methodologische Kernfragen prinzipiell unabgeschlossen ist und fortwährend geführt werden muss; etwa mit Blick auf Ansprüche wie Objektivität und Werturteilsfreiheit oder auf das Erkenntnisinteresse von wissenschaftlicher Wissensproduktionen. Und das ist auch gut so!

Will man nicht in Relativismus und Beliebigkeit verfallen, dann gehört zu den in den Sozialwissenschaften weitestgehend anerkannten Erwägungen sicherlich die Idee, Erkenntnisse und theoretische Konzepte auf nachvollziehbare Weise zu konstruieren, sie mit einer bestimmbaren Reichweite zu generieren sowie dabei die eigene Standortgebundenheit zu reflektieren. Ähnlich, und dies ist insbesondere der qualitativen Sozialforschung eigen, verhält es sich mit dem Anspruch, eine größtmögliche Offenheit gegenüber dem betrachteten Phänomen zu bewahren, um es in seinen Ausprägungen und seiner Genese verstehen und erklären zu können. Gerade solch eine Offenheit ist die Stärke qualitativer Forschung, die vor allem neue Zusammenhänge und Komplexitäten aufzeigen will, anstatt deduktiv vorzugehen und Hypothesen quantitativ zu prüfen.

Insbesondere in der Protest- und Bewegungsforschung pflegen Wissenschaftler*innen häufig ein kritisches Selbstverständnis und verpflichten sich gegenüber demokratischen Werten wie Gleichheit und Freiheit, politischen Teilhaberechten von Marginalisierten sowie der Aufdeckung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen (Teune/Ullrich 2018). Das politisch wie gesellschaftlich erstarkende rechts-konservative Spektrum, das im weitesten Sinne Ideologien der Ungleichwertigkeit mobilisiert, steht vielfach in Opposition zu einer dergestalt kritisch verstandenen Wissenschaft. Das Verhältnis zwischen der Subjektivität der kritisch Forschenden, den Ansprüchen an wissenschaftliches Arbeiten und den politischen Positionen der rechten Bewegungen bildet somit ein mehrdimensionales Spannungsverhältnis.

Es manifestiert sich in unseren Forschungsinteressen, aber auch in der Art, wie wir Fragen stellen, in der Wahl der Theorien und in dem Wissen um den Gebrauch einer Methode. Es schlägt sich schließlich in der Interpretation der Daten und auch in der Kommunikation der Ergebnisse nieder. Aus der politischen Differenz speist sich der Appell, nicht jede Interaktion mit der bewegungsförmigen Rechten ethisch für angemessen zu erachten und eine kritische Auseinandersetzung anzustreben. Jedoch birgt die in den oben angeführten Debattenbeiträgen vertretene Ablehnung interaktiver Forschung auch die Gefahr, systematisch blinde Flecken zu produzieren. So sollte ein forschungsethischer Appell nicht dazu führen, den generellen Anspruch qualitativer Forschung, die zu erforschende Wirklichkeit in ihrer Strukturiertheit möglichst offen zu rekonstruieren, pauschal fallen zu lassen. Damit wäre ihr Potential verschenkt.

Potentiale der interaktionsnahen Datengewinnung anerkennen

Die Herausforderungen, die sich aus der politischen Differenz für die Datengewinnung ergeben, sind nicht zu unterschätzen und bilden daher auch den Kerngegenstand der Kritik an qualitativen Methoden. Hier gibt es praktische Hürden sowie forschungsethisch relevante Bedenken. Insbesondere das Forschungsnetzwerk listet eine Vielzahl von Problemen der „methodischen Zugänge“ auf, die „direkte Kommunikation mit den beforschten Personen“ (Forschungsnetzwerk 2019: 2) im Feld des Rechtsextremismus einschließt. Sie lehnen zum Beispiel die teilnehmende Beobachtung von öffentlichen Aktionen des extrem-rechten Spektrums ab, vor allem, wenn sie verdeckt erfolgt, weil die Forschenden „damit an ihrer medialen Reproduktion (mitwirken)“ (ebd.: 3). An anderer Stelle kritisieren sie, dass „eine Datenerhebung und -analyse, die von (un-)bewussten Sympathien für die Beforschten begleitet ist, (…) ihre Ergebnisse (verfälschen) (sic!) und (sich) für einen weiteren wissenschaftlichen Diskurs (disqualifizieren)“ würde (ebd.: 4).

Mit dieser Skepsis gegenüber interaktionsnaher Forschung hinterfragt das Netzwerk aber auch eine ganze Reihe von bisherigen, auch mutigen, Studien, die mittels ethnographischer Methoden in diesem Milieu gearbeitet haben. Eine Vielzahl von Forschenden haben sich in dieser Hinsicht bewusst auf zeitintensive, nahe Auseinandersetzungen mit Rechten aus unterschiedlichen Spektren eingelassen, sich mitunter explizit methodisch für Empathie (Hochschild 2016), gar Freundschaft (Teitelbaum 2017) oder für eine Forschung mit verdeckter Identität entschieden (Shoshan 2016). Sie alle reflektieren auf die eine oder andere Weise Schwierigkeiten während der Feldforschung, diskutieren aber auch, wie sich politische Differenz und Nähe produktiv integrieren lassen (siehe auch Back 2002; Pilkington 2016). Natürlich sind diese Studien im Einzelnen kritikwürdig. Gemein ist ihnen jedoch, dass sie uns über einen offenen, nicht vorab klar definierten Weg der Annäherungen, der auch moralische Dilemmata bereithält, ein dichtes und detailreiches Bild der Akteure mit rechten Einstellungen und Praktiken sowie von ihren historischen oder biographischen Werdegängen geben. Sie zeigen, wie rassistische Weltbilder mit anderen sozialen Bezügen wie Geschlecht, Emotionen, Klasse, Kultur, etc. verwoben sind. Damit können sie über die sonst gängigen Erklärungsmuster (nationalistische Ideologien und ökonomische Deprivationserfahrungen) hinausgehend differenzierter aufzeigen, was die Sogkraft rechter Zusammenschlüsse ausmacht.

Wir leugnen nicht, dass interaktive Forschung auch an Grenzen stößt. Nach Demonstrationsbefragungen bei PEGDIA mussten Forschende aufgrund der aggressiven Haltung der Protestierenden ernüchtert ihre bisherigen Methoden hinterfragen (Daphi et al. 2015). Doch auch hier gibt es Möglichkeiten zur methodischen Weiterentwicklung. Wie weitere Befragungen rechter Demonstrationen zeigen, lassen sich gefährliche Situationen erheblich verringern, wenn Forschende unmittelbar und eindeutig in dieser Rolle, und nicht etwa als Journalist*innen, wahrgenommen werden und zu identifizieren sind. Erfahrungsgemäß führten – bei PEGIDA – solche Unsicherheiten trotz Klärungsversuche zu heftigen (teilweise auch physischen) Anfeindungen. Als Forschende jedoch anfingen, Warnwesten mit der Aufschrift „Befrager“ zu tragen und einem entsprechenden Ausweis vorzeigen konnten, nahmen derartige Aggressionen ab.

Darüber hinaus zeigen die Beobachtungserfahrungen im Kontext von PEGIDA das Potential von größeren und divers aufgestellten Beobachtungsgruppen, sodass nicht nur unterschiedliche Wahrnehmungen des Protestereignisses, sondern ebenso unterschiedliche Erfahrungen aufgrund der zugeschriebenen Identität (z.B. als weibliche oder „nicht-deutsche“ Forscher*in) abgebildet werden können (Geiges et al. 2015: 40ff.). Daneben liefern „mixed-method“-Ansätze als Verbindung unterschiedlicher Feldzugänge Möglichkeiten, um Perspektiven zu erweitern bzw. unterschiedliche Blickwinkel abzubilden, indem etwa Ergebnisse aus teilnehmenden Beobachtungen mit quantitativen Befragungen (Daphi et al. 2015) oder Fokusgruppen (Geiges et al. 2015) trianguliert werden-

Wege und Offenheit in der Interpretation von Daten

Pauschale Ablehnung erfahren interaktionsnahe Methoden auch, weil von den Teilnehmenden an Befragungen und Interviews a priori „strategische Kommunikation“ erwartet wird. Dabei wird angenommen, dass die Interviewten keine im engeren Sinne forschungsrelevanten Aussagen tätigen (wollen) und die Forschenden „ausnutzen“, wenn nicht gar „bewusst manipulieren“ (vgl. Forschungsnetzwerk 2019: 3; siehe auch Feustel 2019).

Dabei ist man einer strategischen Kommunikation mitnichten hilflos aufgeliefert. Nicht nur bergen auch die offensichtlich strategischen Interaktionen einen Erkenntniswert – sie geben u.a. Aufschluss darüber, was aus der Perspektive der Befragten öffentlich sagbar ist oder wie sie mit Stigmatisierung umgehen. Die qualitative Sozialforschung kennt auch Wege, wie Einflüsse politischer, aber auch sozialer, kultureller, geschlechtsspezifischer etc. Differenzen im Forschungs- und Interpretationsprozess aufgedeckt und möglicherweise abgebaut werden können. Insofern greift der Vorwurf der strategischen Kommunikation zu kurz. Unbeachtet bleibt dabei, dass Interaktion stets auf Darstellungspraktiken beruht, die sowohl von den habituellen als auch situativen wechselseitigen Erwartungen der Interaktionsbeteiligten beeinflusst werden. Die Interaktionssituationen und ihre Bedingungen sind in der Dateninterpretation daher immer zu rekonstruieren und dabei ist die Rolle der Forschenden und die Erwartungen, die den Beforschten gegenüber gestisch und verbal ausgedrückt werden, zu berücksichtigen. Kathleen M. Blee (2017) wertet etwa unterschiedliche Interaktionsdynamiken aus Interviewsituationen in Studien über Frauen in der US-amerikanischen extremen Rechten der 1980er und 1990er Jahre aus. Sie deckt auf, wie in den Interviews ethnische Zuschreibungen wirken oder wie die Interviewten taktisch vorgehen, indem sie einschüchtern oder Angst erzeugen. Weiterhin erörtert sie, wie biographische Interviews solche strategischen Züge eindämmen können. Auch Dorit Roer-Strier und Roberta Sands (2015) rekonstruieren die verschiedenen Phasen von Interviews, in welchen die politische Differenz zwischen beiden Parteien zum Thema wurde. Sie diskutieren, wie die wechselseitige Anerkennung der gegensätzlichen Position half, die „offizielle Geschichte“ der Interviewten aufzubrechen, und detailreiche Einblicke in deren Gedankenwelt und Handlungsorientierungen ermöglichte.

Ebenfalls können Interpretationsgruppen so zusammengesetzt werden, dass sie eine größtmögliche Diversität von sozialen und politischen Positionen einschließen (Krueger 2008: 128). Idealerweise können Leser*innen durch eine ausführliche Dokumentation der Forschungsarbeit nachvollziehen, wie die Interpretationen der Gruppe zustande kommen. In einer kritischen Bewegungsforschung hat diese multiperspektivische Interpretationsstrategie gleichsam epistemologische Grundlagen. Denn Interpretationsgruppen ermöglichen auch, einen pluralistischen Forschungsanspruch einzulösen, der vielfach situierte Lebenswelten und Sichtweisen auf die Welt berücksichtigen will. Die Ko-Interpretation mit marginalisierten Personen bietet so eine Möglichkeit der Dezentrierung des meist weißen, mittelschichtsangehörigen Erkenntnissubjekts „Wissenschaftler*in“. Positionsplurale Offenheit ist somit dezidiertes Mittel kritischer Erkenntnis.

Offenheit in der Darstellung von Ergebnissen

Gerade qualitative Studien öffnen den Blick für Komplexitäten, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten sozialer Praxis. So darf auch die kritische Wissenschaftskommunikation als „aktiver Zug im Ringen um Emanzipation und gerechte Verhältnisse“ (Slaby 2018: 79) diese Komplexitäten nicht reduktionistisch unterschlagen.

Die Entscheidungen, wie die Forschungsergebnisse veröffentlicht werden, fangen bereits bei den subtileren Spielräumen der stilistischen Textproduktion an. Forscher*innen können ihre Ergebnisse in einem nüchternen, distanzierten und Objektivität oder Neutralität vermittelten Ton formulieren. Sie können Ergebnisse aber auch in Ästhetiken niederschreiben, welche bereits politische Orientierungen und andere Stimmungen mittransportieren. Arlie Hochschild (2016) etwa wählt einen zugewandten Schreibstil, um die Lebensrealitäten der von ihr untersuchten rechten Südstaatler*innen in den USA zu beschreiben. „Empathie“ ist in gewisser Weise also auch in ihren Text eingeschrieben. Sie stellt nicht allein ein „wissenschaftliches Phänomen“ dar, sondern die „Menschen“ in ihrer Komplexität; sicherlich auch mit der Idee, den Leser*innen Platz für ein eigenes Urteil einzuräumen. Ganz anders verhält es sich mit Claus Leggewies frühem Buch „Der Geist steht rechts“ (1987), dessen reichhaltige „Ausflüge“ in die „Denkfabrik der Wende“ mit satirisch spöttelnden Seitenhieben gegen den politischen Gegner gespickt sind. Seine eigene politische Haltung und Geringschätzung sind unüberlesbar.

Darüber hinaus gibt es weitere Strategien, die Komplexitäten von Forschungsergebnissen kritisch zu rahmen. Die historische Rassismusforschung ermöglicht es etwa, verschiedene Einstellungen und Praktiken gegenüber Minderheiten aufzuzeigen und dazugehörige ausschließende Mechanismen als Entwicklungen weit zurückreichender Rassismusdiskurse aufzudecken. Aletta Diefenbach (2019) rahmt zum Beispiel die sowohl nuancierte als auch widersprüchlich vorgetragene „Islamkritik“ ihrer Interviewpartner*innen als Teil des neuen kulturalistischen Rassismusdiskurses. Rhetorisch wird hierbei nicht über „Rasse“, sondern „Kultur“ bzw. Religion Differenz hergestellt. Zudem wird zwar immer wieder versucht, das „muslimische Andere“ nicht pauschal abzuwerten, in der Gesamtschau bleibt es jedoch bei einer skeptischen Haltung, die einen ausschließenden Diskurs gegenüber Muslim*innen bewirkt.

Ebenso ist es denkbar, ausgrenzenden Sichtweisen die Perspektive von Betroffenen dieser Ausgrenzung gegenüberzustellen oder durch Kontextfaktoren und Datenquellen kritisch zu ergänzen. Ein Beispiel hierfür sind die Untersuchungen von Michael Kimmel (2013), der den Zorn der von ihm interviewten „angry white men“ in den USA zwar anerkennt und abbildet, ihn jedoch mit gesellschaftspolitischen Betrachtungen kontrastiert, vor allem mit den sozio-ökonomischen Entwicklungen. Er legt auf diese Weise die vorgefundenen Welterfahrungen als widersprüchlich und in seinen Augen fehlgeleitet dar.

Sicherlich bleibt bei all diesen möglichen Darstellungen die Frage unbeantwortet, wie etwa mit Erkenntnissen umgegangen werden soll, welche die politische Gegenseite womöglich (argumentativ) stärken können oder deren Sichtweisen unter Umständen untermauern. Daher wird es auch hier nicht die eine und alleinig richtige Strategie geben. Eine gewisse Pluralität von gemäßigt-neutralen bis radikal-energischen Positionen der Wissenschaftskommunikation erscheint hierbei strategisch sinnvoll, um Rechte letztlich nicht in ihrer vermeintlichen Opferrolle zu bestätigen.

Was wäre überhaupt die Alternative?

Wer rechte Protestbewegungen erforschen will, bewegt sich in einem vielschichtigen Spannungsfeld. Wir meinen, dass sich kritische Wissenschaft auf diese Spannungen reflexiv einlassen sollte, anstatt ihrem Gegenstand mit einer voreiligen – und im Kern illusorischen – Strategie der Kommunikationsverweigerung gegenüberzutreten. Die jüngst angestoßene Methodendiskussion im Bereich rechter Bewegungen sollte daher an bereits existierende Beiträge anschließen, sowie im Kontext der allgemeinen sozial- und kulturwissenschaftlichen Methodendebatten geführt werden. Reflexivität bedeutet an dieser Stelle auch anzuerkennen, dass die aufgezeigten Spannungsmomente womöglich nicht ganz aufzulösen sind. Die jeweiligen Lösungsansätze können und sollten für andere sichtbar gemacht werden, um eine fruchtbare Diskussion über die Erkenntnisstrategien kritischer Wissensproduktion voranzutreiben.[7]

Gerade die qualitative Methodologie entfaltet ihr „produktives Moment“ (Hametner 2013: 140) mit etwas mehr Zurückhaltung gegenüber dem eigenen Vorwissen. Als „Mittel der Öffnung“ (ebd.) problematisiert sie Vermutungen und räumt durch den Blick auf die alltäglichen Relevanzsetzungen und Handlungen der Akteure die Möglichkeit ein, Neues zu entdecken. Natürlich bleibt diese Offenheit durch die gesellschaftliche Situiertheit der Forschenden bedingt (ebd.) und bedarf immer wieder erneut forschungsethischer Abwägungen. Beides lässt sich aber nicht immer schon vorab reflexiv einholen. Oft können Fragen von Positionalität und Moral auch erst im Verlauf der Forschung erkannt werden und lassen sich dann auch nur situationsabhängig und kontextspezifisch beantworten (auch Freikamp 2008).

An Offenheit festzuhalten, bedeutet auch, sie möglichst zu bewahren, wenn man im Forschungsfeld auf Ablehnung trifft. Denn es wäre für eine kritische Wissenschaft fatal, dem rechten Freund-Feind-Denken mit kategorischer Ablehnung ihrer empirischen und nahen Erforschung zu begegnen. Gleichzeitig bedeutet Offenheit aber nicht Werturteilsfreiheit im Sinne einer kritiklosen oder unkommentierten Aufnahme rechter Diskurse oder Positionen, die es viel eher zu beschreiben und kritisch und mit anderen Ansichten zu rahmen gilt. Auf diese Weise können rechte Welterfahrungen und ihre ideologischen Deutungen als das erscheinen, was sie sind, nämlich eine Art, die (Alltags-)Realität zu ordnen, die zwar (leider) von vielen Personen geteilt wird und deshalb untersucht werden muss, jedoch keineswegs einen alleinigen Geltungsanspruch besitzt.

Aus unserer Sicht kann kritische Forschung mit progressivem Anspruch nicht bedeuten, sich gegenüber einem politisch widerstreitenden und kontroversen Gegenstand auf die eine oder andere Weise zu verschließen, indem bspw. allein der Weg in den Elfenbeinturm der theoretischen Kritik gewählt wird. So erscheinen die Implikationen einer Schließung wenig wünschenswert, da dies unter Umständen bedeutet, dass progressive Forschende die Deutungen eines gesellschaftspolitisch wichtigen Feldes anderen überlassen.

Denn es braucht einen Gegenpol zu politisch komplizenhaften Forschungen, wie zum Beispiel den Befragungsstudien von Werner Patzelt (2016), welche die „Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens“ als Hauptziel definieren und die Dimensionen ausgrenzenden Verhaltens systematisch herunterspielen oder diskursiv zu verschleiern versuchen, zum Beispiel durch sehr enge Rassismus-Definitionen oder die Verwendung euphemistischer Begriffe wie „kulturell begründete Sorgen“ anstatt Rassismus. Demgegenüber hat es alternative Darstellungen zu den Forschungen Patzelts gegeben – in Form fundierter Methoden- und Begriffskritik (Kocyba 2016a) und auf Grundlage empirischen Datenmaterials, die einer verniedlichenden Darstellung der PEGIDA-Demonstranten als „besorgte Bürger“ vehement entgegentreten (Kocyba 2016b). Die Herangehensweisen kritischer Wissenschaft – Theoriearbeit, Methodenkritik und empirische Forschung – sollten sich somit idealerweise ergänzen.

Die Forschung in den oftmals feindseligen Umgebungen rechter Proteste und rechter Bewegungsmilieus ist für Wissenschaftler*innen oft anstrengend und emotional aufreibend. Solange keine massiven forschungsethischen oder -praktischen Verfehlungen vorliegen, bedeutet das Gebot der Offenheit, eine methodische Heterogenität in der kritischen Forschung unaufgeregt anzuerkennen. Für den Umgang mit den skizzierten Fallstricken lässt sich abschließend auch folgende Einsicht in Erinnerung rufen: Wissenschaftliche Erkenntnis lebt von der (Möglichkeit ihrer) Falsifikation. Ergebnisse sind also immer als vorläufig zu verstehen, sollen kritisiert und im Zweifelsfall revidiert werden. Jede*r Forscher*in ist daher eingeladen, ja aufgefordert, es besser zu machen.

 

[1]        Siehe für den angelsächsischen Raum u.a. Journal of Contemporary Ethnography (2/2007), Blee (2017), Teitelbaum (2019), Pasieka, (2019), Bangstad et al. (2019) uvm.

[2]        Vgl. frühere Beiträge in dieser Rubrik von Ullrich/Teune (2018) oder Zajak (2018).

[3]     Dieser Fokus schlägt sich z.B. anschaulich in der Gewichtung der Beiträge im Handbuch zu den „Sozialen Bewegungen in Deutschland ab 1945“ (Roth/Rucht 2008) nieder, wo es unter den 21 Kapiteln zu spezifischen Bewegungen nur einen einzigen Beitrag gibt, der sich nicht mit progressiven Bewegungen beschäftigt.

[4]     Nach Angaben des Netzwerks ist die betreffende Person zwar von ihren Funktionen innerhalb der „Identitären Bewegung“ zurückgetreten. An einer ideologischen Distanzierung bestehen jedoch Zweifel (Forschungsnetzwerk 2019: 1).

[5]        Siehe für die gleiche Stoßrichtung auch die Kommentare auf Feustel von Kühn/Lehn (2019) und Kumkar (2019).

[6]        Verwiesen sei an dieser Stelle auf die zahlreichen Beiträge in den Ausgaben der Zeitschrift „Soziologie“ der Jahrgänge 2018 und 2019.

[7]        An dieser Stelle sei noch einmal auf die lesenswerte Debatte in Teitelbaum (2019) hingewiesen, welche solche epistemologischen und moralischen Dilemmata innerhalb der anthropologischen Forschertradition verhandelt.

 

Literatur

Back, Les 2002: Guess Who’s Coming to Dinner? The Political Morality of Investigating Whiteness in the Gray Zone. In: Ware, Vron/Back, Les (Hg.): Out of Whiteness. Color, Politics, and Culture. Chicago: University of Chicago Press, 33-59.

Bangstad, Sindre/Bertelsen, Bjorn Enge/Henkel, Heiko 2019: The Politics of Affect. Perspectives on the Rise of the Far-Right and Right-Wing Populism in the West. In: Focaal, Heft 83, 98-113.

Blee, Kathleen M. 2017: Understanding Racist Activism. Theory, Methods and Research. London/New York: Routledge.

Daphi, Priska/Kocyba, Piotr/Neuber, Michael/Roose, Jochen/Rucht, Dieter/Scholl, Franziska/Sommer, Moritz/Stuppert, Wolfgang/Zajak, Sabrina 2015: Protestforschung am Limit. Eine soziologische Annäherung an PEGIDA. ipb working paper. https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2015/03/protestforschung-am-limit_ipb-working-paper_web.pdf [28.05.2019].

Diefenbach, Aletta 2019: Hassen im Modus bürgerlicher Etikette? Wie Neurechte über den Islam reden. In: Brokoff, Jürgen/Walter-Jochum, Robert (Hg.): Hass/Literatur. Literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einer Theorie- und Diskursgeschichte. Bielefeld: transcript, 167-188.

Feustel, Robert 2019: Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen? Eine Einladung zum Widerspruch. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1-2, 137-145.

Forschungsnetzwerkes Frauen und Rechtsextremismus 2019: Warum Liebe kein Zufall ist und Rechtsextremismusforschung einer professionellen Distanz zu ihrem Gegenstand bedarf. http://frauen-und-rechtsextremismus.de/2019/01/31/warum-liebe-kein-zufall-ist-und-rechtsextremismusforschung-einer-professionellen-distanz-zu-ihrem-gegenstand-bedarf/ [21.05.2019].

Freikamp, Ulrike 2008: Bewertungskriterien für eine qualitative und kritisch emanzipatorische Sozialforschung. In: Freikamp, Ulrike/Leanza, Matthias/Mende, Janne/Müller, Stefan/Ullrich, Peter/Voß, Hans-Jürgen (Hg.): Kritik mit Methode. Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik. Berlin: Dietz-Verlag, 215-232.

Geiges, Lars/Marg, Stine/Walter, Franz 2015: PEGIDA. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft. Bielefeld: transcript.

Hametner, Katharina 2013: Wie kritisch ist die rekonstruktive Sozialforschung? Zum Umgang mit Machtverhältnissen und Subjektpositionen in der dokumentarischen Methode. In: Langer, Phil/Kühner, Angela/Schweder, Panja (Hg.): Reflexive Wissensproduktion. Anregungen zu einem kritischen Methodenverständnis in qualitativer Forschung. Wiesbaden: Springer VS, 135-146.

Hochschild, Arlie 2016: Strangers in Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right. New York: New Press.

Kimmel, Michael 2013: Angry White Men. American Masculinity at the end of an Era. New York: Nation Books (Perseus Books Group).

Kocyba, Piotr 2016a: Über die ‚Veredelung des empirisch vorfindbaren Rassismus‘. Anmerkungen zu aktuellen Dresdner Studien über ‚Pegida‘. In: Klose, Joachim/Schmitz, Walter (Hg.): Freiheit, Angst und Provokation. Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der postdiktatorischen Gesellschaft. Dresden: Thelem, 187-237.

Kocyba, Piotr 2016b: Wieso PEGIDA keine Bewegung harmloser, besorgter Bürger ist. In: Rehberg, Karl-Siegbert/Kunz, Franziska/Schlinzig, Tino (Hg.): PEGIDA – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und ‚Wende‘-Enttäuschung? Analysen im Überblick. Bielefeld: transcript, 147-163.

Krueger, Antje 2008: Die ethnopsychoanalytische Deutungswerkstatt. In: Freikamp, Ulrike/Leanza, Matthias/Mende, Janne/Müller, Stefan/Ullrich, Peter/Voß, Hans-Jürgen (Hg.): Kritik mit Methode. Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik. Berlin: Dietz, 127-146.

Kühn, Annekatrin/Lehn, Katrin 2019: Let´s talk about …? Warum und wie wir mit Rechten reden müssen! Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1/2, 159-166.

Kumkar, Nils 2019: Die Faktizität des Postfaktischen. Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Jg. 7, Heft 1/2, 167-172.

Leggewie, Claus 1987: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabrik der Wende. Berlin: Rotbuch Verlag.

Pasieka, Agnieszka 2019: Anthropology of the far right. Anthropology Today, Jg. 35, Heft 1, 3-6.

Patzelt, Werner 2016: Wer sind und wie denken Pegidianer. In: Patzelt, Werner/Klose, Joachim (Hg.): PEGIDA. Warnsignale aus Dresden. Dresden: Thelem, 149-294.

Pilkington, Hilary 2016: Loud and Proud: Passions and Politics in the English Defense League. Manchester: Manchester University Press.

Roer-Strier, Dorit/Sands, Roberta G. 2015: Moving beyond the ‘official story’. When ‘others’ meet in a qualitative interview. In: Qualitative Research, Jg. 15, Heft 2, 251–268.

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg.) 2008: Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt am Main: Campus.

Shoshan, Nitzan 2016: The Management of Hate. Nation, Affect, and the Governance of Right-Wing Extremism in Germany. Princeton: Princeton University Press.

Slaby, Jan 2018: Drei Haltungen der Affect Studies. In: Pfaller, Larissa/Wiesse, Basil (Hg.): Stimmungen und Atmosphären. Zur Affektivität des Sozialen. Wiesbaden: Springer VS, 53-79.

Teitelbaum, Benjamin R. 2017: Lions of the North: Sounds of the New Nordic Radical Nationalism. Oxford: Oxford Univerity Press.

Teitelbaum, Benjamin R. 2019: Collaborating with the Radical Right. Scholar-Informant Solidarity and the Casae for an Immoral Anthropology. In: Current Anthropology, Jg. 60, Heft 3, 414-435.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018. Protestforschung mit politischem Auftrag? Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1–2, 418–425.

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 4, 98-105.

 

Foto: Kalispera Dell – https://www.panoramio.com/photo/116227104, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38068798

Rezension: Fielitz/Thurston (Hg.) – Post-Digital Cultures of the Far Right

11.12.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus(oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

 

Es folgt nun Tobias Fernholz mit einer Rezension zu Fielitz, Maik/Thurston, Nick (Hg.). 2018. Post-Digital Cultures of the Far Right: Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US. Bielefeld: transcript. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Digitaler Kulturkampf von rechts außen“ in Heft 2/2019 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

In den vergangenen Jahren stieg das Interesse an digitalen Bewegungen, sowohl in wissenschaftlichen als auch journalistischen Formaten. Die Neuartigkeit digitaler Aktionsformen blieb dabei häufig ausgeklammert. Der vorliegende Sammelband, Post-Digital Cultures of the Far Right, herausgegeben von Maik Fielitz und Nick Thurston, nimmt nun gerade diese Neuartigkeit in einer Vielzahl von Fallstudien in den Blick. In den Beiträgen, die von der US-Amerikanischen „Alt-Tech“, einem Zweig der Technologie-Branche, der sich inhaltlich mit der Rechten der USA verbunden sieht (12), bis zu polnischen Fanzines reichen, werden mit Akribie neue Strategien und Aktionsformen dieser sozialen Bewegung von rechts beschrieben. Diese globale Perspektive ist mit Blick auf die grenzübergreifende Vernetzung der Akteure nur konsequent und bringt eine Vielzahl neuer Erkenntnisse mit sich.

Die Erfolge der Alt-Right

Der erste Beitrag des Buches spannt den geographischen Schirm des gesamten Sammelbandes und nimmt eine Kartografie von der erstarkenden Alt-Right der USA bis hin zu schwedischen Aktivist_innen der extremen Rechten vor. Der Fokus des Textes von May und Feldman liegt auf einer Entflechtung der Alt-Right und Alt-Light sowie deren internen Konflikten. Dabei wird deutlich, wie schwierig die Bildung einer kollektiven Identität für stark digitalisierte Bewegungen ist, die vor allen Dingen auf digitalen Interaktionen und tendenziell schwachen beziehungsweise unverbindlichen Interaktionen beruht. Ein bindendes Moment, das die von May und Feldman beschriebenen Konfliktlinien stets überwindet, ist die geteilte Freude an Transgression, den „Lulz“ (26), dem zynischen Pendant des im Internet verbreiteten „LoL“ (laughing out lout).

Tuters vertieft diese Beobachtung und beschreibt die transgressiven Aktionsformen als Larping. Gemeint ist damit die obszöne Überzeichnung der Realität, die in dem Moment, in dem sie zu konkreten Handlungen übersetzt wird, wieder zur Fiktion verklärt wird. Die permanente Grenzüberschreitung, die sich jeder Kritik entzieht, indem sie Kritiker_innen Verbohrtheit und fehlendes Verständnis von Ironie vorwirft, wird von Tuters als Kern der digitalen Ansprache der Alt-Right beschrieben.

Der dritte und letzte Beitrag, der die Alt-Right in den USA in den Fokus nimmt, stammt von Donovan, Lewis und Friedberg. Dabei geht es den Autor_innen, um die Innovationsfähigkeit der Alt-Right, die sich insbesondere nach den rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville mit stärkeren Repressionen, durch Provider und Plattformen wie Facebook und Youtube, konfrontiert sahen. Als Antwort wich die Bewegung auf alternative digitale Angebote aus und schuf dadurch neue Allianzen mit Teilen der Tech-Industrie. Diese Allianzen brachten beispielsweise die Plattform ‚Gab‘ hervor, deren Betreiber_innen die Alt-Right hofierten. Dabei spielten sowohl die ideologischen Elemente der ‚Alt-Tech‘ und ihr „American-centric free speech absolutism“ (57), als auch das lukrative Geschäft durch neue Kunden für die Plattform eine Rolle. Die Autor_innen kommen abschließend zu der Erkenntnis, dass die digitale Infrastruktur keine Zuverlässigkeit für demokratische Prozesse bietet. Welche politischen Positionen von den Plattformen akzeptiert oder ausgeschlossen werden, bleibt die Entscheidung profitorientierter Unternehmen.

Der Blick nach Europa – zwischen Adaption und eigener Strategie       

Mit einer der derzeit drängendsten Fragen der Bewegungsforschung, nämlich der Wechselwirkung zwischen Online- und Offline-Mobilisierung, befasst sich der vierte Artikel dieses Bandes von Karl. Er untersucht die Normalisierung extrem rechter Inhalte durch online und offline Kampagnen der ungarischen Partei Jobbik. Karl beschreibt als wichtigen Faktor für den Erfolg der Jobbik eine Art von neuem „nationalist cool“ (74) etabliert zu haben, der abseits der politischen Sphäre in den Alltag der Menschen einfloss. Auf von der Jobbik mitorganisierten Festen kombinierte sie musikalische, nationalistische Folklore mit ihren extrem rechten Inhalten. Karl schließt mit der Erkenntnis, dass diese fortschreitende Normalisierung der extremen Rechten letztlich maßgeblich für das politische Klima ist, das die regierende Fidesz-Partei Viktor Orbans umgibt.

Im fünften Beitrag des Bandes befasst sich Berg mit der doppeldeutigen Inanspruchnahme von Sexismus durch die extreme Rechte in Deutschland. Dabei stellt sie die Gegensätze eines reaktionären Anti-Feminismus auf der einen, und dem rassistisch aufgeladenen ethnozentrierten Sexismus auf der anderen Seite dar. Berg geht dabei der Frage nach, welche Themen und in welcher Form diese Narrative verwendet werden und wie anti-feministische Positionen mit einer Betonung der Rechte von Frauen kombiniert werden. Sie stellt fest, dass diese Strategie das Ziel verfolgt Migrant_innen im Allgemeinen und Muslime im Speziellen als misogyn und gewalttätig zu beschreiben und damit Frauenfeindlichkeit in diese Fremdgruppen zu externalisieren. Dadurch werden in der Gesellschaft tief verankerte rassistische Narrative aktiviert und aktualisiert.

Froio und Ganesh befassen sich im sechsten Beitrag mit der Bedeutung und Inhalten rechter Netzwerke in West-Europa. Sie untersuchen dabei die (trans)nationale Kommunikation auf Twitter und die Bedeutung dieser Kommunikationsplattform insbesondere für Akteure, denen der Zugang zu breiten Öffentlichkeiten, beispielsweise durch Berichterstattung in Zeitungen und Fernsehen, fehlt. Neben der Identifikation verschiedener zentraler Narrative, wie „economic nativism“ (99) beobachteten die Autor_innen, dass Nationen-, und damit in der Regel auch sprachübergreifende Bezugnahme eher die Ausnahme darstellen. Während ihre Daten diese direkte Form der Vernetzung negieren, stellen die Autor_innen dennoch fest, dass auf einer inhaltlichen Ebene große Überschneidungen vorliegen. Insbesondere anti-muslimische Inhalte bilden einen „transnational glue“ (101) der diese Netzwerke verbindet.
Einen Bruch des Bandes stellt gewissermaßen der Beitrag von Marczewska dar, in dem die Fanzine-Szene Polens und ihre Bedeutung für die extreme Rechte beschrieben wird. Entgegen des Trends in anderen europäischen Staaten ist die extreme Rechte in Polen auch heute noch stark mit den self-made Printformaten der Fanzines verbunden. Marcezwska beschreibt in seinem Beitrag die Entwicklung dieses Formats von seinen Anfängen in der kommunistischen Diktatur, bis hin zur aktuellen Bedeutung in einem von der rechtspopulistischen PIS regierten Polen. Er hebt dabei vor allen Dingen den identitätsstiftenden Charakter der Fanzine-Community hervor und die Funktion als „space to manifest open and unconstrained expressions of the ideology they support“ (117).

Der achte Beitrag des Bandes nimmt die verschiedenen Codes der extremen Rechten in den Blick. Ausgangspunkt für Miller-Idris war ihre Erkenntnis aus Schüler_innen-Befragungen, dass die Codes der extremen Rechten nicht unbedingt als solche korrekt interpretiert werden, selbst dann, wenn den Schüler_innen die Zugehörigkeit der Codes bekannt waren. Grundsätzlich unterscheidet die Autorin dabei zwischen intendierten Codierungen, also jenen Codes, die bereits bei ihrer Schaffung als Codes gedacht waren, jenen, die erst durch Aneignung durch die extreme Rechte zu solchen wurden und solchen, die von Marken genutzt werden, um die Wirkung der Provokation auszunutzen. Abschließend widmet sich Miller-Idris Gegenreaktionen und der notwendigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Potenzialen des „counter protest“ (132).

Memes, Falschinformationen und toxische Narrative

Im neunten Beitrag befassen sich Bogerts und Fielitz mit einer der wichtigsten Handlungsformen der digitalen rechten Bewegung: den Memes. Sie befassen sich zu diesem Zweck mit der in Deutschland aktiven Bewegung Reconquista Germanica, einer auf der Kommunikationsplattform Discord organisierten extrem rechten Gruppierung. Eine ihrer wichtigsten Aktionsformen war der Einsatz von Memes, deren Inhalte in diesem Beitrag analysiert und kategorisiert werden. Die Ergebnisse der Autor_innen zeigen, wie die extreme Rechte in der Lage ist ihre nationalistischen, militaristischen und völkischen Inhalte mithilfe von transgressiven Bild-Text-Erzeugnissen, also Memes, zu ästhetisieren und zu normalisieren.
Eine weitere Strategie der extremen Rechten ist die gezielte Verbreitung von Falschinformationen. Darmstadt, Prinz und Saal befassen sich mit dieser Strategie am Fall der getöteten Keira aus Berlin. Die Polizei Berlins verweigerte nach Bekanntwerden der Tat die Weitergabe von Informationen. Grund dafür war eine unklare Sachlage und das Interesse Spekulationen um Tat, Täter und Herkunft des Täters keinen Nährboden zu geben. Stattdessen ist jedoch genau dies eingetreten. Akteure von der AfD, über Compact bis hin zu PEGIDA flochten die Tat in ihre rassistischen Narrative ein und verbreiteten haltlose Spekulationen über den vermeintlichen Täter. Dies gipfelte in der Veröffentlichung des Facebook-profils eines nicht mit der Tat in Verbindung stehenden Jugendlichen aus Berlin. Die Autor_innen zeichnen in diesem Beitrag die Entwicklung des Falls nach und heben die Funktion der „Toxic Narratives“ (159), sowie der „Targeted Misinformation“ (161) hervor. Abschließend verweisen die Autor_innen auf unterschiedliche Maßnahmen zur Bekämpfung ebensolcher Kampagnen und weisen darauf hin, dass die größte Aufgabe darin besteht, Kompetenzen im Umgang mit Medien aufzubauen und damit Resilienzen zu schaffen und zu stärken.

Der in rechten Online-Netzwerken beliebte Spruch: „Left can’t Meme“ (169) dient Ebner im elften Beitrag als Ausgangspunkt. Dabei geht es um die Behauptung, Linke seien nicht in der Lage witzige Memes zu erstellen, da sie durch ihre politische Korrektheit zu verbohrt seien. Ebner widerspricht dieser Behauptung und beginnt ihren Beitrag mit einer Analyse der Kommunikationsstrategie der Alt-Right. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass immer mehr extrem rechte Gruppen es verstehen unterschiedliche Zielgruppen kalkuliert, das heißt mit sehr spezifischem Inhalt, anzusprechen. Ebner stellt fest, dass das know-how dieser Akteure international verbreitet wird und insbesondere via Youtube eine effektive Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten stattfindet. Dieser strategische Vorsprung müsse eingeholt werden. Ebner führt zu diesem Zweck abschließend vier Punkte aus, die für effektive Gegenmaßnahmen notwendig seien: „Prediticing the trends, understanding the audiences, building an anti-hate coalition and testing new intervention approaches“ (176)

Sholette widmet sich im zwölften Beitrag der grundsätzlichen Beobachtung, dass die Funktionsweise des Internets und der Plattformen der sozialen Medien sowohl reaktionären als auch emanzipatorischen Projekten nutzt. Sholette stellt also infrage, ob die Formen digitaler Kommunikation vor allen Dingen extrem Rechten in die Hände spielen. Letztlich sei dies kein einseitiger Effekt, sondern rührt aus einer grundsätzlichen Veränderung der Voraussetzungen für Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, von dem marginalisierte Gruppen und Positionen profitieren können.

Im letzten Beitrag des Bandes stellt Thurston seine künstlerische Annäherung an Hate-speech vor. Das Vorgehen ist dadurch bestimmt, den Gegenstand genauer in den Blick zu nehmen, und zwar bewusst ohne eine analytische Sezierung. Die Inhalte werden dadurch erfahrbar und nachlesbar. Diese materielle Voraussetzung paart er mit den örtlichen Gegebenheiten von „public libaries“ (200) also Orten an dem gemeinsam über das Gelesene gesprochen werden kann und soll. Mit diesem Konzept schafft der Künstler eine Auseinandersetzung mit Hate-speech und zugleich eine Selbstversicherung der Besucher_innen über ihre eigene Haltung. Gleichzeitig ist die ‚hate library‘ eine Offenlegung dessen, was auf den online Plattformen der sozialen Netzwerke vor sich geht. Thurston stellt damit die Frage, ob wir damit einverstanden sind, dass diese Plattformen diese Inhalte öffentlich verbreiten also ‚publizieren‘.

Die von Fielitz und Thurston zusammengestellte Auswahl ist ein erster Beitrag zur Sichtbarkeit neuer, digitaler Strategien und Aktionsformen. Der Band schafft einen Einblick in diese Formen digitalen kollektiven Handelns und das damit wachsende Repertoire der sozialen Bewegung von rechts. Hierin liegt die Stärke von Post-Digital Cultures of the Far Right, das die unterschiedlichen Phänomene beschreibt und ohne in Alarmismus zu verfallen einordnet. Die weitere Analyse neuer und digitaler kollektiver Handlungsformen kann nun beginnen.

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Call for Contributions: Workshop des Arbeitskreises Soziale Bewegungen und Polizei

10.12.2019

Call for Contributions zum Workshop des Arbeitskreises Soziale Bewegungen und Polizei des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) am 21.02.2020 in Berlin

Police Materialities. Zu Interaktionsdynamiken zwischen der Polizei und ihren Objekten

Abstracts für Beiträge samt Titel zum Workshop (max. 250 Wörter) bitte bis zum 15.01.2020 per Mail an: stephanie.schmidt@uibk.ac.at und roman.thurn@soziologie.uni-muenchen.de

Objekte erhalten im Alltag der Polizei einen spezifischen Sinn: Die Bewaffnung des sogenannten polizeilichen Gegenübers beispielsweise – meistens mit einem Messer oder einen Stein – bildet einen zentralen Gegenstand unheilvoller Narrationen über den polizeilichen Alltag und rechtfertigt nicht zuletzt auch polizeiliche Maßnahmen. Dabei können Narrationen über die gefährlichen Objekte der anderen derart wirkmächtig sein, dass sie, wie bei den vermeintlich vorbereiteten Steinplatten beim G20-Gipfel in Hamburg 2017, eskalierende Situationsdynamiken begünstigen. Objekte und nicht zuletzt Waffen sind umgekehrt jedoch auch Einsatz- und Arbeitsmittel in der Polizei. Als Werkzeuge polizeilicher Arbeit dienen Wasserwerfer, Pfefferspray, Tonfa und co unter anderem dem policing von Demonstrations- und Protestereignissen und sind damit Teil von Interaktionsdynamiken zwischen Polizei und ihrem Gegenüber. Zwar ist die Bewaffnung der Polizist*innen als violence workers (Micol Seigel) zentral, zugleich jedoch kommt Objekten, wie Funkgeräten, Akten, Computern oder Uniformen eine grundlegende Bedeutung in der polizeilichen Arbeit zu. Neben ihren praktischen Funktionen, die den Arbeitsalltag strukturieren, sind ihnen auch kulturelle Bedeutungen eingeschrieben: Ausrüstungen verweisen auf die soziale Stellung (auch innerhalb der Organisation), durch Patches oder Sticker werden politische Positionierungen sichtbar oder affektionale Beziehungen zu den Objekten werden aufgebaut.Vor diesem Hintergrund wollen wir im Workshop Fragen über die Interaktionsdynamiken mit und ausgehend von Objekten im polizeilichen Arbeiten diskutieren.
Uns interessieren dabei im Wesentlichen drei Komplexe:

  1. Dingbedeutungen in der Interaktion: Welchen Sinn schreiben die an der Interaktion beteiligten einem materiellen Gegenstand zu? Wie haben sich Objekte polizeilichen Arbeitens hinsichtlich ihrer Ästhetik und Funktion entwickelt? Wie werden Objekte über ihre Funktionalität hinaus im Protestgeschehen genutzt
  2. Interaktionsdynamiken zwischen dem Einsatz von Arbeitsmittel der Polizei und dem Demonstrationsgeschehen: Welchen Einfluss hat der Einsatz verschiedener Objekte in der Arbeit der Polizei? Wie verändert sich hierdurch das Protestgeschehen (Stichwort: Videoüberwachung)?
  3. Narrationen über die „gefährlichen“ Objekte von Protestteilnehmer*innen und deren Rolle in der Interaktion: Wie werden die als gefährlich markierten Gegenstände, z.B. Fahnenstangen oder Pyrotechnik, von Protestteilnehmer*innen Gegenstand polizeilicher Maßnahmen. Und wie geht Protest damit um? (Stichwort: Klobürstenproteste von Hamburg 2014.

Relevant sind für uns auch Objekte und Arbeitsmittel, die nicht in erster Linie als Einsatzwaffen verwendet werden: Sperrgitter, Helme, Megafone, Handschellen, Videoüberwachung, Formulare etc. Ein Bezug zu Protest Policing ist wünschenswert, aber auch allgemeine (gern auch historische) Analysen zu Polizei und Objekten sind willkommen.

Link zum AK Soziale Bewegungen & Polizei: https://protestinstitut.eu/uber-das-institut/arbeitskreise/ak-soziale-bewegungen-und-polizei/

Photo by Tobias Zils on Unsplash

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