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Updated: 1 hour 47 min ago

Hirak – Bewegung in Algerien

12.06.2020

von Laura Bäumel

Im Februar 2019 entstand in Algerien eine Massenbewegung, welche sich mit dem arabischen Wort für Bewegung „Hirak“ beschreibt. Die algerischen Proteste starteten, nachdem der damals amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika seine fünfte Kandidatur für die Präsidentschaftswahl ankündigte. Zunächst forderten die Demonstrierenden den Rücktritt des Präsidenten, welcher dieser Forderung schließlich nachkam. Die Proteste endeten jedoch nicht mit dem Rücktritt Bouteflikas, bis zum März 2020 demonstrierten die Bürger_innen jeden Freitag auf den Straßen Algeriens und forderten die Veränderung des gesamten politischen Systems. Der Stabschef des Militärs, Ahmed Gaïd Salah, der im Dezember 2019 unerwartet verstarb, wurde ebenso zum Rücktritt aufgefordert, wie das gesamte politische elitäre Netzwerk um den ehemaligen Präsidenten Bouteflikas, das seit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich 1962 das Land dominiert und seit Jahrzehnten als korrupt angesehen wird. Die schwierige Lebenssituation der Menschen, hat sich mit dem sinkenden Öl- und Gaspreis weiter verschärft, da sich Grundbedürfnisse der Bevölkerung – wie etwa Grundnahrungsmittel, aber auch Wohnen und Infrastruktur –nicht länger subventionieren lassen.
Mittels verschiedener Strategien wurde versucht, Protestteilnehmende vor Repressionen zu schützen und dem Regime keine Chance zu geben, die Bewegung zu kooptieren. Die Demonstrationen wurden beispielsweise von freiwilligen Ordner_innen begleitet, welche nach den Protesten sogar die Straßen der Städte sauberkehrten. Maßnahmen wie diese ermöglichten die Teilnahme von ganzen Familien mit Kindern und älteren Menschen. Die Demonstrierenden schafften sich einen Handlungsraum, der reflektierend auf die missglückten Protestversuche der Vergangenheit (vgl. Foltin 2020) zurückblickt und gleichzeitig eine würdevolle und friedliche Identität auf diesen Erfahrungen aufbaut.

Armee & Bevölkerung

Im Gegensatz zu zwei größeren Protestwellen der Vergangenheit (1988 und 2011) agiert die aktuelle Bewegung gewaltfrei. Im Hirak wird versucht, Anfeindungen von außen keine Angriffsfläche zu bieten, sei es in Form von inhaltlicher Kritik oder Kritik an den Strategien des sich Gehörverschaffens. Die kollektive Forderung der Demonstrierenden an die gesamte Bewegung nach Friedlichkeit und Verantwortungsbewusstsein geht unter anderem auf die Unruhen und Erfahrungen vom Oktober 1988 zurück, beziehungsweise auf das Wissen darüber, wozu diese gewaltvollen Aufstände geführt hatten. Auf die Erkenntnisse aus diesen Unruhen und dem darauf folgenden jahrelangen Bürger_innenkrieg stützt sich der Hirak nun in den Jahren 2019 und 2020. Die Bewegung erhielt nach einem Jahr, trotz diversen Versuchen die Demonstrierenden untereinander zu spalten, ihre demokratische und pazifistische Ausrichtung. Der Slogan „silmiya, silmiya“ (dt.: friedlich, friedlich) war auf den Protesten stets präsent wie auch der Ausruf „handeriyya“ (dt.: zivilisiert).

Weiter hören: Das Feature „Hirak. Ein Ohr voll Algerien in Bewegung“ ist eine Momentaufnahme der laufenden algerischen Revolutionsbewegung. Es verknüpft aktuelle Geschehnisse mit historischen Ereignissen und Informationen über Algerien. Eine essayistische Wiedergabe aus den Eindrücken einer Forschungsreise im Frühjahr 2019 durch Staaten des Maghreb. Das Feature schildert vor allem die Ereignisse in Algier seit Februar 2019. Autor_innen: Johanna Rolshoven und Laura Bäumel.

Die Protestierenden des Hirak nehmen mit ihren Bannern, Schildern und auf Social Media häufig Bezug auf Konflikte aus den 1990er Jahren. Bereits 1988 kam es in Algerien zu Konflikten zwischen einer politischen Elite, die ihre Privilegien erhalten wollte, und einer Bevölkerung, die einen Sommer voller sozialer Spannungen, ausgelöst durch Wassermangel sowie Knappheit an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten, hinter sich hatte. Arbeitende forderten, in Reaktion auf eine steigende Inflation, mit Streiks höhere Löhne. Schließlich breiteten sich, ausgehend von einer Demonstration Jugendlicher am 4. Oktober 1988 in Algier, Unruhen innerhalb des gesamten Landes aus. Menschen attackierten Fahrzeuge der staatlichen Behörden sowie teure Privatautos, auch staatliche Geschäfte, teure private Geschäfte und Diskotheken wurden angegriffen, also all Objekte, die symbolisch für ungerechte Verteilung und die politische Verantwortung für den Mangel an Grundgütern verstanden wurden. Schließlich wurde wenige Tage später der Belagerungszustand ausgerufen, was politisch dazu führte, dass Verwaltung und Sicherheitsorgane dem Militärkommando unterstellt waren. Demonstrationen wurden verboten und in der Nacht herrschte Ausgangssperre. Das Militär begann auf die jugendlichen Demonstrierenden zu schießen (Hasel 2002: 60ff.). Nach offiziellen Angaben forderten diese Ausschreitungen 600 Tote. Was folgte, war eine neue Verfassung im Jahr 1989, welche die Zulassung anderer politischer Parteien als der „Front de Liberation Nationale“ (FLN) sicherstellte. Mit der Verfassungsreform begann eine politisch maßgebliche Zeit. Die Einführung des Mehrparteiensystems führte zu einem vorläufigen Ende der politischen Hegemonie durch die FLN. 1989, dem Folgejahr der gewaltvollen Demonstrationen, begann eine in der politischen Geschichte Algeriens progressive Phase, die in offiziellen Diskursen des globalen Nordens kaum Eingang fand. Diese Phase, geprägt von einer optimistischen Bevölkerung und einem Demokratisierungsprozess, führte zur Entstehung vieler politischer Parteien und einer lebhaften, unabhängigen Presse. Das Aufstreben der Partei „Front islamique du Salut“ (FIS), der so genannten islamischen Heilsfront, die nicht weniger hegemonial sein wollte als die FLN, führte zu einer komplexen Situation, die den gesellschaftlichen Prozess schließlich im Jahr 1992 unterbrechen sollte. Die islamische Heilsfront siegte 1992 bei den Parlamentswahlen in Algerien. Das Militär putschte und setzte daraufhin den Präsidenten Chadli Bendjedid (FLN) ab. In den darauffolgenden zehn Jahren starben mehr als 200.000 Menschen im Bürger_innenkrieg. Die aktuelle Bewegung nimmt auf die Erfahrungen aus dem Oktober 1988 sowie dem darauffolgenden sogenannten „Schwarzen Jahrzehnt“ bewusst Bezug. Die Demonstrierenden rufen in Sprechchören: „el djeisch, esh-shaab – khawa, khawa!“ – „die Armee und das Volk sind Brüder!“ Anders als 1988 schoss die Armee 2019/20 tatsächlich nicht auf die Demonstrierenden. Dennoch herrscht allgemeines Bewusstsein darüber, dass die Transformation zu einem demokratischen System, weg vom aktuellen korrupten elitären Netzwerk ein langer und herausfordernder Weg sein wird und dass das Verhältnis zwischen Armee und der demonstrierenden Bevölkerung ein durchaus angespanntes ist.

Im Mai 2019 war neben der algerischen Flagge auch noch die berberische Flagge vertreten (Foto: Laura Bäumel)

Obschon es 2019/20 gewisse Verschärfungen und Versuche gab, den Hirak zu spalten, führte dies jedoch nicht zum Ziel, Teile der Bewegung zu kooptieren oder dazu zu bringen, sich untereinander aufzuspalten, wie dies in früheren Protesten geschehen ist. Der wohl medienwirksamste Versuch zu spalten bestand darin, einen ethnischen Konflikt zwischen der arabischen und der berberischen Bevölkerung zu schüren. Im Juni 2019 sprach Ahmed Gaïd Salah ein Verbot für das Tragen der Berber_innenflagge aus. Von juristischen Expert_innen wurde dieses Vorgehen vehement kritisiert, da es in Algerien kein derartiges Gesetz gebe, das andere Fahnen außer der algerischen nicht zulassen würde.

Ausblick

Anfang 2020 gingen die Proteste weiter und die Bewegung ließ sich weder spalten noch in die Irre führen, was die Versuche angeht, die Bewegung zu kooptieren. Nachdem die Corona-Pandemie jedoch auch in Algerien Eingang fand, wurden die Vorzeichen der friedlichen Revolution maßgeblich verändert. Die Pandemie wurde, wie vielerorts, zu einem Politikum, in Algerien vor allem mit starken Auswirkungen auf den Protest. Algerien reiht sich in eines mehrerer Länder ein, deren Bevölkerung vor dem Ausbruch der Pandemie breite Proteste mobilisieren konnte, und ab dem März 2020 einen Stillstand der Protestbewegung, zumindest im physischen Raum, hinnehmen musste. Die Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung hat den politischen Frühling in einen Winterschlaf gezwungen. In Algerien, wie auch im Libanon und Irak, äußern sich Menschen besorgt darüber, dass die Einschränkung von Möglichkeiten sich Versammeln zu können, nach der Corona-Pandemie andauern könnten. Seit dem 17. März herrscht in Algerien ein Verbot von Versammlungen und Märschen, seitdem wurde ein starker Anstieg an Einberufungen zur Armee und Verhören kritischer Journalist_innen und Anhänger_innen der Revolutionsbewegung verzeichnet. CoVid bot und bietet nach wie vor eine Möglichkeit zur Einschränkung von kritischer Berichterstattung, Politisierung der Bevölkerung und Vernetzung der Akteur_innen. Der Aktivismus wurde ins Internet verlagert, Protestformen, die davor überhaupt zur starken Mobilisierung in Algerien verhalfen, nämlich die Verbreitung von Botschaften über Social Media, sind nunmehr die einzig mögliche Form, miteinander zu protestieren. Doch die Meinungsfreiheit, im Hinblick auf (sozial-)politische Fragen, steht unter Beschuss: ein neu erlassenes Gesetz, dass Fake News kriminalisieren sollte, sowie ein weiteres, dass Hate Speech auf Social Media verbietet, zielen in der Praxis auf die Kriminalisierung regierungskritischer Stimmen ab.

Literatur

Robert Foltin: Vor der Revolution. Das absehbare Ende des Kapitalismus. Wien 2020.
Thomas Hasel: Machtkonflikt in Algerien. Berlin 2002

Titelfoto: Laura Bäumel

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (I.2020)

06.05.2020
Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 170 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte im ersten Quartal 2020. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Ahrens, Petra, Katja Chmilewski, Sabine Lang, und Birgit Sauer. 2020. Gender Equality in Politics: Implementing Party Quotas in Germany and Austria. Wiesbaden: Springer VS.

Betz, Gregor J. 2020. „Protestrituale. Inszenierung weltanschaulichen Wissens bei rezenten Protestereignissen“. In Religiöse Kommunikation und weltanschauliches Wissen, herausgegeben von Bernt Schnettler, Thorsten Szydlik, und Helen Pach. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Borbáth, Endre, und Theresa Gessler. 2020. „Different Worlds of Contention? Protest in Northwestern, Southern and Eastern Europe“. European Journal of Political Research, Februar, 1475-6765.12379.

Brand, Ulrich. 2019. Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks, Krise der imperialen Lebensweise und Alternativen zur autoritären Globalisierung. Hamburg: VSA.

Caiani, Manuela, und Manès Weisskircher. 2020. „How many ‘Europes’? Left-wing and right-wing social movements and their visions of Europe“. In Routledge handbook of contemporary European social movements: protest in turbulent times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya. Routledge international handbooks. Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge.

Daphi, Priska. 2020. „The Global Justice Movement in Europe“. In Routledge handbook of contemporary European social movements: protest in turbulent times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya. Routledge international handbooks. Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge.

Daphi, Priska, und Lorenzo Zamponi. 2019. „Exploring the movement-memory nexus: insights and ways forward“. Mobilization: An International Quarterly 24 (4): 399–417.

Della Porta, Donatella. 2020a. „Democratic Models in Europe“. In Routledge handbook of contemporary European social movements: protest in turbulent times, herausgegeben von Cristina Flesher Fominaya. Routledge international handbooks. Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge.

Della Porta, Donatella. Die schöne neue Demokratie: Über das Potenzial sozialer Bewegungen. Campus Verlag.

Della Porta, Donatella, Lorenzo Cini, und Cesar Guzman-Concha. 2020. Contesting Higher Education: The Student Movements against Neoliberal Universities. Bristol: Bristol University Press.

Della Porta, Donatella und Martin Portos. 2020. „Social Movements in Times of Inequalities: Struggling against Austerity in Europe“. Structural Change and Economic Dynamics, Februar.

Dietz, Kristina, und Bettina Engels. 2020. „Analysing Land Conflicts in Times of Global Crises“. Geoforum, Februar, S0016718520300543.

Fielitz, Maik. 2020. „Die Identitäre Bewegung in Nahaufnahme“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 643–647.

Genz, Carolin. 2020. Wohnen, Alter und Protest: Eine Ethnographie städtischer Protest- und Netzwerkpraktiken von Senior_innen. Stadt, Raum und Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Grote, Jürgen R. 2020. „Civil society and the European Union. From enthusiasm to disenchantment“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 543–556.

Gubernat, Ruxandra, und Henry Rammelt. 2020. „Romania“. In Protest for a Future II: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays For Future Climate Protests on 20-27 September, 2019, in 19 Cities around the World, herausgegeben von Joost de Moor, Katrin Uba, Mattias Wahlström, Magnus Wennerhag, und Michiel de Vydt.

Gubernat, Ruxandra, und Henry Rammelt. 2020. “Liminality and Activism: Conceptualising Unconventional Political Participation in Romania”. In  Liminality and Critical Event Studies, herausgegeben  von Lamond, Ian und Jonathan Moss, Palgrave Macmillan.

Gukelberger, Sandrine. 2020. „Youth and the Politics of Generational Memories: The Soweto Uprising in South Africa“. Ateliers d’anthropologie. Revue Éditée Par Le Laboratoire d’ethnologie et de Sociologie Comparative, Nr. 47 (Januar).

Helmerich, Nicole, Gale Raj-Reichert, und Sabrina Zajak. 2020. „Exercising Associational and Networked Power through the Use of Digital Technology by Workers in Global Value Chains“. Competition & Change, Februar, 1024529420903289.

Heuberger, Frank, Nino Kavelashvili, Mirko Schwärzel, und Ansgar Klein. 2020. „Für ein anderes Europa – Die EU in der zivilgesellschaftlichen Diskussion“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 489–496.

Jordan, Jamie, Vincenzo Maccarrone, und Roland Erne. 2020. „Towards a Socialisation of the EU’s New Economic Governance Regime? EU Labour Policy Interventions in Germany, Italy, Ireland and Romania (2009-2019)“. British Journal of Industrial Relations, Januar.

Kannengießer, Sigrid. 2020. „Fair Media Technologies: Innovative Media Devices for Social Change and the Good Life“. The Journal of Media Innovations 6 (1): 38–49.

Kaun, Anne, und Fredrik Stiernstedt. 2020. „Prison Media Work: From Manual Labor to the Work of Being Tracked“. Media, Culture & Society, Februar, 0163443719899809.

Kocyba, Piotr. 2020. „Pegida: Ausdruck rechtsextremen Protests?“ In Sachsen – Eine Hochburg des Rechtsextremismus?, herausgegeben von Uwe Backes und Steffen Kailitz, 81–100. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Leinius, Johanna. 2020. „Methodologies of resistance: Facilitating solidarity across difference in intermovement encounters“. ephemera. theory & politics in organization 20 (1): 113–45.

Medeiros, Débora, und Renata Motta. 2020. „Ein Blick aus der Bewegungsforschung auf den Rechtsruck in Brasilien“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 619–630.

Merrill, Sam, Emily Keightley, und Priska Daphi. 2020a. „Introduction: The Digital Memory Work Practices of Social Movements“. In Social Movements, Cultural Memory and Digital Media: Mobilising Mediated Remembrance, herausgegeben von Sam Merrill, Emily Keightley, und Priska Daphi. Palgrave Macmillan Memory Studies. Palgrave Macmillan.

Merrill, Sam, Emily Keightley, und Priska Daphi. Hrsg. 2020b. Social Movements, Cultural Memory and Digital Media: Mobilising Mediated Remembrance. Palgrave Macmillan Memory Studies. Palgrave Macmillan.

Moor, Joost de, […] Piotr Kocyba, Michael Neuber, und Rammelt, Henry. 2020. „Introduction: Fridays For Future – an Expanding Climate Movement“. In Protest for a Future II: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays For Future Climate Protests on 20-27 September, 2019, in 19 Cities around the World, herausgegeben von Joost de Moor, Katrin Uba, Mattias Wahlström, Magnus Wennerhag, und Michiel de Vydt.

Nachtwey, Oliver, und Timo Seidl. 2020. „The Solutionist Ethic and the Spirit of Digital Capitalism“. Working Paper.

Neuber, Michael, und Beth Gardener. 2020. „Germany“. In Protest for a Future II: Composition, Mobilization and Motives of the Participants in Fridays For Future Climate Protests on 20-27 September, 2019, in 19 Cities around the World, herausgegeben von Joost de Moor, Katrin Uba, Mattias Wahlström, Magnus Wennerhag, und Michiel de Vydt.

Porsché, Yannik, Dörte Negnal, und Christiane Howe. 2020. „Police Work Under Scrutiny: (Self-)Criticism in an Ethnographic Focus Group“. In Language Research in Multilingual Settings: Doing Research Knowledge Dissemination at the Sites of Practice, herausgegeben von Lubie Grujicic-Alatriste, 23–46. Communicating in Professions and Organizations. Cham: Springer International Publishing.

Schiller-Merkens, Simone. 2020. Scaling up Alternatives to Capitalism: A Social Movement Approach to Alternative Organizing. To be published in the Working Paper Series of the Max Planck Institute for the Study of Societies.

Sommer, Sebastian. 2020. „Protest als kollektive Erfahrung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 647–650.

Strachwitz, Rupert Graf. 2020. „Ein neues Narrativ für Europa“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32 (4): 512–528.

Ullrich, Peter. 2020. „“Normal Citizens” versus “Rowdies”: Police Categorisations of Protesters in Germany“. Sociologia, Problemas e Práticas, Nr. 92. Online.

Volk, Sabine. 2020. „‘Wir Sind Das Volk!’. Representative Claim-Making and Populist Style in the PEGIDA Movement’s Discourse“. German Politics, März, 1–18.

Weisskircher, Manès. 2020. „Rezension: The Far Right Today by Cas Mudde“. Totalitarismus und Demokratie – Zeitschrift Für Internationale Diktatur- und Freiheitsforschung.

Wichterich, Christa. 2020. „Who Cares about Healthcare Workers? Care Extractivism and Care Struggles in Germany and India“. Social Change 50 (1): 121–40.

Protest und soziale Bewegungen in Corona-Zeiten

01.04.2020

von Sabrina Zajak

– zuerst erschienen im Blog des DeZIM-Instituts

Die Covid-19 Pandemie verändert Protestbewegungen weltweit. Der gegenwärtige Ausnahmezustand, die soziale Isolierung und das Versammlungsverbot sind dabei nur der Anfang. Können die aktuellen sozialen Bewegungen auch zur Gestaltung der Gesellschaft in der Zeit nach Corona beitragen?

Auch wenn Online-Petitionen und digitaler Aktivismus in den letzten Jahrzehnten rasant gewachsen sind, der klassische Protest auf der Straße, Sit-ins oder Platzbesetzungen und andere kollektive Aktionen im öffentlichen Raum bleiben ein zentrales Einflussmedium sozialer Bewegungen. Fridays for Future, unteilbar, blockupy/occupy, the Alter globalization movement (die Globalisierungskritische Bewegung) – dass die meisten von uns diese Bewegungen kennen liegt an der Größe und der Regelmäßigkeit ihrer Straßenproteste. Protestereignisse sind wichtig, da die Medien über sie berichten und so die Anliegen und Themen in die öffentliche Debatte bringen. Sie sind aber auch wichtig, um Menschen zu politisieren, zu ermächtigen und so für neue Mobilisierung, aber auch andere Verhaltensänderungen zu gewinnen. Internationale Protestereignisse wie der weltweite Klimastreik oder der Global March of Women spielen eine große Rolle bei der Konstruktion transnationaler Solidaritäten. Gemeinsame Aktionen helfen, ein Verständnis dafür zu schaffen, dass es ähnliche Problemlagen in vielen Ländern der Welt gibt und dass man gemeinsam handeln muss, um die großen Probleme anzugehen. Globale soziale Bewegungen treten für Gleichwertigkeit, Offenheit und Akzeptanz bei gleichzeitiger Anerkennung nationaler, regionaler oder lokaler Unterschiede und Besonderheiten ein. Mit anderen Worten: Soziale Bewegungen und Protest sind zentrale Kräfte des Widerstandes gegen Ausgrenzung, Rassismus und Nationalisierung. Momentan sind ihre Handlungsspielräume aufgrund des Versammlungsverbots, aber auch aufgrund der rapide wegbrechenden zeitlichen und ökonomischen Ressourcen, erheblich eingeschränkt. Auch viele Aktivist*innen kämpfen zwischen homeoffice und home schooling gegen den eigenen Abstieg, Prekarisierung und Arbeitslosigkeit an. So stärkt Corona neoliberale, hierarchisierende, nationalistische und rassistische Tendenzen.

Aus der Forschung zu Digitalisierung und Protest wissen wir, dass digitaler Protest in verschiedenen Formen der Online-Mobilisierung zwar recht kontinuierlich zugenommen hat und dass digitale Infrastrukturen wichtig für den Mobilisierungsprotest sind. Wir wissen allerdings auch, dass vor allem Online-Vernetzung und Offline-Protest sich gegenseitig stützen und stärken. Online-Aktivismus kann den Austausch erleichtern – ohne Offline-Aktionen trifft er jedoch selten auf große Resonanz. Momentan verlagern viele Aktivist*innen ihre Aktivitäten ins Netz. Ob ein digitaler Streik (Fridays for Future) so viel Aufmerksamkeit generieren kann wie ein Streik auf der Straße, ist eher zu bezweifeln. Hinzu kommt: Corona dominiert die mediale und individuelle Aufmerksamkeitsökonomie. Die potentiell eigene Betroffenheit oder die der eigenen Nation stehen im Vordergrund. Menschenrechtsverletzungen und extreme Notlagen beispielsweise im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos werden, wenn überhaupt, vor dem Hintergrund eigener möglicher Bedrohung diskutiert, und Bewegungen können dem nicht mit Straßenprotest begegnen.

Und dennoch: Bewegungen operieren in Krisensituationen unter kritischen Umständen mit besonderer Kreativität. Sie schaffen alternative Öffentlichkeiten und Räume, in denen sich ausgetauscht, Wissen generiert und zum Handeln aufgerufen wird. Fridays For Future organisieren z.B. Webinare, Bildungsangebote und Austauschformate zum Thema Klima, Gesellschaft und Krise unter dem Motto ‚Unite Behind The Science‘. Die Seebrücke rief unter dem Hashtag #leavenoonebehind am internationalen Tag gegen Rassismus dazu auf, in Wohnungen, Häusern und auf Postern Solidarität mit allen von Rassismus Betroffenen zu zeigen. Schnell landeten über 50.000 Beiträge auf instagram. Ähnliche Aufrufe gibt es z.B. zu #refugeeswelcome mit über 600.000 Beiträgen, #noborders (150.000 Beiträge) und vielen weiteren. Darüber hinaus haben sich eine Vielzahl von Nachbarschaftshilfen wie QuarantäneHelden.org gebildet, es gibt neue Hilfehotlines z.B. gegen häusliche Gewalt, andere wie systemli bieten digitale Infrastrukturen für solidarische Aktionen. Damit tragen Bewegungen auch unmittelbar dazu bei, die gegenwärtige Situation der Isolierung verträglicher zu gestalten.

All diese Aktionen sind auch über ihren unmittelbaren Akt der Solidaritätsbekundung hinaus von Bedeutung. In Krisenzeiten verändert sich das Leben vieler sehr drastisch. Bewegungen schaffen Deutungsangebote, sind Stimmen der Kritik und alternativer Zukünfte. Auch wenn die gegenwärtige Krise eine Machtkonzentration, ein Verstummen der Kritik, wachsende Ungleichheiten, Ausgrenzungen und eine Aushebelung demokratischer Verfahren mit sich bringt: mittel- und langfristig muss eine Post-Corona Ordnung hergestellt werden, in der die Normalität des Ausnahmezustandes aufgehoben wird. Soll diese die jetzt sichtbar werdenden Schwächen z.B. im Gesundheitssystem, in der globalen Ökonomie, in der Klima-, Flüchtlings oder Gleichstellungspolitik, aber auch in unseren Lebens- und Konsumweisen neu gestaltet werden, braucht es das kollektive Potential von unten, welches das jetzt in all den Webinars, Foren und Onlinebeteiligungsformaten generierte Wissen in die Tat umsetzt. So kann man nur hoffen, dass die jetzt stattfindende neue Solidarität auch mittel- und langfristig von Bestand ist und dazu beiträgt, die Gesellschaft auch in Zukunft mitzugestalten.

Foto: Auflagenbescheid der Stadt Flensburg für eine Demonstration gegen autoritäre Maßnahmen in der Corona-Krise (Foto: @fein_frisch, via Twitter)

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