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Updated: 2 hours 22 min ago

Eskalation beim G20-Gipfel – Bericht, Webseite, interaktive Karte

07.09.2018

Zehn Monate hat ein Team von über 20 Kolleg*innen aus der Protest-, Gewalt- und Polizeiforschung in einem außergewöhnlichen Projekt die Eskalation der Gewalt beim G20-Gipfel in Hamburg rekonstruiert und analysiert. Gestern wurden erste Ergebnisse bei einem Pressegespräch und einer Podiusdiskussion im Hamburger Institut für Sozialforschung vorgestellt. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über das Projekt und die Inhalte, die jetzt öffentlich zugänglich sind.

Mapping #NoG20 – ein waghalsiges Projekt
Das Projekt “Mapping #NoG20. Dokumentation und Analyse der der Gewaltdynamik im Kontext der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017” wurde direkt nach den Hamburger Ereignissen von Simon Teune und Stefan Malthaner initiiert. Innerhalb von drei Monaten sammelten sie interessierte Kolleg*innen und sicherten die Finanzierung für wesentliche Teile des Projektes. Institutionell wurde das Projekt neben dem ipb vom Hamburger Institut für Sozialforschung und dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin getragen. Insgesamt waren die mitforschenden Kolleg*innen auf 12 Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen verteilt. Die Arbeit war in neun Modulen organisiert, die sich aus verschiedenen Richtungen den Ereignissen näherten, z.B. mit Fokus auf die Twitter-Kommunikation oder in der minutengenauen Rekonstruktion zentraler Ereignisse (mehr zu Aufbau und Methoden des Projektes hier). In sieben Projektworkshops einigte sich das Forschungsnetzwerk auf ein gemeinsames Vorgehen und tauschte Ergebnisse aus. Unterstützt und beraten wurden die Forscher*innen durch einen hochkarätig besetzten wissenschaftlichen Beirat (mit Rafael Behr, Donatella della Porta, Wilhelm Heitmeyer, Wolfgang Knöbl und Dieter Rucht). Ein wesentliches Ziel des Projektes ist es, einen Impuls für die gesellschaftliche Debatte über die G20-Proteste zu geben. Deshalb war der Zeitraum für die Projektarbeit zeitlich begrenzt. Erste Ergebnisse sollten mit der letzten Sitzung des Sonderausschusses in der Hamburger Bürgerschaft der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Erste Ergebnisse auf der Projektwebseite
Der eng getaktete und in großen Teilen auf unbezahlter Arbeit aufbauende Forschungsprozess lief auf drei Produkte hinaus:

  • ein Forschungsbericht, in dem zentrale Erkenntnisse zusammengefasst sind,
  • Satellitentexte: vertiefende Analysen, die Aspekte aufgreifen, die in dem knappen Bericht nicht ausreichend abgebildet werden konnten und
  • eine interaktive Karte, in der nicht nur die raum-zeitliche Verortung der Ereignisse eingezeichnet ist, sondern auch wesentliche Infrastrukturen, alle mit zusätzlichen Informationen unterlegt.

Bericht, ergänzende Analysen und die Karte sind auf der Projektwebseite http://g20.protestinstitut.eu abrufbar.

Sozialwissenschaftliche Debatte auf Soziopolis
Parallel zu der Projektwebseite ging am 6. September auch ein Debattenschwerpunkt auf Soziopolis, dem größten deutschsprachigen Nachrichtenportal der Sozialwissenschaften, online. Kolleg*innen führen dort die Debatte über die angemessene Analyse und Kontextualisierung von Gewaltereignissen. Den Auftakt machen die Beiratsmitglieder Donatella della Porta und Wolfgang Knöbl mit Texten zum polizeilichen Umgang mit Protest im Spätneoliberalismus und zur Eskalation und Deeskalation von Gewaltprozessen.

Projektvorstellung im Hamburger Institut für Sozialforschung
Am Abend des 6. Septembers wurde der Bericht der interessierten Hamburger Öffentlichkeit vorgestellt. Rund 200 Zuschauer*innen verfolgten eine kurze Projektpräsentation und die daran anschließende Podiumsdiskussion, in der die Grenzen und die politischen Implikationen des Projektes deutlich wurden.

Rafael Behr, Professor für Soziologie an der Akademie der Polizei in Hamburg, stellte die analysierten Ereignisse in den größeren Kontext des polizeilichen Umgangs mit Protest. Er kontrastierte die G20-Proteste mit den jüngsten rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz, und stellte die Vorstellung in Frage, die Polizei könne einem Protest neutral gegenüber stehen. Teresa Koloma Beck, Professorin für Soziologie an der Universität der Bundeswehr München, hob die Illusion der Moderne hervor, Politik und Gewalt seien getrennte Sphären. Tatsächlich müsste die Analyse konkreter Situationen der Gewalt, die in dem Forschungsbericht im Zentrum stehen, durch eine Perspektive auf ungleiche Machtverhältnisse und gesellschaftliche Ausschlüsse ergänzt werden. Daniela Hunold, Kriminologin an der Deutschen Hochschule der Polizei, verwies auf die räumliche Dimension der Proteste, die durch vorangegangene Konflikte besetzte Stadtlandschaft und das polizeiliche Interesse, den städtischen Raum zu ordnen. Konflikte um Raum seien für die Erklärung von Eskalationsdynamiken zentral.

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Bericht zur Abholung
Der gedruckte Bericht “Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017” kann am Hamburger Institut für Sozialforschung (Mittelweg 36, 20148 Hamburg) und am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin (Hardenbergstraße 16-18) abgeholt werden. Fragen dazu und zum gesamten Projekt beantworten die Koordinatoren, Stefan Malthaner (Hamburg), Simon Teune und Peter Ullrich (Berlin).

 

Projektvorstellung Mapping #NoG20

27.08.2018

Öffentliche Veranstaltung “Protest und Reaktion. Die Gewalteskalation um den G20-Gipfel 2017 aus sozialwissenschaftlicher Perspektive” |
Vorstellung des Projektberichtes “Eskalation: Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017”

Ort: Hamburger Institut für Sozialforschung | Beginn: 06.09.2018 19:00 Uhr

 

Die Ereignisse um den G20-Gipfel im Juli 2017 haben in Hamburg und darüber hinaus tiefe Spuren hinterlassen. In Erinnerung geblieben ist nicht ein “Festival der Demokratie”, sondern vor allem Bilder von Gewalt: Bilder der gewaltvollen Auflösung der Demonstration “Welcome to hell” durch die Polizei, die schwarz vermummte Gruppe, die in Altona Autos anzündet und Bilder von Straßenschlachten im Schanzenviertel. Sie sind Gegenstand einer polarisiert geführten öffentlichen Debatte.

Das von Dezember 2017 bis Juli 2018 durchgeführte Forschungsprojekt Mapping#NoG20 ist ein erster Schritt im Sinne einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Ereignisse. Die Diskussionsveranstaltung nimmt die Veröffentlichung des Projektberichtes”Eskalation: Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017″ zum Anlass, sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit dem Geschehen und seiner Bedeutung für politischen Protest, Polizeistrategien und die gesellschaftlichen Bedingungen von Gewalt zu befassen.

Prof. Dr. Teresa Koloma Beck, Soziologin; Universität der Bundeswehr München
Prof. Dr. Rafael Behr, Soziologe; Akademie der Polizei Hamburg
Dr. Daniela Hunold, Kriminologin; Deutsche Hochschule der Polizei
Dr. Simon Teune, Soziologe; Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG),  TU Berlin

Projektvorstellung: Stephanie Schmidt, Ethnologin; Universität Jena und Dr. Dr. Peter Ullrich, Soziologe; ZTG, TU Berlin
Moderation: Dr. Stefan Malthaner, Soziologe; Hamburger Institut für Sozialforschung
Begrüßung: Prof. Dr. Wolfgang Knöbl, Soziologe; Hamburger Institut für Sozialforschung

ab dem 6. September online: Projektwebseite Mapping#NoG20
Verfolgen Sie die Debatte auch auf Soziopolis

Mapping #NoG20 ist das Projekt eines Netzwerks von Wissenschaftler_innen unter dem Dach des unabhängigen Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb), des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und des Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin (ZTG).

Call for Papers: Mehrdimensionale Konfliktstrukturen und lokale Protestnetzwerke / ipb-Jahrestagung “Der Kontext lokaler Proteste”

27.08.2018

Mehrdimensionale Konfliktstrukturen und lokale Protestnetzwerke

Panel des AK „Ökonomie und Arbeit“ im Rahmen der ipb-Jahrestagung zum Thema „Der Kontext lokaler Proteste“, 9./10.November 2018 am Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin, Organisation: Sabrina Zajak, Melanie Kryst, Felix Butzlaff

Soziale Bewegungen und Protest gelten als Ausdruck und Frühwarnsystem gesellschaftlicher Konfliktlinien. Die Cleavage-Theorie postuliert, dass sich heutige Konfliktlinien zum einen aus den wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung (Globalisierungsgewinner und -verlierer), zum anderen aus identitären und/oder religiösen Zuschreibungen in Debatten um Integration, Migration und kulturelle Zugehörigkeiten ergeben. Allerdings, so der Ausgangspunkt dieses Panels, wird diese duale Unterscheidung zwischen polit-ökonomischen bzw. materialistischen Konflikten einerseits und kulturellen Konflikten andererseits der tatsächlichen Mehrdimensionalität von Konflikten nicht gerecht. In der Auseinandersetzung mit Themen wie Arbeit, wachsender sozialer Ungleichheit, Migration, Integration, Geschlechterrollen, Umwelt und Stadtentwicklung entstehen neue Spaltungsmuster in der Gesellschaft, die sich nicht auf binäre Konfliktkonstellationen reduzieren lassen. Die Basis multidimensionaler Konfliktkonstellationen bilden häufig multiple soziale Ungleichheiten und damit verbundene Entfremdungserfahrungen.

Multidimensionaler Konfliktkonstellationen werden insbesondere in lokalen Kontexten von Protest sichtbar. Gruppen können sich z.B. in Bezug auf die Integration von Frauen am Arbeitsplatz oder Maßnahmen für eine nachhaltige Stadtentwicklung einigen, jedoch nicht in Bezug auf Integration von Geflüchteten. Multidimensionale Konfliktkonstellationen manifestieren sich in Städten und Gemeinden in verschiedenen sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Netzwerken mit teils stark divergierenden, teils aber auch überlappenden normativen und politischen Vorstellungen und Zielsetzungen. Damit wird in diesen Netzwerken die Intersektionalität von Problemlagen und Mehrdimensionalität sozialer Ungleichheiten Wahrnehmungen reflektiert. Dies führt zum einen zu neuen Allianzen; zum anderen sind jedoch Konflikte zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen oder innerhalb von lokalen Protestnetzwerken zu beobachten. Dieses Panel zielt darauf ab, die Mehrdimensionalität von Konfliktstrukturen in lokalen Protestnetzwerken sichtbar zu machen und zu diskutieren.

Das Panel interessiert für theoretische und empirische Beiträge sowie transdisziplinäre oder praxisorientierte Projekte, die sich mit folgenden Themen beschäftigen:

  • Unter welchen Kontextbedingungen führen multidimensionale Konfliktkonstellationen zu mehr Kooperation und Zusammenhalt bzw. zum Auseinanderbrechen von Netzwerken und Zusammenarbeit?
  • Wie prägen soziale und gesellschaftliche Ungleichheit Ausgrenzungserfahrungen, die in kollektiven Handeln und Protest münden?
  • Wie schlagen sich Konfliktlinien im Bereich Arbeit und Ökonomie in lokalen Protestereignissen nieder und wie sind diese intersektional mit anderen Themen auf lokaler, nationaler oder transnationaler Ebene verknüpft?
  • Wieso gelingt es Organisationen zu bestimmten Themen Allianzen zu bilden und zu anderen Themen nicht? Warum arbeiten z.B. Bewegungsorganisationen und Gewerkschaften in Austeritätsprotesten oder Protesten gegen Handelsabkommen zusammen, aber finden kaum Gemeinsamkeiten zu Themen der Umweltzerstörung oder zum Umgang mit Geflüchteten?
  • Welche Folgen haben die Bündnisbildungen und Themenüberlappungen auf lokaler Ebene für den Bewegungssektor? Führt dies zu einer schlagkräftigeren Allianz oder hemmen netzwerkinterne Konflikte die Protestwirkung?
  • Welche Rolle spielt lokale, regionale und überregionale Medienberichterstattung für lokale Protestnetzwerke? Erschwert eine komplexe, multidimensionale Konfliktstruktur die öffentliche Sichtbarkeit im Gegensatz zu eindimensionalen Protestereignissen?
  • Wie gehen einzelne Personen und Aktivisten mit der Intersektionalität von Problemlagen um? Welche Deutungen und Problemlösungsstrategien entwickeln sie?

Abstracts (max 300 Wörter) bitte bis zum 13.09 an:

  • Sabrina Zajak (sabrina.zajak@rub.de), Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum
  • Melanie Kryst (mkryst@governance-platform.de), HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform Berlin
  • Felix Butzlaff, (felix.butzlaff@wu.ac.at) Institute for Social Change and Sustainability (IGN), Vienna University of Economics and Business

Photo by Vlad Tchompalov on Unsplash

Bottom-Up Urbanism – Konzeptualisierungen und Fallstricke

27.07.2018

Am 20.7.2018 fand die Veranstaltung „Bottom-Up Urbanism – Popular Problem-Solving in Times of Austerity and Gridlock“ in Berlin statt. Für diese hatten der AK Stadt/Raum des IPB und das Center for Metropolitan Studies (CMS) der Technischen Universität Frau Prof. Dr. Hilary Silver (Brown University/George Washington University) gewinnen können.

Hilary Silver erläuterte, dass städtische Politiken „von unten“ – d.h. solche, bei denen die Bürger*innen nicht auf Lösungen „der Politik“ warten oder diese vom Staat einfordern, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen – gegenwärtig Bedeutungszuwachs erhielten. Denn Neoliberalisierungsprozesse beförderten sowohl Austeritätspolitiken, mithin Einsparungen im Bereich lokaler Infrastrukturen, als auch market failure. Zudem münde die Polarisierung des Zweiparteiensystems der USA immer häufiger im gridlock, d.h. im politischen Stillstand. In der Folge suchten Stadtbewohner*innen zunehmend nach Lösungen, die Hilary Silver als pragmatisch, überparteilich und unideologisch kennzeichnete. Trotz zahlreicher, aus der Bewegungsforschung bekannter Barrieren und Probleme (z.B. Kooptierung oder NIMBY) überwinde diese Form des problem-solving oft erfolgreich Verwaltungsbezirke, Parteilinien oder Schichtzugehörigkeiten der Betroffenen. Beispiele seien Bewohner*innen, die lokales Wissen über Krankheiten mit wissenschaftlicher Expertise zusammenbrächten, um die Qualität der Wasserversorgung zu verbessern. Andere Bürger*innen würden sich zu Bürgerwehren zusammenschließen oder gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen die Regionalbahn verlängern, um ihre substantiellen Probleme zu lösen. Bottom-up politics kämen demnach auch auf städtischer Ebene in allen Politikfeldern vor. Hilary Silver betonte dabei win-win-Situationen: Arme und Reiche profitierten gleichermaßen, da z.B. alle das gleiche Wasser tränken oder Reiche in die Stadt pendelten, während Arme mit derselben Bahn in die Gegenrichtung zu ihrer Arbeit führen.

In Anschluss an den Vortrag ergänzte ein sehr interdisziplinäres und internationales Publikum Beispiele für einen bottom-up urbanism aus aller Welt. Diese entstammten nicht zufällig insbesondere zwei Feldern: Einerseits ging es um informelle Siedlungen wie Slums und andere Bereiche, in denen sich der Staat aus der Daseinsvorsorge für bestimmte Gruppen herauszieht (wie z.B. im Falle der Versorgung illegalisierter und/oder partiell aus den Sozialsystemen ausgeschlossener Migrant*innen). Andererseits standen die LOHAS, also der gesundheits- und umweltbewusste Lebensstil der urbanen Mittelschicht im Mittelpunkt (z.B. beim Berliner community gardening, beim dortigen Bau von Insektenhotels gegen das Bienensterben oder der Wissenssammlung für Radentscheide). Dementsprechend drehte sich die Diskussion insbesondere darum, wie Macht in die Analyse integrierbar ist und das Konzept der bottom-up politics von der „Selbsthilfe“, mit ihren bekannten Machteffekten (z.B. ungleich verteilte Ressourcen und Zugänge oder Übernahme staatlicher Aufgaben) abgegrenzt werden kann. Gewarnt wurde insbesondere vor einer normativen Aufladung des Konzepts, da ein Zelebrieren von privaten Lösungen und die Absage an Bewegungen, die den Staat adressieren, entpolitisierend wirke. Schließlich erhielten viele der diskutierten Beispiele ihr Potential zur Transformation der Gesellschaft nicht allein aus der oft dringlichen, aber kleinteiligen Selbst- und Nothilfe (z.B. Bienenhotels bauen, Generieren von Wissen über die Verkehrssituation, Bereitstellen von Booten für die Seenotrettung oder Übernachtungsplätzen für obdachlose Migrant*innen). Vielmehr sei es auch und gerade die gezielte Politisierung der Missstände (z.B. qua Demonstrationen, Besetzungen oder Volksentscheiden), inklusive der Prekarität des diesbezüglichen Ehrenamtes (z.B. unter dem Motto des Berliner Medibüros „Es ist uns keine Ehre!“), die ein progressives Veränderungspotential berge.

Es stellte sich die Frage, wie die gelebten Solidaritäten einerseits und die öffentliche Politisierung andererseits unter den Bedingungen einer fortschreitenden Neoliberalisierung – künftig besser –zusammenkommen können. Angesichts des wunderbaren Wetters konnten wir dies und viel mehr bei Speis und Trank am Abend auf der Spree andiskutieren. Doch der AK Stadt/Raum will diese Problemstellung künftig vertiefen – neue Mitstreiter*innen sind dabei herzlich willkommen und aufgerufen, z.B. auf dem nächsten Arbeitstreffen im Anschluss an die IPB-Jahrestagung „Der Kontext lokaler Proteste“ am 09. und 10. November 2018 hinzuzustoßen.

 

Photo by NeONBRAND on Unsplash

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (II.2018)

27.07.2018

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 127 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Baumgarten, Britta. 2018. ‘Krisenproteste in Portugal – von plötzlichen Massenprotesten und Zeiten der Stille’. In Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise: Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit edited by Jochen Roose, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 101–22. Bürgergesellschaft und Demokratie. Springer VS, Wiesbaden.

Bogerts, Lisa. 2018. »Deutschland Sprüht vor Ideen« – Street Art als Ikonographische Herrschaftspraxis’. In Politische Ikonographie und Differenzrepräsentation, edited by Eva Hausteiner and Sebastian Huhnholz, 231–58. Leviathan Sonderband 34.

Brunnengräber, Achim, and Heike Walk. 2018. ‘Demokratische Herausforderungen durch Klimaskeptiker’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 393–402.

Deitelhoff, Nicole, Priska Daphi, and Felix Anderl. 2018. ‘Many Roads to Another World’. German Research 40 (1): 6–11.

Gresch, Nora, and Birgit Sauer. 2018. ‘The Austrian Paradox: The Challenges of Transforming a Conservative Gender Regime’. In Transforming Gender Citizenship, edited by Eléonore Lépinard and Ruth Rubio-Marin, 308–40. Cambridge University Press.

Haselbacher, Miriam, and Sieglinde Rosenberger. 2018. ‘Protest Against the Reception of Asylum Seekers in Austria’. In Protest Movements in Asylum and Deportation, edited by Sieglinde Rosenberger, Nina Merhaut, and Verena Stern, 247–69. IMISCOE Research Series. Springer, Cham.

Hofstetter, Joana Lilli. 2018. ‘Still We Rise — The Contemporary Sex Worker Movement in Europe in the Context of Neo-Abolitionism and Repressive Policies’. Moving the Social 59: 47–70.

Kaun, Anne, and Julie Uldam. 2018. ‘Digital Activism: After the Hype’. New Media & Society 20 (6): 2099–2106.

Kirchhoff, Maren, Johanna Probst, Helen Schwenken, and Verena Stern. 2018. ‘Worth the Effort: Protesting Successfully Against Deportations’. In Protest Movements in Asylum and Deportation, edited by Sieglinde Rosenberger, Nina Merhaut, and Verena Stern, 117–39. IMISCOE Research Series. Springer, Cham.

Klein, Ansgar. 2018. ‘Mikro-Engagement, sozialer Zusammenhalt und soziale Bürgerrechte. Eine Einführung’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 101–9.

Klein, Ansgar, and Serge Embacher. 2018. ‘Mind the Gap! Demokratie und Engagement in komplexer Lage’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 152–59.

Klein, Ansgar, Jupp Legrand, Jan Rohwerder, and Jochen Roose. 2018. ‘30 Jahre Forschungsjournal Soziale Bewegungen: Ein Überblick über Zentrale Diskurse’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2.

Klein, Ansgar, Jochen Roose, and Peter Kulessa. 2018. ‘Zukunft der Demokratie (Editorial)’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 4–7.

Künkel, Jenny. 2018. ‘Die städtische Produktion von „Armutsmigration“. Soziale Kämpfe um prekäres Wohnen in Frankfurt am Main.’ PROKLA, no. 191: 283–98.

Lenz, Ilse. 2018. ‘Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland’. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), no. 17.

Merhaut, Nina, and Verena Stern. 2018. ‘Asylum Policies and Protests in Austria’. In Protest Movements in Asylum and Deportation, edited by Sieglinde Rosenberger, Nina Merhaut, and Verena Stern, 29–47. IMISCOE Research Series. Springer, Cham.

Nachtwey, Oliver. 2018. ‘Im Fahrstuhl nach Unten: Marx und die Abstiegsgesellschaft’. Blätter für Deutsche und Internationale Politik, May 2018.

Roose, Jochen. 2018. ‘Bewegungen als Retter der Demokratie. Chancen von sozialen Bewegungen gegen die populistische Macht und der Fall Polen’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 365–71.

Roose, Jochen, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, eds. 2018a. Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise: Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit. Bürgergesellschaft und Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Roose, Jochen, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 2018b. ‘Krise und Zivilgesellschaft’. In Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise: Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit, edited by Jochen Roose, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 3–16. Bürgergesellschaft und Demokratie. Springer VS, Wiesbaden.

Roose, Jochen, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 2018c. ‘Verantwortungszuschreibungen in der Eurozonen-Krise’. In Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise: Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit, edited by Jochen Roose, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 43–73. Bürgergesellschaft und Demokratie. Springer VS, Wiesbaden.

Roose, Jochen, and Sabrina Zajak. 2018. ‘Lernfall oder Paradigmenwechsel für die Bewegungsforschung’. In Europas Zivilgesellschaft in der Wirtschafts- und Finanzkrise: Protest, Resilienz und Kämpfe um Deutungshoheit, edited by Jochen Roose, Moritz Sommer, and Franziska Scholl, 183–204. Bürgergesellschaft und Demokratie. Springer VS, Wiesbaden.

Rosenberger, Sieglinde, Verena Stern, and Nina Merhaut, eds. 2018. Protest Movements in Asylum and Deportation. IMISCOE Research Series. Springer International Publishing.

Roth, Roland. 2018a. ‘Warum eine Demokratie-Enquete des Deutschen Bundestags überfällig ist’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 160–69.

Roth, Roland. 2018b. ‘Eine neue Generation von Protesten?: Ein Literaturbericht’. Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, April.

Rucht, Dieter. 2018a. ‘Demokratisierung durch Bewegungen? Demokratisierung der Bewegungen?’ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 40–51.

Rucht, Dieter. 2018b. ‘Mobilization Against Refugees and Asylum Seekers in Germany: A Social Movement Perspective’. In Protest Movements in Asylum and Deportation, edited by Sieglinde Rosenberger, Nina Merhaut, and Verena Stern, 225–45. IMISCOE Research Series. Springer, Cham.

Schmid, Antonia and Peter Ullrich. 2018. Publish and Perish. Publikationszwänge, Selbstunternehmerische Wissenschaftssubjekte und Geschlecht. In Chimära mensura? Die Human-Animal Studies zwischen Schäferhund-Science-Hoax, kritischer Geschichtswissenschaft und akademischem Trendsurfing, edited by Enrico Heitzer and Sven Schultze, Berlin: Vergangenheitsverlag, 228-247.

Simon, Bernd, Alex Mommert, and Klaus Michael Reininger. 2018. ‘Politicization in the Name of the Majority: The Role of Cultural, Economic, and Political Grievances’. Journal of Social and Political Psychology 6 (1): 205–23.

Steinhilper, Elias, and Rob J. Gruijters. 2018. A contested crisis: policy narratives and empirical evidence on border deaths in the Mediterranean. Sociology 52 (3): 515–533.

Strachwitz, Rupert Graf. 2018a. ‘Position und Perspektiven der Zivilgesellschaft im internationalen Vergleich’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 374–85.

Strachwitz, Rupert Graf. 2018b. ‘Foundations/Awqaf in Europe and the Arab World: A Common Legacy, a Common Responsibility, and Common Challenges’. Trusts & Trustees 24 (6): 503–10.

Teune, Simon. 2018. ‘Wo Fängt Gewalt an? Unterschiede in der Berichterstattung über Protest und Gewalt’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 214–25.

Teune, Simon, and Peter Ullrich. 2018. ‘Protestforschung mit politischem Auftrag?’ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2: 418–25.

Ullrich, Peter. 2018: Subtile Autorität und prekäre Legitimität der Videoüberwachung von Demonstrationen. Praxen und Wissensformen von Polizei und Protestierenden. In Polizei im Spannungsfeld von Autorität, Legitimität und Kompetenz, edited by  A. Mensching und A. Jacobsen.  Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft, 121–133.

Ullrich, Peter und Tilman Reitz. 2018: Raus aus der prekären Mobilität. In: Forum Wissenschaft (2): 23-24.

Vollmer, Lisa, and Justin Kadi. 2018. ‘Wohnungspolitik in der Krise des Neoliberalismus in Berlin und Wien. Postneoliberaler Paradigmenwechsel oder punktuelle staatliche Beruhigungspolitik?’ PROKLA, no. 191: 247–65.

 

Photo by Susan Yin on Unsplash

Zwischen politischem Auftrag und politischer Positionierung

18.07.2018

Mit dem Doppelheft 1-2/2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Umfeld des IPB ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des IPB einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. 

Die Rubrik ist ein Produkt der engen Kooperation des Forschungsjournals Soziale Bewegungen und des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Verantwortliche Redakteure sind Jannis Grimm und Moritz Sommer, die neben ihrer Redaktionstätigkeit im Forschungsjournal beide im IPB organisiert sind.

Die Beiträge  sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen. Den Auftakt machen Simon Teune und Peter Ullrich, die die politische Positionierung der Protestforschung in den Blick nehmen. Anlass dafür sind die drei im Kontext des NSU-Komplexes neu entstandenen Forschungs- und Dokumentationszentren, die sich unter anderem auch Protestbewegungen widmen. Der Beitrag erschien unter dem Titel “Protestforschung mit politischen Auftrag?” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 1-2, S. 418-424. 

 

 

Die Forschung zu Protesten und sozialen Bewegungen ist eine politische Wissenschaft: Sie ist zum Ersten ein Teilgebiet der Politikwissenschaft und der politischen Soziologie, weil sie sich mit ihrem Fokus auf einen Akteurstyp ausrichtet – soziale Bewegungen, mobilisierte Zivilgesellschaft und Aktivist*innen – und mit Fragen von Macht und der Herstellung verbindlicher Entscheidungen befasst; ihr Gegenstand ist also politisch. Sie ist es auch, zweitens, weil ein nicht unerheblicher Teil der Forschenden diesen Gegenstand aufgrund eigenen Engagements wählt und zumindest Teilen des Forschungsfeldes mit Sympathien gegenübersteht. Am deutlichsten wird das bei denen, die die eigene Forschung explizit in den Dienst der Bewegung(en) stellen, sei es als kritisches Reflexions- oder als strategisches Handlungswissen. Protestforschung ist, drittens, politisch, weil sie – etwa in der Medienfigur der Protestforscher*in – zur gesellschaftlichen Konstruktion ihres Gegenstands beiträgt.

Die akademische Würdigung von Protest hat auch zu seiner Normalisierung als akzeptierter Form politischer Partizipation beigetragen. Viertens ist Protestforschung politisch, weil ihr Tun immer wieder als Politikum empfunden wird. Protestforscher*innen sind immer konfrontiert mit Erwartungen und Einflüssen unterschiedlicher gesellschaftlicher Felder (Wissenschaft, Politik, Protestierende, Medien u.a.), die teilweise diametral entgegengesetzt sind und sich gelegentlich auch konflikthaft entladen: Auf der einen Seite vermuten wissenschaftspolitisch Verantwortliche, dass mit der Förderung der Protestforschung die Revolution finanziert werde.[i] Auf der anderen Seite lehnen auch manche Aktivist*innen Protestforschung mit der Begründung ab, sie diene als Produktion von Herrschaftswissen der Einhegung von Protest. Protestforscher*innen sind damit nolens volens Teil einer politischen Auseinandersetzung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zur Reflexion und Positionierung.

Während die Diskussion über die politischen Implikationen der Protestforschung das Feld schon immer begleitet hat, stellen sich in den letzten Jahren neue Fragen. Das Bekanntwerden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und die Konjunktur völkischer Proteste wie etwa bei Pegida hat ein neues Interesse an sozialen Bewegungen von rechts geweckt. Schon vorher hatte sich mit dem Extremismusparadigma in Behörden und Ministerien die Vorstellung durchgesetzt, dass zwar der Rechtsextremismus gut erforscht sei, es aber an Erkenntnissen zum “Linksextremismus” fehle. Mit diesen Entwicklungen hat sich der Blick auf Protestforschung verändert und es entstanden neue Institutionen, die das Feld mit politischem Auftrag in den Blick nehmen.

Forschungsförderung in versicherheitlichter Perspektive

Nachdem die zweifelhafte Rolle der Geheimdienste in der Entstehung und ausbleibenden Aufklärung des NSU offenkundig wurde, entschlossen sich die Länder Thüringen, Niedersachsen und Brandenburg, die Arbeit des Verfassungsschutzes durch neue sozialwissenschaftliche Einrichtungen zu flankieren.  Das „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ in Jena, die „Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus“ in Potsdam und die „Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen (FoDEx)“ im Göttinger Institut für Demokratieforschung sollten mit überprüfbaren Methoden praktisches Wissen generieren.[ii]

Es ist kaum zu bezweifeln, dass sozialwissenschaftliche Analysen wie auch zivilgesellschaftliche Rechercheinitiativen mehr zur Aufklärung von rechter Alltagsgewalt und rechtem Terror leisten als die Verfassungsschutzbehörden.  Diese neuen Einrichtungen bieten eine Chance, eine eingreifende Forschung in öffentlicher Verantwortung neu zu denken. Ob aber diese Chance genutzt werden kann, ist davon abhängig, welches Wissen von den Geldgebern erwartet wird und welche Entwicklungen in den Blick genommen werden.

Mit der staatlichen Beauftragung geht auch eine Prägung durch außerwissenschaftliche Ansprüche und Erkenntnisinteressen einher, die für die Protest- und Bewegungsforschung unmittelbare Konsequenzen hat. Zum einen verändert der politische Auftrag die Rolle wissenschaftlicher Akteure in ihrem Forschungsfeld. Zum anderen drückt das im politischen Diskurs hegemoniale Extremismusparadigma, also die Annahme, dass die demokratische Gesellschaft von politischen Randgruppen bedroht sei, der Arbeit der Einrichtungen ihren Stempel auf. Historisch als Rechtfertigung für Berufsverbote und Radikalenerlass entstanden und in der Wissenschaft wegen seiner analytischen Unschärfe kritisch diskutiert (Forum für kritische Rechtsextremismusforschung 2011; Ackermann et al. 2015), erweist es sich heute vor allem durch die implizite Gleichsetzung von so unterschiedlichen Phänomenen wie dschihadistischen Anschlägen, rassistischen Morden und Konfrontationsgewalt bei Demonstrationen als problematisch. Die Erwartung, dass die neu entstandenen Einrichtungen „demokratiefeindliche”, „verfassungsfeindliche” oder „extremistische” Tendenzen in den Blick nehmen, trägt nun dazu bei, dass eine versicherheitlichte Perspektive auch in die Forschung zu Protesten und sozialen Bewegungen Einzug hält.

In allen drei Institutionen sind Proteste ein Untersuchungsgegenstand. Allerdings zeichnen sich unterschiedliche Zugänge ab. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung, ein wichtiges Zentrum der institutionell insgesamt nur schwach verankerten Protestforschung in der Bundesrepublik (Rucht 2011), nimmt in der ersten Publikation der Göttinger Forschungs- und Dokumentationsstelle die G20-Proteste, Salafismus und eine Demonstration der Identitären in den Blick. In Potsdam werden Protestereignisse neonazistischer und völkischer Akteure dokumentiert und eingeordnet. In Jena entsteht eine regionale Protestereignisanalyse.

Inwiefern sich in den neuen Instituten mit der Finanzierung aus Landesmitteln auch deren demokratie- und sicherheitspolitische Logik auf das Forschungsfeld überträgt hängt indes davon ab, welche Zielvorstellungen im jeweiligen institutionellen und landespolitischen Kontext handlungsleitend sind: In Potsdam, wo SPD und Linke regieren, liegt der Schwerpunkt im Sinne des Trägers, des Moses Mendelssohn Zentrums, auf Antisemitismus und der extremen Rechten sowie den Bedingungen zivilgesellschaftlicher Resilienz. Die Jenaer Forscher*innen konzentrieren sich – ebenfalls im Sinne der Trägerin, der Amadeu Antonio Stiftung und mit Förderung durch die rot-rot-grüne Landesregierung – auf die Analyse von Diskriminierung, Hasskriminalität und Hassgruppen im Sinne des Modells der „vorurteilsgeleiteten Radikalisierung” (Quendt 2017).

Während die Vorgaben in diesen beiden Fällen eher lose formuliert sind, kommt bei der Göttinger Einrichtung die landespolitische Prägekraft in ihren Widersprüchen deutlicher zum Ausdruck: Nachdem der rot-grüne Koalitionsvertrag von 2013 „die öffentliche Bewertung verfassungsfeindlicher Bestrebungen”[iii] durch eine wissenschaftliche Stelle vorsah und die Grünen diesen Schritt mit der Forderung einer Abkehr vom Konzept des Extremismus verbanden, bezeichnete SPD-Innenminister Pistorius die Einrichtung bei ihrer öffentlichen Vorstellung als „wichtige[n] Schritt beim Kampf gegen Extremismus in unserem Land”[iv]. Während die Forschungsstelle zum damaligen Zeitpunkt unter dem Namen „Dokumentationsstelle zur Analyse und Bewertung von Demokratiefeindlichkeit und politisch motivierter Gewaltbereitschaft in Niedersachsen” firmierte, trägt sie heute das Extremismusparadigma im Namen. Ihre Arbeit gliedert sich entlang der Themen „Rechtsextremismus, religiöser Extremismus und linke Militanz” (Trittel et al. 2017: 2), also mehr oder weniger entlang der „Phänomenbereiche” des Verfassungsschutzes, des polizeilichen Staatsschutzes und staatlicher Interventionsprogramme. Diese Ausrichtung stellen die in Göttingen Forschenden in ihrer ersten Veröffentlichung selbst in Frage. Äußerst kritisch setzen sie sich mit den affirmativen Selbstbeschreibungen der „streitbaren Demokratie” und insbesondere mit dem Konzept des Extremismus auseinander und betonen deren analytische Defizite (Riedl/Micus 2017; Trittel et al. 2017).

Dass sich die Forschungs- und Dokumentationsstelle zugleich der Aufarbeitung des Archivs des Landesamts für Verfassungsschutz widmet, dass sie gemeinsame Veranstaltungen mit diesem plant und dass am Göttinger Institut zudem eine „Bundesfachstelle linke Militanz”[v] aus Mitteln des Bundesfamilienministeriums eingerichtet wurde, verstärkt dagegen den Eindruck, dass hier Protestforschung und staatliche Kontrollperspektive amalgamiert werden. Da darüber hinaus FoDEx wie auch Bundesfachstelle für Außenstehende nur schwer zu durchschauen sind,[vi] ist das Göttinger Institut schnell zur Zielscheibe von harscher Kritik geworden – im akademischen wie auch im politischen Feld.[vii]

Resonanzen im Feld

Als Teams aus Dresden, Göttingen und dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) bei den Pegida-Demonstrationen Teilnehmer*innen befragen wollten, schlug ihnen deutliche Ablehnung entgegen, wohl weil sie als Teil der Deutungseliten und damit als politische Gegner*innen wahrgenommen wurden. Die Erfahrung dieser „Protestforschung am Limit” (Daphi et al. 2015) hat Debatten über Forschungsethik und Grenzen der Methode der Demonstrationsbefragung ausgelöst (Reuband 2015; Teune/Ullrich 2015). Seit der Einrichtung der Forschungs- und Dokumentationsstellen haben sich die Anfeindungen aus dem Feld nochmals verschärft. Sowohl das Göttinger Institut für Demokratieforschung als auch das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft sehen sich einerseits heftigen Angriffen seitens der AfD ausgesetzt. Die institutionellen Geldgeber und Kooperationspartner der neuen Einrichtung in Göttingen sowie der Mangel an Informationen über ihre Tätigkeit haben andererseits auch dazu beigetragen, dass die Spekulationen in der linken Szene ins Kraut schießen – bis hin zur Einordnung der FoDEx als „VS-Projekt”. Im November 2017 leerten Aktivist*innen in Trenchcoat und Schlapphut säckeweise Papierschnipsel vor dem Institut aus, um zu skandalisieren, dass die Forschungsstelle „mit und für den Verfassungsschutz”[viii] arbeite. In einzelnen Treffen der linken Szene und Wohngemeinschaften wurden Mitarbeiter*innen der Göttinger Einrichtungen zu unerwünschten Personen erklärt.

Diese Zuspitzung hat schon jetzt spürbare Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen der Protestforschung und ihrem Forschungsfeld, die in ihrer ganzen Tragweite noch nicht absehbar sind. Die Annahme, die Protestforschung mache mit den Sicherheitsbehörden gemeinsame Sache, schließt an mehr oder weniger gut begründete ältere Vorwürfe eines Teils der radikalen Linken an (Mohr/Rübner 2010). Die Ablehnung bekommen die Forscher*innen in Göttingen am deutlichsten zu spüren, aber die Skepsis strahlt auch auf andere Kolleg*innen und ihre Forschungsprojekte ab.

Herausforderungen für die Protestforschung

Es gibt für die Protestforschung drei gewichtige Herausforderungen durch die politisch beauftragte Forschung: Erstens ist eine so finanzierte Forschung institutionell zumindest teilweise an den Sicherheitssektor bzw. an die volatilen Geldflüsse der Förderprogramme gebunden. Sie sind damit auch Teil eines sich schon mindestens seit Beginn des Jahrtausends abzeichnenden Prozesses der Pluralisierung der Akteurslandschaft, in der verschiedene außerwissenschaftliche Träger Monitoring und teilweise Forschungsaufgaben übernehmen (institutionelle Ebene). Dies verstärkt, zweitens, eine Tendenz  in der Protestforschung, die diese ohnehin von ihren grundlagenorientierten „Mutterwissenschaften”, vor allem der theoriefokussierten Soziologie, unterscheidet: Es geht ihr stärker um konkrete Fälle (also einzelne Bewegungen oder Mobilisierungen), von denen das Interesse der Forschenden oft seinen Ausgang nimmt.

Bisher hat der relativ begrenzte theoretische Kanon der Protestforschung (dominiert von den Ansätzen Ressourcenmobilisierung, Gelegenheitsstrukturen, Framing, kollektive Identität) für eine gewisse wissenschaftlich-fachliche Identität gesorgt. Diese ist außerdem verbunden mit einem dichten, auch stark personal geprägten Netzwerk von Forschenden (Rucht 2011) und orientiert sich inhaltlich überwiegend an Prozessen und Faktoren, die eine Erklärungskraft für Aufkommen und Erfolg oder Misserfolg sozialer Bewegungen haben – und zwar weitgehend unabhängig von deren politischer oder religiöser Färbung.[ix]

Politische Aufträge des Monitorings und der Prävention indes folgen einer anderen Logik. Solche Forschung ist angehalten oder zumindest verleitet, die wenig tragfähigen Kategorien und Wahrnehmungsmuster des Extremismusparadigmas zu übernehmen – und sei es nur als förderstrategisch nützliche Referenz (inhaltliche Ebene). Drittens gefährdet eine politisch beauftragte Forschung, wie oben dargestellt, den Zugang zum eigenen Forschungsfeld (relationale Ebene).

Diese Problemstellungen existieren unabhängig von den Intentionen der konkreten Forschenden. Sie entstehen als Folge struktureller Kopplungen und ihrer Wahrnehmung. Der außerwissenschaftliche Einfluss verdankt sich teilweise (bspw. im Fall von Mittelzuweisung und -entzug) direkter staatlicher Sanktionsmacht, ist ansonsten aber vor allem subtileren Charakters.[x] Wie mit den Herausforderungen umgegangen wird, ist ein wesentlicher Faktor dafür, inwiefern eine eingreifende Forschung in öffentlicher Verantwortung gelingt. Die Reaktionen der Göttinger Forschungsstelle auf Kritik war bislang von einer Haltung der Selbstverteidigung geprägt.[xi] Die apodiktische Behauptung der Unabhängigkeit kann aber angesichts der komplexen Situation nicht zufriedenstellen. Sie ist aus soziologischer, insbesondere machtanalytischer Perspektive kaum haltbar. Wenn sich aber der Eindruck verstärkt, dass die Auseinandersetzung mit ernstzunehmender Kritik und den eigenen Verstrickungen zu kurz kommt,[xii] wird Vertrauen in großen Teilen des Fachs und des Forschungsfeldes aufs Spiel gesetzt.

Es wäre jedoch falsch, nur mit dem Finger auf die Kolleg*innen in Göttingen zu zeigen. Denn der aktuelle Anlass verdeutlicht nur die eingangs eingeführte Grundspannung zwischen den gesellschaftlichen Feldern, deren Logiken sich in der Protestforschung überlagern und gegenseitig überformen. Das gilt insbesondere dann, wenn die wissenschaftliche Forschung einen expliziten politischen Auftrag hat. Der Fokus der Göttinger Bundesfachstelle auf die radikale Linke findet seine Entsprechung in der Konzentration auf die extreme Rechte in Potsdam und Jena. Es ist zu mutmaßen, dass letztere sowohl aus dem linken Feld als auch aus der Forschungslandschaft lediglich deshalb weniger kritisch kommentiert wurden, weil dort eine grundlegende politische Affinität zu deren Aufgabenstellung vorherrscht.

Kein*e Protestforscher*in forscht „wertfrei”. Auch die „normale” Forschung an Universitäten ist selbstverständlich in Abhängigkeitsgefüge verstrickt. Aber Abhängigkeiten von auf Erfolg getrimmten Institutsleitungen, von fachpolitischen Orientierungen folgenden DFG-Kollegien oder themenkonjunktur-getriebenen BMBF-Ausschreibungen sind im Feld außerparlamentarischer Politik weniger politisch aufgeladen; die Betreffenden stehen daher weniger unter Rechtfertigungsdruck. Der Blick auf die behandelten Einrichtungen wirft also ein Schlaglicht auf uns alle.

Der Protestforschung ins Stammbuch geschrieben

Der Fall der Protestforschung mit politischem Auftrag wirft noch weitere Fragen auf. In den Blick kommen beispielsweise die Bedingungen wissenschaftlicher Forschung über Proteste und Bewegungen im “akademischen Kapitalismus” im Zeichen von Projektförmigkeit, zunehmender Drittmittelabhängigkeit und sinkenden Förderquoten. Diese Entwicklungen werden die Verlockungen von Finanzquellen außerhalb der klassischen Wissenschaftsförderung nicht kleiner werden lassen.

Auch die Frage nach dem Umgang mit Medien und Öffentlichkeit stellt sich in diesem Zusammenhang eindringlich. Publizität und öffentliche Wirksamkeit sind nicht nur ein Ideal einer engagierten „Public Sociology”, sondern immer mehr auch ein unhintergehbarer Imperativ für Wissenschaftler*innen und wissenschaftliche Einrichtungen, die sich unter Bedingungen stetig wachsenden Konkurrenzdrucks behaupten wollen. Auch diese Entwicklung setzt eher Anreize, für schnelle Erfolge in der Aufmerksamkeitsökonomie Abstriche bei der wissenschaftlichen Strenge zu machen. Was ist also zu tun, wenn die Antwort auf diese Herausforderung nicht im sich selbst bloßstellenden Rückzug auf das reine, scheinbar interesselose Interesse an Erkenntnis liegt?

Protestforscher*innen werden weiterhin unter besonderer Beobachtung stehen. Sie können sich angesichts der widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen nicht nicht positionieren. Dieser Druck sollte zuallererst als Aufforderung zu einem offensiven Umgang mit der eigenen Position verstanden werden. Das Gebot der Transparenz bezieht sich auf den institutionellen und politischen Sprechort, auf die Finanzierung, auf die Kooperationen und den Verwertungskontext. Insbesondere dann, wenn die Forschung im politischen Auftrag stattfindet, muss dieser klar formuliert sein. Diese Transparenz ist nicht nur ein forschungsethischer Grundsatz. Sie ist auch von praktischem Nutzen, denn sie stellt einen Maßstab zur kritischen Bewertung der Forschung, auch für Außenstehende, bereit.

Die zweite Forderung ist die nach Stärkung der theoretischen und methodologischen Debatten in der Protestforschung. Diese sollten vom aufrichtigen Interesse an der Analyse der Dynamiken und Entwicklungen unseres Gegenstandes im breitesten Sinne, also auch unabhängig von politischen Präferenzen, geleitet sein. Dies lässt für politische Schlussfolgerungen noch genügend Raum – in Ergänzung zur Forschung. Zur Diskussion der Forschung mit politischem Auftrag gehört wesentlich, die Zielstellungen selbst zur Diskussion zu stellen. Welche Entwicklungen in sozialen Bewegungen werden für eine an Demokratie und Menschenrechten orientierte Gesellschaft als problematisch angesehen? Mit welchem Verständnis von Demokratie und Menschenrechten?

Protestforschung muss sich drittens, um die ersten beiden Forderungen überhaupt umsetzen zu können, einem Metadiskurs aussetzen und in sich schnell wandelnden Kontexten immer wieder neu ihre Rolle im Gefüge der Erwartungen ausbuchstabieren. Angezeigt wäre daher auch eine wissenschaftssoziologische Erforschung der Protestforschung, also eine systematische Beobachtung der Beobachter*innen von Protest und eine Bilanzierung der empirischen Erträge unterschiedlicher institutioneller Kontexte.

Ein Szenario, das es bei aller gegenseitigen Kritik zu vermeiden gilt, ist eine Frontstellung zwischen unterschiedlichen Gruppen oder Institutionen, die sich dem Primat der Wissenschaftlichkeit im akademischen Diskurs über einen gemeinsamen Forschungsgegenstand verbunden fühlen. Es gibt einige Disziplinen, in denen die politische Überlagerung der Fachdebatte zu einer aggressiven Diskussionskultur und zu einer starken Polarisierung beigetragen hat, bis hin zu Angriffen auf die persönliche Integrität. Die Gender-Studies sind ein Beispiel für gezielte Angriffe vor allem von außen. Interne Friktionen gibt es in der Forschung zu Rassismus, Migration und Integration.

Insbesondere die Antisemitismusforschung ist ein Beispiel für eine sich in den letzten Jahren zuspitzende Polarisierung zwischen kaum noch kommunikationsfähigen Lagern mit abgegrenzten Zitationsnetzwerken. Debatten werden zunehmend in Ethikgremien oder vor Gericht geführt, statt auf Konferenzen (vgl. Ullrich/Kohlstruck 2017). Der Hintergrund ist eine Überdeterminierung durch einen politischen Diskurs über Haltungen zum Nahostkonflikt. Wissenschaftliche Inhalte und Kommunikationsformen haben nur noch begrenzte Strukturierungskraft. Um ein solches Szenario in der sich pluralisierenden Protestforschung zu verhindern, braucht es mehr denn je einen kontinuierlichen, institutionsübergreifenden, (selbst-) kritischen Dialog über die Aufgaben des Forschungsfelds, seine Fragen, Methoden und Indienstnahmen.

Anmerkungen

[i] So sinngemäß ein konservativer Politiker in einer Gremiendebatte über die Einrichtung eines Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

[ii] Ob Forschung zu Protesten auch in dem bald entstehenden „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt” eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten. Die millionenschwere Förderinitiative des BMBF ist auch als Reaktion auf völkische Proteste zu verstehen und hat einen expliziten Auftrag zur Intervention.

[iii] http://www.spd-fraktion-niedersachsen.de/imperia/md/content/ltf/koalitionsvereinbarung_rot-gr__n_20130214.pdf#page=16

[iv] http://www.mi.niedersachsen.de/aktuelles/presse_informationen/dokumentations–und-forschungsstelle-begleitet-arbeit-des-niedersaechsischen-verfassungsschutzes–pistorius-weiterer-wichtiger-schritt-beim-kampf-gegen-extremismus-in-unserem-land–148456.html

[v] Der Begriff „linke Militanz” ist aus der Diskussion um die Ausrichtung des Bundesprogramms ‚Initiative Demokratie stärken‘ hervorgegangen, das Projekte unterstützen sollte, die „präventiv gegen Linksextremismus und islamistischen Extremismus” vorgehen. In der Evaluation des Programms wurde deutlich, dass der Begriff des „Linksextremismus” nicht geeignet war, um eine Zielgruppe zu definieren, und dass pädagogische Maßnahmen, die auf diesem Konzept aufbauten, ins Leere liefen.

[vi] Zu beiden Stellen fehlt es (Stand: März 2018) an Informationen auf der Webseite des Instituts für Demokratieforschung. Hinweise finden sich bis zum ersten Demokratie-Dialog ausschließlich beiläufig in Stellenausschreibungen und indirekt in wenigen Blogeinträgen. Auch die Profilseiten der Mitarbeiter*innen lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wer den Einrichtungen zugerechnet werden kann.

[vii] Frühe Kritik regte sich im AStA der Universität Göttingen.

[viii] Aus dem Flugblatt zur Aktion auf Indymedia.

[ix] Dass dies trotzdem schon immer ein Spannungsverhältnis darstellt, zeigt sich daran, dass de facto ein Großteil der empirischen Forschungen und der Theoriearbeit sich doch an progressiven Bewegungen abgearbeitet hat. Aber es ist längst Konsens, dass der Bewegungsbegriff trotz seiner auch hegelianisch-marxistischen Prägungen nicht für diese reserviert sein kann. Soziale Bewegungen als Form sind in der „Bewegungsgesellschaft” (Neidhardt/Rucht 1993) ubiquitär.

[x] Man denke beispielsweise an die Verlockungen, die mit der Einrichtung für FoDEx zur Verfügung stehenden Textkorpora des Niedersächsischen Verfassungsschutzes als Daten zu verwenden, auch wenn sie nach nicht-wissenschaftlichen bzw. nicht überprüfbaren Kriterien zustande gekommen sind.

[xi] Ablesbar ist diese Haltung u.a. in einer Erklärung des Göttinger Instituts zur Schnipsel-Aktion oder im Vorwort des ersten Demokratie-Dialogs: „Völlig unzweifelhaft ist dabei, dass die Wissenschaftler und Archivare der Forschungs- und Dokumentationsstelle in ihrer Arbeit frei und unabhängig sind. Jedwede Einflussnahme, etwa durch den Verfassungsschutz, aber auch durch das Innenministerium oder andere Regierungsinstitutionen und Behörden, ist ausgeschlossen” (Trittel et al.: 3).

[xii] Die Reaktion auf Kritik an der Forschungsstelle erinnert an die Auseinandersetzung um die Studie „Die neue Macht der Bürger” (Marg et al. 2013) des Göttinger Instituts. Auch damals führte die in Teilen überzogene, aber durchaus berechtigte Kritik an mangelnder Transparenz über die Finanzierung durch BP gegenüber Interviewpartner*innen zu einer Abwehrhaltung im Feld.

Literatur

Ackermann, Jan/Behne, Katharina/Buchta, Felix/Drobot, Marc/Knopp, Philipp 2015: Metamorphosen des Extremismusbegriffes. Diskursanalytische Untersuchungen zur Dynamik einer funktionalen Unzulänglichkeit. Wiesbaden: Springer

Daphi, Priska/Kocyba, Piotr/Roose, Jochen/Rucht, Dieter/Zajak, Sabrina/Neuber, Michael/Scholl, Franziska/Sommer, Moritz/Stuppert, Wolfgang 2015: Protestforschung am Limit. Eine soziologische Annäherung an Pegida. ipb working papers. Berlin.

Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung (Hg.) 2011: Ordnung. Macht. Extremismus: Effekte und Alternativen des Extremismus-Modells. Wiesbaden: VS Verlag.

Marg, Stine/Geiges, Lars/Butzlaff, Felix/Walter, Franz (Hg.) 2013: Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Mohr, Markus/Rübner, Hartmut 2010: Gegnerbestimmung. Sozialwissenschaft im Dienst der inneren Sicherheit. Münster: Unrast.

Neidhardt, Friedhelm/Rucht, Dieter 1993: Auf dem Weg in die „Bewegungsgesellschaft“? Über die Stabilisierbarkeit sozialer Bewegungen. In: Soziale Welt, Jg. 44, 305–326.

Reuband, Karl-Heinz 2015: Wer demonstriert in Dresden für Pegida? Ergebnisse empirischer Studien, methodische Grundlagen und offene Fragen. In: Mitteilungen des Instituts für Parteienrecht und Parteienforschung, Nr. 21, 133–43.

Riedl, Jonathan/Micus, Matthias 2017: Der blinde Fleck des Extremismus(-Begriffes). Überlegungen zu einer möglichen Alternative. In: Demokratie-Dialog, Jg. 1, Heft 1, 16–22.

Rucht, Dieter 2011: Zum Stand der Forschung zu sozialen Bewegungen. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 24, Heft 3, 20–47.

Quendt, Matthias 2017: Vorurteilsgeleitete Radikalisierung als integratives Konzept öffentlicher Demokratieforschung. In: Wissen schafft Demokratie, Nr. 1, 104–123.

Trittel, Katharina/Micus, Matthias/Marg, Stine/Geiges, Lars 2017. Demokratie-Dialog. Die Arbeit des Instituts für Demokratieforschung im Rahmen der „Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen“. In: Demokratie-Dialog, Jg. 1, Heft 1, 2–9.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2015: Demonstrationsbefragungen – Grenzen einer Forschungsmethode. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 28, Heft 3, 95–100.

Ullrich, Peter/Kohlstruck, Michael 2017: Muster der öffentlichen Kommunikation über Antisemitismus. Das Beispiel der Rezeption der Studie „Antisemitismus als Problem und Symbol“. conflict & communication online Jg. 16, Heft 1.

 

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ipb-Infotermin und Sommerfest am 23. Juli

18.07.2018

Wenn ihr schon immer mal mehr über das Institut für Protest- und Bewegungsforschung und die Möglichkeiten der Beteiligung wissen wolltet, dann kommt uns besuchen! Am 23. Juli laden wir ab 16.30h zum gegenseitigen Kennenlernen und zum geselligen Austausch.

Los geht es mit einem Info-Termin um 16.30h, gefolgt von Jour Fixe und Kolloquium.
Um 20.00 treffen wir uns zu einem kleinen Sommerfest in einem Biergarten in der Umgebung. Kommt zahlreich! Und meldet Euch bei Fragen unter info@protestinstitut.eu oder telefonisch unter +49 30 55573279

Hier die genauen Zeiten:
16.30: Infotermin und Kennenlernen (ZTG, Hardenbergstraße 16-18, Raum 4.21).
17.00: ipb jour fixe (ZTG, Hardenbergstraße 16-18, Raum 4.21).
18:00: Kolloquium Politik von Unten (ZTG, Hardenbergstraße 16-18, Raum 6.06): Hilary Silver (Providence, RI): “Bottom-Up Politics: Solving Everyday Problems across Jurisdictions and Partisanship”
20.00: Sommerfest in einem Biergarten in der Umgebung

Rezension: Melanie Müller 2017 – Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen. Springer VS

13.07.2018

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Es folgt nun Antje Daniel mit einer Rezension zu Melanie Müller. 2017: Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Internationale Konferenzen und ihre Wirkung“ in Heft 1-2/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Internationale Umweltpolitik gewinnt seit den 1980er Jahren an Bedeutung und mit ihr die Umweltkonferenzen der Vereinten Nationen. Neben Staaten beteiligen sich zunehmend Akteure der Zivilgesellschaft, sodass die Frage umso dringlicher erscheint, welche Rolle internationale Umweltkonferenzen für zivilgesellschaftliche Akteure spielen. Bisherige Studien untersuchen die Beteiligung oder den Einfluss zivilgesellschaftlicher Akteure auf dem internationalen Parkett, während mittelfristige Folgen von internationalen Konferenzen kaum Beachtung finden. Ebenso nehmen die meisten wissenschaftlichen Analysen internationale zivilgesellschaftliche Organisationen in den Blick, die Wirkung der internationalen Umweltkonferenzen auf lokale zivilgesellschaftliche Organisationen am Austragungsort wergen hingegen vernachlässigt.

Hier setzt die qualitative Einzelfallstudie von Melanie Müller an: Die Autorin setzt sich zum Ziel, die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der internationalen Umweltkonferenz auf Bewegungsorganisationen in Südafrika zu analysieren. Im Blickpunkt steht die 17. Conference of the Parties (COP) der United Nation Framework Convention on Climate Change (UNFCC), welche vom 28. November bis zum 19. Dezember 2011 in Durban (Südafrika) stattgefunden hat. Nach dem gescheiterten Abkommen in Kopenhagen im Jahr 2009 sollte die internationale Umweltkonferenz in Durban eine verbindliche Vereinbarung zu einem Folgeabkommen des Kyoto-Protokolls ermöglichen. Die Autorin folgt der Frage, welche Rolle diese Umweltkonferenz für jene südafrikanischen Bewegungsorganisationen spielt, welche vorwiegend auf der nationalen Ebene aktiv sind und für die internationale Verhandlungen vorher keine große Bedeutung hatten. Die beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen fasst die Autorin als Bewegungsorganisationen der Umweltbewegung zusammen und spricht ihnen damit eine Rolle in der Strategiesetzung, der Mobilisierung und Strukturierung der Umweltbewegung in Südafrika zu.

Konzeption der Studie

Im Zentrum der qualitativen Forschung stehen elf südafrikanische Bewegungsorganisationen. Von diesen werden sieben vertieft analysiert. In Südafrika führt die Autorin 51 Interviews mit Bewegungsorganisationen in Durban, Kapstadt und Johannesburg durch. Die Forschung konzentriert sich somit auf den urbanen Raum von Bewegungsorganisationen, welche zu Umweltthemen arbeiten.

Kurz führt die Autorin in die zentralen Charakteristika der Umweltbewegung und der Klimapolitik in Südafrika ein: Die Umweltbewegung ist von einer tiefen Spaltung geprägt. Ein Strang der Umweltbewegung geht auf die Apartheid zurück, konzentriert sich auf den Naturschutz und wird vorwiegend von weißen Südafrikaner*innen getragen. Ein weiterer Strang entstand nach der Apartheid. Von überwiegend schwarzen Südafrikaner*innen geprägt, beschäftigt er sich mit dem Zusammenhang zwischen Umweltproblemen und sozialer Marginalisierung. Häufig wird die Spaltung in der Umweltbewegung überbrückt, insbesondere dann, wenn es gelingt, die Auswirkungen des Klimawandels mit sozialen Fragen zu verbinden. Die südafrikanische Regierung der Post-Apartheid hat mittlerweile Klimapolitik auf die politische Agenda aufgenommen, dennoch bleiben die negativen Auswirkungen der fossilen Energiegewinnung brisant und treffen die sozial und ökonomisch marginalisierten schwarzen Südafrikaner*innen umso stärker. So bleiben Umweltthemen kontinuierlich auf der Agenda südafrikanischer Bewegungen.

Die Studie möchte die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der internationalen Klimakonferenz auf diese variierenden Bewegungsorganisationen durch vier Ansätze der Protest- und Bewegungsforschung analysieren. Dazu führt die Autorin in die Ansätze zur Ressourcenmobilisierung, der politischen Gelegenheiten, der kollektiven Identität und des framing ein und bezieht diese auf die Fallstudie zu Südafrika. Wesentlich ist für Melanie Müller durch die Analyseperspektive der Protest- und Bewegungsforschung die internationale Umweltkonferenz in Durban als transformatives Ereignis zu analysieren. Die Autorin setzt sich zum Ziel die kurzfristigen (vor und während der Konferenz) und mittelfristigen Auswirkungen (bis zwei Jahre nach) der UNFCC, entlang der vier Ansätze der Protest- und Bewegungsforschung, zu untersuchen.

Die Studie kommt in Anknüpfung an Sewell (1996) und Della Porta (2008) zu dem Schluss, dass die Klimakonferenz eine Auswirkung auf die Bewegungsorganisationen hat. Obwohl die Autorin den dominierenden positiven Annahmen wie der Erweiterung von Handlungsräumen, Ressourcen, Netzwerken und Identitäten durch internationale Vernetzung eine Absage erteilt, denn südafrikanische Bewegungsorganisationen bleiben vielmehr auf den nationalen Kontext konzentriert, schreibt Müller der Klimakonferenz eine Bedeutung zu. Es handele sich zwar nicht um ein transformatives Ereignis im Sinne einer historischen Revolution oder eines Protestes mit gesellschaftsverändernder Kraft, jedoch habe die Umweltkonferenz Konsequenzen für die südafrikanischen Bewegungsorganisationen.

Internationale Konferenz als transformatives Ereignis

Das Buch erweist sich in mehrfacher Hinsicht als besonders lesenswert: Erstens ist die zeitliche Dimension der Analyse analytisch wertvoll. So zeigt die Studie, dass die internationale Umweltkonferenz ein zentrales Ereignis für südafrikanische Bewegungsorganisationen ist, wobei es nicht die Konferenz selbst ist, sondern die Vorbereitung auf die Konferenz. Diese schafft einen Zugang zu Ressourcen, eröffnet neue politische Gelegenheiten, die Möglichkeit das framing um die internationale Debatte zu Klimawandel zu erweitern sowie die Bildung von Netzwerken. Während die Vorbereitung der Konferenz viele Impulse für die Bewegungsorganisationen bietet, entfaltet allenfalls der international zirkulierende Climate Justice Frame auch mittelfristig eine Bedeutung für die Bewegungsorganisationen. Zweitens wendet die Studie die Ansätze der Protest- und Bewegungsforschung auf die Wirkung transformativer Ereignisse an und erweitert damit bisherige Analysen zum Zusammenhang von internationalen Konferenzen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Drittens veranschaulicht die Anwendung der Ansätze der Protest- und Bewegungsforschung ihr analytisches Potential, indem gängige Annahmen widerlegt werden. Zum Beispiel zeigt die Studie, im Gegensatz zu bisherigen, dass die Zeit im Vorfeld der Konferenz am Wesentlichsten für südafrikanische Bewegungsorganisationen ist. Viertens wird besonders bei der Anwendung des framing-Ansatzes deutlich, wie international zirkulierende Deutungsrahmen wie der Climate Justice Frame von den südafrikanischen Bewegungsorganisationen aufgenommen wird und durch lokale subframes wie Arbeitslosigkeit, religiöse Fragen oder Gender erweitert wird. Hier zeigen sich lokale und kontextgebundene Besonderheiten des internationalen framings.

Während die Studie von Melanie Müller an vielen Stellen eine spannende Widerlegung und Ergänzung einzelner Annahmen der Protest-und Bewegungsforschung aufzeigt, merkt man, wie schwierig es ist, der Dichte und Vielfalt an Studien im Bereich der Protest- und Bewegungsforschung gerecht zu werden. Vielfach werden die unterschiedlichen Ansätze der Protest- und Bewegungsforschung als Anlass genommen, sich aus bestimmten Blickwinkeln mit Bewegungsorganisationen in Südafrika auseinanderzusetzen, ohne die Vielfalt an Analyseperspektiven im Rahmen der einzelnen Ansätze zu referieren beziehungsweise die Analyseperspektive zu spezifizieren. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Referenz auf politische Gelegenheiten, wo der Zusammenhang zwischen dem breiten Theoriekorpus und der Anwendung desselben auf Südafrika unklar bleibt. Ferner bleibt die Frage offen  – und führt vermutlich über die Studie hinaus – wie Ressourcen, politische Gelegenheiten, framing und Aspekte kollektiver Identität in Südafrika zusammenhängen.

Somit gibt das Buch wichtige Anstöße zur Reflexion über die Anwendung der Protest- und Bewegungsforschung auf Fälle des globalen Südens, sprich Südafrika, zeigt die Grenzen der Anwendung (zumeist implizit) auf und regt zu weiteren Analysen in diesem Zusammenhang an.

 

Foto: UN Photo/UNFCCC/Jan Golinski @Flickr, Creative Commons 2.0

Call for Papers: Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten / ipb-Jahrestagung “Der Kontext lokaler Proteste”

12.07.2018
Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten. Globale Entwicklungstendenzen und lokale Konfliktstrukturen

Panel des AK „Soziale Bewegungen und Polizei“ im Rahmen der ipb-Jahrestagung zum Thema „Der Kontext lokaler Proteste“, 9./10.November 2018 am Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin, Organisation: Daniela Hunold und Peter Ullrich

Der G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 wurde zum Medienereignis, jedoch weniger wegen der Ergebnisse des Gipfels oder der Großdemonstrationen, sondern aufgrund der gewaltförmigen Eskalationen im Laufe der Protestwoche. Eine emotionale öffentliche Diskussion schloss sich an, u.a. über die Frage nach dem politischen (Nicht-)Gehalt der Riots. Schnell wurde Maßnahmen gegen die linksradikale Szene und autonome Zentren gefordert. Starke Kritik erfuhr auch die Polizei angesichts einer großflächigen Protestverbotszone, der konsequenten Verhinderung von Protestcamps und wegen vieler dokumentierter Fälle illegaler Polizeigewalt.

Die Ereignisse in Hamburg haben damit grundsätzliche Fragen nach dem sicherheitsbehördlichen Umgang mit Protesten und in sozialwissenschaftlicher Hinsicht nach den wesentlichen Erklärungsfaktoren für angewendete Einsatzkonzepte aufgeworfen. Auf der Suche nach Erklärungen für die Eskalationen in Hamburg bieten sozialwissenschaftliche Diskussionen aus Kriminologie sowie Protest- und Gewaltforschung heterogene Anknüpfungspunkte. Dementsprechend kann die harte Linie der Polizei als Ausdruck von neuen – womöglich krisenbezogenen (Kretschmann 2014, Ullrich 2012) – autoritären Tendenzen im Umgang mit Protest in westlichen Ländern betrachtet werden, welche die im Verlauf der 80er Jahre erreichten Liberalisierungen (pragmatischer Einsatzstil, Deeskalation) zugunsten einer seit Jahren bei Gipfelprotesten international beobachtbaren „Militarisierung des protest policing“ (Wood 2014, vgl. a. della Porta et al. 2006) umkehren.

Die polizeiliche Performanz ist daneben aber eingebettet in regionale und lokale Kontexte wie z.B. die Beziehungen zu anderen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, das lokale sicherheitspolitische Klima (Teune 2017) bzw. „lokale Kontrollkulturen“ (Ostermeier 2008) sowie die geteilte Konflikthistorie verschiedener Akteursgruppen und die mitunter damit verknüpften Raumordnungskämpfe (Naegler 2013). Andere Autor*innen, insbesondere in der neueren Gewaltforschung, betonen wiederum die hohe Strukturierungskraft kleinsträumiger Situationsdynamiken (Nassauer 2016).

Vor diesem Hintergrund sollen im Panel Entwicklungen im protest policing bzw. summit policing allgemein sowie insbesondere mit Blick auf die Hamburger Ereignisse diskutiert werden, wobei die  Frage nach dem (Nicht-)Zusammenwirken großräumiger (bis hin zu transnationalen) und niedrigskaliger (lokaler) Entwicklungen und Dynamiken im Zentrum der Analyse steht. Folgende Fragen und Themenkomplexe sind hierbei u.a. von Interesse:

– Welchen Entwicklungstendenzen unterliegt das protest policing, insbesondere das summit policing weltweit, in Europa, in Deutschland und in einzelnen Kommunen?
– In welchem Verhältnis stehen globale, nationale, lokale u.a. Faktoren im Protest Policing zueinander? Wie kann die konzeptuelle Lücke zwischen den eher politikwissenschaftlich
geprägten Makro-Ansätzen und den situationsfokussierten, interaktionistischen Mikroansätzen überbrückt werden?
– Inwiefern lassen sich die Ereignisse in Hamburg mit anderen Großprotesten im Hinblick auf lokale und nationale/transnationale Dynamiken sowie soziale Ordnungen vergleichen?
– Wie entwickeln sich Deutungsmuster zu Protest und Protestgruppen im öffentlichen und sicherheitsbehördlichen Diskurs? Welche Bezugsräume haben diese Diskursfelder angesichts
transnationaler Sicherheitskooperationen?

Wir bitte um Einsendung von Abstract von bis zu einer Seite Länge an die Organisator*innen bis zum 15.9.2018. Die Benachrichtigung über Aufnahme des Papers (u.U. nach Absprache auch in ein anderes Panel der Konferenz) erfolgt voraussichtlich bis Ende September.

 

Photo by Harri Kuokkanen on Unsplash

Rezension: Sabrina Zajak 2016 – Transnational Activism, Global Labor Governance, and China. Palgrave Macmillan

09.07.2018

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Den Anfang machte eine Rezension zu Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (2016, VS), herausgegeben von Jochen Roose und Hella Dietz. Es folgt nun Melanie Kryst mit einer Rezension zu Transnational Activism, Global Labor Governance, and China von Sabrina Zajak (2016, Palgrave Macmillan).

Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Neue Wege für Arbeitsstandards in China“ in Heft 1-2/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

Arbeitsrechte in China rücken seit der Integration der Volksrepublik in die globale politische Ökonomie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Sabrina Zajak verfolgt in ihrem Buch ‚Transnational Activism, Global Labor Governance, and China’ strukturiert die verwobenen Wege der transnationalen Mobilisierung von Gewerkschaften und sozialen Bewegungsorganisationen gegenüber China. Das Buch setzt bei den Protesten der Demokratiebewegung 1989 an und zeichnet den Aktivismus für Arbeitsstandards anschaulich bis heute nach. Die analytische Stärke des Buches liegt in der Integration von aktuellen Ansätzen des labor transnationalism und der transnationalen Institutionenbildung. Zajak erforscht multi level-Strategien von ArbeitsaktivistInnen und beobachtet, wie dabei alte und neue Institutionen der Arbeitsregulierung interagieren.

Multiple Pfade der Mobilisierung

Um transnationalen Aktivismus, transnationale Institutionen und den nationalen Kontext im Feld der Arbeitsregulierung zu verbinden, entwickelt Zajak einen innovativen Analyserahmen transnationaler Einflusspfade (aufbauend auf Bernstein und Cashore 2000). Der Pfadbegriff lenkt den Fokus überzeugend von Gelegenheitsstrukturen hin zu dynamischen Interaktionen der AktivistInnen mit ihrem Kontext: AktivistInnen „travel a certain path“ (9) und könnten diesen wiederum selbst verändern. Vier verschiedene Pfade des transnationalen Arbeitsaktivismus werden unter dieser Prämisse nachgezeichnet:

(1) Der erste Pfad der internationalen Organisationen ist durch die Kanäle der International Labour Organization (ILO) bestimmt, so die Autorin: AktivistInnen könnten Beschwerdeverfahren gegenüber China nutzen, es komme zum direkten Kontakt mit der Staatsgewerkschaft All-China Federation of Trade Unions (ACFTU) und zur Beeinflussung der lokalen Ebene durch Projekte vor Ort (66ff.). Insbesondere die Kernarbeitsnormen sowie die Decent Work-Agenda der ILO etablierten sich als Referenzgrößen in anderen Pfaden. Über die Zeit zeige sich eine selektive Kongruenz zwischen den Forderungen der ILO, denen der ArbeitsaktivistInnen und der chinesischen Arbeitspolitik.

(2) Der bilaterale Pfad wird von Zajak durch die Beziehungen zwischen der EU und China beschrieben: über EU-Institutionen, institutionalisierte Kanäle der Handelspolitik und spezifische EU-China-Foren wie zivilgesellschaftliche Formate oder sektorale Dialoge könnten ArbeitsaktivistInnen ihre Strategien anbringen (105ff.). Hier zeige sich bisher aber eine eingeschränkte Partizipation der AktivistInnen, mit Ausnahme der europäischen Gewerkschaftsverbände. Hingegen sei die Verpflichtung der EU selbst zu einer sozialen Agenda folgenreich gewesen und habe zu einem konstruktiven europäischen Engagement in China geführt.

(3) Der Pfad des Marktes fokussiert daneben die Einflussversuche über private Governanceformen. AktivistInnen adressierten in diesem Pfad transnationale und lokale Unternehmen. Zajak analysiert exemplarisch die – wenig erfolgreiche – Play Fair-Kampagne im Zuge der Olympischen Spiele in China 2008 sowie die Partizipation in privaten Multistakeholder-Initiativen (153ff.) und wirft einen Blick auf die Effekte privater Regulierung auf lokaler Ebene (176ff.). Die Autorin zeigt Probleme der Nutzung von Instrumenten der Corporate Social Responsibility (CSR) auf, die im Sinne der chinesischen präferierten „harmonischen Arbeitsbeziehungen“(195) interpretiert würden, und in der andauernden Schwäche von ArbeiterInnen in chinesischen Fabriken begründet lägen.

(4) Als zivilgesellschaftlichen Pfad benennt Zajak schließlich die Förderung von Organisationen auf lokaler Ebene über transnationale Netzwerke. Sie analysiert beispielhaft vier Organisationen, die sie auf einem Kontinuum zwischen Bewegungs- und Uunternehmensorientierung einordnet. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass im Zuge der privaten Governanceformen so genannte labour support-Organisationen, die mit Zertifizierungs- beziehungsweise Multistakeholderinitiativen (MSIs) und internationalen Geldgebern zusammenarbeiten, in das Feld der industriellen Beziehungen in China einträten (215). Es entstehe ein „contained multipartism“ (242): Die ArbeitsaktivistInnen operierten unter Restriktionen und Kontrollen des Staates, der Staatsgewerkschaft und der Arbeitgeber, was unpolitische CSR-service provider favorisiere, während Kollektivverhandlungen und freie Gewerkschaften ins Hintertreffen gerieten.

Detailreich und theoretisch rückgebunden führt die Autorin die LeserInnen durch diese verschiedenen Pfade des Arbeitsaktivismus, die miteinander interagieren, und zeigt intendierte und unbewusste Effekte von strategischen Bemühungen der ArbeitsaktivistInnen auf globaler und lokaler Ebene auf. In ihrem Analyserahmen differenziert Zajak diese Interaktionen in a) Interaktionen innerhalb der Pfade (intra-pathway dynamics), b) Interaktionen zwischen den verschiedenen Pfaden (inter-pathway dynamics) und c) Verbindungen von der globalen zur lokalen Ebene (global-local link) (11ff.).

Das Buch profitiert von einer breiten Interviewbasis in China, Europa und den USA. Mittels Process Tracing vermittelt es den LeserInnen einen sehr guten Eindruck von relevanten empirischen Entwicklungen und beschreibt einzelne Kanäle, Arbeitsorganisationen, Kampagnen oder private Governanceinitiativen im Detail, wenngleich ausgewählte Beispiele etwa im Pfad des Marktes exemplarisch bleiben. Zwangsläufig bietet das Buch keine allumfassende Perspektive auf Outcomes von Strategien der ArbeitsaktivistInnen, sondern zeichnet durch Rückschlüsse der qualitativen Studie von „sub-cases“ (21) die Effekte in den verschiedenen Pfaden nach (21). Der „Flickenteppich“ (Koch-Baumgarten 2006: 211) an informellen und minimalistischen Governanceansätzen in der Arbeitsregulierung erschwert unvermeidlich eine vollständige Bewertung von Ergebnissen.

Zajak richtet einen sich lohnenden Blick auf nicht-staatliche Akteure und ihre Bemühungen in der transnationalen Governancearchitektur von Arbeit. „[T]ransnational labor-rights activism“ (2) umfasst bei ihr die Interaktionen von Gewerkschaften, sozialen Bewegungsorganisationen und NGOs, welche multiple Adressaten mit Insider- und Outsider-Strategien ansprechen. Mit diesem breiten Verständnis von Arbeitsaktivismus schlägt die Analyse eine Brücke von der industriellen Beziehungs- zur sozialen Bewegungsforschung, welche sich bislang noch weitestgehend unabhängig voneinander entwickeln. Besonders in der Revitalisierungsforschung werden Koalitionen von Gewerkschaften mit NGOs oder community organizations als neue Machtressource identifiziert, doch bislang gibt es hierzu nur wenige Ausnahmen empirisch fundierter Forschung (siehe Überblick in Egels-Zandén/Lindberg/Hyllman 2015). Zajak beschreibt mit dem analytischen Rahmen der transnationalen Pfade einen Möglichkeitsraum für das Handeln unterschiedlicher Gruppen von ArbeitsaktivistInnen und benennt Besonderheiten der einzelnen Akteursgruppen, etwa der Gewerkschaften in Bezug auf Lobbying (20) oder der NGOs hinsichtlich der Teilnahme an MSIs (160). Die jeweilige Strategiewahl der Akteure und deren Ursachen in Ideologien, Fähigkeiten, Routinen oder Erfahrungen bleiben jedoch nur angedeutet (12f.) und sollten in weiteren Arbeiten theoretisch präziser und empirisch basiert bestimmt werden.

Chinas Macht

Mit Blick auf Chinas Produktionssystem zeigt Zajak kenntnisreich, wie der globale Regulierungswandel mit einem Wandel in lokalen Praktiken verbunden ist. China ist dabei ein äußerst interessantes Beispiel. Das Land integrierte sich mittels ökonomischer Reformen seit den 1980er Jahren in den Welthandel, bei gleichzeitig weitgehender Beibehaltung des politischen Systems. Chinas Gegenmacht zum Arbeitsaktivismus, der „boomerang defense mechanisms“ (257), wird von Zajak in die interne und externe Stärke des Staates differenziert, auf welche die Einflusspfade unterschiedlich sensitiv reagierten. Dabei könne der Staat zum Beispiel internationale Normen behindern, Ergebnisse auf lokaler Ebene lenken (zum Beispiel durch Widerstand oder gate-keeping) sowie heimische Organisationen von transnationalen Pfaden abhalten. Es scheine damit auf den ersten Blick unwahrscheinlich, dass transnationaler Aktivismus in China einen Effekt im Produktionsregime habe (4).

Ergebnisse auf der nationalen Ebene bleiben begrenzt, doch Organisationen bemühten sich in „boundary stretching work“ (261). Zajak erkennt, wie die industriellen Beziehungen in China zwar die Arbeitgeber favorisieren, aber Änderungen in der Arbeitsrechtsgesetzgebung durch eine selektive Responsivität des Regimes und inkrementelle Reformen den Möglichkeitsraum für lokale labour support-Organisationen erweiterten (48). Die Staatsgewerkschaft ACFTU, zur Befriedung von Konflikten gedacht, biete zudem nicht genügend Schutz für ArbeiterInnen und lasse eine Nische für neue Organisationen entstehen. Dennoch blieben vor allem im Pfad des Marktes ungenutzte Möglichkeiten wegen fehlender unabhängiger Gewerkschaften vor Ort und transnationaler Aktivismus sei aufgrund der zweifelhaften Autonomie chinesischer Organisationen schwierig zu erreichen (55). Diese Zusammenhänge verdeutlichen das komplexe Governancearrangement der Arbeitsregulierung, in dem sich ArbeitsaktivistInnen weltweit bewegen. Das Buch von Zajak trägt für ForscherInnen von Globalisierungs- und Mobilisierungsprozessen gleichermaßen dazu bei, diese alten und neuen Wege für Arbeitsstandards – nicht nur in China – systematisch zu erforschen.

Verwendete Literatur

Bernstein, Steven/Cashore, Benjamin 2000: Globalization, Four Paths of Internationalization and Domestic Policy Change: The Case of Ecoforestry in British Columbia, Canada. In: Canadian Journal of Political Science/Revue canadienne de science politique, Jg. 33, 67-99.

Egels-Zandén, Niklas/Lindberg, Kajsa/Hyllman, Peter 2015: Multiple institutional logics in union-NGO relations: private labor regulation in the Swedish Clean Clothes Campaign. In: Business Ethics: A European Review, Jg. 24, Heft 4, 347-360.

Koch-Baumgarten, Sigrid 2006: Globale Gewerkschaften und Industrielle Beziehungen in der Global Governance. In: Industrielle Beziehungen, Jg. 13, Heft 3, 205-222.

 

Photo by EJ Yao on Unsplash

Call for Papers & Panels: ipb-Jahrestagung “Der Kontext lokaler Proteste”

26.06.2018

Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung

Der Kontext lokaler Proteste

09. & 10. November 2018 am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin

Call for Papers & Panels

Große, überregionale oder sogar transnationale Protestereignisse wie zuletzt die G20-Proteste in Hamburg prägen das (mediale) Bild politischer Proteste und sozialer Bewegungen. Doch tatsächlich bleibt vermutlich die weit überwiegende Zahl politischer Proteste auf einen lokalen Rahmen beschränkt, denn in der Regel bilden lokale Ereignisse und Missstände den Ausgangspunkt für Proteste und auch die Mobilisierung erfasst meistens nur einen sehr begrenzten geographischen Raum einer Region, einer Stadt oder sogar nur eines Stadtteils. Dementsprechend haben lokale Gelegenheitsstrukturen, zu denen sowohl die parteipolitische Zusammensetzung lokaler politischer Entscheidungsgremien als auch die Struktur und Geschichte des lokalen Bewegungssektors zählen, einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit und den Verlauf vieler Proteste.

Gleichzeitig beeinflussen aber nicht nur lokale Gegebenheiten die Möglichkeiten und Grenzen lokalen Protests. Ähnlich gelagerte Proteste an anderen Orten, gesellschaftliche Themenkonjunkturen, Protestzyklen und -wellen oder die Existenz von Gegenbewegungen sind nur einige relevante Faktoren, die die Möglichkeiten und Entwicklungsdynamiken sozialer Bewegungen und Proteste auf lokaler Ebene ebenfalls beeinflussen.

Bei der Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung soll es in diesem Jahr um diese lokalen und nicht-lokalen Bedingungen und Kontexte lokalen Protestes gehen:

  • Wie beeinflussen lokale Ereignisse und Strukturen das Auftreten und die Dynamik von Protest?
  • Welche Beziehungen bestehen zwischen lokalen und nicht-lokalen Protesten?
  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zwischen lokalen Protesten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten?

Diese und andere Fragen stehen im Fokus der Tagung, die am 09. & 10. November am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin stattfindet.

Abstracts für Papiere sowie für thematisch fokussierte Panels von maximal vier Präsentationen können bis zum 15. September an folgende Adresse geschickt werden

kongress2018@protestinstitut.eu

Über die Annahme der Abstracts wird bis zum 30. September entschieden.

Die Tagungsgebühr beträgt 30 € (ermäßigt 5 €)

 

Photo by Chris Slupski on Unsplash

Spendenaufruf 2018

17.06.2018

Spendenaufruf: Für eine unabhängige, selbstorganisierte Protest- und Bewegungsforschung!

English Version below

Unabhängige, selbstorganisierte Forschung kostet Geld… Wir wollen die Finanzierung der Infrastruktur des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung sicherstellen – dafür brauchen wir Ihre Unterstützung!

Worum geht es?

Proteste sind allgegenwärtig – von der Nachbarschaftsinitiative gegen eine Umgehungsstraße zur Revolte in autoritären Regimen, von rechtsradikalen Aufmärschen zu mit Graffiti versehenen Wänden. Trotz der offensichtlichen Bedeutung von Protesten und sozialen Bewegungen für die Demokratie ist die Forschung dazu schlecht aufgestellt. Wenn öffentlich über Proteste geredet wird, sind Klischees und ein kurzsichtiger Blick weitverbreitet. Es fehlt häufig an fundiertem Wissen und der Einordnung aktueller Ereignisse. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) will diese Lücke füllen.

Dabei verstehen wir Forschung zu Protesten als öffentliche Wissenschaft. Dafür organisieren wir uns selbst in einem Netzwerk von über einhundert Forschenden und bringen uns in öffentliche Debatten ein – z.B. in den Bewegungsgesprächen, bei unseren Jahrestagungen, über die Medien und die frei zugänglichen ipb working papers.

Gemeinsam starten wir kurzfristige Forschungsprojekte wie die Befragung von Demonstrierenden (u.a. bei Pegida und den Protesten gegen TTIP), aber auch Projekte mit längerem Atem wie „Mapping #NoG20“, mit dem wir die Gewalteskalation beim Hamburger G20-Gipfel besser verstehen wollen. Wir sind dabei keinem Geld- oder Auftragsgeber verpflichtet, sondern folgen unseren wissenschaftlichen Interessen in öffentlicher Verantwortung.

Warum spenden?

Das ipb funktioniert anders als andere Einrichtungen im Wissenschaftsbetrieb. Ein Großteil der Arbeit leisten wir unbezahlt. Um die ehrenamtliche Arbeit zu koordinieren und falls möglich in bezahlte Arbeit zu überführen, brauchen wir eine kontinuierlich arbeitende Geschäftsführung. Bisher finanziert sich das Institut ganz überwiegend aus den Beiträgen seiner Mitglieder. Diese können die laufenden Kosten allerdings schon seit einiger Zeit nicht mehr decken.

Über die Spenden möchten wir die Finanzierung der Geschäftsstelle (ein Büroraum und ein Minijob) für dieses und das nächste Jahr sicherstellen. Dafür werden 7.500 Euro benötigt. Das Geld verschafft uns Luft, um andere Finanzierungsmodelle anzugehen, mit denen wir die Lücke dauerhaft schließen können.

Durch eine transparente Finanzierung bleiben wir glaubwürdig – für Protestakteure und die Zivilgesellschaft ebenso wie für die breite Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Community.

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Das ipb wird getragen vom Verein für Protest- und Bewegungsforschung e.V., über den Spenden von der Steuer absetzbar sind. Ganz besonders freuen wir uns über Daueraufträge um langfristig planen zu können. Schon ein paar Euro im Monat helfen uns dabei. Falls gewünscht, schicken wir Ihnen natürlich eine ausführliche Spendenquittung.

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Call for donations: For an independent, self-organized research on protest and social movements! 

Independent, self-organized research costs money…  We want to ensure the funding of the infrastructure of the Institute for Protest- und Social Movement Studies (ipb). For this, we need your support!

What is at stake?

Protests are everywhere – from the neighborhood initiative against infrastructure projects to uprisings in authoritarian regimes and from right-wing rallies to graffitied walls. Despite the obvious significance of protests and social movements for democracy, research on this topic is in poor shape. Stereotypes and short-sighted views are widespread when it comes to public debates on matters of protest. More often than not this problem can be connected to a lack of cumulative knowledge and the inability to make sense of emerging events. The Institute for Protest and Social Movement Research (ipb) wants to fill this gap.

We approach research on protests as a public science. To do this, we organize ourselves in a network of over one hundred researchers and engage in public debates – e.g. in the Movement Talks, at our annual meetings, via the media and the open-access ipb-working papers.

Together, we collaborate in short-term research projects such as demonstration surveys (among others at the Pegida-demonstrations and the protests against TTIP) as well as in long-term projects such as the collaborative project “Mapping #NoG20”, with which we want to increase knowledge about the escalation of violence at the Hamburg G20-summit. As an independent research facility, we are not accountable to any client and are therefore able follow scientific standards in consideration of public responsibility.

Why donate?

The ipb works differently than other scientific institutions. Much of the work we do is unpaid. In order to coordinate the increasing amount of voluntary work and eventually convert it into paid projects we need to operate a coordination office. Thus far, the institute is mainly financed by the contributions of its members. However, this sole source of funding is no longer sufficient to cover the running costs of our increasing activities. This fundraising campaign has been initiated to ensure the ipb’s central organizational infrastructure (an office space and a “mini-job”) and to guarantee the security of the independent research projects it hosts for the next two years. This allows us to find more sustainable funding. For this, 7.500 Euro are needed.

We consider decentralized funding a particularly appropriate way of financing our work since it safeguards our accountability to activists and civil society actors as well as the broader public and the scientific community.

How can I donate?

The ipb is backed by the non-profit Association for Protest and Movement Research e.V. Donations made to the association can be claimed for tax purposes in Germany. A donation receipt will be sent to you for that purpose if requested. We further welcome all recurring donations because they improve long term planning. Even a single Euro per month can help us achieve our donation goal.

To set up a recurrent direct debit donation, please send us an e-mail with the subject line “donations for independent movement research” along with your bank account information and the desired withdraw interval (monthly or annually) to info@protestinstitut.eu.

To make a one-time or regular donation via bank transfer, please include the purpose “donation for independent movement research”. The beneficiary is:

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Of course you are also invited to become a member or a sponsoring member of the association and help shape the work of the institute. Detailed information on how to join us can be found on the respective section of our Website.

Thank you for your support!

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Call for Papers: FJSB Sonderheft “Bewegungen & Institutionen: Konflikt, Kompromiss, Konsensus”

08.06.2018

Wie wirken soziale Bewegungen und Institutionen aufeinander? Unter welchen Bedingungen kommt es zu welcher Interaktionsform von institutionellen Vertreter*innen und Protestierenden? Wie verhalten sich Protestbewegungen zu formalisierten Akteuren? Wie verändert sich deren Beziehungen über Zeit und warum? Kurzum: Wie interagieren Bewegungen und Institutionen miteinander? Diesen und weiteren Fragen soll in einem Sonderheft des Forschungsjournals soziale Bewegungen (FJSB 2/2019) nachgegangen werden, das von Jannis Grimm und Nina-Kathrin Wienkoop im Rahmen des ipb-Arbeitskreises „Bewegungen und Institutionen“ betreut wird. Das Heft ist dabei insbesondere offen für Fallbeispiele aus Südostasien, Lateinamerika, Afrika, oder dem arabischen Raum, da sich die bisherige Theorieentwicklung zum Verhältnis von Bewegungen und Institutionen vor allem auf Erkenntnisse aus Studien zu europäischen Staaten und den USA stützt.

Die Deadline für die Einsendung von Vorschlägen für empirische und konzeptionelle Beiträge zum Sonderheft „Konflikt, Kompromiss, Konsensus: Wie Bewegungen und Institutionen miteinander interagieren“ (Abstracts mit max. 500 Wörter) ist der 1. August 2018. Mehr Informationen zum Sonderheft und zum den Formalen Voraussetzungen für die Beiträge finden sich unten im ausführlichen Call for Papers.

 

Call for Papers: Konflikt, Kompromiss, Konsensus: Wie Bewegungen und Institutionen miteinander interagieren / FJSB Sonderheft „Bewegungen & Institutionen“, 2.2019

Wie wirken soziale Bewegungen und Institutionen aufeinander? Unter welchen Bedingungen kommt es zu welcher Interaktionsform von institutionellen Vertreter*innen und Protestierenden? Wie verhalten sich Protestbewegungen zu formalisierten Akteuren? Wie verändert sich deren Beziehungen über Zeit und warum? Kurzum: Wie interagieren Bewegungen und Institutionen miteinander?
Dieser Frage soll in einem Sonderheft des Forschungsjournals soziale Bewegungen nachgegangen werden. Denn bisher mangelt es – trotz zunehmender Thematisierung – an ausreichender Konzeptualisierung der wechselseitigen Beziehung, die sich konfliktiv, einvernehmlich (konsensual), oder auf Kompromissen basierend ausgestalten kann. Oft basieren die Annahmen über das Verhältnis von Bewegungen und Institutionen auf einem liberalen Demokratieverständnis, nach dem sich zivilgesellschaftliche Organisationen und formalisierte Institutionen prinzipiell gegenüberstehen. Die fließenden Grenzen und Kontinuitäten zwischen beiden, vor allem aber die dynamischen Aushandlungs- und Anpassungsprozesse zwischen sozialen Bewegungen und institutionellen Akteuren finden dabei wenig Beachtung.

Dieser Spannweite von Interaktionsformen sowie der Dynamiken zwischen Institutionen und Bewegungen wollen wir uns theoretisch und empirisch nähern. Hierfür suchen wir sowohl nach empirisch wie auch konzeptionell motivierten Beiträgen, die zu weiterem Nachdenken über die Vielfältigkeit des Verhältnisses von Bewegungen und Institutionen anregen, bestehende Annahmen kritisch hinterfragen, oder die Veränderungen ihrer wechselseitigen Beziehung in den Blick nehmen – ob über Zeit, Raum, oder Akteursgruppen hinweg. Insbesondere rufen wir Autor*innen auf Abstracts einzureichen, die sich mit Fallbeispielen aus Südostasien, Lateinamerika, Afrika, oder dem arabischen Raum beschäftigen, da bisher die Theorieentwicklung vor allem auf Erkenntnissen aus Studien zu europäischen Staaten und den USA basieren.

Durch die länderübergreifende Perspektive des Sonderhefts, sollen implizite Vorannahmen über das Verhältnis zwischen Bewegungen und Institutionen, die vom bisherigen geografischen Schwerpunkt auf liberalen Demokratien herrühren, offengelegt und reflektiert werden, Lücken aufgezeigt werden und eine neue Perspektive auf die Interaktion von Bewegungen und Institutionen entwickelt werden, welche die Erkenntnisse der empirischen Beiträge des Sonderhefts miteinander verknüpft und für die Bewegungsforschung anknüpfungsfähig macht.

Darüber hinaus ist unser Ziel die parallel stattfindenden Debatten in unterschiedlichen Disziplinen zusammen zu bringen. Wir freuen uns somit über Arbeiten aus der Bewegungsforschung, aber auch aus der Demokratisierungs- und Transformationsforschung, vergleichenden Politikwissenschaft, sowie den Internationalen Beziehungen.

Unser Ziel ist es nicht zuletzt die bereits existierenden Fachdebatten dieser Disziplinen zusammen zu bringen und ihre theoretischen, methodischen und empirischen Erkenntnisse für die deutschsprachige Bewegungsforschung fruchtbar zu machen. Durch empirische Fallbeispiele aus verschiedenen geographischen Kontexten wollen wir die Bandbreite an Beziehungsgeflechten und Interaktionsprozessen zwischen Bewegungen und Institutionen in Ländern des Globalen Nordens und Südens aufzeigen. Hierdurch soll nicht zuletzt der Tendenz der Bewegungsforschung entgegengewirkt werden, Institutionen lediglich separat oder als antagonistisches Gegenüber von sozialen Bewegungen zu thematisieren.

Nicht zuletzt knüpft das Sonderheft dabei an Debatten im Arbeitskreis Bewegungen und Institutionen am Institut für Protest- und Bewegungsforschung Berlin (IPB) an, die bereits in eine Blogreihe zur Interaktion von Bewegungen und Institutionen des Bretterblogs eingegangen sind.

Formale Vorgaben und Zeitplan
– Abgabefrist für Beitragsvorschläge in Form von Abstracts von max. 500 Wörtern (!) bis zum 1. August 2018
– Auswahl der Beitragsvorschläge bis zum 1. September 2018
– Abgabefrist für ausgewählte Beiträge mit einer Beitragslänge von 4.500 Wörtern bis 1. Dezember 2018
– Veröffentlichung des Sonderhefts im Frühjahr 2019 (Ausgabe 2/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen

Wir freuen uns über Einsendungen, für weitere Fragen schreibt uns gerne:
Jannis Grimm: jj.grimm[at]fu-berlin.de
Nina-Kathrin Wienkoop: wienkoop[at]leuphana.de

Foto credits @goldenassam https://twitter.com/goldenassam/status/1000713391768522752

HEFTARCHIV ONLINE!

Alle Ausgaben vom allerersten Heft 1/1988 bis einschließlich Jahrgang 2013 stehen online (unter Jahrgänge) als Download zur Verfügung. Jeweils zum neuen Jahr wird ein weiterer Jahrgang freigeschaltet. Damit bieten wir auf unserer Homepage den vollen Zugriff auf mehr als 20 Jahrgänge des FJSB – kostenfrei und im Volltext.

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FORSCHUNG

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat eine ausführliche kommentierte Linkliste zur deutschen Bewegungsforschung zusammengestellt: http://protestinstitut.eu/uber-das-institut/ressourcen/

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