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Updated: 1 hour 22 min ago

Neues ipb-Working Paper: Dieter Rucht – Die Gelbwestenbewegung

22.02.2019

Das ipb working paper I.2019 ist erschienen:

Dieter Rucht –Die Gelbwestenbewegung. Stand und Perspektiven

Seit drei Monaten steht Frankreich im Bann der Gelbwestenbewegung. Der Beitrag beschreibt zunächst deren soziales Profil, Forderungen und Aktionsrepertoire. In einer stärker analytischen Perspektive widmet er sich dann den Ursachen, Auslösern und Verstärkern der Bewegung und diskutiert schließlich die Perspektiven. Die Leitthese lautet, dass die Bewegung, obgleich doch ohne direkten Vorläufer in der Geschichte Frankreichs, ein Produkt der spezifischen sozioökonomischen, politischen und kulturellen Gegebenheiten des Landes ist und deshalb auch kaum in anderen Ländern Fuß fassen wird. In ihrer jetzigen Form werden sich die Gelbwesten nicht halten können. Die Bewegung wird entweder in der Routine der Wiederholung versanden oder aber aufgrund einer Reihe interner Streitfragen (links oder rechts; friedlich oder militant; Bewegung oder Partei; moderate Reformen oder grundlegende politische Umwälzung) auseinander brechen.

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Übersicht der ipb working papers

 

Foto: “Nightflighttovenus“ @Flickr. Commons CC-0 Lizenz (CC BY-NC-ND 2.0)

Rezension: Mullis 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt

11.02.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Es folgt nun Judith Vey mit einer Rezension zu Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment. Münster: Westfälisches Dampfboot. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Gelungener Beitrag zu einer postfundamentalistischen Bewegungsforschung“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. Einen Blick in das Buch gibt es auf Academia.edu.

 

Daniel Mullis’ im Jahr 2016 eingereichte Dissertation wurde 2017 im Verlag Westfälisches Dampfboot veröffentlicht und bietet einen gut recherchierten und differenzierten Einblick in die Krisenproteste in Athen in den Jahren 2008 bis 2014 und in Frankfurt/Main von 2012 bis 2015. Darüber hinaus stellt die Monografie eine theoriegeleitete, postfundamentalistische1 Auseinandersetzung mit den Konzepten Protest, Raum, Politik und Stadt dar und liefert eine wertvolle Perspektiverweiterung in der sozialen Bewegungsforschung und im Bereich der politischen Theoriebildung. Schwerpunkt und Zielsetzung der Arbeit ist die relationale Verbindung der politischen Konstitution von Raum und der räumlichen Konstitution von Politik. Was zunächst einmal sehr komplex und etwas sperrig klingt, bekommt bei der Lektüre des Textes schnell ein Gesicht und einen gut nachvollziehbaren Inhalt: Das Begriffspaar ermögliche „eine dahingehende Befragung der Auseinandersetzungen […], wie, warum und wo durch Politik Raum produziert wurde und welche Rolle verstetigte Raumproduktionen für Politik spielen“ (297 f.). Es geht also darum zu verstehen, wie auf der einen Seite durch Politik ein spezifischer Raum – zum Beispiel die Stadt – hergestellt wird und auf der anderen Seite, wie bestehende Räume sich auf die Art der Politik auswirken können.

Das Buch lässt sich grob in drei Teile untergliedern: Im ersten, theoretischen Teil wird ein Einblick in eine kritische (geografische) Stadtforschung und soziale Kämpfe gegeben (Kapitel eins). Im daran anschließenden zweiten Kapitel „Die Politik zwischen Hegemonie und Moment“ werden diese beiden Modi von Politik, die die theoretischen Ausgangspunkte der Arbeit bilden, in Bezugnahme auf Ernesto Laclau und Chantal Mouffe einerseits und Jacques Rancière andererseits genauer beleuchtet und reflektiert. Im dritten Kapitel wird auf Henri Lefebvres Raumkonzept, auf dem die Arbeit aufbaut, eingegangen. Abschließend werden die verwendeten Politik- (Laclau/Mouffe und Rancière) und Raumbegriffe (Lefebvre) miteinander verbunden und auf dieser Basis konkrete Fragen an die Empirie abgeleitet (Kapitel vier). In einem zum zweiten, empirischen Teil der Arbeit überleitenden Kapitel fünf werden das Forschungsdesign vorgestellt und eine Selbstreflektion vorgenommen. Kapitel sechs und sieben widmen sich nun ausführlich der Analyse des Widerstands gegen das Austeritätsregime in Athen 2008 bis2014 und den Blockupy-Krisenprotesten in Frankfurt/Main in den Jahren 2012 bis 2015. Der dritte, wiederum stark theoretische, jedoch deutlich kürzere Teil, das achte Kapitel, bildet ein theoretisch inspiriertes Resümee der Proteste und verwendeten Theorien und legt einen Vorschlag vor, „wie die politische Konstitution von Raum sowie die räumliche Konstitution von Politik zu denken sind“ (296). In einem Nachwort werden abschließend „Anmerkungen für eine emanzipatorische Politik“ gegeben.

Zunächst muss hervorgehoben werden, wie umfangreich die empirische Analyse angelegt ist: Die Darstellung von sechs Jahren Protestbewegung in Athen und vier Jahren in Frankfurt, verdichtet und dennoch detailgetreu auf insgesamt mehr als 150 Seiten rekonstruiert, gibt einen fundierten Einblick in die Geschehnisse in den jeweiligen Ländern (und darüber hinaus). Die Analyse basiert auf teilnehmender Beobachtung, Expert*inneninterviews und einer Dokumenten- und Quellenanalyse. Mullis’ umfangreichen Kenntnisse der jeweiligen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und deren Einordnung sowie die lange Dauer der qualitativen Feldforschung beeindrucken. Dabei gelingt dem Autor die historische Einbettung ebenso wie die Bezugnahme auf internationale Zusammenhänge der Proteste – vor allem hinsichtlich vorhergehender Protestbewegungen, wie dem ‚Arabischen Frühling‘ und Occupy Wall Street. Die Leserin erhält einen präzisen und spannend zu lesenden Einblick in zwei wichtige europäische Protestbewegungen und die gesamtgesellschaftlichen, vor allem ökonomischen und politischen Entwicklungen der beiden Länder und im Europa der vergangenen zehn Jahre. Veranschaulicht und unterlegt werden die Daten mittels zum Teil selbst erstellter Karten, Grafiken und Fotos. Generell werden die Rekonstruktion und Analyse anschaulich dargestellt sowie verständlich und mitreißend geschrieben. Da Mullis nicht die Frage nach Identitätsbildung und auch nicht nach der Verbindung einzelner Proteste durch einen gemeinsamen Bezugspunkt ins Zentrum stellt – wie dies in vielen Arbeiten der sozialen Bewegungsforschung der Fall ist –, werden die Vielschichtigkeit, Heterogenität und auch innere Widersprüchlichkeit der Proteste nicht verdeckt, sondern offen zur Kenntnis genommen (160). Diese Perspektivverschiebung ist auch für poststrukturalistisch informierter Analysen, die bisweilen ebenfalls zu einer Vereindeutigung neigen, ein Zugewinn.

Postfundamentalistische Blickverschiebungen und ihre Grenzen

Die Monografie überzeugt nicht nur bezüglich der empirischen Aufarbeitung der beiden Protestbewegungen, sondern auch durch deren geschickte Verknüpfung mit einer theoretisch inspirierten Perspektive, die vor allem in der deutschsprachigen Bewegungsforschung immer noch stark unterbelichtet und deren Systematisierung und Eingang in den Mainstream-Kanon erst in den Anfangszügen ist (auch wenn es bereits eine kontinuierlich steigende Anzahl poststrukturalistischer Bewegungsforscher*innen aus verschiedenen Disziplinen gibt, siehe Leinius et al.2017). Der empirischen Betrachtung und Analyse wird dementsprechend eine theoretische Rahmung gegeben, mittels der auf soziale Realität geblickt und diese interpretiert wird. Die zentralen Bezugsrahmen Laclau/Mouffe und Rancière sind geschickt gewählt und vermögen es, mittels der Konzepte Hegemonie und Moment temporäre Ereignisse und längerfristige Entwicklungen zu verbinden und verstehbar zu machen. Generell gelingt Mullis der nicht einfache Spagat zwischen theoretisch-abstrakten Begriffen und Denkfiguren und deren Anwendung auf das erhobenen Material sehr gut.

Zentraler Ausgangspunkt ist bei ihm infolgedessen, dass Stadt nicht vorab definiert und als Erklärung herangezogen wird, um die betrachteten Proteste zu charakterisieren und zu analysieren (vgl. 30). Stattdessen wird gefragt: „Wo ist Politik, welche Rolle spielt Raum und was hat das mit Stadt zu tun? Bzw. was ist das Städtische an Politik?“ (30, Hervorhebung im Original). Das Städtische muss quasi erst als solches artikuliert und damit in seiner konkreten Rolle definiert werden, um relevant zu werden. Die Vereinfachung und Objektivierung sozialer Realität auf (deterministische) Kausalzusammenhänge kann damit vermieden werden. Dies bringt uns jedoch gleichzeitig zu einem Grundproblem postfundamentalistischer Theorien und Analysen, das es zu lösen gilt: Mullis kann sehr überzeugend rekonstruieren, wie bestimmte Momente artikuliert wurden und wie sich die Proteste im Spannungsfeld zwischen Moment und Hegemonie entwickelt haben. Warum hingegen etwas auf eine bestimmte Art und Weise artikuliert wurde, warum überhaupt und andere Elemente nicht, kann jedoch nur im Nachhinein rekonstruiert, aber nicht zufriedenstellend begründet werden. Die Proteste hätten sich bei gleicher Ausgangslage auch anders entwickeln können; (andere) Missstände hätten als relevant artikuliert werden können. Warum sie sich jedoch auf diese spezifische Art und Weise entwickelt haben, kann mit dieser Perspektive nicht ausreichend erklärt werden, sondern eben nur deren Verlauf und dieser auch nur im Nachhinein. Ist daher doch eine materialistische Rückbindung notwendig? Möglich, denn genau dies tut Mullis unbewusst, wenn er im Rahmen seiner Analyse der beiden Fallbeispiele bestimmte Ereignisse, ökonomische und politische Entwicklungen zur Erklärung des weiteren Protestverlaufes anführt. Das beschriebene Problem ist jedoch ein Grundproblem postfundamentalistischer Theorien und kann im Rahmen dieser Arbeit schwerlich gelöst werden.

Hegemonie und Moment – eine zu starre Trennung?

Ein zentraler Ausgangspunkt der Arbeit stellt die relativ strikte Unterscheidung zwischen Hegemonie und Moment dar. In Rekurs auf Laclau und Mouffe versteht der Autor Hegemonie als „verknüpfende und sukzessive politische Praxen“ und „Praxis des konflikthaften Knüpfens von hegemonialen Formationen, die um den Status von Ordnung ringen“ (17f.). Dem gegenübergestellt wird Rancières Fokussierung auf momenthaften Ereignissen, die bei Laclau/Mouffe als untertheoretisiert angenommen werden. Mullis’ Schlussfolgerung, dass sich mittels Laclau und Mouffes Theorie eruptive Momente nicht genauer bestimmen lassen, würde ich so jedoch nicht teilen. Den Grund für seine Annahme liegt eher in einem zu starren Begriff von Hegemonie, mit dem vor allem ein organisierter, strategischer Stellungskrieg, wie er bei Gramsci beschrieben wird, gemeint ist und Hegemonie dementsprechend als funktionaler und intentionaler Prozess gedacht wird. Dies scheint jedoch zu kurz gegriffen. Gerade durch momenthafte Verknüpfungen von vorher unverbundenen Elementen, wie sie bei spontanen Ereignissen wie Platzbesetzungen oder auch dem Tod eines Demonstranten und darauffolgender Proteste der Fall sind, werden neue Sinn und Möglichkeitsräume produziert, die sich sehr gut mit Laclau und Mouffes Ansatz denken und erklären lassen. Sie bezeichnen solche Momente der Eruption als Dislokationen, in denen die hegemoniale Ordnung und Wahrheit auf Tiefste erschüttert und das Soziale als vergessene, sedimentierte Kämpfe re-politisiert wird. Auch Mullis scheint diese von ihm getätigte strikte Unterscheidung aufzuweichen, wenn er argumentiert, dass die eruptiven Momente in gesellschaftliche Strukturen und Kämpfe eingebunden werden müssen, um Wirkmächtigkeit entfalten zu können: „(…) andererseits müssen Momente, sollen sie nicht ins Leere fallen, von hegemonisierenden Praxen aufgefangen, vertieft und verbreitert werden“ (306). Mullis’ Kritik an Laclau und Mouffes fehlender Theoretisierung der Sedimentierungsprozesse (53) überzeugt hingegen und stellt einen wichtigen Ansatzpunkt für eine Weiterentwicklung des Laclau/Mouffe’schen Ansatzes dar.

Abschließend lässt sich resümieren, dass sich Mullis’ Analyse passgenau in das kontinuierlich größer werdende Feld einer poststrukturalistisch inspirierten und informierten Bewegungsforschung einreiht und insgesamt einen wichtigen Beitrag in der Bewegungsforschung leistet, in dem er seine empirischen Analysen in einen gesellschaftstheoretischen und -analytischen Rahmen einbettet. Er trägt somit elementar zu einer „notwendige[n poststrukturalistischen] Blickverschiebung“ (Leinius et al. 2017: 6) bei.

 

Verwendete Literatur

Leinius, Johanna/Vey, Judith/Hagemann, Ingmar 2017: Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. Plädoyer für eine notwendige Blickverschiebung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, 6-20.

[i]           In postfundamentalistische Theorien wird die Annahme der Existenz von Letztbegründungen und Fundamenten, auf den die soziale Realität basiert, negiert. Stattdessen erhalten Objekte, Handlungen und Subjekte ihre Bedeutung erst durch ihre relationale Beziehung zueinander.

 

Rezension: Daphi 2017: Becoming a Movement

04.02.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz

Es folgt nun Johannes Diesing mit einer Rezension zu Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement. Lanham: Rowman & Littlefield. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Eine Geschichte gemeinsamen Kämpfens“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Der Gegenstand der Studie Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement von Priska Daphi ist die globalisierungskritische Bewegung in Italien, Deutschland und Polen. Das Buch beginnt mit einem historischen Abriss über die Bewegung von den frühen 1990er Jahren bis in die späten 2000er Jahre.

Im ersten Kapitel wird die Fragestellung des Buches vorgestellt und eine Verortung der Forschungsmethoden vorgenommen. Die Studie geht der Frage nach, wie aus dem Zusammenspiel kognitiver, relationaler und emotionaler Dynamiken der Identitätsbildung ein gemeinsam geteiltes Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung entstanden ist. Der Forschungsansatz besteht dabei aus einer Verbindung der Frame-Analyse, der Untersuchung kollektiver Protestpraxen sowie narrativer Ansätze, um die kollektive Identitätsbildung im Gruppengedächtnis nachzuvollziehen. Dabei stützt sich die Autorin auf eine Analyse der Strukturen sowie der Inhalte der Narrationen der beteiligten Aktivist*innen. Die Studie basiert auf 71 Interviews und drei Fokus-Gruppen mit Aktivist*innen der globalisierungskritischen Bewegung sowie auf 15 Expert*innen-Interviews mit Forscher*innen und Journalist*innen, die zu dem Thema gearbeitet haben. Die interviewten Aktivist*innen weisen unterschiedliche Positionen in Bezug auf Alter, Gender, Region der Herkunft sowie ihrer Rolle innerhalb der Bewegungen auf und kommen darüber hinaus aus unterschiedlichen aktivistischen Spektren der globalisierungskritischen Bewegung.

Länderspezifische Erzählungen

Das zweite Kapitel stellt das erste empirische Kapitel dar. Hier werden die länderspezifi hen Erzählungen der globalisierungskritischen Bewegung in Italien, Deutschland und Polen dargestellt. Durch die Herausarbeitung von Unterschieden in den Narrativen wird die Bedeutung der jeweiligen länderspezifischen und auch lokalen Kontexte betont. Unter den Aussagen der Interviewpartner*innen aus Italien gibt es im Gegensatz zu den Interviews mit Aktivist*innen aus Deutschland und Polen ein höheres Maß an Übereinstimmung in Bezug darauf, welche Gruppen und Akteure Teil der globalisierungskritischen Bewegung waren. Im Vergleich zu den Aussagen deutscher und polnischer Aktivist*innen bestand bei den italienischen Gesprächspartner*innen auch eine Übereinstimmung darüber, dass die globalisierungskritische Bewegung im Jahre 2004 an ihrem Ende angekommen war. Der Grund lag in dem Erlebnis, dass die Bewegung trotz sehr hoher Mobilisierungsfähigkeit politische Entscheidungen etwa über den Eintritt Italiens in den Irakkrieg 2003 nicht beeinflussen konnte. Die Unterschiede in den Narrativen zwischen den untersuchten Ländern resultieren auch aus einem jeweiligen Fokus der Befragten auf nationale Ereignisse wie die Gipfelproteste in Genua 2001 oder Heiligendamm 2007 sowie Warschau 2004.

In einem weiteren Schritt stellt Priska Daphi Übereinstimmungen zwischen den drei Ländern heraus. Daphi macht dabei in allen drei Ländern drei wesentliche Gruppen von Aktivist*innen (activist sectors) aus: anti-neoliberale Gruppen, öko-pazifistische Gruppen sowie antikapitalistische Gruppen. Im dritten Kapitel wird aufgezeigt, inwiefern trotz aller Abweichungen zwischen den jeweiligen Ländern und aktivistischen Spektren auch ein gemeinsames, länderübergreifendes Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung existiert. Dieses Narrativ umfasst einen Plot, der die geteilte Erfahrung kollektiver Anstrengungen und Triumphe enthält. Es erlaubt den Beteiligten, ihre Geschichte als eine von geteilten Vorstellungen, Abgrenzungen und empfundener Nähe wahrzunehmen. Der Plot setzt sich aus folgenden vier Episoden zusammen: 1.) die Situation vor Beginn der globalisierungskritischen Bewegung; 2.) eine Aufbau-phase, in der eine transnationale Kooperation anwächst, Spaltungen aber wirksam bleiben; 3.) die Hochphase der Bewegung, in der sie die in der Linken bestehenden Spaltungen fast vollständig überwinden sowie die ideologische Hegemonie des Neoliberalismus erschüttern kann; und schließlich 4.) ein Abschwung und Ende der Bewegung, gekennzeichnet durch ein sinkendes Mobilisierungspotential und einen Rückgang spektrenübergreifender- und transnationaler Kooperation.

Kollektive Identität

Die sich aus diesem Narrativ herausbildende kollektive Identität wird in Kapitel vier weiter nachvollzogen. Dabei gleicht Daphi die Erzählungen aus den Interviews von 2011 und 2012 mit aktivistischen Publikationen der Jahre 1997-2007 ab. Dieser Vergleich zeigt eine erstaunliche Übereinstimmung und Kontinuität in den Kernaspekten des Narrativs der globalisierungskritischen Bewegung.

Aktivist*innen, die nicht oder nicht mehr Teil der Bewegung waren, erzählen die Geschichte hingegen anders. Mit ihrem sozial-konstruktivistischen Ansatz kann die Autorin zeigen, wie unterschiedliche Aktivist*innengruppen in der erzählten Erinnerung desselben Zeitabschnitts durch bestimmte Aspekte hervorheben oder weglassen. Innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung wird beispielsweise die Situation vor dem Beginn der Bewegung als sehr stark von Spaltungen und fehlender Mobilisierungsfähigkeit erinnert; dies ändert sich dem Narrativ zufolge erst mit dem Erstarken der Bewegung. Gruppenspezifische Narrationen hingegen, die auf eine stärkere Identifikation mit der eigenen aktivistischen Gruppe hinweisen, tendieren demgegenüber dazu, den Unterschied zu vorherigen und nachfolgenden Bewegungen nicht so stark zu betonen. Wichtige Ereignisse der Aufbau- und Hochphase werden eher als Herausforderungen an die eigene Gruppenpolitik erinnert und nicht als Herausforderungen der gesamten Bewegung erzählt.

Von diesen gruppenspezifischen Narrationen grenzt Daphi noch eine weitere Form der Erzählung ab; abgetrennten Narrationen von Aktivist*innen, die sich einmal der globalisierungskritischen Bewegung zugerechnet haben und dies zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr taten. In diesen abgetrennten Narrationen werden Ereignisse, die jedoch nur für bestimmte Aktivist*innengruppen von großer Bedeutung waren, mit dem größeren Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung kombiniert. Auf diese Weise entsteht eine Erzählung, die nicht mehr für alle an der Bewegung beteiligten Gruppen und Akteure Gültigkeit hat und die mithin auch keine geteilten Erfahrungen mitteilt, die eine gemeinsame Identitätsbildung ermöglichen könnte. Daphi zieht daraus die Schlussfolgerung, dass das Narrativ der globalisierungskritischen Bewegung nur für bestimmte Aktivist*innengruppen zu einer bestimmten Zeit Gültigkeit hatte.

In Kapitel fünf liefert Daphi eine Zusammenfassung und Diskussion der zentralen Ergebnisse. Die Untersuchung der Erzählungen in den kollektiven Erinnerungen von Aktivist*innen der globalisierungskritischen Bewegung zeigt, dass es nicht nur eine Vielzahl von Akteuren, sondern auch eine Vielzahl von Perspektiven gab, die jeweils von länderspezifischen Konstellationen, Spektren- und Gruppenzugehörigkeiten geprägt waren und sich voneinander unterscheiden. Allerdings kann die Autorin auch übereinstimmende Muster in den Erzählungen identifizieren, die jeweils für bestimmte Aktivist*innengruppen über nationale Grenzen hinweg Gültigkeit haben. Aktivist*innen innerhalb eines bestimmten Spektrums tendierten dazu, übereinstimmende Aussagen zur Relevanz beteiligter Gruppen und zu den zentralen Ereignissen sowie deren Bedeutung zu tätigen; und zwar unabhängig davon, ob sie in Italien, Deutschland oder Polen aktiv waren. Daphi zeigt, wie die Bewegung durch dieses Narrativ, gegenüber anderen Mobilisierungen an Profil gewann und spektrenübergreifend und transnational ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und geteilter Erfahrungen entstehen lassen konnte. Dieses Narrativ wurde nur von Aktivist*innen geteilt, die sich selbst primär als Teil der Bewegung ansahen.

Zu guter Letzt gibt Daphi verschiedene Ausblicke für die zukünftige Beforschung sozialer Bewegungen. Diese lassen sich grob in zwei Perspektiven einordnen. Zum einen in Forschungen zu Fragen nach der Bildung kollektiver Identität sowie zum anderen Forschungen zu Fragen nach der Lebensdauer und dem (indirekten) Fortwirken von Bewegungen in anderen Mobilisierungen. Daphi zeigt, dass gerade das Zusammenspiel kognitiver, relationaler und emotionaler Dimensionen wichtig ist. Weiterhin betont sie die Notwendigkeit, die Herstellung von Bedeutung und die Produktion von Sinn als einen kollektiven Prozess zu verstehen, in dem kollektive Praxen und Ritualen eine wichtige Rolle innehaben. In Bezug auf die Fragen nach Lebensdauer und Fortwirken von Bewegungen stellt die Autorin drei Aspekte heraus, die für zukünftige Forschungen wichtig sein können: 1.) die generelle Frage nach der Lebensdauer von Bewegungen, 2.) die Frage nach Kontinuität und Wandel innerhalb eines Mobilisierungszyklus sowie 3.) Kontinuitäten und Veränderungsprozesse über verschiedene, aufeinander folgende Mobilisierungszyklen hinweg.

Das Buch stellt aufgrund des Forschungsansatzes sowohl für Forscher*innen, die an den bisherigen blinden Flecken der jeweiligen Ansätze der Bewegungsforschung weiterarbeiten wollen, als auch aufgrund des umfangreich dargestellten Forschungsstandes für Nachwuchswissenschaftler*innen eine interessante Lektüre dar. Nicht zuletzt ist an Daphis Buch reizvoll, das sie mit ihrem narrativen Ansatz der Untersuchung einer gemeinsam erinnerten Bewegungsgeschichte einem Geschehen nachspürt, das zum Zeitpunkt der Befragung für die Akteur*innen buchstäblich schon Geschichte ist. Sie kommt damit einer bisweilen in der Forschungsdebatte vorgebrachten Aufforderung nach, Protest und soziale Bewegungen nicht nur dann zu untersuchen, wenn die Phänomene noch neu sind und die beteiligten Akteure sich noch auf ihrem Höhepunkt befinden. Die Frage nach der gemeinsam erinnerten Geschichte erlaubt es der Autorin, auf diese Weise auch die Selbstkritik der Aktivist*innen einzubeziehen und abzubilden.  

 

Photo by Andres Arias on Unsplash

Rezension: della Porta (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘

28.01.2019

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

Es folgt nun Leslie Gauditz mit einer Rezension zu della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘. London: Palgrave Macmillan. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Kollektive Mobilisierungen und Solidarität entlang der Fluchtrouten 2015 und 2016“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Bis vor wenigen Jahren war Forschung, in der klassische Theorien der Forschung zu sozialen Bewegungen mit dem Thema Migration und Flucht kombiniert wurden, noch rar gesät. Die politischen Umstände der letzten Jahre haben dies schlagartig geändert. Fluchtmigration als Forschungsthema liegt im Trend vieler Disziplinen und damit auch das Interesse an und der Fokus auf Mobilisierungen von, für und mit Geflüchteten und anderen Migrant_innen. Im Falle von Themenkonjunkturen kann die Forschungsqualität oft schwanken. Es ist daher erfreulich, dass der von Donatella della Porta herausgegebene Sammelband Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ einen wesentlichen Beitrag für den Stand der Forschung zu Mobilisierungen in Solidarität mit Geflüchteten, sowie Gegenmobilisierungen, liefert.

Ein Ausgangspunkt des Buches ist das Ansinnen eines theoretischen Brückenschlags zwischen den Konzepten der critical citizenship studies und der Bewegungsforschung. Es wird davon ausgegangen, die critical citienship studies betone, dass Fluchtmigration aufzeige, inwiefern Staatsbürgerschaft historisch kontingent und porös sei. Bewegungsforschung andererseits helfe zu verstehen, wie Migrant_innen und ihre Unterstützer_innen politisch handlungsfähig werden und Zugehörigkeiten kreieren, die über Staatsbürgerrechte hinausgehen (2). Zweiter Ausgangspunkt des Sammelbandes ist es, die jüngsten Mobilisierungen um den sogenannten „langen Sommer der Migration“, genauer um die Jahre 2015 und 2016, analytisch festzuhalten. Die zehn Beiträge präsentieren Fall- und Vergleichsstudien aus Ländern und Orten entlang der Fluchtrouten, die unterschiedlich als „countries of first arrival, transit and […] destination“ (330) einzuordnen sind angefangen mit der Türkei, über mediterrane EU-Eintrittsländer, die Länder der Balkan-Route und nordeuropäische Zielländer.

Der Sammelband wurde von Autor_innen aus dem Netzwerk von COSMOS, dem von Donatella della Porta geleiteten Zentrum für die Erforschung sozialer Bewegungen an der Scuola Normale Superiore in Florenz verfasst. Die internationale Zusammensetzung der Autor_innen aus Italien, Griechenland, Spanien, Deutschland und der Türkei schaffte Zugänge zu unterschiedlichen nationalen Kontexten. Angenehm fällt auf, dass ein Dialog zwischen den Autor_innen stattgefunden zu haben scheint, worauf gegenseitige Bezüge schließen lassen. Es ist also ein Sammelband, der dieses Begriffs würdig ist.

Theoriearbeit

Theoretisch arbeiten die meisten Beiträge mit klassischen Konzepten der Forschung zu sozialen Bewegungen, wie political opportunity structures, collective action und frames-and-claims-Analysen. Konzeptionell interessant ist Ҫeliks Diskussion zur eingeschränkten Erklärungskraft des political opportunity Ansatzes, während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ in der Türkei. Dieser Ansatz geht davon aus, dass es weniger Mobilisierungen gibt, je repressiver ein politischer Kontext ist. Und während lokale Aktivist_innen die Repression in der Türkei für das allgemeine Fehlen von Großprotesten verantwortlich machten, schienen sie zu übersehen, dass sich das Engagement für Geflüchtete und auch Protest zu dem Thema insgesamt vervielfältigte. Einen weiteren konzeptionellen Ansatz nutzen die Beiträge von Milan und Kleres, die auf die Rolle von Emotionen in solidarischen Mobilisierungen fokussieren und sich dabei auf die Emotionsklassifizierungen von Jasper stützen. Milan ordnet sich dabei explizit in den cultural turn der social movement studies ein.

Mobilisierungen und Diskurse im politischen Kontext

Mit Ausnahme der vergleichenden Protest Event Analyse (Griechenland, Italien & Spanien) von Andretta und Pavan, sind alle Beiträge Fallstudien zu Ländern oder Städten oder Ländervergleiche, bei denen die Datenerhebung ethnografisch und/oder über Interviewführung erfolgte.

In allen Beiträgen zeigt sich das lokal stark variierende Reiben mit den Staatsorganen. Alcalde und Portos arbeiten für Spanien heraus, wie stark sich die Situation von Städten je nach Lokalregierung und lokalen Allianzen ändert. So gibt es in den Grenzstädten zu Marokko mit konservativen Parlamentarier_innen wenige Protestteilnehmer_innen und auch relativ gesehen weniger Demonstrant_innen als beispielsweise im links geführten Barcelona, obgleich der Bevölkerungsanteil von Migrant_innen mit Bedarf an direkter humanitärer Hilfe und die unmittelbare Betroffenheit in jenen Kommunen deutlich größer ist als in der katalanischen Hauptstadt.

Die Untersuchungen in unterschiedlichen politischen Kontexten lassen trotz aller Differenzen wiederkehrende Themen auffallen. Neben reaktiven und emotional-empathischen Elementen in der Mobilisierung, wird wiederkehrend eine Unterscheidung von humanitären vs. politischen Motiven thematisiert. Klassisches Protestrepertoire wie Demonstrationen und Kampagnen folgen der Logik, politische Rahmenbedingungen zu verändern. Direkte Hilfe ist eher humanitär orientiert und zielt darauf ab, Unterkunft und Nahrung zu organisieren, wofür aber häufig Dankbarkeit von den Geflüchteten eingefordert würde. Dies wird in der Wahrnehmung vieler (politischer) Aktivist_innen problematisiert,würde es doch Geflüchtete auf passive Bittsteller_innen reduzieren; „I don’t want to be involved with such charity work“, bemerkt eine Aktivistin in der Türkei (55). Diese diskursiven Aushandlungen, ob eine wohltätig-motivierte oder eine eher politisch-motivierte Handlung sinnvoller sei, bewegt Akteur_innen unter unterschiedlichsten politischen Bedingungen. Während Zamponi dies konzeptionell mit dem Begriff der „direct social action“ zusammenführt und schildert, dass humanitäre Helfer_innen auch Demonstrationen besuchen, haben diese bewegungsinternen Debatten aber konkrete Auswirkungen auf die Kooperationen, die geschlossen wurden. So diagnostiziert Kleres, dass Willkommensinitativen in deutschen Großstädten stark humanitär ausgerichtet waren und wenig mit linksaktivistischen Strukturen zusammenarbeiteten. In Schweden gab es, seiner Analyse nach, keine nennenswerte Spaltung, da trotz marginalisierter linksradikaler Szene ein politisiertes Narrativ dominierte (232).

Dass diskursive Aushandlungen in Bewegungen zuweilen nur wenig vom politischen Kontext abhängen, zeigt sich in Gattinaras Vergleich der rechtskonservativen anti-refugee Mobilisierungen in Frankreich und Italien. Strategien, um Fluchtmigrant_innen zu stigmatisieren und Unterkünfte zu verhindern, wie der Verweis auf die Sicherheit der lokalen Bevölkerung oder der Vorwand, dass Unterkünfte den Ansprüchen der Geflüchteten nicht genügten, treten in beiden Ländern auf, obwohl die Regierungen der Länder hinsichtlich ihrer Politik gegenüber Geflüchteten unterschiedliche Kontexte bilden.

Ein Alleinstellungsmerkmal weist der Beitrag von Oikonomakis zur Solidaritätsbewegung in Griechenland auf, der sich als einziger der Unterscheidung zwischen ‚älteren‘ Akteur_innengruppen, die bereits vor 2015 aktiv waren und ‚jüngeren‘ Gruppen, also jenen die sich im Rahmen der ‚refugee crisis‘ neu gründeten, widmet.

Länderübergreifende Analysen

Die Lektüre der Beiträge zeigt, dass ein besseres Verständnis der Situation nur länderübergreifend stattfinden kann. Zamponi macht explizit, wie sich viele Mobilisierungen reaktiv an lateralen policy-Änderungen entlanghangelten; insbesondere die EU-Türkei-Regelung wird in beinahe jedem Beitrag erwähnt, aber auch die Beendigung der italienischen Operation zur Seenotrettung Mare Nostrum im Jahre 2014 war für das Feld relevant. Ländervergleichende Forschungsdesigns zeigen auch, inwiefern die politische Situation eines Landes die eines anderen beeinflusst. Der Vergleich von Ungarn und Serbien (Milan & Pirros) macht deutlich, wie die Schließung der Grenzen des EU-Landes dazu führte, dass Serbien vom Transit- zum Ankunftsland wurde. Die Ablehnung gegenüber Geflüchteten in der Bevölkerung wuchs, da diese dort nun bleiben mussten anstatt nur durchzureisen. Mobilisierungen für Gefl htete nahmen ab. Zuletzt sticht der Beitrag von Alcalde und Portos zur Transnationalisierung der Solidaritätsbewegungen heraus: Sie zeigen anhand der Arbeitsweise von NGOs in Brüssel undder grassroot-förmigen Zusammenarbeit von Aktivist_innen in Calais, wie sich Aktivismus transnationalisierte, auch wenn übergreifende Koordinationsbemühungen angesichts des fragmentierten Mobilisierungsfeldes häufi scheiterten.

Für wen ist dieses Buch?

Beiden Anliegen des Buches, der theoretische Brückenschlag sowie die inhaltlich-analytische Dokumentation der Geschehnisse 2015 und 2016 wird der Sammelband größtenteils gerecht und er schafft eine Grundlage sowohl für einen theoretischen als auch einen inhaltlichen Dialog. Das Protestrepertoire der jeweiligen Mobilisierungen zwischen Widerstand und Solidarität wird dargelegt, genauso wie die organisatorischen Strukturen, die zwischen bewegungstypischen Netzwerkstrukturen und fragmentiertem Einzelengagement changieren. Methodisch bleibt es mit den hauptsächlich interviewgeleiteten Studien etwas einseitig und konzeptionell etwas inkonsistent, was durch die analytisch dichte Rahmung der Herausgeberin aber teilweise kompensiert wird. Sie kommt zum Schluss, die Spannung zwischen Integration und Mobilität würde die Definition von Grenzen und Staatsbürgerschaft an sich in Frage stellen, und fordert auf, diese politischen Veränderungen weiter zu beforschen (344).

Ich empfehle dieses Buch jeder_m, der_die sich für diese Weiterentwicklung in der Anwendung von theoretischen Konzepten in der Bewegungsforschung interessiert, aber mehr denen, die sich inhaltlich über die verschiedenen Mobilisierungen zum Thema Geflüchtete zwischen 2015 und 2016 informieren möchten. Ein Wermutstropfen bleibt, dass die Mobilisierungen von Geflüchteten selbst kaum ins Blickfeld geraten. Und wenn, dann eher als Mobilisierungsanlass der inländischen Bevölkerung. Es fällt darüber hinaus auf, dass zwischen den Beiträgen changiert, wer der vielen mobilisierten Akteur_innen hier nun als Aktivist_in oder Bewegungsakteur_in definiert sind: Sind NGO-Angestellte Teil der Bewegung, oder eben nicht? Sind unabhängige, zivilgesellschaftliche Einzelpersonen Aktivist_innen oder doch „nur“ Ehrenamtliche? Wenig Einheitlichkeit herrscht auch in der Definition des zu untersuchenden Gegenstandes, beitragsübergreifend, aber häufig auch innerhalb der einzelnen Beiträge. „Solidarity movements“, „solidarity mobilizations“ oder auch „pro-Asylum seeker activism“ sind zusammengefasst als „Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘“, denen „anti-refugee street politics“ gegenüberstehen. Dies ist für das Buch kein grundsätzliches Problem, zeigt aber deutlich diese Leerstelle und defi orische Unentschlossenheit bezüglich des Forschungsfelds auf.

Anmerkung

Das Buch bildet einen wesentlichen Stand der Forschung im englischsprachigen Raum ab. Für interessierte Leser_innen sei an dieser Stelle auf den Sammelband zum „Protest Movements in Asylum and Deportation“, (2018, Springer) verwiesen, der ähnliches für den kleineren deutschsprachigen Raum leistet, aber einen früheren Forschungszeitraum miteinschließt.  

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Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (IV.2018)

21.01.2019

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 132 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Bogerts, Lisa, and Maik Fielitz. 2018. ‘“Do You Want Meme War?” Understanding the Visual Memes of the German Far Right’. In Post-Digital Cultures of the Far Right: Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US, edited by Maik Fielitz and Nick Thurston, 137–54. Bielefeld: transcript Verlag.

Brand, Ulrich, and Mathias Krams. 2018. ‘Zehn Jahre Degrowth als radikale politische Perspektive: Potenziale und Hürden’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31 (4): 18–26. (open access)

Fielitz, Maik. 2018. ‘From Indignation to Power. The Genesis of the Independent Greeks’. In Radical Right Movement Parties in Europe, edited by Manuela Caiani and Ondřej Císař. London: Routledge.

Fielitz, Maik, and Nick Thurston, eds. 2018. Post-Digital Cultures of the Far Right: Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US. Bielefeld: transcript Verlag (open access).

Grimm, Jannis. 2018. ‘Policing Research: Lethal Shifting Tides for Middle East Studies Post-Arab Spring’. OpenDemocracy (Blog). 22 November 2018.

Hütter, Bernd. 2018. ‘Rezension: Ein Handbuch zur Berliner Projektekultur, Berlin 2018’ (Blog)  / ‘Rezension: Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968; Hamburg/Berlin 2018’ (Blog). / ‘Rezension: Keim / Lewejohann (Eds.): Köln 68! Protest. Pop. Provokation; Mainz 2018’ (Blog)

Braches-Chyrek, Rita, Tilmann Kallenbach, Christina Müller, and Lena Stahl, eds. 2018. Bildungs- und Teilhabechancen geflüchteter Menschen: Kritische Diskussionen in der Sozialen Arbeit. Opladen Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Kallenbach, Tilmann. 2018. ‘Geflüchtetenproteste und die Soziale Arbeit’. In Bildungs- und Teilhabechancen geflüchteter Menschen: Kritische Diskussionen in der Sozialen Arbeit, edited by Rita Braches-Chyrek, Tilmann Kallenbach, Christina Müller, and Lena Stahl, 1st ed., 231–42. Opladen Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Kaun, Anne, and Emiliano Treré. 2018. ‘Repression, Resistance and Lifestyle: Charting (Dis)Connection and Activism in Times of Accelerated Capitalism’. Social Movement Studies: 1–19 (open access).

Klotz, Sabine. 2018. ‘The Right to Health for All? Debates Surrounding Access to Healthcare for Asylum-Seekers in Germany’. In Ethical, Legal and Social Aspects of Healthcare for Migrants: Perspectives from the UK and Germany, edited by Katja Kuehlmeyer, Corinna Klingler, and Richard Huxtable. London: Routledge.

Liebig, Brigitte, Karin Gottschall, and Birgit Sauer, eds. 2018. Gender Equality in Context: Policies and Practices in Switzerland. Barbara Budrich Publishers.

Peter, Ullrich. 2018. ‘Videoüberwachung von Demonstrationen und die Definitionsmacht der Polizei. Zwischen Objektivitätsfiktion und selektiver Sanktionierung’. 2–2018. TUTS-Working Papers. Berlin: Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin. (open access) / Auch erschienen in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 43 (4): 323–346.

Peuker, Birgit. 2018. ‘Protection of a “Place”: Community-Supported Agriculture (CSA) in Germany’. In Localizing Global Food: Short Food Supply Chains as Responses to Agri-Food System Challenges, edited by Agni Kalfagianni and Skordili, Sophia. Routledge Studies in Food, Society and the Environment. London: Routledge.

della Porta, Donatella. 2018a. ‘Activist Citizens: An Afterword’. In Citizens’ Activism and Solidarity Movements: Contending with Populism, edited by Birte Siim, Anna Krasteva, and Aino Saarinen, 293–304. London: Palgrave Macmillan UK.

della Porta, Donatella.  2018b. ‘1968 – The Resonant Memory of a Rebellious Year’. Contention 6 (2): 1–18.

della Porta, Donatella. 2018c. ‘For Participatory Democracy: Some Notes’. European Political Science, 12: 1–14

della Porta, Donatella. 2018d. ‘Protests as Critical Junctures: Some Reflections towards a Momentous Approach to Social Movements’. Social Movement Studies 0 (0): 1–20.

Rucht, Dieter. 2018a. ‘Right-Wing Populism in Context: A Historical and Systematic Perspective’. In Populism and the Crisis of Democracy: Volume 2: Politics, Social Movements and Extremism, edited by Gregor Fitzi, Juergen Mackert, and Bryan S. Turner. London: Routledge.

Rucht, Dieter. 2018b. ‘Sitzenbleiben, #aufstehen Oder Aufstehen? Über Den Versuch Einer Linken Sammlungsbewegung’. 2. Ipb Working Papers. Berlin: Institut für Protest- und Bewegungsforschung (open access)

Sauer, Birgit. 2018. ‘The (Im)Possibility of Creating Counter-Hegemony Against the Radical Right: The Case of Austria’. In Citizens’ Activism and Solidarity Movements: Contending with Populism, edited by Birte Siim, Anna Krasteva, and Aino Saarinen, 111–36. Springer.

Scholl, Armin. 2018. ‘Das Selbstverständnis der Bewegungsforschung im Dilemma zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Versuch einer Weiterführung der Debatte’. Billet. soziologieblog (blog).

Tratschin, Luca. 2018. ‘Protest in Bewegung! Rezension zu Daphi, Deitelhoff, Rucht, Teune2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests’ Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31 (4): 118–121.

Uhlmann, Sarah. 2018. ‘Der Riot Als Vorbote und Symptom einer Krise: Zu den Ausschreitungen während des G20-Gipfels 2018 in Hamburg. Momentum Quarterly 7 (4): 202–20. (open access)

Zajak, Sabrina. 2018. ‘Engagiert, Politisch, Präfigurativ – Das Selbstexperiment als Transformative Bewegungsforschung’. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31 (4): 98–105.

 

Potential und Herausforderungen von Protestbefragungen in diversen Gesellschaften

21.01.2019

Kurzbericht und Reflektionen zur Demonstrationsbefragung bei „We’ll Come United“ am 29.09.2018 in Hamburg

Sabrina Zajak & Elias Steinhilper

 

Spätestens seit dem „Sommer der Migration“ 2015 lässt sich eine starke Aktivierung und Politisierung der Zivilgesellschaft in Deutschland beobachten, die sich in verschiedenen Formen der Mobilisierung für und gegen die Anwesenheit und/oder gesellschaftliche Teilhabe von Migrant*innen ausdrückt. Allein im so-genannten „Herbst der Solidarität“ 2018 gingen in einer Reihe von Großdemonstrationen insgesamt mehrere 100.000 Menschen für eine offene, diverse Gesellschaft auf die Straße. Während sich die mediale Berichterstattung zumeist auf die Organisator*innen der Proteste konzentriert, ist über die Teilnehmenden oft wenig Belastbares bekannt, was Raum für Spekulation sowie Idealisierung und Diffamierung lässt.

Um perspektivisch ein differenzierteres Bild von Protest im postmigrantischen Deutschland zeichnen zu können, hat das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung gemeinsam mit dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung bei der  Demonstration „We’ll Come United“ (WCU) am 29. September 2018 in Hamburg einen ersten Versuch unternommen, derartige Protestereignisse mit Hilfe der Methode der Demonstrationsbefragung zu erheben. Zwischen 20.000 (Polizeiangaben) und 30.000 (Angaben der Veranstalter*innen) Menschen gingen dort auf die Straße, um gegen Rassismus und für eine offene Gesellschaft zu protestieren. Zu der Demonstration aufgerufen hatte ein Bündnis von 450 Gruppen, vor allem Flüchtlingsinitiativen und selbst-organisierte Gruppen von Geflüchteten. Noch nie konnte in Deutschland ein solches Bündnis eine derartig große Demonstration auf die Beine stellen.

Unser Versuch mehr über die Zusammensetzung dieses vielfältigen Protests zu erfahren stieß allerdings an seine Grenzen. Aufgrund der geringen Rücklaufquote der Fragebögen und einer damit verbundenen Verzerrung der Stichprobe haben wir uns gegen eine Veröffentlichung der Ergebnisse entschieden. Wir haben bei der Durchführung der Studie viel gelernt und möchten hier einige unserer Einsichten teilen. Zudem möchten wir uns bei den 26 Helferinnen und Helfern bedanken, die bei der Befragung mitgewirkt haben und deren Beobachtungen und Eindrücke mit in die folgenden Überlegungen einfließen. Denn es lassen sich aus dieser Erfahrung wichtige Schlüsse über Chancen und Herausforderungen von Protestbefragungen allgemein und in diversen postmigrantischen Gesellschaften im Besonderen, ableiten. Heterogenität der Herkunft, Lebensverläufe und politische Sozialisation prägen gegenwärtige Proteste bereits jetzt mit, und – so unsere starke Vermutung – werden zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen. Zu einer dringend notwendigen theoretischen und methodischen Öffnung möchten wir hiermit beitragen.

Die Methode der Protestbefragung

Protestsurveys sind mittlerweile eine etablierte Methode in der Bewegungsforschung. Im Gegensatz zu anderen Umfragemethoden, bei denen zufällig ausgewählte Menschen am Telefon oder zu Hause befragt werden, werden bei Demonstrationsbefragungen diejenigen befragt, die tatsächlich an den Protesten teilnehmen. Wissenschaftler*innen, die im Institut für Protest- und Bewegungsforschung zusammengeschlossenen sind, haben dieses Verfahren schon früher verwendet, beispielsweise bei den Protesten gegen den Irakkrieg (2003), gegen Hartz IV (2004), bei der Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 (2010), den Pegida-Demonstrationen in Dresden (2015), bei der TTIP Demonstration (2015) und den G20-Protesten in Hamburg (2017). Besonders die Befragung einer Pegida-Demonstration durch das ipb haben die surveybasierte Protestforschung „ans Limit“ geführt. Auch die WCU-Befragung macht spezifische Herausforderungen deutlich.

Die aktuelle Befragung der WCU-Demonstrierenden wurde online durchgeführt. Dafür haben insgesamt 26 Personen jeweils zu zweit per Zufallsprinzip Demonstrationsteilnehmende angesprochen und ihnen einen Handzettel mit einem einmalig verwendbaren Zugangscode zur Befragung ausgehändigt, verbunden mit der Bitte, sich an der Befragung zu beteiligen. Die Auswahl der Befragungsteilnehmenden fand sowohl während der Auftaktkundgebung auf dem Hamburger Rathausmarkt als auch an mehreren Abschnitten des Demonstrationszuges statt. Um den Einfluss von Sympathien und Vorbehalten zu minimieren wählte in den Zweierteams jeweils eine Person nach einem zuvor festgelegten Schema den/die anzusprechende Demonstrationsteilnehmer*in aus und notierte dessen/deren Geschlecht und grob geschätztes Alter, während die andere Person den Handzettel aushändigte. Da wir von einer diversen Zusammensetzung der Demonstration ausgingen, wurden Handzettel in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Türkisch und Dari angeboten. Auch die Teams der Handzettelverteiler wurden mehrsprachig besetzt und erhielten vor der Befragung eine Schulung. Solch eine Vielsprachigkeit in der Demonstrationsbefragung gab es bisher in Europa noch nicht.

Der Handzettel enthielt einen Link und einen scanbaren QR-Code, der zu der Online-Befragung führte. Mit dem für jeden Handzettel individuellen Zugangscode wurde der Zugang zum Fragebogen freigeschaltet. Diese Beschränkung zielt darauf ab, dass sich nur diejenigen an der Befragung beteiligen, die während des Protests per Zufall ausgewählt wurden. Eine individuelle oder durch Gruppen gesteuerte Beteiligung „von außen“ und damit eine mögliche Verzerrung oder gar Manipulation werden durch dieses Verfahren deutlich erschwert.

Die Fragen, die in die Untersuchung eingeflossen sind, zielen auf die soziale Zusammensetzung der WCU-Demonstrierenden, auf ihre Motivation und Mobilisierung, d.h. die Prozesse, die zu ihrer Teilnahme geführt haben, auf ihre Protesterfahrung und ihre politische Selbsteinordnung. Diese Fragen entsprechen Standardfragen in Protestsurveys, die damit einen Vergleich früheren Protestsurvey ermöglichen. Ein Teil der Fragen ist darüber hinaus repräsentativen Befragungen wie der Allgemeinen Bevölkerungsbefragung der Sozialwissenschaften entnommen, um Vergleiche zur Gesamtbevölkerung ziehen zu können. Als Neuerung wurden bei der WCU-Befragung auch Themen und Fragen aus der Integrations- und Migrationsforschung aufgenommen. Dazu zählen beispielsweise Fragen zu Diskriminierungserfahrungen, Identität oder politische Aktivitäten in den Herkunftsländern.

Diese Fragen sind besonders relevant für unser Verständnis von Demonstrationen in postmigrantischen Gesellschaften, da nur so auch die Erfahrungen und Lebenswelten von Personen mit Migrationshintergrund berücksichtigt werden können. Mit anderen Worten: Wir sind der Ansicht, dass die bisherige Protestforschung der Realität hinterherhinkt. Sie geht oftmals von zu homogenen und privilegierten Protestakteuren aus und erfasst die diverse Realität von Migrationsgesellschaften nur unzureichend.

Insgesamt wurden während der Demonstration am 29. September 1.115 Personen angesprochen (siehe Tabelle 1). Davon haben 960 Personen den Handzettel angenommen. Bis einschließlich 3. Oktober hatten sich 119 Personen an der Umfrage beteiligt, 109 Personen haben den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Das entspricht einer Rücklaufquote von 12,4 Prozent. Damit ist der Rücklauf niedriger als bei anderen Demonstrationen, bei denen ebenfalls Befragungen durchgeführt wurden.

***TABELLE 1****

Warum wollen wir nun auf der Basis der ausgefüllten Fragebögen keine Aussage über die WCU- Demonstrierenden machen? Eine Rücklaufquote von 12,4Prozent ist erstens sehr gering, und zweitens wird deutlich, dass sich die Umfrageteilnehmenden systematisch von Nicht-Antwortenden unterscheiden.

Während der Verteilung der Handzettel wurden Daten über Geschlecht und Alter der angesprochenen Demonstrationsteilnehmer*innen gesammelt sowie zur Sprache der ausgegebenen Handzettel. Hinsichtlich dieser Merkmale ist folgendes festzustellen: die Daten zur Verteilung der Geschlechter weichen nur geringfügig voneinander ab. In Bezug auf das Alter scheinen überproportional die älteren Teilnehmenden, bspw. die Altersgruppe 40-65 Jahre die Handzettel ausgefüllt zu haben (Tabelle 1, Zeile 4). Darüber hinaus wird deutlich, dass erstens überwiegend deutsch-sprachige Handzettel verteilt wurden und zweitens, dass von den knapp 15Prozent derer, die einen nicht-deutschsprachigen Handzettel angenommen haben, nur zwei Personen tatsächlich an der Umfrage teilgenommen haben (1,83%, Spalte ENG). Aufgrund dieser zwei bedeutsamen Verzerrungen, ist die Umfrage nicht repräsentativ für die Teilnehmenden der Demonstration.

Spezifische Herausforderungen der Protestbefragung in diversen Kontexten

Aus diesen Erfahrungen leiten sich eine Reihe von Fragen und Überlegungen ab, die für zukünftige Erhebungen elementar sind. Zunächst muss kritisch angemerkt werden, dass Protestbefragungen bislang zumeist in relativ homogenen Kontexten eingesetzt wurden, sowie von Demonstrierenden ausgehen, die über Staatsbürger*innenrechte am Demonstrationsort verfügen. Obwohl wir versuchte haben, wie im Folgenden dargelegt, einige Anpassungen vorzunehmen, besteht hier weiterhin Handlungsbedarf.

Die Konstruktion von Protestfragebögen stellt immer eine große Herausforderung dar, umso mehr, wenn in komparativen Projekten eine akkurate Übersetzung der Fragen in mehrere Sprachen erforderlich ist. Bislang wurde in keinem größeren Forschungsprojekt der Protestfragebogen in mehreren Sprachen gleichzeitig eingesetzt, sondern allenfalls für die verschiedenen Länderstudien in die jeweilige Amtssprache übersetzt. Bei unserer Pilotstudie dagegen, haben wir nach Rücksprache mit den Organisator*innen der Demonstration in Hamburg die Handzettel (und den Online-Fragebogen) außer auf Deutsch auch in den Sprachen Französisch, Englisch, Türkisch, Dari und Arabisch angeboten. Nach der Befragung wurden wir von dem Befragungsteam darauf hingewiesen, dass ein ganzer Demonstrationsblock mit eritreischen Teilnehmenden nicht erreicht werden konnte, da kein Fragebogen in Tigrinya vorlag und die Teilnehmenden keiner der anderen Sprachen mächtig waren.

Die Vielsprachigkeit wird bei Teilhabekonflikten ergänzt durch eine ausgeprägte Diversität in Bezug auf soziale und geographische Herkunft. Dadurch akzentuiert sich der grundsätzliche Zielkonflikt zwischen Vergleichbarkeit und Verständlichkeit bzw. Anpassung an die Spezifika des jeweiligen Kontexts. Die etablierten Protestfragebögen orientieren sich angesichts ihrer bisherigen geographischen und thematischen Anwendung in Kontexten europäischer Mehrheitsgesellschaften an einem westlichen Bezugsrahmen und sind daher nur begrenzt verständlich für zu befragende Protestteilnehmende mit anderen Bezügen. Das beginnt bei kulturell spezifischen Konzepten wie „Kirche“ (anstelle von inklusiveren Bezeichnungen wie „religiöse Institutionen“), regional unterschiedlichen Mediensystemen („öffentlich-rechtlich“ etc.), Demokratieverständnissen sowie distinkten Vorstellungen, was als „politisches“ Engagement (versus beispielsweise religiöse Praxis) zu verstehen ist. Darüber hinaus stellt sich bei Menschen mit kürzerer Aufenthaltszeit die Frage nach dem geographischen Bezugsrahmen des Engagements, da sich die gängigen Fragebögen auf Aktivität im jeweiligen Land konzentrieren und transnationale Migrationsbiographien mit diversen Orten der Politisierung und des Engagements nicht berücksichtigen. Wir haben vor diesem Hintergrund einige Fragen umformuliert und ergänzt, was im Gegenzug Einschränkungen in der Vergleichbarkeit mit anderen Protestsurvey mit sich bringt. Darüber hinaus sind zentrale Fragen in etablierten Protestsurveys unberücksichtigt, die für das Verständnis von Teilhabekonflikten essentiell sind. Dazu zählen Fragen der Identität und Zugehörigkeit, von (intersektionaler) Diskriminierungserfahrung, sowie evtl. auch Vorurteile gegenüber anderen marginalisierten Gruppen.

Für Protestbefragungen in sprachlich und kulturell diversen Gesellschaften ergeben sich analog auch spezifische Herausforderung in der Planung und Durchführung. Fragebögen müssen akkurat in verschiedene Sprachen übersetzt und anschließend mit Muttersprachler*innen auf deren semantische Vergleichbarkeit und Verständlichkeit hin überprüft werden. Auch für vermeintlich „technische“ Tests wie die Funktionalität des programmierten Online-Fragebogens, war in unserem Fall ein sechs-sprachiges Team notwendig. Gleiche Anforderungen stellen sich an die Auswahl eines kompetenten vielsprachigen Teams, eine an den Kontext der Diversität angepasste Schulung der Befrager*innen sowie das Einplanen einer längeren Kontaktdauer, wenn zunächst Sprachkenntnisse mit potentiellen Teilnehmenden der Befragung abgeglichen werden müssen.

Trotz einer ersten aufwendigen Anpassung des Instrumentariums an einen diversen Befragungskontext, war das Ergebnis mit Hinblick auf die Repräsentativität der Befragung nicht zufriedenstellend. Wir gehen davon aus, dass sowohl die Methode der Online-Erhebung einerseits als auch Skepsis gegenüber standardisierter Befragung andererseits wichtige Erklärungsfaktoren sind. Besonders auffällig war schließlich, dass nur sehr wenige nicht-deutschsprachigen Handzettel ausgegeben wurden, obwohl es sich um eine äußerst diverse Demonstration handelte. Viele Teilnehmenden bestanden selbst bei geringen Sprachkenntnissen auf einen deutschen Fragebogen. Von den 119 ausgefüllten Fragebögen wurden nur ein einziger von einer Person im Asylverfahren und nur einer von einer Person mit außereuropäischer Staatsbürgerschaft ausgefüllt. Dies könnte – trotz freundlicher Annahme der Handzettel – für starke Vorbehalte gegenüber (online) Befragungen sprechen. Die Rückmeldungen an das Befragungsteam machen deutlich, dass das Format des Online-Fragebogens eine zusätzliche Hürde darstellt. Einige Teilnehmende haben zurückgemeldet, dass sie a) kein Internet haben, bzw. b) Bedenken aufgrund des individuellen Zugangscodes haben, der jedoch notwendig ist, um eine Manipulation der Befragung auszuschließen. Dies spricht dafür, dass schriftliche Fragebögen erfolgsversprechender sind. Weiterhin könnte eine Unkenntnis (und mangelnde Erklärung) der Methode die Bedeutung der individuellen Teilnahme verhindert haben; schließlich ist davon auszugehen, dass die teilweise prekären Lebenssituationen strukturell eine Teilnahme behindern und (nachvollziehbarerweise) Prioritäten anders gelagert sind. Es ist weiterhin zu testen, ob ein längerer Befragungszeitraum in diesem Kontext zu höherem Rücklauf führt. Abgesehen von der auffälligen Nicht-Teilnahme nicht-deutscher Protestierender war auch die Rücklaufquote unter den deutschen Teilnehmenden geringer als bei anderen Befragungen.

Um Potentiale und Herausforderungen von Protestbefragungen weiter zu ergründen plant das DeZIM-Institut in Zusammenarbeit mit dem ipb im Frühjahr 2019 Fokusgruppengespräche mit Akteuren aus der migrantischen Selbst-Organisation und anderen im Themenfeld Aktiven. Dies kann ein Schritt sein, um zukünftig differenziertere Aussagen über Protestereignisse im postmigrantischen Deutschland zu treffen. Proteste sind schließlich inhärenter Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Als Sensoren gesellschaftlicher Konflikte und sozialer Missstände machen sie diese sicht- und bearbeitbar. Von einer sozialwissenschaftlichen Begleitung profitieren demnach nicht nur diejenige die Forderungen im öffentlichen Raum artikulieren, sondern auch die Gesellschaft als Ganze.

 

 

Das transformative Selbstexperiment in der Bewegungsforschung

14.01.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Sabrina Zajak erschien unter dem Titel “Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, S. 98-105. Sabrina Zajak ist Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- Bewegungsforschung. Sie ist Leiterin der Abteilung Konflikt und Konsens am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DEZIM-Institut) und Junior-Professorin für „Globalisierungskonflikte, Arbeit und sozialen Bewegungen“ am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum. Kontakt: zajak@dezim-institut.de.

Selten war Forschung so politisch wie heute. Was kann und soll Forschung leisten in Zeiten des Postfaktischen, zunehmender Radikalisierung und Entsolidarisierung? Und vor allem: wie kann dieser Beitrag aussehen?

Auf diese Frage gibt es in der Bewegungsforschung sehr unterschiedliche Antworten.

Auf der einen Seite plädieren Verfechter*innen einer engagierten und politischen Bewegungsforschung für eine stärkere partizipative und aktionsorientierte Forschung, die aktiv an sozialen Bewegungen teilnimmt und sich auf eine gemeinsame Theorieentwicklung zwischen Akademiker*innen und Aktivisten*innen einlässt (Hamm 2013). Sie kritisieren, dass sich Forscher*innen zu sehr von ihrem ‚Untersuchungsgegenstand‘ distanziert haben und kein bewegungsrelevantes Wissen produzieren (Choudry/Kapoor 2010). Sie fordern verschiedene Formen der Wissensgenerierung ernst zu nehmen, insbesondere auch ‚Bewegungswissen‘ selbst, um gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht einfach mit akademischem Wissen zu überschreiben (Cox 2015; Cox/Flesher Fominaya 2009). Es geht darum auch als Wissenschaftler*in Gesellschaft mitzugestalten und ihre normativen Grundlagen immer wieder zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite stehen Vertreter*innen, die auf wissenschaftliche Unabhängigkeit und Distanz beharren. Der gesellschaftliche Beitrag wissenschaftlicher Forschung liegt demnach allein auf der objektiven und evidenzbasierten Generierung von Wissen. Forscher*innen obliegen demnach dem Gebot der politischen Neutralität.

Diese Debatte ist weder neu noch auf die Bewegungsforschung beschränkt. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich seit jeher mit der Frage nach ihrem Wissenschaftsverständnis – in Anlehnung an und Abgrenzung zu den Naturwissenschaften. Diese Debatte um die Normativität und um den gesellschaftlichen Beitrag der Sozialwissenschaften wurde in Deutschland seit dem Positivismusstreit (kritischer Rationalismus versus kritische Theorie) in den 1960er Jahren immer wieder geführt (Adorno et al. 1978).

In der Bewegungsforschung sind die Gräben inzwischen besonders tief. Nicht nur weil ihr Untersuchungsgegenstand politisch ist und ihre medialen Aussagen auch die öffentlich-politische Wahrnehmung von sozialen Bewegungen prägen; sondern auch weil sich Protest- und Bewegungsforscher*innen häufig selbst als Teil einer Bewegung begreifen (Teune/Ullrich 2018). Das stellt die Legitimität der Bewegungsforschung auf den Prüfstand. Die einen sind der Ansicht, dass nur analytische Distanz und die Einhaltung wissenschaftlicher Neutralität und Objektivität es den Wissenschaftler*innen ermöglicht, zu zentralen bewegungsrelevanten Fragen öffentlich Stellung zu nehmen, ohne die eigene Legitimationsgrundlage als unabhängige/r Forscher*in aufs Spiel gesetzt zu haben. Auf die epistemische Autorität der Forschenden wird beharrt.

Die anderen kritisieren diese Forschung als vermachtet. Forscher*innen zögen aus ihren Untersuchungen nur den individuellen Nutzen der Karriereentwicklung. Sie plädieren für das Ausbrechen aus hierarchischen und standardisierten Formen der Wissensproduktionen, indem die privilegierte Position von Wissenschaftler*innen aufgelöst wird (Luchies 2015) (Diese Doppelrolle wird im Folgenden auch als Forschende/Aktive bezeichnet). Dies, so das Argument, ist zudem nötig, um überhaupt valides Wissen über soziale Bewegungen generieren zu können. Bewegungen sind schließlich fluide Gebilde und immer auch Orte der Wissensproduktion mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Gestaltung (Cox 2014; Della Porta/Pavan 2017). Deshalb, so das Kredo partizipativer und handlungsorientierter Forschung, kann man Bewegungen nicht sinnvoll von außen beforschen. Vielmehr sollte das Generieren gemeinsamen Wissens über gesellschaftliche Handlungszusammenhänge im Vordergrund stehen (Fuster 2009; Starodub 2015).

Allerdings ergibt sich daraus ein tautologisches Problem. Wenn ich Bewegungen partizipativ erforsche, in die ich bereits hineinsozialisiert wurde, deren Identitäten, Weltanschauung und Handlungspraktiken ich bereits teile und internalisiert habe – wie kann ich dann gemeinsame Wissenskonstruktion als solche erkennen und erforschen? Wie kann ich soziale Bewegungen kritisieren und über meine eigene Doppelrolle als Forschende und Aktive reflektieren? Dieses Dilemma wird in zahlreichen Abschlussarbeiten motivierter Studierender sichtbar, die das Handlungsgeschehen oder die gesellschaftliche Kritik einer Bewegung minutiös dokumentieren ohne aber ihre Beobachtungen analytisch-theoriebildend zu durchdenken.

Diese Frage stellt sich insbesondere, wenn gesellschaftsverändernde, präfigurative Handlungsweisen sozialer Bewegungen betrachtet werden (politischer Konsum, zero-waste, zero-plastic, degrowth, solidarisches Handeln). Präfiguratives Handeln zielt darauf ab, gesellschaftlichen Wandel mit Hilfe sozialer Praktiken zu erreichen, die normative Zukunftsentwürfe im alltäglichen Handeln verankern („live the change you want to see“; De Moor 2017; Butzlaff/Deflorian 2018.[i]). Haben sich aber soziale Praktiken in Alltagsroutinen verfestigt, ist es schwierig, Lernprozesse selbstreflexiv und rückwirkend zu erschießen. Und damit sind die zwei zentralen Fragen nach der Entstehung alternativer Handlungspraktiken und nach deren Diffusion partizipativ kaum erforschbar.

Den Brückenschlag wagen

Ich möchte hier das transformative Selbstexperiment als eine Möglichkeit vorstellen, dieses Dilemma zu lösen und damit gleichzeitig eine Brücke schlagen zwischen den oben angeführten sich gegenüberstehenden Wissenschaftslagern. Den Kern des Selbstexperiments bildet das kontinuierliche Reflektieren von Forschenden über ihre eigenen Handlungen, über die Selbsttransformation durch den Forschungsprozess und über die gesellschaftliche Rolle als politischem Subjekt. Im Verlauf des Selbstexperiments beobachten sich Forschende selbst bei der Wahl verschiedener Wissenskonstruktionspraktiken und in Interaktion mit anderen. Sie transformieren dieses Wissen in eigenes Handeln, womit es erfahrbar gemacht wird. Diese Erfahrungen erweitern letztlich den Wissenshorizont der Forschenden und ermöglichen verstehendes Erklären auf einer sehr grundlegenden Ebene. Gleichzeitig basiert diese Form der Wissensproduktion nicht auf Ausbeutungsverhältnissen und Machtasymmetrien, sondern auf gleichberechtigtem Dialog mit anderen.

Das transformative Selbstexperiment weist viele Gemeinsamkeiten mit partizipativer, aktionsorientierter Forschung (PAF) auf. Ähnlich wie in der PAF verschmelzen Forschungssubjekt und -objekt in einer Person und die/der Forschende wird selbst zur aktiv-handelnden Person; es wird neues Wissen auf nicht-hierarchische Weise und in Interaktion mit anderen generiert. Kontinuierlicher Wandel eigener Verhaltensweisen und Reflexion bilden den Kern der Wissensproduktion (Kemmis et al. 2013). Gleichzeitig ist ein solches Selbstexperiment transformativ, da es eine Form der Selbstermächtigung („empowerment“) und das Erfahren eigener, individueller und kollektiver politischer Gestaltungsmacht impliziert. Präfigurative Veränderungen bedeuten immer auch, in Aktivismus und soziale Bewegungen hineinzuwachsen und sein Umfeld dabei mitzugestalten. Dabei erlangt der/die Forschende/Aktive über ihre/seine Erfahrungen ein tiefes Verständnis des Verhältnisses individuellen und kollektiven Handelns und über die Möglichkeiten gesellschaftlicher Mitgestaltung – man rekonstituiert sich als neues akademisches und politisches Subjekt.

Gleichzeitig bietet der Ansatz ein experimentelles Setting und weist damit Elemente eines Feld- bzw. Umweltexperiments auf (Hamenstädt 2015). Experimente erfreuen sich innerhalb der Sozialwissenschaft zunehmender Beliebtheit, da mit ihnen Prozesse der Entscheidungsfindung analysiert werden (Gerber 2011). Interessanterweise kommen Experimente in der Bewegungsforschung nicht vor, obwohl Mikropraktiken der Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung sind; sowohl für die Entwicklung neuer sozialer Praktiken als auch für deren Verbreitung. Insbesondere praxis-orientierte soziale Bewegungen werden gerade von dem Wunsch angetrieben, breiten sozialen und politischen Wandel über Verhaltensänderungen zu erreichen (Yates 2015).

In einem Selbstexperiment wird dieselbe Person in verschiedenen Kontexten und Rahmenbedingungen untersucht – was bei experimentellen Designs auch als „within-subject-design“ bezeichnet wird.[ii] Im Unterschied zum experimentellen Setting wird diese Person jedoch nicht von einem/einer Forscher*in von außen beobachtet, sondern Forscher*in und Untersuchungsobjekt sind ein und dieselbe Person. Die Person soll eine Handlungspraxis wählen, die eine gewisse Distanz zum eigenen Alltag und Lebensstil aufweist. Der/die Forschende/Aktive sollte zu Beginn des Experimentes nicht Teil der dieser Praktik zugeordneten Bewegung sein.

Das Individuum und dessen Wandel von Alltagspraktiken als gelebter, selbst-transformativer Prozess ist Gegenstand der Untersuchung. Diese lebensweltliche Erfahrung sozialen Wandels (z.B. zu mehr Nachhaltigkeit, politischem Konsum, zero waste, degrowth oder solidarischem Verhalten) wird mit der Technik der Selbstbefragung dokumentiert. Lerneffekte, die Entscheidungen über eingeschlagene Wege der Wissensproduktion und Dilemmata, die sich im Umgang mit anderen aus der Verhaltensänderung ergeben, können erfahren, dokumentiert und analysiert werden.[iii] Diese Dokumentation ermöglicht wiederum intersubjektive Nachvollziehbarkeit.

Damit – so die These dieses Beitrags – leistet das transformative Selbstexperiment nicht nur einen Brückenschlag zwischen den sich gegenüberstehenden Forschungstraditionen. Es leistet ebenso einen Beitrag zur Transformation der Bewegungsforschung selbst, indem es neue Möglichkeiten der Verbindung von Forschung und Aktivismus eröffnet.

Im Folgenden werde ich ein paar methodische Bausteine beschreiben, die sich in dem Durchführen von Selbstexperimenten als geeignet herauskristallisiert haben, auch wenn der/die Forschende/Aktive in erster Linie selbst die Parameter seines/ihres Designs definiert und konstruiert. Dabei beziehe ich mich auf Selbstexperimente, die ich im Rahmen von Universitätsseminaren angeleitet und gemeinsam mit verschiedenen Gruppen Studierender als Lehrforschungsmodule an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt habe. Die gewählten Handlungspraktiken fielen dabei auf zero waste, zero plastic, zero social media und do-it-yourself. In Anlehnung an das Wechselspiel von Aktion und Reaktion in partizipatorisch-aktiver Forschung (Participatory Action Research, Reason/Bradbury 2001; Kemmis et al. 2013) bezeichne ich das Vorgehen als Reflexions-Aktions-Zyklus, bei dem sich Reflexionsphasen und Aktionsphasen abwechseln, gegenseitig bedingen und beeinflussen.

Der Reflexions-Aktions-Zyklus

Themenauswahl und Festlegung des experimentellen Settings

Der erste Schritt im Selbstexperiment ist die Festlegung des Themenbereichs, der eigenen Zielsetzung, des Zeithorizonts und der Intensität des angestrebten Wandels. Wie weit möchte ich von meinem bisherigen Verhalten abweichen? Möchte ich etwas für den Umweltschutz, die Menschenrechte, Geflüchtete, Diskriminierte, LGTB, oder allgemein etwas für globale Gerechtigkeit tun? Warum entscheide ich mich für einen bestimmten Bereich? Was weiß ich bisher und was sind meine Erwartungshaltungen?

Zunächst geht es um die Bestimmung der Ausgangsparameter und der eigenen Position zu dem Handlungsbereich. Wer zum Beispiel bereits strenger Vegetarier ist, kann leichter eine Verhaltensänderung in Richtung Veganismus vornehmen als ein*e regelmäßige*r Fleischesser*in. Dies ermöglich einen Vorher-Nachher-Vergleich sowie die Rekonstruktion des Prozessverlaufs. Dabei gilt: Je vertrauter mir eine Bewegung oder aktivistische Handlung ist, desto weniger muss ich mich ändern. Desto geringer sind aber gleichzeitig die persönlichen und akademischen Lerneffekte.[iv]

Reflexion und Wissensproduktion

Die erste Phase der Reflexion beginnt mit der Generierung von Wissen darüber, wie man sein Verhalten überhaupt ändern kann. Was genau muss getan werden und welche Schritte beinhaltet dies? Der/die Forschende/Aktive muss sich in der Regel verschiedene Wissensquellen erschließen, um für sich diese Fragen beantworten zu können. Dabei können die Strategien der Wissensgenerierung je nach Persönlichkeit, Umwelt und Handlungsbereich sehr unterschiedlich ausfallen. Die Aufzeichnung und Dokumentation dieser Strategien erlaubt wiederum eine Analyse der Prozesse individueller und kollektiver Wissensproduktion.

In unseren Fällen wurde schnell klar, dass die Lektüre wissenschaftlicher Texte zum Wandel sozialer Praktiken nur sehr bedingt hilfreich ist: Sie ist zu abstrakt, um daraus Bewertungsmaßstäbe und konkret Richtlinien für eigene Verhaltensänderungen zu generieren. Anregungen findet man vielmehr durch den Austausch mit anderen. Es geht also um eine kollaborative Wissensgenerierung über Social Media oder Blogeinträge in Gesprächen mit Personen, die den angestrebten Lebensstil leben oder in Diskussionen mit Freunden und Bekannten, die die gewählten Handlungspraktiken vielleicht nicht teilen, aber dennoch mit hilfreichen Tipps bei Seite stehen. Obwohl also im Selbstexperiment „doing it alone“ im Vordergrund steht, wird die soziale und kollektive Konstruktion von alternativen Handlungsweisen schnell deutlich (vgl. auch Garrison 2016).[v] Diese Lernprozesse werden in einem Reflexionstagebuch festgehalten. Was habe ich heute/diese Woche erlernt? Was funktioniert? Wo liegen die Grenzen meiner Gestaltungskraft und woraus ergeben sich diese? Inwiefern ändern sich meine Sichtweisen auf mein Thema und warum?

Aktionsphase

Aktion und Reflexion stehen in kontinuierlicher Wechselwirkung. Die Aktionselemente in dem Experimentzyklus beziehen sich auf die tatsächlichen Veränderungen im Alltag. Insbesondere der Beginn der Handlungsumstellungen stellt die Forschenden/Aktiven vor kontinuierliche Herausforderungen. Dazu zählen mangelnde Finanzen, mangelnde Zeit oder mangelndes Wissen. Die größten Herausforderungen ergeben sich allerdings in Interaktionssituationen: Das Gegenüber kann ablehnend oder irritiert auf die Handlungsänderung reagieren. Im eigenen Umfeld (mit Familie, Freunden, Bekannten, Kolleg*innen und Fremden) kommt es immer wieder zu Diskussionen und Auseinandersetzungen um die im Zentrum des Selbstexperiments stehenden Handlungspraktiken. Man wird immer wieder dazu gezwungen, sich zu entscheiden, ob man die eigenen Handlungspraktiken rechtfertigt oder jegliche Diskussion zu vermeiden versucht. Es stellt also eine Entscheidungssituation für alle Beteiligten dar, in der es möglicherweise zu einer Diffusion der Handlungspraktiken kommt. Dadurch werden Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung von sozialen Handlungspraktiken („leading by example to create change“; Jaster 2018) erfahrbar.

Hier wird wiederum auch ein Unterschied zu anderen partizipatorischen Ansätzen in der Bewegungsforschung deutlich. Solange sich der/die Forschende/Aktive innerhalb der zugehörigen Bewegung aufhält, und mit Gleichgesinnten umgibt, sind die Gelegenheiten in solche Dilemma-Situationen zu geraten, eher gering. In der Regel sind diese Gruppen eher homogen und haben einen gemeinsamen Lebensstil über Jahre hinweg entwickelt. Im Selbstexperiment kommt der/die Forschende/Aktive von außen und muss deshalb von anderen Aktiven lernen, dieses Wissen in Handlungspraktiken zu transformieren und gleichzeitig vermehrt seine Handlungen vor zweifelnden Dritten zu rechtfertigen. Darin steckt gerade das emanzipatorische, aber auch das analytische Potential dieses Ansatzes.

Gemeinsam Wissen produzieren

Ein wichtiger Bestandteil des Selbstexperimentes sind kollektive Reflexionsgespräche mit anderen Selbstexperimentierenden oder anderen Aktiven. Gegenstand der Gespräche ist der Austausch über die eigenen Zielsetzungen und möglicherweise notwendige Modifikationen. Wie verlief der Transformationsprozess bisher, wo kann ich mein Handeln doch nicht ändern? Gibt es neue Bereiche, in die ich mich vorwagen möchte? Welche Dilemmata konnte ich nicht lösen und von welchen Ansätzen kann ich lernen? Anstelle des Vergleichs verschiedener Treatment-Gruppen steht also der gegenseitige Austausch und die gemeinsame Reflexion. Dies stellt eine weitere Ebene der (Ko-)Produktion von Wissen dar. Entscheidungen, Ziele, Strategien und Handlungspraktiken weiter zu modifizieren, werden wiederum im Reflexionstagebuch dokumentiert. Reflexion bedeutet in diesem Zusammenhang nach den Gründen für diese Adaption und Modifikation zu suchen.

Auch am Ende des Experiments sollte ein gemeinsames Gespräch stehen. Dabei geht es um den persönlichen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn: Was lerne ich über die Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung dieser spezifischen Handlungspraktiken? Gerade im Vergleich der verschiedenen Erfahrungen lassen sich Rückschlüsse auf die Mikro-Mechanismen sozialen Wandels ziehen. In der Gruppe zero waste führte die Diskussion auch zu einer generellen Kritik an praxis-orientierten Bewegungen, da sich immer wieder gezeigt hat, wie schwierig die Umstellung auf keinen beziehungsweise sehr wenig Müll oder Plastik ist. Es wurde auch deutlich, dass die erprobten Verhaltensänderungen im eigenen Umfeld immer wieder auf Ablehnung trafen. Die Grenzen der Verbreitung neuer Handlungsweisen traten hervor. Gleichzeitig führten die eigenen Erfahrungen wiederholten Scheiterns in der Umsetzung zu Forderungen nach stärkerer politischer Steuerung seitens des Staates, zum Beispiel über die höhere Besteuerung von Plastik – Ideen, die zu Beginn des Experiments explizit abgelehnt wurden.

Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung

Seit der Aufklärung gibt es die Hoffnung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Ideen und Erfindungen gesellschaftlichen Fortschritt, Gerechtigkeit und Wohlstand bringen. Sozialen Bewegungen bergen ein großes kreatives Potential Vorstellungen von einer besseren und gerechteren Welt zu kreieren und sich direkt an die Umsetzung zu wagen. Doch welche Chancen und Möglichkeiten bieten diese Ideen bei der Verwirklichung in politischen und akademischen Prozessen? Bisher scheint es nur wenig Überschneidungen und Gemeinsamkeiten zwischen akademisch-distanzierten, methodologisch versierter Wissensproduktion und den lebensweltlichen Erfahrungen von sozialen Bewegungen zu geben. Zwar begreift sich die Bewegungsforschung in großen Teilen als eine politische Wissenschaft, die in vielen Fällen auch bemüht darum ist, die Trennung zwischen Wissenschaft und Bewegungen zu überbrücken, indem sie zwischen den Bereichen übersetzet und vermittelt. Dabei gehen jedoch auch immer wieder relevante Aspekte verloren oder sie werden auf Grund von mangelnder Distanz nicht sichtbar. Das Selbstexperiment schlägt insofern eine Brücke, als dass es einem (selbstdefinierten) Setup folgt, wodurch die Verschmelzung von Fremd- und Selbstbeobachtung zumindest graduell systematisch und transparent-nachvollziehbar erfolgt. Gleichzeitig transformiert das Selbstexperiment die Forschenden viel weitreichender als in anderen partizipativen Ansätzen, indem es zur politischen Subjektbildung des Forschenden einen unmittelbaren Beitrag leistet. Man könnte auch sagen: Bewegungsforschung wird noch politischer.[vi]

Dabei leistet das Selbstexperiment einen dreifachen Beitrag:

Erstens bietet das Selbstexperiment viele Möglichkeiten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns im Sinne einer Theorieentwicklung. Es ermöglicht Zugänge zur Erforschung von kulturellem und sozialem Wandel, die in der distanzierten Forschung von „außen“ nicht zur Verfügung stehen, da Forschende selten anwesend sind, wenn es zum Austausch über Handlungspraktiken mit Bekannten oder am Arbeitsplatz kommt.

Zweitens liefert das Selbstexperiments relevante Erkenntnisse für soziale Bewegungen und andere Interessierte. Es begegnet der von Aktivisten*innen vielfach geäußerten Kritik, dass die Bewegungsforschung kein brauchbares Wissen für Bewegungen liefert. Der/die Forschende/Aktive teilt seine/ihre Erfahrungen kontinuierlich mit Aktivist*innen und anderen und trägt damit zu allgemeinen Reflexionsprozessen bei. Dies geschieht nicht über die öffentliche Bereitstellung von Forschungsergebnissen, sondern durch den gegenseitigen Austausch über gelebte Erfahrungen. Dabei können die Erkenntnisse für die Bewegungen durchaus unbequem sein, indem Fragen nach der Realisierbarkeit von Zielen, der Wahl der Strategien, strukturellen Exklusionsmechanismen und dem Verhältnis von individuellem statt kollektivem Handeln immer wieder neu gestellt werden.

Drittens verändert es das Verständnis des politischen Auftrags der Bewegungsforschung. Der Ansatz ist transformativ in doppelter Hinsicht: Durch das radikale Aufgeben der Unterscheidung von Untersuchungssubjekten und –objekten, also von Forschenden und Beforschten, werden ausgetretene hierarchische Pfade der Wissensproduktion verlassen – und zwar in einer Weise, die es selbst in aktionsorientierter Forschung so nicht gibt, da es meistens doch die anderen sind, deren Handeln beobachtet und reflektiert wird. Gleichzeitig transformiert es die Forschenden selbst in ein politisches, gesellschaftsgestaltendes Subjekt, durch Elemente der Selbstermächtigung und Selbsterkenntnis. Das entwickelt das Verständnis der Bewegungsforschung als politische Wissenschaft über das zu Beginn beschriebene Verständnis hinaus, indem es neue Möglichkeiten der gesellschaftspolitischen Gestaltung erschließt.

Das transformative Selbstexperiment ist somit auch ein Experiment für die Bewegungsforschung, bei dem viele Fragen noch offen sind, wie zum Beispiel die nach den normativen Grundlagen oder Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit nicht-progressiven Bewegungen. Eine Verbreitung des Ansatzes könnte zur Weiterentwicklung und Klärung beitragen.

Literatur

Adorno, Theodor Wiesengrund/Dahrendorf, Ralf/Pilot, Harald/Albert, Hans/Habermas, Jürgen/Popper, Karl Raimund 1978: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand.

Butzlaff, Felix/Deflorian, Michael 2018: Prefigurative politics and party politics drifting apart: From modelling and institutionalizing to performing and experiencing an alternative social order; Papier präsentiert auf dem Weltsoziologiekongress(ISA) Toronto Juli 2018.

Burawoy, Michael 2005: For public sociology. In: American Sociological Review, Jg. 70, Heft 1, 4-28.

Choudry, Aziz/Kapoor, Dip 2010: Learning from the ground up: Global perspectives on social movements and knowledge production. In: Choudry, Aziz/Kapoor, Dip (Hg.): Learning from the Ground Up. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-13.

Cox, Laurence 2014: Movements making knowledge: a new wave of inspiration for sociology? In: Sociology, Jg. 48, Heft 5, 954-971.

Cox, Laurence 2015: Scholarship and activism: A social movements perspective. In: Studies in Social Justice, Jg. 9, Heft 1, 34-53.

Cox, Laurence/Flesher Fominaya, Cristina 2009: Movement knowledge: what do we know, how do we create knowledge and what do we do with it? In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 1-20.

Della Porta, Donatella/Pavan, Elena 2017: Repertoires of knowledge practices: social movements in times of crisis. In: Qualitative Research in Organizations and Management: An International Journal, Jg. 12, Heft 4, 297-314.

De Moor, Joost 2017: Lifestyle politics and the concept of political participation. In: Acta politica. International journal of political science, Jg. 52, Heft 2, 179-197.

Garfinkel, Harold 1973: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: Steinert, Heinz (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart: Klett, 280-293.

Jaster, Daniel 2018: Figurative Politics: How activists lead by example to create change. In: Mobilization: An International Quarterly, Jg. 23, Heft 1, 65-81.

Fuster Morell, Mayo 2009: Action research: mapping the nexus of research and political action. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 21-45

Garrison, Donn Randy 2016: Thinking collaboratively. Learning in a community of inquiry. New York: Routledge.

Gerber, Alan 2011: Field Experiments in Political Science. In: Druckman, James/Green, Donald/Kuklinski, James/Lupia, Arthur (Hg.): Cambridge Handbook of Experimental Political Science. Cambridge: Cambridge University Press, 115-138.

Hamm, Marion 2013: Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung und reflexiver Ethnographie. In: Binder, Beate/von Bose, Friedrich/Ebell, Katrin/Hess, Sabine/Keinz, Annika (Hg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot, 55-72.

Hamenstädt, Ulrich 2015: Experimentelle Politikwissenschaft. Über die Untersuchung von Entscheidungen in der experimentellen Forschung. In: Glatzmeier, Armin/Hilgert, Hendrik (Hg.): Entscheidungen. Geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge zu Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, 43-54.

Kemmis, Stephen/McTaggart, Robin/Nixon, Rhonda 2013: The action research planner: Doing critical participatory action research. Luxemburg: Springer Science & Business Media.

Luchies, Timothy 2015: Towards an insurrectionary power/knowledge: Movement-relevance, anti-oppression, prefiguration. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft: 5, 523-538.

Reason, Peter/Bradbury, Hilary 2001: Handbook of action research: Participative inquiry and practice Thousand Oaks: Sage.

Reckwitz, Andreas 2003: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive.. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4: 282-301

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg) 2008: Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: ein Handbuch. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Starodub, Alissa 2015: Post-representational epistemology in practice: processes of relational knowledge creation in autonomous social movements. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 7, Heft 2, 161-191.

Schneidewind, Uwe/Singer-Brodowski, Mandy 2014: Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018. Protestforschung mit politischem Auftrag? Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1–2: 418–25.

Yates, Luke 2015: Rethinking prefiguration: Alternatives, micropolitics and goals in social movements. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft 1: 1-21.

 

[i] Soziale Praktiken werden hier in kulturwissenschaftlicher Tradition als Ausdruck kollektiver Wissensordnungen (kulturelle Codes und Sinnzuschreibungen) verstanden (siehe z.B. Reckwitz 2003). Verhaltensänderungen sind also immer auch Versuche der Änderung kultureller Wissensordnungen. Im präfigurativen Handeln wird somit politischer Wandel zu kulturellem Wandel. Diese Elemente sind allen sozialen Bewegungen inhärent (Roth/Rucht 2008), in praxisorientierten Bewegungen allerdings besonders stark ausgeprägt.

[ii] Im Unterschied zu klassischen Experimenten gibt es keinen Vergleich zwischen Gruppen mit unterschiedlichen „treatments“. Allerdings ist das Durchführen eines Selbstexperiments in Gruppenzusammenhängen für den gemeinsamen Austausch empfehlenswert.

[iii] Insbesondere die Dilemma-Situationen weisen Ähnlichkeiten mit Garfinkels Krisenexperimenten auf (Garfinkel 1973), ohne dass allerdings Freund*innen/Bekannte gezielt mit einem Bruch sozialer Konventionen konfrontiert werden. Diese können nichtsdestotrotz das geänderte Verhalten als Provokation empfinden. Es zwingt sie dazu, sich befürwortend, ablehnend oder neutral zu positionieren.

[iv] Der Zeithorizont sollte ebenfalls klar festgehalten werden. In den verschiedenen Selbstexperimenten hat sich gezeigt, dass vier Wochen die Mindestdauer für ein Selbstexperiment sein sollte (besser 6-8 Wochen oder länger), da man diesen Zeithorizont mindestens benötigt, um neue Handlungspraktiken in den Alltag zu integrieren. Erst dann kann von einer Selbsttransformation im Sinne einer Änderung routinierter Handlungspraktiken gesprochen werden.

[v] Und liefert allein dadurch schon einen reichen Fundus für die Debatte zur Postpolitik und zu sozialen Bewegungen (de Moor 2017)

[vi] Zur Debatte um transformative Wissenschaft siehe z.B. Schneidewind und Singer-Brodowski 2014.

 

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Roundtable: Herausforderung empirische Polizeiforschung: Methodische und forschungsethische Perspektiven auf ein polarisiertes Forschungsfeld

10.01.2019

Als Abschluss eines (internen) Workshops des Arbeitskreises “Soziale Bewegungen und Polizei” im Januar zum Thema “Selektivität im Protest Policing II” gibt es einen Roundtable zum Thema “Herausforderung empirische Polizeiforschung: Methodische und forschungsethische Perspektiven auf ein polarisiertes Forschungsfeld”

Diskussionsteilnehmer*innen:

Christiane Howe (Humboldt-Universität Berlin), Fabien Jobard (CESDIP, Paris), Lars Ostermeier (Freie Universität Berlin), Peter Ullrich (Technische Universität Berlin), Moderation: Andrea Kretschmann (CMB)

Datum: 25.01.2019, 17:00 – 18:30 Uhr,

Ort: Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, 10117 Berlin, Georg-Simmel-Saal (3. Stock)

Gegenwartsbezogene empirische Polizeiforschung ist eine Herausforderung – mit vielfältigen erkenntnistheoretischen Implikationen. Die politische und soziale Bedeutung des
Forschungsgegenstandes für die Gesellschaft, die öffentlichen Auseinandersetzungen um das Auftreten der Polizeien, die wachsenden polizeilichen Anstrengungen proaktiver Medienarbeit,
polizeiliche Geheimhaltungsbedürfnisse und anderes mehr bilden eine schwierige Gemengelage, durch die Forschende navigieren und in der sie sich wissenschaftlich positionieren müssen. Polizeiforscher*innen haben das Kunststück zu meistern, sich zwischen unterschiedlichen Ansprüchen und Anrufungen nicht zerreiben zu lassen, bewegen sie sich doch in einem polarisierten Feld, in dem organisationale Repräsentationsansprüche auf der einen und eine kritische Öffentlichkeit auf der anderen Seite jeweils einen von vorn herein parteilichen Umgang einfordern.

Kurzum: Die Polizei als sozialwissenschaftlicher Gegenstand gehört zu jenen Themen, die recht klar zwischen „Forschung für“ und „Forschung über“ unterscheiden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Zugang zum Feld hochgradig selektiv und bleibt selbst noch in der Phase der empirischen Untersuchung vielfach unsicher. Vor diesem Hintergrund stellen sich zum einen forschungsethische Probleme, etwa wenn zu erwarten ist, dass die Position der Polizei und jene der Forschenden im Bereich der Abwägungen über die Effekte der Forschung weit auseinanderliegen. Zum anderen können sich methodisch unintendierte Effekte ergeben, u.a. durch organisationale Ansprüche einer genauen Offenlegung der Forschungsfragen und anvisierten Ergebnisse.

Der Roundtable diskutiert in interdisziplinärer Runde darüber, welche besonderen Probleme das Forschungsfeld Polizei aufwirft, welche Ambivalenzen ausgehalten werden müssen und welche Umgangsweisen Forschende diesbezüglich gefunden haben. Welches Verhältnisses bedarf es etwa zwischen Forschungsfeld und Forschenden und inwieweit passen Forschende ihre
Forschungsinteressen gegebenenfalls den Interessen der Institution Polizei an, um Zugang zum Feld zu erhalten? Welche Forschungshaltung brauchen Polizeiforscher*innen? Wie kann mit emotionalen, rechtlichen oder ethischen Grenzerfahrungen im Rahmen der Forschung, beispielsweise bei Konfrontationen mit Gewalt, Illegalität u.a., umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich die unerwünschten Effekte vermeiden oder zumindest gering halten?

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Call for Papers: Workshop Politics from below

09.01.2019

Protests and social movements are fuzzy objects to study. Scholars face a lack of clear boundaries, diversity-by-definition, and -often dramatic- changes over time. The field of social movement studies holds particular challenges to researchers with a view to getting the research design straight and becoming clear about the restrictions of an argument. These challenges contrast with the conditions of scientific production: the lion’s share of research on social movements and protests is realized in individual post-graduate projects. Scholars at this stage of their career tend to be isolated, they lack opportunities for exchange with peers, and their supervisors are more often than not specialized in an altogether different field.

The workshop Politics from below, to be held at TU Berlin on 8 July 2019, is hence designed to create a space for critical discussion and encouragement. During the one-day event, participants give and receive feedback on their work in the field of social movement and protest studies. They present central problems of their ongoing research and discuss them with colleagues at both early and advanced stages of their career.

To take part in the workshop in Berlin, send a 300-word abstract to info[at]protestinstitut.eu specifying a central problem you are struggling with in your research. The deadline to submit abstracts is 1 March 2019. Participants are informed by 15 March.

Please note that, as the workshop is a no-budget enterprise, there are no participation fees but also no funds for reimbursing travel costs.

The workshop is organized by
Institut für Protest- und Bewegungsforschung
AK Soziale Bewegungen der DVPW

Download CfP (pdf)

Foto: NightFlighttoVenus (cc by nc nd 2.0, via flickr)

Bericht zur ipb-Jahrestagung 2018 – “Der Kontext lokaler Proteste”

07.01.2019

„Der Kontext lokaler Proteste“ – Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung

Am 09. und 10. November 2018 fand am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin die dritte Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) statt. Rund 100 Teilnehmende diskutierten über den lokalen Rahmen von Protest und die Notwendigkeit, Konflikt in begrenzten geographischen Räumen zu betrachten, um die spezifische räumliche Einbettung als Erklärungsfaktor mit einzubeziehen.Ausgangspunkt der Tagung war die Beobachtung, dass zwar große, überregionale oder sogar transnationale Protestereignisse wie zuletzt die G20-Proteste in Hamburg das (mediale) Bild von Protest prägen, aber tatsächlich die überwiegende Zahl politischer Proteste auf einen lokalen Rahmen beschränkt bleibt. Lokale Ereignisse und Missstände bilden den Ausgangspunkt für Proteste, die Mobilisierung erfasst in den meisten Fällen nur einen sehr begrenzten geographischen Raum einer Region, einer Stadt oder eines Stadtteils. Folglich haben lokale Gelegenheitsstrukturen einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit und den Verlauf von Protest.

Wie beeinflussen lokale Ereignisse und Strukturen das Auftreten und die Dynamik von Protest? Welche Beziehungen bestehen zwischen lokalen und nicht-lokalen Protesten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen lokalen Protesten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten?

Diese und andere Fragen standen im Fokus von insgesamt 13 Paneldiskussionen, die zu einem wesentlichen Teil von den Arbeitskreisen des Instituts organisiert wurden[1]. Konkret ging es um die Rolle von Medien in lokalen Protesten, Konflikte um Migration und Asyl, Atomkraft, Landwirtschaft, städtische Bewegungen, autonome Bewegungen und die Interaktion mit der Politik bzw. der zwischen rechten und linken Bewegungen.

Protest und Medien im lokalen Kontext

Das vom Arbeitskreis Medien organisierte Panel Protest und Medien im lokalen Kontext umfasste drei Vorträge von Simon Teune (Berlin) über „Mobilisierende Heimatbilder“, Sigrid Kannengießer (Bremen) über „Medien und translokale aktivistische Netzwerke“ und Mark Dang-Anh (Mannheim) über „Synthetische Situationen im urbanen Protestraum“. In den drei Vorträgen ging es aus unterschiedlicher Perspektive um das Lokale am Protest und die Relevanz unterschiedlicher Medien. Simon Teune berichtete über die Anti-AKW-Bewegung, die gegen die Zerstörung des lokalen Raums, der „Heimat“ durch den rücksichtslosen technologischen Fortschritt (hier: Atomkraftwerke) protestieren. Sigrid Kannengießer zeigte anhand von zwei Gruppierungen, wie Medien zur Vernetzung, Mobilisierung und Koordination von Aktivist*innen gebraucht und auch verändert (acting on media) werden. Mark Dang-Anh erläuterte, wie lokaler (urbaner) Protest durch Twitter-Kommunikation synthetische Situationen schafft, die über die spezifische Präsenz von Personen hinausgehen.

Lokale Konflikte um Migration und Asyl

Das Panel Lokale Konflikte um Migration und Asyl befasste sich mit unterschiedlichen Mobilisierungen in einem spezifischen Konfliktfeld. Dabei zeigte sich, dass Konflikte um Migration und Asyl oft sehr eng mit lokal-spezifischen Gegebenheiten, Dynamiken und Akteurskonstellationen zusammenhängen. So analysierte Leslie Gauditz (Bremen) in ihrem Beitrag transnationale Flüchtlingsunterstützung in Athen und hinterfragte dabei bestehende Zuschreibungen lokaler Zugehörigkeit. Julia Glathe (Berlin) untersuchte rechtsextreme Allianzen und Legitimationsprozesse in der Protestbewegung gegen die deutsche Flüchtlingspolitik in Cottbus. Sophie Hinger (Osnabrück) stellte Ergebnisse einer Untersuchung vor zu Protesten gegen Abschiebungen und verdeutlichte ihrem starken lokalen Bezug an zwei Fallbeispielen in Osnabrück. Im Rahmen der Jahrestagung konstituierte sich ein neuer AK, der sich aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit Protest und Migrationsphänomenen befasst.[2]

Städtische Bewegungen – von links, von rechts

Proteste in Städten sind in der Regel von konkreten Anlässen (Veränderung der Nachbarschaft, steigende Mieten, Abbau öffentlicher Angebote etc.) motiviert, ihre Forderungen darauf bezogen, ihre Lebensdauer kurz und ihre Erfolge flüchtig. Bewegungen versuchen, punktuelle Proteste zu verknüpfen, sie in einen Rahmen gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen zu stellen und längerfristige Transformationsperspektiven zu verankern. Der Impuls für die Politisierung lokaler Problemlagen scheint momentan vor allem von rechten und autoritären Bewegungen auszugehen. Stimmt dieser Eindruck und wenn ja, warum ist das so? Mit welchen Strategien und Deutungen treten Bewegungen an städtische Konflikte heran? Diese und weitere Fragen wurden in zwei Diskussionsrunden des vom AK Stadt/Raum organisierten Doppelpanels Von Betroffenheit zu Kämpfen – ein Vergleich linker und rechter städtischer Bewegungen mit insgesamt sechs Beiträgen diskutiert.

Im ersten Teil standen Fragen der Organisierung und Organisierungsangebote seitens verschiedener Bewegungen im Mittelpunkt. Robert Maruschke (Berlin) wendete sich eingangs gegen den Eindruck, Bewegungshandeln stünde am Ende einer aufsteigenden Entwicklung zunehmender Organisierung oder aber einer Kanalisierung spontaner Widerstände. Organisierung, etwa in Form von Verantwortungsübernahme und -zuteilung, finde hingegen immer statt, wenn Akteur_innen kollektiv auftreten. Sie kann jedoch, so ergab die Diskussion, sehr wohl verschiedenes bedeuten, stärker ‚von unten‘ oder stärker ‚von oben‘ ausgehen. Bewegungserfolge, die gerade auf schwachen organisatorischen Bindungen fußen, dokumentierte Maik Fielitz (Hamburg) anhand einer Studie über die extreme Rechte im Landkreis Lörrach im Schwarzwald. In der prosperierenden ländlichen Region haben sich überregionale Ereignisse (die bundesweite Diskussion um die Aufnahme Geflüchteter), die Intervention von Schweizer Rechtspopulisten und die sozialen Netze als Katalysator lokaler Mobilisierungen von rechts erwiesen. Dass sich Organisierung nicht immer klar in solche von rechts oder links unterscheiden lässt, sondern Bündnisse quer zu diesen politischen Trennlinien entstehen können, machte der Beitrag von Peter Bescherer (Jena) deutlich. Anhand des Konflikts um einen Garagenhof in Leipzig arbeitete er Brüche heraus, die sich beim Versuch der AfD, lokale Proteste der Betroffenen aufzugreifen und zu verbreitern, beobachten lassen. Im Umkehrschluss wäre zu überlegen, wie eine (radikal-) demokratische Politisierung unaufgeregt an die Erfahrungen des urbanen Alltags und die darin zum Ausdruck kommenden Bedürfnisse anknüpfen kann, um als Korrektiv politisch-medialer Dramatisierungsversuche zu wirken.

Die Beiträge im zweiten Teil des Panels rückten strategische Diskurse und mediale Bezüge in den Blickpunkt der Debatte. Lisa Vollmer (Weimar) und Ulrike Hamann (Berlin) stellten Praktiken der „inneren Organisierung“ zur Diskussion, mittels derer die Berliner Mieter_innenbewegung versucht, politische Kollektivitäten zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein dabei ist es etwa, Betroffenheiten zu vergemeinschaften, aber auch von ihnen zu abstrahieren und soziale und politische Praktiken – vom Kuchenbacken bis zum Flugblattmachen – gleichwertig zu behandeln. Dennoch kann die Bewegung unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nur begrenzt Einfluss nehmen und befindet sich gegenüber der Rechten in einer schwächeren Position, da deren Forderungen anschlussfähiger an neoliberale Hegemonien seien. Valentin Domann (Berlin) wies demgegenüber auf eine Verschiebung im Selbstverständnis rechter Bewegungen und Parteien „von Elite zu Masse“ hin, die mit einer Distanz zum Markradikalismus sowie veränderten Raumbezügen einhergehe. So habe sich in Westberlin ein rechtes Mediennetzwerk etabliert, das seine Deutung eines lokalen Konflikts – auf einer zum Park umgedeuteten Brachfläche sollte eine Flüchtlingsunterkunft entstehen – popularisieren konnte: „AfD fordert Bürgerbeteiligung“. Abschließend rekonstruierte Johannes Richter den Diskurs der sächsischen CDU, die das Bundesland seit 1990 ununterbrochen regiert, zu Pegida einerseits und dem Bündnis Dresden Nazifrei andererseits. Er stellte diskursive Strategien der Entdifferenzierung im Fall von Dresden Nazifrei (nach dem Motto: „das sind alles Linksextreme“) und der Differenzierung (in besorgte Bürger, Populisten und Rechtsextreme) im Fall von Pegida heraus.

Autonome und anarchistische Bewegungen

Das Panel Autonome und anarchistische Bewegungen setzte sich mit der Praxis selbstorganisierter Basisinitiativen und Bewegungen in verschiedenen geographischen Kontexten auseinander. Oft aufgrund der fehlenden medialen Berichterstattung vernachlässigt, standen hier konkrete Akteure im Blick, die präfigurativ mit neuen Formen des Zusammenlebens experimentieren und sich – im Gegensatz zu linken Massenbewegungen – in horizontalen und lokal verankerten Strukturen gegen Ausbeutung und Repression von staatlicher Seite organisieren. Den Auftakt übernahm Raina Zimmermann (Berlin), die mit ihrem Porträt der zapatistischen Bewegungen die Bedeutung autonomer Räume für eine breitere gesellschaftliche Transformation aufzeigte. Ricardo Kaufer (Göttingen) schilderte Entstehungskontext und Verlauf der anarchistischen Kampagne Ausbruch, Aufbruch, Anarchie, die als eine Reaktion auf staatliche Repression im Frühsommer 2017 ein solidarisches Zeichen setzen wollte, und ordnete sie in den Kontext anarchistischer Aktivitäten in Deutschland ein. Im dritten Vortrag stellte Maria del Carmen Mayer (Frankfurt) ihre Forschung zu Stadtteilinitiativen am Mailänder Stadtrand vor. Anhand ethnographischer Forschungen präsentierte sie Einblicke in die Zusammensetzung und Organisationsstruktur jener selbstverwalteten Gruppen, die sich primär aufgrund einer fehlenden sozialen Wohnungspolitik u.a. durch Besetzungen selbst praktische Lösungen suchen und finden.

Fukushima und Orte des Protests in Japan

Mit dem Panel Sayonara Atomkraft – Fukushima und Orte des Protests in Japan war auch die Japanologie vertreten. Das Panel bot eine japanologisch-kulturwissenschaftliche Analyse der jüngeren Anti-Atom-Protestbewegungen in Japan nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011. Das Panel bestand aus drei Beiträgen: Damian David  Jungmann (Frankfurt) bot Einblicke in die Zeitgeschichte japanischer  Protestbewegungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Andres Singler (Mainz)  berichtete über seine langjährigen journalistischen Recherchen zu  Anti-Atom-Bewegungen nach „Fukushima“ und Christian Chappelow (Frankfurt) diskutierte  abschließend in kommentierten Lesungen Poetik und Funktion literarischen Anti-Atom-Protests. Entsprechend des Leitthemas der Konferenz standen in der anschließenden Diskussion Bedingungen und  Möglichkeiten lokalen Protests in Japan im Vordergrund, wie auch  grundlegender die Vorurteile einer protestfreien japanischen  Nachkriegsgesellschaft sowie die Einbindung der Atomthematik in breitere Diskurse um demokratische und technikethische Verantwortung in Japan nach 2011.

Lokale Proteste – staatstheoretisch betrachtet

Das Panel Bewegung auf der Straße | im Staat | im Recht – Neue Strukturen und Terrains der Auseinandersetzung diskutierte darüber wie sich gesellschaftstheoretische Ansätze – insbesondere aus dem Bereich der materialistischen Rechts- und Staatstheorie – für die Analyse lokaler Proteste verbinden lassen. Carolina Vestena (Kassel) begann mit einer rechtstheoretischen Perspektive auf die Widerstände gegen die Austeritätspolitik in Portugal, die sich in großem Ausmaß auf der Straße Bahn brachen, aber auch in den Entscheidungen des Verfassungsgerichts sichtbar wurden. Dieses kippte nicht nur die „Sparhaushalte“, sondern erklärte auch einzelne Maßnahmen für verfassungswidrig. Martin Sarnow (Kiel) folgte mit Ausführungen zu munizipalistischen Plattformen in Katalonien. Er stellte einerseits die Entstehung der munizipalistischen Listen im Kontext der Anti-Austeritätsproteste, aber auch der langen Geschichte kollektiver Selbstorganisierung dar und fragte nach den Perspektiven und Grenzen dieses „Angriffs auf die Institutionen“. Den Abschluss bildete Norma Tiedemann (Kassel) mit ihrer Darstellung der „Neuen Munizipalismen in Südosteuropa“ und der Frage ob und inwiefern diese als Brüche einer zunehmend autoritär-neoliberal werdenden Staatlichkeit in ganz Europa verstanden werden können. Sie ordnete die Formierung von „Bewegungsparteien“ und das Experimentieren mit partei-förmigen Formaten durch soziale Bewegungen in einen sich zuspitzenden Widerspruch zwischen Kapitalismus und Demokratie ein.

Transnationalisierung des Lokalen: Umweltbewegungen

Neben den Spezifika lokaler Protestformen, war auch die Verbindung lokaler und globaler Zusammenhänge ein wiederkehrendes Thema.

Das Panel Lokaler Umweltprotest thematisierte die Proteste von Umweltbewegungen in Österreich, Ungarn und der Türkei. In den Vorträgen wurden lokale Umweltproteste als mehrdimensionale und multiskalare Phänomen verstanden. Dies gilt sowohl für ihre Entstehungsbedingungen, als auch für ihre komplexen Auswirkungen. Transnationalisierungsprozesse, Themenausweitung und das Hinzukommen neuer Akteur_innen sowie Gegenbewegungen waren für alle Bewegungen konstitutiv. Ayhan Bilgin (Artvin) zeigte am Beispiel von Protesten gegen Goldminen in zwei türkischen Regionen, dass die Bedrohung der Existenzgrundlagen lokaler Gemeinschaften zwar ein erstes Motiv der Proteste der lokalen Bevölkerung war, später jedoch die Themen zu globalen Meta-Themen wie Neoliberalismus, Imperialismus oder Demokratiequalität ausgeweitet wurden und sich damit auch das Akteursfeld ausweitete. Maria Buck (Innsbruck) veranschaulichte anhand der Alpenschutzbewegung in Tirol, die seit den 1970er Jahren gegen Umweltverschmutzung an der „Brenner“-Autobahn protestiert, wie der EU-Beitritt Österreichs den Protest hin zu einer stärkeren Adressierung der EU veränderte. Daniela Neubacher (Budapest) beobachtete divergierenden Formen der Transnationalisierung von Protest in den Staaten des „Warschauer Pakts“ bei den „Donauprotesten“ gegen den Bau von Staudämmen.

Einen spezifischen Strand der Umweltbewegung diskutierte auch das Panel Transnationale Verbindungen lokaler Proteste. Der Widerstand gegen die transgene Landwirtschaft in Südamerika. Thema waren die sozialen und politischen Konflikte um die transgene Landwirtschaft, die seit ihrer Einführung im Jahr 1996 in den USA und in Südamerika massiv ausgeweitet wird und Rohstoffe für die Produktion von Futtermitteln und Biokraftstoffen auch in Europa liefert. Die Vortragenden analysierten lokale Proteste in Brasilien und Argentinien, zweitgrößter und drittgrößter Produzent von genveränderten Pflanzen weltweit. Die ersten beiden Vortragenden Renata Motta (Berlin) und Markus Rauchecker (Berlin) fokussierten auf den Protest gegen die gentechnisch veränderte Organismen und Pestizide. Der dritte Vortragende, Mario Schenk (Berlin), präsentierte Landkonflikte, die durch den Anbau transgenen Sojas indirekt ausgelöst werden.  Die Beiträge zeigten, dass (trans-) nationale Allianzen mit Umwelt-NGOs und Wissenschaftler_innen und internationale Organisationen in lokalen Konflikten eine wichtige Rolle für die Wissensproduktion spielen. Allerdings benachteiligt die von staatlichen Akteuren nachgefragte Form des Wissens in schriftlicher und beglaubigter Form die Kleinbauern, deren Wissen nur mündlich existiert und eben nur vor Ort abgefragt werden kann. Die Beiträge des Panels machten klar, dass lokale Protestgruppen von der unterschiedlichen Unterstützung durch externe Akteure profitierten, aber auch dass die Zusammenarbeit an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden müsse.

Das Panel Lokale und globale Proteste vereinte drei sehr unterschiedliche Beiträge, die jeweils das Zusammenspiel mehrerer Ebenen in der Analyse von Protestereignisse in den Blick nahmen. Jan Matti Dollbaum (Bremen) gab zum Auftakt einen Einblick in seine Forschung zu Auswirkungen nationaler Protestwellen auf lokalen politischen Aktivismus in vier russischen Städten. Besonderer Fokus lag dabei auf den unterschiedlichen Organisationsprozessen während nationaler Protestwellen und deren Einfluss auf Einheit bzw. Fragmentierung von lokalen Bewegungsmilieus. Im Anschluss präsentierte Daniel Mikesz (Budapest) seine Arbeit zur Umweltbewegung in Ungarn. Er machte dabei deutlich, dass es bislang nicht gelungen ist, an eine globale Bewegung anzuknüpfen und Umweltproteste nahezu ausschließlich bei lokaler Betroffenheit als sogenannte „NIMBY“ Proteste erfolgen. Abschließend führte der Historiker Julian Lahner (Innsbruck) in seine Analyse eines Protestmarsches aus dem Jahre 1790 in Roveretto ein. Hierbei unterstrich er die Rolle spezifischer lokaler Verwaltungsstrukturen und administrativer Grenzen auf Exklusion und daraus resultierende Protest von Wanderarbeitern in der Region. Trotz bzw. möglicherweise gerade aufgrund ihrer Diversität in geographischer, theoretischer und methodischer Hinsicht führten die Beiträge zu einer anregenden Diskussion über die Vorzüge und Herausforderungen, Proteste mit Bezugnahme auf verschiedene (Verwaltungs-)Ebenen zu analysieren.

Die Polizei als lokaler Kontextfaktor

Ein wesentlicher, lokaler Kontextfaktor von Protest ist das Handeln der Polizei. Auf die G20 Proteste in Hamburg fokussiert, beschäftigte sich die Panels Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten mit den sozialen Bedingungen des polizeilichen Umgangs mit Protest (Organisation: AK Soziale Bewegungen und PolizeiAusführlicher Bericht). Peter Ullrich (Berlin) diskutierte die Frage, wie viel Einheitlichkeit polizeilichem Handeln bei Protestereignissen und seinen Grundlagen unterstellt werden dürfe. Mit einem Blick auf die internationale Polizeizusammenarbeit, sensibilisierte Hartmut Aden (Berlin) dafür, dass es sich bei der Polizei selbst schon um einen äußerst heterogenen Akteur handelt, was intraorganisationale Spannungen, lokale Unterschiede und Brüche zur Folge habe. Im zweiten Panel des Tracks wurden Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Mapping #NoG20“ präsentiert. Nils Schumacher (Hamburg) zeigte, dass die Protest-Polizei-Interaktion im Rahmen der Proteste trotz der Außeralltäglichkeit des Gipfels, seiner Einbettung in transnationale politische Diskurse und einer starken Beteiligung von Personen aus dem  In- und Ausland nicht zu verstehen sei, ohne auch die spezifische lokale Rahmung in Betracht zu ziehen. So seien sowohl die Deutungs- und Handlungsrepertoires, die Zusammensetzung und die Verbindungen der verschiedenen lokalen Protestmilieus als auch das Vorgehen der Politik und der Polizei zutiefst geprägt vom lokalgeschichtlichen Kontext, insbesondere von den immer wieder auftretenden Auseinandersetzungen um Raum (u.a. Rote Flora). Auch die anderen Vorträge von Philipp Knopp (Wien) und Roman Thurn (München) verwiesen auf die lokalspezifische Einsatztaktik der Polizei bei Demonstrationen („Hamburger Linie“).

Protestbefragungen ‑ methodische Herausforderungen

Ziel des Panels Protestbefragungen ‑ methodische Herausforderungen war ein Austausch über Erfahrungen mit Protestbefragungen. Ausgangspunkt der Diskussion war dabei vor allem die Beobachtung, dass – trotz überwiegend positiver Reaktionen während der Demonstration – Rücklaufquoten bei den letzten vom ipb durchgeführten Online-Befragungen sehr niedrig waren und dadurch beispielsweise bei der Befragung der „We’ll come united“-Demonstration in Hamburg keine repräsentativen Aussagen über die Teilnehmer_innen der Demonstration mehr möglich waren. Die Rücklaufquote bei der Verteilung von Papierfragebögen ist dagegen deutlich höher. Da Befragungen mit gedruckten Fragebögen allerdings sehr hohe Kosten verursachen und zudem eine relativ langfristige Planung erfordern, wurde länger über Alternativen diskutiert. Vorgeschlagen wurde dabei insbesondere die Möglichkeit direkter Befragungen vor Ort, per App oder Fragebogen: Eine solche Strategie lässt sich allerdings nur bei stationären Kundgebungen realisieren. Bei laufenden Demonstrationen könne nur ein stark reduzierter Fragebogen zum Einsatz kommen. Fraglich ist auch, ob eine solche Strategie zu einem zusätzlichen Selektionsbias führt. Diskutiert wurde zudem eine Kombination von Befragungen vor Ort und Online-Befragungen, die aber nur funktioniere, wenn die Befragten bereit seien, einen E-Mail-Kontakt anzugeben, was zu schwerwiegenden Problemen hinsichtlich der Anonymität der Daten führt. Vor diesem Hintergrund wurden technische Möglichkeiten der anonymen Kontaktaufnahme erörtert.

Vorstellung ipb-Projekt „Lokale Konfliktkonstellationen“

Ein zentraler Moment auf der Tagung war die Vorstellung des ipb-Projekts „Lokale Konfliktkonstellationen“. Der Gedanke dabei ist, neue Möglichkeiten kollektiver Wissensproduktion jenseits der üblichen Antragslogik zu entwickeln. Dazu wurde das Konzept eines kollaborativen Projekts vorgestellt und diskutiert. In dem Projekt soll es um eine vergleichende Erforschung der Kontextbedingungen lokaler Konflikte und Proteste gehen. Ankerpunkt bildet ein Konzept welches für die Erforschung zwei Berliner Stadtteile entwickelt wurde. Hauptpunkt der Diskussion war die Übertragbarkeit des theoretischen und methodologischen Ansatzes als eine Art Musterforschungsdesign auf andere Städte Deutschlands aber auch auf den internationalen Bereich, insbesondere Südamerika. Im Gespräch wurden Kooperationsmöglichkeiten und Optionen für die Durchführung von Qualifikationsarbeiten diskutiert.

Diskussion: Protestforschung, politische Positionierung, politischer Auftrag

Zum Abschluss der Tagung diskutierten die Teilnehmer_innen unter dem Motto Protestforschung, politische Positionierung, politischer Auftrag. Nach einer kurzen Einführung von Sebastian Haunss (Bremen) stellten Simon Teune (Berlin) und Peter Ullrich (Berlin) vier Thesen zur Diskussion:

  1. Die Diskussion um die politische Dimension von Protestforschung muss immer die Rahmenbedingungen und den Wandel des wissenschaftlichen Feldes berücksichtigen. Prägende Merkmale sind Projektförmigkeit, Konkurrenz und Nachfrage nach spezifischer Expertise.
  2. Protestforscher_innen können sich nicht nicht Eine Wertfreiheit ist angesichts des Gegenstands nicht möglich. Stattdessen sollte Bewegungsforschung transparent sein und ihre Rahmenbedingungen und Interessen offenlegen.
  3. Die Bewegungsforschung ist oft zu stark auf ihren unmittelbaren Gegenstand fixiert. Eine Auseinandersetzung über das Feld hinaus und eine Stärkung theoretischer und methodischer ist wünschenswert.
  4. Notwendig ist nicht nur eine wissenschaftliche Diskussion der Forschungsergebnisse, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den sich wandelnden Ansprüchen und Kontexten der wissenschaftlichen Produktion im Sinne von Metadiskussionen.

Öffentliche Diskussionsveranstaltung: Rechte Proteste und lokale Gegenmobilisierung

Dieter Rucht, Sabrina Zajak, Theresa Hartmann, Johannes Richter

Am Freitagabend diskutierten Theresa Hartmann vom Bündnis #Unteilbar und Johannes Richter von der Courage Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit in Dresden mit ipb-Vorstand Dieter Rucht und Moderatorin Sabrina Zajak über mögliche Wechselwirkungen von rechten Protesten und Gegenprotesten (→ ausführlicher Bericht). Die #unteilbar-Demonstration in Berlin zog Zehntausende auf die Straße. Auch in München, Chemnitz und anderswo stellen sich lokale Protestbündnisse rechten Mobilisierungen und rechter Stimmungsmache entgegen. Welche Wirkungen gehen von diesen Gegenprotesten aus? Die direkte Gegenüberstellung führe unter Demonstrierenden beider Seiten zu einer starken Emotionalisierung der Debatte und letztlich zu einer Stärkung kollektiver Identitäten, so die Vermutung. Offen sei dabei inwieweit diese konflikthafte Aufladung der Proteste Mobilisierungsprozesse außerhalb der Kerngruppen begünstige oder erschwere. In der Bewertung war man sich einig: Lokale Gegenproteste haben eine unmittelbare Wirkungskraft, da diese zum Teil rechte Kundgebungen verhinderten oder zumindest deutlich einschränkten.

Insgesamt wurden auf der Jahrestagung viele Varianten und Facetten, theoretische und empirische Zugänge zu den Kontexten lokaler Proteste diskutiert. Die Beiträge zeigten, dass die Hinwendung zu konkreten, lokal verankerten Formen von Protest notwendig ist, es wurde aber auch deutlich, dass es kaum Theorieangebote gibt, die konzeptionell die vielfältigen Ausdrucksformen und Forschungsperspektiven auf lokale Proteste zusammenbringen könnten.

 

Der Bericht basiert auf den Zusammenfassungen der Panelverantwortlichen. Vielen herzlichen Dank an Maik Fielitz, Philipp Knopp, Armin Scholl, Peter Bescherer, Norma Tiedemann, Christian Chappelow, Verena Stern, Melanie Kryst, Elias Steinhilper, Bernadette Hof und Markus Rauchecker.

 

[1] Mittlerweile sind 13 Arbeitskreise im Institut für Protest- und Bewegungsforschung organisiert. Die Beteiligung an den Aktivitäten der Arbeitskreise ist jederzeit möglich.

[2]  Ziel des AK Migration (vorläufiger Name) ist es, Forscher_innen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Mobilisierungen, Konflikten und Migrationsphänomenen beschäftigen, zusammenzubringen. Der AK soll als Grundlage für gemeinsame Aktivitäten wie Workshops sowie als Vernetzung für potentielle gemeinsame Projekte und Publikationen dienen. Dabei ist auch eine Zusammenarbeit mit anderen AKs des ipb (wie dem AK Stadt/Raum oder dem AK Rechte Protestmobilisierungen) vorgesehen. Thematisch Interessierte sind herzlich eingeladen, den AK aktiv mitzugestalten!

Zwei Promotionsstellen zu Protest und sozialen Bewegungen bei ipb-Kollegin Priska Daphi in Bielefeld

19.12.2018

Bei ipb-Kollegin und Vorstandsmitglied Priska Daphi sind an der Professur für Konfliktsoziologie der Universität Bielefeld zwei Promotionsstellen zu besetzen.  Die Arbeitsgruppe der Professur befasst sich mit Konflikten im Kontext von Globalisierung und Migration mit einem Fokus auf politische Partizipation, zivilgesellschaftliches Engagement und soziale Bewegungen.

Erwartet wird ein dezidiertes Interesse an einer Promotion zu sozialen Bewegungen und Protest im Kontext von Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozessen, beziehungsweise zu Polarisierung und Protest in Europa. Neben Forschungstätigkeiten (70 %) beinhalten die Stellen Aufgaben im Bereich der Lehre (20 %) und der Selbstverwaltung (10 %).  Es handelt sich um Teilzeitstellen im Umfang von 65 %. Bewerbungsfrist ist jeweils der 13. Januar 2019.

Weitere Informationen gibt es auf der Seite der Universität Bielefeld:

Stelle 1: http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/Anzeigen/Wiss/wiss18322.pdf

Stelle 2: http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/Anzeigen/Wiss/wiss18325.pdf

Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten – Bericht von der ipb-Jahrestagung 2018

18.12.2018

Bericht zum Track “Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten” der ipb-Jahrestagung 2018 “Der Kontext lokaler Proteste” von Bernadette Hof (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Soziologie)

Der G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 führte zu heftigen öffentlichen Debatten, wobei der Fokus der Diskussion vor allem auf den gewaltförmigen Eskalationen zwischen Protestteilnehmenden und der Polizei während der Protestwoche lag. Im Zuge der Suche nach Erklärungen wurde die Legitimität einiger Protestformen in Frage gestellt, doch gerade auch die polizeilichen Vorgehensweisen standen in der Kritik. Kritisiert wurden sowohl vorbereitende Einsatzentscheidungen wie die Einrichtung einer großflächigen Protestverbotszone, die Verhinderung von Protestcamps oder die Ankündigung einer Null-Toleranz-Strategie gegenüber „Störern“ als auch die Durchführung des Einsatzes selbst, was sich unter anderem in Verweisen auf illegale Polizeigewalt ausdrückt. Solche Vorgehensweisen und Ereignisse im Rahmen von Gipfelprotesten sind nicht neu, sie treten jedoch auch nicht zwangsläufig auf. Verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen widmen sich der Frage nach den sozialen Bedingungen, welche den polizeilichen Umgang mit Protesten formieren. Die Kriminologie und die Protest- und Gewaltforschung bieten hier verschiedene Erklärungsansätze an. Diese umfassen sowohl gesellschaftsübergreifende Diagnosen gegenwärtiger Praxis des protest bzw. summit policing als auch Verweise auf die Bedeutung lokaler Kontexte wie Sicherheitskulturen und Beziehungsnetzwerke oder kleinteiliger Situations- und Interaktionsdynamiken. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, wie sich diese verschiedenen Dimensionen aus- und wie sie zusammenwirken und damit situationsübergreifende Einheitlichkeit, aber eben auch Varianzen im protest policing hervorbringen. Ausgehend von den Hamburger Ereignissen stand diese Frage im Zentrum des Tracks „Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten“, welcher von Daniela Hunold (Deutsche Hochschule der Polizei, Münster & Institut für Protest- und Bewegungsforschung)  und Peter Ullrich (Zentrum für Technik und Gesellschaft, Berlin & Institut für Protest- und Bewegungsforschung) im Rahmen der Jahrestagung „Der Kontext lokaler Proteste“ des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (09.11-10.11.2018, Berlin) organisiert wurde.

Peter Ullrich (Berlin) eröffnete das erste Panel mit einem Themenaufriss in Form einer kritischen Diskussion der Frage, wie viel Einheitlichkeit polizeilichem Handeln bei Protestereignissen und seinen Grundlagen eigentlich unterstellt werden dürfe. Dazu formulierte er auf Basis gegenwärtiger Forschungsarbeiten zum protest policing mehrere Thesen, die eine höhere Varianzsensibilität in der Forschung nahelegen und damit die Perspektive auch auf lokale Produktionskontexte polizeilichen Handelns richten. So seien erstens zentrale Typisierungen dieses Handelns und seiner Operationslogiken, wie sie zum Beispiel in den Unterscheidungen zwischen einem Ansatz der “escalative force”, des “negotiated management“ und der strategic incapacitation” oder jener zwischen einer Staats- und einer Bürgerpolizei deutlich werden und welche in der Regel Ergebnisse (zumindest implizit) historisch-vergleichender Untersuchungen sind, nicht unbedingt als lineare, in sich geschlossenen historische Abfolgen zu denken, sondern als Logiken, die kontextabhänging mobilisiert werden. Zweitens können Forschungen bereits zeigen, dass diese und damit einhergehende Einsatzmittel wie Techniken oder Beobachtungsschemata kontextsensibel übersetzt und angeeignet werden. Hierbei seien drittens situative Faktoren bedeutsam, was durch die Einsicht nahegelegt werde, dass solche Anwendungen nicht (nur) ein Gegenstand von Planung sind, sondern oftmals in situ entschieden werden. Viertens sei zudem die oft implizit mitgeführte Prämisse einer grundsätzlich bedrohlichen Entwicklung der Polizei, unter anderem durch Militarisierungsprozesse, im Sinne einer Standortreflexion kritisch zu hinterfragen, da Differenzen (z.B. in Hinblick auf unterschiedliche Vulnerabilität der Zielgruppen polizeilichen Handelns) durchaus empirisch beobachtbar seien. Die äußerst notwendige Kritik autoritärer Tendenzen, so Ullrich, dürfe nicht die analytische Offenheit einschränken.

Im Anschluss folgte ein Vortrag von Hartmut Aden (Berlin) zu protest policing und internationaler Polizeizusammenarbeit. Aden sensibilisierte dafür, dass es sich bei der Polizei selbst um einen äußerst heterogenen Akteur handelt, was intraorganisationale Spannungen und Brüche zur Folge habe. Um Erkenntnisse zu den Besonderheiten der Polizeizusammenarbeit, insbesondere des polizeilichen Informationsaustauschs bei politischen Großveranstaltungen wie Gipfelprotesten zu erhalten, sei ein Vergleich mit der Zusammenarbeit bei Sportgroßveranstaltungen fruchtbar, welche bereits gut erforscht sei. Relevante Vergleichsdimensionen seien die beteiligten Polizeidienststellen, die Momente ihrer Beteiligung in der Zusammenarbeit, die jeweiligen Aufgaben (Kommunikation, Kontrolle oder verdeckte Ermittlung), die Art der ausgetauschten Informationen sowie ihre Arkanität. Dabei falle auf, dass sich politische Gipfeltreffen vor allem durch eine starke Priorisierung eines reibungslosen Ablaufs und der Sicherheit der GipfelteilnehmerInnen, weitreichende Grundrechtseinschränkungen, den Einsatz von Undercover-Taktiken und einen hohen Geheimhaltungsgrad der Informationen auszeichnen, was wiederum eine Erforschung sehr schwierig mache. Gleichzeitig wird diskutiert, dass eine strenge Unterscheidung polizeilicher Zusammenarbeit nach Typen von Großveranstaltungen zu vermeiden sei, da polizeiliche Routinen aus einem Feld durchaus Einfluss auf die Praxis in anderen nehmen können.

Im zweiten Panel des Tracks wurden Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Mapping #NoG20“ präsentiert, in welchem die Fragen des Panels kontinuierlich Anlass zur Diskussion boten, was an den Hamburger Ereignissen eigentlich typisch für Hamburg war. Nach einer kurzen Einführung zum Projekt von Peter Ullrich (Berlin), welches zum Verständnis der Gewalteskalation im Kontext der G20-Proteste auf eine Rekonstruktion der Ausgangskonstellationen, des Protestverlaufs und die ihn moderierenden Akteure, Interaktionen, Handlungslogiken und Deutungen abzielte, folgte ein Beitrag von Nils Schumacher (Hamburg). Dieser stellte in seinem Vortrag die These auf, dass die Protest-Polizei-Interaktion im Rahmen der Proteste trotz der Außeralltäglichkeit des Gipfels, seiner Einbettung in transnationale politische Diskurse und einer starken Beteiligung von Personen aus dem In- und Ausland nicht zu verstehen sei, ohne auch die spezifische lokale Rahmung in Betracht zu ziehen. So seien sowohl die Deutungs- und Handlungsrepertoires und die Verbindungen der verschiedenen lokalen Protestmilieus als auch das Vorgehen der Politik und der Polizei zutiefst geprägt vom lokalgeschichtlichen Kontext, insbesondere von den immer wieder auftretenden Auseinandersetzungen um Raum. Prominente Beispiele seien hier die Konflikte um die Rote Flora oder den Bauwagenplatz Bambule. Dabei, und dieser Aspekt stand im Zentrum des Vortrags, seien die lokalen politischen Milieus selbst äußerst heterogen, was sich in je spezifischen Geschichten, Deutungen und Handlungspraktiken ausdrücke. Ihr Ineinandergreifen sei situativ und basierend auf Anschlussfähigkeit von Ereignissen an die milieuspezifischen Konfigurationen. Diese Befunde führte Schumacher in der These zusammen, dass es sich bei der beobachtbaren Protestformation um ein „Mashup“ verschiedener Handlungs- und Deutungsrepertoires handele, welche gegen Annahmen der geplanten und hierarchisch gesteuerten Kooperation und einer Einheitlichkeit der Protestteilnehmenden in Stellung gebracht wird. Im Anschluss wurde diskutiert, inwiefern dies polizeilichen Beobachtungen entspricht und welche Protesterfahrungen diesen wiederum zugrunde liegen.

An den Aspekt lokalspezifischer Handlungsrepertoires schloss auch der Vortrag von Philipp Knopp (Wien) an. Seine Frage lautete, ob und inwieweit sich der Polizeieinsatz zu den G20-Protesten mit den Konzepten „Summit Policing“ und „Hamburger Linie“ erklären lasse. In der polizeilichen Einsatzplanung und –durchführung, so Knopp, lassen sich Elemente aus beiden Strategien identifizieren. Wer die Eskalation des Geschehens erklären möchte, müsse aber, so die zentrale These, auf das „Dazwischen“ der interaktiven Praktiken achten. Das Konzept der Praktiken verbinde dabei eingeübte Handlungsrepertoires von Protest und Polizei mit dem lokalen Ereignis, in welchem sie aufgeführt werden. So werden auch das Ungeplante und die Abweichungen von routinierten Mustern sowie die dadurch entstehenden Unsicherheiten für die Akteure sichtbar und systematischer Teil der Analyse. Polizeiliche Strategien und Routinen seien somit nur ein Bedingungsgefüge des situativen Vollzugs, in welchem Beharrungskraft, Brüche und Scheitern auftauchen und verhandelt werden.

In einem letzten Vortrag von Roman Thurn (München) wurde das policing von Protestcamps im Rahmen von Gipfelprotesten thematisiert. Anhand der Auseinandersetzungen um das Antikapitalistische Protestcamp anlässlich des G20-Gipfels, welche am 04. Juli 2017 in einer vorzeitigen Auflösung des Camps durch die VeranstalterInnen aufgrund polizeilicher Behinderungen mündeten, könne gezeigt werden, dass rechtliche Unbestimmtheiten im Versammlungsrecht ein Einfallstor für lokale polizeiliche Deutungsmuster als primäre Entscheidungsgrundlage für den Umgang mit Protestcamps darstellen. So habe das Versammlungsrecht bei aktuellen hybriden Protestformen, bei denen öffentliche Meinungskundgabe und alltägliche, als privat gedeutete Praktiken nicht voneinander getrennt werden können, Schwierigkeiten, Erwartungssicherheit zu gewährleisten. Der Konflikt um die Genehmigung des antikapitalistischen Protestcamps zeige dies deutlich: So waren weniger die polizeilichen Gefahrenprognosen Gegenstand der juristischen Verhandlungen, sondern die Frage, inwiefern die Infrastruktur des Camps, insbesondere Schlafzelte sowie Veranstaltungen ohne direkten Bezug zum G20-Gipfel als Bestandteil der Meinungskundgabe zu bewerten seien und ob und inwieweit das Camp damit unter den Schutz der Versammlungsfreiheit falle. Die Rechtsunsicherheit aufgrund laufender Verfahren und eine uneinheitliche juristische Anerkennung von Campelementen als Protestbestandteile habe schließlich einen Handlungsspielraum für Unterbindungen des Camps seitens der Polizei eröffnet, welche das Camp vor allem als Rückzugsraum für Störer und damit als Gefahrenquelle beobachtete.

Insgesamt wurde geschlussfolgert, dass die polizeiliche Behandlung von Protesten nur angemessen verstanden werden könne, wenn sowohl übergreifende Entwicklungsmuster wie Militarisierung, Technisierung oder Präventionsorientierung als auch lokalspezifische Merkmale polizeilicher Praxis in ihrem Zusammenspiel reflektiert werden. Zudem seien auch verschiedene sachliche Handlungslogiken für die polizeiliche Praxis prägend und so lasse sich diese auch nicht nur aus rechtlichen Prinzipien ableiten. Gleichzeitig erscheint die Gipfelkonferenz aufgrund ihrer staatstragenden Funktion und ihrer TeilnehmerInnen als spezifisches Ereignis, welches die polizeiliche Praxis eher nach den Prinzipien einer Staatspolizei formiere, was demnach jedoch nicht für alle (politischen) Großveranstaltungen gelten müsse. Schließlich gelten diese komplexen Reflexionsverhältnisse ebenso für die Gestaltung von Protesten, was sowohl in der Bewegungsforschung als auch in der polizeilichen Praxis zu berücksichtigen sei. Die Diskussion soll in dem am 25.01.2019 am Centre Marc Bloch stattfindenden workshop „Selektivität im Protest Policing II“ fortgesetzt werden.

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Rezension: Daphi/Deitelhoff/Teune/Rucht 2017 – Protest in Bewegung?

17.12.2018

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

 Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Es folgt nun Luca Tratschin mit einer Rezension zu Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Baden-Baden: Nomos. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Protest in Bewegung!“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Der von Priska Daphi, Nicole Deitelhoff, Dieter Rucht und Simon Teune herausgegebene Sonderband der Zeitschrift Leviathan wirft mit seinem Titel die Frage nach „Protest in Bewegung“ auf. Damit ist zweierlei gemeint: Zum einen fragt er nach Bewegung im Sinne eines Wandels, dem Protest in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten unterlegen ist. So wird auf die historische Dimension des Interesses verwiesen, das dem Sonderband zugrunde liegt. Zum anderen fragt er spezifisch nach Protesten, die sozialen Bewegungen zuzuschreiben sind. Damit thematisiert der Titel auch eine gegenstandsbezogene Einschränkung: Es interessieren nicht alle Proteste, sondern nur diejenigen, mit denen soziale Bewegungen ihre Anliegen öffentlich darstellen. Ein weiterer entscheidender Zuschnitt des Sonderbandes kann durch den Titel nicht mehr transportiert werden: Die Beiträge fokussieren – mit einer Ausnahme – die Veränderung von Bewegungsprotesten, an denen in Deutschland ansässige Protestakteure beteiligt sind. Die Frage nach Protest in Bewegung trägt somit zusätzlich einen nationalen Index.

Bestandsaufnahme seit den 1990ern

Die Leitthese des Bandes geht davon aus, dass sich mit den großen sozioökonomischen und geopolitischen Verschiebungen seit Ende der 1980er Jahre auch „die politische Ausdrucksform verändert hat“ (11). Die Beiträge des Sonderbandes loten Veränderungen der Inhalte, Formen und Effekte von Protesten im Zeitraum der vergangenen 30 Jahre aus, die sich am Beispiel deutscher Protestgruppierungen ablesen lassen. Die These, dass sich Proteste und ihre Effekte geändert haben, wird im Vorwort mit Verweis auf veränderte gesellschaftliche Kontextbedingungen überzeugend plausibilisiert. Dafür werden Diagnosen des postdemokratischen Zustands liberaler Demokratien, die zunehmende Relevanz von Mehrebenenregimen und Prozesse der Digitalisierung angeführt.
Der Sonderband ist in drei Themenblöcke strukturiert: Der erste Block versammelt Studien, die Proteste im Kontext von Transnationalisierung und Mehrebenensystemen betrachten. Dagegen werden im zweiten Teil Proteste sozialer Bewegungen vor dem Hintergrund der Diagnose eines postdemokratischen Zustands politischer Systeme analysiert. Im dritten und letzten Block werden schließlich kulturelle Dimensionen von Protesten seit den 1990er Jahren untersucht. Die Studien werden durch eine Einleitung und ein resümierendes Schlusskapitel der HerausgeberInnen eingeklammert und bieten dem Leser beziehungsweise der Leserin einen hilfreichen Orientierungsrahmen.

Transnationalisierung und Mehrebenenregime

In der Einleitung diskutieren Rucht und Teune Dimensionen von Protest, an denen sich seit den 1980er Jahren Kontinuitäten und Veränderungen ablesen lassen. Die Autoren greifen hierbei auf eigene Einschätzungen und bestehende Forschungsbefunde zurück und erarbeiten so eine Kontrastfolie, mit der die folgenden Einzelstudien abgeglichen werden können. An diese einleitende Rahmung schließen Beiträge an, die Proteste im Kontext von Transnationalisierung und Mehrebenensystemen untersuchen. Regina Becker und Swen Hutter analysieren zum Beispiel anhand einer Protestereignisanalyse, wie sich das Ausmaß und die Formen der Europäisierung der deutschen Protestarena im Zeitraum zwischen dem Maastrichter Vertrag und der Eurokrise entwickelt haben. Ein Kernbefund ihrer Analyse ist zum Beispiel, dass Protestereignisse mit einem thematischen Bezug zur Europäisierung zwar einen festen Bestandteil der deutschen Protestlandschaft darstellen, letztere aber keineswegs dominieren. Weiterhin stellen sie – im Kontrast zu früheren Befunden – fest, dass Proteste mit Bezug zum europäischen Integrationsprozess, sich typischerweise nicht an nationale, sondern an supranationale Adressaten richten. Melanie Kryst und Sabrina Zajak zeigen in ihrem Beitrag, dass sich bei Bewegungsprotesten zwar eine stärkere Tendenz beobachten lässt, Marktakteure zu adressieren, ohne jedoch staatliche Akteure aus den Augen zu verlieren. Sie zeichnen das Bild einer verbreiteten Doppelstrategie nach, die staats- und marktzentrierte Adressierungsstrategien miteinander kombiniert.

(Post-)Demokratie

Im zweiten Block sind Aufsätze versammelt, die Bewegungsproteste in Bezug zu Diagnosen einer Post-Demokratie setzen. Insgesamt lassen sich die Beiträge als Relativierungen simpler Entdemokratisierungs- und Entpolitisierungsdiagnosen lesen. So argumentiert zum Beispiel Oliver Nachtwey, dass es sich bei den Occupy-Protesten um ein Phänomen handelt, das als Ausdruck eines neuen sozialen Konfliktes verstanden werden sollte, in dem die demokratische und soziale Frage miteinander verknüpft seien und die Artikulation von „Citizenship“ im Zentrum stünden (162f.). Man hat es entsprechend mit einer gehaltvollen Politisierung krisenbetroffener demokratischer Gemeinwesen zu tun. Sigrid Baringhorst und ihre Mit-Autorinnen thematisieren dagegen das Potential digitaler Technologien für Protestartikulation. Sie zerstreuen hierbei das Bild eines folgenlosen digitalen „Faulenzeraktivismus“ und weisen darauf hin, dass man es oft mit Hybridkampagnen zu tun hat, die Offline- und Online-Praktiken miteinander verschränken. Die Autorinnen argumentieren überzeugend, dass die wachsende Bedeutung von Online-Kommunikation keineswegs die Diagnose einer postdemokratischen Partizipation erlaube.

Protestkulturen im Wandel

Im dritten und letzten Block sind Beiträge gebündelt, die den Wandel und die Differenzen von Protestkulturen untersuchen. Als Botschaft lässt sich mitnehmen, dass Protest sich im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte zu einer normalen Form politischer Teilnahme entwickelt hat und dass Proteste durch ihren nationalstaatlichen Kontext weiterhin geprägt werden. In diesem Sinne lässt sich Lisa Beckmanns und Christian Lahusens Studie zum Wandel von Protestformen in Ost- und Westdeutschland im Zeitraum von 1990 bis 2013 lesen. Sie kommen zum Schluss, dass die ursprünglich bestehenden Differenzen der Proteste zwischen Ost und West abgenommen haben und in beiden Landeshälften Protest zu einer normalen Form der politischen Beteiligung geworden sind. Sieglinde Rosenberger und ihre Mit-Autorinnen analysieren Differenzen in Abschiebe-Protest-Kulturen zwischen Deutschland und Österreich. Sie kommen zum Resultat, dass die politischen Kontextfaktoren der beiden Länder unterschiedliche Protestmerkmale erklären. Sie stellen hierbei fest, dass die Einzelfall- und Implementierungsorientierung in Österreich ausgeprägt ist und sich im Gegensatz dazu in Deutschland die Kritik am Abschieberegime als relevanter erweist. Ebenfalls kommen sie zum Schluss, dass die typischen Protestakteure in Österreich und Deutschland divergieren: In Österreich sind besonders nichtorganisierte Bürgerinnen und Bürger relevante Akteure, während in Deutschland Aktivistinnen und Aktivisten von größerer Bedeutung sind. Dieter Rink zeigt in seinem Beitrag schließlich, wie sich die Montagsdemonstration als Protestparadigma in Leipzig entwickelt hat. Dabei zeichnet er nach, wie die Montagsdemonstration nach der Revolution von 1989 in Leipzig durch Arbeits- und Sozialproteste, Friedensproteste und durch rechte Mobilisierungen sowie linke Gegenmobilisierungen angeeignet wurden. Rink hält im Rahmen seiner Diskussion fest, dass das Protestparadigma der Montagsdemonstration in das gesamtdeutsche Protestgeschehen Eingang gefunden habe.

Willkommene Rückschau und Bündelung

Wie von einem Sammelwerk nicht anders zu erwarten, streuen die konkreten Interessen und Problemstellungen der einzelnen Beiträge weiter, als es die plausibel gewählten Themenblöcke zunächst nahelegen. Deshalb liefert der abschließende Beitrag von Daphi und Deitelhoff eine willkommene Rückschau und Gewichtung der Beiträge. Diese werden entlang der thematischen Schwerpunkte von Transnationalisierung und Entpolitisierung gebündelt. Bezüglich Transnationalisierung stellen die Autorinnen fest, dass Proteste zwar zunehmend eine transnationale Dimension aufweisen, dies sich jedoch nicht als ein Nullsummenspiel im Verhältnis zu nationalen oder lokalen Bezügen begreifen lässt. Vielmehr vermischten sich transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests 309). Im Zusammenhang der Frage nach der Entpolitisierung, also der Entleerung des Protestes von politischen Inhalten (311) beobachten die Autorinnen eine Normalisierung, die sich unter anderem anhand von Tendenzen der Diversifizierung, Spezialisierung und breiten Bündnissen von Protest zeigt. Die Autorinnen sehen den Bezug zu Entpolitisierung hierbei darin, dass Proteste entweder durch NIMBY-Anliegen partikularisiert werden (Diversifizierung und Spezialisierung) oder an inhaltlicher Kontur verlieren können (breite Bündnisse). Sie halten jedoch fest, dass sich trotz dieser Tendenzen auch Phänomene der Re-Politisierung feststellen lassen. Damit meinen sie, dass Proteste nach wie vor „kollektive Forderungen im Sinne des Gemeinwohls erheben und systemkritische Fragen stellen“ (314). Eine überzeugende Diagnose ist hierbei, dass die (Re-)Politisierung von Protest sich besonders durch eine – zumindest partielle – Abkehr von postmaterialistischen Werten und Hinwendung zu Verteilungsproblematiken kennzeichnet. Auffällig an der abschließenden Klammer ist, dass eine eigenständige Diskussion der Digitalisierung im Rahmen eines Subkapitels ausbleibt. Aspekte computervermittelter Kommunikation werden zwar im Zusammenhang von Transnationalisierung und Entpolitisierung mitdiskutiert, finden aber selbst keine eigenständige Würdigung, was angesichts des aufgespannten Horizontes des Vorwortes und der Einleitung etwas überrascht. Dies muss man keineswegs als Problem sehen. Einschlägig interessierte Leserinnen und Leser, die die Erträge des Bandes vor dem Hintergrund des zu Beginn aufgespannten Kontextes (Mehrebenenregime, Postdemokratie, Digitalisierung) sichten, könnten allerdings in dieser Hinsicht etwas enttäuscht werden.

Breiter Interessenzuschnitt, Reichtum an empirischen Einsichten

Der Sonderband plädiert für empirische Forschung zur Veränderung von Protest unter Bedingungen von Transnationalisierung, (post-)demokratischen Entwicklungen und Digitalisierung. Unter Rückgriff auf diese etablierten Diagnosen beansprucht er, mit seinen Beiträgen Grundlagen einer in der Zeitdimension sensibilisierten Auseinandersetzung gelegt zu haben. Dieser Interessenzuschnitt ist offensichtlich relativ breit: Er erlaubt es prinzipiell, Studien mit divergierenden theoretischen und methodischen Präferenzen unter einem gemeinsamen Nenner zu versammeln. Diese „Masterrahmung“ des Forschungsinteresses bietet selbst die Chance, eine Vielzahl von Forscherinnen und Forschern ins Gespräch zu bringen und breite Allianzen herzustellen. Sie birgt aber auch die Gefahr einer relativ assoziativen Verknüpfung beziehungsweise Zusammenstellung von Beiträgen, die hinsichtlich Problemstellungen und konzeptuellen Entscheidungen nur schwach integriert werden können. Ob der gewählte Zuschnitt in Zukunft einen belastbaren kollektiven Arbeitszusammenhang zu stiften vermag, ist eine offene Frage. Sein Anspruch, einen Beitrag für die Bestandsaufnahme der Entwicklung von Protest in den zurückliegenden Jahren zu leisten, löst der Band jedoch ein und liefert dabei einen Reichtum an empirischen Einsichten.

Photo by Alex Radelich on Unsplash

Britta Baumgarten (1975-2018)

13.12.2018

Am 17. Oktober 2018 ist unsere Kollegin, Freundin und Weggefährtin Britta Baumgarten nach längerer Krankheit viel zu früh verstorben.

Ihr besonderes Interesse an der Protest- und Bewegungsforschung verfolgte Britta bereits während ihres Soziologiestudiums an der Universität Bielefeld. Eine mehrmonatige Forschung über Zivilgesellschaft in Ecuador resultierte in ihrer Diplomarbeit. Anschließend arbeitete sie ab 2002 für vier Jahre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in dem EU-Projekt Contentious Politics of Unemployment in Europe (UNEMPOL), das sich mit Arbeitslosigkeit und der politischen Partizipation Arbeitsloser befasste (Lahusen/Baumgarten 2010). Sie brachte sich nicht nur mit großem Engagement in die vielfältigen Aufgaben eines kollaborativen Forschungskontextes ein, sondern entwickelte vor allem einen ansteckenden Enthusiasmus für Fragen des kollektiven Protesthandelns benachteiligter Menschen. Ihre Arbeit war dabei einem rigorosen wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet. Besonders aber zeichnete sie während der Feldforschungen und der Auswertungen ein hohes Maß an Sensibilität aus; sie wollte der Lebenswirklichkeit der Arbeitslosen gerecht werden. Die Mitarbeit in einem internationalen Forschungsprojekt entsprach ganz ihrem Naturell, denn als offener und sehr neugieriger Mensch hatte sie eine Gabe für kulturübergreifende Kooperationen.

Im August 2008 kam sie in die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In der Gruppe übernahm sie eine konstruktive und loyale Rolle, vertrat aber auch selbstbewusst und wenn nötig mit Nachdruck ihre Positionen. Zu Beginn war sie noch mit der Arbeit an dem Buch beschäftigt, das aus ihrer Dissertation hervorgehen sollte (Baumgarten 2010), die sie an der Universität Duisburg-Essen 2009 abschloss. Gleichzeitig orientierte sie sich in der transnationalen Dynamik von Armut und politischer Mobilisierung neu. Dieses Interesse brachte sie in das VW-Projekt The Transnationalization of Struggles for Recognition ein, in dem sie den Doktorand*innen mit ihrer einfühlsamen Kritik eine wertvolle Unterstützung war. Uns Kolleg*innen erwies sich Britta in den Pausen immer wieder als aufmerksame und unterhaltsame Gesprächspartnerin. Unter anderem ging es um ihren – allgemein unterschätzten – Wohnbezirk Moabit. Als sich in der Kneipe im Erdgeschoss ihres Wohnhauses mit den „Bürgern in Angst Moabit“ eine rechtspopulistische Nachbarschaftszelle bildete, besuchte Britta mehrere Treffen, um zu verstehen, was die Menschen dort bewegte. Dieses Motiv begeisterte sie auch an der Methode der Demonstrationsbefragung, an der sie bei einer Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 beteiligt war (Baumgarten/Rucht 2013). Von den Hartz IV-Gegner*innen bis zu den „Wutbürger*innen“ ging es ihr darum, die Stimmungen und Haltungen der Menschen zu verstehen und für andere greifbar zu machen. Offenheit war Britta ebenso wichtig wie die grundsätzliche Akzeptanz anderer Positionen.

Britta verlagerte 2010 ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Portugal. Sie war sich bewusst, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kam, um den Verlauf der Anti-Austeritätsbewegungen in Portugal zu beforschen. Noch 2011 musste Lissabon Notkredite beantragen und stand danach für vier Jahre unter fiskalischer Kontrolle der Gläubiger-Troika. Britta arbeitete in ihren Projekten nicht nur über die aktuellen Entwicklungen zu Krisenprotesten und gesellschaftlichen Auswirkungen der Austeritätspolitik in Portugal (Baumgarten 2012), sondern auch vergleichend im lusophonen Sprach- und Kulturraum zu sozialen Bewegungen von Arbeitslosen in Brasilien. In dem Zusammenhang absolvierte sie 2013 einen Forschungsaufenthalt an der Federal University of Santa Catarina, Florianópolis in Brasilien, und hielt engen Austausch mit ihren brasilianischen Kolleg*innen. Darüber hinaus interessierte sie sich für die transnationalen Kooperationsformen von sozialen Bewegungen und die politische Partizipation von Gruppen, die gewöhnlich von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen bleiben. Zu den Ergebnissen dieser Arbeiten zählen verschiedene viel beachtete Artikel wie „Geração à Rasca and beyond“ (Baumgarten 2013) und – im Zusammenhang mit Kontinuitätslinien und Erinnerungen in sozialen Bewegungen – ihr Aufsatz „The children of the Carnation Revolution? “ (Baumgarten 2017a).

Seit ihrer Ankunft am CIES-IUL (Centre for Research and Studies in Sociology am Lisbon University Institute) – ausgerechnet dem Institut, an dem sie bereits während des Studiums ihr ERASMUS Semester absolviert hatte – integrierte sich Britta sozial und professionell schnell in das portugiesische Universitätssystem, allerdings nicht ohne ihrem eigenen Anspruch entsprechend selbst ihren neuen Schaffensort mitzugestalten. Sie organisierte in kollaborativen Formaten mit diversen Kolleg*innen öffentliche Seminarreihen, Workshops und Konferenzen. Es ging ihr dabei darum, einerseits soziale Bewegung und Protest verständlich und lebensnah an die Universität zu holen und andererseits eine konstruktiv-kritische, aber auch inspirierende Diskurskultur mit zu kreieren. Sie betreute Abschlussarbeiten von Student*innen und war dabei als anspruchsvolle und enorm unterstützende Betreuerin beliebt.

Doch Britta forschte nicht nur international, sie war auch sehr präsent in internationalen Forschungsnetzwerken, darunter dem Research Committee on Social Movements and Social Classes des internationalen Soziologieverbandes. Zuletzt war sie im Sommer 2018 auf dem Weltsoziologiekongress in Toronto vertreten. Voller Elan und Zuversicht wollte sie sich in die Planungen für den nächsten Forumsprozess in Porto Alegre Brasilien stürzen – ein Ort, der ihr als Forscherin und Aktivistin vertraut war. Auch dort werden sie ihre über die ganze Welt verstreuten Freund*innen vermissen.

Selbst aus großer Entfernung verfolgte Britta als aktives Mitglied der ersten Stunde die Aktivitäten des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Wann immer sie es einrichten konnte, war sie bei uns. Schon vor der Gründung des ipb war Britta in einschlägigen Netzwerken der Bewegungsforschungs-Landschaft aktiv. Hierzu zählte das DFG-Nachwuchsnetzwerk „Neue Perspektiven auf soziale Bewegungen und Protest“, das von 2010 bis 2014 gefördert wurde. Neben ihrer sehr engagierten Beteiligung an den verschiedenen Arbeitstreffen des Netzwerkes und einem Beitrag zu Foucault in der Bewegungsforschung (Baumgarten/Ullrich 2016) war Britta Ko-Herausgeberin eines Sammelbandes zum Konzept der Kultur in der Bewegungsforschung (Baumgarten et al. 2014). Ihr Interesse galt dabei speziell den lokalen und nationalen kulturellen Besonderheiten, die sich im Kontext der Globalisierung erhalten oder sogar verstärken. Ihre Thesen und Interessen diskutierte sie bei den Buchworkshops immer mit großer Konzentration. Nicht zuletzt hat Britta dabei auch mit ihrer Offenheit und Großzügigkeit beeindruckt, speziell im Kontext der langen Herausgeber*innensitzungen an ihrem Küchentisch im verregneten Lissabon.

Ihr konstantes Interesse an den Themen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit trieb sie in den vergangenen Jahren verstärkt auch als Betroffene auf die Straßen Lissabons, mit dem Anliegen die eigenen prekären Arbeitsbedingungen anzuprangern. Damit war sie selbst Teil einer sozialen Bewegung, die die Arbeitssituation von Akademiker*innen in Portugal zum Anlass für Protest nahm, weil sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge Mangelware sind und (sozialwissenschaftliche) Forschung chronisch unterbezahlt ist.

Britta erhielt nicht nur viel Wertschätzung von akademischen Kolleg*innen, sondern war durch ihre zahllosen Teilnahmen an Demonstrationen in Portugal auch als solidarische und engagierte Begleiterin bei Aktivist*innen anerkannt und beliebt. Sie wusste jedoch ihre verschiedenen Rollen auseinanderzuhalten. So gelang es ihr, beobachtende und verstehende Wissenschaftlerin, empathische Unterstützerin und ungerechtigkeitssensible Bürgerin in einem zu sein, und dabei dennoch differenziert ihre verschiedenen Perspektiven einzunehmen und andere für diese zu sensibilisieren.

So bleiben unzählige Erinnerungen an eine sehr lebensfrohe, starke und inspirierende Denkerin, Freundin, Kollegin und politisch engagierte Mitstreiterin; an einen Menschen, der durch einen tiefen Sinn für soziale (Un-)Gerechtigkeit sowie Solidarität und Anteilnahme viele andere Menschen bewegt hat; an eine Kämpferin, die mit ihrer Passion, mit Optimismus und Einsatzvermögen Kolleg*innen und Student*innen Inspiration war. Es bleibt aber auch ein Erbe ihrer wissenschaftlichen Agenda, welches es hinsichtlich seiner Sensibilität für Kultur (Baumgarten et al. 2014), kollektive Erinnerung (Baumgarten 2017a) und transnational vergleichende und kooperative Momente (Baumgarten/Díez García 2017; Baumgarten 2017b; Baumgarten/Amelung 2017; Amelung/Baumgarten 2017) in sozialen Bewegungsforschungsfragen zu pflegen, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln gilt.

Wir sind in unseren Gedanken bei Brittas Familie, insbesondere bei ihrem kleinen Sohn und ihrem Partner. Britta, wir werden dich als Freundin, Weggefährtin und Kollegin sehr vermissen.

 

Nina Amelung, Priska Daphi, Eva Gerharz, Christian Lahusen, Roland Roth, Dieter Rucht, Simon Teune, Peter Ullrich, Sabrina Zajak

 

Literatur

Amelung, Nina/Baumgarten, Britta 2017: The Transnational Perspective of Political Participation. Linkages and Differences between Social Movement and Public Participation Studies. In: Global Society, Jg. 31, Heft 1, 3-22.

Baumgarten, Britta 2010. Interessenvertretung aus dem Abseits. Erwerbsloseninitiativen im Diskurs über Arbeitslosigkeit. Frankfurt: Campus.

Baumgarten, Britta 2012. „Antes da Dívida temos Direitos!” Proteste gegen prekäre Beschäftigung in Portugal. http://www.demokratie-goettingen.de/blog/es-antes-da-divida-temos-direitos [03.12.2018].

Baumgarten, Britta 2013. Geração à Rasca and Beyond. Mobilizations in Portugal after 12 March 2012. In: Current Sociology, Jg. 61, Heft 4, 457-473.

Baumgarten, Britta 2017a. The Children of the Carnation Revolution? Connections between Portugal’s Anti-austerity Movement and the Revolutionary Period 1974/1975. In: Social Movement Studies, Jg. 16, Heft 1, 51-63.

Baumgarten, Britta 2017b. The Global Justice Movement: Resistance to Dominant Economic Models of Globalization. In: Berger, Stefan/Nehring, Holger (Hg.): The History of Social Movements in Global Perspective. London: Palgrave Macmillan.

Baumgarten, Britta/Amelung, Nina 2017. Public Participation and Social Movement Research: Connecting Perspectives to Gain Broader, Sharper and more Innovative Insights about Transnational Political Participation? In: Global Society, Jg. 31, Heft 1, 144-155.

Baumgarten, Britta/Daphi, Priska/Ullrich, Peter (Hg.) 2014. Conceptualizing Culture in Social Movement Research, London: Palgrave Macmillan.

Baumgarten, Britta/García, Rubén Díez 2017. More than a Copy Paste: The Spread of Spanish Frames and Events to Portugal. In: Journal of Civil Society, Jg. 13, Heft 3, 247-266.

Baumgarten, Britta/Ullrich, Peter 2016. Discourse, Power, and Governmentality. Social Movement Research with and beyond Foucault. In: Roose, Jochen/Dietz, Hella (Hg.): Social Theory and Social Movements. Wiesbaden: Springer, 13–38.

Lahusen, Christian/Baumgarten, Britta 2010. Jenseits des sozialen Friedens. Frankfurt/Main: Campus.

Baumgarten, Britta/Rucht, Dieter 2013. Die Protestierenden gegen „Stuttgart 21“ – einzigartig oder typisch? In: Brettschneider, Frank/Schuster, Wolfgang (Hg.): Stuttgart 21. Ein Großprojekt zwischen Protest und Akzeptanz. Wiesbaden: Springer VS Verlag, 97-125.

 

 

Weitere Informationen über Forschung zu sozialen Bewegungen in Portugal bietet folgender Blog, der von Britta betreut wurde: https://portuguesemovements.hypotheses.org/about

Britta Baumgartens Orcid Profil: https://orcid.org/0000-0002-7323-1833

Dieser Text erscheint auch in der Rubrik “ipb beobachtet” in Heft 1.2019 des Forschungsjournal Soziale Bewegungen

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