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Updated: 4 hours 40 min ago

Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (IV.2017)

12.01.2018

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?

Beginnend mit dem Quartal IV.2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr 112 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte. ipb-Mitglieder sind fett markiert.

 

 

Anderl, Felix. 2017. “Protest-Öffnung-Wandel? Transnationale Advocay-Netzwerke in der ‘geöffneten’ Gelegenheitsstruktur.” Pp. 93–116 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Baringhorst, Sigrid, Mundo Yang, Kathrin Voss, and Lisa Villioth. 2017. “Webzentrierte Hybridkampagnen – Ausdruck postdemokratischer Protestpartizipation?” Pp. 171–97 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Becker, Regina and Swen Hutter. 2017. “Europäisierte Protestlandschaft. Ausmaß und Formen europäisierter Proteste  mit deutscher Beteiligung von Maastricht bis zur Eurokrise.” Pp. 37–62 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Bogerts, Lisa. 2017. “Mind the Trap: Street Art, Visual Literacy, and Visual Resistance.” SAUC (Street Art & Urban Creativity) Scientific Journal3(2):6–10. Retrieved (http://www.urbancreativity.org/uploads/1/0/7/2/10727553/journal2017_v3_n2_final1_web_1.pdf).

Botzem, Sebastian, Sigrid Quack, and Solomon Zori. 2017. “International Accounting Standards in Africa: Selective Recursivity for the ‘Happy Few’?” Global Policy 8(4):553–62. Retrieved December 5, 2017 (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1758-5899.12514/abstract  ).

Daphi, Priska, Nicole Deitelhoff, Dieter Rucht, and Simon Teune, eds. 2017. Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. 1. Auflage. Baden-Baden: Nomos.

della Porta, Donatella. 2017. “Political Economy and Social Movement Studies: The Class Basis of Anti-Austerity Protests.” Anthropological Theory 17(4):453–73. Retrieved January 3, 2018 (https://doi.org/10.1177/1463499617735258  ).

Geissel, Brigitte and Pamela Hess. 2017. “Explaining Political Efficacy in Deliberative Procedures – A Novel Methodological Approach.” Journal of Public Deliberation 13(2). Retrieved (https://www.publicdeliberation.net/jpd/vol13/iss2/art4).

Grimm, Jannis and Ilyas Saliba. 2017. “Free Research in Fearful Times: Conceptualizing an Index to Monitor Academic Freedom.” Interdisciplinary Political Studies 3(1):41–75. Retrieved December 11, 2017 (http://siba-ese.unisalento.it/index.php/idps/article/view/17312).

Haunss, Sebastian, Priska Daphi, Leslie Gauditz, Philipp Knopp, Matthias Micus, Philipp Scharf, Stephanie Schmidt, Moritz Sommer, Simon Teune,Roman Thurn, Peter Ullrich and Sabrina Zajak 2017. #NoG20. Ergebnisse Der Befragung von Demonstrierenden und der Beobachtung Des PolizeieinsatzesInstitut für Protest- und Bewegungsforschung. ipb-working paper. 

Kannengießer, Sigrid. 2017. “‘I Am Not a Consumer Person’–Political Participation in Repair Cafés.”.” in (Mis)Understanding Political Participation: Digital Practices, New Forms of Participation and the Renewal of Democracy, edited by K. Oelsner, C. Wallner, J. Wimmer, and R. Winter. Routledge.

Kryst, Melanie and Sabrina Zajak. 2017. “Mehr Staat durch Markt? Adressierungsstrategien der Anti-Sweatshop-Bewegung in Europa.” Pp. 63–92 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Leinius, Johanna, Judith Vey, and Ingmar Hagemann. 2017. “Poststrukturalistische  Perspektiven Auf Soziale Bewegungen: Plädoyer Für Eine Notwendige Blickverschiebung.” Forschungsjournal Soziale Bewegungen (4):6–20.

Nachtwey, Oliver. 2017. “Citizenship-Proteste? Zum Wandel des sozialen Konflikts.” Pp. 147–70 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Rink, Dieter. 2017. “Die Montagsdemonstrationen als Protestparadigma. Ihre Entwicklung von 1991 bis 2016 am Beispiel der Leipziger Protestzyklen.” Pp. 282–305 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Rucht, Dieter. 2017. “Exploring the Backstage: Preparation and Implementation of Mass Protests in Germany.” American Behavioral Scientist 61(13):1678–1702. Retrieved December 15, 2017 (https://doi.org/10.1177/0002764217744135  ).

Rucht, Dieter and Simon Teune. 2017. “Einleitung: Das Protestgeschehen in der  Bundesrepublik seit den 1980er Jahren zwischen Kontinuität und Wandel.” Pp. 9–33 in Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen ProtestsLeviathan Sonderband, edited by P. Daphi, N. Deitelhoff, D. Rucht, and S. Teune. Baden-Baden: Nomos.

Uldam, Julie and Anne Kaun. 2017. “Towards a Framework for Studying Political Participation in Social Media.” in (Mis)Understanding Political Participation: Digital Practices, New Forms of Participation and the Renewal of Democracy, edited by J. Wimmer, C. Wallner, R. Winter, and K. Oelsner. Routledge.

Wichterich, Christa 2017. “Viele Orte überall: Care-Logik in alternativen Projekten und Potentiale von Gegenmacht.” Feministische Studien 35(2): 259-275.

Zajak, Sabrina, Sebastian Haunss, Priska Daphi, Leslie Gauditz,  Matthias Micus, Moritz Sommer and Simon Teune 2017. “Zwischen Reform und Revolution: Ergebnisse Der Befragung von G20-Demonstrierenden Am 02. Und 08. Juli 2017 in Hamburg.” Forschungsjournal Soziale Bewegungen 4:20–29.

Jenseits der „Lügenpresse“-Parolen – Ein Gastbeitrag von Wolfgang Lieb

04.12.2017

Der folgende Beitrag erschien unter dem Titel “Jenseits der „Lügenpresse“-Parolen – Ein Gastbeitrag von Wolfgang Lieb” auf dem vom Forschungsbereich von Michael Meyen (LMU München) veröffentlichten Blog ‘Medienrealität‘.  Wolfgang Lieb nahm auf der Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) am 24. und 25. November 2017 an einer Gesprächsrunde mit der Überschrift “Lügenpresse? – nix da! Wie positioniert sich eine progressive Medienkritik in Zeiten von Verleumdung und Verschwörungsideologien?” teil. Seine Notizen hat er in diesem Text ausformuliert. Wolfgang Lieb war fast zwölf Jahre Mitherausgeber der NachDenkSeiten und ist einer der profiliertesten Beobachter der Medienkritik, die sich in Blogs und Online-Netzwerken artikuliert. In einem weiteren Blogbeitrag hat Uwe Krüger die Gesprächsrunde zusammengefasst. 

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Medienkritik hat Konjunktur (vgl. Lieb 2016). Allein in den letzten zwei Jahren sind über ein Dutzend Bücher erschienen, die sich  mit der „Lügenpresse“ auseinandersetzen (vgl. Wernicke 2017) oder die „Wahrheit retten“ (vgl. Kleber 2017) wollen (1). Nicht mehr zählbar sind die Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Vor allem aber in den „(a)sozialen Medien“ (2), also seit dem Übergang von „Gutenberg zu Zuckerberg“ (Christian Nürnberger) haben Medienschelte und kollektive Journalistenbeschimpfung eine neue Qualität erreicht. Gezielte Attacken auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gehören in vielen sozialen Netzwerken geradezu zum Selbstverständnis.

Anfeindungen in den alternativen Medien kommen sowohl von der Linken als auch von Rechten. Dabei erscheinen – oberflächlich betrachtet – die Grenzen der Kritik zwischen links und rechts oftmals fließend (vgl. Lieb 2017). Tatsache ist, dass der Vertrauensverlust der klassischen Medien, vor allem von nationalistischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Demagogen im Netz abgeschöpft wird. Die Schreihälse, die dann auf Pegida-Demonstrationen „Lügenpresse“ skandieren, sind dafür nur das sichtbarste und abschreckende Zeichen. Deshalb drängt sich die Frage auf: Lenken diejenigen, die berechtigte Kritik an den etablierten Medien üben, Wasser auf die Mühlen von AfD, Rechtspopulisten und Verschwörungsideologen? Oder andersherum gefragt, sollte man – was vielen in den Redaktionsstuben nur recht wäre – auf radikale Medienkritik verzichten, weil sie politisch missbraucht und gegen das „System“ der klassischen Medien insgesamt in Stellung gebracht werden kann?

Zur Pressefreiheit gehört auch die Freiheit zur Kritik an der Presse

Viviana Uriona (Kameradisten.org) im Gespräch mit Wolfgang Lieb (links daneben), Peter Ullrich (ganz links, ipb).

Meine grundsätzliche Antwort auf diese Fragen ist, dass zur Pressefreiheit auch die Freiheit zur Kritik an der Presse gehört. Die Diskussion über die Rolle der Medien in der Gesellschaft und in der Demokratie ist so alt wie die Medien selbst. Medienkritik ist sogar eine „ur-linke“, aufklärerische Aufgabe, die nicht der politischen Rechten überlassen werden darf, denn gerade fortschrittliche Kräfte außerhalb des politischen Mainstreams oder soziale Bewegungen von unten können sich oftmals nur über die Kritik an der veröffentlichten Meinung Gehör verschaffen. Da alle Medien notwendigerweise Nachrichten auswählen, gewichten und bewerten (müssen), sollten sich die Rezipienten immer fragen, sieht die Welt wirklich so aus, wie sie das Medium darstellt, ist das ganze Bild wiedergegeben, was ist verzerrt, was weggelassen oder ausgeblendet, was ist möglicherweise unwahr oder gar gelogen? Medienkritik gehört elementar zur veröffentlichten Meinung, denn ohne unterschiedliche Lesarten gibt es keine öffentliche Meinungsbildung.

Linke und rechte Medienkritik weisen jedenfalls auf den ersten Blick häufig Parallelen auf oder überschneiden sich sogar. Dennoch – um es mit Ernst Jandl zu sagen – sollte und darf man „lechts und rinks nicht velwechsern“ (vgl. Krüger 2017). Um die Zielrichtungen der Kritiken auseinanderzuhalten, ist es hilfreich, zwei Ebenen der Medienkritik zu unterscheiden:

  • erstens die weltanschauliche Grundposition, von der aus die Medien kritisiert werden, und
  • zweitens auch die Methoden und die Formen der Medienkritik.

Bei den weltanschaulichen oder ethischen Grundpositionen der Medienkritik kann und darf es keine Überschneidungen oder Parallelen zwischen links und rechts geben.

Würde man nach den Zielen des gesellschaftlichen Fortschritts und nach dem zugrunde liegenden Menschenbild oder dem Demokratieverständnis fragen, würde sich manche schräge Debatte etwa über eine sogenannte „Querfront“, also eine die politischen Lager übergreifenden Kritik erübrigen. Wer vorschnell Parallelen oder Überlappungen in der Kritik in fortschrittlichen und anti-emanzipatorischen Alternativmedien unterstellt, pflegt die Vorstellung, dass sich links und rechts in einem Kreis begegnen würden und dass es deshalb fließende Übergänge gäbe. Diese Unterstellung dient häufig nur dazu, linke und rechte Kritik gleichzusetzen, um beide gleichermaßen zu denunzieren und damit auch abzuwehren.

Man kann diese fundamentalen Unterschiede im Denkansatz zwischen linken und rechten Alternativmedien an vielen Eckwerten leicht erkennen. Ich will nur einige wenige Beispiele zu nennen:

  • Das „System“, das von der Linken kritisiert wird, ist die marktradikale Ausprägung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das „System“ der Rechten ist der liberale bzw. „links-grün versiffte“ Staat, die Herrschaft der „Eliten“, oft genug noch gleichgesetzt mit der Herrschaft „der Zionisten“ oder derjenigen, die den „Auschwitz-Mythos“ verordnen.
  • Die Linke sieht den Abbau des Sozialstaates als Ausdruck nur ideologisch vorgegebener und an einseitigen Interessen orientierten Wirtschaftens. Für die Rechte plündern Flüchtlinge und Migranten, also „Sündenböcke“, die sozialen Sicherungssysteme aus.
  • Die Linke sagt „Gesellschaft“, die Rechte redet vom „Volk“ oder von der (Volks-) Gemeinschaft.
  • Die Linke will die Zukunft verbessern, die Rechte will zurück in eine angeblich heile Vergangenheit.
  • Die Linke kritisiert eine falsche Globalisierung und eine wirtschaftsliberale EU, sie will Europa neu begründen, die Rechte zieht sich vor globalen Entwicklungsprozessen auf „Volk“, „Souveränität“ und „Nation“ zurück – an die Stelle internationaler Solidarität tritt ethnischer Darwinismus.
  • Es mag zum Beispiel sein, dass linke wie rechte Alternativmedien die russische Position im wieder aufflammenden „kalten Krieg“ verteidigen. Linke tun dies aber aus einem Verständnis von friedlicher Entspannungspolitik, das getragen wird vom Grundgedanken internationaler Verständigung. Das heißt aber nicht, dass die Linke die undemokratischen Zustände oder die Oligarchenherrschaft oder die Unterdrückung zivilgesellschaftlichen Engagements in Russland übersehen oder gar rechtfertigen würde. Die „Putin-Versteher“ auf der Rechten hegen eher eine Bewunderung für die autoritären Herrschaftsstrukturen, für den russischen Nationalismus, häufig noch gespeist aus einem Antiamerikanismus und einem dazugehörigen Schwarz-Weiß-Denken.

Wer auf solche Argumentationsmuster achtet, wird linke und rechte Alternativmedien nicht über einen Kamm scheren.

Fließende Grenzen bei den Methoden und Formen der Medienkritik in den Alternativmedien

Bei den Methoden und den Formen der Medienkritik in den Alternativmedien gibt es fließende Übergänge zwischen rechter und linker Kritik. Das führt sogar oft dazu, dass rechte Portale linke Alternativmedien als Kronzeugen nutzen, um ihr „braunes Süppchen“ zu kochen. Und deshalb sollten gerade auf emanzipatorischen Fortschritt setzende Medienkritiker in Sprache und Vorgehensweise äußerst sensibel sein.

Es soll an dieser Stelle keine abstrakte Methodendebatte der Medienkritik geführt werden, aber grundsätzlich gilt: Linke Kritik basiert auf der Tradition der Aufklärung; das heißt übertragen auf die Medienpolitik, dass Medien die Aufgabe haben (sollten), ihre Rezipienten zu selbständigem Denken und zu vernünftigem Handeln anzuregen. Die Medien sollten aus dieser aufklärerischen Perspektive einen Beitrag zur Meinungsvielfalt leisten, damit sich Vernunft in der öffentlichen Meinungsbildung durchsetzen kann. Das ist ein grundlegender Unterschied zu rechten Medien, bei denen es in aller Regel um bevormundende Beeinflussung des Denkens und der Gefühle der Rezipienten geht und um eine eher autoritäre Steuerung der öffentlichen Meinung bis hin zu Propaganda und Manipulation (Fake News) und zwar regelmäßig auf ethnozentrischer, chauvinistischer Grundhaltung und mit antiliberaler und antidemokratischer Einstellung.

Die Linke will eine demokratische Gegenöffentlichkeit aufbauen, die sich in die öffentliche Meinungsbildung einbringt, die Rechte hingegen beansprucht „Wir sind das Volk“ und grenzt andere Meinungen aus. Progressive Alternativmedien wollen etablierte Medien korrigieren, ergänzen und die Medienvielfalt vergrößern und dabei Interessen bzw. Ideologien aufdecken, die hinter bestimmten Argumentationsmustern stehen. Rechte wollen Meinungsvielfalt ausgrenzen und ihre Meinung zur allein gültigen machen.

Abgrenzungskriterien zwischen linker und rechter Medienkritik

Um der Gefahr der Anschlussfähigkeit zu rechter oder gar verschwörungsideologischer Medienkritik zu entgehen, sollten linke Medienkritiker methodisch und formal ein paar wichtige praktische Regeln einhalten. Hier einige Beispiele:

  • Linke Medienkritik sollte sagen, was falsch ist, und die abweichende Position durch Fakten oder rationale Argumente begründen.
  • Die Kritik sollte nicht pauschal, diffamierend oder ehrenrührig sein, sondern faktenbezogen, nüchtern analytisch, recherchebasiert, ausgewogen, weniger emotional, weniger moralisierend.
  • Mit ihrer abweichenden Position sollten linke Kritiker zu selbständigem Denken und vernünftigem Handeln anstoßen mit dem Ziel, einen Beitrag zur Meinungsvielfalt im öffentlichen Meinungsbildungsprozess zu leisten.
  • Die Anerkennung eigener Begrenztheit verbietet, undifferenzierte und einseitige Schuldzuschreibungen und Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben.
  • Die Verarbeitung von Informationen und die differenzierende Abbildung der Wirklichkeit sollte vor ihrer politischen Bewertung und vor der Unterordnung unter das eigene Weltbild stehen. Kurz: Medienkritik sollte nicht so tun, als habe man die Wahrheit für sich gepachtet.
  • Es reicht eben meines Erachtens nicht aus, die Welt moralisch in „Freund“ und „Feind“, in „gut“ und „böse“ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt „einflussreichen Kräften“ (oft in den USA) oder undurchsichtigen Zirkeln (Bilderberger) oder pauschal „den Eliten“ zuzuschreiben. Die Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf einen Antagonismus zwischen „Volk“ und „Eliten“ halte ich für missbrauchsanfällig.
  • Kritik darf auch nicht zu einem Generalverdacht gegen alles und jede/n geraten. Der allgemeine Aufruf zu einem „Kampf“ gegen „die“ Medien (und – häufig gleichgesetzt – gegen „die“ Herrschenden) schürt eher Unbehagen oder gar Verbitterung und führt auf Dauer entweder zu politischer Resignation oder zu Aggression und lenkt Wasser auf die Mühlen der „schrecklichen Vereinfacher“.

Medienkritik in alternativen Medien wird in Methode und Form anschlussfähig für Lügenpresse-Parolen, wenn…

  • sie die Ebene des sachlichen und konstruktiven Dialogs verlässt und mit Emotionen, ja sogar Diffamierung arbeitet,
  • sie andere Meinungen schlicht als „Lügen“ abtut und Menschen mit anderer Meinung persönlich herabsetzend beschimpft, zum Beispiel als „gekauft“ abtut oder als „im Auftrag“ oder gar als „Agenten“ agierend abstempelt,
  • sie pauschale Medienschelte statt Medienkritik betreibt (übrigens: Wer Kollektivurteile gegen Journalisten fällt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er kollektiv ausgegrenzt wird),
  • sie bloße Ressentiments schürt und nur Empörungspotenzial beim Publikum abruft und keinen Raum für eine Veränderung der Verhältnisse lässt und damit zur ohnmächtigen Wut oder gar Aggression beiträgt,
  • sie berechtigte Kritik an politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Missständen nicht mehr differenziert, sondern extremisiert (etwa: wir leben in einer neuen Form des „Totalitarismus“),
  • sie nicht mehr nach den Interessen und Machtstrukturen oder Ideologien hinter bestimmten politischen Positionen fragt, sondern nur noch Verdacht auf im Verborgenen steuernde „einflussreiche Kreise“, auf konspirative Zirkel, auf im verborgenen wirkende Machtzentren gestreut wird, sie also von einer Steuerung und von Kontrollmöglichkeiten bestimmter Stellen ausgeht, die es in dieser plumpen Form nicht gibt, das heißt: wenn verdeckt oder offen Verschwörungsideologien vertreten werden,
  • sie „raunt“ (Bernhard Pörksen), das heißt: mit Andeutungen arbeitet, bei denen die Zielgruppe sofort weiß, wer oder was damit gemeint ist,
  • sie eine Opferrolle einnimmt und daraus einen moralischen Alleinvertretungsanspruch ableitet,
  • sie Kritik in der Sache mit (oftmals rassistischen) Stereotypen (Walter Lippmann) betreibt,
  • sie dem Rezipienten nicht mehr selbst die Entscheidung überlässt, was er für richtig oder für falsch hält,
  • sie nur Zweifel an allem sät, ohne substantiierte Kritik zu üben, und damit zur Relativierung jeglicher Informationen beiträgt,
  • sie die Definitionsmacht beansprucht, was als gut oder böse zu gelten hat und sich selbst auf der Seite des „Guten“ oder des „Volkes“ sieht,
  • sie dogmatisch auftritt und nicht mehr bereit ist, sich selbst in Frage zu stellen,
  • sie die Berechtigung der Kritik auf eine (ethnisch verengte) „Volks“meinung stützt,
  • sie so tut, als gäbe es nur „die“ Elite, mit einer „ganz bestimmten Position“ und die Interessendivergenzen (auch innerhalb der Mächtigen) ausblendet,
  • sie so tut, als seien Tausende von Journalisten in den etablierten Medien manipuliert, eingekauft, instrumentalisiert und im Gegensatz dazu so tut, als gäbe es nur noch ein Dutzend Aufrechte im Netz,
  • sie von vorneherein alternativen Medien mehr Glaubwürdigkeit zuerkennt als etablierten Medien.

Wer als fortschrittlich gesinnter Blogger oder Aktivist in den sozialen Medien solche Regeln einhält, wird vielleicht keine Topquoten an Likes bekommen, aber er wird bei seinen Followern Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewinnen.

Die ‘Lügenpresse’-Kampagne ist ein zentraler Angriff auf die Herzkammer demokratischer Meinungsbildung

 Wer, wenn nicht die politische Linke, wüsste nicht, dass ökonomische Macht nicht an den Redaktionsstuben haltmacht. Die Pressekonzentration und die Monopolbildung auf regionaler Ebene, das Schielen auf Werbeeinnahmen und Profite, Lobbying und Agenda-Setting durch Think-Tanks sind nur einige der höchst problematischen Rahmenbedingungen für die Presse- und Rundfunkfreiheit. Diese Bedingungen sollten aber weniger Anlass für Beschimpfungen als Anstoß für die Suche nach neuen Geschäftsmodellen mit größerer journalistischer Unabhängigkeit sein.

Der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist diffamierend und ehrenrührig und löst nur kollektive Abwehrreaktionen in den etablierten Medien aus (was allerdings auch keine souveräne Reaktion ist). Pauschale Kritik verhindert, dass die Mechanismen der Meinungsmache aufgedeckt und durchschaut werden. Gründe für die Unzulänglichkeit journalistischer Arbeit sind zum Beispiel Stress, Routinen, Aktualitätsdruck, Eitelkeiten, Herdentrieb, Papageien-Journalismus (Kurt Tucholsky), Orientierung an der Konkurrenz oder an (wenigen) Nachrichtenagenturen, Angst vor Arbeitsplatzverlust, zu große Nähe zum Objekt journalistischer Berichterstattung, Anpassung an den Elitediskurs, also eine Art „Verantwortungsverschwörung“ (Uwe Krüger, Mainstream, 2016) oder aber auch Ignoranz gegenüber dem Publikum.

Ja, es wird auch gelogen in unseren etablierten Medien, und ja, die Unabhängigkeit des Journalismus von ökonomischen und politischen Einflüssen könnte in vielerlei Hinsicht größer sein. Wer aber aus all dem den pauschalen Vorwurf der „Lügenpresse“ konstruiert, schließt sich gewollt oder ungewollt dem Frontalangriff antidemokratischer Kräfte auf die Herzkammer demokratischer Meinungsbildung an.

 

Anmerkungen

(1)

Siehe zum Beispiel Bundeszentrale für politische Bildung: Medienkritik. Eine (unvollständige) Literaturliste:

Jens Wernicke (Hrsg.): Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Frankfurt am Main: Westend 2017.

Volker Lilienthal, Irene Neverla (Hrsg.): Lügenpresse: Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln: KiWi 2017.

Ulrich Teusch: Lückenpresse: Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten. Frankfurt am Main: Westend 2016.

Markus Klöckner: Medienkritik. Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld. Telepolis 2016.

Ronald Thoden (Hrsg.):  ARD & Co.: Wie Medien manipulieren. Frankfurt am Main: Selbrund 2015.

Petra Gerster, Christian Nürnberger: Die Meinungsmaschine: Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können. München: Ludwig 2017.

Matthias Zehnder: Die Aufmerksamkeitsfalle: Wie die Medien zu Populismus führen. Basel: Zytglogge 2017.

Wolfgang Herles: Die Gefallsüchtigen: Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik. München: Knaus 2015.

Peter Felixberger, Armin Nassehi (Hrsg.): Kursbuch 189. Lauter Lügen. München: Murmann 2017.

Claus Kleber: Rettet die Wahrheit. Berlin: Ullstein 2017.

Stefan Schulz: Redaktionsschluss. Die Zeit nach der Zeitung. München: Carl Hanser 2016.

Uwe Krüger: Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München: C.H. Beck 2016.

Julia Cagé: Rettet die Medien: Wie wir die vierte Gewalt gegen den Kapitalismus verteidigen. München: C.H. Beck 2016.

Noam Chomsky:  Media Control: Wie die Medien uns manipulieren. München: Piper 2006.

 

(2)

DJV-Dossier: Ethik im Journalismus und Medienkritik.  Jugendschutz.net dokumentierte schon 2014 über 1.400 rechtslastige Sites.  Hier einige medienkritische Blogs:

http://uebermedien.de/

https://netzpolitik.org//

http://www.bildblog.de/

Blogs, die sich als „Gegenpropaganda“ verstehen (etwa: US-kritisch, anti-amerikanisch, russlandfreundlich, „Truther“-Szene):

http://www.nachdenkseiten.de/

https://weltnetz.tv/

https://www.rubikon.news/

http://hinter-den-schlagzeilen.de/

http://www.nrhz.de/flyer/

https://kenfm.de/me-myself-and-media-39/

https://deutsch.rt.com/

https://de.sputniknews.com/

https://publikumskonferenz.de/blog/author/maren/ (Kritik vor allem an der Ukraine-Berichterstattung)

Eine Auswahl eher rechter Blogs:

https://propagandaschau.wordpress.com/

http://www.pi-news.net/

http://info.kopp-verlag.de/index.html

http://www.geolitico.de/

https://juergenelsaesser.wordpress.com/

https://www.compact-online.de/

https://volksbetrugpunktnet.wordpress.com/

http://willkommen-in-der-realitaet.blogspot.de/

https://pegidaoffiziell.wordpress.com/

https://www.klagemauer.tv/index.php?a=showstart&lpage=false

Eher verschwörungstheoretische, esoterische Blogs:

http://alles-schallundrauch.blogspot.de/

http://hinter-der-fichte.blogspot.de/

https://lupocattivoblog.com/

http://nuoviso.tv/

http://quer-denken.tv/3-quer-denken-tv-kongress-2016/

https://www.radio-utopie.de/

https://www.secret.tv/

http://blog.fefe.de/ (kokettiert eher mit Verschwörungstheorien)

Kritisch über Verschwörungstheorien und ihre Vertreter: https://www.psiram.com/de/index.php/Hauptseite

 

Fotos: Moritz Sommer

Call for Contributions: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen

29.11.2017
Der ipb-AK Poststrukturalistische Perspektiven arbeitet an der Realisierung eines Handbuchs zu poststrukturalistischen Perspektiven auf soziale Bewegungen. Ziel des Handbuches ist es, die Sichtbarkeit poststrukturalistischer Arbeiten zu erhöhen, einen strukturierten Überblick über das heterogene Feld poststrukturalistischer Bewegungsforschung zu erhalten, Ideen und Ansätze zu bündeln, in einen produktiven Austausch zu bringen und den Zugang beziehungsweise die Anwendung auf soziale Bewegungen zu erleichtern. Anhand von methodischen Fragen oder Berichten aus konkreten Forschungsprojekten soll ein Einblick in die Forschungspraxis ermöglich werden.

Hierfür ruft der AK mit dem nachfolgenden Call for Contributions nun alle Interessierten – auch Wissenschaftler*innen, die sich selbst nicht direkt in der Bewegungsforschung verorten (bspw. geographische, kultursoziologische, feministische oder postkoloniale Ansätze) – auf, sich mit eigenen Beiträgen an dem angestrebten systematischen Überblick über die Vielfalt poststrukturalistisch inspirierter Herangehensweise an das Themenfeld ‘soziale Bewegungen’ zu beteiligen. Wichtig ist den Herausgeber*innen, dass die Darstellung der eigenen poststrukturalistisch geprägten Forschungsperspektive anhand eines empirischen Fallbeispiels veranschaulicht werden sollte.

Das Handbuch wird von den Sprecher*innen des ipb-Arbeitskreises “Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen” herausgegeben und beruht auf den Diskussion innerhalb des Arbeitskreises. Die Herausgeber*innen freuen sich über Abstracts (englischsprachige Beiträge sind ebenfalls willkommen) von circa 250 Wörtern (die Kontaktadressen für Abstracts und Rückfragen finden sich auf der Seite des AKs). Die Beitragsvorschläge sollten gemeinsam mit einer kurzen Darstellung der eigenen Person bis zum 19. Februar 2018  eingehen.

Call for Contributions
Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen

Ein wesentliches Grundmotiv poststrukturalistischer Ansätze ist die Skepsis gegenüber stabil und wohl geordnet erscheinenden sozialen Phänomenen. Poststrukturalistische Perspektiven, wie sie bspw. bei Foucault, Derrida, Laclau und Mouffe oder Butler zu finden sind, betonen demgegenüber, dass Phänomene des Bruchs, der Abweichung und der Vielfalt, sowie unerwartete Dynamiken konstitutiv für Gesellschaft sind und daher zentrale Ansatzpunkte für eine Analyse sozialer Phänomene sind. Gemeinsam ist diesen Ansätzen ihr Fokus auf die Konflikte und Aushandlungsprozesse, die der Erzeugung sozialer Wahrheiten und Bedeutung zugrunde liegen.
Für die Analyse sozialer Bewegungen ist diese Blickverschiebung zentral, denn erst durch diese poststrukturalistische Perspektive werden einige wichtige Aspekte des Untersuchungsgegenstandes „soziale Bewegungen” erfassbar, die mittels der etablierten Forschungsansätze in der Bewegungsforschung weitestgehend unterbestimmt bleiben. Zu diesen Aspekten gehören beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretisch angelegten Analyseperspektive, die komplexe Wechselbeziehung von sozialer Struktur und Subjekt und die daraus resultierende Negierung der Annahme von feststehenden und objektiv erfassbaren Identitäten, wie auch die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten. Daraus schließen wir, dass es immer einer engen Verbindung von Empirie und Theorie bedarf und die Forschungspraxis und die Methoden an diese veränderte Blickverschiebung angepasst werden müssen.  Dies impliziert auch die  Kenntlichmachung der eigenen Position als Forscher*in, die (Weiter-)Entwicklung  daran angepasster Forschungsmethoden und eine kritische Reflexion dieser.

Im deutschsprachigen wie im internationalen Raum arbeiten bereits zahlreiche Forscher*innen aus einer poststrukturalistischen Perspektive zu sozialen Bewegungen, Protest und Praktiken des Widerstands. Was jedoch eine poststrukturalistische Perspektive konkret bedeutet, welche Prämissen sie impliziert, auf welchen theoretischen Ansätzen sie aufbaut und wie diese empirisch angewendet werden, ist dabei immer noch ein weites, relativ unstrukturiertes und loses Feld.
Um die Sichtbarkeit poststrukturalistischer Arbeiten zu erhöhen, einen strukturierten Überblick über das heterogene Feld poststrukturalistischer Bewegungsforschung zu erhalten, Ideen und Ansätze zu bündeln und in einen produktiven Austausch zu bringen, wollen wir ein Handbuch Poststrukturalistische Bewegungsforschung veröffentlichen. Das Handbuch soll einerseits einen Überblick über die existierenden methodischen und theoretischen Ansätze geben. Andererseits soll es  im Sinne eines Werkzeugkastens die konkrete Herangehensweise des jeweiligen Ansatzes nachzeichnen und aus der Forschungspraxis berichten.

Die einzelnen Artikel sollten wie folgt aufgebaut sein: Zunächst sollten die theoretischen und epistemologischen Prämissen des verwendeten Ansatzes vorgestellt werden. In einem zweiten Schritt sollten darauf aufbauend die konkrete Forschungspraxis illustriert, etwaige Probleme der Operationalisierung identifiziert und mögliche Lösungsvorschläge diskutiert werden. Die Darstellung der eigenen poststrukturalistisch geprägten Forschungsperspektive sollte daher anhand eines empirischen Fallbeispiels veranschaulicht werden. Das Fallbeispiel muss dabei nicht eine soziale Bewegungen im engeren Sinne umfassen, sondern kann sich auch auf Proteste und andere Formen widerständiger Praktiken beziehen.
Zusätzlich suchen wir noch ein bis zwei Artikel, die das Feld verschiedener poststrukturalistischer Ansätze zur Erforschung sozialer Bewegungen auf einer breiteren Meta-Ebene systematisch aufarbeiten.

Wir rufen alle Interessierten auf, sich mit eigenen Beiträgen an dem angestrebten systematischen Überblick über die Vielfalt poststrukturalistisch inspirierter Herangehensweise an das Themenfeld ‘soziale Bewegungen’ zu beteiligen. Dies schließt explizit auch Wissenschaftler*innen ein, die sich selbst nicht direkt in der Bewegungsforschung verorten (bspw. geographische, kultursoziologische, feministische oder postkoloniale Ansätze).
Wir freuen uns auf Abstracts (englischsprachige Beiträge sind ebenfalls willkommen) von circa 250 Wörtern. Die Beitragsvorschläge sollten gemeinsam mit einer kurzen Darstellung der eigenen Person bis zum 19. Februar 2018 bei den Herausgeber*innen eingehen.

Das Handbuch wird von den Sprecher*innen des ipb-Arbeitskreises “Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen” herausgegeben und beruht auf den Diskussion innerhalb des Arbeitskreises. Der AK ist Teil des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung und wurde im Sommer 2016 gegründet. Ziel des Arbeitskreises ist es, poststrukturalistische (und andere bisher unterrepräsentierte gesellschaftstheoretische) Ansätze in der Bewegungsforschung sichtbarer zu machen, mit diesen Ansätzen arbeitende Forscher*innen zu vernetzen und auf diesem Weg das Portfolio theoretischer und methodischer Ansätze innerhalb der Forschung zu sozialen Bewegungen zu erweitern. An einer Mitarbeit im AK interessierte Forscher*innen können sich gern unter den auf der AK-Seite genannten  Emailadressen melden.

 

Bild: mike @ Flickr, Creative Commons 2.0

Neues Projekt „Mapping #NoG20“: Studentische Hilfskraft gesucht

27.11.2017

Für ein Forschungsprojekt zur „Dokumentation und Analyse der Gewaltdynamik im Kontext der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017“ wird ein/e studentische/r Mitarbeiter/in gesucht.

Aufgabengebiet: Unterstützung bei der
•       Datenerhebung (qualitative Interviews, Internet- und Datenbankrecherchen)
•       Datenverwaltung (Sichtung, Verschlagwortung, Anonymisierung, Archivierung)
•       Projektorganisation (Organisation von Teammeetings, Mittelverwaltung)
•       Literaturrecherche und -verwaltung

Erwünschte Kenntnisse und Fähigkeiten:
•       sozialwissenschaftliches Studium
•       sehr gute Kenntnisse in Office (besonders Excel), Literaturverwaltung (Zotero o.ä.)
•       Kenntnisse der qualitativen (ggf. auch quantitativen) Methoden
•       Interesse an den Themengebieten Protest, Gewalt, Polizei u.ä.
•       Kenntnisse im Umgang mit Social Media (Facebook, Twitter, WordPress o.ä.)

Projektleitung: Dr. Simon Teune & Dr. Dr. Peter Ullrich
(Ko-Bereichsleiter „Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte“ am ZTG)

Ihre schriftliche Bewerbung mit Lebenslauf, Zeugnissen, Immatrikulationsbescheinigung und aktueller Notenübersicht richten Sie bitte unter Angabe der Kennziffer „SHK-NOG20“ per E-Mail an ullrich@ztg.tu-berlin.de

Einstellungsdauer: voraussichtlich vom 01.01.2018 bis zum 31.07.2018
Bewerbungsschluss: 07.12.2017

Zur Wahrung der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen sind Bewerbungen von Frauen mit der jeweiligen Qualifikation ausdrücklich erwünscht. Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt.

Zur Ausschreibung hier. Zur Projektseite hier.

 

Bild: Rasande Tyskar @ Flickr, Creative Commons 2.0

Call for Papers: Cross-Movement Alliances in the Global South and across the North-South divide

27.11.2017

Wie kommen soziale Bewegungen zusammen? Wie gelingen gemeinsame Kämpfe? Wie gelingt es geographische, gesellschaftliche oder inhaltliche Unterschiede zu überbrücken? Während soziale Bewegungen in der Vergangenheit oft isoliert untersucht wurden, rückt das Konzept der ‚cross-movement mobilization‘ vermehrt Interaktionen sozialer Bewegungen in den Fokus.

Aufbauend auf der in Zusammenarbeit mit dem Institut für soziale Bewegungen (Bochum) und dem ISA Research Committee on Social Classes and Social Movements(RC47) organisierten Tagung zum Thema ‚Cross-Movement Mobilization‘ Anfang April 2017 in Bochum haben ipb-Vorstandsmitglied Sabrina Zajak, ipb-Forscherin Ilse Lenz, Jenny Janson und Geoffrey Pleyers nun eine Call for Papers für ein Special Issue von „Moving the Social“ verfasst.

Der Fokus liegt diesmal auf sozialen Bewegungen im globalen Süden und Bewegungsallianzen „across the North-South-Divide“. Der vollständige Call for Papers findet sich hier. Die Deadline ist der 15. Februar 2018.

Bild: Amine Ghabri@Flickr Creative Commons 3.0

Selektivität im Protest Policing: Gruppen, Situationen, Kontexte – Workshopbericht des ipb-AKs Soziale Bewegungen und Polizei

13.11.2017

Nicht erst seit das Gipfeltreffen der politischen Vertreter der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) auf das Schlagwort Hamburg zusammengeschrumpft ist, dessen Prädikate gewalttätige Ausschreitungen von Demonstrierenden, Polizeigewalt, Einschränkungen der Pressefreiheit und noch weit mehr umfassen, sind folgende Fragen offen: Wer sind diejenigen, die ihren Protest mit unterschiedlichsten Mitteln auf die Straße tragen? Wie werden diese von der Polizei wahrgenommen – und folgt daraus eine selektive Ungleichbehandlung? Welche Strategien, Taktiken und Methoden folgen daraus für diese Institution – und wie legitimieren sie sich (nicht)? Und schließlich: welche Probleme folgen daraus, und wie lassen sie sich ggf. beheben? Daher fand am 13. Oktober 2017 am Centre Marc Bloch der HU Berlin ein Workshop des Arbeitskreises „Soziale Bewegungen und Polizei“ und des ipb statt, um der Selektivität im Protest Policing sowie weiteren Fragen, auch im Lichte Hamburgs, nachzugehen. Der Workshop wurde von Daniela Hunold, Andrea Kretschmann und Peter Ullrich organisiert.

PHILIPP KNOPP trennte heuristisch verschiedene Strategien Protestierender im Umgang mit Videoüberwachung, die sich von militanter Ablehnung bis hin zum vorauseilenden Gehorsam erstreckten. Videoüberwachung bringe ihrerseits nichtintendierte Effekte sowohl aufseiten der Polizei als auch aufseiten der Demonstrierenden hervor. MORITZ SOMMER und SIMON TEUNE präsentierten die vorläufigen Ergebnisse ihrer Befragung von Demonstrierenden auf dem G20-Gipfel. Insbesondere konnten sie eine stärker negative Bewertung des polizeilichen Handelns am Ende der Proteste als noch am Anfang feststellen. PETER ULLRICH stellte daran anschließend zwölf Thesen zu den NoG20-Protesten auf: Dabei legte er den Fokus auf das eskalative und bisweilen unprofessionelle Verhalten der Polizei, weshalb nicht zuletzt die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission vonnöten sei. STEPHANIE SCHMIDT referierte im Anschluss daran die Schwierigkeiten, vor welche ethnographische Feldforschung bei Protesten im Allgemeinen und während der Gipfelproteste in Hamburg im Besonderen gestellt ist. Dabei sei das größte Problem der unsichere rechtliche Status der forschenden als auch ihrer erhobenen Daten. RAFAEL BEHR konstatierte in seinem Vortrag eine Tendenz zur Militarisierung der Polizei. Sowohl hinsichtlich ihrer Taktiken, des Equipments und des Selbstverständnisses als auch der Ikonographie ließe sich eine betont kämpferische Aufrüstung der Polizei beobachten. MICHAEL PLÖSE schloss den Workshop mit einem Vortrag zu den Möglichkeiten einer Reform der Polizei sowie dabei auftretender Probleme ab. Während das polizeiliche Selbstverständnis als einer ‚missverstandenen Institution‘ bisweilen viele Reformversuche unterminiere, sei es nichtsdestoweniger geboten, unabhängige Beschwerdestellen zu schaffen.

 

Bild: Montecruz Foto @ Flickr, Creative Commons 2.0

Bisherige Aktivitäten

08.11.2017

(Auswahl)

29.8-1.9,2017 ATHEN Panel „(Re-)doing Europe: the making and breaking of transnational solidarity networks“ im Rahmen der ESA conference

5-7.04.2017 Cross Movement Mobilizations Conference in Bochum

Panel des AK auf der Cross Movement Mobilizations Conference von Margit Mayer und David Scheller & Stammtisch für AK-Mitglieder und Interessierte.

Einen Bericht findet ihr hier.

23. März 2017 Bewegungsgespräch „Informelles Wohnen“ in Berlin

Zum Bewegungsgespräch „Informelles Wohnen in Berlin. Zwischen Lebensentwurf und blanker Not“ luden ipb, Forschungsjournal soziale Bewegungen und taz u.a. Lisa Vollmer von unserem AK Stadt/Raum als Referentin.

Einen Bericht findet ihr hier.

7./8. Oktober 2016 – Workshop „Bewegt forschen“ in Berlin

In diesem zweiten Workshop haben wir uns mit der komplexen Beziehung zwischen Forschung und Aktivismus, sowie mit Forschungsethik beschäftigt.

Das Protokoll ist über diesen Link zu finden.

26./27. Februar 2016 – Workshop „Was ist das Städtische an städtischen Bewegungen?“ in Frankfurt a.M.

In diesem ersten gemeinsamen Workshop des AK Stadt/Raum setzten wir uns mit der Frage nach dem spezifisch Städtischen an städtischen sozialen Bewegungen auseinander. Dabei diskutierten wir einerseits exemplarisch klassische und aktuelle konzeptionelle theoretische Ansätze. Anderseits stellten einige Workshopteilnehmer*innen  ihre Perspektive auf städtische soziale Bewegungen anhand ihrer konkreten Forschungsprojekte vor.

Unter den folgenden Links sind Programm, Abstracts der Vorträge, Protokoll und ein Tagungsbericht zu finden.

11./12. September 2015 – Netzwerktagung in Berlin & AK-Gründung

Auf der Netzwerktagung haben wir uns in verschiedenen Sessions als Arbeitskreis konstituiert, d.h. uns mit unseren jeweiligen Forschungsinteressen (weiter) bekannt gemacht, dringende Forschungsdesiderate diskutiert und gemeinsame Perspektiven für die Arbeit des AK entwickelt.

Unter folgendem Link steht das Protokoll des konstituierenden AK-Treffens zum Download bereit.

Aktuelles

08.11.2017

NÄCHSTE AKTIVITÄTEN

Drittes Bundesweites Vernetzungstreffen des AK Stadt/Raum

Wir legen in Kürze einen neuen Termin und Programm fest. Leute, die neu hinzustoßen wollen zum Arbeitskreis, sind dort herzlich willkommen und können sich schon im Vorfeld bei Jenny oder Rafael melden, um in die Mailingliste aufgenommen zu werden.

Über den AK

08.11.2017

Kontakt: Jenny Künkel (jkuenkel@geo.uni-frankfurt.de) und Raffael Beier (Raffael.Beier@ruhr-uni-bochum.de)

Eine Vielzahl kritischer Forschungsprojekte in Soziologie, Geografie, Politikwissenschaften, Stadtplanung, Anthropologie und Kulturwissenschaften fokussiert mittlerweile auf städtische Transformationsprozesse, widerständige Praktiken und alternative Raumproduktionen gegen das derzeit (noch) hegemoniale Projekt neoliberaler Stadtentwicklung. Der AK will einen Raum zum interdisziplinären Austausch und zur besseren Vernetzung zwischen Promovierenden, Postdocs und sonstigen Forscher*innen im Schwerpunkt kritischer städtischer Bewegungsforschung bieten – auf Augenhöhe und unabhängig vom universitären Status.

Wir freuen uns über weitere Mitstreiter*innen – mailt uns oder kommt bei unseren nächsten Aktivitäten vorbei und sprecht uns an!

Die untergegangene Botschaft der G20-Proteste. Ergebnisse einer Demonstrationsbefragung

05.11.2017

Von den Ereignissen rund um den G20-Gipfel in Hamburg ist vor allem die Eskalation der Gewalt in Erinnerung geblieben. Die Inhalte der Kritik von Zehntausenden, die gegen den Gipfel auf die Straße gingen, blieben dagegen unterbelichtet. Eine Befragung von 1.095 Personen, die sich den Protesten zum Auftakt und zum Ende der Gipfelwoche angeschlossen hatten, zeigt, dass für sie der Klimawandel eines der wesentlichen Motive war. Die Sorge um demokratische Rechte und soziale Gerechtigkeit motivierte ebenfalls viele zum Protest. Eine erste Auswertung der Befragung ist jetzt als ipb working paper erschienen.

Im Vorfeld waren die Unterschiede zwischen den von konkurrierenden Bündnissen organisierten Demonstrationen hervorgehoben worden. Die von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sowie Campact getragene „G20-Protestwelle“ am 2. Juli galt als moderat und bürgerlich, die von dezidiert linken und antikapitalistischen Gruppen organisierte Abschlussdemonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20!“ am 8. Juli wurde vor allem als Gefahr für die öffentliche Sicherheit diskutiert. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die Kritik an den G20 am 8. Juli zwar mit größerer Vehemenz vorgetragen wurde, die Demonstrationen sich aber in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung weniger unter-scheiden, als die öffentliche Diskussion vermuten ließ.

Als Hauptbefunde der Studie sind hervorzuheben:

  • Beide Demonstrationen wurden wesentlich von protesterfahrenen Teilnehmenden geprägt, die sich eindeutig links verorten und über einen hohen formalen Bildungsstatus verfügen.
  • Eine radikale Kritik der globalen Ordnung findet sich auch in der „Protestwelle“: Mehr als die Hälfte der Befragten denkt, dass der Kapitalismus überwunden werden muss (am 8. Juli: knapp 75%). Eine Kritik von Kolonialismus und Imperialismus bewegt jeweils mehr als ein Viertel.
  • Weitgehende Einigkeit zeigen die Demonstrierenden auch bei der Bewertung von Gewalt und Blockaden. Ein einstelliger Prozentanteil (2. Juli: 2,9%, 8. Juli: 7,4%) stimmt der Aussage zu, Gewalt sei legitim, um dem Protest Gehör zu verschaffen. Blockaden werden dagegen auf beiden Demonstrationen mehrheitlich als legitime Protestform verstanden. Am 2. Juli gilt das für sechs von zehn Befragten, am 8. Juli für acht von zehn.
  • Der größte Unterschied besteht in der Wahrnehmung der Polizei. Während am 2. Juli 80 Prozent die Polizei als gar nicht oder wenig aggressiv einschätzen, nahmen am 8. Juli 45 Prozent die Polizei als stark oder sehr stark aggressiv wahr.

Die Befragung wurde vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Zusammenarbeit mit dem Göttinger Institut für Demokratieforschung und dem Socium – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen durchgeführt. Sie wird ergänzt um die Ergebnisse einer Beobachtung des polizeilichen Umgangs mit den Gipfelprotesten, die zu dem Schluss kommt, dass das Gebot eines versammlungsfreundlichen Vorgehens auf vielen Ebenen konterkariert wurde.

Foto: Jörg Farys / BUND Bundesverband (CC BY-NC)

Wo steht die Medienkritik sozialer Bewegungen? Einladung zur ipb-Jahrestagung 2017

05.11.2017

Aus sozialen Bewegungen heraus sind Medienkonzerne, öffentlich-rechtliche Medien und der professionelle Journalismus seit je scharf kritisiert worden. Um die durch Auslassung und Verzerrung entstandene Informationslücke zu füllen, entstanden alternative Medien – vom Blättchen der Bürgerinitiative über Freie Radios und Zeitungsprojekte bis Indymedia. Seit einigen Jahren wird Kritik an kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Medien jedoch mit deutlich anderer Schlagseite formuliert. Unter dem aus dem Schlagwort „Lügenpresse“ versammelt sich eine neue soziale Bewegung von rechts, die die Medienberichterstattung als Teil einer Verschwörung gegen das deutsche Volk deutet. Die gestiegene Nachfrage nach einer völkischen und antiliberalen Perspektive deckt ein eigenes Segment von Alternativmedien von pi-news über nuoviso.tv bis Compact. Was bedeutet diese Entwicklung für eine progressive Medienkritik aus sozialen Bewegungen? Was läßt sich aus den Erfahrungen von Medienprojekten lernen? Wo sind die Grenzen zu einer vereinfachenden und für Verschwörungsideologien offene Kritik? Und welche produktive Wendung kann die Kritik am professionellen Journalismus nehmen? Wo gibt es Überschneidungen zum (Medien-)Aktivismus?

Um diese und verwandte Fragen zu diskutieren, lädt das Institut für Protest- und Bewegungsforschung zu seiner diesjährigen Jahrestagung ein. Am 24. November sind dazu drei Diskussionsrunden geplant. Am 25. November werden die Debatten beim Treffen des Arbeitskreises Medien fortgesetzt. Abgestimmt auf das Thema kooperiert das ipb in diesem Jahr mit dem Bundesverband freier Radios und der Linken Medienakademie (LiMA), die ergänzend zum Tagungsprogramm Seminare zur Medienkritik und zum Umgang mit Medienkritik von rechts anbietet.

Das ganze Tagungsprogramm und die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich auf der Tagungsseite. Für das kostenpflichtige Seminarprogramm der LiMA ist eine separate Anmeldung nötig.

Die Tagung wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Otto Brenner Stiftung und der Rosa Luxemburg Stiftung

Die Illustration auf dem Tagungsposter ist von Juliane Wetzel.

„Riots. Violence as Politics?“ – Tagungsbericht zur internationalen Konferenz des AK Riots

09.10.2017

Am 19. und 20. Mai 2017 fand am Institut für Protest- und Bewegungsforschung die zweitägige internationale Konferenz „Riots. Violence as Politics?“ des AK Riots statt. Die Konferenz widmete sich zwei Tage lang in verschiedenen Formaten dem Phänomen sogenannter „riots“. Neben allgemeinen Diskussionen zur Begrifflichkeit und verschiedenen als „riot“ bezeichneten Phänomenen beschäftigte sich die Tagung insbesondere mit den Protesten gegen die Arbeitsmarktreform in Frankreich 2016 sowie verschiedenen Protestformen gegen Polizeigewalt in Pariser Banlieue-Vorstädten.

Der erste Tag der Konferenz führte die „Riot“-Workshopreihe fort, die seit Dezember 2013 am ipb stattfindet. Vier Präsentationen waren zuvor über einen Call for Contributions ausgewählt worden. Rui Coelho (Scuola Normale Superiore, Pisa) machte den Auftakt mit seiner Präsentation zum Thema „Forms-of-life as insurrectionary forces“. Er eröffnete mit Giorgio Agambens Konzept der Lebensform eine theoretische Perspektive auf Protestereignisse, die häufig als „riots“ beschrieben werden. Anschließend stellte Tareq Sydiq (Philipps-Universität Marburg) seine Forschung zur Rolle von Raum und kollektiver Identitätsbildung für Protesthandeln im Kontext autoritärer Staaten vor. Burak Uzümkesici (Technische Universität Istanbul) näherte sich den Gezi-Protesten auf originelle und ansprechende Weise, indem er Ton- und Bildaufnahmen der Proteste vorführte und Ideen und Ansätze zur Rolle von Geräuschkulisse und -erzeugung im Kontext von Protesten und zur Verbindung von „riot“ und „noise“ präsentierte. Paul Grassin (Sciences Po, Paris) untersuchte am Beispiel von urbanen Protesten in Malawi die diskursiven Zuschreibungen an „riots“ und Strategien des Labeling von Teilnehmenden, die deren Handlungen als „demonstrators“ oder „rioters/thugs“ entweder legitimieren oder delegitimieren.

Den zweiten Teil des Tages gestalteten die von den Organisator*innen eingeladenen Autor*innen des Themenheftes „riots“ der Zeitschrift sub\urban – Zeitschrift für kritische Stadtforschung. Prof. Dr. Marilena Simiti (Universität Piräus) stellte in ihrer Keynote eine Zusammenfassung unterschiedlicher wissenschaftlicher Zugänge zu „riots“ vor, bevor sie zusammen mit den anderen Gästen an der im Anschluss folgenden Podiumsdiskussion teilnahm. Die Autorinnen des Themenheftes stellten zu Beginn der Podiumsdiskussion zunächst kurz ihre publizierten Aufsätze vor und diskutierten anschließend zentrale, von den Herausgeber_innen des Themenheftes und Organisator*innen des Workshops aufbereitete Aspekte und Fragestellungen. Ziel war es u.a., strittige Punkte wie bspw. die Unschärfe des Riot-Begriffes kontrovers zu diskutieren und für weitere Forschungen fruchtbar zu machen.

Der zweite Konferenztag konzentrierte sich schließlich auf als „riot“ verhandelte massenhafte Ausschreitungen in Frankreich. Das Thema Polizeigewalt diente dabei als verbindendes Thema zwischen den Protesten gegen das Arbeitsmarktreformgesetz 2016 sowie urbanen Jugendaufständen und Protesten gegen Polizeigewalt in Pariser Banlieue-Vorstädten.
Zunächst gab der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Fabien Jobard (Centre Marc Bloch) einen soziogeographischen Überblick über die kurz zuvor stattgefundenen Präsidentschaftswahlen in Frankreich und zeigte dabei wichtige Zusammenhänge zwischen der Verteilung von Wahlstimmen für Le Pen und Macron sowie der Genese lokaler sozialstruktureller Entwicklungen in verschiedenen Banlieue-Vorstädten auf.

Im Anschluss hielt Bernard Schmidt, Aktivist, Journalist und Jurist aus Paris, einen Vortrag mit dem Titel „Carte blanche à la police! Frankreich zwischen Ausnahmezustand, sozialem Massenprotest gegen die ‚Loi Travail‘ und Polizeigewalt“, in dem er sich mit aktuellen politischen Entwicklungen in Frankreich seit der Verhängung des Ausnahmezustands und der Rolle von Nuit debout im Kontext der Proteste gegen die Änderung des Arbeitsrechts beschäftigte.

Für die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema „Proteste gegen Polizeigewalt in der Pariser Banlieue“ waren drei Gäste aus Paris und verschiedenen Banlieue-Vorstädten eingeladen: Marwan Mohammed (Soziologe am Centre Maurice Halbwachs, Paris), Fatima Ouassak (Politologin und Autorin, Bagnolet) sowie Almamy Kanouté (militanter Aktivist und Mitbegründer der Bewegung Émergence, Fresnes). Die Podiumsdiskussion wurde simultan ins Deutsche übersetzt. Die Moderation übernahm Fabien Jobard.

Die drei Panelist*innen stellten zunächst kurz ihre Erfahrungen und ihre Arbeit in den Communities verschiedener Banlieue-Vorstädte vor. Dabei wurde deutlich, dass insbesondere das Alltagsleben von Jugendlichen in den sozialräumlich marginalisierten Wohnvierteln vieler Banlieue-Vorstädte von Rassismus und Polizeigewalt geprägt ist. Mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten wiesen Mohammed, Ouassak und Kanouté auf die Relevanz politischer Bildungsarbeit, der Kriminalitätsprävention und eines zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rassismus und Polizeigewalt hin. Dabei stellten sie auch die Notwendigkeit der Verknüpfung dieser Arbeit in den Vorstädten mit anderen emanzipatorischen Kämpfen heraus. In diesem Zusammenhang wurde zum Teil auch mit kontrastierenden Sichtweisen aus dem Publikum gestritten. Insbesondere die Frage nach (Un-)Möglichkeiten der politischen Zusammenarbeit mit Teilen der nicht-rassifizierten französischen Linken wurde kontrovers diskutiert.

 

Der Link zum Audio-Mitschnitt der Podiumsdiskussion in französischer Sprache befindet sich auf der Seite des AK Riots.

Auf Telepolis und im Neuen Deutschland hat Peter Nowak über die Konferenz berichtet.

Organisiert wurde die Konferenz von Janna Frenzel, Philippe Greif, Fabian Klein und Sarah Uhlmann. Ein von ihnen als Gastredaktion herausgegebenes Themenheft zu „Riots“ erschien im April 2016 bei sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung.

Die Konferenz wurde gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung und das Centre Marc Bloch.

Es dolmetschten lingua*trans*fair. Die dafür nötige Technik wurde von greencongress bereitgestellt.

Bild: Ville de Vélizy @wikimedia commons, Creative Commons 3.0

 

 

 

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