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Updated: 1 hour 15 min ago

Bewegungsforschung und Internationale Beziehungen

17.03.2021

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Zu den bisher erschienenen Beiträge, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind, geht es hier

Der folgende Text von Felix Anderl erschien unter dem Titel “Kontestation, Politisierung, Herrschaft: Bewegungsforschung und Internationale Beziehungen” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 34, Heft 1.2021. Felix Anderl ist Mitglied des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb). Kontakt: anderl@hsfk.de oder über Twitter

Internationale Politik wurde in den letzten Dekaden wesentlich von disruptiven, nicht-staatlichen Akteur*innen geprägt. Doch die Sub-Disziplin Internationale Beziehungen (IB), deren Theorien historisch gesehen von Staatsinteressen bestimmt war, tut sich mit der Konzeptionalisierung dieser informellen kollektiven Subjekte schwer. Forscher*innen haben einen enormen Wissenskorpus über suprastaatliches Regieren erarbeitet, aber ihnen fehlt die Expertise, um Proteste gegen jenes Regieren und ihre politischen Bedeutungen sinnvoll zu erfassen. Die Soziale Bewegungsforschung interessiert sich dagegen qua Amt für derlei Akteur*innen, aber fokussiert nach wie vor zumeist auf nationalstaatliche Entwicklungen und Ländervergleiche – obwohl die Bewegungen, um die es geht, häufig transnational agieren. Im Gegensatz zur IB besteht in der Bewegungsforschung eine Fülle an Erkenntnissen über jene Proteste, gleichzeitig aber mangelt es an genügend Zugriff auf und Wissen über Institutionen und ihre Regeln, um begründete Aussagen über die Relevanz und politischen Effekte transnationaler Protestbewegungen treffen zu können (Anderl et al. 2019: 2). Dass die beiden Disziplinen zusammenarbeiten sollten, ergibt sich aus diesen Beobachtungen beinahe von selbst.

In der Tat haben sich einige Forscher*innen aus beiden Feldern in den letzten Jahren zögerlich aufeinander zubewegt. Dieser Beitrag liefert eine kurze Bestandsaufnahme dieses Unterfangens. Als expliziter Befürworter und aktiver Teilnehmer dieser Zusammenführung, der als Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt IB ausgebildet wurde, konzentriere ich mich auf die bisherigen Anstrengungen der IB, Motive der Bewegungsforschung auf internationale Politik anzuwenden. Anhand der Konzepte Kontestation, Politisierung und des Konzeptpaars Herrschaft und Widerstand zeige ich, wie diese eine jeweils eigene Forschungsagenda und Schwerpunktsetzung inspiriert haben und den IB so eine produktive Wendung geben konnten. Auf Basis des in der Bewegungsforschung immer stärker etablierten Grundsatzes, dass Protest und Widerstand in ihrer Dynamik mit staatlichen und soziokulturellen Institutionen betrachtet werden sollten, argumentiere ich, dass der Forschungsstrang um Herrschaft und Widerstand am ehesten in der Lage ist, die konflikthafte Interaktion von institutionalisierten und nicht-institutionalisierten Akteur*innen in der Weltpolitik zu fassen. Allerdings hebe ich selbstkritisch hervor, dass alle drei Forschungsstränge bisher eher statisch geblieben sind und es noch an Entschlossenheit mangelt, dieses interaktionsorientierte Programm in Gänze umzusetzen. Zudem bleibt häufig die Frage offen, welchen gesellschaftspolitischen Mehrwert die neuen Erkenntnisse haben. Diese Leerstelle – und das nicht eingelöste Potenzial einer gegenseitigen Befruchtung von IB und Bewegungsforschung – könnte darin begründet sein, dass beide Forschungsfelder einen gewissen Hang zum Formalismus haben, sich die verschiedenen transnationalen Bewegungen (und ihre Gegner*innen) aber nicht mit schablonenartigen Konzepten analysieren lassen. Das Politische der Politisierung müsste stärker betont werden.

Kontestation

Die klarste Überschneidung eines Motivs der Bewegungsforschung und der IB zeigt sich im Konzept der Kontestation, das sich aus dem contentious politics Paradigma ableiten lässt.[1] Für contestation gibt es im Deutschen kein geläufiges Wort, deshalb wird es zuweilen mit Umstrittenheit übersetzt, was allerdings eher den Effekt oder aber die Bedingung für Kontestation bezeichnet. In den IB kann die Hinwendung zur Kontestation nur als Glücksfall bezeichnet werden. Insbesondere dem prominenten konstruktivistischen Forschungsstrang mit ausgeprägtem Interesse an Normen in der internationalen Politik hat es gutgetan, sich deren Umstrittenheit zuzuwenden. Zuvor hatten diese Ansätze häufig die Diffusion von Normen untersucht, also eine beinahe als automatisch verstandene Ausbreitung von Werten und Regeln über Grenzen hinweg. Diese Vorstellung speiste sich insbesondere aus der universalistisch aufgeladenen Menschenrechtsdebatte, in der ein ausgeprägter Fortschrittsglaube die virulenten Akteurs- und Machtkonstellationen, Praktiken und Konflikte hinter einem harmonischen (teils auch moralistischen) Schleier verdeckte (Engelkamp et al. 2012; Hanrieder 2008; Inayatullah/Blaney 2018). Auch hier zeigt sich wieder eine Parallele zur Sozialen Bewegungsforschung, wo das Konzept der Diffusion eine ähnlich prominente – und ähnlich depolitisierende – Rolle spielt. Weder Normen noch Repertoires diffundieren an sich; sie werden getragen von Akteur*innen mit Interessen in sozialen, affektiven und diskursiven Kontexten und prallen auf andere Normen und Repertoires, die wiederum materiell, habituell und diskursiv eingebettet sind. Dass dabei Streit entsteht, ist nicht verwunderlich, also fängt hier die eigentliche Forschung erst an. Besonders interessant sind demnach die Arbeiten, die nicht nur feststellen, dass etwas (eine Norm, eine Institution) umstritten ist, sondern fragen, welche Akteur*innen mit welchen Mitteln, zu welchen Zwecken und mit welchen Effekten Kontestation betreiben.

In den IB wurde in den letzten zwanzig, besonders aber in den letzten zehn Jahren eine Flut von Arbeiten zum Thema (oder zumindest unter dem Titel) der Kontestation veröffentlicht. Im deutschsprachigen Raum sind die Arbeiten von Antje Wiener und Nicole Deitelhoff als wegweisend hervorzuheben. Wiener (2004; 2008) hat bereits früh den technokratischen Fokus auf Compliance angeprangert und gezeigt, dass die Einhaltung internationalen Rechts und seiner Normen stets umstritten ist, auch in der vermeintlich straff supranational organisierten EU und ihrer Mitgliedsstaaten. Daraus erarbeitete sie ein Forschungsprogramm zur Kontestation als Norm-generierender sozialer Praxis (Wiener 2014). Diese praxistheoretische Arbeit zeigt den analytischen Nutzen des Konzepts und die unterschiedlichen Bedeutungen von Kontestation sowohl als soziale Praxis des reaktiven Einspruchs gegen Normen (Prinzipien, Regeln oder Werte) durch Ablehnung oder Verweigerung ihrer Umsetzung, als auch als proaktiven Modus der Kritik durch Beteiligung an einem Diskurs (Wiener 2007).

Der Fokus auf Kontestation ist wichtig, weil vorher die Ausbreitung spezifischer Normen als wünschenswert erachtet wurde und dem IB-Mainstream deshalb ein impliziter normativer Bias bezüglich der Expansion westlicher Normen und internationalen Rechts (häufig fielen diese beiden in eins) innewohnte. Deshalb war die Disziplin jahrzehntelang blind für Ausbeutung, Imperialismus und (ökonomische) Hierarchie im internationalen System. Sie betrieb Wissenschaft wie in einem Labor, in dem die „Diffusion“ internationaler Normen untersucht wurde, als seien die Empfänger*innen jener Normen Kinder, denen diese beigebracht werden müssten (z.B. Finnemore 1993; siehe hierzu Epstein 2012). Dieses Denken in unilinearen Diffusionen in einem klar definierten Vor und Nach in Veränderungsprozessen ist viel zu schablonenartig, gerade weil die Kontexte in welche die Normen gebracht werden selbst bereits politische Felder mit umstrittenen Raum- und Erinnerungsdebatten sind (Buckley-Zistel 2020). Deshalb fordert Wiener (2010) richtigerweise, dass Kontestation „all the way“ untersucht werden sollte: Normen sind niemals als stabile Objekte, sondern immer als umstrittene Projekte zu verstehen (hierzu Niemann und Schillinger 2016). Kontestation als soziale Praxis kann hier jedoch durchaus implizit habermasianisch gelesen werden. In Wieners Theorie (2014) geht es um die normative Kraft der Kontestation, jedoch zeigt sich in späteren Werken, dass sie durchaus an die inklusive Kraft des Streits (manche würden es auch Deliberation nennen) glaubt: „All stakeholders ought to be able to enjoy equal access to norm contestation“ (Wiener 2018: 54). Dieses Inklusionsprinzip wird bei Wiener allerdings agonistisch gelesen (Wiener 2018: ix). So sollen die Bedingungen geschaffen werden unter denen robust gestritten werden kann. Aufbauend darauf fragt sie programmatisch: Wessen Kontestations-Praktiken zählen (Wiener 2018)?

Bei Nicole Deitelhoff (2009; 2012), der zweiten prominenten Vertreterin des Kontestationsparadigmas in den IB, ist der Habermasianismus ganz explizit: Bessere Normen gilt es im Streit zu entwickeln und hierfür wiederum gilt es die Bedingungen zu schaffen. Dafür kritisierte sie früh den seltsamen Stabilitätsfetisch der IB, dessen konstruktivistische Wende die Fiktion stabiler Staatsinteressen durch vermeintlich stabile Normen ersetzt hatte (Deitelhoff 2006: 20). Aus dieser Kritik heraus hat sich für die internationale Politik ein spannendes konzeptionelles Werkzeugset entwickelt, das verschiedene suprastaatliche und transnationale Settings unter dem Blickwinkel des Streits betrachtet. Zimmermann, Deitelhoff und Lesch (2017) etwa argumentieren, dass Praktiken der Kontestation als konstitutiv für normatives Handeln verstanden werden können: Akteur*innen werden also im Prozess der Kontestation konstituiert und tragen diese nicht nur in die Deliberationsarena – eine Einsicht, die der praxeologischen Perspektive der Bewegungsforschung auf die Formierung kollektiver Subjekte ähnelt.

So produktiv diese Arbeiten sind, so zeigt sich auch ein Problem in der Kontestationsforschung. Mit dem Begriff kann so ziemlich alles gemeint sein, was irgendwie widerständig ist: Von der kritischen Nachfrage in einem Meeting bis hin zur Straßenschlacht. Kontestation als Konzept läuft deshalb Gefahr, ein leerer Slogan zu werden (Anderl et al. 2019a). Auf derlei Kritik haben sowohl Wiener als auch Deitelhoff und Zimmermann in einschlägigen Artikeln reagiert und verschiedene Typen der Kontestation erarbeitet. So stellen Deitelhoff und Zimmermann (2020) zwei Idealtypen vor: Kontestation von Normengültigkeit und Kontestation von Normanwendung. Sie argumentieren, dass eine weit verbreitete Kontestation der Gültigkeit einer Norm wahrscheinlich zu einem Verlust der Robustheit der Norm führt. Kontestation der Normanwendung hingegen kann sie unter bestimmten Umständen sogar stärken. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die allerdings ihre Schwäche in Bezug auf den Inhalt der Kontestation hat. Wenn beispielsweise rechte und linke Bewegungen gleichermaßen gegen einen internationalen Vertrag mobilisieren und jeweils die Gültigkeit der darin sedimentierten Normen anzweifeln (Rone 2018), führt die Unterscheidung zwischen Normengültigkeit und Normanwendung eventuell zu einer besseren Vorhersagekraft bezüglich der Robustheit der Normen, jedoch hilft sie nicht dabei weiter, die politischen Hintergründe und die vielschichtigen Konsequenzen der Kontestation einschätzen zu können. Eine noch stärkere Verzahnung der Normen- mit der Bewegungsforschung könnte hier Abhilfe schaffen.

Politisierung

Der Begriff der Politisierung in der internationalen Politik ist im deutschsprachigen Raum eng mit den Arbeiten von Matthias Ecker-Erhardt und Michael Zürn verknüpft. Sie fokussieren insbesondere auf die Infragestellung und diskursive Anfechtung (oder auch: Kontestation, Zürn 2018) internationaler Organisationen. Ecker-Erhardt und Zürn (2013: 338) zufolge wird ein Thema, eine Entscheidung oder einer Institution politisiert, wenn sie aus dem technisch-administrativen Bereich „in die politische Sphäre gebracht, d.h. entweder in das politische Teilsystem (definiert durch die eigene Funktionslogik) oder in den politischen Raum (definiert durch Debatten über die angemessene Funktionslogik für eine gegebene Problemlage) transportiert werden.“ Dieser Prozess kann den Autoren zufolge zwei Gründe haben: Das Legitimationsdefizit einer existierenden internationalen Organisation, oder ein Regelungsdefizit in einem Politikfeld aufgrund fehlender oder zu schwacher internationaler Organisationen.

Der Charme der Politisierungsforschung liegt nun darin, dass eine Zu- oder Abnahme der Politisierung über Zeit festgestellt werden kann (Zürn et al. 2013). Hierbei lässt sich über die Indikatoren trefflich streiten. Im Werk der Autoren ist die Politisierung insbesondere mit der Salienz eines Themas verbunden: Wenn also viel über eine internationale Organisation geschrieben wird, dann ist sie wahrscheinlich politisierter, als wenn nicht über sie berichtet würde. Damit lässt sich mit quantitativen Medienanalysen der Grad der Politisierung über Zeit bestimmen – ein Verfahren, das der Protest-Event-Analyse in der Bewegungsforschung nahekommt; ein ähnlich effizienter Zugang, dem auf ähnliche Weise Formalismus vorgeworfen werden könnte. Jedoch lassen sich diese Methoden offenkundig mit anderen kombinieren, wie Ecker-Erhardt und Zürn (2013) es in der Einleitung zu ihrem Band auch explizit anlegen. Diese Option wurde bisher allerdings erstaunlich wenig erprobt (aber siehe z.B. Hutter et al. 2016; Rucht 2013; Vestena 2019). Dabei schreit diese Einsicht geradezu danach, die Politisierungsforschung aus den IB mit der Bewegungsforschung zu verbinden, also auf Basis der Feststellung einer zunehmend politisierten internationalen Organisation deren Politisierung als Praxis zu untersuchen, beispielsweise mit ethnographischen Methoden. So kann eine Analyse des Ausmaßes der Politisierung mit einer Untersuchung ihrer inhaltlichen Stoßrichtung und den damit verbundenen Repertoires verknüpft werden.

Da die Politisierungsforschung in der Lage ist, Veränderungen über Zeit relativ verlässlich erkennen zu können, kann sie im Vergleich zur Kontestationsforschung auch begründeter zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung nehmen. So machen Zürn et al. (2013) eine Kausalverbindung zwischen der zunehmenden Autorität internationaler Organisationen und deren Politisierung aus. Dieser Zusammenhang macht deutlich, dass es nicht darum geht, dass die betreffenden Organisationen vorher weniger politisch waren, sondern dass mehr über sie debattiert wird. Hier zeigt sich eine weitere Gemeinsamkeit (und Schwäche) der Politisierungs- und der Bewegungsforschung: sie können zwar empirisch belegen, dass etwas umstrittener wird, aber kaum begründet Stellung dazu nehmen, welche   Argumente im Streit sinnvoll sind und welche nicht. Dennoch haben Ecker-Erharts und Zürns  Forschungen in interessanten Zeitdiagnosen resultiert. So konstatieren sie etwa einen generell veränderten Diskurs über internationale Angelegenheiten: „Die instrumentellen Fragen der Problemlösung und der Effektivität sind längst von prozeduralen Fragen wie Legitimität und normativen Aspekten, wie Fairness und Gerechtigkeit durchdrungen. Internationale Institutionen können den Weg zurück zu einem funktionalistischen Grundverständnis des permissiven Konsensus kaum gehen, ohne Schaden zu nehmen“ (2013: 259).

Um Kontestation, Politisierung und Bewegungsforschung zusammenzudenken, ließe sich festhalten, dass sich in den letzten Dekaden eine Zunahme an Umstrittenheit internationaler Organisationen erkennen lässt, ablesbar etwa an der steigenden Anzahl an Demonstrationen, aber auch an einer erhöhten Salienz dieser Themen in den Medien. Jedoch stellt sich hier die Frage der Differenzierung. Wer mobilisiert/politisiert wann in welcher Form zu welchem Zweck? So argumentiert etwa Daphi (2020) dafür, zwischen interner und externer Politisierung zu unterscheiden. Dieser Vorschlag liefert einen hervorragenden Brückenschlag, um die verschiedenen Möglichkeiten der Politisierung zu unterscheiden, wobei die „externe“ entsprechend mit Ansätzen der Bewegungsforschung, die „interne“ eher mit jenen aus der Organisationssoziologie angegangen werden könnte. Ich würde dem hinzufügen, dass auch zwischen der Politisierung „von unten“ und „von oben“ unterschieden werden müsste. Etwa politisiert derzeit die transnationale Kleinbäuer*innenbewegung Themen rund um die Nahrungsmittelproduktion (Brunner et al. 2019: 19). Aber sie tun dies, weil vor Jahrzehnten die westlichen Regierungen und die Weltwirtschaftsorganisationen das Thema im Kontext des Ost-West-Konfliktes „von oben“ politisiert haben, um mit der Expansion eines spezifischen Agrarsystems gegen den Kommunismus vorzugehen (Perkins 1997). Diese Institutionen transferierten also das Thema Ernährung aus dem administrativ-technischen in den politischen Raum, ohne dass viele Zeitungen darüber berichteten. Hier zeigt sich ein Schwachpunkt der Politisierungsforschung, welche mediale Salienz als die Grundbedingung für Politisierung versteht und damit jene Politisierungsprojekte von oben häufig übersieht.

Der Mangel an medialer Salienz trotz Politisierung könnte eigentlich ein guter Indikator für die Stabilität politischer Herrschaft sein. Dafür müsste aber das Verständnis von Politisierung politisiert werden. So haben kritische Theorien seit jeher argumentiert, dass das Ausbleiben medialer Kritik nicht unbedingt ein Effekt geringerer Umstrittenheit sein muss, sondern dass derlei Prozesse gerade ein Erstarken der Herrschaft und deren Machtmittel wie etwa Repression anzeigen können.[2] Aus dieser Perspektive heraus würde ich kritisch anmerken, dass – im Kontrast zur Begrüßung des Streites als politischem Mittel in der Kontestationsforschung – sich an einigen Stellen der Politisierungsliteratur ein Stabilitäts-Bias erkennen lässt. Dieser vermittelt implizit, dass Politisierung, ­verstanden als kontroverse Diskussion herrschender institutioneller Politik, etwas Problematisches ist (De Wilde/Zürn 2014). Um Politisierungsstrategien von oben und von unten als Repertoires in einer dynamischen, politischen Interaktion konfliktiver Ordnungsbildung zu verstehen, müsste sich die Definition von der Salienz ab – und dem politischen Inhalt zuwenden, ein Vorhaben, das durch die stärkere Verquickung mit der Bewegungsforschung angegangen werden könnte. Diese Verschiebung würde zwar die analytische Eleganz des Ansatzes schmälern, doch Politisierung könnte dadurch einen noch stärkeren Beitrag zum Verständnis einer immer bereits politisierten Welt liefern, in der herrschende Institutionen und ihre Gegner*innen in einem dynamischen Interaktionsprozess Strukturen politisieren und de-politisieren.

Herrschaft und Widerstand

Ausgehend von einem ähnlichen Verständnis vertikal stratifizierter Politisierungsdynamiken haben etwa Daase und Deitelhoff (2015: 300) formuliert, dass das internationale System von institutionalisierten Über- und Unterordnungsverhältnissen geprägt ist, welche sie als Herrschaft definieren. Der Reiz ihres Ansatzes besteht besonders darin, dass die Autor*innen einen analytischen Zusammenhang zwischen Herrschaft und Widerstand formulieren, der potenziell in der Lage ist, die oben genanntem Leerstellen in einem interaktionistischen Programm zu füllen, nämlich die Rekonstruktion von Herrschaftsverhältnissen aus der Analyse des Widerstandes (Daase/Deitelhoff 2019).[3] Die methodischen Überschneidungen mit der Bewegungsforschung sind hier nicht zu übersehen und daher ergibt sich aus diesem programmatischen Vorstoß das größte Potenzial für die Zusammenarbeit von IB und Bewegungsforschung: Um die Herrschaft aus dem Widerstand zu rekonstruieren braucht die IB die Bewegungsforschung, denn diese liefert die notwendigen Erkenntnisse über Mobilisierungsdynamiken abseits der institutionalisierten Politik. Andersherum eröffnet dieser Vorstoß auch eine Möglichkeit für die Bewegungsforschung, ihre Ergebnisse in eine übergeordnete Sozialtheorie einzubetten und damit den eigenen empiristischen Touch hinter sich zu lassen (die Protestforschung also nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als Möglichkeit gesellschaftliche Tendenzen und Strukturen aufzudecken).

Am Beispiel der Proteste gegen Global Governance lässt sich dies gut zeigen. In Abgrenzung etwa zum Autoritätsbegriff, der bei Michael Zürn (2018; 2020) stark gemacht wird, sind internationale Organisationen in einer Theorie internationaler Herrschaft als Institutionalisierungen von Über- und Unterordnungsverhältnissen zu verstehen (Deitelhoff/Daase 2020; siehe auch Fehl/Freistein 2019). Übergeordnete Strukturen internationaler Herrschaft sind somit nicht sofort erkennbar, aber der Widerstand gegen ihre institutionalisierten Ausprägungen kann ein epistemischer Schlüssel sein, um sie zu rekonstruieren (Anderl 2018; Deitelhoff/Daase 2019). Wie genau diese Rekonstruktion funktionieren soll ist bisher aber nicht abschließend geklärt. Es wird deshalb die Zusammenarbeit verschiedener Ansätze brauchen. So hat etwa Kai Koddenbrock (2017) in seinem programmatischen Aufsatz „Mehr Kapitalismus wagen“ aufgezeigt, dass ausgerechnet im Frankfurter Herrschaftskonzept von Daase und Deitelhoff die monetären und generell die wirtschaftlichen Bedingungen und Effekte politischer Herrschaft unterentwickelt sind (siehe auch Atzmüller et al 2019; Brand/Wissen 2017). Klaus Schlichte (2015; 2017) hebt in seinem Weberianischen Forschungsprogramm die bürokratische Dimension internationalisierter Herrschaft hervor und plädiert für eine historische Soziologie der internationalen Beziehungen, in der die gesellschaftliche Durchdringung jener bürokratischen Strukturen rekonstruiert wird (Schlichte 2015a). So argumentieren Morcillo Laiz und Schlichte (2016: 170): “By resorting to Weber’s ideas on rationalization, domination [Herrschaft], and organizations [Verbände], our ability to penetrate into the reality of internationalized rule improves.”

Bewegungen mobilisieren in diesem Verständnis nicht nur gegen einzelne bürokratische Institutionen, sondern gegen eine Ordnung, die ihnen im Gestus der Rationalisierung vorschreibt, wie sie zu leben haben, und die dabei gleichzeitig die Bedingungen für ein gutes Leben systematisch unterläuft. Diese Formen der Rationalisierung sind so tief eingeschrieben in das Skript unserer Gesellschaft, dass sie oft nur über ihren Bruch erkennbar werden. Hier ist die Erfahrung der Bewegungsforschung mit interventionistischen, situationistischen und autonomen Gruppen und ihren Repertoires Gold wert.

Ein weiterer Aspekt der Interaktion zwischen Herrschaft und Widerstand ist der Streit um Land und Ressourcen. In einer globalisierten Ökonomie ist auch hier eine transnationale Perspektive auf Beherrschung (etwa durch transnational operierendes Kapital, aber auch internationale Organisationen und Staatsregierungen) und die sozialen Bewegungen, die sich dagegen wehren, notwendig. Hier haben etwa Kristina Dietz und Bettina Engels wichtige Arbeiten vorgelegt, in denen sie den Versuch unternehmen, die materielle Komponente (etwa von Ressourcenabbau und Landnahme) mit einer Bewegungsperspektive und deren Widerstand gegen die Landnahme zu verbinden (Engels/Dietz 2017; Dietz/Engels 2018; siehe auch Brad et al. 2015). Die soziopolitischen Implikationen von Ressourcenkämpfen in ihrer Interaktion mit staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen zu betrachten, ist den Autorinnen hier besonders gut gelungen. In Verbindung mit einer Mehrebenen-Perspektive auf Regieren (siehe auch Engels 2015) scheint dieser Ansatz – multiskalare Herrschaft und Widerstand vom Konflikt her zu denken – vielversprechend. Auf ähnliche Weise hat Alex Veit (2011) Kontestation und Herrschaft produktiv zusammengebracht. Die „Buchstabensuppe“ (ibid: 38) internationaler Organisationen und Autoritäten, wie Veit sie treffend bezeichnet, formt im Ensemble eine Struktur direkter internationaler Herrschaft. Es ist wichtig zu erkennen, dass soziale Bewegungen oftmals nicht vornehmlich gegen eine dieser Institutionen mobilisieren, sondern jene nur als Kristallisationspunkt nutzen, an dem sich internationalisierte Herrschaft in ihrer materiellen Praxis aufzeigen lässt (Anderl/Wallmeier 2019: 197-198).

Diese Analysen beider „Seiten“ von Herrschaft und Widerstand sind wichtig, um einem Trade-Off zu begegnen, der den meisten Arbeiten zu Herrschaft und Widerstand innewohnt: Entweder, die Forscher*innen fokussieren stark auf die Bewegungen, vernachlässigen darüber aber, die Herrschaft selbst zu theoretisieren und differenzieren. Herrschaft verbleibt dann eine „dickflüssige Suppe“, in der scheinbar wahllos angeordnete Symbole und Institutionen schwimmen, ohne dass erklärt wird woraus der Topf besteht, wer sie kocht und vor Allem, wer sie isst. Oder aber jene Herrschaftsstrukturen werden ausgiebig theoretisiert, wobei aber das dynamische Moment aus dem Blick verloren geht und die Bewegungen nur noch als disruptives „Außen“ bezeichnet werden können. Deshalb wurde in der Bewegungsforschung zurecht dazu aufgerufen, stärker auf die Interaktion zu setzen anstatt eine der beiden „Seiten“ hierarchischer Konflikte allein zu analysieren (Alimi et al. 2012; Goodwin/Jasper 2004; Grimm et al. 2019; Steinhilper 2021). Erst in der Praxis der Auseinandersetzung von Herrschaft und Widerstand lässt sich die dadurch entstehende Konstitution einer hierarchischen Ordnung beobachten und verstehen.

Mit diesem interaktionistischen Prinzip versuchen einige Forscher*innen, Bewegungsforschung und IB nicht nur voneinander lernen zu lassen, sondern ihre verschiedenartigen Verschränkungen als Ausprägungen eines Phänomens zu verstehen. So kombinieren wir etwa die IB-Literatur zur Öffnung internationaler Organisationen für Zivilgesellschaft mit den Reaktionen darauf in verschiedenen Ländern und Bewegungstraditionen und zeigen, wie der Widerstand im Internationalen von nationalen und lokalen Faktoren vorstrukturiert ist (Anderl et al 2021; siehe auch Ecker-Erhardt 2017). Interaktion zwischen Institutionen und Bewegungen findet also synchron und/oder diachron auf verschiedenen Ebenen statt und ist dabei jeweils von ökonomischen, normativen und affektiven Strukturen geprägt. Ohne die daraus resultierenden Erfahrungswelten lassen sich bestimmte Realitätsperzeptionen und die darauf aufbauenden Entscheidungen nicht verstehen. Dieser transnationale und interaktionistische Blick auf Bewegungen hat zum Vorteil, dass Koalitionen (genauso wie ihr Ausbleiben) über Staatsgrenzen hinweg erkannt und erklärt werden können (Daphi et al. 2019). Die Analyse dieser Herrschaftsstrukturen kann also für die Mobilisierungsforschung nutzbar gemacht werden und umgekehrt.

Jedoch bleibt nach wie vor die Frage im Raum, wer denn nun wen wie beherrscht, also wie die bekämpften Institutionen sich in eine Herrschaftsordnung ein- und jene damit fortschreiben und wie deren Bekämpfung Herrschaft unterminiert oder reifiziert. Mit Philip Wallmeier habe ich den Vorschlag unterbreitet, Institutionen als „Scharnierkonzept“ (2019) zu verstehen, die eine funktionale Rolle im Verhältnis Herrschaft und Widerstand einnehmen und über deren Praxis es verständlich wird, wie die spezifische Form neoliberaler Herrschaft Bewegungen einhegt. Zwar „herrschen“ jene Institutionen nicht, aber sie nehmen einen wesentlichen Platz in einer Herrschaftsordnung ein. Um diese erkennen (und damit auch kritisieren) zu können, fehlt den IB letztlich noch eine Loslösung von vorgegebenen Konzepten wie der „liberalen Ordnung“ und ihrer „Opportunitäten“. Es erfordert Mut, Kreativität und historische Informiertheit über Europa hinaus, um jene beschrittenen Pfade zu verlassen. Jedoch tun viele Bewegungen genau das in ihrer Praxis. Es ist die Stärke der Bewegungsforschung, in diesem Kontext eine emische Perspektive zu erzeugen. Diese mit der Fähigkeit der IB, über transhistorische und transnationale Ordnungen systematisch nachzudenken, in Verbindung zu bringen, ist und bleibt das größte Versprechen dieser disziplinären Zusammenführung.

Ausblick: Vom Formalismus zur Gesellschaftspolitik

Dass dieses Versprechen bisher noch nicht ausreichend eingelöst wurde, sehe ich dementsprechend vor Allem im Formalismus begründet, der die IB seit Langem prägt; eine Disziplin, die ihre Praxis an Konzepten ausrichtet, welche häufig technisch-administrativen Charakter haben und dabei unpolitisch wirken, allerdings gegebene Werte und Institutionen stets aufs Neue reifizieren. Insbesondere in der Entwicklung von Forschungsfragen heißt „theoriegeleitet“ zu oft institutionalistisch und fern der Lebenswelt (Menzel 2014; Scholte 2020). Das müsste so nicht sein. Die IB kann hier vom sich herausbildenden Interaktions-Paradigma in der Bewegungsforschung lernen, da jenes zwangsläufig dort ansetzen muss, wo Denkmuster gesprengt werden, wo es knallt und hin- und hergeht und wo gegebene Strukturen angegriffen werden. Und noch mehr: um dieses Paradigma wirklich umzusetzen, brauchen sich IB und Bewegungsforschung unbedingt gegenseitig. Jedoch ist jener Hang zum Formalismus auch in der Bewegungsforschung und in ihren Methoden (etwa dem teils bürokratischen Zugriff auf Proteste – als ließe sich deren Bedeutung zählen) virulent. Die politische und soziale Signifikanz von Protest wird in der Forschung zu wenig mitgedacht. Dort wo die Bewegungsforschung gesellschaftspolitisch Stellung bezieht, ist dies dementsprechend häufig nicht ausreichend verknüpft mit der eigentlichen Forschung (etwa della Porta 2016). Es besteht also ein Sprung zwischen Forschung (über die Bewegung) und der Zeitdiagnose (über die Politik der Gesellschaft).

Ähnlich sieht es in den IB aus: Was bedeutet es nun, dass wir internationalisierte Formen der Herrschaft sehen, oder eine zunehmende Umstrittenheit von Normen, oder die Politisierung internationaler Organisationen? Die verschiedenen transnationalen Bewegungen (und ihre Gegner*innen) lassen sich nicht mit schablonenartigen Konzepten analysieren. Das Politische der Politisierung müsste demnach stärker betont werden, um zu verstehen wie Herrschaft die Gesellschaft über Staatsgrenzen hinweg durchdringt und welche Potenziale für Widerstand und deren Erforschung sich hier ergeben. Ein normatives Verständnis gegebener Institutionen und deren Kodifizierung in akademischen Konzepten (Deitelhoff 2020) führt hier häufig zu deren Reifizierung, anstatt die materiellen Verwerfungen zu erkennen, die durch ihre Kontestation aufgezeigt werden. Die sogenannte „liberale Ordnung“ vor deren Kontestation die IB steht wie die Maus vor der Schlange, wäre ein idealer Anfangspunkt, um sich eines leeren Signifikanten zu entledigen, der die eigene Forschung einzäunt. Wo wenn nicht in der Praxis sozialer Bewegungen ließen sich die Mittel für eine derartige Emanzipation finden?

Literatur

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Wiener, Antje 2014: A Theory of Contestation. Springer.

Wiener, Antje 2017: Agency of the Governed in Global International Relations: Access to Norm Validation. In: Third World Thematics 2(5), 709-725.

Wiener, Antje 2018: Contestation and Constitution of Norms in Global International Relations. Cambridge University Press.

Zimmermann, Lisbeth/Deitelhoff, Nicole/Lesch, Max 2017: Unlocking the Agency of the Governed: Contestation and Norm Dynamics. In: Third World Thematics 2(5), 691-708

Zürn, Michael/Matthias Ecker-Erhardt 2013: Die Politisierung der Weltpolitik. Suhrkamp.

Zürn, Michael/Binder, Martin/Ecker-Erhardt, Matthias 2013: International Authority and its Politicization. In: International Theory 4(1), 69–106.

Zürn, Michael 2018: A Theory of Global Governance. Authority, Legitimacy & Contestation. Oxford University Press.

Zürn, Michael 2020: On the Role of Contestations, the Power of Reflexive Authority, and Legitimation Problems in the Global Political System. International Theory, First View, 1-13.

[1] Der Platz reicht hier nicht für genealogische Debatten, es geht mir um die inhaltliche Überschneidung, weniger darum wer was von wem entlehnt hat. Für einen Klassiker der Kontestation in den IB siehe O‘Brien et al (2000).

[2] Bei Ecker-Erhardt und Zürn (2013: 20): strategische Depolitisierung.

[3] In der politischen Theorie entwickelt sich derzeit ein ähnlich gelagertes Forschungsprogramm (Volk 2019; Niesen 2019).

 

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Rezension: Bosse (2019) – Die Gesellschaft verändern

18.01.2021

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Die verlinkte Liste der bereits besprochenen Bücher befindet sich am Ende des Beitrags. Es folgt nun Andreas Kewes (Siegen) mit einer Doppelrezension zu Bosse, Jana 2019: Die Gesellschaft verändern. Zur Strategieentwicklung in Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung (Transcript) und Lay-Kumar, Jenny 2019: Aktivismus zwischen Protest und Gestaltungsraum. Jugendumweltgruppen und ihr Verhältnis zum Klimaschutz (Transcript). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Über das Wie und Wohin der Umweltbewegung“ in Heft 4/2020 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

Am 11. Juni 2020 erschien in der Tageszeitung (taz) ein Streitgespräch zwischen Luisa Neubauer von Fridays for Future (nachfolgend: FfF) und dem Klimaaktivisten Tadzio Müller, den die taz mit Ende Gelände (nachfolgend: EG) in Verbindung bringt.[1] Beide debattierten über Strategien des Klimaprotestes, mögliche Anknüpfungspunkte außerhalb der Bewegung sowie über die Berücksichtigung der jeweiligen sehr verschiedenen sozialen Basis der genannten Gruppen. Sie verhandelten auch, wie erfolgreicher Umweltprotest aussehen könnte, welche Forderungen wohl mehrheitsfähig wären und was Koalitionsbildungen verhindern oder Fronten verhärten könnte. Dabei explizierten sie unterschiedliche Zielvorstellungen und Wege dorthin. Manches blieb aber auch eher implizit, etwa ihre jeweiligen Deutungsmuster zum Verhältnis Kultur-Natur, die historische Dimension des Protestes oder auch das persönliche Handlungsverständnis der beiden Protagonist*innen.

Wie überhaupt Wissen in Organisationen der Umweltbewegung gebildet oder aufgegriffen wird und gegebenenfalls spezifischen Milieus zuzuordnen ist, wie es beim Framing von Problemstellungen und Handlungen angewandt wird und somit Strategiebildungen (nicht) informiert, all das ist Gegenstand zweier Dissertationen, die beide jeweils mit einem Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurden und die nun im transcript-Verlag erschienen sind. Mit ihrer unterschiedlichen Herangehensweise erzeugen sie verschiedene, aber durchaus sich gegenseitig ergänzende Sichtweisen auf den derzeitigen (deutschen) Umweltprotest, auf explizi(er)te Strategiebildungsprozesse und implizites Wissen.

In dieser Rezension werden zunächst die Bände und damit diese Verschiedenheit vorgestellt. Abschließend wird anhand des genannten Interviews auf die praktischen Einsichten Bezug genommen.

Strategisches Handeln

Die Studie von Jana Bosse untersucht die „die alltägliche, nicht-öffentliche Arbeit von Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung“ (26). Sie möchte dabei nicht nur den allgemeinen Verlaufsprozess von Strategiebildungen verstehen, sondern auch, wie es zur konkreten Strategie in der jeweiligen von ihr untersuchten Basisgruppe kommt.

Beim Lesen dieser Arbeit stellt sich der Eindruck einer Fleißarbeit ein. Etwas langatmig wirkt die sehr umfangreiche Theoriearbeit, die zusätzlich den Forschungsstand in den jeweiligen Bereichen zusammenfassen will. Bosse baut ein sehr komplexes Theoriemodell für ihren Untersuchungsgegenstand, zu dem organisationssoziologische Überlegungen zur Mikropolitik, eine an Bourdieu angelehnte Theorie des leadership capital, Elemente der Bewegungsforschung wie den Ressourcen-Mobilisierungs-Ansatz, Politische Gelegenheitsstrukturen und kollektive Identitäten und funktional differenzierte Theories of Change gehören. Bosses Theorierezeption zufolge werden Strategien entsprechend der Interessen und Vorstellungen von denjenigen Akteuren entworfen, die innerhalb der Gruppen die meiste Macht mobilisieren konnten, was nicht rational für die gesamte Gruppe oder gar Bewegung sein muss (39). Diese Strategie wird innerhalb von bestimmten Schranken, zu denen Ressourcen, das Selbstverständnis der Gruppe und Gelegenheiten zählen, entwickelt und fokussiert inhaltlich Vorstellungen darüber, dass sich durch die gewählte Strategie etwas verändert. Das Konzept der Theories of Change dient ihr dabei als Frame oder Ideologie (91ff.).

Auch die Empirie ist recht umfangreich. Bosse arbeitet mit Leitfadeninterviews und Gesprächsbeobachtungen der Strategieentwicklungen bei vier Gruppen, die hinsichtlich ihrer Strategieentwicklung variieren. In der Analyse muss Bosse demnach zwei verschiedene Beobachtungsrichtungen – das Handeln in der Gruppe wie die jeweils subjektiven Sinnkonstruktionen – triangulieren. Die Fallauswahl wird ausführlich beschrieben, der Prozess der Korpuserzeugung entsprechend transparent gemacht.

Die anschließende Analyse führt zunächst in die bisherige Praxis der Strategiebildung ein. Hierbei arbeitet Bosse in Kapitel fünf heraus, dass manche der von ihr untersuchten Gruppen bis dato keine konkrete Idee über Zieldefinition und Strategiebildung besitzen. Die anschließenden Empirie-Kapitel sechs bis acht bestehen eher aus einer Aneinanderreihung der kategorisierten Funde zu Möglichkeitsräumen, Theories of Change und Mikropolitiken, was in Verbindung mit der recht umfangreichen Theorie und dem großen Datenschatz den Lesenden ermüdet. Manches wird als Transkriptausschnitt dokumentiert oder nur paraphrasiert, so, als sei diese Position selbstverständlich oder die Äußerungen aus dem Feld alle gleichermaßen relevant. Zumeist verfasst Bosse aber eine Strategieprosa ohne sonderlich viel Einsicht in ihr Material, die sich zwar gut lesen lässt, den Lesenden aber wenig Möglichkeit zur eigenen Bewertung von Strategieprozessen bietet.

Ein konkretes Ergebnis der Studie ist, dass sich Strategieentscheidungen weder von den Möglichkeitsräumen noch von den Theories of Change gänzlich erklären lassen. Die Heterogenität an Überzeugungen in einer Gruppe weist vielmehr dem Gruppenprozess, innerhalb dem die Heterogenität verhandelt wird, die zentrale Bedeutung zu. Organisationsstrukturen wie etwa die Häufigkeit von Gruppentreffen, die Zuschreibung von Leadership Capital sowie die Verteilung und Legitimation von Aufgaben mit Blick auf den Faktor Zeit schaffen Hierarchien. Als Beitrag zum Forschungsstand wirft Bosse aber auch die Frage auf, ob Basisgruppen eingedenk des Zusammenspiels der Ressourcen, Gelegenheiten, Selbstverständnisse, Theories of Change und der Machtstrukturen innerhalb der Gruppe überhaupt strategiefähig sind (357). Rational im Sinne eines Rational Choice-Ansatzes agieren sie wohl nicht, vielmehr müsse ein Strategienpluralismus angenommen werden (365).

Orientierendes Wissen

Die Frage, welches Klimawandelwissen beziehungsweise welches Klimaschutzhandeln eigentlich in Jugendumweltgruppen herrscht, beschäftigt Jenny Lay-Kumar. Bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung der Studie von Lay-Kumar könnte der Eindruck entstehen, sie wolle den Spielraum zwischen eher radikalen und eher reformorientierten Teilen der Bewegung ausleuchten. Eine solche verengte Lesart würde dem rekonstruktiven Gehalt dieser Studie nicht gerecht. Die bereits im Titel des Buches genannten Begriffe Protest und Gestaltungsraum stellen zwei unterschiedliche Orientierungsmuster dar, mit denen Lay-Kumar in der Sprache der wissenssoziologischen Analyse die impliziten Handlungsorientierungen ihrer Gruppen zusammenfasst. Ein Orientierungsmuster ist weder ein bestimmtes Handlungsrepertoire noch ein Theorieaspekt, sondern damit wird ein Habitus bezeichnet, also mit Bourdieu gesprochen „strukturierende und strukturierte Struktur“, welche die routinierten Handlungs- und Deutungsmuster der Gruppen auf den Begriff bringt und zueinander in Beziehung setzt.

Damit ist bereits ein wesentlicher Unterschied der Studie von Lay-Kumar zu derjenigen von Bosse benannt: Während Bosse Strategiebildungen als kommunizierbare und kommunizierte Prozesse versteht – also Rahmungen, Theorien über die Zukunft und Selbstverständnisse –, bleibt Lay-Kumar konsequent rekonstruktiv und sucht etwas, was wirkmächtig in der Konstruktion der Wirklichkeit seitens der Umweltgruppen ist, etwa Deutungsmuster und Praktiken. Dabei folgt sie der Grundannahme von Andreas Reckwitz, wonach „implizite kollektive Orientierungsmuster als ordnende Elemente des Sozialen fungieren, die es Akteur*innen ermöglicht, die Welt als geordnet wahrzunehmen und handlungsfähig zu werden“ (74).

Lay-Kumar hat für ihre Studie acht Jugendumweltgruppen von Greenpeace und dem BUND befragt. Ihre Daten hat sie vor dem Protest von FfF erhoben. Da auch die Drucklegung des Buches offensichtlich vor den Protesten lag, bietet ihr Band keinerlei Reflexion auf dieses neue Phänomen, wäre für dessen Beobachtung aber definitiv einschlägig. Die Datenerhebung erfolgte mittels Gruppendiskussionen in verschiedenen deutschen Großstädten.

Bei der Darstellung der Ergebnisse stellt Lay-Kumar zunächst die Orientierungsmuster Protest und Gestaltungsraum voran und behauptet, diese Orientierungen entsprechen weitestgehend den jeweiligen Praktiken der Jugendgruppen von Greenpeace (Protest) und BUND (Gestaltungsraum). Dass die Orientierungsmuster auf die jeweiligen Realgruppen zurückzuführen sind, erscheint dem Lesenden nicht immer plausibel. So ist es kaum nachvollziehbar, dass die Jugendgruppe immer den maßgeblichen Erfahrungsraum[2] darstellt. Die idealtypische Begriffsbildung und was darunter subsumiert wird, erscheint aber dennoch schlüssig.

Unter Protest versteht Lay-Kumar begrifflich mit Luhmann ein „Dagegen“ sowie eine „Distanz zur Gesellschaft“ (77). Pointiert fasst Lay-Kumar dieses Orientierungsmuster zusammen als einen Kampf „gegen eine dystopische Zukunft, in der nicht nur das Überleben der Menschheit, sondern das ‚Überleben der Welt‘ gefährdet ist“, in denen es „‚verbrecherische‘ Konzernpraktiken und Verflechtungen zwischen Konzernen und Politik“ gibt, Ziele eines Angriffs klar eingegrenzt und Gegner*innen konkret benannt werden und „drastische Systemumwälzungen“ gefordert werden, wenngleich die Alternativen der Gruppen unklar blieben (124).

Demgegenüber kreise Gestaltungsraum begrifflich um ein „Dafür“, um Visionen und Utopien (79). Die Gruppen präsentierten sich entsprechend als Visionäre, die für Aufbruchsstimmung eintreten. So heißt es bei Lay-Kumar, dass die gestaltungsorientierten Gruppen eine ähnliche Problemanalyse wie die protestorientierten Gruppen skizzieren (120). So würden die Gestaltungsraum-Fälle dokumentieren, dass sich die Gruppen bereits mit unterschiedlichen Zielen und Bereichen von Natur-, Umwelt- und Klimaschutz beschäftigt und eigene Schwerpunkte gesetzt haben. Typisch für die Gruppen sei, dass sie „den Fokus jedoch auf Transformationswissen legen, konkret auf Lösungsansätze und eigene Handlungsmöglichkeiten. Insbesondere wird die Problemanalyse nicht von einer Katastrophenstimmung begleitet, sondern von einer hoffnungsgeladenen Aufbruchstimmung“ (120).

Diesem Befund folgen Einsichten in die Naturverhältnisse, also in die jeweiligen Umweltschutzvorstellungen sowie wie Natur-Kultur- oder Umwelt-Gesellschaft-Verhältnisse. Während Protestgruppen hier eher einen Dualismus von Natur und Kultur darstellen, ein eher „naturalisierendes Bild“ von Umwelt zeichnen (131) und unter Umweltschutz eher die Abwesenheit des Menschen verstehen, würden Gestaltungsraumgruppen Umweltschutz eher als ein Bündel von „Abwägungsfragen“ betrachten (136).

Die unterschiedlichen Orientierungsrahmen schlagen auch auf diskutierte Praktiken durch, was Lay-Kumar anhand von Informationskampagnen und Öffentlichkeitsarbeit diskutiert: Während die Protestgruppen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit eher provozieren und ein Umdenken einforderten, würden Gestaltungsraumgruppen bei aller Differenz eher auf die Attraktivität transformativen Verhaltens setzen, etwa in sozialen Events wie zum Beispiel Volxküchen oder vegetarisch-vegane Kochabende, allerdings häufig im semiprivaten Raum.

Nach einer zusammenfassenden Analyse in Kapitel fünf wechselt Lay-Kumar in ihrem Abschlusskapitel ihre Darstellungsweise und stellt sechs Thesen auf, wie kommuniziert werden kann, um Klimaschutz stark zu machen. Damit spricht sie insbesondere Menschen an, die in der politischen Bildung tätig sind, aber sicherlich auch andere Bewegungsakteur*innen. Diese Thesen zielen im Kern immer auf eine attraktive Vision des Guten Lebens, in dem sozial-ökologische Transformation selbstverständlich ist. Sie zielen aber auch darauf ab, so unterschiedliche Orientierungsmuster wie Protest und Gestaltungsraum miteinander zu versöhnen und sich gegenseitig ergänzen zu lassen.

Wissen in Bewegung

Indem beide Autorinnen aufbauend auf ihre qualitativen Studien Verallgemeinerungen anstellen, tragen sie zur Theoriebildung bei. Was wird in diesen Theorieentwürfen sichtbar? Am Beispiel des anfangs erwähnten Interviews mit Müller und Neubauer lässt sich dies beantworten. Bosses Analyse des Wie der Strategiebildung verweist auf die Organisation von Leadership Capital. Das genannte Zeitungsinterview lässt sich unter diesem Blickwinkel lesen als eine Art Streit über die Strategiebildung innerhalb der deutschen Umweltbewegung zwischen unterschiedlich radikalen Fraktionen. Insbesondere Neubauer spielt in dem Interview das Leadership Capital aus, wonach die Analysen von FfF in der Öffentlichkeit als adäquat angesehen werden (kulturelles Kapital), FfF mehr Kontakte außerhalb der Bewegung hat (soziales Kapital) und FfF über das Prestige der Organisation der größten Umweltproteste in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte verfügt. Im Interview kann sich Neubauer dem fast schon flehentlichem Bitten von Müller entziehen, Massen für den zivilen Ungehorsam zu organisieren, weil sie die FfF-Basisgruppen als in der Fläche verbreiteter und als Gesprächspartner*innen eher anerkannt weiß, als dies etwa für EG-Gruppen gilt. Entsprechend diesem situativen Machtvorsprung gegenüber Müller plädiert sie dafür, dass der deutsche Klimaprotest auch weiterhin heterogen auftreten soll, also mit vergleichsweise unspektakulären Demos genauso wie mit Akten zivilen Ungehorsams. Ein weiterer, von Bosse angesprochener Punkt betrifft die Tatsache, dass tatsächlich nicht alle Aufgaben in einer Gruppe für alle offen stehen. So hatte nur Neubauer die Gelegenheit, Gespräche mit Siemens-Chef Kaeser oder mit der Bundeskanzlerin zu führen. Damit greift das politische Gegenüber letztlich auch in die Strategiebildung der Umweltbewegung ein. Eine dritte These, die sich aus Bosses Text ableiten lässt, wäre, dass FfF schlicht ihre eingefahrene Protestroutine nicht ändern wollen.

Vor dem Hintergrund von Lay-Kumars Studie fällt eher auf, wie unterschiedlich orientiert die Protagonist*innen der verschiedenen Bewegungsrichtungen ihre jeweilige Position entwickeln. So werden Naturverhältnisse unterschiedlich dargestellt. Ein Streitpunkt im Interview lautet: Soll jegliches Wirtschaften zum Schutz von Umwelt und Natur heruntergefahren oder – wie Neubauer es andeutet – transformiert werden? Zum Wirtschaftssystem wird unterschiedlich Stellung bezogen: Müller ist expliziter antikapitalistisch als Neubauer. Und es wird auf unterschiedliche Weise Verantwortung auf andere geschoben: Müller sieht FfF in der Pflicht, aber auch konsumierende, mobile oder produzierende Menschen, Neubauer argumentiert stärker selbstkritisch. Auch wenn Lay-Kumar in ihrer Studie selbst EG nicht eindeutig einem Orientierungsrahmen zuschlagen möchte (130, 242), so erscheint Müllers Art und Weise der Darstellung recht homolog zum Protest-Orientierungsrahmen in Lay-Kumars Studie, während Neubauer spricht, als reproduziere sie den Gestaltungsraum-Orientierungsrahmen. In Müllers Rede ist das geradezu Apokalyptische des Klimawandels viel deutlicher als bei Neubauer. Umgekehrt ist Neubauers Stil abwägender und zielt auf Aushandlungen auch mit politischen Institutionen, Gewerkschaften und Sozialverbänden ab.

Fazit

An Bosses Studie überzeugt die umfängliche Leser*innenführung: Selbst bei einem Querlesen der Kapitel wird schnell klar, was wieso an der jeweiligen Stelle diskutiert wird. Auch bietet der Band zahlreiche Rückbindungen an aktuelle Forschungen und Ansätze in der (Umwelt-)Bewegungsforschung. Trotzdem beschleicht den Lesenden das Gefühl, dass weniger an Theorie, Methode und empirischem Material mehr gewesen wäre.

An Lay-Kumars Beitrag mag zunächst die wissenssoziologische Sprache und Betrachtungsweise irritieren: die Suche nach dem impliziten und inkorporierten Wissen mutet manchmal wie ein Besserwissen an. Mit der wissenssoziologischen Methode wird aber die innere Verbindung von Aspekten rekonstruiert, die letztlich in klimapolitischen Bewegungen zu unterschiedlichen Alltagspraktiken führen. Damit erhellt Lay-Kumar einerseits Zusammenhänge innerhalb der genannten Orientierungsrahmen und expliziert andererseits habituelle Unterschiede innerhalb der Bewegung. Es sei aber angemerkt, dass dem Band ein besseres Lektorat zu wünschen gewesen wäre.

Beide Bände fügen dem Forschungsstand die Erkenntnis hinzu, dass es empirisch die Strategie beziehungsweise das handlungspraktische Wissen der Bewegung jeweils nicht im Singular gibt. Strategien und Praktiken werden ausgehandelt, stehen in Konkurrenz zueinander. Dieser letzte Aspekt kommt bei Lay-Kumar etwas zu kurz, obwohl die von ihr verwendete Interpretationsweise in diesem Punkt einschlägig wäre.

Abschließend ein kleiner Wehrmutstropfen: Beide Bände sind von Autorinnen verfasst, die ihre eigene Verbindung zur Klima- und Umweltbewegung teils explizit machen. Insofern stellt sich die Frage, welches Wissen wieder in die Bewegung zurückgegeben wird. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert gewesen, dass der noch immer recht exklusive Charakter der deutschen Umweltbewegung eine größere Rolle gespielt hätte. So wird im Rahmen der Reflexion auf Strategiebildung wenig thematisiert, ob es auch zur Strategiebildung dazugehört/dazugehören könnte, die eigene Basis mit dem Ziel der Hegemoniebildung zu erweitern oder zu differenzieren. Eher oberflächlich taucht bei Bosse das Thema Ausstieg aus den Basisgruppen auf. Engagierte seien eben noch nicht allzu sehr involviert gewesen und scheinbar früh wieder ausgestiegen oder könnten sich schlicht nicht mit einem bestimmten Selbstverständnis identifizieren (310f., 361).[3] Auch in der letztlich Habitus-sensiblen Studie von Lay-Kumar wird nicht herausgearbeitet, inwieweit das beobachtete Handlungswissen auch exkludierend wirkt. Zwar weist Lay-Kumar darauf hin, dass die Ein- und Ausschlüsse in den von ihr untersuchten Organisationen „umgekehrt funktionieren“ (162), da die protestorientierten Gruppen sich zwar scharf nach außen abgrenzen, aber niedrigschwellige Gruppenformate nutzen, während die Gestaltungsraum-Gruppen Offenheit kommunizierten, aber dann in halbprivaten Settings doch wieder Schließungen vollziehen. Weiterhin mutmaßt sie, dass sich in den Gruppen ein „Öko-Milieu“ artikuliert (178ff.). Aber eine tiefergehende Analyse von Ausschlussmechanismen, welche über die Ideologiekritik am Moralismus der Protest-Fälle hinausgeht, ist in dieser Arbeit nicht zu finden.

[1] „Wagnis eingehen oder Frieden stiften?“ taz, die tageszeitung, Donnerstag 11.06.2020, S. 4-5. Im Zuge des Besuchs von vier Aktivistinnen von FfF im Bundeskanzleramt im August 2020 erneuerte Müller seine Kritik an FfF, u.a. via Twitter. Hier teilte EG zudem mit, dass Müller EG zwar durchaus solidarisch verbunden sei, aber nicht für das Netzwerk spreche.

[2] Erfahrungsraum ist ein methodischer Terminus der hier verwandten Interpretationsmethode, unter dem sich beispielsweise Milieu oder Generation subsumieren ließe.

[3] Hier steht Albert O. Hirschman mit „Exit, Voice and Loyalty“ von 1970 Pate.

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

Maik Fielitz/Nick Thurston (Hg.) 2020: Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US (Transcript), rezensiert von Tobias Fernholz.

Grimm, Jannis/Koehler, Kevin/Lust, Elisabeth/Saliba, Ilyas/Schierenbeck, Isabelle 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments (Sage), rezensiert von Luca Miehe. 

Vey, Judith/Leinius, Johanna/Hagemann, Ingmar 2019: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis (Transcript), rezensiert von Alexandra Bechtum und Carolina A. Vestana.

 

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Neues aus der Bewegungsforschung: Publikationen von ipb-Mitgliedern (IV.2020)

17.01.2021

Was passiert in der (deutschen) Bewegungsforschung? Was wird aktuell erforscht und publiziert?
Seit Ende 2017 listen wir einschlägige Publikationen unseres Instituts und unserer Mitglieder quartalsweise im ipb-Blog und auf der Webseite auf. Bei nunmehr knapp 200 Mitgliedern zeichnen diese gesammelten Veröffentlichungen ein gutes Bild der aktuellen Forschung zu Protest, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen.

Berücksichtigt werden insbesondere einschlägige Monographien, Herausgeberschaften, Zeitschriftenartikel und Forschungsberichte im vierten Quartal 2020. ipb-Mitglieder sind hervorgehoben.

Anderl, Felix, und Antonia Witt. „Problematising the Global in Global IR“. Millennium, 2020.

Ataç, Ilker, und Elias Steinhilper. „Arenas of fragile alliance making. Space and interaction in precarious migrant protest in Berlin and Vienna“. Social Movement Studies, 2020.

Bechtum, Alexandra, und Carolina A. Vestena. „Rezension: Poststrukturalistische Blickverschiebungen in der Bewegungsforschung“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33, Nr. 4:  874–78, 2020.

Berg, Clara van den, Edgar Grande, und Swen Hutter. „Was wird aus dem harten Kern? Auswirkungen der Corona-Krise auf das Engagement für Geflüchtete“. Voluntaris 8, Nr. 2 (2020): 226–42.

Berg, Sebastian, und Daniel Staemmler. „Zur Konstitution der digitalen Gesellschaft. Alternative Infrastrukturen als Element demokratischer Digitalisierung“. In Demokratietheorie im Zeitalter der Frühdigitalisierung, herausgegeben von Michael Oswald und Isabelle Borucki, 127–47. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 2020.

Dallyn, Sam, und Fabian Frenzel. „The Challenge of Building a Scalable Postcapitalist Commons: The Limits of FairCoin as a Commons‐Based Cryptocurrency“. Antipode, 2020,

Daniel, Antje, und Andreas Exner. „Kartographie gelebter Ökotopien“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33, Nr. 4: 785–800, 2020.

Deutschmann, Anna, Antje Daniel, Piotr Kocyba, und Moritz Sommer. „Editorial: Spannungsfeld Umwelt – Aktivismus Weltweit“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33, Nr. 4: 721–28.

Hafeneger, Benno, Hannah Jestädt, Moritz Schwerthelm, Nils Schuhmacher und Gillian Zimmermann:  Die AfD und die Jugend: wie die Rechtsaußenpartei die Jugend- und Bildungspolitik verändern will. Wochenschau, 2020.

Hutter, Swen, und Ines Schäfer. „Cleavage Politics and European Integration“. In Cleavage Politics and European Integration. Routledge, 2020.

Hüttner, Bernd. „Rezension: Bartlitz u.a. (Hrsg.): Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin“, 2020. https://www.rosalux.de/news/id/43121/.

Hüttner, Bernd. „Rezension: Schmiechen-Ackermann et al. (Hrsg.): Der Gorleben-Treck 1979. Anti-Atom-Protest als soziale Bewegung und demokratischer Lernprozess, Wallstein Verlag.“, 2020. https://www.rosalux.de/news/id/43258.

Hüttner, Bernd. „Rezension: Seegers (Hg.): 1968: Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande, Wallstein.“, 2020. https://www.rosalux.de/news/id/43511.

Klein, Ansgar, Rainer Sprengel, und Johanna Neuling, Hrsg. Zivilgesellschaft in der Corona-Krise und ihre Gestaltungsaufgaben. Wochenschau, 2020.

Knopp, Philipp, Tilo Grenz, Peter Fikar, und Tereza Maletz. „Bewegungsforschung und Mediendesign. Warum sich die soziale Bewegungsforschung in das Design digitaler Medien einmischen sollte“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33, Nr. 4: 851–60, 2020.

Leinius, Johanna. „From Defending Body and Territory to Defending Body as Territory: Women’s Politics of Translation in Eco-Territorial Conflicts“. Gewalt, Krieg und Flucht: Feministische Perspektiven auf Sicherheit, 2020.

Leinius, Johanna. „Sozialökologische Bewegungen in Lateinamerika: Bedeutungen von ‚Natur‘ in Wasserkonflikten in Peru“. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 33, Nr. 4: 740–53, 2020.

Margarit, Diana, und Henry Rammelt. „The Revitalization of Social and Civic Participation in Eastern Europe? | Intersections. East European Journal of Society and Politics“. Intersections. East European Journal of Society and Politics, 6, Nr. 4 (2020).

Nachtwey, Oliver. „The transformation of Industrial Citizenship in the course of European integration“. British Journal of Sociology, 2020.

Porta, Donatella della, Hans Jonas Gunzelmann, und Martín Portos. „Repression and Democracy Amidst the Eventful 1-O Referendum“. In Catalan Independence and the Crisis of Sovereignty, herausgegeben von Óscar García Agustín, 127–50. Cham: Springer International Publishing, 2020.

Roose, Jochen, Moritz Sommer, und Maria Kousis. „Looking for the Way Out: The Attribution of Treatment Responsibility among Greek and German Actors in the Eurozone Crisis Debate“. German Politics and Society 38, Nr. 3: 25–53, 2020.

Schipper, Sebastian, und Lisa Vollmer, Hrsg. Wohnungsforschung. Ein Reader. Transcript, 2020.

Schönig, Barbara, und Lisa Vollmer, Hrsg. Wohnungsfragen ohne Ende?! Ressourcen für eine soziale Wohnraumversorgung. Interdisziplinäre Wohnungsforschung, Band 1. Bielefeld: Transcript, 2020.

Steinhilper, EliasMigrant Protest: Interactive Dynamics in Precarious Mobilizations. Amsterdam University Press, 2020.

Stern, Verena. „Die USA in Zeiten von Corona: Erzählungen von Freiheit, institutionalisierter Rassismus und ein gescheiterter Gesellschaftsvertrag“. In Virenregime von Thomas Schmidinger, Josef Weidenholzer, herausgegeben von Thomas Schmidinger und Josef Weidenholzer, 182–87. Wien: bahoe books, 2020.

Sutter, Ove. „Between Prefigurative Politics and Collaborative Governance: Vernacular Humanitarianism in the Migration Movements of 2015“. Ethnologia Europaea 50, Nr. 2020.

Sydiq, Tareq. „Vom Protest- zum Quarantänejahr: Neue Arenen der Konfliktaushandlung“. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, 2020.

Wiemann, Anna. „Rezension: Japan’s Living Politics: Grassroots Action and the Crises of Democracy“. Social Science Japan Journal, 2020.

Wienkoop, Nina-Kathrin. Social movements as safeguards against democratic backslidings in Africa? A comparison of term amendment struggles in Burkina Faso and Senegal, 2020. Online.

Wenn Essen politisch wird – working paper zur Wir haben es satt!-Demonstration 2020

15.01.2021

Seit zehn Jahren organisiert das Bündnis “Meine Landwirtschaft” Großdemonstrationen zum Auftakt der Agrarmesse “Grüne Woche” in Berlin statt. Die Demonstration ist in der Diskussion über eine Agrarwende hin zu einer regionalen, nachhaltigen und kleinbäuerlichen Landwirtschaft eine feste Größe. Wer kommt zu der Demonstration? Welche Veränderungen fordern die Teilnehmenden und wie halten Sie es selbst mit der eigenen Ernährung? Um solche Fragen zu beantworten haben Forscher*innen der Freien Universität Berlin zusammen mit dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung Teilnehmer*innen der Wir haben es satt!-Demonstration am 18. Januar 2020 befragt.

Die Befragung zeigt: die Wir haben es satt!-Demonstration ist stärker von Frauen geprägt als andere Proteste, junge Teilnehmende machen einen geringeren Anteil aus und die Teilnehmenden ordnen sich politisch deutlich links der Mitte ein. Befragt nach ihrer Wahlabsicht, neigen fast zwei Drittel den Grünen zu; nur die Linkspartei hat daneben nennenswerte Unterstützung. Wie bei vielen Protesten in Deutschland stellen die Befragten einen spezifischen Ausschnitt der Bevölkerung dar: zwei Drittel geben an, einen Universitätsabschluss zu haben, die meisten verfügen über ein mittleres bis hohes Einkommen. Vor allem aber waren die Demonstrant*innen stark politisch engagiert: viele von ihnen sind Mitglieder in politischen Organisationen, sehr erfahrene Demonstrant*innen und vertraut mit den gesellschaftspolitischen Kämpfen zu Klima- und Umweltpolitik. Drei Viertel der Befragten geben an, sich an den Klimaprotesten der Fridays for Future beteiligt zu haben. Für weniger als zwei Prozent war die Wir haben es satt!-Demonstration der erste Protest überhaupt.

Da es bei der Befragung nicht möglich war, auch diejenigen zu erfassen, die sich auf Traktoren an der Demonstration beteiligten, finden sich unter den Befragten nur wenige Erzeuger*innen von Lebensmitteln, sondern in erster Linie Konsument*innen. Die Teilnehmenden setzen zu großen Teilen die Forderung nach einer anderen Agrarwirtschaft auch im eigenen Konsumverhalten um. Der Anteil der Vegetarier*innen und Veganer*innen ist um ein Vielfaches höher als in der gesamten Bevölkerung. Ein Drittel der Befragten gibt an, nie Fleisch zu essen. Insgesamt kann die Gruppe als ernährungsbewusst bezeichnet werden. Sie trifft ethische Kaufentscheidungen und bevorzugt regionale, ökologische und fair gehandelte Lebensmittel. Der Fokus liegt dabei auf der Umgestaltung der Landwirtschaft in Deutschland und in der EU und weniger auf einer gerechten Weltagrarpolitik.

Die Ergebnisse der Befragung sind im working paper 1/2021 nachzulesen:

Madalena Meinecke, Renata Motta, Michael Neuber, Moritz Sommer, Simon Teune, Janina Hennigfeld, Noémi Unkel und Carolin Küppers: Politische Ernährung. Mobilisierung, Konsumverhalten und Motive von Teilnehmer*innen der Wir haben es satt!-Demonstration 2020

Download (pdf, 1,0 MB)

Übersicht der ipb working papers

Foto: Ruben Neugebauer / Campact (cc by-nc 2.0)

Rezension: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen

31.12.2020

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Ganz, Kathrin. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Müller, Melanie. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Roose, Jochen / Dietz, Hella (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Zajak, Sabrina. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune, Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests (Leviathan Sonderheft, Nomos), rezensiert von Luca Tratschin. 

della Porta, Donatella (Hg.): 2018. Solidarity Mobilizations in the ‚Refugee Crisis‘ (Palgrave), rezensiert von Leslie Gauditz.

Daphi, Priska 2017: Becoming a Movement – Identity, Narrative and Memory in the European Global Justice Movement (Rowman & Littlefield), rezensiert von Johannes Diesing. 

Mullis, Daniel 2017: Krisenproteste in Athen und Frankfurt. Raumproduktionen der Politik zwischen Hegemonie und Moment (Westfälisches Dampfboot), rezensiert von Judith Vey.

Wiemann, Anna 2018: Networks and Mobilization Processes: The Case of the Japanese Anti-Nuclear Movement after Fukushima (Iudicium), rezensiert von Jan Niggemeier. 

Lessenich, Stephan 2018: Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer Leben. München (Piper), sowie Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2017: Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Kapitalismus (oekom), rezensiert von Fabian Flues.

Grote, Jürgen R./Wagemann, Claudius 2019: Social Movements and Organized Labour (Routledge), rezensiert von Susanne Pernicka. 

Maik Fielitz/Nick Thurston (Hg.) 2020: Post-Digital Cultures of the Far Right. Online Actions and Offline Consequences in Europe and the US (Transcript), rezensiert von Tobias Fernholz.

Grimm, Jannis/Koehler, Kevin/Lust, Elisabeth/Saliba, Ilyas/Schierenbeck, Isabelle 2020. Safer Field Research in the Social Sciences. A Guide to Human and Digital Security in Hostile Environments (Sage), rezensiert von Luca Miehe. 

 

Es folgen nun Alexandra Bechtum und Carolina A. Vestana mit einer Rezension zu Vey, Judith/Leinius, Johanna/Hagemann, Ingmar 2019: Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen Ansätze, Methoden und Forschungspraxis (Transcript). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Poststrukturalistische Blickverschiebungen in der Bewegungsforschung“ in Heft 4/2020 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen. 

Formulierten manche Wissenschaftler*innen vor einigen Jahren noch die Diagnose, die Forschung zu sozialen Bewegungen sei in Deutschland wenig institutionalisiert (zum Beispiel Haunss 2018), mehren sich heute Publikationen und Veranstaltungen zu Protest und alltäglichen Widerstandspraxen. Viele Analysen in der Bewegungsforschung beschäftigen sich vor allem mit den Entstehungsursachen von Bewegungen, ihren Organisationsformen sowie ihren Repertoires. Zunehmend untersuchen Wissenschaftler*innen im deutschsprachigen Raum soziale Bewegungen mit machtsensiblen, diskursorientierten und kritischen Ansätzen. Arbeiten aus der kritischen politischen Ökonomie und Migrationsforschung setzen sich beispielsweise mit der Interaktion zwischen ökonomischen und politischen Strukturen und den Mobilisierungsprozessen von sozialen Bewegungen auseinander (Ribera-Almandoz et al. 2020; Schwenken 2006; Schwertl et. al. 2018). In diesem Forschungskontext haben Forscher*innen Vorschläge entwickelt, wie die Bewegungsforschung über die „traditionelle Werkzeugkiste“ hinausgehen kann, wenn Bewegungen eingebettet in politische und ökonomische Prozesse auf internationaler Ebene analysiert werden (vgl. della Porta 2017; Engelhardt/Moore 2017).

Gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen und die Bewegungsforschung bestehen weiterhin meist nebeneinander. Das Handbuch „Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen“ knüpft an dieser Forschungslücke an. Die Herausgeber*innen Judith Vey, Johanna Leinius und Ingmar Hagemann erklären in der Einführung, „zentrale gesellschaftstheoretische Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte“ haben in der Bewegungsforschung zu wenig Berücksichtigung gefunden

„Dazu gehören beispielsweise das Verständnis sozialer Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken und die daraus folgende Notwendigkeit einer explizit gesellschaftstheoretisch angelegten Analyseperspektive, die komplexe Wechselbeziehung von sozialer Struktur und Subjekt und die daraus resultierende Negierung der Annahme von feststehenden, vor der Mobilisierung bereits bestehenden und objektiv erfassbaren Identitäten, oder die zentrale Bedeutung von Macht für die Formierung von sozialen Bewegungen und ihren Subjekten“ (9).

Das Handbuch präsentiert vielfältige poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen, mit denen die Herausgeber*innen das Ziel verfolgen „eine differenzierte Erfassung“ der Vielfalt gesellschaftstheoretischer Perspektiven vorzunehmen und sie mit der Forschung zu sozialen Bewegungen zusammen zu bringen (10).

Die Herausgeber*innen fassen unter sozialen Bewegungen ein breiteres Spektrum an sozialen Praktiken und Organisationsformen, das es ihnen erlaubt soziale Bewegungen zugleich als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu konzeptualisieren.

Der Mehrwert einer poststrukturalistischen Blickverschiebung

Die Herausgeber*innen verfolgen nicht das Ziel ein neues theoretisches Konzept der poststrukturalistischen Bewegungsforschung zu erarbeiten. Vielmehr fordern sie im Anschluss an Moebius/Reckwitz eine „konzeptuelle Blickverschiebung“ (9). Eine poststrukturalistische Perspektive auf soziale Bewegungen soll komplexe Identitäten als solche betrachten, die sich nicht erst durch die Bewegungen konstituieren. Sie soll gesellschaftliche Machtverhältnisse erfassen und nicht zuletzt die Interaktion zwischen Forscher*innen und sozialen Bewegungen auch als solche verstehen. Gleichermaßen präsentiert das Handbuch nicht nur poststrukturalistische Perspektiven, sondern beleuchtet ihre „epistemologischen Prämissen, ihre Anwendung, ihren Mehrwert und ihre Grenzen“ kritisch (10). Die konzeptuelle Blickverschiebung, die die vielfältigen Beiträge vornehmen, rahmt die „postfundamentalistische und gesellschaftstheoretische Perspektive der radikalen Kontingenzakzeptanz“ (21).

Das Handbuch ist im Kontext der Arbeitsgruppe poststrukturalistische Perspektive innerhalb des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) entstanden. Die Beiträge wurden in mehreren Autor*innen-Workshops bearbeitet und vergleichend diskutiert. Die Entstehungsgeschichte unterstreicht den dialogorientierten Forschungsprozess und spiegelt sich in der Systematik der Beiträge wider.

Struktur des Handbuchs und Pluralität der Ansätze

Das Handbuch beginnt mit einer Verortung der Herausgeber*innen, mit der sie die Leerstellen der gegenwärtigen Bewegungsforschung aus ihrer Sicht herausarbeiten und den Mehrwert gesellschaftstheoretisch inspirierter Perspektiven auf soziale Bewegungen hervorheben. Die zahlreichen Einzelbeiträge sind entlang von fünf Teilbereichen gegliedert, in denen sie die Grenzen „etablierte[r] Forschungspraxen“ (19) der Bewegungsforschung aufzeigen und den Beitrag poststrukturalistischer Forschungsperspektiven unterstreichen: „Diskurse und Deutungskämpfe“, „Praktiken und Affekte“, „Hegemonie und Herrschaftskritik“, „Artikulation“ und „Radikale Demokratie weiterdenken“. Die Herausgeber*innen bringen die verschiedenen Aufsätze in einen Dialog, in dem sie den jeweiligen zentralen Erkenntnisgewinn den fünf Teilbereichen zuordnen. So diskutieren sie relevante Theorieströmungen aktueller kritischen und poststrukturalistischen Ansätze, die versuchen sozialen Wandel zu erklären.

Die insgesamt 16 Beiträge folgen einem gleichen Aufbau und stellen ein stichpunktartiges Kurzporträt mit ihren Kernaussagen voran. Gleichzeitig ist das Handbuch eklektisch strukturiert und dokumentiert die Vielfalt poststrukturalistischer Perspektiven. Die Autor*innen der Beiträge greifen auf unterschiedliche theoretische Ansätze zurück, die von Michel Foucault und Stuart Hall über hegemonietheoretische Arbeiten von Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Bob Jessop und Ngai-Ling Sum bis hin zu postkolonialen und feministischen Ansätzen, Affekttheorien und Konzepten der radikalen Demokratie reichen.

Diesen Eklektizismus verfolgen die Herausgeber*innen insofern konsequent, als dass sie im Anschluss an poststrukturalistische Prämissen ein übergeordnetes Erklärungsmodell ablehnen. So erklären die Herausgeber*innen: „Ein wesentliches Grundmotiv poststrukturalistischer Ansätze ist die Skepsis gegenüber festen, stabil und wohlgeordnet erscheinenden sozialen Phänomenen, deren Zustand durch wissenschaftliche Analysen festgehalten werden kann“ (21).

Nicht nur die vielfältigen theoretischen Blickwinkel, sondern auch die breite Auswahl an Bewegungen ist hervorzuheben, die im Handbuch auf Basis fundierter empirischer Erhebungen analysiert werden: Die Beiträge untersuchen zum Beispiel Klimabewegungen, Platzbesetzungen, die Indignad@s sowie post-anarchistische und munizipalistische Bewegungen. Darüber hinaus beleuchten einzelne Beiträge auch die Praktiken von Bürgerwehren und populistischen Bewegungen hierzulande. Als weitere Blickerweiterung sticht beispielweise die Analyse des Islamismus als soziale Bewegung hervor.

Die Vielfalt an theoretischen Zugängen und empirischen Fallbeispielen machen das Handbuch trotz seiner Systematik anspruchsvoll und voraussetzungsvoll. Jeder Beitrag setzt Vorkenntnisse über die jeweiligen gesellschaftstheoretischen Ansätze und/oder empirischen Kontexte voraus.

Ausblick und Aktualität für die Bewegungsforschung

Unserer Einschätzung nach erreicht das Handbuch sein Ziel: Es systematisiert eine Bandbreite an poststrukturalistischen Perspektiven auf soziale Bewegungen und regt dazu an, gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen innerhalb der Bewegungsforschung stärker zu berücksichtigen. Dabei bleibt es nicht beim Postulat einer Blickverschiebung, sondern die Herausgeber*innen und Autor*innen analysieren überzeugend unterschiedliche Bewegungen als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Dynamiken. Dies tun sie, getreu des Anspruchs poststrukturalistischer Perspektiven, ohne sich für eine übergreifende theoretische und empirische Herangehensweise auszusprechen.

Zusammenfassend zeigt das Handbuch, welchen Mehrwert poststrukturalistische Ansätze für die Analyse sozialer Bewegungen haben können. Darüber hinaus leisten sie eine produktive Verbindung mit der etablierten Bewegungsforschung, indem sie Ansätze wie Framing und Contentious Politics durch die Linsen der poststrukturalistischen Theorien zu ihrer Erneuerung auffordern.

Das Handbuch ist 2019 vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie erschienen. Während wir die Rezension erstellen, ist offen, wie die sozialen und politischen Folgen der Pandemie die Welt verändern werden. In den Verhandlungen einer Post-Krise spielen kollektive Mobilisierung und Formen der politischen Organisation jedoch erneut eine entscheidende Rolle. Wenn die Möglichkeit des Protestierens auf den Straßen begrenzt wird, oder die progressive Symbolik von konservativen und rechtspopulistischen Initiativen zunehmend vereinnahmt wird, braucht die Forschung umso mehr machtsensible analytische Werkzeuge, die sich mit der Komplexität und dem permanenten Verhandeln von Identitäten auseinandersetzten können sowie Bewegungen und Protest als Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse verstehen. Das Handbuch „Poststrukturalistische Perspektiven auf sozialen Bewegungen“ ist zweifelsohne ein wegweisender Ausgangspunkt für solche Forschungsvorhaben.

 

Literatur

della Porta, Donatella 2017: Political Economy and social Movement Studies: The Class Basis of Anti-austerity Protests. In: Anthropological Theory, Jg. 17, Heft 4, 453–473.

Engelhardt, Anne/Moore, Madelaine 2017: Über den Werkzeugkasten hinausgehen: Soziale Bewegungsforschung aus einem materialistisch dialektischen Blickwinkel. In: Momentum Quarterly – Zeitschrift für sozialen Fortschritt, Jg. 6, Heft 4, 271–289.

Haunss, Sebastian 2018: Precarious Research in a Movement Society: Social Movements Research in Germany. In: Fillieule, Olivier/Accornero, Guya (Hg.): Social Movement Studies in Europe: The State of the Art, Protest, Culture and Society. Oxford: Berghahn, 214–231.

Ribera-Almandoz, Olatz/Huke, Nikolai/Clua-Losada, Mònica/Bailey, David J. 2020: Anti-austerity between Militant Materialism and Real Democracy: Exploring Pragmatic Prefigurativism. In: Globalizations, 1–16.

Schwenken, Helen 2006: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme: politische Mobilisierungen um irreguläre Migration in die Europäische Union. Transcript.

Schwertl, Katherine Braun/Georgi, Fabian/Matthies, Robert/Pagano, Simona,/Rodatz Mathias, Maria 2018: Umkämpfte Wissensproduktionen der Migration. Editorial. In: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies, Jg. 4, Heft 1, 9–27.

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Bewegungsforschung und Mediendesign

31.12.2020

Seit 2018 schreiben Autor*innen des ipb in einer eigenen Rubrik des Forschungsjournals Soziale Bewegungen: “ipb beobachtet”. Die Rubrik schafft einen Ort für pointierte aktuelle Beobachtungen und Beiträge zu laufenden Forschungsdebatten und gibt dabei Einblick in die vielfältige Forschung unter dem Dach des ipb.

Bisher sind folgende Beiträge erschienen, die alle auch auf unserem Blog zu lesen sind:

Der folgende Text von Philipp Knopp, Tereza Maletz, Peter Fikar und Tilo Grenz erschien unter dem Titel “Bewegungsforschung und Mediendesign. Warum sich die soziale Bewegungsforschung in das Design digitaler Medien einmischen sollte” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 33, Heft 4.2020. Philipp Knopp ist Mitglied des Instituts für Protest- und  Bewegungsforschung (ipb).
Kontakt: philipp.knopp@univie.ac.at

Mittlerweile gehört die Annahme, dass digitale Medien soziale Bewegungen nachhaltig verändern, zu den Binsenweisheiten der Protest- und Bewegungsforschung. Sie prägen Protestrepertoires, die Mobilisierung und die Prozesse der Institutionalisierung von sozialen Bewegungen. Die Digitalisierung kann Protestierenden Zugang zu neuen Öffentlichkeiten verschaffen; sie macht sie unabhängiger von der Berichterstattung der Massenmedien, vereinfacht die Etablierung und Aufrechterhaltung transnationaler Solidarbeziehungen und ermöglicht neue Protestformen und -orte (Kannengießer 2014). Zuletzt haben die digitalen Protestformen und Diskussionsforen eine gewisse Kontinuität von Protesten in der Coronakrise ermöglicht. Viele soziale Bewegungen verlagerten ihre Proteste auf Internetplattformen oder griffen auf bereits bewährte Formen digitalen Engagements zurück. So konnten wichtige Kommunikationsbeziehungen aufrechterhalten werden, auch wenn diese Interaktionen (ohne physischen Kontakt) oft von den Protagonist*innen selbst als defizitär wahrgenommen wurden. Soziale Bewegungsakteur*innen experimentierten auch mit den widerständigen Potentialen kommerzieller Onlineplattformen. „Zoom-Streiks“ und „Zoom-Bombings“ sind wohl die aufsehenerregendsten Varianten dieser eigensinnigen Medienpraktiken. Auf solche Aktionen folgten sogar Anpassungen der Videokommunikationsplattform durch eine Veränderung der Zutrittsregulierung.

Auf der anderen Seite der Medaille gibt es rege Debatten über die negativen Folgen der digitalen Mediatisierung politischer Beteiligung: Die Verstärkung von bestehenden Ungleichheiten (Oser/Boulianne 2020), die Ausweitung von Überwachung, hate speech in sozialen Netzwerken, oder die verstärkte Abhängigkeit von digitalen Infrastrukturen sowie die damit verbundene neue Verletzbarkeit gegenüber autoritären Interventionen (Freudenschuß 2017) sind nur einige Facetten, die den ambivalenten Charakter digitaler Medien ausmachen (Knopp 2020). Nicht zuletzt ist die Digitalisierung daher auch politisches Thema sozialer Bewegungen, wie die Proteste gegen Vorratsdatenspeicherung bereits früh gezeigt haben. In der Coronakrise machten der Chaos Computer Club und andere Netzaktivist*innen mit der scharfen Kritik an den Überwachungspotentialen und Sicherheitslücken der staatlichen Corona-Apps von sich reden.

Doch was bedeutet dieses Gewicht der digitalen Medien für jene engagierte Protest- und Bewegungsforschung, die sich für eine gesellschaftliche Demokratisierung und damit auch für ein anerkennendes Verständnis von Protest und sozialen Bewegungen einsetzt?[1] Reicht es noch, die Wirkung digitaler Technologien zu beschreiben und zu analysieren, oder muss die Protest- und Bewegungsforschung in Designprozessen digitaler Medientechnologien mitwirken, ihre Expertise Technologieentwickler*innen zur Verfügung stellen oder selbst Medientechnologien mitentwerfen? Und wenn wir diese letzte Frage mit ja beantworten, welche Position beziehen Forschende in diesem Prozess? Sind wir pro oder contra oder doch wieder „zwischen allen Stühlen“ (Ullrich/Teune 2019)? Was heißt Kritik und allying im Kontext von Design überhaupt, an wen richtet sich diese Kritik? Und wenn wir uns einmischen, welche Kompetenzen steuert die Protest- und Bewegungsforschung bei? Zunächst aber zum Status Quo der digitalen Protestkulturen.

Sozial bewegtes Mediendesign

Protestkulturen manövrieren im digitalen Hindernislauf aus Möglichkeiten, Unebenheiten und Barrieren. Intrinsischer Bestandteil und prägender Faktor dieser Reise ohne erkennbares Ende sind Sicherheitskulturen, die die verschiedenen Protestformen absichern und damit für die Beteiligten ein hinnehmbares Maß an Handlungssicherheit schaffen (Knopp/Ullrich 2019; Ullrich/Knopp 2018). Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass verschiedene Protestspektren selbst aktiv werden und eigene Medientechnologien herstellen, die auf ihre spezifischen Anforderungen materielle Antworten geben (sollen). Neben den technologischen Avantgardebewegungen des hacktivism (Gunkel 2005) besitzen insbesondere größere Protestbewegungen die nötigen Fähigkeiten und die Wirkmacht, Technologien nicht nur zu entwerfen und zu programmieren, sondern sie auch in den eigenen Milieus und darüber hinaus zu verbreiten. Als Erfolgsbeispiel dafür lässt sich die Partizipationsplattform decidim.org verstehen, die zunächst versuchte, die Platzbesetzungen der spanischen 15M-Bewegung und ihre Entscheidungsstrukturen in digitales Material zu übersetzen. Die open-source Plattform sollte die partizipativen Prozesse und die auf horizontale Beteiligungsstrukturen ausgerichteten Regeln der asambleas technisch abbilden und so demokratische Entscheidungsfindung und Organisierung über den lokalen Kontext der Plätze hinaus verstetigen. Mittlerweile umfasst die Plattform verschiedenste Organisierungswerkzeuge und wird offiziell von einigen europäischen Großstädten anerkannt und als digitale Unterstützung der bürgerschaftlichen Partizipation genutzt.

Während die Arbeit sozialer Bewegungen in Design und Herstellung digitaler Technologien zunehmend beforscht wird und der Blick für die Ambivalenzen digitaler Medien wacher wurde (Knopp 2020; Freudenschuß 2015; Grimm et al. 2018), hat die Protest- und  Bewegungsforschung selten den Schritt in das Medien- und Technologiedesign gewagt (Bosk et al. 2018). In unserem Forschungsprojekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation in Wien“ (kurz: DIP) machten wir in den letzten Monaten erste Gehversuche[2] in diese Richtung – mit Menschen, die für die kritische Wiener Wohnungslosenzeitung Augustin arbeiten, bei Fridays for Future aktiv sind bzw. sich beim lokalen Ableger des Chaos Computer Clubs (C3W) engagieren. Das Projekt zielt darauf ab, mit diesen auf je unterschiedliche Weise marginalisierten Gruppen Ansatzpunkte für die Umsetzung eines „digitalen Humanismus“[3] zu suchen und soziale wie technische Designprinzipien zu erarbeiten. Diese Aufgabe stellt notwendigerweise die Frage nach dem normativen Standpunkt der Forscher*innen.

Wo wir stehen: Digitalisierung für den Menschen und Demokratisierung der Gesellschaft

Design ist eine grundlegend normative Praxis, weil es die Zukunft des Lebens, der Arbeit und auch des Protests prägt. Dazu werden gewünschte Zustände imaginiert und Medien dahingehend hergestellt. Design von Medien und Technik hat also umfangreiche Auswirkungen auf die Formen politischen Engagements – oder eben nicht, weil die betreffende Medientechnologie von ihren potenziellen Nutzer*innen schlicht beiseitegelegt und nicht angewandt wird.

Digitale Medien legen bestimmte Gebrauchsweisen in Protestformen nahe, eröffnen neue Wege und erschweren andere. Manches Verhalten wird von den Medien gar unterbunden. Die Handlungsprogramme der Plattformen regeln beispielsweise, wer welche Beiträge anderer zu sehen bekommt, wer sie kontrollieren kann und wer sie verändern oder gar löschen kann. Unsere Untersuchungen zeigten, dass die Regulierung von Sichtbarkeit in der Koordination und Organisierung von Protestpraktiken eine entscheidende Rolle spielt. Sichtbarkeit steht jedoch in einem Spannungsverhältnis mit den Zeitbudgets der Engagierten. Die Medieninfrastrukturen des Chaos Computer Clubs Wien sind etwa auf umfassende Transparenz und breite Sichtbarkeit von Beiträgen der Engagierten füreinander ausgelegt. Die Quantität und Dichte der Kommunikation – insbesondere in Hochphasen des Engagements, in denen in öffentliche Debatten interveniert werden soll – führt aber zum Problem, dass Partizipation einen teils enormen Zeitaufwand und kurzfristige Verfügbarkeit erfordert, um über die Aktivitäten der Gruppierung informiert zu bleiben und daran wirksam teilnehmen zu können. Dies begünstigt das Auftreten von Ungleichheiten und informellen Hierarchien aufgrund der individuell verfügbaren Zeitbudgets, die an bestehende soziale Ungleichheiten anschließen (Verteilung von Care-Arbeit, Arbeitszeiten, staatliche Regulierung des Lebens von Migrant*innen etc.). Bei Fridays for Future Wien besteht eine ähnliche Problematik. Die für die interne Kommunikation genutzte, kommerzielle Work-Flow-Plattform zielt auf unmittelbare Aktivierung der Nutzer*innen in Arbeitsprozessen durch push-Nachrichten. Da Engagement in sozialen Bewegungen aber im Gegensatz zu sog. Normalarbeitsverhältnissen keine fixierten zeitlichen Begrenzungen aufweist, dringt das Engagement vermittelt über Smartphones und andere tragbare devices in andere Lebensbereiche ein. Diese Entgrenzung wird von Engagierten teilweise als invasiv empfunden, befördert Überlastungsprobleme und belastet mithin familiale und freundschaftliche Sozialbeziehungen der Engagierten.

Es ist also nicht belanglos, wie Medientechnologien gemacht sind und wie diese im Verhältnis zu ihrem sozialen Umfeld stehen. Wenn Protestforscher*innen Teil des Designprozesses werden, etwa in der Definition von zu bearbeitenden Problemen, dann stellt sich die Frage, was der normative Bezugspunkt dieser Arbeit ist: Sehen wir uns als neutrale Verlängerungen von Bedürfnissen der Protestierenden jedweder couleur, oder entwickeln wir im Dialog eigene Blickwinkel?

Wir haben uns für die zweite Option entscheiden, weil die erste in sich unmöglich ist, da sie auf einer basalen Ebene die unhintergehbare Subjektivität von Forschenden und Designer*innen negiert,[4] aber auch, weil sich aus der zweiten Position eine Designpraxis (weiter-)entwickeln lässt, die im Sinne einer Demokratisierung von Partizipationsformen operiert. Demokratisierung von digitalen Medien setzt eine Irritation der Routinen der Organisierungs-, Mobilisierungs- und Koordinierungsarbeit voraus, die Ungleichheiten verschärfen oder hervorbringen. Irritation bedeutet dabei, im Designprozess auf die vielgestaltigen Wirkungen bestimmter Medienpraktiken hinzuweisen. Das Design Game, wie wir es in unserer Forschung anwenden, ist eine Möglichkeit der Konfrontation und Sichtbarmachung solcher Routinen und ihrer Wirkungen auf die Partizipation. Dabei bringen wir die unterschiedlichen Gruppen (Wohnungslose, Klima- und Netzaktivist*innen) an einen Tisch und lassen sie gemeinsam spielerische Aufgaben lösen, die dem Alltag der Engagierten nahekommen. Bereits die Zusammensetzung der Teilnehmer*innen und die unterschiedlichen kulturellen Herangehensweisen sollen dabei einerseits eine Reflexion von Routinen bewirken und andererseits gemeinsame Wege mit diesen Problemen umzugehen hervorbringen.

Eine wichtige Inspirationsquelle für diese Grundhaltung der Irritation (vgl. dazu auch Bauman 2001: 294–318) war für uns die politische Philosophie Hannah Arendts. Diese verbindet sich mit einer kritischen Perspektive auf dominante Digitalisierungsprozesse unserer Zeit. In den letzten Jahren wurde die digitale Entwicklung zunehmend von einer Melange aus Überwachung, Datenexpropriation und Profitorientierung vorangetrieben. Mit der forcierten Monopolisierung wichtiger Segmente des Digitalmarktes geht auch eine Erzählung über den Menschen einher, bei der die Lösung sozialer Probleme den eigentlichen Problemen vorangeht. Menschen werden in der Erfolgserzählung der Digitalisierung nicht mehr als legitime Träger*innen von Bedürfnissen gegenüber Sozialwelt und Technik betrachtet, sondern als Trägheitsmomente, die von der Digitalisierung längst überholt wurden und diese nun unbotmäßig ausbremsen. „Die Technik könnte natürlich vielmehr“ ist nicht nur eine vielfach referenzierte Marketingstrategie, um die Leistungsfähigkeit von Digitalware zu bewerben, sondern eine problematische Umkehrung des Verhältnisses von Mensch und Technik, die eine Abkopplung der profitorientierten Technologieentwicklung von historisch-spezifischen Bedürfnissen ermöglicht. Wir dürfen also in den meisten Fällen den ipb-Kollegen Daniel Staemmler und Mark Fielitz zustimmen: Digitale und „soziale Medien sind nicht für Proteste ausgelegt“ (Bovermann 2020).

Wenn nun aber sowohl eine eigenlogische Abkopplung als auch Neutralitätsschimären zu verwerfen sind, dann wird deutlich, dass sich jede Designpraxis über ihre normativen Grundlagen verständigen muss. Welchen Standpunkt kann also ein kritisch-humanistisches Mediendesign einnehmen? Humanismus bzw. die Möglichkeit Mensch-zu-sein ist für Arendt (2016 [1960]) in der „vita activa“ dann gegeben, wenn die Individuen an den Sachen des Gemeinwesens teilnehmen und teilhaben können. Nur in diesem Sinne und nur in den Aushandlungsprozessen mit Anderen entfalten Menschen eine Subjektivität, die es ihnen erlaubt, über ihre Lebensbedingungen, Ziele und Wünsche gemeinsam zu entscheiden. Die Sichtbarkeit der Belange des Anderen ist eine grundlegende Bedingung des politischen Engagements als Freie und Gleiche. Das demokratische Moment des politischen Handelns ist dabei nicht etwa ein fauler Kompromiss, sondern das Recht auf Dissens (Rancière 1999), über das Gemeinsame zu streiten und zu verhandeln. Wenn kritisch-humanistische Designpraxis als Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten zur Partizipation an den öffentlichen Belangen beitragen will, muss sie sich damit auch als wirkliche, weil wirkende Teilnehmerin in der sozialen Welt ansehen und damit selbst streitbar sein. Für Designpraktiken heißt das, Teilhabeformen in sozialen Bewegungen nicht als gegeben, sondern als gemacht und damit im Sinne einer Demokratisierung als offen und modellierbar zu erachten. Die (engagierte) Protest- und Bewegungsforschung hat damit die Aufgabe, Marginalisierungen und Barrieren in sozialen Bewegungen und in Designprozessen zu problematisieren und sichtbar zu machen.

Der Platz der Protest- und Bewegungsforschung in Designprozessen

Wie deutlich wurde, plädieren wir für eine Teilnahme der Protest- und Bewegungsforschung an Designprozessen mit einer eigenständigen normativen Positionierung, die den Raum der Teilhabe erweitern will und sich damit weder den Interessen politischer Akteur*innen unterwirft, noch eine Abkopplung von der Praxis der sozialen Bewegungen vollzieht. Damit wird die Frage nach der Rolle einer sozialwissenschaftlichen Protest- und Bewegungsforschung in diesem Kontext berührt – welchen Platz nimmt sie ein? Wer nicht auf den weiter oben angesprochenen Stühlen Platz nehmen will, hat keine einfache Wahl. Denn kritisch-humanistisches Design kann weder bestehende Teilhabeformen lediglich technisch abbilden, noch aus einer abgekoppelten Position heraus digitale Fiktionen bauen. Es ginge in diesem Sinne darum, eine spanungsgeladene und spannende (!) Vermittlungsposition einzunehmen. Dieses Spannungsverhältnis kann zunächst durch wechselseitige und im Design materialisierte Irritation produktiv gemacht werden. Eine strategische Fragerichtung könnte sein: Welche Forderungen an die digitale Medienpraxis stellt die Demokratisierungsperspektive und auf welche praktischen Hindernisse stößt sie dabei? Dies dient letztlich der Entwicklung von den Bewegungsakteur*innen selbst kommenden Anstöße zu möglicherweise digital vermittelten demokratisierenden Partizipationsformen.

Gleichermaßen hat die Bewegungsforschung komplexe Theorie- und Verallgemeinerungsstrategien zu bieten, die es ihr auch in Designprozessen erlauben, Partizipationsformen auf Demokratisierungspotentiale und -grenzen hin zu befragen. Ihre methodisch geleiteten Reflexionsprozesse erlauben dabei auch einen Zugang zu Erfordernissen, die Aktivist*innen nicht notwendig jederzeit bewusst sein müssen. In unserer Forschung begegnete uns etwa an mehreren Stellen, dass die expliziten Teilnahmebedingungen der untersuchten Bewegungsorganisationen als intrinsisches „Interesse“ definiert wurden, während sich in weiteren Ausführungen aber weitere und teils sehr hohe Anforderungen auftun, um kompetent teilzunehmen. Dies umfasst unter anderem – wie oben angedeutet – die zeitliche Verfügbarkeit (Synchronisierung mit Themen und Entscheidungen entgrenzen sich), Gebrauchswissen im Umgang mit digitalen Plattformen und Sicherheitstools (etwa zur Nutzung sicherer clients) oder auch den Mut, sich politischen Gegner*innen mehr oder minder identifizierbar gegenüberzustellen (und damit etwas zu riskieren). Auf all diese impliziten Anforderungen, d.h. die Bandbreite oftmals stillschweigend artikulierter Anforderungen der Partizipation kann die Bewegungsforschung hinweisen und ihre gruppenspezifischen Ausprägungen (für den C3W gelten z.B. andere Anforderungen an die zeitliche Verfügbarkeit als für den Augustin etc.) herausarbeiten.

Ferner liegt eine Kompetenz der Bewegungsforschung darin, die Spannungsverhältnisse zwischen politischen Möglichkeitsfenstern, verschieden gelagerten und mit sozialen Ungleichheiten verbundenen Alltagsbeziehungen und -problemen, und den Organisierungsprozessen, die das Engagement bestimmter Protestgruppen durchziehen, zu abstrahieren und mit anderen Bewegungen vergleichbar zu machen. Dabei kann sie die partikularen Problemstellungen miteinander in Bezug setzen und entsprechend technologische Bearbeitungsversuche informieren, die über singuläre Lösungen hinausgehen. Denn geteilte digitale Medien können als Infrastrukturen des Gemeinsamen auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gruppen erleichtern und befördern. Nicht zuletzt ist hier aber auch das Selbstbewusstsein der Sozialwissenschaften gefragt, das darin besteht, klar und deutlich herauszustellen, dass Medien- und bloße Technik soziale Probleme nicht zu lösen vermag, sondern vorrangig dazu dienen kann, diese Probleme sie zu überbrücken. Sie muss also weiterhin insistieren, dass soziale Probleme als Anliegen dem Gemeinwesen sichtbar gemacht werden müssen. Und so gerät die Protest- und Bewegungsforschung ein letztes Mal zwischen die Stühle, wenn sie bewusst darauf beharrt, dass soziale Probleme sozialer Lösungen bedürfen und keiner technological shortcuts. Eine so verstandene kritische Designpraxis kann dann die Impulse gelebter Beteiligungspraxis in sozialen Bewegungen aufnehmen und die Verbreitung demokratiefördernder Medien befördern.

 

Philipp Knopp, Dipl.-Soz., ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und arbeitet als Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Wien. Er forscht zu Überwachung und digitalen Medien in sozialen Bewegungen, zur Polizei und zu den Interaktionen zwischen Protest und Polizei. Kontakt: philipp.knopp@univie.ac.at.

Peter Fikar, DI, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation“ am Institut für Soziologie der Universität Wien und Doktorand an der Fakultät Informatik der Technischen Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Human-Computer Interaction, User Centered Design, Interaction Design und Tangible User Interfaces. Kontakt: peter.fikar@univie.ac.at

Tereza Maletz, BA, ist Masterandin und Projektmitarbeiterin im Projekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation“ am Institut für Soziologie der Universität Wien. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich sozialer Ungleichheitsforschung und der Kultursoziologie. Kontakt: tereza.maletz@univie.ac.at

Tilo Grenz, Dr. phil., ist Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei der wissenssoziologischen Mediatisierungsforschung und Organisationssoziologie, Soziologie der Digitalisierung, Cybersecurity und digitale Risiken, Kommunikativen Wissenskulturen und prozessorientierten Forschungsmethoden. Kontakt: tilo.grenz@univie.ac.at

[1] Vgl. für eine ähnlich gelagerte Fragestellung Zajak (2018) in dieser Rubrik.

[2] Ziel des Forschungsprojekts ist es zunächst gemeinsam mit Mediendesigner*innen die Anforderungen und spezifischen Problemstellungen unterschiedlicher Engagementformen und Akteur*innen im Gebrauch digitaler Medien herauszuarbeiten. Auf dieser Basis können im Weiteren die konkrete materielle Gestaltung digitaler Medien bzw. die Programmierung von Software aufbauen. Die Studie umfasst teilnehmende Beobachtungen zu feldzentralen sites und practices (z.B. Hackerspaces, Team-Meetings und Redaktionssitzungen), Feld-Interviews und Gruppendiskussion mit den drei Gruppen. In einem letzten Schritt fließen die Erkenntnisse aus diesen Forschungsphasen in ein Design Game ein, mit dem bestimmte Kommunikations- und Organisierungsprozesse mit Engagierten erprobt werden. Design wird damit in alltagsweltlichen Prozessen der aktiven Aneignung verankert (Moran 2002).

[3] Das Label soll die Digitalisierungsstrategie der Stadt Wien prägen und geht auf eine Initiative von Informatiker*innen und Designer*innen zurück, vgl. Werthner et al. 2019.

[4] Wir beziehen uns hier u.a. auf intensiv geführte Debatten zur Reflexivität der Feldforschung, insofern ebendiese Form der empirischen Forschung erst durch das Im-Feld-Sein, die Erwägungen und interpretativen Schritte der Verschriftlichung ermöglicht wird.

Literatur

Arendt, Hannah 2016 [1960]: Vita activa oder vom tätigen Leben. Piper.

Bauman, Zygmunt 2001: Vom Nutzen der Soziologie. Suhrkamp.

Bovermann, Philipp 2020: Soziale Medien sind nicht für Proteste ausgelegt. 17. August 2020, www.sueddeutsche.de

Bosk, Daniel, Guillermo Rodriguez-Cano/Benjamin Greschbach/Sonja Buchegger 2018: Applying Privacy-enhancing Technologies. One Alternative Future for Protests. In: Melgaço, Lucas/Monaghan, Jeffrey (Hg.): Protests in the Information Age. Social Movements, Digital Practices and Surveillance. Routledge, 73–94.

Freudenschuß, Magdalena 2015: Paradoxe Dynamik. Aktivismus zwischen Anonymität und Sichtbarkeit. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 28(3), 55–62.

Freudenschuß, Magdalena 2017: Infrastrukturen der Un/Sichtbarkeit navigieren? Zur aktivistischen Bearbeitung von Verletzbarkeiten. In: Thomas, Tanja/Brink, Lina/Grittmann, Elke/de Wolff, Kaya (Hg.): Anerkennung und Sichtbarkeit. transcript, 185–199.

Grimm, Maren/Leistert, Oliver/Keil, Siri 2018: Die Formatfrage stellen. Das alternative Medienzentrum FC/MC zum G20-Gipfel (im Gespräch mit Ulrike Bergermann). In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 10(1), 111-129.

Gunkel, David J. 2005: Editorial. Introduction to Hacking and Hacktivism. In: New Media & Society 7(5), 595–97.

Kannengießer, Sigrid 2014: Translokale Ermächtigungskommunikation. Medien, Globalisierung, Frauenorganisationen. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Knopp, Philipp 2020, im Erscheinen: Zwischen Ermächtigung und Überwachung. In: Protestkulturen in mediatisierten Öffentlichkeiten.

Knopp, Philipp/Ullrich, Peter 2019: Abschreckung im Konjunktiv. Macht- und Subjektivierungseffekte von Videoüberwachung auf Demonstrationen. In: Berliner Journal für Soziologie 29(1-2), 61–92.

Moran, Thomas 2002: Everyday Adaptive Design. In: Association for Computing Machinery (Hg.): Proceedings of the 4th Conference on Designing Interactive Systems. Processes, Practices, Methods, and Techniques, 13–14.

Oser, Jennifer/Boulianne, Shelley 2020: Reinforcement Effects between Digital Media Use and Political Participation. A Meta-Analysis of Repeated-Wave Panel Data. In: Public Opinion Quarterly 84(1), 355–365.

Rancière, Jacques 1999: Disagreement. Politics and Philosophy. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Schön, Donald A. 1984: The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. Basic books.

Ullrich, Peter/Knopp, Philipp 2018: Protesters’ Reactions to Video Surveillance of Demonstrations: Counter-Moves, Security Cultures, and the Spiral of Surveillance and Counter-Surveillance. In: Surveillance & Society 16(2), 183–202.

Ullrich, Peter/Teune, Simon 2019: Protestforschung zwischen allen Stühlen. Forschungsjournal Soziale Bewegungen 32(1), 29–40.

Werthner, Hannes et al. 2019: Wiener Manifest für digitalen Humanismus. dighum.ec.tuwien.ac.at

Zajak, Sabrina 2018: Engagiert, politisch, präfigurativ. Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 31(4), 98–105.

 

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