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Updated: 46 min 8 sec ago

Das transformative Selbstexperiment in der Bewegungsforschung

14.01.2019

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftler*innen aus dem Umfeld des ipb ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des ipb einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Bislang erschienen:

Der folgende Text von Sabrina Zajak erschien unter dem Titel “Engagiert, politisch, präfigurativ – Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung” im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 4, S. 98-105. Sabrina Zajak ist Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- Bewegungsforschung. Sie ist Leiterin der Abteilung Konflikt und Konsens am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DEZIM-Institut) und Junior-Professorin für „Globalisierungskonflikte, Arbeit und sozialen Bewegungen“ am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum. Kontakt: zajak@dezim-institut.de.

Selten war Forschung so politisch wie heute. Was kann und soll Forschung leisten in Zeiten des Postfaktischen, zunehmender Radikalisierung und Entsolidarisierung? Und vor allem: wie kann dieser Beitrag aussehen?

Auf diese Frage gibt es in der Bewegungsforschung sehr unterschiedliche Antworten.

Auf der einen Seite plädieren Verfechter*innen einer engagierten und politischen Bewegungsforschung für eine stärkere partizipative und aktionsorientierte Forschung, die aktiv an sozialen Bewegungen teilnimmt und sich auf eine gemeinsame Theorieentwicklung zwischen Akademiker*innen und Aktivisten*innen einlässt (Hamm 2013). Sie kritisieren, dass sich Forscher*innen zu sehr von ihrem ‚Untersuchungsgegenstand‘ distanziert haben und kein bewegungsrelevantes Wissen produzieren (Choudry/Kapoor 2010). Sie fordern verschiedene Formen der Wissensgenerierung ernst zu nehmen, insbesondere auch ‚Bewegungswissen‘ selbst, um gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht einfach mit akademischem Wissen zu überschreiben (Cox 2015; Cox/Flesher Fominaya 2009). Es geht darum auch als Wissenschaftler*in Gesellschaft mitzugestalten und ihre normativen Grundlagen immer wieder zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite stehen Vertreter*innen, die auf wissenschaftliche Unabhängigkeit und Distanz beharren. Der gesellschaftliche Beitrag wissenschaftlicher Forschung liegt demnach allein auf der objektiven und evidenzbasierten Generierung von Wissen. Forscher*innen obliegen demnach dem Gebot der politischen Neutralität.

Diese Debatte ist weder neu noch auf die Bewegungsforschung beschränkt. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich seit jeher mit der Frage nach ihrem Wissenschaftsverständnis – in Anlehnung an und Abgrenzung zu den Naturwissenschaften. Diese Debatte um die Normativität und um den gesellschaftlichen Beitrag der Sozialwissenschaften wurde in Deutschland seit dem Positivismusstreit (kritischer Rationalismus versus kritische Theorie) in den 1960er Jahren immer wieder geführt (Adorno et al. 1978).

In der Bewegungsforschung sind die Gräben inzwischen besonders tief. Nicht nur weil ihr Untersuchungsgegenstand politisch ist und ihre medialen Aussagen auch die öffentlich-politische Wahrnehmung von sozialen Bewegungen prägen; sondern auch weil sich Protest- und Bewegungsforscher*innen häufig selbst als Teil einer Bewegung begreifen (Teune/Ullrich 2018). Das stellt die Legitimität der Bewegungsforschung auf den Prüfstand. Die einen sind der Ansicht, dass nur analytische Distanz und die Einhaltung wissenschaftlicher Neutralität und Objektivität es den Wissenschaftler*innen ermöglicht, zu zentralen bewegungsrelevanten Fragen öffentlich Stellung zu nehmen, ohne die eigene Legitimationsgrundlage als unabhängige/r Forscher*in aufs Spiel gesetzt zu haben. Auf die epistemische Autorität der Forschenden wird beharrt.

Die anderen kritisieren diese Forschung als vermachtet. Forscher*innen zögen aus ihren Untersuchungen nur den individuellen Nutzen der Karriereentwicklung. Sie plädieren für das Ausbrechen aus hierarchischen und standardisierten Formen der Wissensproduktionen, indem die privilegierte Position von Wissenschaftler*innen aufgelöst wird (Luchies 2015) (Diese Doppelrolle wird im Folgenden auch als Forschende/Aktive bezeichnet). Dies, so das Argument, ist zudem nötig, um überhaupt valides Wissen über soziale Bewegungen generieren zu können. Bewegungen sind schließlich fluide Gebilde und immer auch Orte der Wissensproduktion mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Gestaltung (Cox 2014; Della Porta/Pavan 2017). Deshalb, so das Kredo partizipativer und handlungsorientierter Forschung, kann man Bewegungen nicht sinnvoll von außen beforschen. Vielmehr sollte das Generieren gemeinsamen Wissens über gesellschaftliche Handlungszusammenhänge im Vordergrund stehen (Fuster 2009; Starodub 2015).

Allerdings ergibt sich daraus ein tautologisches Problem. Wenn ich Bewegungen partizipativ erforsche, in die ich bereits hineinsozialisiert wurde, deren Identitäten, Weltanschauung und Handlungspraktiken ich bereits teile und internalisiert habe – wie kann ich dann gemeinsame Wissenskonstruktion als solche erkennen und erforschen? Wie kann ich soziale Bewegungen kritisieren und über meine eigene Doppelrolle als Forschende und Aktive reflektieren? Dieses Dilemma wird in zahlreichen Abschlussarbeiten motivierter Studierender sichtbar, die das Handlungsgeschehen oder die gesellschaftliche Kritik einer Bewegung minutiös dokumentieren ohne aber ihre Beobachtungen analytisch-theoriebildend zu durchdenken.

Diese Frage stellt sich insbesondere, wenn gesellschaftsverändernde, präfigurative Handlungsweisen sozialer Bewegungen betrachtet werden (politischer Konsum, zero-waste, zero-plastic, degrowth, solidarisches Handeln). Präfiguratives Handeln zielt darauf ab, gesellschaftlichen Wandel mit Hilfe sozialer Praktiken zu erreichen, die normative Zukunftsentwürfe im alltäglichen Handeln verankern („live the change you want to see“; De Moor 2017; Butzlaff/Deflorian 2018.[i]). Haben sich aber soziale Praktiken in Alltagsroutinen verfestigt, ist es schwierig, Lernprozesse selbstreflexiv und rückwirkend zu erschießen. Und damit sind die zwei zentralen Fragen nach der Entstehung alternativer Handlungspraktiken und nach deren Diffusion partizipativ kaum erforschbar.

Den Brückenschlag wagen

Ich möchte hier das transformative Selbstexperiment als eine Möglichkeit vorstellen, dieses Dilemma zu lösen und damit gleichzeitig eine Brücke schlagen zwischen den oben angeführten sich gegenüberstehenden Wissenschaftslagern. Den Kern des Selbstexperiments bildet das kontinuierliche Reflektieren von Forschenden über ihre eigenen Handlungen, über die Selbsttransformation durch den Forschungsprozess und über die gesellschaftliche Rolle als politischem Subjekt. Im Verlauf des Selbstexperiments beobachten sich Forschende selbst bei der Wahl verschiedener Wissenskonstruktionspraktiken und in Interaktion mit anderen. Sie transformieren dieses Wissen in eigenes Handeln, womit es erfahrbar gemacht wird. Diese Erfahrungen erweitern letztlich den Wissenshorizont der Forschenden und ermöglichen verstehendes Erklären auf einer sehr grundlegenden Ebene. Gleichzeitig basiert diese Form der Wissensproduktion nicht auf Ausbeutungsverhältnissen und Machtasymmetrien, sondern auf gleichberechtigtem Dialog mit anderen.

Das transformative Selbstexperiment weist viele Gemeinsamkeiten mit partizipativer, aktionsorientierter Forschung (PAF) auf. Ähnlich wie in der PAF verschmelzen Forschungssubjekt und -objekt in einer Person und die/der Forschende wird selbst zur aktiv-handelnden Person; es wird neues Wissen auf nicht-hierarchische Weise und in Interaktion mit anderen generiert. Kontinuierlicher Wandel eigener Verhaltensweisen und Reflexion bilden den Kern der Wissensproduktion (Kemmis et al. 2013). Gleichzeitig ist ein solches Selbstexperiment transformativ, da es eine Form der Selbstermächtigung („empowerment“) und das Erfahren eigener, individueller und kollektiver politischer Gestaltungsmacht impliziert. Präfigurative Veränderungen bedeuten immer auch, in Aktivismus und soziale Bewegungen hineinzuwachsen und sein Umfeld dabei mitzugestalten. Dabei erlangt der/die Forschende/Aktive über ihre/seine Erfahrungen ein tiefes Verständnis des Verhältnisses individuellen und kollektiven Handelns und über die Möglichkeiten gesellschaftlicher Mitgestaltung – man rekonstituiert sich als neues akademisches und politisches Subjekt.

Gleichzeitig bietet der Ansatz ein experimentelles Setting und weist damit Elemente eines Feld- bzw. Umweltexperiments auf (Hamenstädt 2015). Experimente erfreuen sich innerhalb der Sozialwissenschaft zunehmender Beliebtheit, da mit ihnen Prozesse der Entscheidungsfindung analysiert werden (Gerber 2011). Interessanterweise kommen Experimente in der Bewegungsforschung nicht vor, obwohl Mikropraktiken der Entscheidungsfindung von zentraler Bedeutung sind; sowohl für die Entwicklung neuer sozialer Praktiken als auch für deren Verbreitung. Insbesondere praxis-orientierte soziale Bewegungen werden gerade von dem Wunsch angetrieben, breiten sozialen und politischen Wandel über Verhaltensänderungen zu erreichen (Yates 2015).

In einem Selbstexperiment wird dieselbe Person in verschiedenen Kontexten und Rahmenbedingungen untersucht – was bei experimentellen Designs auch als „within-subject-design“ bezeichnet wird.[ii] Im Unterschied zum experimentellen Setting wird diese Person jedoch nicht von einem/einer Forscher*in von außen beobachtet, sondern Forscher*in und Untersuchungsobjekt sind ein und dieselbe Person. Die Person soll eine Handlungspraxis wählen, die eine gewisse Distanz zum eigenen Alltag und Lebensstil aufweist. Der/die Forschende/Aktive sollte zu Beginn des Experimentes nicht Teil der dieser Praktik zugeordneten Bewegung sein.

Das Individuum und dessen Wandel von Alltagspraktiken als gelebter, selbst-transformativer Prozess ist Gegenstand der Untersuchung. Diese lebensweltliche Erfahrung sozialen Wandels (z.B. zu mehr Nachhaltigkeit, politischem Konsum, zero waste, degrowth oder solidarischem Verhalten) wird mit der Technik der Selbstbefragung dokumentiert. Lerneffekte, die Entscheidungen über eingeschlagene Wege der Wissensproduktion und Dilemmata, die sich im Umgang mit anderen aus der Verhaltensänderung ergeben, können erfahren, dokumentiert und analysiert werden.[iii] Diese Dokumentation ermöglicht wiederum intersubjektive Nachvollziehbarkeit.

Damit – so die These dieses Beitrags – leistet das transformative Selbstexperiment nicht nur einen Brückenschlag zwischen den sich gegenüberstehenden Forschungstraditionen. Es leistet ebenso einen Beitrag zur Transformation der Bewegungsforschung selbst, indem es neue Möglichkeiten der Verbindung von Forschung und Aktivismus eröffnet.

Im Folgenden werde ich ein paar methodische Bausteine beschreiben, die sich in dem Durchführen von Selbstexperimenten als geeignet herauskristallisiert haben, auch wenn der/die Forschende/Aktive in erster Linie selbst die Parameter seines/ihres Designs definiert und konstruiert. Dabei beziehe ich mich auf Selbstexperimente, die ich im Rahmen von Universitätsseminaren angeleitet und gemeinsam mit verschiedenen Gruppen Studierender als Lehrforschungsmodule an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt habe. Die gewählten Handlungspraktiken fielen dabei auf zero waste, zero plastic, zero social media und do-it-yourself. In Anlehnung an das Wechselspiel von Aktion und Reaktion in partizipatorisch-aktiver Forschung (Participatory Action Research, Reason/Bradbury 2001; Kemmis et al. 2013) bezeichne ich das Vorgehen als Reflexions-Aktions-Zyklus, bei dem sich Reflexionsphasen und Aktionsphasen abwechseln, gegenseitig bedingen und beeinflussen.

Der Reflexions-Aktions-Zyklus

Themenauswahl und Festlegung des experimentellen Settings

Der erste Schritt im Selbstexperiment ist die Festlegung des Themenbereichs, der eigenen Zielsetzung, des Zeithorizonts und der Intensität des angestrebten Wandels. Wie weit möchte ich von meinem bisherigen Verhalten abweichen? Möchte ich etwas für den Umweltschutz, die Menschenrechte, Geflüchtete, Diskriminierte, LGTB, oder allgemein etwas für globale Gerechtigkeit tun? Warum entscheide ich mich für einen bestimmten Bereich? Was weiß ich bisher und was sind meine Erwartungshaltungen?

Zunächst geht es um die Bestimmung der Ausgangsparameter und der eigenen Position zu dem Handlungsbereich. Wer zum Beispiel bereits strenger Vegetarier ist, kann leichter eine Verhaltensänderung in Richtung Veganismus vornehmen als ein*e regelmäßige*r Fleischesser*in. Dies ermöglich einen Vorher-Nachher-Vergleich sowie die Rekonstruktion des Prozessverlaufs. Dabei gilt: Je vertrauter mir eine Bewegung oder aktivistische Handlung ist, desto weniger muss ich mich ändern. Desto geringer sind aber gleichzeitig die persönlichen und akademischen Lerneffekte.[iv]

Reflexion und Wissensproduktion

Die erste Phase der Reflexion beginnt mit der Generierung von Wissen darüber, wie man sein Verhalten überhaupt ändern kann. Was genau muss getan werden und welche Schritte beinhaltet dies? Der/die Forschende/Aktive muss sich in der Regel verschiedene Wissensquellen erschließen, um für sich diese Fragen beantworten zu können. Dabei können die Strategien der Wissensgenerierung je nach Persönlichkeit, Umwelt und Handlungsbereich sehr unterschiedlich ausfallen. Die Aufzeichnung und Dokumentation dieser Strategien erlaubt wiederum eine Analyse der Prozesse individueller und kollektiver Wissensproduktion.

In unseren Fällen wurde schnell klar, dass die Lektüre wissenschaftlicher Texte zum Wandel sozialer Praktiken nur sehr bedingt hilfreich ist: Sie ist zu abstrakt, um daraus Bewertungsmaßstäbe und konkret Richtlinien für eigene Verhaltensänderungen zu generieren. Anregungen findet man vielmehr durch den Austausch mit anderen. Es geht also um eine kollaborative Wissensgenerierung über Social Media oder Blogeinträge in Gesprächen mit Personen, die den angestrebten Lebensstil leben oder in Diskussionen mit Freunden und Bekannten, die die gewählten Handlungspraktiken vielleicht nicht teilen, aber dennoch mit hilfreichen Tipps bei Seite stehen. Obwohl also im Selbstexperiment „doing it alone“ im Vordergrund steht, wird die soziale und kollektive Konstruktion von alternativen Handlungsweisen schnell deutlich (vgl. auch Garrison 2016).[v] Diese Lernprozesse werden in einem Reflexionstagebuch festgehalten. Was habe ich heute/diese Woche erlernt? Was funktioniert? Wo liegen die Grenzen meiner Gestaltungskraft und woraus ergeben sich diese? Inwiefern ändern sich meine Sichtweisen auf mein Thema und warum?

Aktionsphase

Aktion und Reflexion stehen in kontinuierlicher Wechselwirkung. Die Aktionselemente in dem Experimentzyklus beziehen sich auf die tatsächlichen Veränderungen im Alltag. Insbesondere der Beginn der Handlungsumstellungen stellt die Forschenden/Aktiven vor kontinuierliche Herausforderungen. Dazu zählen mangelnde Finanzen, mangelnde Zeit oder mangelndes Wissen. Die größten Herausforderungen ergeben sich allerdings in Interaktionssituationen: Das Gegenüber kann ablehnend oder irritiert auf die Handlungsänderung reagieren. Im eigenen Umfeld (mit Familie, Freunden, Bekannten, Kolleg*innen und Fremden) kommt es immer wieder zu Diskussionen und Auseinandersetzungen um die im Zentrum des Selbstexperiments stehenden Handlungspraktiken. Man wird immer wieder dazu gezwungen, sich zu entscheiden, ob man die eigenen Handlungspraktiken rechtfertigt oder jegliche Diskussion zu vermeiden versucht. Es stellt also eine Entscheidungssituation für alle Beteiligten dar, in der es möglicherweise zu einer Diffusion der Handlungspraktiken kommt. Dadurch werden Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung von sozialen Handlungspraktiken („leading by example to create change“; Jaster 2018) erfahrbar.

Hier wird wiederum auch ein Unterschied zu anderen partizipatorischen Ansätzen in der Bewegungsforschung deutlich. Solange sich der/die Forschende/Aktive innerhalb der zugehörigen Bewegung aufhält, und mit Gleichgesinnten umgibt, sind die Gelegenheiten in solche Dilemma-Situationen zu geraten, eher gering. In der Regel sind diese Gruppen eher homogen und haben einen gemeinsamen Lebensstil über Jahre hinweg entwickelt. Im Selbstexperiment kommt der/die Forschende/Aktive von außen und muss deshalb von anderen Aktiven lernen, dieses Wissen in Handlungspraktiken zu transformieren und gleichzeitig vermehrt seine Handlungen vor zweifelnden Dritten zu rechtfertigen. Darin steckt gerade das emanzipatorische, aber auch das analytische Potential dieses Ansatzes.

Gemeinsam Wissen produzieren

Ein wichtiger Bestandteil des Selbstexperimentes sind kollektive Reflexionsgespräche mit anderen Selbstexperimentierenden oder anderen Aktiven. Gegenstand der Gespräche ist der Austausch über die eigenen Zielsetzungen und möglicherweise notwendige Modifikationen. Wie verlief der Transformationsprozess bisher, wo kann ich mein Handeln doch nicht ändern? Gibt es neue Bereiche, in die ich mich vorwagen möchte? Welche Dilemmata konnte ich nicht lösen und von welchen Ansätzen kann ich lernen? Anstelle des Vergleichs verschiedener Treatment-Gruppen steht also der gegenseitige Austausch und die gemeinsame Reflexion. Dies stellt eine weitere Ebene der (Ko-)Produktion von Wissen dar. Entscheidungen, Ziele, Strategien und Handlungspraktiken weiter zu modifizieren, werden wiederum im Reflexionstagebuch dokumentiert. Reflexion bedeutet in diesem Zusammenhang nach den Gründen für diese Adaption und Modifikation zu suchen.

Auch am Ende des Experiments sollte ein gemeinsames Gespräch stehen. Dabei geht es um den persönlichen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn: Was lerne ich über die Möglichkeiten und Grenzen der Verbreitung dieser spezifischen Handlungspraktiken? Gerade im Vergleich der verschiedenen Erfahrungen lassen sich Rückschlüsse auf die Mikro-Mechanismen sozialen Wandels ziehen. In der Gruppe zero waste führte die Diskussion auch zu einer generellen Kritik an praxis-orientierten Bewegungen, da sich immer wieder gezeigt hat, wie schwierig die Umstellung auf keinen beziehungsweise sehr wenig Müll oder Plastik ist. Es wurde auch deutlich, dass die erprobten Verhaltensänderungen im eigenen Umfeld immer wieder auf Ablehnung trafen. Die Grenzen der Verbreitung neuer Handlungsweisen traten hervor. Gleichzeitig führten die eigenen Erfahrungen wiederholten Scheiterns in der Umsetzung zu Forderungen nach stärkerer politischer Steuerung seitens des Staates, zum Beispiel über die höhere Besteuerung von Plastik – Ideen, die zu Beginn des Experiments explizit abgelehnt wurden.

Das Selbstexperiment als transformative Bewegungsforschung

Seit der Aufklärung gibt es die Hoffnung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Ideen und Erfindungen gesellschaftlichen Fortschritt, Gerechtigkeit und Wohlstand bringen. Sozialen Bewegungen bergen ein großes kreatives Potential Vorstellungen von einer besseren und gerechteren Welt zu kreieren und sich direkt an die Umsetzung zu wagen. Doch welche Chancen und Möglichkeiten bieten diese Ideen bei der Verwirklichung in politischen und akademischen Prozessen? Bisher scheint es nur wenig Überschneidungen und Gemeinsamkeiten zwischen akademisch-distanzierten, methodologisch versierter Wissensproduktion und den lebensweltlichen Erfahrungen von sozialen Bewegungen zu geben. Zwar begreift sich die Bewegungsforschung in großen Teilen als eine politische Wissenschaft, die in vielen Fällen auch bemüht darum ist, die Trennung zwischen Wissenschaft und Bewegungen zu überbrücken, indem sie zwischen den Bereichen übersetzet und vermittelt. Dabei gehen jedoch auch immer wieder relevante Aspekte verloren oder sie werden auf Grund von mangelnder Distanz nicht sichtbar. Das Selbstexperiment schlägt insofern eine Brücke, als dass es einem (selbstdefinierten) Setup folgt, wodurch die Verschmelzung von Fremd- und Selbstbeobachtung zumindest graduell systematisch und transparent-nachvollziehbar erfolgt. Gleichzeitig transformiert das Selbstexperiment die Forschenden viel weitreichender als in anderen partizipativen Ansätzen, indem es zur politischen Subjektbildung des Forschenden einen unmittelbaren Beitrag leistet. Man könnte auch sagen: Bewegungsforschung wird noch politischer.[vi]

Dabei leistet das Selbstexperiment einen dreifachen Beitrag:

Erstens bietet das Selbstexperiment viele Möglichkeiten des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns im Sinne einer Theorieentwicklung. Es ermöglicht Zugänge zur Erforschung von kulturellem und sozialem Wandel, die in der distanzierten Forschung von „außen“ nicht zur Verfügung stehen, da Forschende selten anwesend sind, wenn es zum Austausch über Handlungspraktiken mit Bekannten oder am Arbeitsplatz kommt.

Zweitens liefert das Selbstexperiments relevante Erkenntnisse für soziale Bewegungen und andere Interessierte. Es begegnet der von Aktivisten*innen vielfach geäußerten Kritik, dass die Bewegungsforschung kein brauchbares Wissen für Bewegungen liefert. Der/die Forschende/Aktive teilt seine/ihre Erfahrungen kontinuierlich mit Aktivist*innen und anderen und trägt damit zu allgemeinen Reflexionsprozessen bei. Dies geschieht nicht über die öffentliche Bereitstellung von Forschungsergebnissen, sondern durch den gegenseitigen Austausch über gelebte Erfahrungen. Dabei können die Erkenntnisse für die Bewegungen durchaus unbequem sein, indem Fragen nach der Realisierbarkeit von Zielen, der Wahl der Strategien, strukturellen Exklusionsmechanismen und dem Verhältnis von individuellem statt kollektivem Handeln immer wieder neu gestellt werden.

Drittens verändert es das Verständnis des politischen Auftrags der Bewegungsforschung. Der Ansatz ist transformativ in doppelter Hinsicht: Durch das radikale Aufgeben der Unterscheidung von Untersuchungssubjekten und –objekten, also von Forschenden und Beforschten, werden ausgetretene hierarchische Pfade der Wissensproduktion verlassen – und zwar in einer Weise, die es selbst in aktionsorientierter Forschung so nicht gibt, da es meistens doch die anderen sind, deren Handeln beobachtet und reflektiert wird. Gleichzeitig transformiert es die Forschenden selbst in ein politisches, gesellschaftsgestaltendes Subjekt, durch Elemente der Selbstermächtigung und Selbsterkenntnis. Das entwickelt das Verständnis der Bewegungsforschung als politische Wissenschaft über das zu Beginn beschriebene Verständnis hinaus, indem es neue Möglichkeiten der gesellschaftspolitischen Gestaltung erschließt.

Das transformative Selbstexperiment ist somit auch ein Experiment für die Bewegungsforschung, bei dem viele Fragen noch offen sind, wie zum Beispiel die nach den normativen Grundlagen oder Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit nicht-progressiven Bewegungen. Eine Verbreitung des Ansatzes könnte zur Weiterentwicklung und Klärung beitragen.

Literatur

Adorno, Theodor Wiesengrund/Dahrendorf, Ralf/Pilot, Harald/Albert, Hans/Habermas, Jürgen/Popper, Karl Raimund 1978: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand.

Butzlaff, Felix/Deflorian, Michael 2018: Prefigurative politics and party politics drifting apart: From modelling and institutionalizing to performing and experiencing an alternative social order; Papier präsentiert auf dem Weltsoziologiekongress(ISA) Toronto Juli 2018.

Burawoy, Michael 2005: For public sociology. In: American Sociological Review, Jg. 70, Heft 1, 4-28.

Choudry, Aziz/Kapoor, Dip 2010: Learning from the ground up: Global perspectives on social movements and knowledge production. In: Choudry, Aziz/Kapoor, Dip (Hg.): Learning from the Ground Up. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-13.

Cox, Laurence 2014: Movements making knowledge: a new wave of inspiration for sociology? In: Sociology, Jg. 48, Heft 5, 954-971.

Cox, Laurence 2015: Scholarship and activism: A social movements perspective. In: Studies in Social Justice, Jg. 9, Heft 1, 34-53.

Cox, Laurence/Flesher Fominaya, Cristina 2009: Movement knowledge: what do we know, how do we create knowledge and what do we do with it? In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 1-20.

Della Porta, Donatella/Pavan, Elena 2017: Repertoires of knowledge practices: social movements in times of crisis. In: Qualitative Research in Organizations and Management: An International Journal, Jg. 12, Heft 4, 297-314.

De Moor, Joost 2017: Lifestyle politics and the concept of political participation. In: Acta politica. International journal of political science, Jg. 52, Heft 2, 179-197.

Garfinkel, Harold 1973: Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln. In: Steinert, Heinz (Hg.): Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart: Klett, 280-293.

Jaster, Daniel 2018: Figurative Politics: How activists lead by example to create change. In: Mobilization: An International Quarterly, Jg. 23, Heft 1, 65-81.

Fuster Morell, Mayo 2009: Action research: mapping the nexus of research and political action. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 1, Heft 1, 21-45

Garrison, Donn Randy 2016: Thinking collaboratively. Learning in a community of inquiry. New York: Routledge.

Gerber, Alan 2011: Field Experiments in Political Science. In: Druckman, James/Green, Donald/Kuklinski, James/Lupia, Arthur (Hg.): Cambridge Handbook of Experimental Political Science. Cambridge: Cambridge University Press, 115-138.

Hamm, Marion 2013: Engagierte Wissenschaft zwischen partizipativer Forschung und reflexiver Ethnographie. In: Binder, Beate/von Bose, Friedrich/Ebell, Katrin/Hess, Sabine/Keinz, Annika (Hg.): Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch. Münster: Westfälisches Dampfboot, 55-72.

Hamenstädt, Ulrich 2015: Experimentelle Politikwissenschaft. Über die Untersuchung von Entscheidungen in der experimentellen Forschung. In: Glatzmeier, Armin/Hilgert, Hendrik (Hg.): Entscheidungen. Geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge zu Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, 43-54.

Kemmis, Stephen/McTaggart, Robin/Nixon, Rhonda 2013: The action research planner: Doing critical participatory action research. Luxemburg: Springer Science & Business Media.

Luchies, Timothy 2015: Towards an insurrectionary power/knowledge: Movement-relevance, anti-oppression, prefiguration. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft: 5, 523-538.

Reason, Peter/Bradbury, Hilary 2001: Handbook of action research: Participative inquiry and practice Thousand Oaks: Sage.

Reckwitz, Andreas 2003: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive.. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4: 282-301

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hg) 2008: Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: ein Handbuch. Frankfurt/Main: Campus Verlag.

Starodub, Alissa 2015: Post-representational epistemology in practice: processes of relational knowledge creation in autonomous social movements. In: Interface: a journal for and about social movements, Jg. 7, Heft 2, 161-191.

Schneidewind, Uwe/Singer-Brodowski, Mandy 2014: Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis.

Teune, Simon/Ullrich, Peter 2018. Protestforschung mit politischem Auftrag? Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 31, Heft 1–2: 418–25.

Yates, Luke 2015: Rethinking prefiguration: Alternatives, micropolitics and goals in social movements. In: Social Movement Studies, Jg. 14, Heft 1: 1-21.

 

[i] Soziale Praktiken werden hier in kulturwissenschaftlicher Tradition als Ausdruck kollektiver Wissensordnungen (kulturelle Codes und Sinnzuschreibungen) verstanden (siehe z.B. Reckwitz 2003). Verhaltensänderungen sind also immer auch Versuche der Änderung kultureller Wissensordnungen. Im präfigurativen Handeln wird somit politischer Wandel zu kulturellem Wandel. Diese Elemente sind allen sozialen Bewegungen inhärent (Roth/Rucht 2008), in praxisorientierten Bewegungen allerdings besonders stark ausgeprägt.

[ii] Im Unterschied zu klassischen Experimenten gibt es keinen Vergleich zwischen Gruppen mit unterschiedlichen „treatments“. Allerdings ist das Durchführen eines Selbstexperiments in Gruppenzusammenhängen für den gemeinsamen Austausch empfehlenswert.

[iii] Insbesondere die Dilemma-Situationen weisen Ähnlichkeiten mit Garfinkels Krisenexperimenten auf (Garfinkel 1973), ohne dass allerdings Freund*innen/Bekannte gezielt mit einem Bruch sozialer Konventionen konfrontiert werden. Diese können nichtsdestotrotz das geänderte Verhalten als Provokation empfinden. Es zwingt sie dazu, sich befürwortend, ablehnend oder neutral zu positionieren.

[iv] Der Zeithorizont sollte ebenfalls klar festgehalten werden. In den verschiedenen Selbstexperimenten hat sich gezeigt, dass vier Wochen die Mindestdauer für ein Selbstexperiment sein sollte (besser 6-8 Wochen oder länger), da man diesen Zeithorizont mindestens benötigt, um neue Handlungspraktiken in den Alltag zu integrieren. Erst dann kann von einer Selbsttransformation im Sinne einer Änderung routinierter Handlungspraktiken gesprochen werden.

[v] Und liefert allein dadurch schon einen reichen Fundus für die Debatte zur Postpolitik und zu sozialen Bewegungen (de Moor 2017)

[vi] Zur Debatte um transformative Wissenschaft siehe z.B. Schneidewind und Singer-Brodowski 2014.

 

Photo by Simon Matzinger on Unsplash

 

Roundtable: Herausforderung empirische Polizeiforschung: Methodische und forschungsethische Perspektiven auf ein polarisiertes Forschungsfeld

10.01.2019

Als Abschluss eines (internen) Workshops des Arbeitskreises “Soziale Bewegungen und Polizei” im Januar zum Thema “Selektivität im Protest Policing II” gibt es einen Roundtable zum Thema “Herausforderung empirische Polizeiforschung: Methodische und forschungsethische Perspektiven auf ein polarisiertes Forschungsfeld”

Diskussionsteilnehmer*innen:

Christiane Howe (Humboldt-Universität Berlin), Fabien Jobard (CESDIP, Paris), Lars Ostermeier (Freie Universität Berlin), Peter Ullrich (Technische Universität Berlin), Moderation: Andrea Kretschmann (CMB)

Datum: 25.01.2019, 17:00 – 18:30 Uhr,

Ort: Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, 10117 Berlin, Georg-Simmel-Saal (3. Stock)

Gegenwartsbezogene empirische Polizeiforschung ist eine Herausforderung – mit vielfältigen erkenntnistheoretischen Implikationen. Die politische und soziale Bedeutung des
Forschungsgegenstandes für die Gesellschaft, die öffentlichen Auseinandersetzungen um das Auftreten der Polizeien, die wachsenden polizeilichen Anstrengungen proaktiver Medienarbeit,
polizeiliche Geheimhaltungsbedürfnisse und anderes mehr bilden eine schwierige Gemengelage, durch die Forschende navigieren und in der sie sich wissenschaftlich positionieren müssen. Polizeiforscher*innen haben das Kunststück zu meistern, sich zwischen unterschiedlichen Ansprüchen und Anrufungen nicht zerreiben zu lassen, bewegen sie sich doch in einem polarisierten Feld, in dem organisationale Repräsentationsansprüche auf der einen und eine kritische Öffentlichkeit auf der anderen Seite jeweils einen von vorn herein parteilichen Umgang einfordern.

Kurzum: Die Polizei als sozialwissenschaftlicher Gegenstand gehört zu jenen Themen, die recht klar zwischen „Forschung für“ und „Forschung über“ unterscheiden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Zugang zum Feld hochgradig selektiv und bleibt selbst noch in der Phase der empirischen Untersuchung vielfach unsicher. Vor diesem Hintergrund stellen sich zum einen forschungsethische Probleme, etwa wenn zu erwarten ist, dass die Position der Polizei und jene der Forschenden im Bereich der Abwägungen über die Effekte der Forschung weit auseinanderliegen. Zum anderen können sich methodisch unintendierte Effekte ergeben, u.a. durch organisationale Ansprüche einer genauen Offenlegung der Forschungsfragen und anvisierten Ergebnisse.

Der Roundtable diskutiert in interdisziplinärer Runde darüber, welche besonderen Probleme das Forschungsfeld Polizei aufwirft, welche Ambivalenzen ausgehalten werden müssen und welche Umgangsweisen Forschende diesbezüglich gefunden haben. Welches Verhältnisses bedarf es etwa zwischen Forschungsfeld und Forschenden und inwieweit passen Forschende ihre
Forschungsinteressen gegebenenfalls den Interessen der Institution Polizei an, um Zugang zum Feld zu erhalten? Welche Forschungshaltung brauchen Polizeiforscher*innen? Wie kann mit emotionalen, rechtlichen oder ethischen Grenzerfahrungen im Rahmen der Forschung, beispielsweise bei Konfrontationen mit Gewalt, Illegalität u.a., umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich die unerwünschten Effekte vermeiden oder zumindest gering halten?

Photo by ev on Unsplash

Call for Papers: Workshop Politics from below

09.01.2019

Protests and social movements are fuzzy objects to study. Scholars face a lack of clear boundaries, diversity-by-definition, and -often dramatic- changes over time. The field of social movement studies holds particular challenges to researchers with a view to getting the research design straight and becoming clear about the restrictions of an argument. These challenges contrast with the conditions of scientific production: the lion’s share of research on social movements and protests is realized in individual post-graduate projects. Scholars at this stage of their career tend to be isolated, they lack opportunities for exchange with peers, and their supervisors are more often than not specialized in an altogether different field.

The workshop Politics from below, to be held at TU Berlin on 8 July 2019, is hence designed to create a space for critical discussion and encouragement. During the one-day event, participants give and receive feedback on their work in the field of social movement and protest studies. They present central problems of their ongoing research and discuss them with colleagues at both early and advanced stages of their career.

To take part in the workshop in Berlin, send a 300-word abstract to info[at]protestinstitut.eu specifying a central problem you are struggling with in your research. The deadline to submit abstracts is 1 March 2019. Participants are informed by 15 March.

Please note that, as the workshop is a no-budget enterprise, there are no participation fees but also no funds for reimbursing travel costs.

The workshop is organized by
Institut für Protest- und Bewegungsforschung
AK Soziale Bewegungen der DVPW

Download CfP (pdf)

Foto: NightFlighttoVenus (cc by nc nd 2.0, via flickr)

Bericht zur ipb-Jahrestagung 2018 – “Der Kontext lokaler Proteste”

07.01.2019

„Der Kontext lokaler Proteste“ – Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung

Am 09. und 10. November 2018 fand am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin die dritte Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) statt. Rund 100 Teilnehmende diskutierten über den lokalen Rahmen von Protest und die Notwendigkeit, Konflikt in begrenzten geographischen Räumen zu betrachten, um die spezifische räumliche Einbettung als Erklärungsfaktor mit einzubeziehen.Ausgangspunkt der Tagung war die Beobachtung, dass zwar große, überregionale oder sogar transnationale Protestereignisse wie zuletzt die G20-Proteste in Hamburg das (mediale) Bild von Protest prägen, aber tatsächlich die überwiegende Zahl politischer Proteste auf einen lokalen Rahmen beschränkt bleibt. Lokale Ereignisse und Missstände bilden den Ausgangspunkt für Proteste, die Mobilisierung erfasst in den meisten Fällen nur einen sehr begrenzten geographischen Raum einer Region, einer Stadt oder eines Stadtteils. Folglich haben lokale Gelegenheitsstrukturen einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit und den Verlauf von Protest.

Wie beeinflussen lokale Ereignisse und Strukturen das Auftreten und die Dynamik von Protest? Welche Beziehungen bestehen zwischen lokalen und nicht-lokalen Protesten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen lokalen Protesten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten?

Diese und andere Fragen standen im Fokus von insgesamt 13 Paneldiskussionen, die zu einem wesentlichen Teil von den Arbeitskreisen des Instituts organisiert wurden[1]. Konkret ging es um die Rolle von Medien in lokalen Protesten, Konflikte um Migration und Asyl, Atomkraft, Landwirtschaft, städtische Bewegungen, autonome Bewegungen und die Interaktion mit der Politik bzw. der zwischen rechten und linken Bewegungen.

Protest und Medien im lokalen Kontext

Das vom Arbeitskreis Medien organisierte Panel Protest und Medien im lokalen Kontext umfasste drei Vorträge von Simon Teune (Berlin) über „Mobilisierende Heimatbilder“, Sigrid Kannengießer (Bremen) über „Medien und translokale aktivistische Netzwerke“ und Mark Dang-Anh (Mannheim) über „Synthetische Situationen im urbanen Protestraum“. In den drei Vorträgen ging es aus unterschiedlicher Perspektive um das Lokale am Protest und die Relevanz unterschiedlicher Medien. Simon Teune berichtete über die Anti-AKW-Bewegung, die gegen die Zerstörung des lokalen Raums, der „Heimat“ durch den rücksichtslosen technologischen Fortschritt (hier: Atomkraftwerke) protestieren. Sigrid Kannengießer zeigte anhand von zwei Gruppierungen, wie Medien zur Vernetzung, Mobilisierung und Koordination von Aktivist*innen gebraucht und auch verändert (acting on media) werden. Mark Dang-Anh erläuterte, wie lokaler (urbaner) Protest durch Twitter-Kommunikation synthetische Situationen schafft, die über die spezifische Präsenz von Personen hinausgehen.

Lokale Konflikte um Migration und Asyl

Das Panel Lokale Konflikte um Migration und Asyl befasste sich mit unterschiedlichen Mobilisierungen in einem spezifischen Konfliktfeld. Dabei zeigte sich, dass Konflikte um Migration und Asyl oft sehr eng mit lokal-spezifischen Gegebenheiten, Dynamiken und Akteurskonstellationen zusammenhängen. So analysierte Leslie Gauditz (Bremen) in ihrem Beitrag transnationale Flüchtlingsunterstützung in Athen und hinterfragte dabei bestehende Zuschreibungen lokaler Zugehörigkeit. Julia Glathe (Berlin) untersuchte rechtsextreme Allianzen und Legitimationsprozesse in der Protestbewegung gegen die deutsche Flüchtlingspolitik in Cottbus. Sophie Hinger (Osnabrück) stellte Ergebnisse einer Untersuchung vor zu Protesten gegen Abschiebungen und verdeutlichte ihrem starken lokalen Bezug an zwei Fallbeispielen in Osnabrück. Im Rahmen der Jahrestagung konstituierte sich ein neuer AK, der sich aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit Protest und Migrationsphänomenen befasst.[2]

Städtische Bewegungen – von links, von rechts

Proteste in Städten sind in der Regel von konkreten Anlässen (Veränderung der Nachbarschaft, steigende Mieten, Abbau öffentlicher Angebote etc.) motiviert, ihre Forderungen darauf bezogen, ihre Lebensdauer kurz und ihre Erfolge flüchtig. Bewegungen versuchen, punktuelle Proteste zu verknüpfen, sie in einen Rahmen gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen zu stellen und längerfristige Transformationsperspektiven zu verankern. Der Impuls für die Politisierung lokaler Problemlagen scheint momentan vor allem von rechten und autoritären Bewegungen auszugehen. Stimmt dieser Eindruck und wenn ja, warum ist das so? Mit welchen Strategien und Deutungen treten Bewegungen an städtische Konflikte heran? Diese und weitere Fragen wurden in zwei Diskussionsrunden des vom AK Stadt/Raum organisierten Doppelpanels Von Betroffenheit zu Kämpfen – ein Vergleich linker und rechter städtischer Bewegungen mit insgesamt sechs Beiträgen diskutiert.

Im ersten Teil standen Fragen der Organisierung und Organisierungsangebote seitens verschiedener Bewegungen im Mittelpunkt. Robert Maruschke (Berlin) wendete sich eingangs gegen den Eindruck, Bewegungshandeln stünde am Ende einer aufsteigenden Entwicklung zunehmender Organisierung oder aber einer Kanalisierung spontaner Widerstände. Organisierung, etwa in Form von Verantwortungsübernahme und -zuteilung, finde hingegen immer statt, wenn Akteur_innen kollektiv auftreten. Sie kann jedoch, so ergab die Diskussion, sehr wohl verschiedenes bedeuten, stärker ‚von unten‘ oder stärker ‚von oben‘ ausgehen. Bewegungserfolge, die gerade auf schwachen organisatorischen Bindungen fußen, dokumentierte Maik Fielitz (Hamburg) anhand einer Studie über die extreme Rechte im Landkreis Lörrach im Schwarzwald. In der prosperierenden ländlichen Region haben sich überregionale Ereignisse (die bundesweite Diskussion um die Aufnahme Geflüchteter), die Intervention von Schweizer Rechtspopulisten und die sozialen Netze als Katalysator lokaler Mobilisierungen von rechts erwiesen. Dass sich Organisierung nicht immer klar in solche von rechts oder links unterscheiden lässt, sondern Bündnisse quer zu diesen politischen Trennlinien entstehen können, machte der Beitrag von Peter Bescherer (Jena) deutlich. Anhand des Konflikts um einen Garagenhof in Leipzig arbeitete er Brüche heraus, die sich beim Versuch der AfD, lokale Proteste der Betroffenen aufzugreifen und zu verbreitern, beobachten lassen. Im Umkehrschluss wäre zu überlegen, wie eine (radikal-) demokratische Politisierung unaufgeregt an die Erfahrungen des urbanen Alltags und die darin zum Ausdruck kommenden Bedürfnisse anknüpfen kann, um als Korrektiv politisch-medialer Dramatisierungsversuche zu wirken.

Die Beiträge im zweiten Teil des Panels rückten strategische Diskurse und mediale Bezüge in den Blickpunkt der Debatte. Lisa Vollmer (Weimar) und Ulrike Hamann (Berlin) stellten Praktiken der „inneren Organisierung“ zur Diskussion, mittels derer die Berliner Mieter_innenbewegung versucht, politische Kollektivitäten zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein dabei ist es etwa, Betroffenheiten zu vergemeinschaften, aber auch von ihnen zu abstrahieren und soziale und politische Praktiken – vom Kuchenbacken bis zum Flugblattmachen – gleichwertig zu behandeln. Dennoch kann die Bewegung unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nur begrenzt Einfluss nehmen und befindet sich gegenüber der Rechten in einer schwächeren Position, da deren Forderungen anschlussfähiger an neoliberale Hegemonien seien. Valentin Domann (Berlin) wies demgegenüber auf eine Verschiebung im Selbstverständnis rechter Bewegungen und Parteien „von Elite zu Masse“ hin, die mit einer Distanz zum Markradikalismus sowie veränderten Raumbezügen einhergehe. So habe sich in Westberlin ein rechtes Mediennetzwerk etabliert, das seine Deutung eines lokalen Konflikts – auf einer zum Park umgedeuteten Brachfläche sollte eine Flüchtlingsunterkunft entstehen – popularisieren konnte: „AfD fordert Bürgerbeteiligung“. Abschließend rekonstruierte Johannes Richter den Diskurs der sächsischen CDU, die das Bundesland seit 1990 ununterbrochen regiert, zu Pegida einerseits und dem Bündnis Dresden Nazifrei andererseits. Er stellte diskursive Strategien der Entdifferenzierung im Fall von Dresden Nazifrei (nach dem Motto: „das sind alles Linksextreme“) und der Differenzierung (in besorgte Bürger, Populisten und Rechtsextreme) im Fall von Pegida heraus.

Autonome und anarchistische Bewegungen

Das Panel Autonome und anarchistische Bewegungen setzte sich mit der Praxis selbstorganisierter Basisinitiativen und Bewegungen in verschiedenen geographischen Kontexten auseinander. Oft aufgrund der fehlenden medialen Berichterstattung vernachlässigt, standen hier konkrete Akteure im Blick, die präfigurativ mit neuen Formen des Zusammenlebens experimentieren und sich – im Gegensatz zu linken Massenbewegungen – in horizontalen und lokal verankerten Strukturen gegen Ausbeutung und Repression von staatlicher Seite organisieren. Den Auftakt übernahm Raina Zimmermann (Berlin), die mit ihrem Porträt der zapatistischen Bewegungen die Bedeutung autonomer Räume für eine breitere gesellschaftliche Transformation aufzeigte. Ricardo Kaufer (Göttingen) schilderte Entstehungskontext und Verlauf der anarchistischen Kampagne Ausbruch, Aufbruch, Anarchie, die als eine Reaktion auf staatliche Repression im Frühsommer 2017 ein solidarisches Zeichen setzen wollte, und ordnete sie in den Kontext anarchistischer Aktivitäten in Deutschland ein. Im dritten Vortrag stellte Maria del Carmen Mayer (Frankfurt) ihre Forschung zu Stadtteilinitiativen am Mailänder Stadtrand vor. Anhand ethnographischer Forschungen präsentierte sie Einblicke in die Zusammensetzung und Organisationsstruktur jener selbstverwalteten Gruppen, die sich primär aufgrund einer fehlenden sozialen Wohnungspolitik u.a. durch Besetzungen selbst praktische Lösungen suchen und finden.

Fukushima und Orte des Protests in Japan

Mit dem Panel Sayonara Atomkraft – Fukushima und Orte des Protests in Japan war auch die Japanologie vertreten. Das Panel bot eine japanologisch-kulturwissenschaftliche Analyse der jüngeren Anti-Atom-Protestbewegungen in Japan nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011. Das Panel bestand aus drei Beiträgen: Damian David  Jungmann (Frankfurt) bot Einblicke in die Zeitgeschichte japanischer  Protestbewegungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Andres Singler (Mainz)  berichtete über seine langjährigen journalistischen Recherchen zu  Anti-Atom-Bewegungen nach „Fukushima“ und Christian Chappelow (Frankfurt) diskutierte  abschließend in kommentierten Lesungen Poetik und Funktion literarischen Anti-Atom-Protests. Entsprechend des Leitthemas der Konferenz standen in der anschließenden Diskussion Bedingungen und  Möglichkeiten lokalen Protests in Japan im Vordergrund, wie auch  grundlegender die Vorurteile einer protestfreien japanischen  Nachkriegsgesellschaft sowie die Einbindung der Atomthematik in breitere Diskurse um demokratische und technikethische Verantwortung in Japan nach 2011.

Lokale Proteste – staatstheoretisch betrachtet

Das Panel Bewegung auf der Straße | im Staat | im Recht – Neue Strukturen und Terrains der Auseinandersetzung diskutierte darüber wie sich gesellschaftstheoretische Ansätze – insbesondere aus dem Bereich der materialistischen Rechts- und Staatstheorie – für die Analyse lokaler Proteste verbinden lassen. Carolina Vestena (Kassel) begann mit einer rechtstheoretischen Perspektive auf die Widerstände gegen die Austeritätspolitik in Portugal, die sich in großem Ausmaß auf der Straße Bahn brachen, aber auch in den Entscheidungen des Verfassungsgerichts sichtbar wurden. Dieses kippte nicht nur die „Sparhaushalte“, sondern erklärte auch einzelne Maßnahmen für verfassungswidrig. Martin Sarnow (Kiel) folgte mit Ausführungen zu munizipalistischen Plattformen in Katalonien. Er stellte einerseits die Entstehung der munizipalistischen Listen im Kontext der Anti-Austeritätsproteste, aber auch der langen Geschichte kollektiver Selbstorganisierung dar und fragte nach den Perspektiven und Grenzen dieses „Angriffs auf die Institutionen“. Den Abschluss bildete Norma Tiedemann (Kassel) mit ihrer Darstellung der „Neuen Munizipalismen in Südosteuropa“ und der Frage ob und inwiefern diese als Brüche einer zunehmend autoritär-neoliberal werdenden Staatlichkeit in ganz Europa verstanden werden können. Sie ordnete die Formierung von „Bewegungsparteien“ und das Experimentieren mit partei-förmigen Formaten durch soziale Bewegungen in einen sich zuspitzenden Widerspruch zwischen Kapitalismus und Demokratie ein.

Transnationalisierung des Lokalen: Umweltbewegungen

Neben den Spezifika lokaler Protestformen, war auch die Verbindung lokaler und globaler Zusammenhänge ein wiederkehrendes Thema.

Das Panel Lokaler Umweltprotest thematisierte die Proteste von Umweltbewegungen in Österreich, Ungarn und der Türkei. In den Vorträgen wurden lokale Umweltproteste als mehrdimensionale und multiskalare Phänomen verstanden. Dies gilt sowohl für ihre Entstehungsbedingungen, als auch für ihre komplexen Auswirkungen. Transnationalisierungsprozesse, Themenausweitung und das Hinzukommen neuer Akteur_innen sowie Gegenbewegungen waren für alle Bewegungen konstitutiv. Ayhan Bilgin (Artvin) zeigte am Beispiel von Protesten gegen Goldminen in zwei türkischen Regionen, dass die Bedrohung der Existenzgrundlagen lokaler Gemeinschaften zwar ein erstes Motiv der Proteste der lokalen Bevölkerung war, später jedoch die Themen zu globalen Meta-Themen wie Neoliberalismus, Imperialismus oder Demokratiequalität ausgeweitet wurden und sich damit auch das Akteursfeld ausweitete. Maria Buck (Innsbruck) veranschaulichte anhand der Alpenschutzbewegung in Tirol, die seit den 1970er Jahren gegen Umweltverschmutzung an der „Brenner“-Autobahn protestiert, wie der EU-Beitritt Österreichs den Protest hin zu einer stärkeren Adressierung der EU veränderte. Daniela Neubacher (Budapest) beobachtete divergierenden Formen der Transnationalisierung von Protest in den Staaten des „Warschauer Pakts“ bei den „Donauprotesten“ gegen den Bau von Staudämmen.

Einen spezifischen Strand der Umweltbewegung diskutierte auch das Panel Transnationale Verbindungen lokaler Proteste. Der Widerstand gegen die transgene Landwirtschaft in Südamerika. Thema waren die sozialen und politischen Konflikte um die transgene Landwirtschaft, die seit ihrer Einführung im Jahr 1996 in den USA und in Südamerika massiv ausgeweitet wird und Rohstoffe für die Produktion von Futtermitteln und Biokraftstoffen auch in Europa liefert. Die Vortragenden analysierten lokale Proteste in Brasilien und Argentinien, zweitgrößter und drittgrößter Produzent von genveränderten Pflanzen weltweit. Die ersten beiden Vortragenden Renata Motta (Berlin) und Markus Rauchecker (Berlin) fokussierten auf den Protest gegen die gentechnisch veränderte Organismen und Pestizide. Der dritte Vortragende, Mario Schenk (Berlin), präsentierte Landkonflikte, die durch den Anbau transgenen Sojas indirekt ausgelöst werden.  Die Beiträge zeigten, dass (trans-) nationale Allianzen mit Umwelt-NGOs und Wissenschaftler_innen und internationale Organisationen in lokalen Konflikten eine wichtige Rolle für die Wissensproduktion spielen. Allerdings benachteiligt die von staatlichen Akteuren nachgefragte Form des Wissens in schriftlicher und beglaubigter Form die Kleinbauern, deren Wissen nur mündlich existiert und eben nur vor Ort abgefragt werden kann. Die Beiträge des Panels machten klar, dass lokale Protestgruppen von der unterschiedlichen Unterstützung durch externe Akteure profitierten, aber auch dass die Zusammenarbeit an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden müsse.

Das Panel Lokale und globale Proteste vereinte drei sehr unterschiedliche Beiträge, die jeweils das Zusammenspiel mehrerer Ebenen in der Analyse von Protestereignisse in den Blick nahmen. Jan Matti Dollbaum (Bremen) gab zum Auftakt einen Einblick in seine Forschung zu Auswirkungen nationaler Protestwellen auf lokalen politischen Aktivismus in vier russischen Städten. Besonderer Fokus lag dabei auf den unterschiedlichen Organisationsprozessen während nationaler Protestwellen und deren Einfluss auf Einheit bzw. Fragmentierung von lokalen Bewegungsmilieus. Im Anschluss präsentierte Daniel Mikesz (Budapest) seine Arbeit zur Umweltbewegung in Ungarn. Er machte dabei deutlich, dass es bislang nicht gelungen ist, an eine globale Bewegung anzuknüpfen und Umweltproteste nahezu ausschließlich bei lokaler Betroffenheit als sogenannte „NIMBY“ Proteste erfolgen. Abschließend führte der Historiker Julian Lahner (Innsbruck) in seine Analyse eines Protestmarsches aus dem Jahre 1790 in Roveretto ein. Hierbei unterstrich er die Rolle spezifischer lokaler Verwaltungsstrukturen und administrativer Grenzen auf Exklusion und daraus resultierende Protest von Wanderarbeitern in der Region. Trotz bzw. möglicherweise gerade aufgrund ihrer Diversität in geographischer, theoretischer und methodischer Hinsicht führten die Beiträge zu einer anregenden Diskussion über die Vorzüge und Herausforderungen, Proteste mit Bezugnahme auf verschiedene (Verwaltungs-)Ebenen zu analysieren.

Die Polizei als lokaler Kontextfaktor

Ein wesentlicher, lokaler Kontextfaktor von Protest ist das Handeln der Polizei. Auf die G20 Proteste in Hamburg fokussiert, beschäftigte sich die Panels Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten mit den sozialen Bedingungen des polizeilichen Umgangs mit Protest (Organisation: AK Soziale Bewegungen und PolizeiAusführlicher Bericht). Peter Ullrich (Berlin) diskutierte die Frage, wie viel Einheitlichkeit polizeilichem Handeln bei Protestereignissen und seinen Grundlagen unterstellt werden dürfe. Mit einem Blick auf die internationale Polizeizusammenarbeit, sensibilisierte Hartmut Aden (Berlin) dafür, dass es sich bei der Polizei selbst schon um einen äußerst heterogenen Akteur handelt, was intraorganisationale Spannungen, lokale Unterschiede und Brüche zur Folge habe. Im zweiten Panel des Tracks wurden Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Mapping #NoG20“ präsentiert. Nils Schumacher (Hamburg) zeigte, dass die Protest-Polizei-Interaktion im Rahmen der Proteste trotz der Außeralltäglichkeit des Gipfels, seiner Einbettung in transnationale politische Diskurse und einer starken Beteiligung von Personen aus dem  In- und Ausland nicht zu verstehen sei, ohne auch die spezifische lokale Rahmung in Betracht zu ziehen. So seien sowohl die Deutungs- und Handlungsrepertoires, die Zusammensetzung und die Verbindungen der verschiedenen lokalen Protestmilieus als auch das Vorgehen der Politik und der Polizei zutiefst geprägt vom lokalgeschichtlichen Kontext, insbesondere von den immer wieder auftretenden Auseinandersetzungen um Raum (u.a. Rote Flora). Auch die anderen Vorträge von Philipp Knopp (Wien) und Roman Thurn (München) verwiesen auf die lokalspezifische Einsatztaktik der Polizei bei Demonstrationen („Hamburger Linie“).

Protestbefragungen ‑ methodische Herausforderungen

Ziel des Panels Protestbefragungen ‑ methodische Herausforderungen war ein Austausch über Erfahrungen mit Protestbefragungen. Ausgangspunkt der Diskussion war dabei vor allem die Beobachtung, dass – trotz überwiegend positiver Reaktionen während der Demonstration – Rücklaufquoten bei den letzten vom ipb durchgeführten Online-Befragungen sehr niedrig waren und dadurch beispielsweise bei der Befragung der „We’ll come united“-Demonstration in Hamburg keine repräsentativen Aussagen über die Teilnehmer_innen der Demonstration mehr möglich waren. Die Rücklaufquote bei der Verteilung von Papierfragebögen ist dagegen deutlich höher. Da Befragungen mit gedruckten Fragebögen allerdings sehr hohe Kosten verursachen und zudem eine relativ langfristige Planung erfordern, wurde länger über Alternativen diskutiert. Vorgeschlagen wurde dabei insbesondere die Möglichkeit direkter Befragungen vor Ort, per App oder Fragebogen: Eine solche Strategie lässt sich allerdings nur bei stationären Kundgebungen realisieren. Bei laufenden Demonstrationen könne nur ein stark reduzierter Fragebogen zum Einsatz kommen. Fraglich ist auch, ob eine solche Strategie zu einem zusätzlichen Selektionsbias führt. Diskutiert wurde zudem eine Kombination von Befragungen vor Ort und Online-Befragungen, die aber nur funktioniere, wenn die Befragten bereit seien, einen E-Mail-Kontakt anzugeben, was zu schwerwiegenden Problemen hinsichtlich der Anonymität der Daten führt. Vor diesem Hintergrund wurden technische Möglichkeiten der anonymen Kontaktaufnahme erörtert.

Vorstellung ipb-Projekt „Lokale Konfliktkonstellationen“

Ein zentraler Moment auf der Tagung war die Vorstellung des ipb-Projekts „Lokale Konfliktkonstellationen“. Der Gedanke dabei ist, neue Möglichkeiten kollektiver Wissensproduktion jenseits der üblichen Antragslogik zu entwickeln. Dazu wurde das Konzept eines kollaborativen Projekts vorgestellt und diskutiert. In dem Projekt soll es um eine vergleichende Erforschung der Kontextbedingungen lokaler Konflikte und Proteste gehen. Ankerpunkt bildet ein Konzept welches für die Erforschung zwei Berliner Stadtteile entwickelt wurde. Hauptpunkt der Diskussion war die Übertragbarkeit des theoretischen und methodologischen Ansatzes als eine Art Musterforschungsdesign auf andere Städte Deutschlands aber auch auf den internationalen Bereich, insbesondere Südamerika. Im Gespräch wurden Kooperationsmöglichkeiten und Optionen für die Durchführung von Qualifikationsarbeiten diskutiert.

Diskussion: Protestforschung, politische Positionierung, politischer Auftrag

Zum Abschluss der Tagung diskutierten die Teilnehmer_innen unter dem Motto Protestforschung, politische Positionierung, politischer Auftrag. Nach einer kurzen Einführung von Sebastian Haunss (Bremen) stellten Simon Teune (Berlin) und Peter Ullrich (Berlin) vier Thesen zur Diskussion:

  1. Die Diskussion um die politische Dimension von Protestforschung muss immer die Rahmenbedingungen und den Wandel des wissenschaftlichen Feldes berücksichtigen. Prägende Merkmale sind Projektförmigkeit, Konkurrenz und Nachfrage nach spezifischer Expertise.
  2. Protestforscher_innen können sich nicht nicht Eine Wertfreiheit ist angesichts des Gegenstands nicht möglich. Stattdessen sollte Bewegungsforschung transparent sein und ihre Rahmenbedingungen und Interessen offenlegen.
  3. Die Bewegungsforschung ist oft zu stark auf ihren unmittelbaren Gegenstand fixiert. Eine Auseinandersetzung über das Feld hinaus und eine Stärkung theoretischer und methodischer ist wünschenswert.
  4. Notwendig ist nicht nur eine wissenschaftliche Diskussion der Forschungsergebnisse, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den sich wandelnden Ansprüchen und Kontexten der wissenschaftlichen Produktion im Sinne von Metadiskussionen.

Öffentliche Diskussionsveranstaltung: Rechte Proteste und lokale Gegenmobilisierung

Dieter Rucht, Sabrina Zajak, Theresa Hartmann, Johannes Richter

Am Freitagabend diskutierten Theresa Hartmann vom Bündnis #Unteilbar und Johannes Richter von der Courage Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit in Dresden mit ipb-Vorstand Dieter Rucht und Moderatorin Sabrina Zajak über mögliche Wechselwirkungen von rechten Protesten und Gegenprotesten (→ ausführlicher Bericht). Die #unteilbar-Demonstration in Berlin zog Zehntausende auf die Straße. Auch in München, Chemnitz und anderswo stellen sich lokale Protestbündnisse rechten Mobilisierungen und rechter Stimmungsmache entgegen. Welche Wirkungen gehen von diesen Gegenprotesten aus? Die direkte Gegenüberstellung führe unter Demonstrierenden beider Seiten zu einer starken Emotionalisierung der Debatte und letztlich zu einer Stärkung kollektiver Identitäten, so die Vermutung. Offen sei dabei inwieweit diese konflikthafte Aufladung der Proteste Mobilisierungsprozesse außerhalb der Kerngruppen begünstige oder erschwere. In der Bewertung war man sich einig: Lokale Gegenproteste haben eine unmittelbare Wirkungskraft, da diese zum Teil rechte Kundgebungen verhinderten oder zumindest deutlich einschränkten.

Insgesamt wurden auf der Jahrestagung viele Varianten und Facetten, theoretische und empirische Zugänge zu den Kontexten lokaler Proteste diskutiert. Die Beiträge zeigten, dass die Hinwendung zu konkreten, lokal verankerten Formen von Protest notwendig ist, es wurde aber auch deutlich, dass es kaum Theorieangebote gibt, die konzeptionell die vielfältigen Ausdrucksformen und Forschungsperspektiven auf lokale Proteste zusammenbringen könnten.

 

Der Bericht basiert auf den Zusammenfassungen der Panelverantwortlichen. Vielen herzlichen Dank an Maik Fielitz, Philipp Knopp, Armin Scholl, Peter Bescherer, Norma Tiedemann, Christian Chappelow, Verena Stern, Melanie Kryst, Elias Steinhilper, Bernadette Hof und Markus Rauchecker.

 

[1] Mittlerweile sind 13 Arbeitskreise im Institut für Protest- und Bewegungsforschung organisiert. Die Beteiligung an den Aktivitäten der Arbeitskreise ist jederzeit möglich.

[2]  Ziel des AK Migration (vorläufiger Name) ist es, Forscher_innen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Mobilisierungen, Konflikten und Migrationsphänomenen beschäftigen, zusammenzubringen. Der AK soll als Grundlage für gemeinsame Aktivitäten wie Workshops sowie als Vernetzung für potentielle gemeinsame Projekte und Publikationen dienen. Dabei ist auch eine Zusammenarbeit mit anderen AKs des ipb (wie dem AK Stadt/Raum oder dem AK Rechte Protestmobilisierungen) vorgesehen. Thematisch Interessierte sind herzlich eingeladen, den AK aktiv mitzugestalten!

Zwei Promotionsstellen zu Protest und sozialen Bewegungen bei ipb-Kollegin Priska Daphi in Bielefeld

19.12.2018

Bei ipb-Kollegin und Vorstandsmitglied Priska Daphi sind an der Professur für Konfliktsoziologie der Universität Bielefeld zwei Promotionsstellen zu besetzen.  Die Arbeitsgruppe der Professur befasst sich mit Konflikten im Kontext von Globalisierung und Migration mit einem Fokus auf politische Partizipation, zivilgesellschaftliches Engagement und soziale Bewegungen.

Erwartet wird ein dezidiertes Interesse an einer Promotion zu sozialen Bewegungen und Protest im Kontext von Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozessen, beziehungsweise zu Polarisierung und Protest in Europa. Neben Forschungstätigkeiten (70 %) beinhalten die Stellen Aufgaben im Bereich der Lehre (20 %) und der Selbstverwaltung (10 %).  Es handelt sich um Teilzeitstellen im Umfang von 65 %. Bewerbungsfrist ist jeweils der 13. Januar 2019.

Weitere Informationen gibt es auf der Seite der Universität Bielefeld:

Stelle 1: http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/Anzeigen/Wiss/wiss18322.pdf

Stelle 2: http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/Anzeigen/Wiss/wiss18325.pdf

Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten – Bericht von der ipb-Jahrestagung 2018

18.12.2018

Bericht zum Track “Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten” der ipb-Jahrestagung 2018 “Der Kontext lokaler Proteste” von Bernadette Hof (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Soziologie)

Der G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 führte zu heftigen öffentlichen Debatten, wobei der Fokus der Diskussion vor allem auf den gewaltförmigen Eskalationen zwischen Protestteilnehmenden und der Polizei während der Protestwoche lag. Im Zuge der Suche nach Erklärungen wurde die Legitimität einiger Protestformen in Frage gestellt, doch gerade auch die polizeilichen Vorgehensweisen standen in der Kritik. Kritisiert wurden sowohl vorbereitende Einsatzentscheidungen wie die Einrichtung einer großflächigen Protestverbotszone, die Verhinderung von Protestcamps oder die Ankündigung einer Null-Toleranz-Strategie gegenüber „Störern“ als auch die Durchführung des Einsatzes selbst, was sich unter anderem in Verweisen auf illegale Polizeigewalt ausdrückt. Solche Vorgehensweisen und Ereignisse im Rahmen von Gipfelprotesten sind nicht neu, sie treten jedoch auch nicht zwangsläufig auf. Verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen widmen sich der Frage nach den sozialen Bedingungen, welche den polizeilichen Umgang mit Protesten formieren. Die Kriminologie und die Protest- und Gewaltforschung bieten hier verschiedene Erklärungsansätze an. Diese umfassen sowohl gesellschaftsübergreifende Diagnosen gegenwärtiger Praxis des protest bzw. summit policing als auch Verweise auf die Bedeutung lokaler Kontexte wie Sicherheitskulturen und Beziehungsnetzwerke oder kleinteiliger Situations- und Interaktionsdynamiken. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, wie sich diese verschiedenen Dimensionen aus- und wie sie zusammenwirken und damit situationsübergreifende Einheitlichkeit, aber eben auch Varianzen im protest policing hervorbringen. Ausgehend von den Hamburger Ereignissen stand diese Frage im Zentrum des Tracks „Einheit und Varianz im polizeilichen Umgang mit Gipfelprotesten“, welcher von Daniela Hunold (Deutsche Hochschule der Polizei, Münster & Institut für Protest- und Bewegungsforschung)  und Peter Ullrich (Zentrum für Technik und Gesellschaft, Berlin & Institut für Protest- und Bewegungsforschung) im Rahmen der Jahrestagung „Der Kontext lokaler Proteste“ des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (09.11-10.11.2018, Berlin) organisiert wurde.

Peter Ullrich (Berlin) eröffnete das erste Panel mit einem Themenaufriss in Form einer kritischen Diskussion der Frage, wie viel Einheitlichkeit polizeilichem Handeln bei Protestereignissen und seinen Grundlagen eigentlich unterstellt werden dürfe. Dazu formulierte er auf Basis gegenwärtiger Forschungsarbeiten zum protest policing mehrere Thesen, die eine höhere Varianzsensibilität in der Forschung nahelegen und damit die Perspektive auch auf lokale Produktionskontexte polizeilichen Handelns richten. So seien erstens zentrale Typisierungen dieses Handelns und seiner Operationslogiken, wie sie zum Beispiel in den Unterscheidungen zwischen einem Ansatz der “escalative force”, des “negotiated management“ und der strategic incapacitation” oder jener zwischen einer Staats- und einer Bürgerpolizei deutlich werden und welche in der Regel Ergebnisse (zumindest implizit) historisch-vergleichender Untersuchungen sind, nicht unbedingt als lineare, in sich geschlossenen historische Abfolgen zu denken, sondern als Logiken, die kontextabhänging mobilisiert werden. Zweitens können Forschungen bereits zeigen, dass diese und damit einhergehende Einsatzmittel wie Techniken oder Beobachtungsschemata kontextsensibel übersetzt und angeeignet werden. Hierbei seien drittens situative Faktoren bedeutsam, was durch die Einsicht nahegelegt werde, dass solche Anwendungen nicht (nur) ein Gegenstand von Planung sind, sondern oftmals in situ entschieden werden. Viertens sei zudem die oft implizit mitgeführte Prämisse einer grundsätzlich bedrohlichen Entwicklung der Polizei, unter anderem durch Militarisierungsprozesse, im Sinne einer Standortreflexion kritisch zu hinterfragen, da Differenzen (z.B. in Hinblick auf unterschiedliche Vulnerabilität der Zielgruppen polizeilichen Handelns) durchaus empirisch beobachtbar seien. Die äußerst notwendige Kritik autoritärer Tendenzen, so Ullrich, dürfe nicht die analytische Offenheit einschränken.

Im Anschluss folgte ein Vortrag von Hartmut Aden (Berlin) zu protest policing und internationaler Polizeizusammenarbeit. Aden sensibilisierte dafür, dass es sich bei der Polizei selbst um einen äußerst heterogenen Akteur handelt, was intraorganisationale Spannungen und Brüche zur Folge habe. Um Erkenntnisse zu den Besonderheiten der Polizeizusammenarbeit, insbesondere des polizeilichen Informationsaustauschs bei politischen Großveranstaltungen wie Gipfelprotesten zu erhalten, sei ein Vergleich mit der Zusammenarbeit bei Sportgroßveranstaltungen fruchtbar, welche bereits gut erforscht sei. Relevante Vergleichsdimensionen seien die beteiligten Polizeidienststellen, die Momente ihrer Beteiligung in der Zusammenarbeit, die jeweiligen Aufgaben (Kommunikation, Kontrolle oder verdeckte Ermittlung), die Art der ausgetauschten Informationen sowie ihre Arkanität. Dabei falle auf, dass sich politische Gipfeltreffen vor allem durch eine starke Priorisierung eines reibungslosen Ablaufs und der Sicherheit der GipfelteilnehmerInnen, weitreichende Grundrechtseinschränkungen, den Einsatz von Undercover-Taktiken und einen hohen Geheimhaltungsgrad der Informationen auszeichnen, was wiederum eine Erforschung sehr schwierig mache. Gleichzeitig wird diskutiert, dass eine strenge Unterscheidung polizeilicher Zusammenarbeit nach Typen von Großveranstaltungen zu vermeiden sei, da polizeiliche Routinen aus einem Feld durchaus Einfluss auf die Praxis in anderen nehmen können.

Im zweiten Panel des Tracks wurden Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Mapping #NoG20“ präsentiert, in welchem die Fragen des Panels kontinuierlich Anlass zur Diskussion boten, was an den Hamburger Ereignissen eigentlich typisch für Hamburg war. Nach einer kurzen Einführung zum Projekt von Peter Ullrich (Berlin), welches zum Verständnis der Gewalteskalation im Kontext der G20-Proteste auf eine Rekonstruktion der Ausgangskonstellationen, des Protestverlaufs und die ihn moderierenden Akteure, Interaktionen, Handlungslogiken und Deutungen abzielte, folgte ein Beitrag von Nils Schumacher (Hamburg). Dieser stellte in seinem Vortrag die These auf, dass die Protest-Polizei-Interaktion im Rahmen der Proteste trotz der Außeralltäglichkeit des Gipfels, seiner Einbettung in transnationale politische Diskurse und einer starken Beteiligung von Personen aus dem In- und Ausland nicht zu verstehen sei, ohne auch die spezifische lokale Rahmung in Betracht zu ziehen. So seien sowohl die Deutungs- und Handlungsrepertoires und die Verbindungen der verschiedenen lokalen Protestmilieus als auch das Vorgehen der Politik und der Polizei zutiefst geprägt vom lokalgeschichtlichen Kontext, insbesondere von den immer wieder auftretenden Auseinandersetzungen um Raum. Prominente Beispiele seien hier die Konflikte um die Rote Flora oder den Bauwagenplatz Bambule. Dabei, und dieser Aspekt stand im Zentrum des Vortrags, seien die lokalen politischen Milieus selbst äußerst heterogen, was sich in je spezifischen Geschichten, Deutungen und Handlungspraktiken ausdrücke. Ihr Ineinandergreifen sei situativ und basierend auf Anschlussfähigkeit von Ereignissen an die milieuspezifischen Konfigurationen. Diese Befunde führte Schumacher in der These zusammen, dass es sich bei der beobachtbaren Protestformation um ein „Mashup“ verschiedener Handlungs- und Deutungsrepertoires handele, welche gegen Annahmen der geplanten und hierarchisch gesteuerten Kooperation und einer Einheitlichkeit der Protestteilnehmenden in Stellung gebracht wird. Im Anschluss wurde diskutiert, inwiefern dies polizeilichen Beobachtungen entspricht und welche Protesterfahrungen diesen wiederum zugrunde liegen.

An den Aspekt lokalspezifischer Handlungsrepertoires schloss auch der Vortrag von Philipp Knopp (Wien) an. Seine Frage lautete, ob und inwieweit sich der Polizeieinsatz zu den G20-Protesten mit den Konzepten „Summit Policing“ und „Hamburger Linie“ erklären lasse. In der polizeilichen Einsatzplanung und –durchführung, so Knopp, lassen sich Elemente aus beiden Strategien identifizieren. Wer die Eskalation des Geschehens erklären möchte, müsse aber, so die zentrale These, auf das „Dazwischen“ der interaktiven Praktiken achten. Das Konzept der Praktiken verbinde dabei eingeübte Handlungsrepertoires von Protest und Polizei mit dem lokalen Ereignis, in welchem sie aufgeführt werden. So werden auch das Ungeplante und die Abweichungen von routinierten Mustern sowie die dadurch entstehenden Unsicherheiten für die Akteure sichtbar und systematischer Teil der Analyse. Polizeiliche Strategien und Routinen seien somit nur ein Bedingungsgefüge des situativen Vollzugs, in welchem Beharrungskraft, Brüche und Scheitern auftauchen und verhandelt werden.

In einem letzten Vortrag von Roman Thurn (München) wurde das policing von Protestcamps im Rahmen von Gipfelprotesten thematisiert. Anhand der Auseinandersetzungen um das Antikapitalistische Protestcamp anlässlich des G20-Gipfels, welche am 04. Juli 2017 in einer vorzeitigen Auflösung des Camps durch die VeranstalterInnen aufgrund polizeilicher Behinderungen mündeten, könne gezeigt werden, dass rechtliche Unbestimmtheiten im Versammlungsrecht ein Einfallstor für lokale polizeiliche Deutungsmuster als primäre Entscheidungsgrundlage für den Umgang mit Protestcamps darstellen. So habe das Versammlungsrecht bei aktuellen hybriden Protestformen, bei denen öffentliche Meinungskundgabe und alltägliche, als privat gedeutete Praktiken nicht voneinander getrennt werden können, Schwierigkeiten, Erwartungssicherheit zu gewährleisten. Der Konflikt um die Genehmigung des antikapitalistischen Protestcamps zeige dies deutlich: So waren weniger die polizeilichen Gefahrenprognosen Gegenstand der juristischen Verhandlungen, sondern die Frage, inwiefern die Infrastruktur des Camps, insbesondere Schlafzelte sowie Veranstaltungen ohne direkten Bezug zum G20-Gipfel als Bestandteil der Meinungskundgabe zu bewerten seien und ob und inwieweit das Camp damit unter den Schutz der Versammlungsfreiheit falle. Die Rechtsunsicherheit aufgrund laufender Verfahren und eine uneinheitliche juristische Anerkennung von Campelementen als Protestbestandteile habe schließlich einen Handlungsspielraum für Unterbindungen des Camps seitens der Polizei eröffnet, welche das Camp vor allem als Rückzugsraum für Störer und damit als Gefahrenquelle beobachtete.

Insgesamt wurde geschlussfolgert, dass die polizeiliche Behandlung von Protesten nur angemessen verstanden werden könne, wenn sowohl übergreifende Entwicklungsmuster wie Militarisierung, Technisierung oder Präventionsorientierung als auch lokalspezifische Merkmale polizeilicher Praxis in ihrem Zusammenspiel reflektiert werden. Zudem seien auch verschiedene sachliche Handlungslogiken für die polizeiliche Praxis prägend und so lasse sich diese auch nicht nur aus rechtlichen Prinzipien ableiten. Gleichzeitig erscheint die Gipfelkonferenz aufgrund ihrer staatstragenden Funktion und ihrer TeilnehmerInnen als spezifisches Ereignis, welches die polizeiliche Praxis eher nach den Prinzipien einer Staatspolizei formiere, was demnach jedoch nicht für alle (politischen) Großveranstaltungen gelten müsse. Schließlich gelten diese komplexen Reflexionsverhältnisse ebenso für die Gestaltung von Protesten, was sowohl in der Bewegungsforschung als auch in der polizeilichen Praxis zu berücksichtigen sei. Die Diskussion soll in dem am 25.01.2019 am Centre Marc Bloch stattfindenden workshop „Selektivität im Protest Policing II“ fortgesetzt werden.

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Rezension: Daphi/Deitelhoff/Teune/Rucht 2017 – Protest in Bewegung?

17.12.2018

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

 Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich), rezensiert von Friederike Habermann.

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Es folgt nun Luca Tratschin mit einer Rezension zu Daphi, Priska/Deitelhoff, Nicole/Rucht, Dieter/Teune,Simon (Hg.) 2017: Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. Leviathan Sonderband 33. Baden-Baden: Nomos. Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Protest in Bewegung!“ in Heft 4/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Der von Priska Daphi, Nicole Deitelhoff, Dieter Rucht und Simon Teune herausgegebene Sonderband der Zeitschrift Leviathan wirft mit seinem Titel die Frage nach „Protest in Bewegung“ auf. Damit ist zweierlei gemeint: Zum einen fragt er nach Bewegung im Sinne eines Wandels, dem Protest in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten unterlegen ist. So wird auf die historische Dimension des Interesses verwiesen, das dem Sonderband zugrunde liegt. Zum anderen fragt er spezifisch nach Protesten, die sozialen Bewegungen zuzuschreiben sind. Damit thematisiert der Titel auch eine gegenstandsbezogene Einschränkung: Es interessieren nicht alle Proteste, sondern nur diejenigen, mit denen soziale Bewegungen ihre Anliegen öffentlich darstellen. Ein weiterer entscheidender Zuschnitt des Sonderbandes kann durch den Titel nicht mehr transportiert werden: Die Beiträge fokussieren – mit einer Ausnahme – die Veränderung von Bewegungsprotesten, an denen in Deutschland ansässige Protestakteure beteiligt sind. Die Frage nach Protest in Bewegung trägt somit zusätzlich einen nationalen Index.

Bestandsaufnahme seit den 1990ern

Die Leitthese des Bandes geht davon aus, dass sich mit den großen sozioökonomischen und geopolitischen Verschiebungen seit Ende der 1980er Jahre auch „die politische Ausdrucksform verändert hat“ (11). Die Beiträge des Sonderbandes loten Veränderungen der Inhalte, Formen und Effekte von Protesten im Zeitraum der vergangenen 30 Jahre aus, die sich am Beispiel deutscher Protestgruppierungen ablesen lassen. Die These, dass sich Proteste und ihre Effekte geändert haben, wird im Vorwort mit Verweis auf veränderte gesellschaftliche Kontextbedingungen überzeugend plausibilisiert. Dafür werden Diagnosen des postdemokratischen Zustands liberaler Demokratien, die zunehmende Relevanz von Mehrebenenregimen und Prozesse der Digitalisierung angeführt.
Der Sonderband ist in drei Themenblöcke strukturiert: Der erste Block versammelt Studien, die Proteste im Kontext von Transnationalisierung und Mehrebenensystemen betrachten. Dagegen werden im zweiten Teil Proteste sozialer Bewegungen vor dem Hintergrund der Diagnose eines postdemokratischen Zustands politischer Systeme analysiert. Im dritten und letzten Block werden schließlich kulturelle Dimensionen von Protesten seit den 1990er Jahren untersucht. Die Studien werden durch eine Einleitung und ein resümierendes Schlusskapitel der HerausgeberInnen eingeklammert und bieten dem Leser beziehungsweise der Leserin einen hilfreichen Orientierungsrahmen.

Transnationalisierung und Mehrebenenregime

In der Einleitung diskutieren Rucht und Teune Dimensionen von Protest, an denen sich seit den 1980er Jahren Kontinuitäten und Veränderungen ablesen lassen. Die Autoren greifen hierbei auf eigene Einschätzungen und bestehende Forschungsbefunde zurück und erarbeiten so eine Kontrastfolie, mit der die folgenden Einzelstudien abgeglichen werden können. An diese einleitende Rahmung schließen Beiträge an, die Proteste im Kontext von Transnationalisierung und Mehrebenensystemen untersuchen. Regina Becker und Swen Hutter analysieren zum Beispiel anhand einer Protestereignisanalyse, wie sich das Ausmaß und die Formen der Europäisierung der deutschen Protestarena im Zeitraum zwischen dem Maastrichter Vertrag und der Eurokrise entwickelt haben. Ein Kernbefund ihrer Analyse ist zum Beispiel, dass Protestereignisse mit einem thematischen Bezug zur Europäisierung zwar einen festen Bestandteil der deutschen Protestlandschaft darstellen, letztere aber keineswegs dominieren. Weiterhin stellen sie – im Kontrast zu früheren Befunden – fest, dass Proteste mit Bezug zum europäischen Integrationsprozess, sich typischerweise nicht an nationale, sondern an supranationale Adressaten richten. Melanie Kryst und Sabrina Zajak zeigen in ihrem Beitrag, dass sich bei Bewegungsprotesten zwar eine stärkere Tendenz beobachten lässt, Marktakteure zu adressieren, ohne jedoch staatliche Akteure aus den Augen zu verlieren. Sie zeichnen das Bild einer verbreiteten Doppelstrategie nach, die staats- und marktzentrierte Adressierungsstrategien miteinander kombiniert.

(Post-)Demokratie

Im zweiten Block sind Aufsätze versammelt, die Bewegungsproteste in Bezug zu Diagnosen einer Post-Demokratie setzen. Insgesamt lassen sich die Beiträge als Relativierungen simpler Entdemokratisierungs- und Entpolitisierungsdiagnosen lesen. So argumentiert zum Beispiel Oliver Nachtwey, dass es sich bei den Occupy-Protesten um ein Phänomen handelt, das als Ausdruck eines neuen sozialen Konfliktes verstanden werden sollte, in dem die demokratische und soziale Frage miteinander verknüpft seien und die Artikulation von „Citizenship“ im Zentrum stünden (162f.). Man hat es entsprechend mit einer gehaltvollen Politisierung krisenbetroffener demokratischer Gemeinwesen zu tun. Sigrid Baringhorst und ihre Mit-Autorinnen thematisieren dagegen das Potential digitaler Technologien für Protestartikulation. Sie zerstreuen hierbei das Bild eines folgenlosen digitalen „Faulenzeraktivismus“ und weisen darauf hin, dass man es oft mit Hybridkampagnen zu tun hat, die Offline- und Online-Praktiken miteinander verschränken. Die Autorinnen argumentieren überzeugend, dass die wachsende Bedeutung von Online-Kommunikation keineswegs die Diagnose einer postdemokratischen Partizipation erlaube.

Protestkulturen im Wandel

Im dritten und letzten Block sind Beiträge gebündelt, die den Wandel und die Differenzen von Protestkulturen untersuchen. Als Botschaft lässt sich mitnehmen, dass Protest sich im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte zu einer normalen Form politischer Teilnahme entwickelt hat und dass Proteste durch ihren nationalstaatlichen Kontext weiterhin geprägt werden. In diesem Sinne lässt sich Lisa Beckmanns und Christian Lahusens Studie zum Wandel von Protestformen in Ost- und Westdeutschland im Zeitraum von 1990 bis 2013 lesen. Sie kommen zum Schluss, dass die ursprünglich bestehenden Differenzen der Proteste zwischen Ost und West abgenommen haben und in beiden Landeshälften Protest zu einer normalen Form der politischen Beteiligung geworden sind. Sieglinde Rosenberger und ihre Mit-Autorinnen analysieren Differenzen in Abschiebe-Protest-Kulturen zwischen Deutschland und Österreich. Sie kommen zum Resultat, dass die politischen Kontextfaktoren der beiden Länder unterschiedliche Protestmerkmale erklären. Sie stellen hierbei fest, dass die Einzelfall- und Implementierungsorientierung in Österreich ausgeprägt ist und sich im Gegensatz dazu in Deutschland die Kritik am Abschieberegime als relevanter erweist. Ebenfalls kommen sie zum Schluss, dass die typischen Protestakteure in Österreich und Deutschland divergieren: In Österreich sind besonders nichtorganisierte Bürgerinnen und Bürger relevante Akteure, während in Deutschland Aktivistinnen und Aktivisten von größerer Bedeutung sind. Dieter Rink zeigt in seinem Beitrag schließlich, wie sich die Montagsdemonstration als Protestparadigma in Leipzig entwickelt hat. Dabei zeichnet er nach, wie die Montagsdemonstration nach der Revolution von 1989 in Leipzig durch Arbeits- und Sozialproteste, Friedensproteste und durch rechte Mobilisierungen sowie linke Gegenmobilisierungen angeeignet wurden. Rink hält im Rahmen seiner Diskussion fest, dass das Protestparadigma der Montagsdemonstration in das gesamtdeutsche Protestgeschehen Eingang gefunden habe.

Willkommene Rückschau und Bündelung

Wie von einem Sammelwerk nicht anders zu erwarten, streuen die konkreten Interessen und Problemstellungen der einzelnen Beiträge weiter, als es die plausibel gewählten Themenblöcke zunächst nahelegen. Deshalb liefert der abschließende Beitrag von Daphi und Deitelhoff eine willkommene Rückschau und Gewichtung der Beiträge. Diese werden entlang der thematischen Schwerpunkte von Transnationalisierung und Entpolitisierung gebündelt. Bezüglich Transnationalisierung stellen die Autorinnen fest, dass Proteste zwar zunehmend eine transnationale Dimension aufweisen, dies sich jedoch nicht als ein Nullsummenspiel im Verhältnis zu nationalen oder lokalen Bezügen begreifen lässt. Vielmehr vermischten sich transnationale, nationale und lokale Dimensionen des Protests 309). Im Zusammenhang der Frage nach der Entpolitisierung, also der Entleerung des Protestes von politischen Inhalten (311) beobachten die Autorinnen eine Normalisierung, die sich unter anderem anhand von Tendenzen der Diversifizierung, Spezialisierung und breiten Bündnissen von Protest zeigt. Die Autorinnen sehen den Bezug zu Entpolitisierung hierbei darin, dass Proteste entweder durch NIMBY-Anliegen partikularisiert werden (Diversifizierung und Spezialisierung) oder an inhaltlicher Kontur verlieren können (breite Bündnisse). Sie halten jedoch fest, dass sich trotz dieser Tendenzen auch Phänomene der Re-Politisierung feststellen lassen. Damit meinen sie, dass Proteste nach wie vor „kollektive Forderungen im Sinne des Gemeinwohls erheben und systemkritische Fragen stellen“ (314). Eine überzeugende Diagnose ist hierbei, dass die (Re-)Politisierung von Protest sich besonders durch eine – zumindest partielle – Abkehr von postmaterialistischen Werten und Hinwendung zu Verteilungsproblematiken kennzeichnet. Auffällig an der abschließenden Klammer ist, dass eine eigenständige Diskussion der Digitalisierung im Rahmen eines Subkapitels ausbleibt. Aspekte computervermittelter Kommunikation werden zwar im Zusammenhang von Transnationalisierung und Entpolitisierung mitdiskutiert, finden aber selbst keine eigenständige Würdigung, was angesichts des aufgespannten Horizontes des Vorwortes und der Einleitung etwas überrascht. Dies muss man keineswegs als Problem sehen. Einschlägig interessierte Leserinnen und Leser, die die Erträge des Bandes vor dem Hintergrund des zu Beginn aufgespannten Kontextes (Mehrebenenregime, Postdemokratie, Digitalisierung) sichten, könnten allerdings in dieser Hinsicht etwas enttäuscht werden.

Breiter Interessenzuschnitt, Reichtum an empirischen Einsichten

Der Sonderband plädiert für empirische Forschung zur Veränderung von Protest unter Bedingungen von Transnationalisierung, (post-)demokratischen Entwicklungen und Digitalisierung. Unter Rückgriff auf diese etablierten Diagnosen beansprucht er, mit seinen Beiträgen Grundlagen einer in der Zeitdimension sensibilisierten Auseinandersetzung gelegt zu haben. Dieser Interessenzuschnitt ist offensichtlich relativ breit: Er erlaubt es prinzipiell, Studien mit divergierenden theoretischen und methodischen Präferenzen unter einem gemeinsamen Nenner zu versammeln. Diese „Masterrahmung“ des Forschungsinteresses bietet selbst die Chance, eine Vielzahl von Forscherinnen und Forschern ins Gespräch zu bringen und breite Allianzen herzustellen. Sie birgt aber auch die Gefahr einer relativ assoziativen Verknüpfung beziehungsweise Zusammenstellung von Beiträgen, die hinsichtlich Problemstellungen und konzeptuellen Entscheidungen nur schwach integriert werden können. Ob der gewählte Zuschnitt in Zukunft einen belastbaren kollektiven Arbeitszusammenhang zu stiften vermag, ist eine offene Frage. Sein Anspruch, einen Beitrag für die Bestandsaufnahme der Entwicklung von Protest in den zurückliegenden Jahren zu leisten, löst der Band jedoch ein und liefert dabei einen Reichtum an empirischen Einsichten.

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Britta Baumgarten (1975-2018)

13.12.2018

Am 17. Oktober 2018 ist unsere Kollegin, Freundin und Weggefährtin Britta Baumgarten nach längerer Krankheit viel zu früh verstorben.

Ihr besonderes Interesse an der Protest- und Bewegungsforschung verfolgte Britta bereits während ihres Soziologiestudiums an der Universität Bielefeld. Eine mehrmonatige Forschung über Zivilgesellschaft in Ecuador resultierte in ihrer Diplomarbeit. Anschließend arbeitete sie ab 2002 für vier Jahre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in dem EU-Projekt Contentious Politics of Unemployment in Europe (UNEMPOL), das sich mit Arbeitslosigkeit und der politischen Partizipation Arbeitsloser befasste (Lahusen/Baumgarten 2010). Sie brachte sich nicht nur mit großem Engagement in die vielfältigen Aufgaben eines kollaborativen Forschungskontextes ein, sondern entwickelte vor allem einen ansteckenden Enthusiasmus für Fragen des kollektiven Protesthandelns benachteiligter Menschen. Ihre Arbeit war dabei einem rigorosen wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet. Besonders aber zeichnete sie während der Feldforschungen und der Auswertungen ein hohes Maß an Sensibilität aus; sie wollte der Lebenswirklichkeit der Arbeitslosen gerecht werden. Die Mitarbeit in einem internationalen Forschungsprojekt entsprach ganz ihrem Naturell, denn als offener und sehr neugieriger Mensch hatte sie eine Gabe für kulturübergreifende Kooperationen.

Im August 2008 kam sie in die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In der Gruppe übernahm sie eine konstruktive und loyale Rolle, vertrat aber auch selbstbewusst und wenn nötig mit Nachdruck ihre Positionen. Zu Beginn war sie noch mit der Arbeit an dem Buch beschäftigt, das aus ihrer Dissertation hervorgehen sollte (Baumgarten 2010), die sie an der Universität Duisburg-Essen 2009 abschloss. Gleichzeitig orientierte sie sich in der transnationalen Dynamik von Armut und politischer Mobilisierung neu. Dieses Interesse brachte sie in das VW-Projekt The Transnationalization of Struggles for Recognition ein, in dem sie den Doktorand*innen mit ihrer einfühlsamen Kritik eine wertvolle Unterstützung war. Uns Kolleg*innen erwies sich Britta in den Pausen immer wieder als aufmerksame und unterhaltsame Gesprächspartnerin. Unter anderem ging es um ihren – allgemein unterschätzten – Wohnbezirk Moabit. Als sich in der Kneipe im Erdgeschoss ihres Wohnhauses mit den „Bürgern in Angst Moabit“ eine rechtspopulistische Nachbarschaftszelle bildete, besuchte Britta mehrere Treffen, um zu verstehen, was die Menschen dort bewegte. Dieses Motiv begeisterte sie auch an der Methode der Demonstrationsbefragung, an der sie bei einer Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 beteiligt war (Baumgarten/Rucht 2013). Von den Hartz IV-Gegner*innen bis zu den „Wutbürger*innen“ ging es ihr darum, die Stimmungen und Haltungen der Menschen zu verstehen und für andere greifbar zu machen. Offenheit war Britta ebenso wichtig wie die grundsätzliche Akzeptanz anderer Positionen.

Britta verlagerte 2010 ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Portugal. Sie war sich bewusst, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kam, um den Verlauf der Anti-Austeritätsbewegungen in Portugal zu beforschen. Noch 2011 musste Lissabon Notkredite beantragen und stand danach für vier Jahre unter fiskalischer Kontrolle der Gläubiger-Troika. Britta arbeitete in ihren Projekten nicht nur über die aktuellen Entwicklungen zu Krisenprotesten und gesellschaftlichen Auswirkungen der Austeritätspolitik in Portugal (Baumgarten 2012), sondern auch vergleichend im lusophonen Sprach- und Kulturraum zu sozialen Bewegungen von Arbeitslosen in Brasilien. In dem Zusammenhang absolvierte sie 2013 einen Forschungsaufenthalt an der Federal University of Santa Catarina, Florianópolis in Brasilien, und hielt engen Austausch mit ihren brasilianischen Kolleg*innen. Darüber hinaus interessierte sie sich für die transnationalen Kooperationsformen von sozialen Bewegungen und die politische Partizipation von Gruppen, die gewöhnlich von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen bleiben. Zu den Ergebnissen dieser Arbeiten zählen verschiedene viel beachtete Artikel wie „Geração à Rasca and beyond“ (Baumgarten 2013) und – im Zusammenhang mit Kontinuitätslinien und Erinnerungen in sozialen Bewegungen – ihr Aufsatz „The children of the Carnation Revolution? “ (Baumgarten 2017a).

Seit ihrer Ankunft am CIES-IUL (Centre for Research and Studies in Sociology am Lisbon University Institute) – ausgerechnet dem Institut, an dem sie bereits während des Studiums ihr ERASMUS Semester absolviert hatte – integrierte sich Britta sozial und professionell schnell in das portugiesische Universitätssystem, allerdings nicht ohne ihrem eigenen Anspruch entsprechend selbst ihren neuen Schaffensort mitzugestalten. Sie organisierte in kollaborativen Formaten mit diversen Kolleg*innen öffentliche Seminarreihen, Workshops und Konferenzen. Es ging ihr dabei darum, einerseits soziale Bewegung und Protest verständlich und lebensnah an die Universität zu holen und andererseits eine konstruktiv-kritische, aber auch inspirierende Diskurskultur mit zu kreieren. Sie betreute Abschlussarbeiten von Student*innen und war dabei als anspruchsvolle und enorm unterstützende Betreuerin beliebt.

Doch Britta forschte nicht nur international, sie war auch sehr präsent in internationalen Forschungsnetzwerken, darunter dem Research Committee on Social Movements and Social Classes des internationalen Soziologieverbandes. Zuletzt war sie im Sommer 2018 auf dem Weltsoziologiekongress in Toronto vertreten. Voller Elan und Zuversicht wollte sie sich in die Planungen für den nächsten Forumsprozess in Porto Alegre Brasilien stürzen – ein Ort, der ihr als Forscherin und Aktivistin vertraut war. Auch dort werden sie ihre über die ganze Welt verstreuten Freund*innen vermissen.

Selbst aus großer Entfernung verfolgte Britta als aktives Mitglied der ersten Stunde die Aktivitäten des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Wann immer sie es einrichten konnte, war sie bei uns. Schon vor der Gründung des ipb war Britta in einschlägigen Netzwerken der Bewegungsforschungs-Landschaft aktiv. Hierzu zählte das DFG-Nachwuchsnetzwerk „Neue Perspektiven auf soziale Bewegungen und Protest“, das von 2010 bis 2014 gefördert wurde. Neben ihrer sehr engagierten Beteiligung an den verschiedenen Arbeitstreffen des Netzwerkes und einem Beitrag zu Foucault in der Bewegungsforschung (Baumgarten/Ullrich 2016) war Britta Ko-Herausgeberin eines Sammelbandes zum Konzept der Kultur in der Bewegungsforschung (Baumgarten et al. 2014). Ihr Interesse galt dabei speziell den lokalen und nationalen kulturellen Besonderheiten, die sich im Kontext der Globalisierung erhalten oder sogar verstärken. Ihre Thesen und Interessen diskutierte sie bei den Buchworkshops immer mit großer Konzentration. Nicht zuletzt hat Britta dabei auch mit ihrer Offenheit und Großzügigkeit beeindruckt, speziell im Kontext der langen Herausgeber*innensitzungen an ihrem Küchentisch im verregneten Lissabon.

Ihr konstantes Interesse an den Themen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit trieb sie in den vergangenen Jahren verstärkt auch als Betroffene auf die Straßen Lissabons, mit dem Anliegen die eigenen prekären Arbeitsbedingungen anzuprangern. Damit war sie selbst Teil einer sozialen Bewegung, die die Arbeitssituation von Akademiker*innen in Portugal zum Anlass für Protest nahm, weil sozialversicherungspflichtige Arbeitsverträge Mangelware sind und (sozialwissenschaftliche) Forschung chronisch unterbezahlt ist.

Britta erhielt nicht nur viel Wertschätzung von akademischen Kolleg*innen, sondern war durch ihre zahllosen Teilnahmen an Demonstrationen in Portugal auch als solidarische und engagierte Begleiterin bei Aktivist*innen anerkannt und beliebt. Sie wusste jedoch ihre verschiedenen Rollen auseinanderzuhalten. So gelang es ihr, beobachtende und verstehende Wissenschaftlerin, empathische Unterstützerin und ungerechtigkeitssensible Bürgerin in einem zu sein, und dabei dennoch differenziert ihre verschiedenen Perspektiven einzunehmen und andere für diese zu sensibilisieren.

So bleiben unzählige Erinnerungen an eine sehr lebensfrohe, starke und inspirierende Denkerin, Freundin, Kollegin und politisch engagierte Mitstreiterin; an einen Menschen, der durch einen tiefen Sinn für soziale (Un-)Gerechtigkeit sowie Solidarität und Anteilnahme viele andere Menschen bewegt hat; an eine Kämpferin, die mit ihrer Passion, mit Optimismus und Einsatzvermögen Kolleg*innen und Student*innen Inspiration war. Es bleibt aber auch ein Erbe ihrer wissenschaftlichen Agenda, welches es hinsichtlich seiner Sensibilität für Kultur (Baumgarten et al. 2014), kollektive Erinnerung (Baumgarten 2017a) und transnational vergleichende und kooperative Momente (Baumgarten/Díez García 2017; Baumgarten 2017b; Baumgarten/Amelung 2017; Amelung/Baumgarten 2017) in sozialen Bewegungsforschungsfragen zu pflegen, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln gilt.

Wir sind in unseren Gedanken bei Brittas Familie, insbesondere bei ihrem kleinen Sohn und ihrem Partner. Britta, wir werden dich als Freundin, Weggefährtin und Kollegin sehr vermissen.

 

Nina Amelung, Priska Daphi, Eva Gerharz, Christian Lahusen, Roland Roth, Dieter Rucht, Simon Teune, Peter Ullrich, Sabrina Zajak

 

Literatur

Amelung, Nina/Baumgarten, Britta 2017: The Transnational Perspective of Political Participation. Linkages and Differences between Social Movement and Public Participation Studies. In: Global Society, Jg. 31, Heft 1, 3-22.

Baumgarten, Britta 2010. Interessenvertretung aus dem Abseits. Erwerbsloseninitiativen im Diskurs über Arbeitslosigkeit. Frankfurt: Campus.

Baumgarten, Britta 2012. „Antes da Dívida temos Direitos!” Proteste gegen prekäre Beschäftigung in Portugal. http://www.demokratie-goettingen.de/blog/es-antes-da-divida-temos-direitos [03.12.2018].

Baumgarten, Britta 2013. Geração à Rasca and Beyond. Mobilizations in Portugal after 12 March 2012. In: Current Sociology, Jg. 61, Heft 4, 457-473.

Baumgarten, Britta 2017a. The Children of the Carnation Revolution? Connections between Portugal’s Anti-austerity Movement and the Revolutionary Period 1974/1975. In: Social Movement Studies, Jg. 16, Heft 1, 51-63.

Baumgarten, Britta 2017b. The Global Justice Movement: Resistance to Dominant Economic Models of Globalization. In: Berger, Stefan/Nehring, Holger (Hg.): The History of Social Movements in Global Perspective. London: Palgrave Macmillan.

Baumgarten, Britta/Amelung, Nina 2017. Public Participation and Social Movement Research: Connecting Perspectives to Gain Broader, Sharper and more Innovative Insights about Transnational Political Participation? In: Global Society, Jg. 31, Heft 1, 144-155.

Baumgarten, Britta/Daphi, Priska/Ullrich, Peter (Hg.) 2014. Conceptualizing Culture in Social Movement Research, London: Palgrave Macmillan.

Baumgarten, Britta/García, Rubén Díez 2017. More than a Copy Paste: The Spread of Spanish Frames and Events to Portugal. In: Journal of Civil Society, Jg. 13, Heft 3, 247-266.

Baumgarten, Britta/Ullrich, Peter 2016. Discourse, Power, and Governmentality. Social Movement Research with and beyond Foucault. In: Roose, Jochen/Dietz, Hella (Hg.): Social Theory and Social Movements. Wiesbaden: Springer, 13–38.

Lahusen, Christian/Baumgarten, Britta 2010. Jenseits des sozialen Friedens. Frankfurt/Main: Campus.

Baumgarten, Britta/Rucht, Dieter 2013. Die Protestierenden gegen „Stuttgart 21“ – einzigartig oder typisch? In: Brettschneider, Frank/Schuster, Wolfgang (Hg.): Stuttgart 21. Ein Großprojekt zwischen Protest und Akzeptanz. Wiesbaden: Springer VS Verlag, 97-125.

 

 

Weitere Informationen über Forschung zu sozialen Bewegungen in Portugal bietet folgender Blog, der von Britta betreut wurde: https://portuguesemovements.hypotheses.org/about

Britta Baumgartens Orcid Profil: https://orcid.org/0000-0002-7323-1833

Dieser Text erscheint auch in der Rubrik “ipb beobachtet” in Heft 1.2019 des Forschungsjournal Soziale Bewegungen

Neues ipb-Working Paper: Dieter Rucht – Sitzenbleiben, #aufstehen oder aufstehen?

27.11.2018

Das ipb working paper II.2018 ist erschienen:

Dieter Rucht – Sitzenbleiben, #aufstehen oder aufstehen? Über den Versuch einer linken Sammlungsbewegung

Die Ausrufung der linken Sammlungsbewegung #aufstehen mit der Galionsfigur Sahra Wagenknecht hat weit über die Linkspartei hinaus Wellen geschlagen. In einer Situation der Zersplitterung oder sogar des Gegeneinanders linker Kräfte ist der Ruf nach Sammlung und Einigung attraktiv. Allmählich werden die Umrisse des Vorhabens deutlich. Somit ist es Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Meine These: Das Vorhaben #aufstehen, das nach Kriterien der Aufmerksamkeitsgewinnung furios gestartet ist, aber den Kriterien einer basisnahen und partizipatorischen Bewegung bislang zuwider läuft, wird es bald mit den „Mühen der Ebenen“ zu tun haben. Angekündigt als ein Themen und Strömungen übergreifendes Sammlungsprojekt, dürfte es aufgrund einer Reihe von Problemen mittelfristig ins Stocken geraten. Dann kann für die Initiatoren der Bewegung die ohnehin nicht ausgeschlossene Option einer neuen linken Partei attraktiv werden. Das würde ihnen zwar eine eigene Machtbasis verschaffen, aber das Zusammenrücken bereits bestehender linker und halblinker Parteien behindern. Es würde zudem das Aus für das Vorhaben einer breiten Sammlungsbewegung bedeuten.

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Übersicht der ipb working papers

Rechte Proteste und Gegenmobilisierungen: ipb-Diskussionsrunde geht Wechselwirkungen auf den Grund

19.11.2018

Die jüngste #unteilbar-Demonstration in Berlin zog Zehntausende auf die Straße. Auch in München, Chemnitz und anderswo stellen sich lokale Protestbündnisse rechten Mobilisierungen und rechter Stimmungsmache entgegen. Welche Wirkungen gehen von diesen Gegenprotesten aus? Hilft Widerstand und Protest um rechte Mobilisierungen zu verhindern? Oder werden die Gegenproteste für neue Mobilisierungen von rechts genutzt? Welche Formen der Mobilisierung waren und sind am erfolgreichsten um rechte Proteste einzudämmen? Der Einladung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung über „Rechte Proteste und Gegenmobilisierung in Städten und Gemeinden“ zu sprechen, folgten am 9.11. mehr als fünfzig Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die Diskussionsrunde war Teil der ipb-Jahrestagung unter dem Motto “Der Kontext lokaler Proteste”.

Moderiert von ipb-Vorstandsmitglied Sabrina Zajak vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung diskutierten auf dem Podium Theresa Hartmann vom Bündnis #Unteilbar und Johannes Richter von der Courage Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit in Dresden mit ipb-Vorstand Dieter Rucht über mögliche Wechselwirkungen von Protest und Gegenprotest.

Die Podiumsdiskussion befasste sich mit dem Aufkommen von rechten Protesten und Gegenprotesten. Dabei wurde festgehalten, dass sich im Zeitraum von 1993 bis 2015 etwa gleich viele Protestereignisse von rechts wie von links abbilden lassen – wenngleich nicht in derselben Teilnehmer*innenstärke. Rechte Proteste seien dabei in Vergangenheit und Gegenwart deutlich gewaltförmiger, vor allem in Ostdeutschland. Seit 2014 gebe es einen erneuten Aufschwung rechter Proteste.

Die Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Praxis diskutierten die Wirkung des sich in jüngster Zeit häufenden, medienwirksamen Aufeinandertreffens von Protest und Gegenprotest. Die direkte Gegenüberstellung führe unter Demonstrierenden beider Seiten zu einer starken Emotionalisierung der Debatte und letztlich zu einer Stärkung kollektiver Identitäten, so die Vermutung. Offen sei dabei inwieweit diese konflikthafte Aufladung der Proteste Mobilisierungsprozesse außerhalb der Kerngruppen begünstige oder erschwere.

In der Bewertung der Ergebnisse war man sich einig: Gegenproteste haben eine unmittelbare Wirkungskraft, da diese zum Teil rechte Kundgebungen verhinderten oder zumindest deutlich einschränkten. Hier wurde insbesondere das Beispiel ‚Dresden nazifrei‘ diskutiert.  Die Bedeutung zeige sich auch daran, dass das Fehlen von starken Gegenproteste enorme Folgewirkungen haben könne, wie die Ereignisse in Chemnitz im Spätsommer 2018 verdeutlichten. Darüber hinaus wurde auf die symbolische Bedeutung von Gegenprotesten verwiesen; erfolgreiche Gegenmobilisierung zeige, dass und wie sich rechtspopulistische Deutungshoheit auf der lokalen Ebene brechen ließe.

Die derzeitige starke gesellschaftliche Polarisierung sei dabei auch als ein ‚Gelegenheitsfenster‘ für Bündnisse von linken Gruppen mit breiten Bevölkerungsschichten zu verstehen. Vor diesem Hintergrund wurde die These aufgestellt, dass wir uns in einer Phase der Vereinigung statt der Spezifizierung sozialer Bewegungen befinden. Hierfür wurde das „Unteilbar“-Bündnis als Beispiel genannt, in der nicht nur linker Protest gegen den Rechtsruck zum Ausdruck gekommen, sondern bewusst ein breites Bündnis gegen Diskriminierung geschaffen worden sei, das verschiedene soziale Kämpfe vereine. Erfolgreiche Proteste gegen rechts, so die Schlussfolgerung, seien breit aufgestellt. Hier blieb die Frage zu klären, inwiefern das Beispiel „Unteilbar“ für Konstellationen außerhalb Berlins übertragbar sei und inwiefern neben dem Motivationsgewinn auf emotionaler Ebene, nachhaltig politischer Druck aufgebaut werden könne. Allgemein wurde argumentiert, dass sich Gegenproteste nicht rein auf eine Abwehr rechter Mobilisierung beschränken, so eine Erfahrung aus der Praxis, sondern im Gegenzug eigene Themen sichtbar machen sollten.

Neben den breiten Bündnissen wurde auch die Bedeutung von kleinen, sogenannten„Feuerwehr“-Protesten und Schutzinterventionen betont. So könne die Anmeldung und Durchführung von Gegendemonstrationen für Schutz für Geflüchtete und andere Opfer rechter Anfeindungen sorgen, nicht zuletzt weil derartige Protestkonstellationen unter verstärkter Polizeibeobachtung stünden. Des Weiteren wurde auf die Relevanz stetiger Mobilisierung vor Ort für Veränderungen verwiesen. Das Zusammenspiel dieser beiden Formen von Gegenprotesten sei bislang noch unerforscht.

Gleichermaßen könnte die zunehmende Konfrontation rechter und linker Proteste dazu führen, dass sich Fronten verhärteten und sich beide Seiten gleichermaßen radikalisierten und Bündnispartner verschreckt würden. Als mögliche Handlungsoptionen wurde die diskursive Auseinandersetzung – in Zeiten von angeblichen „Fake News“ und dem Vorwurf der Einschränkung von Meinungsfreiheit kein Leichtes – ebenso diskutiert, wie die mögliche Einbeziehung staatlicher Institutionen. Ein Verbot rechter Proteste wurde unter den Vorzeichen einer Gefahr einer neuen Normalität rechter Parolen bei gleichzeitiger Wahrung der demokratisch garantierten Versammlungsfreiheit kontrovers besprochen.

So verdeutlichte die Diskussion, dass es noch zahlreiche ungeklärte Fragen bezüglich der Wechselwirkungen von rechten Protesten und Gegenmobilisierung sowie deren lokalen Verankerungen gibt. Beide Fragen sollten Gegenstand weiterer transdisziplinärer Debatten oder Projekte sein.

Melanie Kryst

Foto: Moritz Sommer. Abgebildet sind Dieter Rucht, Sabrina Zajak, Theresa Hartmann und Johannes Richter (von rechts nach links).

Rezension: Kathrin Ganz 2018 – Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft. Verlag Barbara Budrich

19.11.2018

Auf unserem Blog stellen wir in unregelmäßigen Abständen Buchpublikationen von ipb-Mitgliedern vor. Bisher sind Rezensionen zu folgenden Büchern erschienen:

Melanie Müller. 2017Auswirkungen internationaler Konferenzen auf Soziale Bewegungen (Springer VS), rezensiert von Antje Daniel.

Jochen Roose / Hella Dietz (Hrsg.). 2016 Social Theory and Social Movements. Mutual Inspirations (Springer VS), rezensiert von Janna Vogl.

Sabrina Zajak. 2016. Transnational Activism, Global Labor Governance, and China (Palgrave), rezensiert von Melanie Kryst.

Es folgt nun Friederike Habermann mit einer Rezension zu Kathrin Ganz. 2018.  Die Netzbewegung. Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft (Verlag Barbara Budrich). Die Rezension erschien ursprünglich unter dem Titel „Wer bewegt wie was wieso wohin 4.0“ in Heft 3/2018 des Forschungsjournals Soziale Bewegungen.

 

Was ist die Netzbewegung? Was fordert sie? Wer bildet sie? Und wie formt sie wiederum die in ihr aktiven Subjekte, sprich: Wie verändern sich Menschen in ihr und durch sie?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der ‚Netzbewegung‘ besteht seit nicht einmal zehn Jahren; eine eingehende Untersuchung nicht nur ihrer Ziele, sondern auch ihrer internen Differenzen sowie der Zusammensetzung ihrer Akteur_innen stand bislang noch aus. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Kathrin Ganz liefert dies mit ihrem Buch ‚Die Netzbewegung‘ (2018), und basiert ihre qualitativ empirische Forschung dabei auf zwei Theorien, die explizit eine machtkritische Perspektive auch auf interne Strukturen aufzeigen: zum einen die diskurstheoretische Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, zum anderen die intersektionale Mehrebenenanalyse von Gabriele Winker und Nina Degele.

Kathrin Ganz, selbst als Netzfeministin bekannt, setzt mit diesen Ansätzen den mit der Netzbewegung verbundenen Anspruch nach P2P-Beziehungen, also Beziehungen unter Ebenbürtigen, auch theoretisch um. Dass das Eingangszitat von Chelsea Manning stammt, kann getrost als Bekenntnis zu einer emanzipatorischen Gesellschaft, auch im queerfeministischen Sinne, verstanden werden. So sind es die „Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft“, wie der Untertitel lautet, die Ganz besonders interessieren.

Nerds als neue Elite?

Das öffentliche Bild der Aktiven der Netzbewegung zeichnet sich durch scheinbare Homogenität aus: Es sind der zurückgezogene Nerd und der dauervernetzte ‚Digital Native‘ – beide männlich besetzt. Das Nerd-Stereotyp bildet sich aber auch im Wechselspiel mit heterosexistischen, rassistischen und bodyistischen Repräsentationen heraus; es signifiziert einen Außenseiter, der trotz seiner intellektuellen Fähigkeiten, seines Weißseins und seiner Männlichkeit nicht zur Riege hegemonialer Männlichkeit gehört. Anhand der äußerlichen Veränderung des ehemaligen BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann vom Manager-Look zum Nerd argumentiert Ganz allerdings, es komme neuerdings zu einer Erneuerung der hegemonialen Männlichkeit in der Figur des nerdigen Start-Up-Gründers.

Auf der Grundlage von zwölf qualitativ geführten Interviews spürt Ganz den Verhältnissen nach, angefangen bei der Frage, wer sich der Netzbewegung zugehörig fühlt. Dass die Interviewpartner_innen relativ heterogen zusammengesetzt sind, ist vermutlich eine bewusste Entscheidung. Es geht Ganz nicht um eine rein statistische Erhebung, dafür wäre das Sample viel zu klein. Dennoch können aus unterschiedlichen Subjektpositionen heraus Unterschiede festgestellt werden, wie bei den Interviewpartnerinnen Carolin und Hanna, die bei großen Ähnlichkeiten auf der Identitätsebene durch differente Klassenpositionen auf verschiedenen Wegen ins politische Engagement fanden.

Die intersektionale Mehrebenenanalyse von Gabriele Winker und Nina Degele beruht auf dem Ansatz von Kimberlé Williams Crenshaw. Dabei geht es zum einen um die Berücksichtigung gleichzeitiger und letztlich aller Subjektpositionen und damit verbundener Privilegien und Diskriminierungen. Gerade in den jüngeren Ausprägungen wird aber immer auch die Artikulation zwischen diesen Verhältnissen betont, also die Frage, wie diese sich gegenseitig durchdringen und bedingen. So ist die männliche Besetzung des Nerd-Stereotyps wohl auch verantwortlich dafür, dass die im Sample interviewten Frauen sich eher als ‚Übersetzerinnen‘ zwischen Nerds und ‚Normalos‘ definieren. Das Stereotyp der „scheiternden heterosexuellen Männlichkeit“ lässt keinen Platz für Frauen als gleichberechtigte ‚Mit-Nerds‘, so Ganz; „sie bleiben Objekte, die präventiv verworfen werden“ (220). Gleichzeitig kommt es bei den Interviews teilweise zu einer Selbstdefinition der Netz-Aktivist_innen als gesellschaftlicher Avantgarde. Entsprechend wird von anderen innerhalb der Bewegung die Forderung erhoben, mit dem „Nerd-Pride“ aufzuhören.

Die ‚Freiheit des Internets‘ als verbindendes Element

Die auf Antonio Gramsci gründende und von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe diskurstheoretisch weiterentwickelte Hegemonietheorie erlaubt ebenfalls die Untersuchung der in einer Gesellschaft geronnenen, materialisierten Machtverhältnisse in ihrer Heterogenität; darüber hinaus liefert sie ein Werkzeug zur diskursanalytischen Untersuchung von Sprache und Text. In diesem Sinne nutzt Ganz die Diskurstheorie für das Herauskristallisieren des „Hegemonieprojekts“ der Netzbewegung, also der Forderung, bzw. Utopie, hinter der sich die Netzbewegung sammelt.

Auf diese Weise schält Ganz die ‚Freiheit des Internets‘ als ‚leeren Signifikanten‘ der Bewegung heraus; mit dieser theoretischen Figur erklären Laclau/Mouffe das verbindende Element einer jeden Bewegung, welches zugleich so wenig in sich aussagt, dass letztlich alle Forderungen der Netzbewegung damit repräsentiert werden können

Gemeinsam ist den Aktivist_innen ein Narrativ, wonach das Internet hauptsächlich durch Kooperation und den freien Austausch von Information entstanden ist, womit es eine emanzipatorische Technologie darstellt, welche staatliche und ökonomische Interessen unterminiert. Was genau sich damit für die Aktivist_innen verbindet, ist dagegen sehr unterschiedlich: Vom Eintreten für Netzneutralität über die Ablehnung von Eigentumsrechten an digitalen Gütern und Plattformneutralität im Sinne eines diskriminierungsfreien Zugangs gesellschaftlich relevanter Infrastrukturen bis hin zur grundsätzlichen Ablehnung kapitalistischer Verwertungslogik. Insofern interessiert sich Ganz auch für das Ringen um Hegemonie innerhalb der Bewegung als „Hegemonieprojekt 2. Ordnung“ insbesondere untersucht sie hierfür die gegensätzlichen Positionen beim Thema Post-Privacy, also der Frage nach der Bedeutung von Datenschutz einerseits und Transparenz andererseits.

Vom digitalen Subjekt zur digitalen Solidarität?

Dabei bindet Ganz ihre Interviews zurück auf gesamtgesellschaftliche Diskurse aufgrund bestimmter Entwicklungen wie dem ‚Krieg gegen Terror‘ oder die Enthüllung von Edward Snowden. Das Verhältnis von Technologie und Gesellschaft wird als sich wechselseitig konstituierend verstanden. Auch in diesem Sinne ist die Netzbewegung nicht als völlig neuartiges Phänomen zu sehen, sondern als eine Neue Soziale Bewegung im klassischen Sinne, so Ganz. Doch welcher grundlegende soziale Wandel wird angestrebt?

Die Medienspezialisten Christian Fuchs und Felix Stalder betonen den sich durch die IT-Revolution zuspitzenden Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnis. Gleichzeitig beobachten sie eine neue Form ‚digitaler Solidarität‘ und eines ‚networked individualism‘. „Digitale Subjekte“ strebten nach Austausch und Kollaboration, nicht nach Ausschluss und Konkurrenz, so Stalder. Im Anschluss an dessen Überlegungen formuliert Ganz: „Die Netzbewegung in Deutschland steht damit nur exemplarisch für das politische Begehren eines zum vernetzten Individuum subjektivierten Subjekts, die Gesellschaft im Ganzen so zu gestalten, dass sie seinen Entfaltungs- und Verknüpfungsbedürfnissen gerecht wird“ (167). Da der Zugang zu Infrastrukturen, die Kommunikation und Vernetzung erlauben, die Möglichkeit reguliere, sich als vernetztes Individuum zu entfalten, verstünden viele Aktive der Netzbewegung gesellschaftliche Veränderungen nicht als Resultat von Kämpfen, sondern als Anpassung eines Systems an die Bedürfnisse der Nutzer_innen.

Das Ergebnis ist eine Bewegung, die zwar stark von ‚a-kapitalistischen‘ Praktiken geprägt ist, deren verbindendes Element jedoch bereits brüchig wird, was sich auch an der mangelnden Mobilisierungsfähigkeit nach dem von Edward Snowden enthüllten Skandalen zeigt. Und dennoch macht Kathrin Ganz‘ Untersuchung gespannt darauf, in welche Richtung sich die Netzbewegung weiterentwickeln wird, und welche gesellschaftlichen Impulse wir von ihr weiterhin erwarten können.

Podiumsdiskussion am 09.11./TU Berlin: Rechte Proteste und Gegenmobilisierung in Städten und Gemeinden

02.11.2018

Rechte Proteste und Gegenmobilisierung in Städten und Gemeinden

Podiumsdiskussion: 09. November, 19.00h, Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin, Hardenbergstr. 16-18, Raum 005

Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) lädt ein zum Austausch über rechte Proteste und Gegenmobilisierungen in Städten und Gemeinden. Am 09. November um 19.00 Uhr diskutieren Vertreter*innen aus Wissenschaft und organisierter Zivilgesellschaft über Wechselwirkungen von rechten Demonstrationen und (linken) Gegenprotesten vor Ort. Die öffentliche Podiumsdiskussion ist Teil der Jahrestagung des ipb zum Kontext lokaler Proteste.

Die jüngste #unteilbar-Demonstration in Berlin zog Zehntausende auf die Straße. Auch in München, Chemnitz und anderswo stellen sich lokale Protestbündnisse rechten Mobilisierungen und rechter Stimmungsmache entgegen. Welche Wirkungen gehen von diesen Gegenprotesten aus? Hilft Widerstand und Protest um rechte Mobilisierungen zu verhindern? Oder werden die Gegenproteste für neue Mobilisierungen von rechts genutzt? Welche Formen der Mobilisierung waren und sind am erfolgreichsten um rechte Proteste einzudämmen?

Für die Diskussion dieser Fragen wollen wir wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungswissen der Zivilgesellschaft zusammenbringen.

Es diskutieren

  • Theresa Hartmann, Bündnis #Unteilbar
  • Johannes Richter, Courage Werkstatt für demokratische Bildungsarbeit
  • Dieter Rucht, Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb)
  • Moderation: Sabrina Zajak, Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung/ipb

Wir freuen uns auf Eure und Ihre Teilnahme!

Kontakt: kongress2018@protestinstitut.eu

Foto: Gero Nagel@Flick / (CC BY 2.0)

Im Fadenkreuz: Bewegungsforschung im Nahen Osten und Nordafrika

11.10.2018

2018 startet das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine eigene Rubrik im Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Unter der Überschrift „ipb beobachtet“ kommentieren Mitglieder des Instituts aktuelle Entwicklungen im Feld und in der Debatte über soziale Bewegungen. Der Titel der neuen Rubrik ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig: Einerseits geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Umfeld des IPB ihre Beobachtungen zu aktuellen Forschungsdebatten wieder. Andererseits dient die Rubrik auch dazu, der vielfältigen Forschung unter dem Dach des IPB einen Raum zu geben, sprich diese genauer zu „beobachten“. Die Beiträge  der Rubrik sind nach der Veröffentlichung auch auf unserem Blog zu lesen.

Die Rubrik ist ein Produkt der engen Kooperation des Forschungsjournals Soziale Bewegungen und des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Verantwortliche Redakteure sind Jannis Grimm und Moritz Sommer, die neben ihrer Redaktionstätigkeit im Forschungsjournal beide im IPB organisiert sind.

Der folgende Text von Jannis Grimm erschien unter dem Titel “Das Ende des ‘Arabischen Frühlings’ der Bewegungsforschung’ im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 30, Heft 3, S. 84-92. Jannis Grimm ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (ipb). Er promoviert an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies zu Protest-Repressions-Dynamiken in Nordafrika. Gemeinsam mit Kolleg*innen aus Berlin und Göteborg leitet er seit Anfang des Jahres das SAFEResearch Projekt zur Entwicklung eines sozialwissenschaftlichen Handbuchs für sichere Feldforschung. Kontakt: jj.grimm@fu-berlin.de

 

 

Der „Arabische Frühling“ und die Protestforschung

Mit den Massenprotesten von 2011 rückte der arabische Raum endlich auch in den Fokus der Bewegungsforschung. Angesichts der flächendeckenden Abwesenheit des Phänomens „neuer sozialer Bewegungen“ im arabischsprachigen Raum hatten sich bis dato lediglich einige wenige Autor*innen des theoretischen Vokabular der Bewegungs- und Protestforschung im Kontext des Nahen Ostens bedient – zumeist um hierüber (mit gemischtem Erfolg) islamistische Bewegungen jenseits von kulturalistischen und rein ideologiebezogenen Ansätzen fassbar zu machen (etwa Hafez 2003; Wiktorowicz 2004). Daneben hatte eine eher mikro-soziologisch inspirierte Forschungstradition zur „Staatsanalyse von unten“ alternative Mobilisierungspotenziale in den Blick genommen, die sich unterhalb der organisatorischen Schwelle von sozialen Bewegungen und Massenprotesten abspielten. Ihre politischen Effekte leiteten überdies keine demokratischen Transitionen ein, trugen jedoch graduell zur Transformation sozialer Verhältnisse in der Region bei (Bayat 2010; Harders 2009). Bis zu den Umbrüchen 2011 fand diese Forschung aber wenig Anklang in der europäischen Bewegungsforschung, die im Nahen Osten letztlich einer elitenzentrierten Regimeforschung das Feld überließ (Grimm 2015: 100). Selbige behandelte die Region vor allem unter dem Gesichtspunkt autoritärer Stabilität und versuchte zu erklären, wie es den dortigen Autokraten gelang, dem globalen Demokratisierungsdruck zu widerstehen, indem sie sich als partizipative Regime mit demokratischen Fassadeinstitutionen neu erfanden.

Der wissenschaftliche Fokus auf die Resilienz und Anpassungsstrategien autoritärer Regime (für einen Überblick siehe Bank 2009) erklärt wohl auch in Teilen die Überraschung über das Hereinbrechen des „Arabischen Frühlings“. Die Ideologie-übergreifenden revolutionären Koalitionen aus Jugendlichen, Arbeiterschaft und politischen Aktivist*innen zeigten einerseits, dass den Regimen die Repression oder Kooptation oppositioneller Gruppen offensichtlich nur oberflächlich gelungen war. Gleichzeitig offenbarte die Mobilisierung breiter, zuvor als phlegmatisch und apolitisch geltender Bevölkerungsschichten aber auch die Forschungslücke, welche die fehlende Bewegungsforschung über Jahrzehnte in den theoretischen Rahmenwerken der Nahostforschung hinterlassen hatte. Mit den Massenprotesten, die in Tunesien ihren Anfang nahmen und von dort auf die Nachbarschaft übergriffen, änderte sich nicht nur das Bild des arabischen Raums als letzter Bastion des Autoritarismus. Aufgrund des plötzlichen Bedarfs an wissenschaftlicher Expertise zu den beobachteten Mobilisierungsprozessen bewirkten sie auch in der Bewegungsforschung eine regelrechte Goldgräberstimmung.

Gepaart mit der Anknüpfungsfähigkeit zu damaligen Themenkonjunkturen, etwa zur Occupy-Bewegung und den Platzbesetzungen der Anti-Austeritäts-Proteste in Südeuropa, wurde der „Arabische Frühling“ auch zu einem Frühling für die Bewegungsforschung. Dies schlug sich beispielsweise in großzügigen Finanzierungsmöglichkeiten für Forschungsvorhaben zu sozialer Mobilisierung im arabischen Raum nieder. Einige dieser Projekte versuchten den Brückenschlag zur Eliten- und Regimeforschung (z. B. Asseburg/Wimmen 2017; della Porta 2014). Andere stießen hingegen neue Debatten zur Affektivität, der Räumlichkeit und der Performativität von Protestcamps an (z. B. McCurdy et al. 2016; Pearlman 2013; Volpi/Jasper 2018). Überdies fanden die Revolutionen unter vielen jungen Protestforscher*innen Anklang, die sich aufgrund der vertrauten Protestrepertoires (Besetzung und Aneignung öffentlicher Plätze), der heterogenen und inklusiven Zusammensetzung (Arbeiter und Akademiker, Säkulare und Religiöse, Frauen und Männer jeden Alters) und der emanzipatorischen Frames (Freiheit, Partizipation, soziale Gerechtigkeit) mit den arabischen Freiheitsbewegungen identifizieren konnten. Die Hochkonjunktur der „Arabellion“ unter Doktorand*innen mündete letztlich in einigen exzellenten Promotionen, welche die Nahostforschung aus ihrem Nischendasein ins Zentrum der Bewegungsforschung holten (z. B. Donker 2013; Ketchley 2017; Ritter 2014).

Die beteiligten Wissenschaftler*innen wirkten überdies als internationale Multiplikator*innen für die Forderungen der Protestakteure und trugen mit ihrer Forschung dazu bei, dass jene als legitime Adressat*innen wahrgenommen wurden: Zwischen 2011-2013 etablierte sich ein reger Austausch zwischen westlichen Entscheidungsträger*innen und arabischen Aktivist*innen und Menschenrechtsorganisationen.[i] Häufig stellten Protestforscher*innen dabei die Kontakte her, empfahlen passende Ansprechpartner*innen oder begleiteten öffentliche Veranstaltungen wissenschaftlich. Dadurch zementierten sie indes das im letzten Beitrag zu dieser Rubrik beschriebene Bild der Bewegungsforschung als politischer Wissenschaft, die ihrem Forschungsfeld im Kontext des „Arabischen Frühlings“ nicht nur „mit offener Sympathie“ gegenüber (Teune/Ullrich 2018: 418), sondern auch tatkräftig zur Seite stand. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass ein Großteil der Literatur über die Umbrüche aus der Feder von Autor*innen stammte, die über Nacht eine neue Region „für sich“ entdeckt hatten und über begrenzte Vorerfahrungen mit den lokalen Forschungskontexten verfügten.

Katerstimmung in der Nahostforschung

Im Zuge der „politischen Restauration von oben“ (Harders 2017: 328), die dem „Arabischen Frühling“ folgte, erfuhr das Umfeld für sozialwissenschaftliche Forschung schließlich dramatische Veränderungen. Vor den Umbrüchen von 2011 waren Wissenschaftler*innen als lästige Einmischung empfunden worden. Die meisten autoritären Machthaber – erpicht darauf, sich einen quasi-demokratischen Anstrich zu verleihen – hatten ihre Forschungstätigkeit aber als liberales Feigenblatt gegenüber der westlichen Gebergemeinschaft toleriert. Gegenüber den potenziellen Kosten einer Ausweisung oder Verhaftung kritischer westlicher Forscher*innen für die eigene internationale Legitimität war ihre Präsenz schlichtweg das kleinere Übel. Mit dieser Toleranzhaltung war es nach dem Intermezzo des „Arabischen Frühlings“ vorbei:

In einem Großteil der Transformationsstaaten und ihrer Nachbarschaft verengten sich die Möglichkeitsgrenzen vor allem für Projekte zu nicht-staatlichen Akteuren – Oppositionsparteien, kritischer Zivilgesellschaft oder sozialen Bewegungen – rapide. In Syrien, Libyen, Jemen und Irak verkomplizierten Krieg und Staatszerfall den Feldzugang. In Ägypten, Israel, am arabischen Golf, im Maghreb und in der Türkei wurden Forschende dagegen zur Zielscheibe staatlicher Repressionen. Ausschlaggebend für diese Trendwende war einerseits ihre oben beschriebene Vermittlerfunktion, aber auch ihre Rolle bei der Verbreitung von subalternem Wissen, welches die propagierten nationalistischen und versicherheitlichenden Narrative (Edel 2016) der neuen Autokraten in der Region als Propaganda entlarvte.[ii]

Bislang gibt es noch keine systematische internationale Dokumentation der Fälle, in denen Wissenschaftler*innen an ihrer Forschung gehindert, ihre Möglichkeit zu reisen unterbunden oder ihr Leib und Leben bedroht wurden.[iii] Betroffene Kolleg*innen haben aus nachvollziehbaren Gründen wenig Interesse, ihre Fälle öffentlich zu machen – einerseits, um sich den zukünftigen Feldzugang nicht durch mediale Aufmerksamkeit zu verbauen, andererseits, um ihre eigenen Kontakte vor Ort nicht zu gefährden. Aus denselben Gründen veröffentlichen auch die wenigen Nichtregierungsorganisationen, die Daten über die weltweite Einschränkung von Forschungstätigkeiten erheben, nur aggregierte Zahlen und selten Rohdaten, die Rückschlüsse auf Einzelschicksale zulassen. Dennoch zeichnen ihre Statistiken ein sehr deutliches Bild von der Lage im Nahen Osten und Nordafrika.

So erreichten die Hilfegesuche verfolgter Forscher*innen an das britische Council of At-Risk Academics 2016/2017 das höchste Niveau seit dem Zwangsexodus jüdischer Wissenschaftler*innen aus Europa in den 1930er Jahren.[iv] Verantwortlich für den massiven Anstieg auf 15-20 Anfragen pro Woche (von durchschnittlich 3-4 pro Woche vor den arabischen Umbrüchen) waren dabei vor allem die Verfolgung regimekritischer Wissenschaftler*innen in Syrien, die Inhaftierung von Akademiker*innen mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft in Ägypten nach dem Militärputsch 2013 sowie die Suspendierung und Inhaftierung von Wissenschaftler*innen nach dem gescheiterten Militärputsch 2016 in der Türkei.

Der Ausschuss für Forschungsfreiheit der amerikanischen Fachvereinigung Middle East Studies Association versandte im selben Jahr etwa doppelt so viele monatliche Protestnoten wie in den Vorjahren gegen die Kriminalisierung von Forscher*innen durch Regime in der Region. Ähnliche Tendenzen lässt auch der Academic Freedom Monitor des Scholars-at-Risk Netzwerks erkennen, in dem regelmäßig Fälle von Verstößen gegen Wissenschaftsfreiheit publiziert werden. Der diesjährige Education under Attack-Bericht der Global Coalition to Protect Education from Attack benennt gleich neun Staaten der Region als Brennpunkte für wissenschaftliches Arbeiten (Ägypten, Irak, Israel, Jemen, Libyen, Palästina, Sudan, Syrien, Türkei).

Regenis Ermordung als politisches Signal

Brutale Gewalt gegen einzelne Wissenschaftler*innen, die auch im Westen Aufmerksamkeit erfahren, wie die Ermordung des Gewerkschaftsforschers Giulio Regeni in Ägypten (Roll/Brozus 2017), sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Am 25. Januar 2016, dem fünften Jahrestag der ägyptischen Revolution, verschwand der Doktorand in Kairo. In der darauffolgenden Woche wurde sein Leichnam gefunden. Die Foltermale auf dem Körper des 28-Jährigen trugen die Handschrift des ägyptischen Sicherheitsapparats, der bis heute die Aufklärung des Mordes torpediert. Das Bezeichnende an Regenis Entführung und Ermordung war indes nicht das Opfer selbst. Bezüglich seines Verhaltens im Feld, seiner institutionellen Affiliationen, oder seiner persönlichen Merkmale stach Giulio Regeni kaum aus der Masse an Bewegungsforscher*innen in Nahost heraus. Selbst sein Forschungsthema – Gewerkschaftsbildung unter Kairoer Straßenhändlern – schien zwar sensibel, jedoch weit weniger riskant als das von Kolleg*innen, die z.B. über die kriminalisierten islamistischen Bewegungen oder die Schattenwirtschaft des Militärs schrieben. Doch gerade auf der hohen Repräsentativität von Regeni für das gesamte Forschungsfeld die (vermutlich beabsichtigte) Signalwirkung seiner Ermordung begründete: Es kann Jede*n jederzeit unvermittelt treffen. Zwar gab es seitdem keine weiteren derartigen Todesfälle (zumindest unter ausländischen Wissenschaftler*innen). Doch löste der Mord einen regelrechten Rückzug kritischer Bewegungsforschung aus dem Land aus. Insgesamt ähneln die Reaktionen denen nach der Säuberungswelle der türkischen Regierung gegen angebliche Unterstützter*innen der Gülen-Bewegung ab Sommer 2016: Etablierte Wissenschaftler*innen verließen fluchtartig das Land, Doktorand*innen weltweit wechselten ihren Länderfokus (bald dürfte es eine Fülle an Dissertationen zu Marokko und Jordanien geben) und Graduiertenschulen nahmen zeitweilig keine Projekte mehr an, die Feldforschung in Ägypten involvierten. Überdies führte der Fall zu einem Vertrauensverlust zwischen Bewegungsforscher*innen und ihren Forschungssubjekten: Regeni war von einem Interviewpartner aus der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung denunziert worden, der es im Kontext eines grassierenden neuen ägyptischen Nationalismus als seine Bürgerpflicht verstanden hatte, die Sicherheitsbehörden über die Aktivitäten des Wissenschaftlers zu unterrichten.

Wer konnte den Bewegungsforscher*innen versichern, dass Feldkontakte in anderen sozialen Bewegungen nicht ebenso von ihrer Scharnierfunktion Gebrauch machen würden und sich, etwa im Gegenzug für einen Abbau von Restriktionen oder finanzielle Vorteile, als Informanten verdingen würden? Die Frage wiegt umso schwerer, da die Verfolgung von Oppositionellen im Land seit Regenis Tod vorangeschritten ist, und mittlerweile nahezu alle Gewerkschaften, Oppositionsparteien und sozialen Bewegungen, die nach 2011 im Fokus der Protestforschung standen, ins Visier des Sicherheitsstaats geraten sind.

Ernüchternd waren überdies die internationalen Reaktionen auf Regenis Tod: Der halbherzige Aufklärungsdruck seitens italienischer Diplomaten sowie eine Kampagne der konservativen italienischen Presse gegen seine Doktormutter Maha Abdelrahman, eine renommierte Nahost-Bewegungsforscherin der Universität Cambridge[v], trugen zum Verlust des Sicherheitsgefühls unter vielen Wissenschaftler*innen bei, die sich bis dato auf die Rückendeckung ihrer Heimatinstitute und diplomatischen Vertretungen verlassen hatten. Deren Reaktionen schienen indes das Gegenteil zu belegen: Nicht lange, da wurde aus dem Vorwurf, Abdelrahman habe bei Regenis Betreuung ihre Führsorgepflicht verletzt, ein Generalverdacht gegenüber allen, die im Nahen Osten und Nordafrika Politik von unten erforschten: Was hatten sie dort überhaupt verloren? Mit welchem Recht befassten sie sich mit denjenigen, von denen die arabischen Regime behaupteten, sie trieben Terrorismus und Staatszerfall voran?

Wachsende Verunsicherung

Es mutet besonders zynisch an, dass diese Vorwürfe (vermutlich unwissentlich) die Diktion arabischer Autokraten reproduzieren, wonach die Entsendung westlicher Forscher*innen in den arabischen Raum ohnehin nur eine Fortschreibung klassischer neo-kolonialer Asymmetrien darstellte, innerhalb derer der Globale Norden Herrschaftswissen über den Globalen Süden produzierte. Gepaart mit den in der kleinen Nahost-Forschungs-Community verbreiteten Anekdoten über weitere Repressalien im Feld [vi] entstand so ein Klima der Angst (oder zumindest der Unsicherheit), das bei der Protest- und Bewegungsforschung im Zeitraum nach dem „Arabischen Frühling“ letztlich einen massiven Konjunktureinbruch bewirkte.

Das Projekt SAFEResearch, das sich mit der Entwicklung eines Handbuchs für sichere Feldforschung befasst und an dem sich mehr als 30 Wissenschaftler*innen beteiligen (siehe unten), hat hierzu Erfahrungswerte gesammelt. Diese offenbaren vor allem drei Herausforderungen, mit denen Wissenschaftler*innen mit Interessensschwerpunkt auf zivilgesellschaftlichen Akteuren konfrontiert und bisweilen alleine gelassen werden. Neben Selbstschutz und angemessenen Vorbereitungen auf die Risiken von Feldforschung in einem sich ständig verändernden Nahen Osten, in dem die roten Linien – anders als vor 2011 – eben nicht länger klar sind, betreffen sie vor allem den Schutz von Informant*innen.

Eine offene und nicht zuletzt forschungsethische Frage ist hier, ob sich unter den gegenwärtigen Bedingungen größerer Aufmerksamkeit von Sicherheitsapparaten Kolleg*innen oder auch private Kontakte vor Ort noch angemessen schützen lassen. Ohnehin sind es vor allem lokal ansässige Forscher*innen, die am stärksten von Repression betroffen sind. Wie lässt sich das zusätzliche Augenmerk des Polizeistaats legitimieren, das der „akademische Tourismus“ (Abaza 2011) aus dem Globalen Norden für lokale Wissenschaftler*innen mit sich bringt? Zudem ist es ja nicht die Forschung, die am meisten von autoritären Unterdrückungsmaßnahmen betroffen ist. Weit gefehlt: Wenn schon Mitglieder deutscher und amerikanischer Universitäten um ihre physische und psychische Unversehrtheit fürchten, wie steht es dann um all die professionellen Bekanntschaften vor Ort, mit denen sie sich austauschen und die als Interviewpartner*innen, Fahrer*innen oder Vermittler*innen fungieren?

Sicher ist es schwierig abzuschätzen, inwieweit allein die zusätzliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit Feldkontakte in Gefahr bringen kann. Doch bleibt die Frage zu diskutieren, ob es Forschungsvorhaben gibt, deren Durchführung im Kontext autoritärer Repression schlichtweg nicht mehr moralisch vertretbar ist. Diese Entscheidungen müssen nicht zuletzt auch auf institutioneller Ebene verhandelt werden, um Wissenschaftler*innen – von Promovierenden bis hin zur Projektleiter*innen – besser auf die erschwerten Kontextbedingungen für Feldforschung vorzubereiten. Der Nahe Osten und Nordafrika bieten hierfür nicht das einzige Beispiel, derzeit aber wohl das offensichtlichste.

Kontrolle statt Unterstützung

Damit kommen wir zur Gretchenfrage nach den bisherigen Reaktionen von Forschungseinrichtungen auf die Repression von Forscher*innen. Die Antwort ist größtenteils ernüchternd: Die Reaktion der großen europäischen und amerikanischen Universitäten und Think Tanks reichen von Ignoranz und einer strategischen Nichtbeachtung der veränderten Großwetterlage bis hin zur Rückkehr in die Komfortzonen aus der Zeit vor dem „Arabischen Frühling“. Damals beschäftigte sich der Großteil der Forschung mit statischen Regimetypen oder der Studie von Strukturvariablen auf der Makroebene. Der Vorteil hiervon: Wissenschaftler*innen müssen nicht mehr notwendigerweise vor Ort mit Bewegungsakteuren sprechen, sondern können eine ungefährlichere Außensicht auf die Nahostregime einnehmen. Die Crux: Genau diese Art von Forschung „aus der Vogelperspektive“ (Said 1978: 239) war über Jahrzehnte als neo-koloniale Form der Wissensgenerierung über „den Orient“ kritisiert worden.

Weitere Institutionen kontrollieren das Risiko, dass ihre Forschenden ins Visier des Sicherheitsstaats kommen könnten, dagegen durch mehr oder weniger formale Embargos für Feldforschungsaufenthalte in konfliktbehafteten Staaten. Prinzipiell ist diese Formalisierung kaum zu verurteilen, schließlich zeigt sie, dass sich die betroffenen Einrichtungen ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie sie ihr Personal wirksam schützen können. Reiseverbote oder Aufenthaltsbeschränkungen folgen meist der Einsicht, dass man als Universität wenig tun kann, um Studierenden und Wissenschaftler*innen in Notsituationen beizustehen. Sie sind somit vor allem Zeichen der Wahrnehmung einer institutionellen Sorgfaltspflicht. Dies gilt auch für Professor*innen, die sich – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – nicht mehr in der Lage sehen, guten Gewissens noch Promotionsstudent*innen nach Libyen, Ägypten oder in die Türkei zu entsenden (umso weniger, wenn deren Arbeit auf Oppositionsakteure fokussiert) und daher individuell beschließen, solche nicht mehr zu betreuen.

Weitere renommierte Forschungseinrichtungen, darunter die School of African and Oriental Studies, die George Washington University oder das European University Institute, haben zwar von einem vollständigen Embargo abgesehen, dafür aber zuletzt die Genehmigungsprozeduren für Feldforschungsaufenthalte ihrer Mitglieder verschärft. Durch den prägenden Einfluss dieser Institutionen auf das Forschungsfeld fungieren sie dabei als Vorreiter einer Versicherheitlichung und Verrechtlichung von Feldforschung an anderen Universitäten. Der Grad der Bürokratisierung reicht dabei von der Pflicht zur Beantragung von Forschungsvisa (deren Erteilung z. B. im Falle Ägyptens für Forschung zu Protesten oder Zivilgesellschaft von vornherein ausgeschlossen ist) über den Abschluss von speziellen Risikoversicherungen für Konfliktgebiete (mit für öffentliche Universitäten nahezu unbezahlbaren Versicherungspolicen) bis hin zu hastig erarbeiten Antragsverfahren für Feldforschung. Letztere beinhalten zumeist Formblätter zur Bewertung von Sicherheitsrisiken, ohne dass aber den Antragsteller*innen gleichermaßen Kurse zur Aneignung sinnvoller Risikobewertungsstrategien gestellt werden. Mangels ausreichend informierter Fachgremien zur Bewertung der Anträge ist zudem abzusehen, dass es Antragssteller*innen meist gelingen dürfte, die Risiken im gewünschten Reiseland zu relativieren (hierfür schafft die Genehmigungspflicht letztlich einen nachvollziehbaren Anreiz). So bleibt Formalisierung von Feldforschungsprozeduren letztlich ein Feigenblatt, das trotz immensem strukturellen Aufwand kaum in der Lage ist, Forschende effektiv zu schützen.

Flächendeckend mangelt es weiterhin vor allem an verlässlichen Ressourcen, Informationsquellen und Weiterbildungsmöglichkeiten, durch die Forschende für Risiken von akademischer Feldforschung sensibilisiert oder in ihrem Umgang geschult werden. In Italien und Großbritannien (dem Heimatland bzw. dem Ausbildungsort von Giulio Regeni) sind zwar mittlerweile konzertierte Bemühungen zu erkennen, den wissenschaftlichen Nachwuchs an Universitäten besser auf die Unwägbarkeiten im Feld vorzubereiten. In Deutschland wird das Thema Forschungssicherheit dagegen – trotz medialer Aufmerksamkeit auf Einschränkungen akademischer Freiheit – bislang eher stiefmütterlich behandelt. Graduiertenschulen und Forschungsinstitute, die das Thema auf die Agenda gesetzt haben und ihren Mitgliedern ein spezielles Schulungsangebot anbieten, bilden die Ausnahme. Dass hierzu Institute wie die Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, das Deutsche Institut für Wirtschaftspolitik, oder das Wissenschaftszentrum Berlin zählen, die in den letzten Monaten Sicherheitstrainings oder Seminare zur Feldvorbereitung abgehalten haben, ist kein Zufall: Es sind fast ausschließlich Einrichtungen, die entweder direkt oder indirekt über ihre Mitarbeiter*innen mit dem Fall Regeni zu tun hatten. Größtenteils eignen sich Nachwuchsforscher*innen ihr Wissen über potenzielle Risiken ihrer Arbeit jedoch weiterhin im Zuge ihrer Ausbildungserfahrung über die Ratschläge und Anekdoten von Kolleg*innen an. Dieser Erfahrungstransfer ist üblicherweise vertikal, d.h. von erfahreneren Mentor*innen zu jüngeren und unerfahrenen Forscher*innen. Horizontaler Austausch findet parallel aber auch zwischen Wissenschaftler*innen auf demselben Karrierelevel statt. Im besten Fall sind die so vermittelten Strategien nicht nur „felderprobt“, sondern auch noch nachhaltig wirksam und übertragbar. Im schlechtesten sind sie ineffektiv oder sogar kontraproduktiv (etwa weil sich der politische Kontext in einem Land seit der Felderfahrung einer Mentor*in verändert hat).

Perspektiven für die Bewegungsforschung im Nahen Osten und Nordafrika

Als Forschungsgemeinschaft sollten wir uns eingestehen, dass wir uns zu lange zu wenig und zu unsystematisch mit den potenziellen Risiken unserer Feldforschung auseinandergesetzt haben. Die gilt nicht nur für die Bewegungsforschung im arabischen Raum. Betroffen ist sie aber im besonderen Maße, weil ihr „Tun immer wieder als Politikum empfunden wird“ (Teune/Ullrich 2018: 418). Die verschlechterte Großwetterlage im Nahen Osten hat nicht nur Implikationen für disziplinäre Paradigmen (Pace/Cavatorta 2012), sondern auch praktische Konsequenzen für die Art von Forschung, die künftig noch in dieser Weltregion möglich ist: Für die Studie von Repression und autoritären Regimen mögen gerade wieder goldene Zeiten anbrechen und die Konfliktforschung ist seit der Internationalisierung der arabischen Bürgerkriege ebenfalls gut beschäftigt. Der Protest- und Bewegungsforschung im Nahen Osten dagegen steht eine Durststrecke bevor. Um diese zu überstehen, bedarf es einer Doppelstrategie: Einerseits erfordern die erschwerten Zugangsbedingungen eine Weiterentwicklung bestehender Methoden der Bewegungsforschung für den Nahen Osten und andere Konfliktregionen (Clark/ Cavatorta 2018). Jüngste Versuche von Politikwissenschaftler*innen der Universität Oxford, neue Verfahren der Datenerhebung für Protestevent-Kataloge sowie neue Ansätze zur Social Media-Analyse zu entwickeln, bieten hier bereits Ansatzpunkte (z.B. Barrie/Ketchley 2018; Kadivar/Ketchley 2018; Ketchley 2017). Gleichzeitig ist aber auch klar, dass der große Wert vieler Analysen, die im Nachgang der Massenproteste 2011 entstanden, vor allem in ihrer Detailtiefe lag und auf dem Zugang zu signifikanten Interviewpartner*innen und Primärquellen beruhte. Protesteventanalyse kann noch so weit ausgereift sein, sie wird nie alle relevanten Fragestellungen abdecken können.

Daher gilt es, zusätzliche Ressourcen anzubieten, auf die sich die Forschungsgemeinschaft stützen kann, die weiterhin zur Feldforschung in die Konfliktregionen Nordafrikas und des Nahen Ostens reist. Hier ist nicht zuletzt institutionelles Engagement gefragt: Auf der Mikroebene müssen Nahostwissenschaftler*innen selbst entscheiden, welche Risiken sie bereit sind einzugehen. Allerdings führt die mangelnde institutionelle Unterstützung dazu, dass sich derzeit viele von ihnen entweder anderen risikoärmeren Weltregionen oder anderen Forschungsthemen zuwenden. Individuell ist das angesichts der politischen Lage und der fehlenden Unterstützung nachvollziehbar. Für die Bewegungsforschung als Disziplin bedeute es nach einem kurzen Frühling aber unweigerlich die Entstehung neuer blinder Flecken im Nahen Osten. Strukturell gesehen ist das keine nachhaltige Lösung.

Anmerkungen

[i] Letztere hatten zwar nicht selbst politisch mobilisiert, trieben jedoch aktiv die Aufarbeitung von Repression und Polizeiverbrechen gegen oppositionelle Demonstrant*innen voran.

[ii] Der Begriff der Versicherheitlichung bezieht sich auf einen Prozess sprachlicher Bedeutungsprägung, durch den gewisse Themenfelder oder soziale Gruppen mit einer Bedrohung assoziiert werden. Bereits in den 1990er Jahren beschrieben Forscher der Universität von Kopenhagen, wie durch diesen Konstruktionsprozess (nicht nur in autoritären Regimen) verinnerlichte Normen und institutionalisierte Regeln des friedlichen Zusammenlebens transformiert werden. Im Namen der nationalen Sicherheit erscheinen plötzlich sicherheitspolitische Maßnahmen als legitim, die vorher undenkbar waren, so zum Beispiel der Einsatz von Soldaten gegen Demonstrierende in Ägypten. Für den deutschen Kontext haben Simon Teune und Peter Ullrich im letzten Beitrag zu dieser Rubrik den versicherheitlichenden Effekt des Extremismus-Paradigmas auf die Erforschung sozialer Bewegungen beschrieben.

[iii] Gemeinsam mit seinem Kollegen Ilyas Saliba arbeitet der Autor dieses Artikels derzeit an der Konzeption eines solchen Academic Freedom Index, um den Stand der Verstöße gegen die akademische Freiheit weltweit und staatliche Repressionen gegen Forschende und Studierende zu dokumentieren (siehe Grimm/Saliba 2017).

[iv] Abrufbar unter: http://www.cara.ngo/wp-content/uploads/2017/09/170912-CARA-AR-Final.pdf

[v] Eine Petition von fast 400 namhaften Nahostforscher*innen zur Unterstützung der Professorin gegen die Anfeindungen ist hier abrufbar.

[vi] Darunter kurzzeitige Festnahmen, Verleumdungskampagnen, Einreiseverbote, Hausarrests oder persönliche Drohungen gegen Familienangehörige oder Freunde.

 

Literatur

Abaza, Mona 2011: Academic Tourists Sight-Seeing the Arab Spring. http://www.jadaliyya.com/Details/24454/Academic-Tourists-Sight-Seeing-the-Arab-Spring [31.07.2018].

Asseburg, Murie/Wimmen, Heiko (Hg.) 2017: Dynamics of Transformation, Elite Change and New Social Mobilization: Egypt, Libya, Tunisia and Yemen. New York, NY: Routledge.

Bank, André 2009: Die Renaissance des Autoritarismus. Erkenntnisse und Grenzen neuer Beiträge der Comparative Politics und Nahostforschung. In: Hamburg Review of Social Science, Jg. 4, Heft 1, 10-41.

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Wiktorowicz, Quintan (Hg.) 2004: Islamic Activism: A Social Movement Theory Approach. Bloomington, IN: Indiana University Press.

 

SAFEResearch

Um den Risiken zu begegnen, denen sich Protest- und Zivilgesellschaftsforscher*innen in weiten Teilen des arabischen Raums, aber auch in immer mehr Staaten des globalen Südens ausgesetzt sehen, hat sich der Autor dieses Beitrags gemeinsam mit Kolleg*innen im internationalen Methodenprojekt SAFEResearch zusammengeschlossen. Das Projekt wird vom Riksbankens Jubileumsfond und dem Schwedischen Forschungsrat Vetenskapsrådet unterstützt und verfolgt das Ziel, ein interdisziplinäres Netzwerk zum wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch über sichere Methoden und Praktiken der Feldforschung in Konfliktgebieten und autoritären Kontexten zu etablieren. Bislang beteiligten sich hieran mehr als 30 Autor*innen, Reviewer*innen, Sicherheitstrainer*innen und Hilfskräfte. Koordiniert wurden deren Beiträge von Jannis Grimm (ipb/Freie Universität Berlin), Kevin Koehler (Universität Leiden), Ellen Lust (GLD/Universität Göteborg), Ilyas Saliba (Amnesty International/ Wissenschaftszentrum Berlin) und Isabelle Schierenbeck (Universität Göteborg), die das Projekt gemeinsam leiten.

In diesem Rahmen wird als erster Schritt hin zu mehr Austausch über Feldforschungsroutinen und zur Sensibilisierung für die wachsenden Risiken kritischer Wissenschaft derzeit ein Handbuch entwickelt, welches unter Rückgriff auf die Expertise von Bewegungs- und Konfliktforscher*innen, Journalist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen und Cybersicherheits-Expert*innen „best practices“ für sichere Feldforschung systematisiert. Insgesamt 17 Autor*innen – darunter Nachwuchs-Forscher*innen ebenso wie etablierte Wissenschaftler*innen – bearbeiten in fünf zentralen Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven die Frage nach methodischen und ethischen Standards zur Minimierung von Risiken für konfliktbehaftete wissenschaftliche Forschung. Der erste Handbuchteil thematisiert dabei sinnvolle Schritte zur Vorbereitung und Planung, sowie die Durchführung von Forschungsprojekten in eventuell risikoreichen Kontexten, zu risikobehafteten Themen, oder mit potenziell durch die Forschung gefährdeten Gruppen: Wie können sich Wissenschaftler*innen besser auf Forschungsaufenthalte vorbereiten und Risiken für sich und ihre Interviewpartner im Vorfeld verlässlich abschätzen? Welche finanzielle, logistische oder didaktische Hilfe sollten ihnen universitäre Einrichtungen, Kolleg*innen und Betreuer*innen zur Seite stellen? Und wie ist mit Unabwägbarkeiten im Feld konkret umzugehen? Weitere Kapitel befassen sich mit Prozeduren zum Krisenmanagement und dem Umgang mit Situationen, in denen Forscher*innen oder ihre Feldkontakte zur Zielscheibe werden, sowie mit der Phase nach der Durchführung der Forschung. Sie reflektieren die möglichen psychologischen Folgen traumatischer Erfahrungen im Feld, wie auch die Frage nach sinnvollen Prozeduren zur Anonymisierung von Rohdaten. Ein separates Kapitel ist zudem Aspekten von Datensicherheit sowie praktischen Hilfestellungen zum Selbstschutz vor digitaler Überwachung gewidmet.

Nähere Informationen zum Projekt finden sich unter: http://gld.gu.se/en/research-projects/saferesearch/

Informationen über die laufenden Aktivitäten verbreitet das SAFEResearch Team zudem auch über Twitter: https://twitter.com/SAFEResearchPro/

Der Kontext lokaler Proteste – Einladung zur ipb-Jahrestagung 2018

10.10.2018

Große, überregionale oder sogar transnationale Protestereignisse wie zuletzt die G20-Proteste in Hamburg prägen das (mediale) Bild politischer Proteste und sozialer Bewegungen. Doch tatsächlich bleibt die vermutlich weit überwiegende Zahl politischer Proteste auf einen lokalen Rahmen beschränkt; in der Regel bilden lokale Ereignisse und Missstände den Ausgangspunkt für Proteste und auch die Mobilisierung erfasst meistens nur einen sehr begrenzten geographischen Raum einer Region, einer Stadt oder sogar nur eines Stadtteils. Dementsprechend haben lokale Gelegenheitsstrukturen, zu denen sowohl die Zusammensetzung lokaler politischer Entscheidungsgremien als auch die Struktur und Geschichte des lokalen Bewegungssektors zählen, einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit und den Verlauf vieler Proteste.

Gleichzeitig beeinflussen aber nicht nur lokale Gegebenheiten die Möglichkeiten und Grenzen lokalen Protests. Ähnlich gelagerte Proteste an anderen Orten, gesellschaftliche Themenkonjunkturen, Protestzyklen und -wellen oder die Existenz von Gegenbewegungen sind nur einige relevante Faktoren, die die Möglichkeiten und Entwicklungsdynamiken sozialer Bewegungen und Proteste auf lokaler Ebene ebenfalls strukturieren.

Bei der Jahrestagung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung geht es in diesem Jahr um diese lokalen und nicht-lokalen Bedingungen lokalen Protests:

  • Wie beeinflussen lokale Ereignisse und Strukturen das Auftreten und die Dynamik von Protest?
  • Welche Beziehungen bestehen zwischen lokalen und nicht-lokalen Protesten?
  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zwischen lokalen Protesten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten?

Diese und andere Fragen stehen im Fokus der diesjährigen Jahrestagung, die am 09. & 10. November am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin stattfindet.

Das Tagungsprogramm und die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich auf der Tagungsseite.  Wir freuen uns auf Euer und Ihr Kommen!

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Alle Ausgaben vom allerersten Heft 1/1988 bis einschließlich Jahrgang 2014 stehen online (unter Jahrgänge) als Download zur Verfügung. Jeweils zum neuen Jahr wird ein weiterer Jahrgang freigeschaltet. Damit bieten wir auf unserer Homepage den vollen Zugriff auf mehr als 20 Jahrgänge des FJSB – kostenfrei und im Volltext.

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